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Full text of "Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche"

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Zeitschrift 



filr die 

neutestamentliche Wissenschaft 

und 

i 

die Kunde des Urchristentums 

herausgegeben von 

Dr. ERWIN PREUSCHEN 



Vierter Jahrgang 
- 1903 



-**^ 



GIESSEN 

J. Ricker'sche Verlagsbuchhandlung 
(Alfred T&pelmann) 

1903. 



Anderweitiger Märuck der für dU ZHüekriß betämmten AbkandbtHgtn 
oder ihre Ohersettung ütHtrhalb der gtstUSeXtn SekutK/rüt itt mtr mit 
Genehmigtmg des Herausgebers und der VerlagsbuekAandluHg gestattet. 



_ 



STANFORD IIBRAPY 
NOV 23 13G0 




MUCK TOM W. BRUCVLIH IM LUMIC 



Inhaltsverzeichnis. 

SdM 

H. Useoer, Geburt und Kindheit Christi I 

P. CoTMen, Die Urgestalt der Panlnsnkten 32 

B. SchwftitSi'Zn Eniebins Kirchengeichichte 48 

- E. Ptcuscben, Bibelcitftte bei Origenes $j 

P. O. SchjStt, Eine religionspliilosophiiche Stelle bei Paulus (Rom 1,18 — 3o) ... 75 

B. C. Butler, An Hippoljtns Fragment uid a word on tbe Tnictatni Origenis , . 79 

B. Preutchen, Miacellen 88 

Chr. A. Bngge, Du Gesetz und Christas nach der Anschanung der ältesten Qiritten- 

gemeinde 89 

F. Kattenbuach, Der Mirtjrertitel Ill 

W. Soltftu, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte taS 

P. Coraaen, Zur Chronologie des Irenäns t$$ 

E. ^nacher. Die Zahl 666 Apc 13, 18 167 

E. Nestle, Eine Uteinisclie Evangelienhandsdirifl des X. Jahrhnnderts 175 

O. Q. Linder, O. Holtsmann, K. O. Ooetc, Zur Salbtug Jesu in Bethanien ... 179 

M. Foersler, Nochmals Jesu Geburt in einer Höhle lS6 

E.' Nestle, Zur Genealogie in Lukas 3 18S 

A. Sulxbach, ,J3ie ScbIGssel des Himmelreichs" 190 

A. Dfclaaniaim, UacT^pioc und iXocr^piov. Eine lexikalische Studie 193 

, H. L. Strack, Die Müllerinnong in Alesandrien 313 

H. Hauschüdt, -itpEcpOrepoi in Ägypten im I. — HL Jahihnndert n. Chr. 235 

E. RodenbuBCb, Die Komposition toh Lucas 16 243 

E. Nestle,, Nene Lesuten la den Evangelien 355 

P. CoTBsen, Zur Verständigung über Apok 13, 18 264 

K. Hoas, Zu den Reiseplänen des Apostels Paulus in Kor I und n 368 

,E. Nestle, Ein Andreasbrief im Neuen -XestamcntP. 270 

„ , Sykopbantia im biblischen Griechisch 271 

„ , Der sflße Geruch als Erweis des Geistes 272 

O. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten 273 

W. Ernst, Die Blass'scbe Hypothese und die Teatge schichte 310 

A. Di Panli, Zum sog. 3, Korintherbrief des Clemens Romanus 331 

F. C Conybeare, The authorship of the „Contra Maicellum" 330 

H. Waitz, E. Parallele lu d. Seligpreisungen aus e. anßerkaDim. Evangelium . . , 335 

P. Fiebig> a. mein, Ki^pöres 341 

E. Nestle, Zum Zitat in Eph 4, 8 344 

, Qne kleine Interpnnktionsverschiedenh. L Haityr. d. Polykaip. .... 345 

, Zu Mt 28, 18 346 

, Marens colobodactilus 347 

, Zum Namen der Essäer 34^ 

, Zur Berechnung des Geburtetags Jesu bei Qem. Alex. 349 

H. WiUrich, Zur Versuchung Jesu 349 

E. Nestle, Zu S. 260 35° 

J. Leipoldt, Bmchstücke von iwei griech.-kopt. Handschr. des NT 350 

B. Preuschen, Eine Tridentiner Bibelhan dschrift 35^ 

Unulahtnil cid nach dem Alphabet der VerGuaer crardnetea iDhalmencichnii. 



Inhaltsverzeichnis 

nacb dem Alphi.bet der Vcrfmiscr. 

Seit! 

Bugge, Chr. A-, D\% GeicU und CbristuB nach der Anschauung der ällesteti Chrislen- 

g^i^einde , 89 

Butler, E, C„ An HippoljtaE Fraßinent a.nd a word on Ihe Tractatus Origenii . . 79 

Conybcare, F. C, Th* *üthärship of the „CnjntirÄ M«celluin" 33^ 

Corssen, P-f Die Urgestali der Paulus aktcn 3] 

„ , Zur CliroiiDlogie des Irenäns , tjj 

„ , Zur VersiändigunE liilier Apoll 13, 18 3Ö4 

Deissmann, A-, IXocn^pioc und lXacTf|iHov. Eine lexikalische Sindie 193 

Dl Pauli, A., Zum sog. 3. Koriniherbrief des Cleuent RomuiUE 311 

Brnet, W., Die Blasi'sche Hypothese und die Textecschiciite 310 

FlebiE, P., Kappäres 34I 

PQ«rater, M., Nochcnali Juu Geburt in einer UQUc 1S4S 

Ooetx, K. Q-, Zur Salbung Jesu in Bethanien iSl 

Hauschildt, H., itpecpörepoi in Ägypten im L— m. Jahrhundert n. Chi. a35 

Hoftinaiui, G-, Zwei Hymnen der Thomaiakten 373 

Holtzmann, O., Zur Salbung JeKU in Bethanien iSl 

HosB, K., Zu d-en Rciaeplän-cn d-es Apeilels Paulas in K91 I und H ...... . 26S. 

Katteabuscta, F., Der Mirtyrertitcl ,.., III 

Kleitt, G., Kappöres , , . . . 343 

Lcipoldt, J,, Bnichslöcke von iwci griccb.-liopt. Huiflichi. dei NT ....... 350 

Linder, D. G., Zur SaJhung Jesu in Bethanien 179 

HeetlCi E., Eine laleinische Ey&ngeli«[)!h«Ddscbiift des X. Jahrhunderts ..... 17$ 

„ , Zur Genealagpe in Lukas 3 lS& 

,. , Neue Lesattfrn lu dtti Evangölien ajj 

II . Ein Aadrcasbricf in» Neuen Testamenl? 270 

w ■ Sykophaniia im biblischen Griechisch 271 

I, , Der süUe Geruch ali Erweis des Geistes 27a 

„ , Zum Zitat in Eph 4. 8 344 

„ , Eine kleine TAiterpuBktiAnsvers<hiedenheil i. Mirtyr. d. Polyltup , , , 34} 

,. , Zu MI 28, 18 346 

,. , Marcus cololkodactilus 347 

„ , Zum Namen dei Eisäei 34S 

„ . Zur Berechnung des Geburtstagi Jesu bei Clem. Alex 349 

„ , Zu S. 260 .,.,.., ,,.......,.,,, 350 

Prcuschen, B.^ Qibelcltatc bei Origenes .',.. , 67 

„ , MiBcellen 8S 

II , Eiae Tridentiner BibclhandBchrift 352 

Rodenbusch, E., Die Komposition von Lucas rä 243 

Sehjött, P. O,, Eine religionsphilosophiBcte Stelle bei Pulm pR5« I, t8 — io) . , 75 

Schwartz, E., Zu Eusebiui Kirchengeschichle 4S 

Sflltau, W., Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschiehte iiS 

Strack, M. L», Die Müllerinnung in Alexandrien , 213 

Stdzbach, A-, „Die Schlüssel Aei. Himmelreichs" . 19a 

Usenet, H-, Gcbiirl und Kifidhelt ChrijS \ 

ViBCber, E., Die Zahl 666 Apc 13,18 167 

Waita, H., E. Para.llele lu d. Seligpreisungen aus e. Lul^erkanun. Evangelium . . 335 

Willrich, H., Zur Versuchung Jesu 349 



H. Usejier, Geburt und Kindheit Christi 



Geburt und Kindheit Chrisa' 



Von H. Usener in Bonn. 



Die Lehre und das Leiden unseres Heilands waren längst Gegen- 
stand schriftlicher Überlieferung geworden, ehe man dazu schritt, das 
Bild seines Lebens nach dem Anfang hin. abzurunden. Nicht nur Marcus 
sondern sogar noch der, inhaltlich betrachtet, jüngste Evangelist Johannes 
setzen mit der Wirksamkeit des Täufers Johannes ein. Nur die Evan- 
gelien des Matthäus und Lukas berichten von der Geburt und Kindheit 
Christi. Aber diese beiden Berichte weichen weit, ja in unvereinbarer 
Weise von einander ab, 

r. Matthäus erzählt i, iS — 25 suonmarisch : Maria von Joseph gefreit 
Ctivr|CT€ii9£icric) sei, bevor die beiden Gatten sich vereinigt hätten (cuv- 
e\9eTv; Heimführung oder eheltche Beiwohnung?), schwanger erfunden 
worden vom heiligen Geist; ihr Mann, da er auf das Gesetz JiJelt (öiKOioc 
(fiv) und doch sie nicht an den Pranger stellen wollte, habe den Ent- 
schluß gefaßt, sich in aller Stille von ihr zu trennen; da habe sich ihm 



' Der folgende .in5prach&lose Versuch, von ilerii Stand der Fragen über die Geburt 
und Kindheit Aes Heilands eine knappe Übersieht zu gehen, wer für die E>i^\-h^atdm 
f'iilica T-on T. K. Cheyne und J. S. Black geschrieben, wo er HI S. 33^0 £T. in cngU^cher 
Bearteituiij; erschienen ist. Auf den besonderen "Wunsch des Heraacgebers. dieser Zelt- 
scKrift vniA «r init freunilEicber {^rlaiibnis de^ «iijgli^clier Verleger» lii^r in meiner ursprüng- 
lichen Fassung vorgelegt, — Von den Vorarbcilen seien hier die wichtiEsten. ein für 
dlemal genannti D. F. Sliauil, I.ehen Jc^iu 1835 u. o., für das deutsche Volk bear- 
beite! 1864. E. F. Cclptc, Die Jugendgescliichtc des Herrn. Bern 1841. P. Lob- 
slein, Die Lehre von der nbematürlichen Geburt Christi, Christ ulogis che Studie, n. Aufl. 
Freiburg i. ßr, 1S96. Alfred Kcsch, D.is Kindheisaevaaceltum nach Lucas und Mnt- 
thaeus unter Herbciiichung der aujsercationisehen ParallelteMe i|ueUenkriLisch unlcrsuclit. 
(^ Texte und Untersuchungen iuf Geschichic der :Ut christlichen Litteratur hernusgeg. 
Ton 0. V. Gcbhardt und A. Ha.niiick, Band X Heft IV]. Lcipiig 1897. Ludwig C-on- 
rady. Die QuellB der kanonischen Kinüheilsgesehlchte Jesus". Göttingen 1900. Joh. 
Hill mann, Die Kindhcilsgcschichle Jesu nach Luco^, krlcisch unteraucbti JahTbüi;her 
für proteslmtis-clie Theologie XVII (1891 ) S, 193— 2ÖJ. A. W, Zump t. Das Geburtsjalir 
Christi. Leipzig iS&gi, 

Z«ii(clLriII t. d. oniutt. Wiii, J>brg. IV. i^e^ 1 




H. Usener, Geburt und Kindtiät Christi. 



ein Engel des Herrn im Traume gezeigt mit den Worten 'Joseph Sohn 
Davids, scheue dich nicht, dein Weib Mariam zu dir zu nehmen (Tropa- 
XaßEw); denn was in ihr gezeugt ist, stammt aus dem heiligen Geiste; 
sie wird einen Sehn gebären und du sollst ihn mit dem Namen Jesus 
benennen, denn er wird sein Volk erretten von seinen Sündlen'. Darin 
findet def Evangelist die Erfüllung der von Jesaias 7, 14 gegebenen 
Prophezeiung, welche nur in der Fassung der LXX ('Jungfrau' statt 
'junges Weib") herangezogen werden konnte. Er fahrt dann fort: Joseph 
habe, aus dem Schlafe erwacht, nach der Anordnung des Engels ge- 
handelt, und sein Weib zu sich genommen, aber ihr nicht ehelich bei- 
gewohnt bis daß sie einen Sohn {CDL 'ihren erstgeborenen Sohn' nach 
Lc) geboren, den er Jesus nannte. Nun erst erfahren wir den Schau- 
platz und die Zeit dieser Vorgänge: es war Bethlehem in Judaea, wo 
Jesus geboren ward, und die Regierungszeit des Herodes {2, i). Die 
Göttlichkeit des Knäbleins wird alsbald durch ein Zeichen bekräftigt. 
Magier (ihre Zahl wird nicht genannt) aus dem Osten trafen in Jerusalem 
ein und fragten: Wo ist, der (eben) geboren ist zum König der Juden? 
wir haben seinen Stern im Osten gesehn und sind gekommen, ihn zu 
verehren. BestUrat über diese Kunde beruft Herodes alle Oberpriester 
und Schriftgelehrten, und diese erklären unter Berufung auf Micha 5, i 
Bethlehem in Judaea als den Ort. wo der den Juden verhei&ene Messias 
geboren sein müsse. Nachdem er von den Magiern sich über die Zeit, 
wo der Stem aufgegangen, unterrichtet, entläßt er sie mit dem Auftrage, 
genaue Erlcundigungen über das Knäblein anzuziehen und ihm zu über- 
bringen. Der Führung des Sternes folgend, bis er stehen geblieben, ge- 
langen sie zu dem Hause Josephs (2, 1 1 eic tVjv oiKiav), finden das Knäb- 
lein mit seiner Mutter Maria, fallen vor ihm nieder, um es m verehren, 
und überreichen ihm aus ihren Schatzkästen Gaben, Gold, Weihrauch 
und Myrrhen. Durch einen Traum gewarnt kehren sie jedoch nicht zu 
Herodes zurück, sondern wählen einen anderen Weg zur Heimreise. 
Auch dem Joseph erschien ein Engel des Herrn und mahnte ihn, mit 
dem Kind und der Mutter nach Ägypten zu fliehen, um den Nachstel- 
lungen des Herodes zu entgehen. Das tat er und blieb in Ägypten, 
bis Herodes gestorben war: wodurch sich das Wort des Osea ti, 1 er- 
füllte 'aus Ägypten habe icli meinen Sohn gerufen". Herodes aber lieli 
in ohnmächtigem Grimme alle Kinder von zwei Jahren und darunter, 
der Zeitangabe der Magier entsprechend, in Bethlehem und Umgegend 
schonungslos töten. Das Zeichen zur Rückkehr aus; Ägypten erhält 
Joseph wiederum durch einen Engel im Traume. Aber da er vernimmt. 



H. Usener, Geburt und Kindbeit Christi. 



daH Herodes' Sohn Ardielaos jetzt über Judaca herrsche, fürchtet er 
sich nach Judaea (d. h, nach Bethlehem) zuruckzuTcehren, und wendet 
sich gemäß einer neuen Traumoffenbaning in das Galiläische Land, wo 
er sich in Nazareth ansiedelt. 

Wenn man in Abxug bringt, was Scliriftgelehrsanikeit aus dem alten 
Testament herangeholt hat, bleibt in diesem Bericht des Mt nichts 
übrige was nicht aus lebendiger Überlieferung, will sagen aus voSkstüm- 
licher Sage geschöpft sein könnte. Ja die Ungenauigkeiten und Unklar- 
heiten, welche den Erklärer stören und am schärfsten von Conrady 
hervorgehoben sind, scheinen eine schriftliche Vorlage auszuschließen 
und erklären sich am ungezwungensten aus der sorglosen Wiederholung 
mündlicher Überlieferung. 

2. Einen ganz verschiedenen Eindruck macht der Bericht des Lucas i, 
S — 2, 50' -Er ist ein Erzeugnis schriftstellerischer Kunst, und diese Kunst 
macht sich geltend nicht nur in der Nachbildung hebräischer Psalmen- 
form, sondern vor allem im ganzen Aufbau der Enählung. Der Ver- 
fasser baut seine Geschichte auf den durch das Evangelium gegebenen 
Voraussetzungen auf^ daß die Tätigkeit Johannes des Täufers vorbild- 
lich dem Auftreten Jesus' voranging und daß in Jesus der von den 
Juden erwartete Messias erscliienen war; die Geschicke der beiden, des 
Heilands und seines Vorläufers, sucht er nun von ihrer Geburt, ja vom 
Mutterleibe an mit einander zu verschlingen. 

Ausführlich wird erzählt, wie dem greisen Priester Zacharias, während 
er den Tempeldienst versieht, der Engel Gabriel erscheint und ihm ver- 
kündet, daß seine bis in ihr hohes Alter zur Unfruchtbarkeit verurteilte 
Frau Elisabetli ihm einen Sohn gebären werde, der im Geiste und in 
der Kraft des Elias vor dem Herrn einherziehen und ihm sein Volk be- 
reiten werde. Die ungläubige Verwunderung des Zacharias wird durch 
plötzliche Unfähigkeit der Sprache bestraft. Sein Weib aber wird 
schwanger und hält sich fünf Monate vor den Leuten verborgen. Da. 
während diese in ihrem sechsten Monate ging, erschien derselbe Engel 
Gabriel der mit Joseph verlobten aber noch unvemiählten Maria, um ihr 
die Botschaft zu überbringen, daß sie empfangen und einen Sohn ge- 
bären werde, dem es bestimmt sei auf dem Throne seines Vaters David 
in Ewigkeit zu herrschen- Verwundert, da sie sich noch Jungfrau Weiß, 
wird sie vom Enge! belehrt, dali sie ihre Leibesfrucht dem heiligen 
Geiste verdanken werde. Zugleich wird sie auf das bevorstehende 
Mutterglück ihrer Verwandten Elisabeth hingewiesen. In ihrem Glucks- 
gefühl sucht Maria die Verwandte im Gebirgsland Judaea's auf und wird 



i 



H. Usener, Geburt und Kindheit Christi. 



von. dieser pröpheti&ch als die Gebenedeite des Herrn begmüt; vör 
Freuden hüpft selbst der ungeborene Johannes im Mutterleibe. Es folgt 
dann der dem Lobgesange der Hanna (I Sam 2, 1 f.) nachgebildete, 
etwas selir unbestimmte, aber echt hebräische Psalm, das berühmte 
Magnifical (\, sß — 55). Nach den Bemerkungen Hiilmanns (Jahrb. f. 
prot. Theol. XVÜ 197«".) hat D. Völter (Theologisch tijdschrift XXX 
254 — 6) den zwingenden Beweis erbracht, daß dieser Psalm nicht, wie 
lie handschriftliche und kirchliche Überlieferung will, der Maria, sondern 
der Elisabeth gehört, und Harnack hat kürzlich die Frage zum Abschluß 
gebracht, indem er sowohl das. handschriftliche Maria als das an dessen 
Stelle von manchen alten Zeugen gelesene Elisabeth als glossematlschen. 
Eindringling und als echte Überleitung zum Psalm lediglich die Worte 
Kai eiTTE feststellte, als deren Subjekt sich nun durch den Zusammenhang- 
von selbst Elisabeth ergibt (Sitzungsberichte der Berliner Akademie 
1900 N. XXVn S. 53Sff.). Nach drei Monaten kehrt Maria, zurück und 
es ereignen sich nun die Vorgänge bei der Beschneidung und Namen- 
gebung des Johannes, die unerwartete Wiederkehr der Sprache bei 
Zacharias und sein Lobgesang (i, 6f — 79J, der gleichzeitig dem Messias 
und dem Sohne, der diesem die Wege bereiten soll, gerecht wird. Mit 
einem kurzen Satze über die Jugend und den Aufenthalt des Johannes 
in der Wüste schlieÜt der Vorbericht über Johannes. 

Die Geburt Jesus' zu Bethlehem wird durch die von Augustus für 
das ganze Reich angeordnete, vom Statthalter Syriens Quirinius (Kupiivioc) 
in Palästina durchgefiilirte Schätzung begründet, welche Joseph mit 
seinem Weib, weil er zum Hause Davids gehört, in die Davidstadt Beth- 
lehem 2u reisen nötigt. Dort wird das junge Weib von ihrem ersten 
Sohne entbunden, den sie in der Krippe niederlegt. Die Hirten auf dem 
Felde, durch die Verkündigung des Engels und den Jubelruf der himm- 
lischen Heerscharen getrieben, kommen und preisen das Knäblein in 
der Krippe, und Maria merkt sich ihre Worte in bedächtigem Herzen. 
Wie das Gesetz es vorschreibt, wird der Knabe nach acht Tagen be- 
schnitten und erhält dabei den vom Engel vorgeschriebenen Namen 
Jesus. Nach den vierzig Tagen der Reinigung (2, 22 aiiToiv, nicht aütrjc: 
auch der Mann ist durch die Berührung mit der Wöchnerin befleckt) 
erfolgt das Opfer und die Darbringung des Erstgeborenen im Tempel 
Zw Jerusalem, durch welche dem greisen Syiiieon. dem es verheißen 
war vor seinem Ende den Messias zu schauen, und der Prophetin Anna 
Gelegenheit gegeben wird die Verwirklichung ihrer Hoffnungen zu be- 
zeugen. Nun erst nachdem allen Vorschriften des Gesct2es Genüge 



getan ist, können die Eltern mit ihrem Kinde die Rückreise nach Naza- 
reth antreten. In ungestörter Entwicklung verläuft dort mit der Gnade 
Gottes die Jugend des künftigen Heilands. Nur ein Ereignis der Jugend- 
zeit hat der Evangelist wert erachtet zu schildenij die Scene, wie der 
Zwöüfjährige im Tempe! zu Jerusalem von den Eltern unter den Lehrern 
der Schrift betroffen wird. 

Nach seiner ganzen Haltung, den leitenden Gesichtspunkten, der 
wiederholt angewandten Form des hebräischen Psalms, der guten Kennt- 
nis jüdischer, der mangelhaften romischer Verhältnisse läßt, wie all- 
gemein anerkannt ist, dieser Bericht die Hand eines Judenchristen nicht 
%'erkennen. Die Erzählung zerfällt auch innerlich in zwei deutlich von 
einander geschiedene Hälften, die Vorgeschichte des Johannes (c. i) und 
die Geburt und Kindheit Jesus' (c, 2). Während in der ersteren Zacharias 
und Elisabeth im Vordergrund stehen und die Empfängnis der Maria 
nur episodisch dazwischen tritt, ist in der zweiten von jenen und ihrem 
Sohne Johannes nicht mehr die Rede. Aber beide Teile von einander 
zu trennen, wie man wohl vorgeschlagen hat, ist urmiöglich. Sie sind 
fest zusammengefügt; der Lobgesang des Zacharias weist auf den Er- 
löser hin, und in den prophetischen Worten des alten Symeon wieder- 
holt sich dieselbe Form des hebräischen Psalms, die in den Hymnen 
der Elisabeth und ihres Mannes hervortritt Freilich der Raum, welcher 
der Vorgeschichte des Johannes zugebilligt wird, steht sichtlich nicht In 
dem Verhältnis zur Hauptsache, der Verkündigung an Maria, das wir 
bei einem Schriftsteller erwarten dürfen, der selbständig die Feder an- 
setzt, um die Menschwerdung des Heilands zu schildern. Es ist sehr 
möglich, daÜ die wunderreiche Erzählung von der Verkündigung und 
Geburt des Johannes, also das, was Lc l, 5 — 25, 46 — 55. 57 — 80 steht, in 
dem Kreise der Johannesjünger gedichtet und verbreitet war, bevor es mit 
der Vorgeschichte Jesus' verknüpft wurde. Wäre die Dichtung, welche 
die Anfänge des Erlösers und seines Vorläufers in einander schlingen 
sollte, aus einem Gusse^ so würde sie den Eltern des Heilands breiteren 
Raum und stärkere Betonung gewährt und nicht die Hauptgestalten in 
den Schatten der Nebenfiguren gestellt haben. Die Offenbarung an 
Zacharias (i, 14 — 17) verkündet in dem wiederkehrenden Elias den Vor- 
läufer nicht sowohl des Heilands als Gottes selbst {s. MaUchias 4, S), 
und der Lobgesang der Elisabeth ist ohne erkennbare Beziehung auf 
Jesus. Es würde unter jener Annahme die ganze Anlage des i. Kapitels 
sich bestens erklären; der judenchristliche Verfasser des Ganzen würde 
dann diese Dichtung eines Johannesschülers mit Überarbeitung des dem 



i 



H. Usener, Geburt und KiDdhcit Christi. 



Zacharias in den Mund gelegten Psalms einfach übernommen, durch die 
Verkündigung und den Besuch der Maria erweitert und in dem kurzen 
Hymnus des Symeon (2, zg — 3z) gewiss ermaÜen nachgeahmt haben. 
Soviel wird man Völter (Theol. tiidschrift 30, 244 ff,) unbedenklich zu- 
geben dürfen, ohne darum seinen kritischen Einzelergebnissen beizu- 
pflichten. 

3. Jedes ungetrübte Auge wird sehen, daü die Geburtsgeschichten des 
Mt und Lc einander ausschliefen und unvereinbar sind. Was ihnen 
gemeinsam ist, die Personen Josephs, Marias und Jesus', die Berufung 
Jesus' zum Messias, die Zeit des Herodes und die Geburt in Bethlehem, 
sind gegebene Voraussetzungen. Aber auf dieser Grundlage werden 
von beiden Evangelisten ganz verschiedene Gebäude errichtet. Die 
Heimat Josephs ist bei Mt Bethlehem, bei Lc Nazareth, die Göttlichkeit 
Christi wird bei Lc durch die Verkündigung des Engels an die Hirten 
und den Lobge^ang der himmlischen. Chore, bei Mt durch den Aufgang 
des Sterns im Osten bezeugt; dem neugeborenen Messias wird bei Lc 
von den Hirten des Feldes, bei Mt von den Magiern die erste Ver- 
ehrung dargebracht. Die Familie des Heilands flüchtet bei Mt vor dem 
Wüten des Herodes nach Ägypten und schützt sich dann vor Arche- 
laos durch die Übersiedelung nach Nazareth, während sie bei Lc nach 
Vollzug der durch die Erstgeburt auferlegten Pflichten sofort nach Naza- 
retli zurückkehrt. Und dort verlauft die Jugend des Heilands ungestört 
während bei Mt die ersten Lebensjahre durch die Gefahr und den Wechsel 
des Wohnorts beunruhigt werden. Ein noch tieferer Gegensatz gegen 
Mt wird sich ergeben, wenn wir den Bericht des Lc von einem jüngeren 
Zusatz befreit haben werden. 

Selbstverständlich hat der Glaube die beiden kanonischen Berichte 
hinnehmen und mit einander verarbeiten müssen. Schon bei Justinus 
Martyr beginnt diese Arbeit theologischer Vermittelung. Den Wider- 
spruch zwischen dem göttlichen Ursprung Jesus' und der evangelischen 
Tatsache , daß nicht Maria, sondern Joseph dem Hause Davids zu- 
geschrieben wird, gleicht er dadurch aus, daß er Maria aus dem Hause 
Davids stammen läßt (Dial, 43, 45. 100) und das Davidische Geschlecht 
Josephs mit der Angabe verschleiert, daß er zum Stamme Juda gehört 
habe (Dial. 7S). Er läßt (ebend.) den Joseph von Nazareth, wo er 
wohnte, nach Bethlehem, woher er war, reisen, um die widersprechen- 
den Heimatsangaben lu beseitigen. Es bt von Interesse, gleichzeitig 
mit diesen ersten Vermlttelungsversuchen auch schon Fortbildung der 
Sage wahrzunehmen. Die Geburt erfolgt in einer Höhle (ciir]Xaii|i), nicht 



H. Usener. Geburt und Kindheit ChristL 



im Stalle (Dial. /S)', und die Magier kommen bei ihm bereits aus Arabien 
(so öfter). Reicht das zu, um mit Credner (Beiträge zur Einleitung in 
die biblischen Schriften i, 2i2fF,) und anderen, die ihm nachsprechen, 
die Geburtsgeschichte des Justinus auf eine au&erkanonische Quelle 
zurückzuführen ? 

Noch vor dem Ende des zweiten Jahrhunderts ist, um den verdrieü- 
lichen Widerstreit der beiden Evangelien aufzuheben, in freier, durch 
Kenntnis jüdischer Verhältnisse nicht eingeschränkter Fabulistik ein 
Urevangeüum geschaffen worden, das sogen. Protevangelium Jacobi, ein 
apokryphes Schriftchen, das groüe Verbreitung gefunden und nament- 
lich der Maleret früherer Jahrhunderte Anregung gewährt hat. Es war 
sicher dem Origenes. möglicherweise schon dem Clemens von Alexan- 
dreia bekannt. Obwohl der Verfasser weit über unsere Evangelien 
zurückgreift und die Vorgeschichte der Maria mit göttlichen Wundem 
zu umgeben sucht, verrät er doch im übrigen keine andere Absicht als 
die beiden Berichte unserer Evangelien, so weit es angeht, in wortlicher 
Abhängigkeit zu vereinigen und auszugestalten. Die Abhängigkeit tritt 
gerade da am stärksten hervor, wo der Verfasser sich von dem Evan- 
gelium zu entfernen scheint Ganz der Geschichte der Maria zugewandt 
hat er die bei Lc damit verschlungene Vorgeschichte des Johannes aus- 
zumerzen versucht; aber die Begegnung der Maria mit Elisabeth mochte 
er nicht missen (c. 12), und das Verstummen des Zacharias erwähnt er 
als etwas Bekanntes, ohne die Ursache angegeben su haben oder das 
Ende dieses Zustandes zu berühren. Verräterisch ist auch die unge- 
schickte Einfügung der Magierepisode. Die wenigen Abweichungen von 
dem Evangelium fallen dagegen nicht ins Gewicht. Die Geburtshöhle 
ist wie bei Justinus aus volkstümlicher Überlieferung übernommen; die 
Unterdrückung der Flucht nach Ägypten, die nur durch Inteipolation 
22, 2 in einzelnen Manuskripten steht (s. auch c. 25), mag auf Nach- 
giebigkeit gegen das vom Verfasser bevorzugte Evangelium des Ix be- 
iLhen. Haraack hat (Geschichte der altchristl. Literatur I 19, H 598 f.) 



■ Dies6 volkitämLichä Cber1ier«rung ist auch in das Ev^ngeUuffi eifigedningien, kber 

selisanwrrwdsc nicht sowohl bei Lukas, ils bei Muihaeui 2, 9. Wie micli Herr Preusclien 
freundlich beUkrt, Itkt ConyheEire in Hutings Dietionuy of the Blble 1 154^ daraiiT 
hingewiesen, daC die genannle Stelle nach der iltcslcn armenischen Evangclicnfaiaad- 
sehrift (1. J. KS7 geschnebeti) sa lantet: iardbi} ^ifdviu toO anrihatoti, oO f\v tö nai- 
blov. Das ist Qn^creinbar mit Mt 2. II «a'i ^edvTEi; dz T^v olidav iin,d paJil wenig 
lu dem guizED Bericht des Ml, der von aullerordentlichen Virhältnisaen des Elterupairs 
zur Zeit der Gebort nicbU weiß. 



H. Usener. Geburt und Klrdheit Christi 



diesem Produkt apokrypher Fabulistik im wesentlichen gerechte Beur- 
teilung zuteil werden lassen. 

Andere apokryphe Quellen der Geburts- und Kindheitsgeschichte 
findet man in der Ausgabe der Hvangelia apocrypha von Const. Tischen- 
dorf (ed. II Lips. 1876); über ihren Inhalt berichtet R. Hofmann, Das 
Leben Jesu nach den Apokryphen (Leipz. 1851). Aber eine selbstän- 
dige Darstellung ist nach dem Protevatigelium nicht mehr hervorgetreten. 
Alle fernereu Behandlungen der Geburtsgeschichte beruhen lediglich auf 
den drei genannten Quellen, den Evangelien und jenem Apokryphon, 
wie L. Conrady gezeigt hat (Quelle der Kindheitsgeschichte S. 172 ff.). 
Was hinzugekommen ist, hat, teilweise durch die Liturgie angeregt, wie 
den Ochs und Esel an der Krippe, die Volksdichtung geschaffen. 

Für die offenbaiungsgläubtge Theologie mußte die Vereinbarkeit 
der widerstrebenden Berichte stets ein Dogma sein. Sie erklärt die 
Divergenz der Quellen daraus, daCi jeder der beiden Evangelisten sich 
verschiedene Abschnitte derselben Geschichte zur Erzählung ausgewählt 
habe. In dem erleuchteten Zeitalter der Quellenkritik mußte sich natürlich 
diese Vorstellungsweise trotz der Mahnung Schleiermachers (Leben 
Jesu WW. I 6 S, 5oft'o zu der Hypothese auswachsen, dat hinter Mt 
und Lc eine einheitliche Quellenschrift stehe, ein Evangelium von der 
Geburt und Kindheit Jesus". Es ist das zweifelhafte Verdienst von 
Alfred Rcsch, dies "Kind hei tse van gelium" gefunden und gleich auch 
griechisch und hebräisch wiederhergestellt zu haben. Mein Freund 
L. Conrady hat auf dieser abschüssigen Bahn noch einen Schritt weiter 
getan und versucht, das Protevangelium des Jakobus als die gesuchte 
einheitliche Quelle zu erweisen. 

L n 

I. Zu einer Kritik dieser Darstellungen geben die Evangelien selbst 
genügenden Anhalt Trotz den Überarbeitungen, die sie vor ihrer kano- 
nischen Fixierung erfahren mußten, sind in unseren Evangelien nicht 
selten Beziehungen auf Verhältnisse, die mit jüngerem Zuwachs unver- 
einbar sind, treu bewahrt worden, in der Kegel wohl darum, weil sie 
unlöslieh verknüpft waren mit bedeutsamen Aussprüchen unseres Herrn, 
die man nicht missen mochte und nicht streichen durfte. Es ist längst 
und oft bemerkt worden, daß wie Paulus so auch die Evangelien selbst 
nicht das geringste von der wunderbarer und göttlichen Geburt des 
Heilands wissen. Wohl aber ist ihnen das natürliche Sohnesverhaltnis 
des Heilands zu dem Zimmermann Joseph und seinem Weibe Maria 



I 



noch gerau bekannt. Selbst die Episode von dem Aufenthalt des 
I2jährigen Jesus im Tempel zu Jerusalem (Lc 2, 41 — 50) kennt nur dies 
Sohnesverhältnis: 'und seine Eltern wußten es nicht' (43), was zeitig tn 
'Joseph und seine Mutter' umgeschrieben wurde, und Maria sagt zu 
Jesus V. 48 'dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht'. 
Zwar hat die Episode den Zweck, zum ersten Male das Bewiiütsein 
der Sohnschaft Gottes hervorbrechen zu lassen (v. 49); aber gerade daß 
die Eltern diese Äußerung (v. 4g Iv toTc toö narpöc nou) nicht ver- 
stehen, ist ein zwingender Beweis dafür, daU für die Vorstellung des 
Erzählern Joseph und Maria die leiblichen Eltern Christi waren und sich 
als solche wul^ten. Noch deutlicher redet der alte Bestand der Evan- 
gelien. Als der Heiland nach seiner grundlegenden Tätigkeit am Gali- 
läjschen See einmal in die Heimatsstadt Nazareth kam und dort in der 
Synagoge auftrat, fragten die Leute verwundert: 'Ist das nicht des 
Zimmermanns Sohn: heißt seine Mutter nicht Mariam ('Ist das nicht 
der Zimmermann, der Sohn der Maria?' Mc bereits überarbeitet) und 
seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? und sind nicht 
seine Schwestern alle bei uns?' (Mt 13. 55 f. vgl. Mc 6, 3). An der ent- 
sprechenden Stelle des Lc 4, 22 f. nimmt Jesus die Frage dcrNazarener 
'Ist das nicht Josephs Sohn?' ruhig als berechtigt hin und lehnt nur 
Wundertatigkeit mit der Bemerkung ab, daß der Prophet in seinem 
Vateriand nichts gelte; die Prophetenstelle fjes 61, 1), die er dort ver- 
liest, spricht von der Salbung durch den b. Geigt, aber nicht von Sohn- 
scbaft Gottes, Im Ev. Johannis werden die Zweifel an dem messia- 
nischcn Berufe Jesus' dem Nathanael aus Bethsaida in den Mund ge- 
legt; sein Bruder Philippos hatte ihm gemeldet, der Messias, von dem 
Moses und die Propheten geschrieben, sei gefunden. 'Jesus der Sohn des 
Joseph aus Nazareth' (1, 45), und er antwortete 'kann denn aus Nazareth 
etwas Gutes kommen?' Am beredtesten spricht die synoptische Er- 
zählung von der Verleugnung der Seinigen (Mt 12, 46—50 Mc 3, 31 — 3S 
Lc8, 19—21), die allein Mt im ursprünglichen Zusammenhang aufbewahrt 
hat. Die Wunder, die Jesus tat, hatten die von den Schriftgelehrten 
geförderte Voratellung erregt, da& Jesus mit dem Teufel einen Bund 
geschlossen habe, 'durch den Obersten der Teufel treibt er die Teufel 
aus' (Mc 3, 32 vgl. Mt 12, 24 Lc 11, 15 Joh 10, 20). Auch in das Eltern- 
haus war diese Nachricht gedrungen, und bestürat machten sich seine 
Brüder mit der Mutter auf den Weg, um sich seiner zu bemächtigen 
und ihn mit sich nach Haus zu nehmen, sie dachten nicht anders als 
er sei irre geworden (Mc 3, 21). Sie fanden ihn in einem Hause 



i 



10 



H. Usener, Geburt und Kindheil Christi, 



inmitten einer Menge Volles, das ihm lauschte, und vennochten nicht zu 
ihm durchzudringen. Als sie ihn bitten ließen zu ihnen heraus zu 
kommen, sprach er^ auf die Schüler und Hörer weisend, das Wort 'Siehe, 
das ist meine Mutter und meine Brüder' u, s. w., ein Wort, dessen SchrofT- 
heit durch die Überzeugung verständlich wird, daß er bei den Seinigen 
Verständnis für seine Tätigkeit nicht finde: im Ev. Joh 7, 5 wird das 
mit dürren Worten von den Brüdern Jesu bezeugt. Auch die Apostel- 
geschichte erwähnt mit der Mutter die Brüder Jesus' (i, 14). Zu dem 
Ergebnis dieser Beobachtungen stehen in bestem Einklang die beiden 
Geschlechtsregister, welche uns Mt 1, 1 — 16 und Lc 3, 23 — 38 erhaltea 
haben. Beide sind vollständig; unabhängige Versuche, Jesus in genealo- 
gischen Zusammenhang mit David zu bringen, aber be[de wurzeln in 
der Voraussetzung, dati Jesus der leibliche Sohn Josephs sei, und haben 
nur unter dieser Annahme Zweck und Sinn. Während Mt die Liste in 
drei Perioden mit der typischen Zahl von je 14 Geschlechtem von Abra- 
ham bis auf Joseph und Jesus herunterfuhrt, steigt Lc von Jesus, 'der 
ein Sohn, wie man glaubte, Josephs war' aufwärts bis zu Adam, 'der ein 
Söhn Gottes War'; nur die ersten 14 Stammväter des Mt und zwei im 
Eingang seiner dritten Periode (Salathiel und Zorobabel) kehren bei Lc 
wieder. Der Zusatz bei Lc 'wie man glaubte' und der Schluß der Liste 
des Mt "Joseph der Mann der Maria, von der (iE i^c) Jesus, der den 
Namen Christus führt, geboren ist' verraten die Hand ausgleichender 
Überarbeite r; aber den unvereinbaren Widerspruch der auf Joseph, 
nicht auf Maria gestellten Geschlechtsreihen mit der Geburtsgeschichte 
haben diese zaghaften Korrekturen nicht zu heben vermocht Wenn wir 
Lc Glauben schenken, so steht Maria überhaupt dem Hause Davids fem; 
sie heißt 'Verwandte' (cufrevic Lc i, 36) der Elisabeth, diese war jedoch 
■von den Töchtern Aarons' (i, 5). Da& aber Qemens Romanus im 
I Brief an die Korinthier 32, 2 Jesus als einen geborenen Leviten (durch 
Maria natürlich) betrachte, darin vermag ich Hilgenfeld und HiHmann 
(Jahrb, f. prot. Theol. 17, 250 f.) nicht zu folgen. Erst als die jung- 
fräuliche Geburt Christi durchgedrungen war, konnte man. sich genötigt 
fühlen, Maria aus dem Hause Davids stammen zu lassen; das tut schoa 
Justrnus martyr (S. 6), dann das Pratevangelium des Jakobus c. 10, so- 
gar in den syrischen Patimpsest vom Sinai ist Lc 2, 5 (4) die Interpola- 
tion "weil sie beide aus dem Hause Davids waren' eingedrungen. Das 
ist alles ebenso selbstverständlich, wie daß die theologische Interpreta- 
tlonskunst eines Resch das davidische Geschlecht Marias aus den Evan- 
gelien selbst herausliest (Kindheitsev. S. 191). 



* 



2. Nur hinweisen will ich auf die chronologischen Schwierigkeiten, 
an deren Hebung der gelehrte Scharfsinn von Jahrhunderten sich ver- 
geblich abgemüht hat. Wenn Mt den Heiland unter der Herrschaft des 
Königs Herodes geboren werden und erst, nachdem diesem sein Sohn 
Archelaos in der Herrschaft Judaeäs gefolgt ist. aus Ägypten zurück- 
kommen läJ^t, so wird dadurch die Geburt Christi um einige Jahre über 
das Jahr 4 vor Chr., das Todesjahr des Herodes zuriickgcschoben, Lc 
dagegen knüpft die Geburt Christi an die nach Befehl des Augustus in 
Palästina unter P. Sulpicius Quirinius, dem Statthalter Syriens vollzogene 
Schätzung. Diese war nicht denkbar vor der Absetzung Archelaos' 
6 nach Chr. und wird tatsächlich für diese Zeit bezeugt durch Josephus 
Ant. Jud. XVn 13, 5 (355) und XVm i. Wenn es nun auch zu großer 
Wahrscheinlichkeit erhoben worden ist, dali Quirinius schon vorher in 
der Zeit von 3 — 2 vor Chr. die Provinz Syrien verwaltet hatte (s. Mommsen 
Mon. Ancyr.' p. 161 ff. E. Schiirer, Gesch, des jüdischen Volkes I' 260 ff.), 
so kann doch der für den Bericht des Lc wesentliche Umstand, die 
durch Quirinius vorgenommene Schätzung, nicht von dem Jnhre 6 n. Chr, 
verrückt werden. Lc steht aber nicht nur mit Mt, sondern auch mit 
sich selbst in Widerspruch, da auch er im Anfang seines Berichtes (i» 5) 
das Ereignis in 'die Tage Herodes des Königs der Juden' verlegt. Beide 
Ansätze sind durch einen Zwischenraum von mehr als 10 Jahren von 
einander getrennt. Eine brauchbare Zeitbestimmung läßt sich aus den 
Berichten über die Geburt Jesus' überhaupt nicht gewinnen. Ungefähr 
la&t sich das Jahr der Geburt nur durch die Angaben des Lc 3, i. 23 
ermitteln, daü Johannes im 15. Jahre des Tiberius 28/29 n. Chr. her- 
vorgetreten und Jesus im Beginne seiner Wirksamkeit, also 29, ungefähr 
dreißig Jahre ah gewesen sei. Man findet die Zeugnisse für die ver- 
schiedenen darauf gebauten Berechnungen übersichtlich bei Qinton Fasti 
HellenicL 3, 26oflr. zusammengestellt; die letzte Untersuchung der Frage 
hat A.W. Zumpt (1869) geliefert 

Über den Tag der Geburt schweigen die Evangelien. Die Kirche 
hat ihn mittels mythologischer Analogetik festgestellt. Während die alte 
Kirche, und so noch immer die armenische, die Geburt am Feste der 
Epiphanie (6. Januar) feierte, das aus dem alexandrinischcn Fest der 
Erscheinung des Dionysos abgeleitet ist, hat die römische Kirche nach 
der Mitte des IV. Jalirh. den nataiis Seih itvuicti d. h. den 25. December 
als Geburtsfest des Heilands durchgesetzt. Aber vorher waren die ver- 
schiedensten Ansätze versucht worden. Der gelehrte Jesuit Antonmaria 
Lupi hat sich das Vergnügen gemacht (Dissertazioni, lettere cd altre 



Operette, Faenza 17S5, i,2igff,) zu zeigen, daß es keinen Monat im 
Jahre gibt, in den nicht die Geburt gesetzt worden wäre. 

3. Ein anderer Widersprach, den wir nicht unerwähnt lassen dürfen, 
betrifit den Ort der Geburt. Es war eine ebenso feste Überlieferung, 
daß Jesus zu Bethlehem geboren war, wie daü er aus Nazareth stammte. 
Beide Evangelisten haben sich bereits mit diesem Widerspruch abfinden 
müssen. Mt nahm Bethlehem einfach als die Heimat Josephs und ließ 
diesen erst nach der Rückkehr von Ägypten aus Furcht vor Archelaos 
seinen Wohnort zu Nazareth in Galiläa nehmen; er hatte kein Recht 13, 54 
Nazareth die 'Vaterstadt' (naTpIbtt) Christi zu nennen, wie der Vorgänger 
(Mc 6, i) es durfte. Lc betrachtet Nazareth als Heimat Josephs, und 
bedient sich, um die Geburt zu Bethlehem zu motivieren, des Auskunfts- 
mittels der Schätzung. Wie die Lehrtätigkeit des Heilands bis zur 
letzten Reise nach Jerusalem sich wesentlich im Umkreise des benach- 
barten Galiiäischen Sees bewegte, so stand auch seine Herkunft aus 
Nazareth in Galiläa fest (Mc 6, i — 4 Mt 13, 54 f. Lc 4 16 ff. Mt 21, 11. 
26, 69. 71 Joh 1, 46. 7, 4O; ja Mt 2, 23 hat dafür sogar ein freilich sehr 
apokryphes Prophetenwort in Bereitschaft; 'auf daß erfüllet werde, was 
durch die Propheten gesag^t ist: Er wird ein Nazoräer heiilen'. Wie 
konnte Bethlehem damit in Konkurrenz treten? 

Man hat daran erinnert, dali auch in Galiläa ein Bethlehem unweit 
von Nazareth lag, im Talmud einmal Bfthkliem Nmeriyyah genannt'. 
Unsere Frage kann durch die Einführung dieses zweiten Bethlehem 
nicht entwirrt sondern nur weiter verwickelt werden. Denn es ist ebenso 
gewiU. da& das Bethlehem, in welches unsere Evangelien die Geburt 
Christi verlegen, das judäische südlich von Jerusalem ist, wie als Heimats- 
art desselben Nazareth feststand. Aber wichtig ist. dall dieses Bethlehem 
nur den Berichten über Christi Geburt bekannt ist. Hier liegt der 
Schlüssel. Nach der Predigt vom Wasser des Lebens werden, wie es 
im Ev. Joh 7, 40f. heißt, verschiedene Stimmen des Volkes laut. 'Da 
sagten etliche . . . Dies ist in Wahrheit der Prophet. Andere sagten: 
Dies ist der Christus. Andere sagten: Kommt denn der Christus 
aus Galiläa? hat nicht die Schrift gesagt, daß der Christus aus dem 
Samen Davids und von Bethlehem, wo David war, komme?' 
Schon beim Einzug in Jerusalem ruft das Volk Jesus als 'dem Sohne 
Javids' sein Hosianna zu (Mt 2i, 9 vgl. 15 Mc 11, 10) und die Pharisäer 
wissen, daß der Gesalbte des Herrn nur ein Sohn Davids sein könne 



I Cbeyn« tu dem AitikeJ 'Nauinreth' der Encydop. biblica }, 336aff. 



H. UscBcr, Geburt und Kindheit Chiisti. 



13 



(Mt 22, 42 Mc 12, 35 Lc 20, 4T). Aus der Prophezeiung des Micha 5, i 
war die weitere Forderung abgeleitet, da& der Messias aus der David- 
stadt Bethlehem hervorgehen müsse. Die Schriftgelehrten, welche Hero- 
des bei Mt zu Rate zieht, können angesichts dieser Prophezeiung 
(Mt 2,6) gar nicht in Zweifel sein, wo der neugeborene König der 
Juden zu suchen ist. Die Erzählung des Johannes, eines Evangelisten, 
der die wunderbare Geburt noch nicht kennt, stellt die tatsächhche 
Heimat des Heilands, Galiläa., in Gegensatz zu der durch den jüdischen 
Glauben geforderten Geburtsstatte des Messias, und enthüllt uns den ver- 
borgenen Weg, auf dem Bethlehem in die Überlieferung der EvangeUen 
gekommen ist. Schon in Lebzeiten wurde Jesus als der 'Gesalbte des 
Herrn' betrachtet, Petrus selbst hatte die Bezeichnung geprägt (Lc 9, 20 
vgl. Mc S, 2g; bei Mt 16, 16 'du bist der Christus, der Solin des leben- 
digen Gottes"). Die ganze Vorstellungsreihe, die sich den Juden an den 
Begriff des Messias knüpfte, mußte notwendig auf Jesus übergehn, so- 
bald erst die Auffassung, da& er der 'Christus' sei, durchgedrungen wari 
das ist das Naturgesetz der Legendenbildung. Vor allem muÜte Jesus 
ein Nachkomme Davids, also aus königlichem Stamme sein. Schon vor 
seinem Tod hat man diese Folgerung gezogen. Die erste literarische 
Wirkung waren die Geschlechtslisten, welche Jesus* Vater Joseph mit 
David in Verbindung setzten. So nüchterne Prosa sie reden, sind sie 
doch die ältesten Versuche der Dichtung über die Geburt Christi. Der 
nächste unvermeidliche Schritt war, seine Wiege nach Bctiilehem zu ver- 
setzen. Als die Berichte des Mt und Lc abgefaßt wurden, war das 
bereits ein fester Glaubenssatz geworden, der wohl oder übel mit der 
geschichtlichen Heimat Jesus vermittelt und ausgeglichen werden mußte. 
Die Widersprüche mit der durch das Evangelium selbst verbürgten 
Wahrheit beweisen, daß zu der Zeit, wo die Geburts- und KindheitS' 
gescliichte hinzugefügt wurden, der Kern der Evangelien des Mt und Lc 
bereits feststand. Diese Zutaten müssen ganz anderen Federn ent- 
stammen als das übrige — den Inhalt meine ich natürlich, nicht die 
Form. Denn die Möglichkeit bleibt durch unsere sachhche Kritik un* 
berührt, daß wir die heutige Form einem Überarbeitcr verdanken, der 
die verschiedenen Bestandteile bereits vorfand. Daran scheint Harnack 
nicht gedacht zn haben, als er unlängst in den Sitzungsberichten der 
Berliner Akademie igoo N. XXVII S. 547 ff. aus der Gleichheit des 
Sprachgebrauchs und des Wortschatzes glaubte beweisen zu können, 
dab die beiden ersten Kapitel des Lukas von einer und derselben Hand 
herrührten wie das ganze übrige Evangelium und die Apostelgeschichte. 



t4 



H. Usener, Geburt und Kindheit Christi. 



Nicht einmal jene zwei ersten Kapitel können als zweifellos einheitliche 
Schöpfung eines einzigen Kopfes betrachtet werden. Das entscheidende 
Wort muß der sachlichen Kritik und der Analyse der Kamposition vor- 
behalten bleiben. Während bei Mt der sachliche Widerspruch des Evan- 
geliums die Kindheit sgeschichte als Eindringling erkennen läßt, sind 
wir bei Lc in der Lage, das aus der Kritik des Inhalts abgeleitete 
Urteil durch das Zeugnis des Verfassers selbst erhärten zu können. Seine 
Berufung' auf die, 'welche von Anfang an Augenzeugen und Diener des 
Wortes gewesen' (Ev. l, 2 vgl. 3 ävujÖev) wiJrde auch ohne die aus- 
drückliche Erklärung dieses an* äpxijc und ävuiÖiv, die er Apostelg. i. 22 
(dpfäptvoc Ü7TÖ ToO ^amiciaaTOc) und ro, 37 gibt, keinen Zweifel daran 
lassen, daCi Lc sein Evangelium erst mit der Taufe und Predigt des 
Johannes begonnen hat. Das hat P. Corssen im wesentlichen richtig 
und überseugend dargetan (Göttinger gel. Anz. 1899 N. 4 S. 315—327). 

ni 

Die ältesten Niederschriften des Evangeliums wußten nichts anderes, 
als daß Jesus zu Nazareth geboren war als Sohn des Joseph und der 
Maria, aber sie lehrten auch, daß Jesus der von den Propheten ver- 
kündete, von den Juden, erwartete Messias sei, und sie hatten davon zu 
berichten, wie Christus selbst von dem Bewußtsein erfüllt war, Gottes 
Sohn zu sein. Mit diesen Vorstellungen waren die Keime gegeben, die 
in den empfänglichen Gemütern der alten Christengemeinde fmchtbaren 
Boden fanden und verhältnismäßig rasch sich zu dem Dogma von der 
Göttlichkeit der Person Christi, ja von der Präexistenz des Sohnes Gottes 
entwickeln mußten, 

I. Von dem Messias erwartete der jüdische Glaube niclit Übernatür- 
liche Geburt; er mußte nur aus dem Hause Davids stammen und von 
Gott erwählt sein (vgl. HÜlmann Jahrb. f. prot. Theol. 17 [1891], 233(1",). 
Daraus hatte sich unweigerlich als erste Folgerung, wie wir gesehen, er- 
geben, daß der Vater Jesus ein Abkomme Davids und daß Jesus in 
Bethlehem geboren sein mußte. Es folgte aber notwendig auch, daß 
der Ausenvählte Gottes mit Gott selbst in nähere Beziehung gesetzt 
wurde. Der als Mensch geboren und herangewachsen war, bedurfte 
einer göttlichen Weihung zu seinem Berufe. So entstand die Dichtung 
von der Jordantaufe. 

In den Eingang der ältesten Evangelien war das Auftreten Johannes 
des Täufers, seine Predigt und Taufe gestellt. Durch das Vorbild des 
Täufers wurde Jesus zu seiner gro&en Aufgabe erweckt; den unverkenn- 



H, Usener. Geburt und Kindheit Clinsti 



IS 



baren Nachhall des tiefen; Eindrucks, den der Täufer auf ihn gemacht, 
zeigt die begeisterte Anerkennung, die Jesus ihm spendet {Mt 1 1,7 ff. 
Lc 7, 24 — 35 vgl. Mt 21, 32). Erat auf die Kunde, daß der Tätigkeit 
des Johannes seine Gefangennehmung durch Herodes ein vorzeitiges 
Ende bereitet hatte, tritt Jesus aus dem bisherigen Dunkel hervor (Mt 4, 12 
Mc I, 14). So hindert nichts anzunehmen, daß unter der Menge, die 
sich am Jordan zu Johannes drängte, um getauft zu werden, sich auch 
Jesus befunden hatte, und daß diese Tatsache schon von Anfang in 
den Evangelien erzählt gewesen war. Diese Taufe aber gab die er- 
wünschte Gelegenheit, aus dem Menschen Jesus den Gesalbten des Herrn 
zu machen. Es ist in doppelter Weise geschehen. Nach Mc i, 10 f, 
sieht Jesus, als er aus dem Jordan emporsteigt, den Himmel sich spalten, 
den heiligen Geist in Gestalt einer Taube sich auf ihn herablassen, und 
eiüc Stimme liört er vom Himmel; 'Du bist mein geliebter Sohn, an dem 
ich Wohlgefallen habe'. Diese aus dem Urtext (nicht LXX) von Jes 4z, i 
abgeleiteten und auch bei der Verklärung auf dem Berge angewendeten 
Worte sollen Gott selbst bezeugen lassen, daß er Jesum zum Messias 
auserwälilt habe; und der Geist Gottes geht in ihn ein, um das Wort 
des Jesaias 42, i. 1 1, 2 zur Wahrheit zu machen. Kühner verfuhr der- 
jenige . welcher die kurze Nachricht von Jesus Jordantaufe dem 
Lc -Evangelium 3, 21 f. einfügte. Er begnügte sich nicht mit der gött- 
hchen Berufung zum Messias, sondern woUte auch für die Sohnschaft 
Gottes ein unmittelbares göttliches Zeugnis. Er benutzte dazu die Worte 
des Psalmisten 2, 7 (vgl. Apostelg. 13, 33) und ließ Gott sagen: 'Mein 
Sohn bist du, heute habe ich dich geboren.' Die griechische Kirche 
hat so bis etwa 300, der lateinische Westen bis über 360 die Lc-Stelle 
gelesen; die Vorstellung selbst hat da^u geführt, die Menschwerdung 
Gottes an die Jordantaufe zu knüpfen-, das Fest der Epiphanie, der Er- 
scheinung Gottes auf Erden hat überall, bevor das Weihnachtsfest durch- 
drang, gleichzeitig der Taufe und der Geburt Christi gegolten. Gleichsam 
im Wetteifer mit dieser volltönenderen Bildersprache wurde die andere 
Fassung des Wunders am Jordan mit weiteren Wundern ausgestattet, 
wie es das Altertum im Mt und dem Hebraerevangelium las; auch das 
Ev. des Johannes geht über den ursprünglichen Bericht weit hinaus. 

2. Die mythischen Bilder, die damit geschaffen waren, konnten 
gläubige Herzen auf die Dauer nicht befriedigen. Der immer mehr 
durchdringenden Vorstellung von der Göttlichkeit Jesu widerstrebte es, 
die Weihung zum Messias oder die Adoption zum Sohne Gottes erst in 
das dreißigste Lebensjahr des Heilands zu verlegen. Er muüte von 



i 



10 



H. Uscner, Geburt und Kiadheit Christi. 



Geburt an das erwälilte Werkzeug Gottes sein. So erwuclis die Sage 
von Christi Geburt. Sie ist erst zu einer Zeit entstanden und ausgebildet 
worden, als mit der Jordantaufe bereits die VVeihung zum Messias sich 
fest verbunden tiatte. Wären beide 2U etwa gleicher Zeit oder die 
Geburtsgeschichte vorher entstanden, so hätte das Taufwunder nicht 
die Gestalt erhalten können, die es heute hat, oder -wäre nie ausgebildet 
worden; das eine schließt das andere aus. 

Auch hier konnte ein doppelter Weg beschritten werden. Wie bei der 
Jordantaufe göttliche Bezeugung der göttlichen Zeugung gegenüber steht, 
so konnte auch hier neben der wunderbaren Erzeugung Christi eine 
mehr der jüdischen Denkweise entsprechende Darstellung geschaffen 
werden, in welcher dem menschlichen Sohne des Joseph und der Maria 
bei der Emprängnis und Geburt göttliche Offenbarungen die Erwablung 
zum Messias bezeugten. 

Eine solche Darstellung liegt tatsächlich bei Lukas vor. Wenn 
wir die Beobachtungen festhalten, die wir bei Bethlehem machen konnten, 
werden leicht die Fesseln, die lange Gewöhnung an geheiligle Über- 
lieferung um uns legt, gelöst werden. Es i.st das Verdienst Joh. Hill- 
manns (Jahrb. f. prot. Theol, 17, 221 ff.) mit zwingenden Gründen dar- 
getan zu haben, daü die beiden Verse des Lc r, 34 — 35, die einigen, 
worin dort die göttliche Geburt Jesus' aus der Jungfrau Maria angekün- 
digt wird, mit der ganzen übrigen DarsteSlung der Kap. i — 2 unvereinbar 
sind, also von einem Überarbeiter eingefügt worden sein müssen. Nach 
Ausscheidung dieser Stelle bleibt eine rein judenchristlichc, noch ganz 
auf der alten und echten Überlieferung, da& Jesus der Ehe des Joseph 
und der Maria und zwar als Erstgeborener entsprossen sei, fu&ende Er- 
zählung von der Geburt des Messias übrig, und es findet sich nun kein 
Wort darin, was nicht aus den jüdischen Vorstellungen von dem kommen- 
den Messias seine volle Erklärung erhielte. 

Der Engel Gabriel kommt, von Gott gesandt nach Nazareth zu 
einer Jungfrau Maria, die mit Joseph, einem Nachkommen Davids (^E 
otKou ÄauEib I, 27) verlobt war; er überrascht sie durch seinen Gruß 
und verkündet ilir dann, daü sie schwanger werden und einen Sohn 
gebären werde, der Sohn des Höchsten genannt und auf dem Throne 
Davids, seines (Stamm-) Vaters sitzen werde u. s. w. (1, 51—33), woran 
er dann die Mitteilung von der eingetretenen Schwangerschaft der bis 
ins Alter unfruchtbaren Ehsabeth. ihrer Verwandten schliellt (,1, 36 f.). 
Die Geschehnisse im Hanse der Elisabeth (l, 39^56). auch der Psalm 
des Zacharias (i, 68 fr,) dienen nur dazu, den Messias schon im Mutter- 

'1- '■ I9»J- 



H. Uscncr, Geburt und Kinilheii Chrbü. 



17 



^ 



leibe zu verherrlichen und die Beziehungen des künftig'en Johannes zu 
ihm vorzubereiten. Nahe vor dem Ende der Schwangerschaft Marias 
erfolgt dann die übel durch die Schätzung motivierte Reise des Ehe- 
paares nach Betiilehem. Joseph muü sich in der Stadt Davids zur 
Eintragung in die Steuerrolle steilen, weil er 'aus dem Hause Davids" 
stammt (2. 4), und zwar samt 'seinem Weibe Maria': denn nichts anderes 
als cüv Mctpiap Tri fuvatKi aÜTOü las v. 5 noch der von Missis Agnes 
Smith Lewis entdeckte syrische Palimpsest vom Sinai und cum Maria 
uxore sua beeeugen die vorliieronymianischen Texte von Verona und 
Vercelli, auch der Colbertinus, eine Lesung, die ganz abgesehen von 
dem Gewicht der Zeugen fur sich selbst spricht; dafür wurde dann inter- 
poliert CUV M. T^ ^(ivtiCT£U(i4vr| aÜTi|» (so Sinaiticus und Vaticanus, auch 
die tat. Übers, von Brescia), und wie so häufig sind zeitig beide Lesungen 
eontaminiert worden zu cüv M. Tfi luvricreu^fvi;! auTiit fuvaiKi (so der 
Alexandrinus, die lat. Übers, von Corbie, und schon Eusebios und Kyrillos 
Katech. 12, 31); daß hier wirklich Contamination stattgcEunden hat, sieht 
man recht anschaulich an dem alten Freisinger Ms. (Old-latin bibÜcal 
texts 3, 75) apu mnria uxore su[ä] äespimsaia ei, wo die alten Varianten 
T^ TTivawi aÜTOü und tt) d^vHcreup^^ri aiiTiiJ noch unvermittelt neben 
einander stehen. Da nun im Eingang der Erzählung i, 27 zweimal nach 
einhelliger Überlieferung hervorgehoben wird, da6 Maria bei der Bot- 
schaft des Engels, obwohl dem Joseph verlobt, noch Jungfrau war, so 
können wir mit Sicherheit aus 2, 5 folgern, daU in der Ursprung liehen 
Gestalt des Berichtes noch die kaum entbehrliche aber für den Über- 
arbeiter, der 1. J4f.. einfügte, unerträgliche Bemerkung nach 1, 38 ge- 
standen hat, daß danach Maria von Joseph heimgeführt worden sei und 
empfangen habe; dazu stimmt es bestens, wenn 2,21 daran erinnert 
wird, daß der Name Jesus von dem Engel vorgeschrieben worden sei, 
'bevor er empfangen wurde im Mutterleibe'. Dal* Jesus die erste Frucht 
dieser legitimen Ehe gewesen, wird mit klaren Worten 2, 7 gesagt 'und 
sie gebar ihren erstgeborenen Sohn': TÖv xpujTÖTOKOV heißt es, nicht 
etwa TÖV MOVOTtvTJ, und die Überlieferung hat daran nicht gerüttelt, ja 
es ist sogar in Mt r, 25 interpoliert worden. Jesus wird also anerkannt 
als der älteste unter den Söhnen und Töchtern Josephs, welche das 
Evangelium selbst nicht vergessen hat. Nach judischem Ritus findet 
dann nach acht Tagen Beschneidung und Namengebung statt (2,21), 
nach vierzig Tagen Weihung des Erstgeborenen und Opfer im Tempeä 
zu Jerusalem {z, 22 f.) ; der ganze Vorgang setzt natürliche Geburt aus 
legitimer Ehe voraus, und ausdrücklich wird das 2, 27 bestätigt 'da die 

Zflilichcift f. d. acuIeiL Wiu. Jihrs, tV. i(iaj. j 



i 



i8 



H. Usener, Geburt und Kbdbnt Christi 



Eltern das Kind Jesus hereinbrachten'. Ganz im Sinne der Messias- Ver- 
heißung, die in. den Worten des Engels sowohl zu Maria (1.31—33) 
als zu den Hirten (2, ir vgL 14) erklungen war. sind die Begriiliungea 
des alten Symeon (2, 29 — 35} und der Prophetin Anna (2, 36—8) ge- 
haJten. Und auf dem gleichen Boden steht schließlich Aas Erlebnis 
der Eltern mit dem zwölfjährigen Sohne im Tempel (2. 41 ff.}, das bereits 
oben S. 9 besprochen ist, 

Wir erkennen somit in dem Berichte des Lc einen judenchristhchen 
Versuch, die Geburt und Kindheit Jesus mit dem Glanz des Wunder- 
baren zu verklären, den seine Berufung zum Messias zu erfordern schien. 
Die Wunder aber beschränken sich ausschließlich auf gottliche Oflfen- 
barungen, die von Engeln tiberbracht werden oder m den handelnden 
Personen durch die Kraft des göttlichen Geistes hervorbrechen. Die 
geschichtliche Überlieferung, auf welcher der Kern des Evangeliums 
stand, daß Jesus als ältestes Kind des Joseph und der Maria von Naza- 
reth geboren war, ist'noch treu festgehalten. Nur die Forderung, dab 
Jesus durch seinen Vater dem Hause David angehöre und in der David- 
stadt Bethlehem geboren sei, war bereits für diese ganz durch die 
messianischen Vorstellungen beherrschte Dichtung unerläßliche Voraus- 
setzung, Erst der Überarbeiter hat, indem er durch Einschaltung von i, 34 f. 
einen Kompromiß mit der durch Mt verbreiteten Sage schloß, einen 
fremdartigen, unvereinbaren Zug in die einheitlich gestaltete Dichtung 
bei Lc eingedrängt. 

3. Dagegen ist der Bericht des Mt ganz beherrscht von der Vor- 
aussetzung, daß Jesus im jungfräulichen Leibe der Maria empfangen 
sei vom heiligen Geiste. Joseph erhält die OlTenbarung, "das in ihr Ge- 
zeugte ist aus dem heiligen Geiste'; und Joseph, der göttlichen Weisung 
folgend, 'erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte". Man 
kann die göttliche Zeugung als eine Rückübertragung der bei Lc her- 
vortretenden Auffassung des Taufwunders betrachten. Aber es kommt 
etwas völlig Neues hinzu, die Empfängnis und Geburt der Jungfrau. Und 
hiermit treten wir zweifellos auf den Boden heidnischer Vorstellungen. 
Schon die alten Väter der Kirche haben sich dieses Gefühls nicht er- 
wehren können. Dem Judentume ist die Vorstellung ganz fremd, während 
sie bis über die augusteische Zeit dem griechisch-römischen Heidentume 
höchst lebendig geblieben ist. Den Nachweis habe icii früher gegeben 
und könnte ihn heute verstarken. Das Wort des Jesaias 7, 14 hat zur 
Gestaltung dieser Geburtssage um so weniger Veranlassung gegeben. 
als der Zusammenhang der Steile gar nicht auf einen erwarteten Messias 



hinweist und nur von einem jungen Weibe, mcht einer Jungfrau, wie es 
in der LXX heiüt, spricht. Die Anstrengungen, welche man gemacht 
hat, um das höchst unliebsame Eingreifen heidnischer Mythologie in den 
Stoff der Evangelien abzuwehren, sind vergeblich gewesen. Man hüte 
sich mit Belegen zu kommen, welche das Gegenteil von dem beweisen, 
was sie sollen. An einer merkwürdigen Stelle {tie Cheritbim 13, I, p. i8of. 
Cohn) sucht Philo, indem er die Ausdmcksweise der heiligen Schrift 
preßt, zu zeigen. da& es Gott gewesen, der Sarah, Lea, Rebckka und 
Sepphota befruchtet habe. Hier wird allerdings göttliche Zeugung, wenn 
auch nicht jungfräuliche Geburt, gelehrt. Aber man darf nicht überselm, 
daß Philu diese Lehre als ein Mysterium, als eine weilievoUe Offen' 
barung, mit anderen Worten als etwas ganz Neues bezeichnet; die neue 
Erkenntnis ist ihm erst in der hellenistischen Atmosphäre Alexandreias 
aufgegangen, an der Quelle aller der Ideen, womit er die Überlieferungen 
seines Volkes zu vertiefen wußte. 

Wie der Grundfaden des Gewebes, so sind auch alle Einschläge aLf 
heidnischem Boden gewachsen. Die Erscheinung eines neuen Sterns 
am Himmel, der die Geburt des Heilands anzeigt, war im antiken Volks- 
glauben vorgebildet. Von Astrologen wurde sogar gelehrt, daÜ bei der 
Geburt eines jeden Menschen ein neuer Stern emporsteige (s. Julianus 
Halik. im Rhein. Mus. 55, 328, Z. 11). Noch an die Geburt des Alexan- 
der Severus ist die Sage geknüpft worden, dalj durch die plötzliche 
Erscheinung eines Sternes erster Größe die künftige Weltherrschaft des 
Knäbleins verkündigt worden sei (Lampridius c. 13}: das kann semitischer 
Herkunft sein. Auch daß von den sternkundigen Magiern die Geburt 
des Heilands erkannt und verkündet wird, hat sein Vorbild in einer 
schon von Cicero (de divin. I 23, 47 vgl. 41, 90) erwähnten Alexander- 
sage. Daß sie aber selbst kommen, um den neuen Herrn zu verehren, 
scheint, wie unlängst in dieser Zeitsclirift (3, I ff.) A. Dieterich gezeigt 
hat, veranlaUt zu sein durch die Huldigungsreise des Partherkönigs Tiri- 
dates zu Nero nach Rom, die im Jahre 66 n, Chr. das größte Aufsehn 
machte (s. Cassius Dio 63, 2 f.), vor allem in den Provinzen, welche, 
wie Kleinasien, den König mit seinem TroÄ zu sehen beliamen und 
standesgemäß zu unterhalten hatten; Flinius, der m. h. 30, 16 f. dieses 
Ereignisses gedenkt, nennt den Tiridates geradezu magiis und erwähnt, 
daß er Magier in seinem Gefolge gehabt habe {magßs sccum adduxerat), 
von denen der Kaiser die Geheimnisse der Magie zu erfahren hoffte. 
Die Regierung des Nero mag die Zeit sein, wo die Legende von der 
göttlichen Geburt Cliristi in dem christlichen Volk sich zu bilden 

3» 



■ 



3 



■zo 



H, Usener, Geburt und Kiadheit Chhsd. 



begann'; und es ist selir möglich, daß die von Rom her verbreitete 
Kunde der Neronischen Christen Verfolgung dazu beigetragen hat, das 
Bild des blutdürstigen Tyrannen in die Kindheitsgeschichte Jesus' auku- 
nehmen. An sich war der Kindermord und seine Motivierung durch die 
Furdit vor einem drohenden neuen Herrscher bereits in dem Sagenschatz 
vorhanden, wie die romanhafte Erzählung des Marathus von der Geburt 
des Augustus (Suetonius Aug. 94) lehrt 

Die Flucht nach Ägypten oder, genauer gesagt, die Rückkehr aus 
Ägypten ist übel motiviert. Ein Engel des Herrn mahnt Joseph, wie 
vorher zur Errettung des Knäbleins vor Herodes, so zur Heimreise: 
'denn sie sind gestorben, die dem Kinde nach dem Leben trachteten" 
(Mt 2, 20); allein 'da er hörte, dal^ Archelaos in Judäa an Stelle seines 
Vaters Herodes König sei, fiirchtete er sich, dorthin zu gehn' und 'auf 
eine göttliche Weisung im Traume zog er sich in die Landschaft Galiläa 
zurück' (Mt 2, 22). Es wäre nicht recht zu begreifen., weshalb der Engel 
des Herrn nicht bis zur Absetzung des Archelaus (6 n. Chr.) den Befehl 
zur Rückkehr vertagte, wenn nicht dadurch der Grund, Nazareth in 
Galiläa lum Wohnort zu wählen, weggefallen wäre. Aber um diesen 
Zweck zu erreichen, wird, schwerfällig genug, eine doppelte Offenbarung 
an Joseph insceniert. Warum ist es Ag^-pten, das als Zufluchtsort dient? 
Man könnte sagen, es habe im ersten Jahrhundert, wo längst Juden in 
großer Zahl sich zu Alexandreia gesammelt hatten, nahe gelegen an 
dies Nachbarland zu denken. Es kann auch durch unwillkürliche Ein- 



"* "Bitte a,po1(rypl)e, syrisch in eioer alten, aus dem VI JaUih, alammeaden Hacidschr. 

Irit. Mus. erhajicne -Setrift unter dem Namen des Euseliios, di« W. Wright im 
JovTtiaI 0^ sacrcd Iit6rB.tare IX (I^nd. lSä6) p. II ^ IT. Iierausgcgeben and ebend. X (tii&j) 
I^lff. in englischer Übersetzung vorgelegt hat (vgl, auch den Aufsati ron Eb. Nestle, 
Zeitichr, f. wisE. Theol-o^i« 1S93, 435 tV.J, bericht*t. daß in der Zeit des Hadrian und 
des Papstes Xystus und iivar im J. 120 u. Chti {dm Jahr ist durch die r&miBchcn Cod- 
tnlu and das Jahr 430 der SeleDkidenira festgelegt) mit der h- Schrift beEchaftigte 
M^ner duGenaiiere b^ci die Sendung' der Mngier in den persischen Archiven erforscht 
und in ihrer Sprache aufjjereicluiei hatten. Conybcare hit mir die Freude gcmacbt, mich 
auf diese Naehricht aufmerltsom za machen. Der ZusunmenKang de* gaiwen Traktats- 
(leider ist {jerudc die den angecogeuen Angaben Torausi^cbendc Stelle., oJTcubaj ihres 
baefc tischen Inhalts wegen, getilgt worden) schließt den Geilanken aus, <)a.& in du 
JaLr 12D die Einlu^iing der Magiercpi^odc In das Evangelium veilegi werde. Es ist 
notwendig anzunehmen, daß äem p^eadonyiacn Verfasser ein ausführlicher in Fersien 
spielender Bericht übec die Erscheinung de^ Sterns und die Sendung der Magier v-orlag, 
der jene (natfirücb erdichtete) Datierimg sei es im Eingang oder am Sclilali harte. 
Man denUt unwillkürlieh an die Einlage des «iiletit von Bratlte (Texte nodl UntcK. N. F. 
IV, 3) herausgegebenen Religiongcipiächs p. ilff., die zweifellos sclioii cini: längere Vor- 
geschichte hatte, bevor lie vom Verfasser dieses GCi^praehi verwertet tviinie. 



H. Usener, Geburt und Kindheit Christi 21 



Wirkung mythischer Vorstellungen in die Legende eingefugt sein: auch 
vor dem Angriff des reckenhaften Typhon flüchten sich die olympischen 
Götter nach Ägypten. 

Somit läßt sich für die ganze Geburts- und Kindheitsgeschichte des 
Mt bis in alle Einzelheiten heidnische Unterlage erweisen. Sie muß in 
heidenchristlichen Kreisen, wahrscheinlich Kleinasiens entstanden sein, 
und wurde dann vom Erzähler, entsprechend der das ganze Ev. Mt be- 
herrschenden Neigung (s. Resch, Kindheitsevang. S. 19 ff.) durch Heran- 
ziehung von Prophetenworten gewissermaßen legitimiert 

Damit war die göttliche Geburt Christi für alle Zeit besiegelt, und 
die judenchristliche Darstellung des Lc, welche den Messias nur als ein- 
fachen Menschensohn kannte, mußte durch die Erweiterung der eng- 
lischen Botschaft auf die Höhe der Zeit gehoben und mit den Forde- 
rungen des Glaubens in Einklang gesetzt werden. 

Die göttliche Geburt Christi war damit Evangelium geworden. 
Der theosophischen Spekulation erwuchs die Aufgabe, dies Dogma 
mit der Tatsache der Menschlichkeit Christi auszugleichen. Es 
kostete einen Kampf von Jahrhunderten, bis die Kirche eine einheitliche 
Glaubenslehre durchgesetzt hatte. Freilich dieser Kampf würde ent- 
brannt sein, auch wenn das Evangelium von der jungfräulichen Geburt 
nicht geschrieben vorgelegen hätte. Schon bevor dies geschrieben und 
durchgedrungen war, hatte sich die doketische Lehre, daß der Sohn 
Gottes vom Himmel herabgesandt nur ein Scheinleben als Mensch ge- 
führt habe, und die Johanneische Vorstellung von der Präexistenz des 
göttlichen Logos entwickelt 



[AbgeichloMeD im i6. Januu 190J.) 



33 



P. Corssen. Die Urgesuüt der Paulusakien. 



Die Urgestalt der Paulusakten. 

Vqji P. Corg^en in Berlin- 

Durch die schöne Entdeckung C. Schmidts in dem Papynis Rein- 
hardt der Heidelberger Universitätsbibliothek ist, wie den Lesern dieser 
Zeitschrift bekannt ist, der Beweis geliefert, daß die Theklalegende, 
die uns in vielen griechischen Handschriften sowie in lateinischen und orien- 
talischen Übersetzungen erhalten ist, einst einen Bestandteil der TTpdEeic 
TTqijVou bildete und in einer leider in einenn triimmerhaften Zustande be- 
findlichen koptischen Handschrift noch heute bildet, A. Harnack hat 
bald darauf mit gewohntem Scharfsinn nachgewiesen, daß einst auch in 
einer lateinischen Kirche die Geschichte der Thekla nicht für sich ge- 
sondert, sondern im Zusammenhange der Akten des Paulus gelesen wurde- ' 

Hinterher ist man bekanntlich immer klüger, und es mag überflüssig 
erscheinen, ist aber doch vielleicht nicht ohne Nutzen, auch jetzt noch 
darauf hinzuweisen, daß doch auch schon vor Schmidts Entdeckung 
mancherlei Anzeichen dafür sprachen, daß die Form, in der uns die 
Legende erhalten ist, nicht ursprünglich sein könne. 

Welcher verständige Erzähler beginnt seine Erzählung mit der Voraus- 
setzung von Tatsachen, die dem Leser nicht bekannt sein können? 
„Als Paulus landeinwärts nach Ikonium zog nach der Vertreibung aus 
Antiochia, machten sich mit ihm auf den Weg Demas und Hermogenes." 
Was hat es mit der Vertreibung aus Antiochia auf sich? Man wende 
nicht ein, der Erzähler habe an Act 13. 50 anknüpfen wollen; denn 
über die Erzählungen der Act setzt er sich mit souveräner Verachtung 
hinweg oder, was mir wahrscheinlicher ist, er kennt sie nicht. Es be- 
steht tatsächlich keine andere Übereinstimmung zwischen den Act und 
den Akten der Thekla als daß nach beiden Paulus von Antiochia sich 
nach Ikonium begibt. Im übrigen schUellen sich die Erzählungen 
beider gegenseitig aus: nach den Act wird Paulus von Bamabas 



• O. y. Gdiltordt und A. Hunack, Tsste und Uiikrtucbungcn, N. F. IV, 5, 



begleitet, in Ikonium aber gehen beide in die Synagoge der Juden und 
predigen mit dem Erfolge, daß eine Menge Juden und Griecher gläubig 
werden. Nach den Akten der Thekla hingegen schließen sich ihm als 
Begleiter die falschen Brüder Demas und Hermogenes an, in Ikonium 
aber predigt Paulus in dem Hause des Onesiphorus und von Juden ist 
überhaupt keine Rede. 

Wir sind" gewohnt von den Akten der Thekla und des Paulus zu 
sprechen, aber dieser Titel wird nur von einer einziger griechiacUen 
Handschrift geboten, die große Masse hat die Überschrift MapTwpiov 
0eK\r|C — mit mannigfachen Zusätzen, z. B. Maptüpiov iflc driac xal 
kanocröVou 0(K\nc if\c iv TuvaiEi TtpujTOMßpTupoc oder iinopvqpa Kai 
papTi^piav Tfjc ötIoc npLuTonupTupoc xcti dnocTÖXou 0EKXr]c u. s. w. — 
alle Lateiner haben Passso S. Theclae. Das ist in der Tat der einzig 
angemessene Titel für unseren Auszug. Die Person des Paulus tritt in 
ihm ganz surück. Seine Rolle beschrankt sich im wesentlichen darauf, 
dat er die Thekla durch seine Predigt fasciniert und dadurch den An- 
lal^ zu ihrem Handeln und Leiden bietet. Von dem Augenblick an, 
wo seine Predigt ihre Wirkung getan hat, vom 7. bis zum 43., dem 
Schlußkapitel, dominiert die Person der Thekla. Jener unpassende Titel 
ist daher nur aus der Erinnerung an das größere Werk, die npdStic 
TTaüXou, 2U erklären, von der das MapTÜpiov GtKXqc urspiitnglich ein 
Teil war. 

Wenn man dies Verhältnis der Passio Theclae zu den Paulusakten 
richtig erwägt, so findet man leicht die natürliche Erklärung für die Be- 
merkung des Hieronymus über die TTepioöoi Pauli et Theclae, die sich 
von verschiedenen Seiten eine recht gewaltsame Behandlung hat gefallen 
lassen müssen. 

Hieronymus sagt in der Schrift De script. eccles. c. 7 folgendes: 
!gitur Tt€pi6Öouc Pauli et T!tedae et fotant bapiisati Uotüs fahämn iittir 
apQcryphas scripturas comptitamm, Qiuüe eiiim est, ut indiviäims eomes 
apostoli iiiler ceteras tiiis res hoc solitfit igHora-i>trit\ Sed et TertuUianus 
vkiitus forum tempontm rcfert presfytcrum quaidam in Äsia cnoi;bacTr|V 
apostoli Pauli convictttm apud lohanncm, quoä auct&r esstt lidri, et con- 
ftSSttm se hoc Pauli feci^se amore hce excrdissi: 

Von einem getauften Löwen ist in der Passio Theclae keine Rede. 
Es ist aber auch keine Spur vorhanden, die darauf deutete, daß die 
Geschichte von diesem getauften Löwen, wie Lipsius für möglich hielt 
(Apokr. Apostelgesch. ü, 1,446), gewaltsam aus ihr entfernt sei. Ganz 
undenkbar aber scheint mir, dall Hieronymus die Löwin, die nach der 



* 



24 



P. CoTsseB, Die tJrgestalt der Paulusaliten. 



Efzalilung der Passio die Thekla in der Arena vor den andern wilden 
Tieren schützte, wie Hamack meint (Chronol. S. 495). „mit schnödem 
Witze zu einem getj.uften, weil christenfreundlichen Löwen" gemacht habe. 
Was hat denn die dog^matisch gänzlich unarstößige Erzählung der 
Theldalegcnde an sich, das die Indignation des Rechtgläubigen heraus- 
forderte, und warum beruft HJeronymus sich denn ^egen sie auf die 
Autorität des Lukas, der doch von der Thekla überhaupt nichts weiß? 
Ist das nicht Beweis genug, dall dieser Lowe mit der Thekla nichts, 
ksondem viehnehr nur mit Paulus zu tun hat? Hieraus folgt, wie Lipsius 
(a, a. O.) und schon vor ihm Pitra gesehen hat, daß Hieronymus von 
demselben Löwen redet, von dem Coramodian erzählt, Gott habe ihr 
Paulus zu Ehren zu dem Volke mit göttlicher Stimme reden lassen. ' 
Schon Lipsius ist es zweifelhaft erschienen, ob diese Geschichte auf die 
Akten der Thekla oder des Paulus zurückgehe fActa. apost. apocr. 1, 
p. xcvi). Nachdem sich nun herausgestellt hat, daß jene mit diesen ur- 
sprünglich eins waren, braucht man darüber nicht zu streiten. 

Wenn aber Hieronymus die ritploboi TTaiiXou Kai B^kX^c citiert. so 
folgt für mich daraus, daß er bereits nicht mehr die vollständigen Akten, 
sondern unsern Auszug vor sich hatte. Er hat die Geschichte also nicht 
selbst gelesen, sondern folgt seinem Gewährsmann Tertullian, den er ja 
namentlich anführt. Nun steht aber bekanntlich an dem Orte, an dem 
Tertullian von der Thekla spricht, (De bapt. c. 17) von dem getauften 
Löwen nichts, sondern es hei&t da wörtlich folgcndermaüen: Quodsi 
qufU Pmäi perperam scripta sunt, exemplum' TJieclae ad Ikentimn mulientm 
doundi tingueadiquc defeiidtinl, sciant in Asia presbyterum, qui eam 
scriptumm construxit quasi litulo Pauli de s»a cunuduns, coniiicfum atqu^ 
confessum id se atiiore Pauli fecisse laco dccessisse. 

Es ^bt für die Differenzen zwischen Hieronymus und Tertullian 
eine Erklärung, die so naheliegend und einfach ist, daü wohl gerade 
darum so wenige Gelehrte sich mit ihr zufrieden gegeben haben. Sie 
drängte sich mir sofort auf, als ich diese Frage aufnahm, ohne daß ich 
wußte , da& sie bereits von Vallarsi gegeben war, dem Zahn {Gesch. 
des ntl- Kanons H, 897) mit Recht sich angeschlossen hat Tertullian 
hat die Schrift De baptismo ursprünglich griechisch verfaßt und z^var, 
■wie er selbst sagt, ausführlicher. ^ Daß Hieronymus diesen griechischen. 



■ C^rrncn npalog. v. 62S (ed. Dombait) Leofum pofmio /aeil (nämlich Dtus) leam 

* So A mg. Im Teil stellt tnijiiiim statt rxemfium. 
i Dt isla Jilrmiii iam usbit in Graffe Ji^^sfum ett. 



und rieht den lateiilisclicn Test lienutzt hat, dafür spricht nicht nur das. 
wie Zahn sagt, sonst sehr wunderliche cirouSncniv, sondern, worauf 
m. W. noch nicht hingewiesen ist, ganz besonders deutlich der starke 
GraecismiiB hco exctdisse, der erst in der Rückübersetzung (toO töttou 
^i^TiECtv) recht verständlich wird Wenn aber irieronymus den verloren 
gegangenen griechischen Text Tertulüans benutzt hat, so haben wir 
kein Recht 2U bezweifeln, daß in diesem Texte gestanden hat, der 
Presbyter, der sein Buch aus Liebe 2u Paulus verfaßt habe, sei vor 
Johannes seines Vergehens überführt worden. Dagegen kann man doch 
nicht einwenden, wie Harnack tut CS. 49S), wenn Tertullian davon in 
seiner griechischen Schrift gesprochen hätte, so hatte er ein so wichtiges 
Moment in der Jateinischen Schrift nicht weglassen können. In solchen 
Dingen läßt sich nicht dekretieren, und eine Sache ist dannit nicht 
aus der Welt geschafft daß wir den Grund davon nicht wissen. Denk- 
bar aber ist in dücscm Falle mehr als ein Grund. Vielleicht war Ter- 
tullian klug genug, um einzusehen, daß seine Erzählung von dem Presbyter 
an Wahrscheinlichkeit nicht dadurch gewänne, daü er Johannes zu seinem 
Richter machte. Tatsächlich büßt sie durch diesen Zusatz gewaltig 
ein, und das ist es, worauf ich den Nachdruck legen möchte. 

Hieronymus' Referat aus dem griechischen Original und TertuHians 
eigene lateinische Bearbeitung ergänzen sich gegenseitig. Denn sicher- 
lich hat auch das, was Tertullian in dieser von der Thekia sagt, Hierony- 
mus aber verschweigt, in jenem gestanden, weil Hieronymus sonst gar 
nicht auf die Vermutung hatte kommen können, daß Tertullian sich auf 
die TTepiobot TTcnJXou Kai O^KAric bezieht. Denn den einen Zusatz icai 
StKXiic hat Hieronymus allerdings gemacht, aber durchaus in gutem 
Glauben. Wir haben es jetzt leicht^ nachdem die Einsicht von außen 
uns gekommen ist, uns darüber Zu verwundem, wie man sich vordem 
bei der Annahme hat beruhigen können, Tertullian meine das Mart>'rium 
der Thekla mit dem Buche, das einer aus Liebe zum Paulus gefälscht 
haben sollte, da doch Paulus in der Theklalegende ganz und gar nicht 
der Held ist, sondern mit der Rolle des Deute ragonisten sich begnügen 
muß. Tertullian hat eben die TTpdEtic oder TTeptoöoi TTaOXou im Sinne 
gehabt, während Hieronymus. der diese nicht mehr kannte, durch die 
Erwähnung der Thekla ganz natürlich auf den Gedanken geführt wurde, 
es handle sich um die Gescliichte dieser, die er unter einem Titel kannte, 
den' wir zwar heute in den Handschriften der Theklalegende nicht mehr 
nachweisen können, der sich aber als ein Parallehitcl darstellt zu dem. 
unter dem sie wenigstens in einer Handschrift noch heute steht 



26 



P. Corsaen, Die Urgesiall der Paulusakten. 



Wie verhält sich nun die Theklalegende, die Uns in grieclüschen 
Handschriften und Übersetzungen überliefert ist, zu jenen Akten des 
Paulus, die Tertullian verdammt? Ist sie im wesentlichen unverändert 
aus jenen ausgehoben worden und waren die Akten des Paulus selbst, 
wie die neueren Forseher Ubeneugt sind, ein gut katholisches Produkt 
harmloser Lust am Fabulieren? 

Es scheint mir für diese Meinung kein giinstigcä Zeichen zu sein, 
daß der den Modernen 3o anstößige getaufte Löwe, den sie mit allen 
Mitteln für die Theklalegendc unschadLch zu machen und gänzlich zu 
beseitigen g-esucht haben, aus einer vorurteilslosen Prüfung gcrechtfertngt 
hervorgegangen und seine Geschichte als ein integrierender Teil der 
Faulusakten erwiesen ist. 

Aber die Entdeckung Schmidts, die darüber doch am ehesten Licht 
verbreiten müßte, schien nach den ersten Mitteilungen, die er selber 
davon gab,' die Resultate der neusten Forschung auf das glänzendste 
zu bestätigen. Hat doch Sclimidt, wie er sagt, gefunden, dali in den 
Akten des Paulus der apokryphe Briefwechsel zwischen Paulus und den 
Korintliem enüialten sei, auf den die Aufmerksamkeit der Theologen 
durch die Entdeckung einer lateinischen Übersetzung im Anfang der 
90er Jahre von neuem gelenl-rt wurde, nacJidem Zahn darUber soeben 
auf Grund des armenischeti Textes ausführlich gehandelt und bereits bei 
dieser Gelegenheit die Vermutung ausgesprochen hatte, daß jener Brief- 
wechsel aus den Paulusakten stamme. (Gesch. des Kau. II, S. 592.) 

In der Tat. wenn dieses seichte nnd lederne Machwerk von dem 
Verfasser der Paulusakten herrührt, so ist er über den Verdacht erhaben, 
dass jemals eine Ketzerei seiner Feder entschlüpft sei; dann aber wurde 
es sich nicht lohnen, mit dem neuen, Fund sich abzugeben, und mir 
würde die Zeit leid tun, die der Entdecker auf seine Entzitferung ver- 
wendet. Aber wir wollen abwarten, wie Schmidt den Beweis führen 
wird, daü dieser Briefwechsel einen integrierenden Teil der Akten 
bildete. Nach dem, was er von dem Zustand des Papyros sagt, wird 
das vielleicht nicht ganz leicht sein. Denn wenn die Hand des Schreibers 
auch in allen Fragmenten dieselbe ist, so ist damit allein noch nicht ge- 
sagt, daß diese Teile sämtlich zu einem und demselben Ganzen gfe- 
hÖrten. Sollte aber die vorläufige Annahme Schmidts sich bestätigen, 
so wäre das ein Zeichen, daU er nicht die ursprüngliche Gestalt der 
Paulusakten, sondern eine spätere Bearbeitung gefunden hat. Dieses 



1 Vgl. Neue HeiddtierEer Jahrb., Bd. VTl, 1897. S. zr;». 



P. Corssen, Die Urgestalt der Piulusakieß. 



27 



schon jetzt auszusprechen, berechtigt uns eine andere Entdeckung, deren 
Bedeutung allerdings denen, welchen wir sie verdanken, entgangen ist 

Auf der Queriniana in Brescia befindet sich eine Miscelknhandschrift, 
die u, a. vier mit den Resten eines lateinischen Textes der Thckla- 
legende bedeckte Blätter entliält. Leider ist die Schrift auf diesen 
Blattern z. T. derartig verwischt, dalS auch diese Fragmente wieder 
erhebliche Lücken aufweisen. Sie send nach Abschriften von A. Berendts 
und F. Garbelli von O. von Gebhardt in dem Iet2ten Hefte der Unter- 
suchungen zur Gesch. der altchrist!. Literatur (N. F. VII, 2) S, 130—136 
zusammen mit den iibrigen lateinischen Übersetzungen der Passio S. 
Theclae veröffentlicht worden.' E. von Dobschütz gebührt das Ver- 
dienst, einer Anregung von Mercati folgend, den Herausgeber auf diese 
Blätter aufmerksam gemacht 20 haben. Was wir auf ihnen lesen, ist 
geeignet, uns in nicht geringes Erstaunen zii setzen. 

Nach dem griechischen Text ist Thekla^ Tochter der Theokleia, 
die Verlobte des Tliamyris. Das Haus der Mutter steM neben dem 
Hause des Onesiphortis, in dem Paulus Seine Lehre verkündet. Am 
Fenster sitzend (so übersetzen die Lateiner ^m xfit öupitioc KaöecSeTca) 
hört Thekla die Predigt des Paulus und bleibt wie gebannt drei Tage 
und drei Nachte an ihrem Platze, ohne zu essen und zu trinken. Die 
Mutter schickt zu denn Bräutigam und dieser kommt voll Freuden, in 
der Meinung, die Hochzeit solle stattfinden. — Hören wir nun, wie der 
Voi^ang in den Fragmenten von Brescia erzählt wird. 

„Als Thamyris (hier beginnt ein zusammenhän|;endes Stück, die 
voraufgehenden 17 Zeilen sind so zerstört, daß nichts davon zu lesen 
ist) aufgeregt das Haus betrat und sie nicht sah, sagte eri ,Wo ist 
meine geliebte Thekla?' Ihre Mutter antwortete: .Etwas Neues und Un- 
erhörtes ist mit Thekla geschehen. Siehe schon drei Tage lang hat sie 
nicht gegessen und getrunken, sondern unbeweglich am Fenster ge- 
standen, um das Wort eines Zauberers und Verführers zu hören, der in 
dem Hause des Onesiphorus ist. Aber es ist mir wunderbar mit ihr. 
daß sie so aufmerksam auf ihn aufpaßt, und mich quält mein Geist, 
weil derselbe Ikonium' auf den Kopf stellt. Geh' du zu ihr und sprich 
zu ihr, vielleicht wird sie zu dir sprechen.' Da jener nun herangetreten 
war, um sie zu küssen, sagte er zu ihr: .Thekla, meine Geliebte, warum 

' O. V. Gebhardt unterscheidet vier Ölier5ctiun£cn A. B, C und D. D Ut unser 
Text, bei B und C werden je drei, a, b, c beirichrete Versionen uiKerschiedcn. Ich 
b«di«iic mich im Folgenden dieser Beicichn-ungvn. 

' lji der Hajtdsctuift sieht luBuri/ii liainiam. Das kfinnte auch aus Lyraimiam 
verderbt sein. 



28 



P. Corsses, Die Urgestalt der Paulusalcini. 



machst du mir Pein {cur michi mohsla es), daü du nicht mit uns 
sprichst? Kehre zunick zu deinem süßen Mann {retiertere ad virutn 
tuuyit ättlcissimuni) und gib ihm einen Kuü.' Die selige Thekia schaute 
zum Himmel auf, ohne zu antworten. Ihre Mutter aber zusammen mit 
ihrem Verlobten {una cum spmtso sita) fing an auf das bitterste zu weinen 
mit ihrem ganzen Hause." — Die folgenden vier Zeilen sind unleserlich. 

Das hier geschilderte Benehmen des Thamyris ist im höchsten 
Maße auffallend. Daß der Bräutigam die Braut vor den Augen der 
Mutter küssen will, ist für griechische Verhältnisse unerhört, und wie 
kann er sagen: „Kehre zurück zu deinem süßen Mann"? Von alle dem 
steht nun in den griechischen Handschriften nichts, sondern diese geben 
die Rede des Thamyris so wieder: ^.Thekla, meine Verlobte f^Moi HVT\- 
CTCuGEica), was sitzest du so da? und was für ein Zustand der Betäubung 
hält dich gefangen? Wende dich um (^mcrpätpiiöi) zu deinem Thamyris 
und schäme dich." 

Unmöglich kann reviTtere Übersetzung von ^riCTpä(pr|6i .sein; alle 
übrigen Lateiner geben das mit converi^rc oder c^nvi-rie ic wieder, Ebenso- 
wenig ist concitus eine Übersetzung von irtptxapric, wie es im Griechi- 
schen heißt^ und während die freudige Stimmung des Thamyris im 
Griechischen ausdrücklich durch die Bemerkung motiviert wird, er habe 
erwartet, daß nun die Hochzeit sein solle (neptxapT^c uic }^r\ Xatißdvujv 
aÖTf|v npic fÖMOV), so weiß unser Text von einer solchen Erwartung 
nichts. Die Rede der Mutter, die im Griecliischen doppelt so lang ist, 
enthäh hier auch den Ausdruck der Verwunderung, daß die Scham- 
haftigkeit der Jungfrau sich so gravieren lasse [iSae |ie öaundZciv ttiüc 
#( ToinÜTr] attiiiit ttjc TtttpÖ^vou x^Xctuic ^voxXeiTai). Auch davon hat, 
wie man sieht, unser Text nichts. 

Aber CS kommt noch stärker. Als Thamyris das Haus verlassen hat, 
sieht er die beiden falschen Brüder Demas und Hemiogenes und ladt 
sie in sein Haus. „,Koramt, Manner,' heiÜt es in unserm Texte, ,naeh 
meinem Hause und rastet darin.' Da sie aber in sein Haus gingen, 
wurden sie mit großer Freude aufgenommen und eine Tafel ihnen her- 
gerichtet zur Erquickung. Und Thamyris rief Tliekia und ließ sie zu 
seiner Rechten sich zu Tische legen. Da aber Thamyris sich mit jener zu 
Tische legte, frag^te er sie: ,Sagt mir, Bruder, von jenem Verführer, was 
Jiir Sprüche er lehrt, daü auch meine Gattin von mir getrennt wird' 
i^quax carmina docet, tit eüam coniux mea separet^ a me').^ 

' So bei V. Gebhardf. Siclifrtli«h ist in der Handschrift die AbLüitnng fBr ut »tr- 
wiacht oder übcrsehea irorden. 



P. Corsaen, Die Urgestalt der ['aulusat:iai. 



29 



Im Griechischen steht; „Minner, sagt mir, weiches ist seine Lehre 
damit auch ich sie kennen lerne. Denn nicht wenig ängstige ich mich 
um Thekia, weil sie den Fremden so liebt und ich der Ehe verlustig 
gehe." 

Brauche ich es zu sagen, auf welcher Seite das Original, auf wel- 
cher die Bearbeitung ist: So knapp und gut zusammenhängend die 
Erzählung im Lateinischen ist, so locker, ungeschickt und widerspruchs- 
voll ist sie im Griechischen. Thamyris sagt, er ängstige sich uni Tliekla, 
aber er hat den fremden Männern ja noch gar nicht g"e3agt, wer Thckia 
ist und in welchem Verhältnis er zu ihr steht. Er fragt nach der Lehre 
des Paulus, darüber ist ihm aber bereits von jenen Bescheid gegeben. 
Denn als er die beiden auf der Straße mit einander im heftigen Streite 
trifft, sagt er zu ihnen; ,, .Männer, sagt mir, wer ihr seid und wer der da 
drinnen mit euch, der die Seelen der Jünglinge verwirrt und die der 
Jungfrauen täuscht, damit keine Hochzeiten stattfinden, sondern sie so 
bleiben. Ich verspreche nun euch viel Geld zu geben, wenn ihr mir von 
ihm erzählt, denn ich bin der erste der Stadt' Und Demas und Her- 
mogenes sagten zu ihm; .Wer das ist, wissen wir nicht; er beraubt 
aber die Jünglinge der Frauen und die Jungfrauen der Männer, denn er 
sagt: anders gibt es für euch keine Auferstehung, wenn ihr nicht rein 
bleibt und euer Fleisch nicht besudelt, sondern es rein erhaltet'" 

Wie naturlich und angemessen dagegen unser lateinischer Text 
„ ,\Vas habt ihr mit einander? Sagt es mir und wer es ist, der das Volk 
verfulirt und die Ehefrauen (ttxün-s^) lehrt, daß sie in Keuschlieit ver- 
harren? Sagt mir die Zauberkunst, die er lehrt, damit ich im Stande 
bin, ihn vor Cäsar anzuklagen, und ich will euch alles, was ihr bittet, 
zum Geschenke geben.' Demas und Hermogenes sagten zu ihm: ,Wir 
wissen nicht, wer er ist; eins wissen wir, was wir aus seinem Munde 
gehört haben, dati wir zur Wiederaufersteliung des Lebens nicht auf- 
erstehen werden, wenn wir nicht ein keusches Leben führen.'" 

Wie echt das alles klingt! Was fragt der Grieche Thamyris nach 
der Lehre des Paulus? Paulus ist ein Zauberer, der mit seinen Sprüchen 
die Weiber behext, daß sie von ihren Männern nichts mehr wissen 
wollen. Dies Motiv, das aus den griechischen Handschriften so gut wie 
gänzlich ausgetilgt ist — nur einmal nennt das Volk den Paulus einen 
Zauberer (diratüT« t6v |a<irov c 15J — kehrt in uilserm Texte immer 
wieder. Als Thamyris mit einem Volkshaufcn vor dem Hause des 

> wxorts hat Gutielli gckien, Berendtf wie es schcini, nm m, abci das genügt, 
da CS eine Andere Ergänzung itusschlieDt. 



30 



F. Coissen, Die Urgeatält der PaulusaktcD. 



Onesiphorus erscheint, um Paulus nach dem Rate des Herniogenes und 
Demas vor den Prokonsul zu schleppen, schreit er; „Niederträchtiger 
Verfülirer, Gotteslästerer! Wozu verführst du so viele Leute? Auch 
sogar meine Thekia hast du durch deinen Spruch verfuhrt daß sie mich 
verläßt und dir anhängt?" Auch hier ist der griechisciie Text ganz. 
verblaßt: ,,Du hast die Stadt der Ikonier zu Grunde gerichtet und meine 
Verlobte, daJJ sie mich nicht will. Auf, vor den Prokonsul CasteliusI" 
Vor dem Prokonsul schreit dann nach unsemi Text die Menge: „Herr 
Präsident, sieh den Menschen da, der das Volk verführt und unser Haus» 
zerstört. Auch die Madchen sollen keine Märmer nehmen. Möge er 
vor eurer Person sagen, in wessen Namen er diese Zauberkunst lehrt." 
Auch hier ist im Griechischen von der urspriing liehen Auffassung nichts 
geblieben, „Prokonsul," sagt Thamyris, „der Mensch da, wir wissen 
nicht, woher er ist, der läßt die Jungfrauen nicht heiraten. Er sage vor 
dir, wozu er das lehrt." 

Kehren wir zu dem Punkte, von dem wir ausgegangen sind, zurück, 
so ist die Frage, mit der Thamyris sich in dem griechischen Text bei 
seinem Eintreten an die Mutter wendet: „Wo ist meine Thekia?", nicht 
motiviert und sonderbar fiir einen, der glaubt, er sei von der Mutter 
gerufen, um die Tochter nun aus ihren Händen zur Gattin zu empfangen, 
eine Voraussetzung, die freilich an sich wunderlich genug ist, da einer, 
der sich den Ersten der Stadt nennt (c. n), ein Mädchen doch nicht 
so vom Fleck weg als seine Gattin in sein Haus führt. Unser lateini- 
scher Text lallt ]jun nach aUem, was wir mitgeteilt haben, das ursprüng- 
liche Motiv klar und deutlich erkennen. Tliekla bat das Haus ihres 
Gatten verlassen. Er vermutet sie bei ihrer Mutter, und da er sie bei 
seinem Eintreten nicht gewahrt, so fragt er: „Wo ist Thekia?" 

Unklar ist in der griechischen Bearbeitung, wie Thekia es fertig 
bringt, die Predigt, die Paulus in dem Hause der Onesiphorus hält, zu 
hören, ohne in das Haus selbst hinein zu gehen. In den Handschriften 
herrscht die ailergrö&te Verwirrung (Lipsius 240,8): 

in\ TTjc eupiöoc ToO okou Ka9ec9€Tca fiKouev A 

^ni Tic QOpac toö oTkou xaSicaca fjKOiiEv B. 

Dies sind die beiden einfachsten Lesarten; man kann dabei nur an eine 

Tür in dem Hause des Onesiphorus denken. Ihnen stehen u. a. gegenüber: 



I Cttrbclli WtiXi'f/^tuiMlwtmim, wäiireiid Berendl dis Substan-tivi^m als unsicher b&- 
Kcichncl. Meine Überseliiiiig iit nichts als ei)i Versuch, dem ZusammcntiaiiE einicrer- 
mallen t'e'c^Iit lu -werdeji. Das folgende iü,im beweist, daß irgendwie von der Stdrnng 
(1<^r Ehen durch IValut' die Rede gewesen »ein niub. 



Kaeec9etca Im ttjc cüvtirruc 9upi&0< fiKOUCtv E(I> C — I^KOUtv 1) 
Kttöicaca dirö Tt\c cüvtf T^fc Qupiboc r|KOu«v C. 

Diese Fassung setzt otTenbar voraus, daß Tliekla in dem Hause ilircr 
Mutter am Fenster sitzt und von da aus auf das lauscht, was in dem 
Nachbarhause gesprochen wird. Daß sie dabei unmöglich etwas hätte 
verstehen können, was doch angenommen wird, ist selbstverständlich. 
Nichtsdestoweniger haben sich die lateinischen Übersetzer sämtHch den 
Vot^ang nach dieser zweiten Version vorgestellt. 

sedois suptr ffnfstr&m audubat A 

stdens ad fenestram qu&e erat iuxta domum Onesifori audUbat Bab 
assedit super f€>ustram iunctain donuti On^sifori ubi Paulus docebat, 
ei audicbai Ca, Die übrigen ähnlich. 

Auch in unserm Texte ist der Vorgang nicht ganz klar. Auch liier 
heitit es ad fcnestram, aber nicht sedii , sondern stttit-, es ist also auch 
von unserem Übersetzer ^m ttic 9upl^oc. nicht ^nl ttjc 6upac in dem 
griechischen Original gefunden worden. Da es aber hemacii heißt, 
daß Thelda schweigend zum Himmel blickte, so muß doch in dem 
griechischen Original die Sache wohl so gedacht gewesen sein, daß 
Thekla an einer Tür des Nachbarhauses, nicht von einem Fenster des 
Elternhauses aus lauschte. Darin aber ist unser Text wieder viel na- 
türlicher, daß er Paulus nicht auch nachts predigen und Thekla drei 
Tage und drei Nächte ununterbrochen darauf horchen läßt, sondern: 
„Schon drei Tage hat sie nicht gegessen und getrunken," läÜt er die 
Mutter sagen. 

Einige wenige Spuren des ursprünglichen Textes haben sich in den 
eben behandelten Teilen auch in den andern lateinischen Übersetzungen 
erhahen. C. 8 ist in B und Cc zu der Frage Vbi est »h'it Ihecla T liinzu- 
gesetzt td illam vidcam, in A aber /// eam osader. Das laUi sich doch 
wohl nur aus dem erklären, was wir in D c. lo lesen: Dum aecessit ad 
osculanditm eam. C. ri hat A statt des unpassenden 'Avbpec. tivec ^cte; 
dem Sinne nach übereinstimmend mit D Quid est istud'? In C, und 
ebenso in B c, fehlt der ganze Satz, nur Ba und Bb haben Viri, qui 
estis? Übrigens stimmen hier auch unter den griecliischen Handschriften 
zwei, F und G, mit D nicht nur dem Sinne, sondern auch der Form 
nach ('Avöptc, Ti ^x^tt; = D Quid kabetis inter vosJ). C. 12 hat D 
Ni'scimus qms est, wmm scimus. Ebenso B b Quis sit hie neseimiis, 
unum tantiim scimus. Unum srifnus fehlt in allen übrigen lateinischen 
Übersetzungen und unsere griechischen Handschriften haben nichts 



i 



P. C«MseB, Die L 'n— J> dtf 



iMrtspfecbendes. C. n bst Di Si ^sgmaseere sä aar emmäm, fitiAc mm* 
' ^a^siJ^m> r^aptäMm ^ra^c^tam tms. Id doi gneckschen Hand- 
i«eliriftM, und «at^irecfceod in den tatwi B Cheii übssdnsigea. ^ der 

Text stark veiandeit uod cnreitert, keiae giiecfaEScbc Haadäciinft hat 
l'Ctwas 6cm uamdKm prautptam ems cntapreclieades, bb aaicsiie. G> die 
diAtr und tö Mtiv toü Kuficnpoc bietet. Die Latdaer haben säjntUch 
tgtun d mm sÜKttia eomstätmn oder seamJkm dtavtmm saatmi. C. 15 
schilt T haj oym den PaaiDS Sedmeter megtässäme, ÜMSfhfmaiar d^orvm. 
Im fTiii.iiMifTii.n sieben Iceme solches Scfadtwntte. bi den latemiscben 
Ubcfsetamgcft and in einer Haadschrift der synscfaeti ÜbetseCzuag- ist 
f-veitigstens impaster stehen gefaiiebca. 

Bemerkenswerter aber als (£ese über den eilialteikea grie ch ischen 
Text zunickfüliTeadcn Lesarten ist es, daß selbst in den griechischen 
Handschiiften, so gro&e Mübe sich der Bearbeiter auch gegeben hat, 
der TbeUa den Cbaiakter der Jungfrau zu vindideren and die Predigt 
des Patilu dsiauf zu beschranken, dafi e- des Jonglingen und Jung, 
frauen den Rat gibt sich mcht zu vcfhetiaten, cfie bestehenden Ehm 
aber (ücht angreift» doch nicht alle S{>urea des ursprünghchen Sinnes 
verwischt sind. 

C. 14 sagen Demas und Hennogeoes ni Thamvm: ,3o wirst du 
ihn verderben und du wirst dein Weib Thekia haben" (ml cü ßcic ti)v 
Tuvotiui CDU 6ücXav). Nur ein Schreiber (G> hat genwrkt daJj dies im 
Wideispnicfa zu der übiigen Erählung steht und 6£icXav weggelasseiL 
Von den Lateinern hat A et kaieMs uxMvm tttan Tkfclütn, C <: ^/ 
habebis Tluclam caniugcut Autm. Die andem haben Unrat gemarkt 
und dem Schaden abgeholfen. So hat Bb W fyau kü&ebis Tfudam 
sponsam tuam, Q tl et tu kaheüs Tkeelam fitam. CA et tu Aaiefiis uxomn 
tuam. In dem tirsprünglichen Texte hat freilich, »ie D zeigt der ganze 
Satz nicht gestanden, aber der Bearbeiter hat unbew-ufit sich von dein 
Geist des Originals hier leiten lassen. C 7 heißt es: „Thekia sah \'iele 
Frauen und Jungfrauen zu Paulus eingehen (noX.)iiic twvqikqc koi TtopOi- 
vouc). Aber la einer Handsclirift, C, fehlt xai Ttapötvouc, es bleibt un- 
übersetzt in den lateinischen Versionen A, Ba. Bb (Bc hat //kmwioj) 
und ebenso in den syrischen Handschriften. Man muß daher koI irap- 
6ivouc für ein Einschiebsel halten. C. 15 schreit die Menge: _Er hat alle 
unsere Frauen verdorben" {&it(pe£ip<v f^uiv itdcoc tcic TuvaiKOc), es wird 
also vorausgesetzt, d^ Paulus auch die Ehefrauen beeinfliiHt hat Noch 



« Naet *. Gebbardis V«iteE£eniti£ waUt Anm TmI; die Hm4»chiift A»^*^««. 

•5- •. 1903. 



P. Corssen, Die UrgeslaJt der Paulusalcten. 



33 



stärker würde der Ausdruck sein, wenn ndcac fehlte. Daß dies aber 
erst später eingeschoben ist, zeigen die Lateiner, von denen keiner es 
übersetzt hat. die einen geben midieres uaslras, die anderen dem ur- 
sprünglichen Sinn vollkommen entsprechend uxores nostras. 

C. 26 sagt Thekla, sie sei ans Ikonium verjagt, weil sie den Thamyris 
nicht habe heiraten wollen: &iä tö (ji) ÖiXeiv jie foifiriöiivai eafiüpiiii, aber 
A B haben statt dessen öia tö ^i^ StXtiv (j.e Gäfiupiv. 

C, 20 verlangt die eigne Mutter, daü Thekla verbrannt werde, da- 
mit es allen Frauen eine Lehre sei {ivct näcai a! imh toütou bi^axBeicai 
TUVoTkcc cpoßriöiliciv). Hätte Theklas Delikt darin bestanden, daß sie 
nicht heiraten wollte, so wäre doch wohl besser gesagt worden nctcai 
ai irapd^voi. Das haben sich denn auch einige der lateinischen Be- 
arbeiter gesagt, und so finden wir in C c omms virgines, in C a und C b 
ceterae virgines. 

Daß aber eine Verlobte, dafür, dafi sie das Verhältnis mit ihrem 
Bräutigam lösen wiU, mit dem Tode bestraft wird, ist ein so ungeheuer- 
licher Gedanke, daß auch ein Roman Schreiber schwerlich von vorn- 
herein darauf verfallen würde. Diesen Eindruck aber will die griechische 
Bearbeitung hervorrufen. Denn nachdem der Prokonsul den Paulus aus 
dem Gefängnis hat holen lassen und verhört hat und von seinem frommen 
Wirken sich sehr erbaut zeigt, ruft er die Thekla vor und fragt sie; 
„Warum heiratest du nicht den Thamyris nach dem Brauche der 
Ikonier?" Als die dann stumm stehen bleibt mit dem Blick auf Paulus, 
kommt die Mutter mit ihrem barbarischen Verlangen aus keinem andern 
Grunde, als weil Thekla sich nicht zu dem verstehen will, wozu auch 
der Prokonsul sie auffordert, denn Ävo^oc und ävuM<poc schilt sie sie, 
weil sie sich nicht nach dem Brauch vermählen will. -^ Wie haben die 
frommen Hände hier gewirtschaftet, um jeden Anstoß für zarte Herzer 
zu entfernen, und welche abscheuliche Monstrosität ist dabei heraus- 
gekommen! Aber bei alledem ist doch das ursprünghche Motiv nicht 
ganz zu Grunde gegangen. Nachdem Paulus auf die Anklage des 
Thamyris vorlautig Ins Gefängnis geworfen war (c. 17), war Thekla 
nachts aufgestanden, hatte durch Bestechung des Gefängniswärters 
Einlaß zu Paulus gefunden und die Nacht zu seinen Füßen sitzend zu- 
gebracht. Als das bekannt wird, läßt der Prokonsul auch Thekla holen. 
In der Bearbeitung ist das eine Episode, die auf den Verlauf der Er- 
ei^isse ohne Wirkung bleibt. Es bedarf aber nur des geringsten Nach- 
denkens, um SU erkennen, daß in der ursprünglichen Fassung eben dies 
den Grund zu der Verurteilung der Thekla bilden mußte. Denn da sie 

2aiuchn[l f- ä. Deutelt, Wiii. Jatirj. IV. 1903. ^ 



3 



selbst die Auskunft verweigert, so konnte es für alle nur eine Deutung ihres 
Betragens geben; sie wird als Ehebrecherin Eum Feiiertodc verurteilt. Aber, 
die Flamme verzehrt die Unschuldige nicht, ein Regengut löscht den 
brennenden Holzstoü. Wie dieses Gottesurteil von der Menge auf- 
genommen wird, erfahren wir nicht und können wir nicht einmal ver- 
muten, denn der Überarbeiter hat nun ein großes Stück der ursprüng- 
lichen Erzalilung einTach gestrichen. 

Näch der ursprünglichen Fassung hat ThekU aeLbstverstandlich das 
Haus ihres Gatten in der Nacht verlassen, ual nach dem Gefängnis zu 
gehen. Und davon sind in den Varianten der griechischen Handschriften 
und in den lateinischen Übersetzungen noch einige Spuren erhalten. In 
allen griechischen Handschriften, außer einer, heißt es (c. 19), Thekla 
sei von den Ihrigen und von Thamyris gesucht worden ({nrö tüjv ibliuv 
Kai Öapüpiöoc). in einer aber, (E), nur von Thamyris. Die lateinischen 
Handschriften haben meistens a suis, nur A hat a suis et a Thamirc, 
in einigen aber steht noch deutlich zu lesen, dab sie aus Tham>Tis, 
ihres Gatten, Haus entwichen war. Qz U( atilem htx oria est dici, in- 
quirehattir Theda a suis, quasi fttgisset auf aliqttid mali sihi iniecisset. 
ita ut Tamminis persegiifretur pfr itincra mtumqucniqui' hittyrogans de 
ea. Et ecce unus ex scrvis suis notumfecü domino suo, quid noctt egissft. 
Ahnlich Bb. In einer Handschrift von Cb steht sogar Ttiamirits vir 
eins perseqttebaiuf iter eins, wofür es dann freilich auf der andern Seite 
h^t: et ecce uniis de servts notum fecit domutis suis, quod no£iu 
extsset. 

Wie die falsche Übermalung schwindet und die ursprünglichen Farben 
des Bildes leuclitend hervortreten! Nicht an Jungfrauen und Jünglinge 
richtet sich die Predigt des Apostels, sondern an die Männer und Frauen. 
Wie wäre es auch denkbar, daß griechische Mädchen, von dem öfifent- 
lichen Leben in jeder Beziehung ausgesclilos&en und durch Sitte und 
Herkommen an die Enge des Hauses gebunden, einem fremden Wander- 
apostel jn hellen Haufen zugeströmt wären! Nein, die Frauen sind «s, 
die von Paulus' Predigt ei^riffen werden, die ihren Stand als unheilig 
anzusehen anfangen; in ihrem innersten Familienleben fühlen sich die 
Bewohner von Ikonium bedroht und die wachsende Aufregung der Stadt 
kommt zum offenen Ausbruch, als es bekannt wird, dal^ die junge Frau 
eines der angesehensten und vornehmsten Bürger sich von ihrem Manne 
abgeivendet hat Was für eine ganz andere Vorstellung gewinnen wir 
von Paulus und seiner Predigt, als der katholische Bearbeiter uns bei-^ 
bringen möchte. In wie bitterem Ernst ist das Wort genommen; „Die 



P. CoTssen, Die UrgestaJi der Pa.ulusaktcD. 



is 



da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine!" Wo bleibt die 
Heiligkeit der Ehe, wenn nicht eine Jungfrau, die auf ihren Bräutigam 
veraichtet, nein, eine Frau verherrlicht wird, die den Schmerz und die 
Bitten ihres Mannes, die Vorhaltungen ihrer Mutter nicht achtet, die 
das Haus ihres Gatten heimlich um Mittemacht verlal^t, um ihm und 
der Welt zu entsagen und dem Diener Gottes, wenn es sein muß, in 
den Tod zu folgen? 

Wie glänzend ist die alte Ansicht, die man schon für abgetan 
halten wollte, durch das Fragment von Brescia gerechtfertigt. Die 
Gründe, aus denen Lipsius die Tatsache der Überarbeitung erwiesen 
hatte (Apokr, Apostelgesch. II, i, S.443ff.)i sollten so schwach sein, 
daß man sie getrost sich selber überlassen könne. Nun liegt es klar 
am Tage, daü unsere griechischen Handschriften uns ein erbärmliches 
Uterarisches Machwerk darbieten, elend In jeder Beziehung, auch wo es 
sich gar nicht um dogmatische oder sittlich bedenkliche Dinge handelt. 

Im Anfang der Erzählung heißt es in den griechischen Hand- 
schriften (c. 2)1 ,,Und ein Mann mit Namen Onesiphorus, der da hörte, 
daß Paulus in Ikonium erschienen sei (dKoOcac TOV TTaöAov napafevö- 
fJCVQV etc 'Ik6viov'J ging mit seinen Kindern Simmias und Zenon und 
seinem Weibe Lektra Paulus entgegen, um ihn zu empfangen, denn es 
hatte ihm Titas erzählt, wie beschaffen Paulus an Gestalt sei, denn er 
hatte ihn nicht cm Fleische gesehen, sondern nur im Geiste." Wie un- 
geschickt ist der Erzähler hier verfahren'. Den Grund, warum Onesiphorus 
den Paulus aufnehmen will, gibt er überhaupt nicht an, denn das was 
auf den ersten Bück als solches erscheint, ist vielmehr die Erklärung 
dafür, warum er hoffer konivte, Paulus zu erkennen, obwohl er ihn nie 
gesehen hatte. Diese Tatsache aber, die voranstehen müßte, wird 
nachgetragen. Einige von den Lateinern haben eine bessere Ordnung 
in die Erzählung gebracht, indem sie einen Satz, der im Giiechischen 
später folgt, vorausgescliickt haben, nämlich so: Onesifanis, homo iustus 
. . . exivit ei obviam . . . et ciramispickbat obvios sibi, ut Paidum cogmsceret. 
JVon enim in ivrpert Moverat eijm, uisi tantmn modo in spiritiv, narraverat 
enhn ei Titts qnalis esset fipifa Pauli. (So C a und älinüch C b, C c.) — 
Es geht dann im Griechischen folgendermaßen weiter: „Und er 
(Onesiphorus) wanderte die KönigsstraOe nach Lystra liinab und er blieb 



> Eine Huidsclirifl, M, hBt; dKoCicac töv HOKcEpiov TTaOAov napcrrcv^cSai ßouXö- 
|ievo« £tc TÖ 'Ittiviov. Die Lateiner babcn ebcnralls verbessert: A aiidh<xl l'aulum vemtnimt 
Yamium (ähnlich B c. Cd) Ca audivil Faidutn venire Jcoiüum. Da, Bb a4tdltns PatAim 
/iVKium esie vmiurum (Uiiiiicli C b, C cj. 



3« 



I'. Corssen, Die Ufgesull der Pautusakten. 



Stehen und wartete auf ihn und betrachtete die Kommenden nach den 
Angaben des Titus. Er sah aber Paulus kommen . ." Dann folgt die 
benihmte. im eiitSeLneii aber äo verschieden überlieferte Beschreibung 
des Apostels. „Und als Paulus den Onesiphorus sah," geht es weiter, 
„lächelte er und es sagte Onesiphorus: ,Sei gegrüßt, Diener des gelobten 
Gottes!" und jener sagte: .Die Gnade' mit dir und deinem Hause!'" 
Hier ist es völlig unerfindlich, warum Paulus lächelte. Bei den Lateinern 
steht in B c statt dessen Paulus vid^Tts Honeiipkorum latiatus est valde; 
in A sowie in C c und Cd ist das gan^e Motiv übergangen, in Ca und 
Cb aber erscheint es in dem rechten Zusammenhang; Et cton obviassel 
Onesifortts Paulo (die Verbindung zwischen diesem und dem oben ci- 
tieiten Satze bildet die Beschreibung des Apostels), seamdum demon- 
strata si6i srgria diligentius rum intendit. Paulus vero mteUegens etc. 
(sa C a, ähnlich C b). 

In D verläuft die Erzählung so (die letzt voraufgehenden drei Zeilen 
sind zerstört): „(Als) der Apostel Paulus gen IconiumJ hinabstieg, ging 
ihm (Onesiphorus)' entgegen mit seinem Weibe namens Lektra und 
seinen zwei Söhnen,^ auf dab er ihn aufnähme in sein Haus mit großer 
Freude, deswegen weil vieles sehr Wunderbare (ihm)* berichtet worden 
war von seinem Schüler, nämltch Titus. Und sie gingen auf die Stratte 
nach Lystra, ihn erwartend. ' Als sie ihn nun von ferne kommend 
schauten, wie Titus es erzählt hatte {aimquf f'roctd vcnientcm cum 
aspkerent secimdum iUud Titi narratum), klein von Gestalt, mit kahler 
Platte, fröhlichem Blick und hellen Augen, von Gottes Gnade erfüllt, 
bald wie ein Mensch, bald wie ein Engel ihnen erscheinend, da sagte 
Onesiphorus zu Paulus: ,Freue dich, Diener des höchsten Gottes!' Wie 
aber Paulus Onesiphorus grüßen sah, antwortete er lächelnd: .Gnade 
sei mit dir und deinem Hause!'*' 

Ich brauche die Vorzüge dieser Erzählung vor der griechischen 
Form und die Verwandtschaft zwischen D und C nicht hervorzuheben. 
Auffallen aber wird es, daß in dem Signalement des Paulus die krumme 
Nase und die kriamraen Beine fehlen, die man immer als ganz besonders 
echte Kennzeichen betrachtet hat, wofür wir hier die sonst nicht über- 



1 ecoO fehlt is G, C ha( slnlt de&s«D XpiCToO. 

> f| xA9\i. ToO xvplau 'hccfr UM. ^ Die HanUacli. id Yconiam. 

4 Der Name fehl! in der Hindscli. 

5 Die Namen erscbeinen in «ier Form Sym/a ii Zia^miii. Von griechiicIteTi Hand« 
Bchriftcn. hit nur G ZVtvuuvi, ancSerc Zrivlbi, Znvovlbr], Zn^iuvi^bi und noch uiders. 

b In der Han-dschrift Teil]! dm Fronomeii. 7 Ganz verderbt: El ihant in vta 

Uitra frettolani mm. 



lieferten hellen Augen und den fröhlichen Blick {vmUu hilarcni'* et 
darisstme rcspkien(ait) haben, die zu dem Schluß der Beschreibung 
ausgezeichnet passen. Möglich, daß unser Text hier verkürct und ver- 
derbt ist, obwohl ich es nicht für absolut sicher halte, daß die Schilderung 
des Paulus von vornherein so realistisch gefärbt war. Denn damit stimmt 
die Bemerkung nicht gut, daß Paulus bald wie ein Mensch, bald wie 
ein Engel erschienen sei, und diese Bemerkung ist sicher ursprünglich. 
Jedenfalls zeigt die groüe Fülle von Varianten, daß man vielfach an 
dem Bilde korrigiert hat, freilich meist in dem Bestreben zu verschönem. 
Daß die Handschrift, aus der die Fragmente von Brescia stammen, 
den ursprünglichen Text in allen Einzelheiten unverändert erhalten hatte, 
ist kaum anzunehmen, und vieiletcht lassen sich an unsem Fragmenten 
selbst noch sichere Spuren von Überarbeitung erkennen. 

S. 132, 24 der V. Gebhardtschen Ausgabe (= c. 7 Anfang) liest man 

a P<aulo> mtg^o nomine Tec!a filia <Theo>c!ie 

<desponsa>ta <T>a7K;ro 
Was hier in der Handschrift in Wirklichkeit gestanden hat, ist ohne er- 
neute Eingeht in das Original nicht zu sagen und es ist sehr frag- 
lich, ob an den zweifelhaften Stellen überhaupt noch irgend etwas mit 
einiger Sicherheit zu erkennen ist. uirgo ist Konjektur des Herausgebers, 
Garbelli scheint überhaupt nichts Sicheres erkannt zu haben, Berendts 
glaubte inago zu sehen. Von dem ersten Wort der Zeile 25 ist nur die 
letzte Silbe erhalten, und die hat Berendts sa und nicht ia gelesen; ob 
die Konjektur des Herausgebers genau dem Raum entspricht, wird nicht 
besonders angegeben. Man muQ sich also eines Urteils über diese 
Stelle bis auf weiteres enthalten. Sollte sich die Vermutung des Heraus- 
gebers bestätigen, so wäre der Beweis geliefert, daß auch dieser Text 
starker Interpolation nicht entgangen ist. wie ja auch S. 133, 28 (s. oben 
S. 28) gewiü spottso an Stelle eines ursprünglichen Piro getreten ist. 

Indessen diesen Beweis liefert auch eine andere Stelle, die, wenn 
auch nicht ganz heil überliefert, doch im wesentlichen richtig und sicher 
gelesen ist. S. IJ5, Z. itjft". (c. 17) heißt es: 
Omnipotens deus de celo 

missus ad terram, ut nos redimeret, 

ipse me niisit in hanc provinciam, ut cuan 

gelizem nomcn Suum in gentibus et cre 

dant in <eum et n>on amplius sub cri 

cs>ubiaceant, scd salui et il 

Die Hundicbrift; VHilum hülarem. 




38 



P. Corssen, Die Urgc&tali der Paulusaktco. 



lesl permaneant Et ideo luisit deus in mun 
dum iinigenitiim füium suum lesum Christum, 
quem ego euangelizo, ut <in> ipso liabeat 
fidudam genus humanuni, quod ipse 
solus redem<it> eum per praeciosum sanguinem 
suum. 
Wer diese Stelle mit einiger Aufmerksamkeit liest, sieht sofort, daß 
die beiden Sätze sich gegenseitig ausschließen. Ein jeder enthält ein 
besonderes Evangelium, von denen das eine von dem andern völlig ver- 
schieden ist. Zieht man den griechischen Text heran, so sondert sich 
der spätere Zusatz alsbald aus. Das Griechische wei& nichts von dem 
in dem ersten Satze enlJialtenen Evangelium, wohl aber findet sich der 
Inhalt des zweiten in ihm im wesentlichen wieder, so jedoch, daß er mit 
dem Vorhergehenden innerlich verbunden ist, wälirend er im Lateinischen 
ganz unvermittelt ansclilieüt Im Griechischen heißt es folgender- 
maß-en; Ötöc üiiiv, Geöc ^xöntrictitv, Ötöc Zt]\ujTf|C, QiüC änpocfc-eiic, XPrt^iuv 
■nie Tiüv iiv9ptijnufv cwiriptac frep-i^tv jie, Snuic öttö rrjc (pSopöc kdi xric 
ÄKaSapctac ÄTiocirdicu) aüioic Kai rrdciic fiÄovrjc kqI öavaTOW. öttujc liTiK^Ti 
üfiapTävujciv fciö ^TtefJUJtv 6 Ötoc rov 4auroO naifea 'IricoOv Xpictöv ' 6v 
t{w t{laTT£^i^o^^Q^ i^oi biödcKUJ ^v ^kciviu ^x^iv Tf]v ^XTiiba Toiic ävftpiO- 
Ttouc, Bc piövoc cuv*TräericEV ^XavuJ^l^vlll ic6c)iLiJ, 'iva |ir]icETi ünö Kpiav 
iJOav oi övOpüUTTOi, d\Xä mcnv Jx^^^^V KCii q)ößov 9€00 Kdi fViÖCiV CenvÄ- 
TTitoc Kai dTÄntiv äÄriöeiac. 

Wir sind hier an einer für die Christologle des Verfassers der Akten 
sehr bezeichnenden Stelle angekommen. Christus ist Gott, nicht Gott 
neben dem Vater, sondern vielmehr mit dem Vater selbst identisch; Gott 
hat nicht seinen Sohn vom Himmel herabgesendet, er selbst ist in eigener 
Person gekommen, die Menschheit zu erlös-en. Wie gründlich der Be- 
arbeiter die Spuren dieser ursprünglichen AufTassung getilgt hat, mag 
man aus dem griechischen TeMt ersehen, den ich m diesem Zwecke 
vollständig ausgeschrieben habe. Aber nicht liberal! ist der Bearbeiter 
mit gleicher Umsicht verfahren. Es gibt kaum eine Stelle, wo das 
höchste Wesen erwähnt ist, ohne daQ eine Fülle von Varianten in den 
Handschriften anzeigte, daß die ursprüngliche Lesart geändert ist. 
Daraus ergibt sich, daß der Bearbeiter nicht methodisch und gründhch 
voi^egangen ist, sondern eine Reihe von Anstößen stehen gelassen 
hat, die man im Laufe der Zeiten mehr und mehr beseitigt hat, bis der 
hannlose Text herauskam, den die modernen Dmcke sozusagen legalisiert 
' So F G: 'IricoOv Xpiciöv tov uI6v aÖToß AB, bloß töv fauToO itatba C E. 



P. Carssen, Die UrgesiaJt der Paulusaklen. 39 



haben. Für die Überlieferung sgeschichte der heiligen Schriften über- 
haupt sind die in den Texten der Theklalegende mit seltener Deutlich- 
keit zu Tage tretenden Vorgange äusserst lehrreich. Unbegreifüch ist 
mir, daß selbst Lipsius die seiner Auffassung so günstigen Tatsachen 
nicht aufgegangen sind. 

Ich werde mich hier, wo ich meinen Gegenstand nicht erschöpfend 
behandeln kann und will, auf einige Beispiele beschränken. In dem 
Gebet des Paulus c, 24 schreibt Lipsius mit einer Handschrift, E, TTäTep 
XpiCToO. Unterstützung findet diese Lesart durch einige Lateiner PaUy 
Jesu Christi C a Pater demiini nostri lesu Christi C c A ■ Damiite d^iis 
pater doynini nostri lesu Christi C d. Aber C b und B a haben Pater 
lesn CJp^te , B b und B c Domiitc pater lesv Christi-. DasseSbe findet 
sich in zwei griechischen Handschriften TTÖTtp öfit 'ItlcoO Xpicrd F TTäitp 
äfit Kiipie 'Incoü Xpicrl G. Eine andere, A, hat niiep tU, woraus der 
rechtgläubige Schreiber von B gemacht hat TTditp koi vM ko! Stiov 
TTveÜMC 9eÖTiic |4ia. Darauf ruft Thekla den Vater an: TTditp. ö noincac 
TÖv oüpavöv Kdi T^v T'i'Vi ö toü iraiböc toö ÖTamiTDu cou 'liicoö XpicroG 
TTOTiip, euAoTiXi ce Sti Jcuj^cäc fi€ Ik Ttypoc, 'tva TToöXov Rhju, So Lipsius. 
Im ein2elnen haben die Handschriften viele Varianten, aber in der Sub- 
stanz stimmen sie mit einander und mit einem Teil der lateinischen Texte 
tiberein. Aber unter diesen hat A: Pater sancte, bencdUo te, quia scäi'am 
mf fcäsiit nt Pauium vidcran. Ca: Pater, qui fecisii caelum et krram, 
bittcdico te, qtna cito exaudisti nie, ut Paidum vidercm. C d Beiu-dico 
te, deiis, qui ntisisti angehnii ttmm et Hherasti me ab ipte ilfecisti PauJiiin 
videre. Darauf ein kurzes Dankgebet des Paulus beginnend ÖU Kapiio- 
fViücra ö TTOTrip toö Kupiou ^/Jiiv 'IncoO XpiCToO. Statt dessen hat A 
Qti Kap&iOTVÄKTa ndtep koi vM, wozu B wieder hinzufügt Kai irv^öfia 
ÄT'OV. Von den Lateinern hat A Dt.'us praecardiescnttator lesu Christc. 
C d Inspector cordinm deus, 

C. 43 hat die Mehrzahl der griechischen Handschriften: Xpicr^ 'IricoG 
6 ui6c ToO ötoü . . . aiiioc ei 9e6c- Aber F L Iiat oütöc ei 6 0e6c. G 
aÜTÖc t! fiövoc Ötöc, M a^ioc ei 0eöc [lövoc. In A B aber fehlt 6 ulöc 
ToO eeoö. 

Als Thekla der Taufe teilhaftig wird, indem sie sich selbst in der 
Arena in ein mit Meerungeheuern gefülltes Wasserbassin stürzt, sagt 
sie beim Eintauchen nach altapostohscher Weise: „Im Namen Jesu 
Christi." Diese Formel ist in der Mehrzahl der griechischen Hand- 



" Die eini; Handscliri ft von A — diese Übcrsctiuniä Uc nur in iwci Hainlsehriften 
ertiiJteB — schickt Deuj vorauf. 




40 



P. Corssen, Die Ui^cstalt der Paulusakten. 



schrifteii in der Hauptsache unangetastet geblieben,' wahrend die 
meisten lateinischen Texte dafür die trinitarische Taufformel angenommen 
haben. Dagegen ist die Erzählung des ganzen Vorgangs in den griechi- 
schen Handschriften so verworren wie möglich und in den lateinischen 
Texten nicht viel besser, worauf ich hier nicht weiter eingehe, aber an 
einer Stelle Uonnmen doch zwei von diesen der ursprünglichen Test- 
gestalt nalier. Im Griechischen heißt es (c. 34): 'H [ii\ oOv IßaXev 
^auTiiv ek tö öbwp ^v Tiü övÖMOTi 'IncoO XpicTcO*Qi bi qjüjKm nupöc 
dcTpomic tptTTOG ifcoöcai vtKptii iTi^nXeucav. An dieser Wendung ist 
völlig unbegreiflich, wie ohne alle Vorbereitung das Feuer, das die 
Robben' tötet, wirklich recht eigentlich wie ein Blitz in die Erzählung 
fährt. In Ca und Cd wird es, wie es sich gehört, als ein neues Mo- 
ment eingeführt: Ei descendit Stent fuJgur 7g}iis de caelo üi aquam.i Das 
sieht nun aus wie ein Wunder und ein Wunder muß man nehmen, wie 
es ist, ohne 2u fragen, warum es so und nicht anders ist- Aber ein Er- 
staunen wird man doch nicht unterdrucken können, warum denn die 
Meerliere gerade durch Feuer getötet werden. Nun, hinter dem schein- 
baren Wunder steckt etwas ganz anderes, was merkwürdigerweise selbst 
Lipsius nicht beachtet hat, nämlich die alle Vorstellung von der Taufe 
mit Geist und Feuer, wie sie dem ursprünglichen Taufbericht im Matthaeu' 
zu Grunde liegt* und als ein ketzerischer Brauch in der pseudocypri mi- 
schen Schrift De rebaptismate angeführt wird.s 

Ich kehre zum Schtuß noch einmal zu den Fragmenten von Brescia 
zurück, Die vollige Glcichsetzung von Gott und Christus findet sich 
bereits gleich zu Anfang (c. 4) und zwar um so eindrucksvoller, weil 
implicite und unbeabsichtigt. Onesiphorus grüßt den Paulus als Diener 
des höchsten Gottes; Gaude , minister dei aiitssimi. Darauf fragen die 
falschen Brüder, Demas und Hermogenes, entrüstet: „Sind wir denn 



< Sie findet sich in dem Kapilet iweimttl, S. 960, 7 und S, 361, 1 der Lipsius'schen 
Auigabe. An der ersten SteU« Lot B, an der iweil^n E i'iK Formel kusg-ekssen. 

I Die haTDiloseci Kabben siod g-ewiß an die Stelle von irgend welcben sctüimiDen 
Me£niiigel]«uera g«lfeteiu Von dtn LaUihCni ipiicht B von bthise , Cd von ^Hku 
marinac- 

3 St> CA. Ei teer aeiti fn^r 'gfäi dtiandit in Ofuua Ca. 

4 S. Usenei, Religionege^cli. Untere. 1. S. 60II, 

5 Cyptiani opp. ed. Hartel 10, 90 tonmtUi . . . laüler dietmtur adiignari «t ^am mex 
in aquam dctifru/frunt. statim super nquarn ignii a^pareat. Ohne Zweifel wurde diese Vor- 

itellung van der Taufe, daü, wenn sie echt sei, nii[ ihr eine FeucrcrscheiDang vcrbiindeo 
sein müsse, auch in dem ebenda erwähnten Buche Paiül Praedicatia vorgetragen. Dton 
e; hciCt dort. daC eben diese sa taufenden Häretiker ihrer (alscben Lelire wegen 
ron der Taufe dieses Buch gefiLlsclit hätten. 



b 



■ 



P. Corssea, Die Urgestalt der Paulusakten. 41 

nicht auch Diener Christi, warum hast du uns nicht gegrüßt?" Die 
Griechen sind hier auf ihrer Hut gewesen; sie haben Xatpe^ (nrripEta 
Toö eüXofTiji^vou 6to0, ' aber nachher ' H^ek ouk icjiiv toö EuXoTtlH^vou 6(oü ; ' 
Genauere und ausdrückliche Angaben über die Lehre des Paulus 
finden sich im Anfang des ersten Kapitels. Auch hier weicht der 
Brixianus von dem Griechischen vollständig ab, Ist aber leider am Schluß 
des Kapitels verstümmelt, so daß das Wichtigste verloren gegangen ist. 
Es heißt dort: 

(Paulus) . . . docens <eos omnia> precepta domini et doctrina<jn>, 
inter<prctan>do prophetarum scriptyras; quomodo ex <Maria> virgine 
natus est Christus secundum Carnem et qualiter verbum quod in principio 
. . , Hier bricht der Text ab. Es ist sehr wahrscheinlich, daß auf diese 
Stelle das Citat des Origenes {De princip. I, 2, 3) aus den Akten des 
Paulus Hie est verbum ainmal vtvens zurückgeht. Auf Grund eben 
dieser Stelle wird man dann auch c. 40 die Lesart von A B töptv TTaOXov 
TÖv XÖTOV KTipüccovTH Statt der von Lipsius befolgten XaXoövTß töv 
X6yov toö öe&ö vorziehen müssen. 

Es ist eine verbreitete, von Ritschl begründete Ansicht, der Ver- 
fasser der Thcklalegende habe dem Paulus in seinen beiden Begleitern, 
Demas und Hermogenes, Vertreter der Gnosis gegenüberstellen wollen. 
„Energischer konnte man mit dem Gegensatz nicht einsetzen als unser 
Verfasser getan hat," sagt Hamack (Chronologie S. joi), „indem er 
die Figuren des Demas und Hermogenes an den Anfang gestellt hat 
und an ihnen präskribiert, was als die Teufelsklauen der Häresie galt, 
die Leugnung der Auferstehung und der sittliche Libertinismus." Wo- 
durch der sittliche Libertiiüsmus der beiden angedeutet ist, vermag ich 
nicht recht zu sehen; daß aber die ganze Ansicht fabch ist, braucht 
nicht mehr bewiesen zu werden, da es nun handgreiflich vor Augen 
liegt, daß der Verfasser der Paulusakten selbst von Anschauungen, die 
man als gnostisch zu beEeichnen pflegt, durchaus beherrscht ist. Der 
einzige Satz aber, der den Anschein erwecken könnte, als habe der 
katholische Bearbeiter die beiden als Gnostiker charakterisieren wollen, 
obwohl ich nicht glaube, daß das in Wirklichkeit seine Absicht war, 
die Bemerkung nämlich (c. 14): „Wir werden dich lehren, daß die Auf- 
erstehung, die, wie Paulus sagt, stattfinden wird, bereits stattgefunden hat 
in den Kindern, die wir haben" — diese Bemerk-ung fehlt in dem Brixianus, 
wie sie auch in der syrischen Übersetzung fehlt. In dem Original ist 



* U<M:h fcUl AeoO in G. während C XpiCToO haL * 9eoÖ fehlt m C E G. 



42 



P. Corssen, Die UrgesUlt der Paulusakten. 



sie ganz unmöglich, denn Thamyris, an den die Bemerkung gerichtet ist. 
interessiert sich, wie wir gesehen haben, für die Lehre des Paulus nicht 
im mindestenj sondern fragt nur nach seinen Zaubersprüchen. Die beiden 
Fig^iiren sind durchaus nicht aus dogmatischen Gründen eing^efiibit, 
sondern der Erzähler braucht sie für die Zwecke seiner Erzählung. Oiine 
ihren Verrat Würde Thamyris keine Handhabe gehabt haben, gegen 
Paulus vorzugehen. Falsche Brüder {fratrcs ambigiii''^ werden sie im 
Original genannt — der katholische Bearbeiter hat die BezeicJinung 
fallen lassen — wie die yitufHÜbeXtpoi im Galaterbriefe. 

Soweit sich aber der Charakter der Paulusakten mit Hilfe der Frag- 
mente von Brescia erschließen läßt, müsser wir urteilen, daß ihr Ver- 
fasser überhaupt keine dogmatischen Bestrebungen hatte. Seine Tendenz 
ist lediglich auf erbauliche Unterhaltung gerichtet. Wo der Gang der 
Erzählung ihn auf Dinge bringt, die Gegenstand der Lehre oder der 
Praxis sind, spricht er sie als selbstverständlich aus, ohne polemische 
Nebenabsichten. Man kann mit keinem größeren Recht behaupten, 
daß er im Gegensatz zu dem Katholicismus treten wolle, als man ihm 
antignostigche Tendenzen beig'elegt hat. Daher ist auch das Urteil von 
Lipsius über da? Verhältnis der Alcten zu den Titnotbeusbriefen ganz 
verfehlt, als wenn ein gtiostischer Schriftsteller dem Paulus der Pastoral- 
briefe einen Paulus nach dem Geachmackc seiner Gesinnungsgenossen' 
habe gegenüberstellen wollen. Das Verhältnis ist gerade umgekehrt 
(Apokr. Apostelgesch. II, 463). So viel Tendenz in den Timotheusbriefen 
steckt, so wenig haben davon die Paulusakten, und jene Tendenz ist 
zum guten Teil gegen Anschauungen gerichtet, in denen diese wurselu. 
Von den großen gnostischcn Schulhäuptem hat der Verfasser der Paulus- 
akten diese Anschauungen nicht, aber die haben sie auch nicht er- 
funden. 

Die Paulusakten sind alt, sehr alt; wie alt, das auch nur annähernd 
ausmachen zu wollen, scheint mir zur Zeit ebenso vermessen, wie müLig. 
Wenn aber Harnack sagt, sie hätten vor den Antoninen nicht geschrieben 
werden können, so ist alles, was er zum Beweise dafür anführt, grund- 
falsch. Wie kann man nur sagen, daß dem Verfasser Exek-utionen der 
Christen durch Feuer und Tiere etwas ganz Geläufiges gewesen sein 
müßten, daß er kein Bedenken trage, Thekia sofort verbrennen zu 
lassen, bloß weil sie dem Paulus folgen wolle, und dafi alle einschlagen- 
den Züge bereits einen konventionellen Charakter trügen! (Chronol. 



* Bciendt l)i$ am.u^ui, wOraos v. Oebburdt das RiclitiEe hngcstellt bat. 




S. 500). Auch in der katliolischen Bearbeitung wird kein Christ von 
einem heidnischen Beamten als Christ bestraft. Der Prokonsul läßt den 
Paulus auspeitschen und aus der Stadt jagen, die Thekla aber verurteilt 
er zum Feuertode. Schon daraus allein geht hervor, daü das Christen- 
tum dab^i nicht im Spiele ist. Das wirkliche Motiv ihrer Venarteilung 
ist oben enthüllt worden. Später aber, in Antiochia, wird Thekla zum 
Kampf mit wilden Tieren verurteilt, weil sie sich an dem vomelimen 
Alexander vergreift, der in der Meinung, daß sie eine Sklavin des Paulus 
sei, ihr Gewalt antun will. Als sie hinterher, von den Tieren verschont, 
sich als Bekennerin des einen Gottes erklärt, wird sie von dem Prokonsul 
entlassen. 

Einer der lateinischen Bearbeiter, der die Dinge sich nach seinem 
Sinne zurecht gelegt hat, der Verfasser eines Auszugs, in welchem nach 
V. Gebhardt die Theklalegende am meisten gelesen wurde, erzählt ganz 
anders. Da sagt die Mutter von ihrer Tochter vor dem Richter: „Sie 
ist eine Christin, sie will ihren Bräutigam nicht heiraten" (S, 150}. In 
Antiochia bringt Alexander Thekla vor den Richter, weil er gemerkt 
hat, daß sie eine Christin ist, und als sie auf die Frage des Prokonsuls 
mit fröhlicher Stimme dies bejaht hat, verurteilt dieser sie dafür zu den 
Tieren (S. I5'f-) So, meine ich, würde der Verfasser der Paulusakten 
geschrieben haben, wenn ihm Exekutionen der Christen als Christen 
etwas ganz Geläufiges gewesen wären. An der Verschiedenheit der 
beiden Darstellungen kann man die Verschiedenheit des Standpunktes 
messen. 

Nur einmal ist, wie es scheint, auch in den ursprünglichen Paulus- 
akten, die Eigenschaft als Christ als ein strafrechtücli belastendes Mo* 
ment hingestellt worden, aber die Sache ist nicht ganz klar. Nach der 
katholischen Bearbeitung sagen Demas und Hermogenes zu Tham,yris, 
er werde Paulus verderben, wenn er dem Prokonsul Castelius sage, daQ 
Paulus die Leute zu der neuen Lehre der Christen überrede (c. 14). 
Aber in dem Kodex Brixianus steht davon nichts, sondern da heißt es: 
„Wenn du seine Sprüche kennen lernen willst, so führe ihn zu dem 
Präsidenten nach dessen Vorschrift" Als sie dann Paulus vor den 
Präsidenten geführt haben, setzen Demas und Hermogenes auch nach 
dem Brixianus in Übereinstimmung mit den griechischen Handschriften 
dem Thamyris zu, er solle sagen,, daß Paulus ein Christ sei. Aber die 
Stelle ist leider so verderbt, daß die Einzelheiten völlig unsicher bleiben. 

Dimas et Hermogenes tffs ut dJceret quod Christianus <esset, 

ut> perdere^ eum. 



44 



P. CorsscD, die Urgeslalt der PauliKakien. 



Nach dem Griechischen bleibt aber diese Bemerkui^ ohne alle 
Folgen. In dem Brixianus heUlt es, wieder in Übereinstimmung mit 
dem Griechischen, weiter: 

I^cses vero vocavifc <Paul>um ad se et mterrogavit eum 
dann fehlen drei Zeilen. 

Aber wir müssen noch einmal zu den Vorgängen in Antiochia zu- 
rückkehren, wenn wir ihre Motive ganz klar erkennen wollen (c. 28). 

Am Tage vor dem Kampfe, zu dem Thekia verurteilt ist, findet ein 
feierlicher Aufzug der Tiere mit der Verurteilten statt. Von dieser 
Ttoiimi haben, nebenbei gesagt, die griechischen Schreiber des lO. Jahr- 
hunderts durchaus keine Vorstellung mehr. Sie lassen die Thekia auf 
eine wilde Löwin binden, die ihr die Füße leckt, während sie oben 
darauf sitzt. Als wenn man bei einer solchen Gelegenheit die wilden 
Tiere in Freiheit dressiert vorgeführt hätte! denn so ist es gedacht, da. 
es heißt, Tryphaena, Theklas. Gönnerin, sei hinterhergegangen. Das 
haben die I-ateiner besser überliefert, nach denen Thekia auf den Löwen- 
käüg gesetzt wurde, und die Löwin durch das Gitter des KaEiga die 
herabhangenden FÜÜe der Thekia leckte. Dabei war ihr Verbrechen 
durch die Aufschrift ..Tempcbchänderin'* angegeben (^ bi ctiria Tflc ^m- 
Tpacpfic aünic ■^v UpöcuXoc, die Lateineri Causa autem eius eio^ Sacri- 
U-ga legcbaiur oder Erat vero elogium eins suptrscriptum Sacräega und 
anders). Die Bezeichnung 'kpöcuXoc zielt nicht auf die Christin, denn 
es ist gar nicht bekannt geworden, weder daß Paulus noch daß Thekia 
Christen sind. Über den Grund ihres Verbrechens wird aber auch gar 
kein Zweifel gelassen. Alexander führt sie vor den Prokonsul, weil sie 
ihm den Mantel zerfetzt und den Kranz vom Kopf gerissen hat. Als 
sie dies eingestanden hat, wird sie dafür zum Tierkampf verurteilt. 
Wenn sie dann als iepöcuXoc bezeichnet wird, so folgt daraus, daß 
Alexander priesterlichen Charakter gehabt hat Dies ist aber auch da- 
durch angedeutet, daß Alexander ja einen Kranz trägt Es wäre aber 
immerhin merkwürdig, wenn seine Priesterwürde nur so ganz nebenbei 
und im Grunde zufällig kenntlich gemacht wäre. Nun wird Alexander 
in den griechischen Handschriften (c. z6) mit Ausnahme einer als Tüpoc 
TIC bezeichnet und bei den Lateinern entsprechend in B und Cb Syrus 
qmdatn, in A Syrtis^ während in Ca^ Cc und C d eine Ortsbestimmung 
fehlt Aber die eine griechische Handschrift, C, nennt ihn Zupiäpxric Tic, 
und dies hat Lipsius mit Fug und Recht in den Text gesetzt Zahn 
{Gesch. des Kanons 11, 908 Anm.) findet es unbegreiflich, daß LipSius 
diese nur durch eine einzige, noch dazu schlechte Handschrift bezeugte 



P. Corsscn, Die Urg^cstalt der Paulusaktea. 



45 



Lesart hat recipieren mögen. Es ist das der Standpunkt jener äußer- 
lichen Textkritik, an der leider die Philologen niclit unschuldig sind, die 
aber, nachdem sie grade an den heiligen Texten so häutig Schiffbruch 
gelitten hat, mehr und mehr aufgegeben ist. Daß diese Lesart alt ist. 
selbst wenn sie in einer jungen Handschrift steht — der Paris, gr. 1468, 
das ist die Handschrift, ist übrigens eine der älteren, s. XI — t>edarf 
keines Beweises, sie macht aber mit einem Schhge alles klar, was sonst 
im Djnkel liegt. Zahn nimmt auch an dem unbestimmten Pronomen 
in dieser Verbindung Anstoß, das wäre, wie wenn jemand sagte: „Ein 
gewisser Bürgermeister namens Alexander." Da er auf Lightfoots Ab- 
handlung über die Asiarchen verweist, so ist mir nicht klar, wie er auf 
den Bürgermeister verfallen ist Wenn das eine Erldäning des Ausdrucks 
lupiäpxnc sein soll, so hat sie unbestreitbar den Vorzug der Neuheit, 
allerdings nicht den der Richtigkeit Aber aus Act 19, 31 wu&te Zahn 
doch, daß es z. B. in Ephesus mehrere Asiarchen gab; daher hat es 
doch wohl kein Bedenken, in dem syrischen Antiochia eine Mehrheit 
der enbprechenden Beamten anzunehmen. Daß die Asiarchen priesterliche 
Beamte waren, Ist außer Zweifel; wird doch auf ephesinischen Inschriften 
derselbe Mann einmal als äci&px^^ ^■'* andermal als dpxiepEÜc vaüiv TÜiv 
t\ 'Etpeciu beteichnet fs. Brandts, Asiarches, in Pauly-Wissowas Real-Ency- 
klop. 1574, 16), wie denn auch in mehreren Fallen, wo ein Asiarch einer be- 
stimmten Stadt genannt wird, dieser gewiß mit Bezug auf das. Amt des 
Asiarchen der Ehrentitel vtuiKÖpoc, „den Tempel hütend" beigefügt ist 
(vgl. Mommsen.R. G.V, 319. Anm, r),' Die Asiarchen aber waren die Spiel- 
geber, denn die Agonothesie ist, wie Mommsen S. 320 Anm. sagt, das 
Wesen des Asiarchats. Entspricht nun die Würde des Syriarchen der des 
Asiarchen. so ist es ohne weiteres klar, wie es kommt, daß gerade 
Alexander es ist. der das Spiel gibt, in welchem Thekla auftritt (c, 30 
aÜTÖc Top [d. i. 'AXiJavbpoc] ^&iöou tö Kuvrnr'«)- 

Freilich darf ich nicht verschweigen, daU. während die Asiarchen 
auf Inschriften häufig erwähnt werden, für die Syriarchen nach Beurlier, 
Lc Koinon de Syrie (in Revue Numismatique, XII, 1894, S. sSöff.), kein 
einziges Beispiel bekannt ist, während sie in den Rechtsquellen unter 
den Provinzialpriestertümern genannt werden (S- 292). Das wird wohl 
mit der Seltenheit syrischer Inschriften überhaupt zusammenhängen. Be- 
denklicher dagegen ist auf den ersten Blick, daß nach der Chronik des 



> Bo TToUfujv dcidpxiic TTeptomiiviDv viuiicdpujv und AöpViXioc diadpxnc KuEiktivi&v 
vcunciipuiv [f. BruidU 4. a. O. IJ65, 4.9 und 15&6, t). 



46 



F. Corssen, Die Urgestilt der Paiilusakten. 



Malalas, der in diesem Falle atis guten Quellen schöpft, das Syriarchat 
überhaupt erst unter Commodus eingerichtet zu sein scheint. 

Nach Malalas wurden seit Augustus in Antigchia jedes fiinfte Jahr 
Spiele gefeiert, die unter Comnaodus neu organisiert wurden. Hierbei 
bemerkt Malalas: Kai tv9{ujc tot« wvondcöri Ivfuäpxic TtpwTOC 'ApTaßövioc 
no^iTtuofAevot 7ipoßX)i9tic dito Tiiv xrriTÖpuiv xal toö biifiou na-viöc 
(Beiirlier S. 296). Wären damals die Spiele in. Antiochia überhaupt erst 
eingtrichtet worden, so würde diese Notiz, eine Datierung des Syriarchats 
enthalten. Da sie aber schon früher gefeiert und zweifellos von Be- 
amten geleitet wurden, die den Asiarchen entsprachen, so kann sich das 
TTpüitoc mir auf die neue Ordnung beliehen und es ist nicht nur mög- 
lich, sondern wahrscheinlich, ich mochte sagen gewiß, dall die Leiter 
der früheren Spiele ebenfalls Syriarchen genannt wurden. Wenn das 
nicht der Fall war, so war es doch das natürlichste von der Welt daß 
ein mit den asiatischen Verhältnissen vertrauter Schriftsteller auf die 
Spielleiter in Syrien den ihm vertrauten Titel in entsprechender Um- 
formung übertrug. 

Daß Antiochia in Pisidien und nicht Antiochia in Syrien zu ver- 
stehen sei, ist eine ganzlich unbegründete Behauptung, die Zahn zu der 
gewaltsamen Änderung von iiid(pvriv in A^pPnv geführt hat. 'Ev öfeüj ^v 
fi duö 'IkovEou etc Adtpvnv iroptüovTOt (c. 23) ist allerdings ein merkwürdiger 
Ausdruck, aber diese Wunderlichkeit hängt damit zusammen, daß, wie 
bereits Lipsius mit schlagenden Gründen nachgewiesen hat, nach c. 22 
eine große Lücke ist, auf die wir bereits oben zu sprechen gekommen 
sind, die jeder aufmerksame Leser empfinden wird. Man braucht dem 
Verfasser der Akten daher auch gar keine geographische Unkenntnis 
vor2uwerfen , weil sich schlechterdings nicht sagen Läßt, wie die ur- 
sprüngliche Erzählung gelautet hat. 

Wir müssen sclilieliüch noch die Frage aufwerfen, ob der Brixianus 
nur die Theklalegendc oder aber die vollständigen Akten entlueEt. Für 
das letztere sprechen die Fragmente selbst. Denn sie beginnen nicht, 
wie die übrigen Texte, mit der Ankunft des Apostels in Ikonium, sondern 
es ging etwas vorauf, wovon nqch g Zeilen erhalten sind, freilich in 
einem solchen Zustande, daü wenig damit angufangen ist. Aber es ist 
doch ganz unwahrscheinlich, daß, wie v. Gebhardt vermutet, das der 
Rest einer Einleitung sei, die von dem Übersetzer frei komponiert wäre. 
Schon rein aulierlich spricht nichts dafür, da der erste Satz der Passio 
ohne irgend welche Unterbrechung unmittelbar an das Vorhergehende 
anschließt. Die Frage ist, ob schon die Paulusakten als Ganzes eine 



katholische Bearbeitung erfahren hatten, aus denen dann die Fassio 
S, Theclae herausgehoben wurde, oder aber ob die Bearbeitung sich 
auf diese beschränicte. Vielleicht wird die Frage durch das hoffentlich 
bald erfolgende Erscheinen der koptischer Übersetzung in Lipsius Sinne 
entschieden, der eine doppelte Foren der Akten annahm. Jedenfalls ist 
dte Schrift, die TertuUian verdammte, keine andere als die ursprüngliche 
Grundschrift gewesen. Wie starke Gründe man hatte, sie zu unter- 
driicken. nachdem die Gegensätze sich scharf geschieden hatten und die 
GrundsteEne einer allgemeinen, allein herrschenden Kirche gelegt waren, 
zeigen uns die Fragmente von Brescia. 

Wir aber, die wir das Wachsen und Werden dieser Kirche aus der 
unendlichen Vielgestaltigkeit des ursprünglichen christlichen Lebens zu 
begreifen wünschen und das Verständnis dieses Lebens uns zu er- 
schließen ringen, wir können für den kostbaren Fund, so klein er ist, 
nicht dankbar genug sein. Denn wenn mich nicht alles trugt, so sind 
es gro&e Perspektiven, die er eröffnet. Die moderne Theologie wird in 
Bezug auf den Faulintsmus in mehr als einer Beziehung umzulernen 
haben und mehr als einen Schritt zurücktun müßen. Nicht die After- 
theologie, die mit eioer Gelehrsamkeit und einem Scharfsinn, die zur 
Bewunderung zwingen, Band auf Bände häuft, um die Geschichte des 
Kanons und der Kirche zu verdunkeln — die ist nicht zu beiehren und 
wird sich auch über die Tatsachen, die sich hier auftun, hinwegzusetzen 
wissen. Wohl aber die ehrliche Forschung, die in dem berechtigten Be- 
streben sich von den Übertreibungen der großen Tübinger Epoche zu 
befreien einen Teil der schon gewonnenen Erkenntnis aufgegeben hat. 



[Ab|(ichlai(ea ud 19, Juuur iijaj.] 



48 



E. Schwanz, Zu Eusebius Kirche nguchichte. 



Zu Eusebius Kirchengeschichte. 

Von £. Scbwartz in Gottliigen. 
I. 

Das Martyrium Jakobus des Gerechten- 

Über das Martyrium Jatobus des Gerechten, des Hcrrcnbruders, 
gibt es zwei Berichte, die Erzählung bei Joseplius [AI 20, ipgflT.], aus- 
g-czeichnet durch die berühmte Stelle TÖv dtöeXcpöv 'IricoO toö XEfOn^vou 
XpicroG, "läKuufoc 5vom« aOiu), und die christliche Tradition, die in 
reinster Form vorliegt in dem Bruchstück der Hypotyposen des Clemens 
bei Eus Kg 2, r*. Nach jener benutzte der Hohepriester Ananos der 
Jüngere die Zeit als nach dem Tode des römischen Prokurators Fcstus 
dessen Nachfolger Albinus noch nicht eingetroffen war, um das Todes- 
urteil, das ein Synhedrion unter seinem Vorsitz gegen Jakobus und einige 
andere als Übertreter des Gesetzes gefallt hatte, sofort in jüdischer 
Weise durch Steinigung vollziehen zu lassen, statt wie es bei Kapital- 
sachen erforderlich war, die schllel^liche Entscheidung' und die Voll- 
streckung des Urteils der romischen Beliordc anheimzustellen. Nach 
der christlichen Tradition kommt Jakobus in völlig rechtswidriger Weise 
ums Leben; er wird von dem Giebel des Tempels hinabgeworfen und 
dann von einem Walker mit dem Holz erschlagen. Eine weitere wichtige 
Differenz von Josephiis ist die, daß Jakobus allein umgebracht wird. 

Beide Versionen schließen sich aus. Trotzdem sind sie kombiniert 
in, der Darstellung, die EuSeb in der Kg [2. 23] aus Hegfisipps 'YttO)avti- 
^Grra wörtlich ausgezogen zu haben behauptet. Der direkte historische 
Wert dieser Darstellung ist durch eine solche Zusamraenklttterung zur 
Genüge bestimmt; dagegen ist es keine gleichgiltige Frage, ob Hegesipp 
selbst für diese konciliatorische Kritik, welche eine kirchliche Über- 
lieferung zerstört um sie der Autorität des Josephus zu accommodieren, 
in vollem Umfange verantwortlich zk machen ist. Das Problem kann 

1. a. »90J 



i 



E. Schwaxtz, Z\i Eusebius Kircheagesctüchtc. 



49 



nicht durch allgemeine Ratsonne rnents, sondern nur durch philologische 
Analyse des Testes gelöst werden; freilich ist diese nur möglich, wenn 
die Voraussetzung gerechtfertigt ist, daß der Text den wir jetzt in der 
Kg lesen, im wesentlichen derselbe ist wie der, welchen Euseb aus 
Hegcsipp abschreiben ließ. Das trifft zu; die Überheferung der Kg 
ruht auf dem Fundament von sC'chs bis sieben alten Handschriften,' xu 
denen die Übersetzungen Riifins und des Syrers accessorisch hinzu- 
treten, so fest und sicher, da^, wenn ein Text als verdorben und 
unverständlich sich herausstellt, mit Bestimmtheit geschlossen werden 
kann, daß die Verderbnis schon von Euseb vorgefunden ist Zur Gegen- 
probe dient, daß in den von Euseb selbst verfaßten Partien textkritisch 
bedenkliche Stellen außerordentlich selten vorkommen. 

Das Excerpt Eusebs aus Hegesipp, dessen Zusammenhang wir nicht 
kennen,' beginnt damit daß Jakobus Person geschildert wird, und zwar 
in der Form einer Motivierung des Beinamens 'des Gerechten'" 

[Kg 2, 23. *■ 5] öiaöextTOi -rfiv ^KKXnciav (jctö tüiv ÄnocTÖXujyJ 6 
iä6eX<päc toü Kupiou 'IdKUjßoc, 6 övoM.ac9eic ünö nävTtuv binaioc dnö TÜJv 
TOÜ Kupiou xpövujv fiexpi itai iintiv, inti noXXol 'IciKUjßDi ixa^oOvTO, oötoc 
b^* Ik xoiXiac MHTpäc aÜToG äyioc i^v, o?vov kqi dxepa oOk ^mev oibi 
2m|Puxov ftparev, Eupöv ^iri rfjv )ct(paA,r^v aÜTOÖ oÖK dv^ßii, iXaiov oiiK 
fiXetij;aTO, xai paXavtiiff oük ^xP^^^oto. 

Bis hierliin läuft die Rede glatt fort; daß den alttestamentlichen 
Erfordernissen eines Tt3 das Vegetariertum zugesellt wird, bietet keinen 
Anstoß. Was folgt, ist Unsinn; tOut^j möviij t£flv tlt rä cit»a ekievör 
oübi TÖp ^peouv ^(p6pEii dXXä civb6vac. Das Linnenkleiil war ein 
Vorrecht der Priester [Joseph. AJ 20, 216], das nicht dazu verdreht 
werden kann, daß der Verzicht auf wollene Kleidung ein Priesterprivileg 



' läh g^bIancbe die Sigkn meiner Aufgabe , tlereii erste Hälfte eben er- 
schienen Ist. 

' Lawlor [Hermatliena 1 1, lo ff.] liiit mit Kecbt betont, daß Hegesipps Tnopvi^^aTa 
kein hLtlorischcs Werk waren; es kann ihm aucb lugcsttuideii werden, da& die eusebi- 
:iiii5clien Excerpte gröfiteateils ans dem J. Buche genoinraea sind: aber sein Veisuch. 
eine uTsprunglicbc Kcilieafolge lu eruieren, ist sq wenig geglückt, ^vie dei ZbLils 
[FoTscIiungen 6j. Hier ^!t öic <iri n^snenJi. um die wicbli^cre Aufgabe nicht zu hemmen, 
die datriti bestellt die Worte Hegeitfipfi- wirkli-ch in verstehen. 

i Ad dem Ausdrucli stielt maa sich, weil er die landläufige Meinuiig, dafi Ja^liobus 
der erste Bischof von Jenisfdero gewesen tei, nicht klar genug ausmUrürken schien. 
Daher üb-eiselit Lvatt litn ^sffhiy Hieionymus [De uir. Ul, a] /urf apailobf. In aaderei 
Weise ha.ite sich Qemeiig geholfen [Eus Kg z, i)]. 

« Dei Gegeflsdli iwisdhen noXAoi und oÜTOC hi ist Schur und deutlich; aJ&q darf 
vor oCtoc nicht schwer inlcrpungicri werden. 

Zelticbrid IL il. neuteiu WLii, JihrE- IV. i^j, t 




verschallt hätte. Epijihanius hat sicherlich ebenso viel Anspruch als 
Hegesipp darauf zu den 'Einfältigen' gezählt zu werden: selbst ihm ist 
dieser Kausalnexus zu sonderbar erschienea, und er sieht in den Worten 
oiibi ^pcoOv 4(popci, 6X\ä civbövac; einen Beweis der Askese, reiht sie 
also der vorhergehenden Beschreibung von Jakobus Nasiräat an.' Femer 
ist die Gleichstellung des Jakobus mit den jüdischen Priestern nur unklar 
angedeutet; man verlangt mindestens zu fjoviu einen Zusatz wie TÜüv 
Tfic UpivcOvriC OÜK tiEitu^^Viuv oder dergl. Es nützt auch nichts, wenn 
man statt des von allen Handschriften und dem Synkellos Giorgios 
[p. 6389] gebotenen elc lä äfia die sehr alte Korrektur €ic tä ÜTia Tfiv 
ä-fiujv aufnimmt, die nicht nur von ZA, sondern auch von Hieronymus, 
Epiphanius [29,4 p. iigl". 78, 15 p. 1045''] und dem Kreter Andreas 
[Leben des heiligen Jakobus in den von Papadopulos-Kerameus heraus- 
gegebenen "AviXEKTa 'l£poco\u|jiTiKf|c cTöxuoXoTiac i, ro"] vorgefunden 
sein muß; ja in diesem Falle sind erst recht Zusätze nötig um Mi-Ü 
Verständnisse auszuschließen, wie die stark divergierenden antiken Para- 
phrasen besser als jedes Raisonnement zeigen. Andreas itms-chrelbt 
TOUTtfj fiövui iif]V elc lä äfia tuEiv ä-jivjv biö navTÖc eiciropeüeceai- 
ovbi. y&p äjtal, Kaöüntp ol tüj vö|iuj icai xq ckiö tüjv Inoupavtutv 
XaTp€Liovi£c Umgekehrt ist für Epiphanius Jakobus wirklicher Hohe- 
priester [2g, 4 p. 1 19I5. vgl, 78, 13 p, 1045*^] Iti bk not UpoTeöcavTcc qütöv 
KqTct Tiiv iraXaiäv tepwcüvriv eCJpoMev, b\ B Kai 4<pieio aürii' airctf toö 
iviauToü de Td öfiQ tülv dyiujv tiaivai, lüc xoTc dpxitpeüciv iniiXtuctv 
ö v6(ioc xaTÖ TÖ TeTpaMMevov." Vollends unmöglich wird das Sätzchen 



■ PuiAx. }8, 13 p. 1045c [ebenso 14 p. 1046''] iift' oti KCqxüLfic cfbripoc oAk ävt^Xecv, 

^vebfrcoTo, 5c Tpißuivtui ^k^xpI^o JliviJi (lovwTdxy]. 

■ Daraus leitet Epiphinius ab, dafi Jeikotws diis iiitaXav kia der Stirn geungen 
hätte [29.4 p- tig''- 78, I4 p. 10465«]; er kannle Jies Zckhcn der iiohenpTicBterlirhcn 
Wörde BUS dem AT. Aa£«[dem fügt er aus eigener Erfirdnng noch iv: oAtoc cav-- 
bd\lQV al>x OTietiVfo [7i, 14 p. 1046''], Infolge einer wuniiciUchen Konfouva seUt 
er füi den Kcchabitcn [Kg 1,231;] Simon Kl-opas Sohn, Jakobus Nachfolger, ein 
[78, 14 p. 104613]; die Geschichte die er 785 14 j). 104$» enählt, Ut -»uS dena Jakobiis- 
brief [s '7. i*] lierBusgesponneo. Er geniert sieb nicht, einen dieser ZusätEC aus- 
drüeklicli [29,4 p. iig''] aul Euseb «nd C]emeBK, d. h. auf die Kg, in der er Clemens 
citierL fand [z, 3j '•>], luriickEuruiircn, bat also a.u&cr der Kg nichts gehabt; nenn er sie 
auü Hegesipp ergimct hntle, würde er sein Licht nicht untei den Scheffel gestellt haben. 
Üeacbteaswert qher tsl, da£ er Clemens, nicht Hegesipp nennt i Z, tüüt Kg 3,33,3 6 
'Hfi'icniTrot auj und überaelit die Worte 2, 23 '■?, als ob dastände ToftTo bid ttWtouc 

KX»\ji1C, aiVt(»M bi TÖÜTOtC Kai &'Hf^tnrito<:. I fdlf aho das E»ceipt als ein Ektfeipt 

aus Clemens auf, und Cpiphanios wird den gleichen fehler begajigen hi.l>en. Das Miß- 
verständnis ist veranlagt durch eine alle Coituptel bei Ettsei>, an der herumkonjieiert 



E. Schwanz, Zu Eusebius Kirchengesclikhie. 



5T 



über Jakobus priesterüches oder hohenpriestcrliches Privileg durch die 
Fortsetzung: 

[Kg 2. 23'] KOI ^i6voc ctcinpxeTO ek töv vaöv riüpEcKetö te Kei'pcvoc 
tnl TOic f^vnciv kqi alro^^evoc bnip toO Xaoü äqiECiv. luc QTi£cxXr)K4vai 
TÖ T^vaTO auToü ftiKrjv Ka^^|i^ou. 

Nimmt mar an — und der Sprachgebrauch der kanonischen Evan- 
gelien berechtigt dazu — da& mit 6 vo6c der gesamte Tempelbezirk, 
nicht nur das den Nichtpriestern uniugängliche Tempelliaus bezeichnet 
ist, 50 kommt der Sinn heraus, daß Jakobus die Heiligkeit so weit trieb, 
allein und persönlich für die Versöhnung des jüdischen Volkes mit Gott 
zu beten. Hier geht also fjövoc ciciipXETO dz xöv vaöv auf eine Extra- 
leistung, unmittelbar vorher fjövu) eki^vai auf ein Extrarecht: das ej^ibt 
eine Inkoncinnität des Ausdruckes, die Hegesipp nur dann allenfalls zu- 
getraut werden konnte, wenn sonst gar kein AnstoÜ vorläge. Nachdem 
sich herausgestellt hat, daß das Kolon |iöviij ticUvai schon an und für 
sich spraciilich inkorrekt ist — ich schweige mit Absicht von den 
schweren sachlichen Bedenken — ^, bleibt kein Ausweg übrig als es fur 
eine alte Interpolation zu halten, welche motivieren sollte, wie der 
christliche Bischof dazu kam, den jüdischen Tempel zu betreten. Damit 
ergibt sich 2ugleich, daß de tö äfia die richtige Lesart Ist; Jakobus 
zum Hohenpriester zu machen ist eine Steigerung der Interpolation in 
gleicher Richtung. Wenn das Kolon TOÜTui-titievcn aus HegesJpps Text 
ausgeschieden wird, schließt oibi [top] ^pcoöv lipöpei, äWa civ66vac 
scharf an die Beschreibung der Askese an: Epiplianius, der von der 
Möncherei etwas verstand, hat mit seiner zu rechtschieben den Paraphrase 
des eusebianischen Excerpts instinktiv das Richtige getroffen. 

Auf den oben abgedruckten Satz über Jakobus Fürbitten für das 
'Volk' folgt eine müssige Wiederholung; 

&iä TÖ id xd|iTTTav iiti fövv npocKuvoOvTci tl|j 6eilj* kcli ctiT£lc6ai 



wurde- ÜberliefeTt ist toötö Sid iridtowc cuvifjU yt u\i KX^^cvT^ «d b 'H-p^ciiritoc. 
fiE TÜJ steht in TER, ist in t( -tu» Iciclii verdorben in D- Beides iü unveraiindlich, 
daher läßt A fe oder Te ganz aus nnd «eilt B ft tiJ) um lu TÜI "ft- Dagegen hat M die 
BCheintraj gulc K.oajcktui iii: sie kann s-ehr woh! £ <tai Epiptanios schop vorgelegen 
und ins ilmtn grmemBatne Mißvertnändnis TCtanlaCl haben, das weiterhin d^za fültri.c< 
6 'HiT^ciintoc I, 2^5 EL HreicLtn. Euseb schrltb ToOra 6id itXdTouc, (wi^jM t£<toi> 
TiJ» K^nntvn ktX. : oaiarTicli ist cuvipbd CcgcDsati nur eu biä TtÄdTOUC, nicht lu TaDio. 
Die Stelle preciigi Vorsicht im Gebrauch von Z. 

' So ist n^ch EH Synkellos Andreas [p, 10 "S] m lesen; D weicbt mit itiliA fivoTa 
TrpocxuvoOvTU Tiü Ö€iD nur wenig ah; die Lesung der Ausgaben npacKUvoOvTci tI|i 6 

4- 



Solche Dittographien werden noch öfter begegnen; sie haben sich 
meist tiefer in den Text eingefressen als hier, wo ein glatter Schnitt 
tat Entfernung genügt. Um so ärger wirds im Folgenden: 

P^ 2, 23'] b\6. ji TOI T^v {j-TTcpßoXriv Tfic btKaiocüvnc aÜToO ^KaXeTro 
6 biKaioc Kai liißXiac, ö teriv 'E^Xiivicti Trepioxii ^oü Xaoö, «ai öiKaiocüvri. 
üjc o\ Ttpo<pfjTai 6r|KoOciv ntpi olitoü. 

Die Setzte Hälfte des Satzes von Kai ftwaiocüvi] an ist unverständlich; 
ich sehe nicht wie diesem GalimathJas beizulcommen ist. Ebenso muß 
ich es den Semitisten überlassen cbßXicn; plausibel zu transkribieren; bis 
jetzt ist nichts gefunden, das unmittelbar einleuchtet. Dagegen ist ntpioxri 
TOÜ XaoG 'Festung des Volkes' vortrefflich, da irepioxri in diesem Sinn 
aehr als einmal in der LXX vorkommt, und paßt in den Zusammen- 
'^hang, so bald man nur mit den besten Handschriften nicht biicaioc, wie 
jetzt gedruckt wird, sondern 6 hkaioc liest' und Ttjc biKaiDcüvr|c entfernt. 
Wegen des Ubermaües der Fürbitte , nicht der Gerechtigkeit, hJeü 
Jakobus 'Veste des Volkes"; ific biKaiocuvric ist zugefügt, weil man sich 
nicht die Mühe gab zu Tf|V üncpßoAnV das Richtige aus dem Zusammen- 
hange zu erganzen.' Behält man es bei, so wird freilich EtiKoioc not- 
wendig, zugleich aber entsteht eine überflüssige und störende Wieder- 
holung. 

So weit reicht die Einleitung, die mit Absicht die Heiligkeit und 
Volkäfreundlichkeit des Herrenbruders ins Licht stellt, damit der dunkle 
Undank, mit dem ihm gelohnt wird, sich um so scharfer von diesem 
hellen Hintergrund abhebt. Der Bruder Jesu, der, selbst vollkommen 
heilig und anerkannt gerecht, für das sündige Volk zu Gott betet, ist 
das genaue Gegenstück zu Jesus sclbst.J Das Volk ehrt ihn, wie es 
Jesus auch geehrt hat; nicht das Volk, sondern böswillige Hetzer bringen 
ilin zu Fall. Wer waren nach Hegesipp diese Hetzer? Im überlieferten 
Text herrscht darüber eine seltsame Unklarheit. Dreimal werden die 
Schriftgelehrten und Pharisäer aU die Anstifter und Mörder genannt, 
an der ersten Stelle treten noch — sehr auffallend — die Juden hinzu:* 



tA rAv^ta beruht tuf den llondaclirirtcii ATEß., <l«ren Autorität gtringer ist, und ist 
darcb Reminuienz lui Eph 3 u enistanden. 

' 6 blKCilac T' 13DM (eine iiäufi^e Und raeisl du Ur^pHtUgliclle biet^pde Kombis alLon), 
blKQlOC A. T durcTi Risur, ER A Synltelios. 

' Nicht übel paraplifisierl Epiphaoios in' OircppoX^iv eOXaßEiac; nur verbinde! er 
(üe Worte falsch laii dem vorhcrgelieadcn Satz [jS, [4 p. 1046^]. 

3 Vgl. Hegesipp bei Euseb Kg 4.224 (itTd t6 jiapTupfleai 'IdwjjfSov töv bficaiov, 
die Kol ü Kvptot, ^iri T^J afmL ^ÖT*!'- 

I Mwi luuin vergleichen 'Lehre Addais' p. 2: "we (die Abgesandten Abgars) skhcn 



E. Scbwaiti. Zu Eusebius Kirch cngcsc hie hie. 



53 




Yig 2, 23 '" t^v eöpupoc Tüjv 'louftaiiov ttai YPctipiaTluiv kq! (papicotuiv 
XeTÖVTiuv ÖTi KivbuvtOei näc 6 Xaöc 'It^coüv töv Xpiciov TrpocboKdv. 

3,23" fcTpcav oöv oi TTpotipnM^voi ipaimaitic kqiI (tapicoioi töv 
'IdKtußov im TÖ irrepüfiov toö vaoö. 

2,23'* t6t€ näX.iv oi aÜToi yp^mmotuc xai <t>apicaioi npöc dXXnXouc 
EXetov '. . . dvapdvTtc KaTaßüX.iJujx£v qOtöv - . .' 

Dazu will nuq der Anfang der eigentlichen Erzählung^ gr^r nicht 
passen. Hier spielen nicht die Schrift^elehrten und Pharisäer, sondern 
die jüdischen Haeretiker die Hauptrolle, und das ist um so beachtens- 
werter, als diese auch sonst bei Hegesipp die Siindenbocke sind, auf 
welche die an den Angehörigen Jesu begangenen Verbrechen abgeladen 
werden, ' Freilich ist das was Euseb in seinem Exemplar des Hegesipp 
gelesen hat, sicherlich nicht das Ursprüngliche. Es gibt einfach keinen 
Snn, wenn es Kg 2,23' heiHt Tivfec oöv Tüiv iwrä aipifctoiv Tiiv ^v 
T<?t \a\ii Twv npö'reTpoja/itvuiv moi' ^ntJv9dvovTo üutoö Tic i\ 90pa toO 
HriCDO, Kai £\etev toütov eIvcci t6v cuiifipa. Das kann nicht bedeuten 
'einige Anhänger der sieben Sekten', da dann ättÖ nicht fehlen dürfte, 
und selbst das zugegeben, so würde das unmittelbar folgende ii nLv Tivtc 
^TTicTeticav 6ti 'Ii)c&Oc ^ctev 6 Xpicröc neue Schwierigkeiten bereiten: iDv 
mülite mit tiv^c tüjv Shtä aipeceujv gleichgesetzt werden, so daß 'einige' 
ein Teil von 'einigen' werden. Versteht man aber gemäß dem Wort- 
sinn 'einige Haeresen von den sieben genannten', so kann das nicht gut 
Subjekt zu ^nuvÖiivovTO sein, man erwartet vielmehr, daß ein Prädikat 
folgt, welches ein Unterscheidungsmerkmal der von der Gesamtzahl 



Chmtam mit Freu<len mitsamt delv Scliaten, die ihii begliiitetän, und sie Siliei) auch 
die Jaden, die in Haufen iu>>aminenstandeii und sannen, was sie ihm antun sollten'. 
Hier fehlt abet der seltsame Ccgensati von 'loutaial und vä< b \a6c. 

' Kg 4, 22 7 fjcav bi yv^Wi fcidqjopoi ^v Tf| rttpiToji^ ^v uloic 'kpari^iTiüv kktÄ 
zf\c qjuXflc 'loiJöa kqI roi> XpiCToO a(nav 'Eccaioi roAiJ-afoi 'HiicpoBatmcTal Macßujfleoi 

Zdfjapei-ffii ^^bovKaiul OaplCaioi, 'kpa^iXlruiV i$t von Vnlois aus (cpa^\ r{ -TüfV AT'M 

bcrgeilellt. (cpafiA Tiüv. wie die übrigen Handschriften lesen, ist SchlimmbesstrunE. Aber 
die SteUe ixt noch IceiscKwegi 1» Oirdnung, da Mdqiofioi und aiirai nicht nebeneinander 
stehen kSnncn. Vcnnntlich schriet) Hegesipp Ka^ä Tf|C ipu^c 'iotibci Kttl toO XpicxoCi 
aCiTf^c. Diese Mneretflcer oder richtiger einige von iliecti sind <!5, welcbe dem Stamm 
David», d, h. den Angehürigca dca MEssias, nächstellen, sowohl niatericll, indem sie 
die Enkel des Judaj und Simcon, den Vetter Je.iU, den Rämctn denunEicren [vgl. Kg 3, 19. 
iO. 2^\i iU auch spirituell; denn aus Ihnen gehen dit chrisllichet) Haeietikcr herVor 
[Kg 4. 12 ä]- 

• Dis duauf fol£«iide ^v rote *Yi[0)iv^M:{tciv ist Zasati Eusels; in einem Setb«!- 
citat kuin nur dann ein Titel vorkommen, wenn ein and«ics Werk citiert vrird) liier 
tuseb escerpiert gerade die 'TwonvrpaTO. 



54 



E. Schwa.rt£, Zu Eusebiu^ Kircheng eschichtc. 



abgesonderten SeJrten angibt. Die Fortsetzung läÜt wenigstens einen 
Ausweg aus diesem Labyrinth ahnen: 

[Kg 2,239] a\ bü aipictic ai xpotiprmcvai oiik ^nicTtuov oötc 
övÄcraciv oörc ^px6ji€Vov diroboüvai kin&ctiu icaiä rä IpTO aöroö- 6coi 
bk Ktti fmcTeucav, biä 'IdKLußov. 

Mit berechneter Absicht ist der Name Jesu weggelassen f damit 
scharf hervortritt, daß Auferstehung und Gericht überhaupt geleugnet 
wird, geleugnet von den Haeretikern der Juden, während das Volk daran 
glaubt und darum bereit ist in Jesus seinen Messias zu sehen, sobald es 
die Predigt von ihm vernimmt. Dagegen kann Hegesipp allen sieben Sekten 
diesen Unglauben nicht zugeschrieben haben;' er ist vielmehr schon im NT 
charakteristisch für die Sadducäer, und an diese muß Hegesipp in erster 
Linie g-edacht haben, da die Samariter' in Jerusalem nicht in Frage kommen. 
Sprachlich ist aul^erdem anstößig, daß man nicht weiß worauf denn al 
aipECEtC ai TtpoeipTm^vat zu beziehen ist, ob auf die schon kurz vorher 
citierte Auseinandersetzung über aLe sieben Sekten oder auf Tiv^c töiv 
imä tÄpictwv. Alles schiebt sich zurecht, wenn man die Frage an 
Jakobiis, die im Verlauf der Erzählung noch einmal vorkommt [2, 23'"] 
und hier zwecklos ist, weil sie ohne Folge bleibt, entfernt: 

Tivk oüv TÄv ^Tträ. alpkcujv riiv kv tüj Xaiii töiv TrpOTeTpQMMvuiv 
yoi [äwuvödvoVTO aüroö tIc 1*1 SOpa toO 'IticoO, kq! IActev toOtov CiVai 
TÖv cüUTiipa' ££ JJv nvec ^TricTeucav 5ti 'IrjcoOc icuv 6 Xpiciöc. al bh 
alp^ceic a! irpoeipri^cvai] oük iiricTeuov oöre dväctaciv oute ^pxdMCVOV 
dnoboOvai ^KicTiu kotö tö Spfci aÜTOÜ' Öcoi hi Kai Enicxeucav, biä läKuißov. 
Zugleich fällt der Widerspruch zwischen tivk i-rricTtucav und ttoAXiüv- 
mcTeuövTiwv [2, 23 '"] fort. So viel laÜt aber der Text auch für den, welcher 
der von mir vorgeschlagenen Reinigung nicht zustimmt, erkennen: die 
Haeretiker geraten zu Jakabus in Gegensatz, weil er ihren Unglauben an die 
Auferstehung und das Gericht bekämpft und mit Eri'olg bekämpft. Dazu 
paßt die Antwort die Jakobus auf dem Giebel des Tempels erteilt 
[Kg i, 23^^], welche das Wort des Herrn vor dem Hohenpriester Mattli 26'*. 
Marc 14'* paraphrasiert; der Parallelismus der Situation ist klar und 
beabsichtigt. Hingegen wird der Aufbau der Erzählung zerstört, wenn 
sich plötzlich an Stelle der die Auferstehung leugnenden Haeretiker die 
Juden, Schriftgelehrten und Pharisäer schieben; die Haeretiker müssen 



■ Es gen&gt für die Pharisäer luf Jos AJ i8, 14, Bf 2, 163. Epiphao 1, 16' p. j+c, 
ßr die Esseoei auf Jos AJ iS, 18. BI a, 154 f., Tiir die HeneiobaptiBten luf Epiphan 1, 1 j 1 
p. 57» /u verweisen. 

* VßL E.piph«n 1.9^ p. 15*. 




E. Schwarcz, Zu Eusebius Kirch engeschiebte. 55 



die Träger der Handlung bleiben. An drei Stellen erscheinen, wie schon 
oben gesagt wurde, die Scliriftgelehrten und Pharisäer; iweimal ist Tpa)J- 
^lareic und (papicoioi nur ein Zusatz zu ol irpotipiifievoi [Kg 2. 23 '=] oder 
zu oi Q'^TOi [Kg 2, 23 '■']. Er ist leicht zu entrcnien, nur muß die richtige 
Beziehung für die nach rückwärts weisenden Ausdrücke geschafft werden. 
Die erste Stelle ist nicht nur um des gesamten Zusammenhanges willen, 
sondern auch an sich voller Schwierigkeiten: 

[Kg 2, 23'°] TToXXtiv oCiv KCl TÜJV äpxövTUfV TTiCTeuovTuiv, i'jv eöpupDC 
TÜJv 'Jouftaiujv Kai TpOMfiaTluiv kqi tPapicaimv AtfövTUJV öti mvÄuVEiJei itäc 
6 Xctoc 'Iticoijv töv XpicTÖv irpocÄOKäv. 

Dali TÜJv 'louiiaiiuv einen sinnlosen Gegensatz zu 6 ^.aöc schaff, 
habe ich schon angedeutet; der richtige, der von Hegesäpp fortwährend 
betont wird, sind die Haeresen gegenüber dem Volk. Wer sollen femer 
die 'Herrschenden' und gar die vielen 'Herrschenden' sein? wie ist denn 
der ganze Tumult, die Ermordung des Jakobus noch möglich, wenn die 
'Herrschenden' zum großen Teil Christen geworden sind? Ganz abgesehen 
davon, da.ß, ich will nicht sagen die historische, aber die neutestament- 
liche Auffassung der Verhältnisse auf den Kopf gestellt wird, wenn die 
leitenden Männer der Juden zu Anhängern Christi gemacht werden. 
Hier hilft nur ein kühnes Mittel, aber es hilft sofort und gründlich, so 
dali es keiner weiteren Worte bedarf: itoXXluv ouv mcTtuoviujv, i^v 
eöpufSoc Tiüv (ipxövTUJV XtT'ivTiuv, Die Führer der Haeresen, genauer 
der Sadducäer, die zugleich auch die Vornehmen unter den Juden waren,' 
werden unruhig, daß sie so viel Anhänger verlieren; auf sie bezielien 
sich nunmehr die Verweisungen an den beiden folgenden Stellen; sie 
sind empört über das Zeugnis des Jakobus für den Glauben an die 
Auferstehung und den der da kommen wird zu richten. 

Die Unterredung der Haeretiker mit Jakobus [Kg 2. 23"''"] ist durch 
Doubletten stark erweitert: napaxaXo u|jtv c^ ~ napaKa^oö^iev c^; töv 
Xoöv inti inXctviieii de 'Jr|COi>v -^ töv öx^ov irepi 'Iticoö m"! nXaväceai; 
TTÖVTac Toüc ^X66vTac cic Tf\v fwiipav toö röcxa — ^>^ä TÖp tö ttöcxö cvv€- 
XnXüQctci TTCtcai ai tpuXai jutTÖt kcü tlüv £@vtüv: coi -fäp n«VT£c n£i66jj.e0Gt, 
i[\itiz -jap . . » Kai näc 6 Xa6c ~ truc 6 \abc tai ndvTtc ncifiÖMSÖö coi. 

Es ist bei solcher Häufung von Dittographien, die den Gedanken 
kaum variieren, schwer, wenn nicht unmöglicli das Ursprüngliche wieder 
herzustellen; was ich vorschlage, soll nur als Versuch gelten; 



I Auf die WM dts. Wort« wird Pi zi Dnd Act 4.S EinHuC gehabt haben. Vgl. 
auch Luc 141. 



SS 



E. SchwartE, Zu Eusehius Kir ch enges ehichte. 



irapaicaXoöp^v ce, ^iricxfc töv Xaöv, dnel ^TrXavir|eTi eic 'liicoöv liic 
DÜtoü övToc Toö XpiCToO. [napaKaXoöM^v « TOicai iriivTac toüc i\%6vTac 
cic Tr|v HM^pav ToO Ttöcxo "epi *Cr|coö] coi top TTovrec Tteieöfitea* ^pek T-äp 
fittpTupoüM^v CD1 Kcti iräc Ö Xctöc 5ti biKOioc ci Kai ön Trpöcwnov oO Kafißä- 
vtic. [neTcov otjv cü töv ßx^ov ntpi 'Incoö ^li} rXoväcSar Kai föp näc 6 
>aöc Koi nävT€c nti9ö|iieflä coi]. cxriBi oüv ini tö mepÜTiov rou iepoö, 'ivct 
dvujötv flc dmipavi^c Koi fi eOÖKOUCTd cou tä ^tiyaTa navii tui X04». 
biä T^tp TÖ TTäc)^a cuvtXriXüöaci Tidccai a^ 9L}hal fifTÜ kqi tü>v ISviLiv. 

Jakobus legt, wie Jesus vor dem Gericht des Hohenpriesters, so vor 
den Haeretikern und dem Volk Zeugnis ab für die Wiederkunft des 
Messias. Die Haeretiker beschlicUen i2m hinabzustürzen j mit dem Ruf 
•wehe, wehe, auch der Gerechte ist den Weg des Irrtums gegangen'.* 
stiinnen sie hinauf und werfen den 'Gerechten' hinunter. Unmittelbar 
darauf heißt es: 

[Kg 2,23'*] Kol fXetov dXXnXoic 'Xle(ScuJ^fv 'Iükuj^ov töv öiKOiov'. 

Das ist sinnlos; sie haben ja eben erst zu einander gesagt 'wir 
wollen hinaufsteigen und ihn hinabstürzen, damit ihnen bange wird und 
sie ihm nicht glauben' [Deut 17 'j], Freilich wird dieser Wechsel der 
Entschlüsse in gewisser Weise durch die Fortsetzung motiviert: 

icai fipEavTO VtÖdZeiv aüiöv, ^icei KOxaßXiiOeic oük dirlBavtv. 
aber die Motivierung hinkt nach und steht an falscher Stelle. Wollte 
man das hinnehmen, so bliebe noch die Inkongruenz, daß zwei Mittel 
angewandt werden um den Hinabgestürzten vollends umzubringen, die 
Steinigung und das Erschlagen mit dem Holz, und wenn dies wiederum 
als für die Grausamkeit der Mörder charakteristisch entschuldigt werden 
sollte, so äteht dem entgegen, daß der Text das mit keinem Wort 
hervorhebt Nimmt man nun hinzu, daU Clemens von der Steinigung 
nichts weiß, sondern nur das Hinabstürzen und Erschlagen mit dem 
Walkerholi kennt, so ergibt sich als ursprüngliche Fassung; 

ävaßdvTic oüv KQT^ßaVov TÖV blKOiov Kai ^tteI KQToßXiideic OÖK dlT^- 
6av€V, Xaßtljv Tic dir' aürüuv, ttc tlüv xvacpeuiv, tö EüXov, ^v iIi dnomtZ« 
TÖ l|jdTia, Fivt'P'tv KQTÖ Tfic KcqsaXrjc toö itxoiou, Koi oijtujc ^^apiüpnccv. 
Das Zwischenstück» ist eine Nachbildung des Martyriums des 



' CxpaEav X^tovtk 'A iT), HbX ly hivav>t ^w^avi^Sn'. Oi 4i ist du ailteBtamentlicUe 
MB; rgL N'um 24'j. Über die l.csart des Sprachcs Jes 3'" vgL Zihn, Forsch. 6,331. 

» a, 23'; h&t Euseb einen durch ein Glossen entstellten Teil •bschreibeti lassen: 
tlc Tu>v Up^iuv Titiv [uliliv 'Pnxäß uloO) 'Paxa&ilft. 'Paxoßelti war dutcli uliüv 'Pnxdß 
glaisierl, dies drnng in den Text und wurde liarch einen aw^ilen Einschub -uloO der 
KoDiUuktion eingcfiLgt. D«5 gaai dnxluichtige Bcüjiicl leigt, wie äbel lugericbtet das 



V 



* 



Stephanos, veranlallt durch die Erzählung des Josephus, mit der die 
Legende ausgeglichen werden sollte. Wie jede Harmonistik, so zerstört 
auch diese das was sie flicken möchte; aber Hegesipp ist an der Zer- 
störung unschuldig. 

Auch der Schlaft ist nicht intakt geblieben. Zwar der Satz itai 

^ÖQIIJQV QOtÖV Im Till TÖTTIV TTCIpä Tl^ VOtÜ, KOI CtI ttÜTOÖ l'l CTliXll |Ll*V£l 

nccpä TU) vaili ist leicht in Ordnung' gebracht, wenn man das zweite 
napä Tuj vaiij als Dittographie entfernt; dann schwindet auch das Be- 
denken, welches Rufin veranlallte das ganze Kolon von Kai lii aüroö 
an zu streichen, daü nämlich zu Hegesipps Zeit der Tempel nicht mehr 
stand. Aber der folgende Satz 

fiApTuc oOtoc dXTiötit 'louöaioic te Kai "EXXticiv fETtviTai ßn 'Irjcoöc 
6 XplCIDC iCTW 

ist eine um so unerträglichere Wiederholung von oUTtuc i}Hipiüpr[Ci.V, ab 
MÄpTüC TtT^VTirm in vollem Wortsinn genommen ist, ^MOpTtPHcev (er 
wurde Märtyrer) das einfache 'er starb' ersetzt. Femer kann der 
letzte Satz: 

Kai ttöiic OuecTiaciavöc noXiopKti aüioüc 
weder mit dem unmittelbar vorhergehenden verbunden werden — denn 
sonst bezieht sich ■aütoOc sinnlos auf 'louj>aioic re Kai "EXXriciv — noch 
mit 2ti öütOÜ f] (tiiXt} fifvei — dem widerspricht koi eOöOc. Aus alledem 
ergibt sich, daß die Worte KOi fÖaipav aÜTOV — 6 Xpicröc icnv ein fremder 
Einschub sind, und Hegesipp seine Erzählung mit den Worten schbli: 

KQi oÖTuic ^napTÜpiTjcev. koi £Ü9üc Ovecuaciavoc noXiopKti oOtotjc. 

Hegesipp hat selbstverständlich die Legende vorgefunden; ob Clemens 
sie von ihm oder auf anderem Wege erhalten bat, ist gleichgittig. Daß 
die Erzählung eine Legende ist, hätte nie bezweifelt werden dürfen; eine 
Apologetik die sie wörtlich nimmt, macht sie eben so stumm, zerstört 
sie ebenso wie jener Interpolator, der sie durch Akkommodation an 
Josephus historisieren wollte. Die poetische Mache ist kunstlos und 
durchsichtig. Der Tempelgiebel, auf den Jakobus geführt wird um Jesus 
zu verleugnen, ist derselbe wie der auf den der Versucher Jesus stellt: 
den einen kann man ao wenig lokalisieren wie den anderen. Jakobus 
zeugt fiir die Wiederkehr des Messias wie Jesus; et stirbt durch das 
Holz wie Jesus am Holz. Das Wort des Jesaias, das als Weissagung 
von Jesu Leiden galt,' wird auf den Herrenbruder bezogen, und darum 



von Euieb benutitc Exemplar Hegcsippi yrax, und wie hoch die Verderbnis solcher 
Texte hinaurrcichen kann. ' Zahn, Foisch &, zjl. 



die Belagerung Jerusalems als unmittelbar eintretende Strafe seines 
Mordes aufgcfalit. Die Legende kümmert sich nicht darum, daß diese 
Chronologie ungenau ist, daß ihr schematisches ParallelJsieren keine 
Linien ergibt, die sich in das Bild des jüdischen Krieges hineinzeichnen 
lassen, der schon lange zu toben begonnen hatte, ehe Vespasian vor 
den Mauern der Hauptstadt seine Schanzen aufwarf, um das blutige 
Drama zu Ende zu bringen. Sie hat keine Ahnung von dem jüdischen 
Gerichtsverfahren, macht nicht einmal den Versuch ein solches zu erfinden, 
und hebt doch nicht hervorj daß das formale Recht verletzt ist: es 
existiert einfach für sie nicht, so wenig wie die römische Oberhoheit. 
Ihre Tatsachen sind alle nur ein Gleicimis, von keinem Pragmatismus 
£u fassen; nicht sie sind geschichtlich wichtig, sondern dalJ es christliche 
Kreise gegeben hat, die das Geschick des Herrenbruders zu einer 
Wiederholung der Passion gemacht haben. 

Josephus behauptet, der Hohepriester Ananos, der Jakobus hinrichten 
ließ, sei ein Sadducäer gewesen. Davon hat sich eine dämmernde 
Erinnerung bei liegesipp darin erhalten, da& die jüdischen Haeretiker es 
sind, welche Jakobus umbringen, während das Votk Hosanna ruft, wie 
beim Einzug Jesu in Jerusalem. Der Zug kann der Legende angehören,' 
kann von Hegesipp schärfer herausgearbeitet sein; richtig verstanden,, 
ist auch er von Bedeutung. Das Judentum wird idealisiert, so idealisiert, 
dass der Gegensatz zum Christlichen versehwindet. Jakobus vollkommene 
Gerechtigkeit ist jüdisches Nasiräat; er betet im Tempel für da* Volk; 
das Volk ist willig ihm zu glauben. Die Sadducäer, welche die Auf- 
erstehung leugnen, sind an aLem schuld, am Mord des Gerechten und 
an der Zerstörung Jerusalems. Jede Erinnerung, jede Kunde davon ist 
geschwunden, daü die leitenden Kreise, gerade die Sadducäer. sich gern 
mit Rom vertragen hätten, und die Fanatiker die Katastrophe unvermeidUch 
machten. Es ist schwer sich vorzustellen, daß in Jerusalem, ja injudäa 
die Erinnerung an das Geschehene sich in ein, höchstens zwei Menschen- 
altem so hätte verschieben können.^ 

• Es ist nüulicb, die Dispuilation der Apostel mit den jüdischen Sekten aemenL 
recogn. i, 54 S, t.a verginclicn, 

» Digegen ergeben »ich gcwbse Walirsclicinlichlteitep aus der Konnbmation von 
Epiph&n 29,7 p. 123''. ^0,2 p. 126"^ mit A&ikanut bei Euseb Kg l.JH; nur will ich 
meinen Verdacht nlchl unter d rücke n^ däC die Rückführung dieser 'Huuener' oder fcec- 
ir&cuvoi auf die Urgemeiode van Jcrusolein vermittels des von Emieb Kf 3, 53 bcichieten 
Orakels fiktiv ist Sicher ist, 4aü .^frikaaus keine AufzeicliDungen der ^ECiröciiyDi 
gcltabt hat; daa ceigen seine Worte Kg i. 7'4 Fi nvinio-vfücavTtc t\ iKktuc Ixovnc 
& AvnYpdfpUlV, DikS 'Ulieh der T^e' ist niiliht^ anderes äls die pArAleipeineni; di« 
Stelle iR kchvB von Eu^cb korrupt vorgefiuiden. 




Der Interpolator verstand das nicht mehr, und konnte es nicht ver- 
stehen, wenn er den Bericht des Josephus hineinbringen wollte. Er hat 
wenigstens eine Alinung von jüdischen Dingen, und stößt sich dära.n, 
daD ein Nichtpriester den Tempel betritt Ihm ist der Gegensatz 
zwischen Juden und Christen lebendig, und so ersetzt et die Haeretiker 
durch Juden, Schriftgelehrte und Pharisäer, nach neutestamentlichem 
Muster. Wie Gamaliel in der Apostelgeschichte, nimmt bei ihm der 
eine Rechabit Partei für den Gerechten. Er kennt die Verehrung der 
Märtyrergraber , und vermißt in einem Martyrium die Envähnung des 
Grabes, das er schlankweg erfindet.' Jakobus ist ihm, wie jeder Märtyrer, 
ein Zeuge nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden. 

Hegesipp ist vermischt um der Konkordanz mit Josephus willen. 
Das Umgekehrte ist ebenfalls geschehen, und die Vermutung liegt nahe, 
daß beides mit einander zusammenhängt. 

Die Behauptung Hegesipps, daü die Belagerung Jerusalems die 
Strafe für den Mord des Jakobua gewesen sei, sollte durch das Zeugnis 
der kompetentesten judischen Autorität gestützt werden: dann schien 
die Konkordanz zwischen dem Juden und dem Christen genau genug um 
der gelehrten Apologetik ein vollwichtiges Argument zu liefern. Schon 
Origenes hat sich tauschen lassen: 

[Comm. in Matth. lo, 17]' ittl tocovtov bi biiKaix^iv-/ oötoc ö 'lÖKUjßoc 
iv i<ii Xaqj hd ölKttlocüvri, ii>c tl>>.ä0iov "liüciinov dvüTpäipavra ^v tfitoci 
ßißXioic Tnv 'loüftdiKiiv dpxaioXoTiav. tV ahiav napacTticai ßouXÖMCVOV 
Toö TÖ TocctÜTo ntTiovfltvoi töv Xoöv , die Köi TÖv vttöv KCiTacKa<pfivai, 
eipriK^vat kotö Mrjvtv ÖeoO laöra aÜToTc dirrivTnKlvai b\ä tu eic 'IdKiußov 
TÖV öÄeXcpöv 'li]coö TOÖ XtTOM'^vou XpicroO xjjf aÜTitiv TtioX^iiifi^va. xaCioi 
Qav\iacTÖv iciiv ÖTt töv liicoOv f\}iü>v oü KaTafttEä^tvoc ovai Xpicröv, 
oOitv fiTT&v 'loKiXißuj ^imiocOvTiv ^liapTüprjct TOcaOrriv. \if€\ bi öit Koi 
ö Xaöc Tcöra ^vöfiiZi bxä töv 'IdKuißov freTrovöevai, 

Euseb fuhrt die interpolierten Worte 2, 23 " in direkter Rede als 
Zeugnis des Josephus an. Die Überlieferung des Josephus Iiat besseren 
Widerstand geleistet als die Hegesipps; in den Handschriften ist keine 
Spur der Interpolation zu finden, und es ist sehr unwahrscheinlich, daü 
Origenes und Euseb sie direkt aus einem Exemplar des Josephus ent- 
nommen haben. Umgekehrt ist ihr Fehlen in den Handschriften des 
Josephus der sicherste Beweis für die Echtheit der schon im Eingang 



I Zahn, Farschun^«» 6, 333 weist mit gioDer GelehrsuAkAit nttcb, daQ es üb«r 
das Grab des Jokobiis keine feste TraJition £*(>, 
' Ahnlich, nur kütierj c. Cels i, 4^. a, i3- 



Euaebius Kirchen fcscbichte. 



dieses Aufsatzes citierten Worte [AI 20, joo] töv d6£X<pöv 'liicoO toO 
UrOM^VOtJ XpiCTOÖ, 'lÖKüJßoc ßvo^a oOti+f. Sie sind nicht zu entfernen, 
es sei denn, dal^ man den tollen Einfall ernsthaft nimnit, den ganzen 
Bericht über Ananos den Jüngeren für unecht zu erklären. Es ist auch 
g-ar nicht abzusehen wanim Joscphus nicht von einem s. g. Messias 
gesprochen haben sollte. 

Der Versuch Josephus in christlichem Sinne zu verfälschen, steht 
nicht allein. Ich verzichte darauf das berüchtigte testimoniimi Fläviauum 
von neuem zu diskutieren, und ziehe es vor auf einen anderen Fall auf- 
merksam zu machen, der weniger beachtet ist. 

Euseb behauptet Kg 2, lO, daß Josephus und die Apostelgeschichte 
die plötzUche Erkrankung und den Tod des Herodes Agrippa überein- 
stimmend erzählen. Nach dieser [i2'3] schlug der Engel des Herrn den 
König weil er Gott nicht die Ehre gab, sondern es sich gefallen ließ, 
daü das Volk ihn Gott nannte. Der Engel erscheint auch in dem 
Excerpt, das Euseb aus Josephus AI ig, 343^- aufgenommen hat: 

[Kg 2, 10*] dvoKÜvoc hi \itT' öXltov (nachdem seine Höflinge ihn 
Gott genannt hatten), xrjc JauTOö K«j)aXfic üitepKaÖtCöpevov ti&ev ÖTreXov. 
toOtov eöeüc 4vör]C€V koküiv tivai uinov, lov Kai rroTt tuiv di-faöäiv f tvö- 
pevov. 

Die Übereinstimmung ist in der Tat sehr groß, nur steht bei 
Josephus etwas ganz anderes: 

[AI 19, 346] <ivaKüitiac ^' oöv jjer" «ä^iTOV töv ßoy&üjvo nie ^outoü 
KEqpaJific 6n£pKa0tZ6(ievov€ili£V^Tri cxoivfou Tivöc. (ärft^ov toötov eü6üc 
ivör|C(V KöKiüv eJvai töv Kai iroTe toiv ötoöiIiv tsvöiievov. 

Die letzten Worte gehen auf den AI [8, 195 ff. erzählten Vorfall; 
als Agrippa auf Tiberius Gelieiü in Capri verhaftet war und vor dem 
Palast in Fesseln stand, sah ein germanischer Gefangener den Uhu 2U 
seinen Häupten auf einem Baum sitzen und prophezeite ihm, daß er bald 
zu Macht und Ehren gelangen wurde; wenn er aber den Uhu wieder 
erblicke, sei ihm sein Ende nahe. 

Die Handschriften T'ER der Kg, in denen der Text der Joseph us- 
excerpte systematisch nach dem Original durchkorrigiert ist, geben die 
Stelle so wie sie bei Josephus steht; das geht nur die Überlieferungs- 
geschichte an. Es ist ebenso sicher, daß Euseb die raffinierte Um- 
prägung von dfTfXov mitgeteilt, wie daü er sie vorgefunden hat. Eine 
Spur der Interpolation findet sich auch in den Joseph ushandsehrifteti. 
Es besagt nicht viel, dal] die Epitome ^Tfi cxoiviou tivöc auslaßt; wenn 
aber in zwei Handschriften. MW bei Niese, steht dfTfeAov toütov eüöOc 



£. Schwaiti, Zu Euscbius Kircliciigescbichte. 



6l 




* 



» 



I 



^vöiiHv waKÜJV €ivai ainov töv Kai noxi tüiv ÖYaeüJv x^vöpEvov, so 
verrät sich dann der Versuch die christliche Lesart hineinzubringen. 

Man ist geneigt, in all diesen Fälschungen ein und dieselbe Hand 
zu vermuten; aber wer es war, wird niemand erraten. Nur können sie 
nicht älter als Hegesipp und nicht jünger als Origenes sein. 

IL 

Zur Abgarlegende. 

Für das interessanteste Stück der Abgarlegende [Kg r, 13] gilt die 
Korrespondenz zwischen Abgar und Jesus. Das ist nicht unberechtigt, 
aber es wäre unbillig, darüber die Erzählung von Thaddaeos Auftreten in 
Edessa, die sich an die Korrespondenz anschließt, zu vernachlässigen. 
Die Form in der Eusebius sie mitteilt, ist sonderbar genug, Ich sehe 
ganz davon ab, daß in einigen Eusebhandschriften [ERBD] der Text 
stark enveitert ist; das ist sekundär, und weder EA noch die indirekten 
Repliken der Kg kennen diese Erweiterungen. Es kann nicht zweifelhaft 
sein, daß ATM + ZA im wesentlichen das erhalten haben, was Euseb 
geschrieben hat; aber je bestimmter das festzuhalten ist, um so scharfer 
treten im Gange der Erzählung und der Unterhaltungen Unebenheiten 
hervor, mit denen die historische Untersuchung der Legende sich wohl 
oder übel wird abfinden müssen. 

Thaddaeos ist nach Edessa gekommen, Abgar, der von ihm gehört 
hat, bescheidet Tobias, den Quartienvirt des Missionars, zu sich und 
spricht zu ihm: 'ich habe gehört, daß ein Fürst in deinem Hause ab- 
gestiegen ist; bring ihn zu mir". Anders können die Worte fixouca öti 
dvi'ip TIC ÄuvöcTric ^Xetüv Karf^€iV£V Iv t^ cfl oMcf. [Kg i, 13 'J] 
nicht übersetzt werden. Die antiken Übersetzungen haben mit ä.vf\p Tic 
itmict^i nichts anfangen können und interpolieren dafür 'ein starker, d. h. 
ein wunderkräftiger, 'Mann' [uir quidain potens A; jjlJ ^ .*** ^ Xis^,^^^. 
Damit wird diese Schwierigkeit um so weniger erledigt, als noch andere 
hinzukommen, Tobias kehrt zu Thaddaeos zurück und erzählt ihm den 
Befehl Abgars, mit dem Zusatz Iva eepaiteücTic aüröv, wovon Abgar 
nichts zu ihm gesagt hatte und auch nichts sagen konnte, wenn er von 
einem Fürsten gesprochen hatte. Thaddaeos antwortet 'ich gehe zu ihm'. 
Man muß erwarten, daß das sofort geschehen wird; statt dessen heißt 
es weiter: ^pQpEcac oijv 6 Tujßiac tt) \i.i\t. Kai Trapn^oßiiiv töv 9a&baiov 
— als hätte Thaddaeos eben vorher nicht gesagt 'ich gehe hin', sondern 
Tdhre mich hin' — i^Xaev Tipöc t6v 'Aßtapov. Die Erzählung läuft nur 



a 



62 



E. Schwarte, Zu Emebius Kirchcn^eschicfate. 



dann korrekt weiter, wenn man entweder die Unterredung zwischen 
Tobias und Thaddaeos oder das Sätzchen öp9p(cac-"AßT"pov für unecht 
erklärt. Für die zweite Alternative spricht die Fortsetzung üjc 04 dv^ßn- 
Das mu& von Thaddaeos gesagt sein, kann es aber nicht oder nur sehr 
schlecht, wenn der Satz vorhergeht in dem Tobias Subjekt ist; dag'egen 
schließt luc bi ävi^tt ausgezeichnet an das Wort des Thaddaeos dvaßaivuj 
an. Anstößig bleiben in den Worten des Tobias Iva OtpaHtücric 
nijTDV, in denen des Thaddaeos fTTiei&rjirep 6uviS(jei nap' aÜTüi dirsCTaXiaat, 
worin 6uvä(i€i eine sprachLiche Unmöglichkeit ist: man erwartet ^v &uväiaei 
oder iv bwAfiii Öcoö. Der Anfang der Ersälilung bietet zunächst 
wenigstens, keine Aufklärung, sondern macht die Sache noch ver- 
wickelter. Abgar erhält die Meldung: 'ein Apostel Jesu ist hier an- 
gekommen, wie er dir geschrieben hat'; danach ist also der Brief Jesu 
in Edessa allgemein bekannt. Dann geht es so weiter: Thaddäos voll- 
bringt wunderbare Heilungen; als Abgar von diesen großen Wundem 
hört, kommt ihm eine Ahnung, er könnte derjenige sein den Jesus 
in seinem Brief ihm angekündigt hatte. Das sind zwei Einleitungen 
die sich ausschliefen, Von vornherein verdächtig ist der Zug. daß 
Thaddaeos gleich mit den Mirakeln anfangt, ehe er Abgar selbst kuriert 
hat. In der ganzen folgenden Erzählung wird auf diese wirksamste 
Legitimation des Thaddäos nirgends turiickgegriffen [vgl. besonders 
U 13'*]; femer lautet das Versprechen Jesu und damit das Mandat des 
Missionars dahin, daß Abgar geheilt werden soll. Es ist nicht auffallend, 
wenn nach der Hauptperson auch einer der Höflinge kuriert wird, aber 
es stört den Aufbau der Erzählung empfindlich, wenn durch die sofort 
einsetzende Wundertätigkeit des Missionars die Scene bei Hofe ihre 
dramatisclie Spannung verliert. Umgekehrt begreift sich sehr viel 
leichter, dali Abgar zunächst nur ahnt, daß der angekündigte Scndhng 
Jesu da ist, als. daß ihm dies direkt gemeldet wird, und die auf den 
ersten BÜck seltsamen Worte, die Abgar an Tobias richtet, werden nur 
durch Jene Version verständlich. Abgar will vorsichtig vorgehen und 
seine Absichten und Hoffnungen nicht vorzeitig verraten; darum motiviert 
er seinen Befehl an Tobias nicht mit seiner Ahnung, sondern mit der 
Unterstellung, daß der angekommene Fremde ein vornehmer Mann aei, 
den er bei Hofe zu sehen wünsche. Natürlich kann dann Tobias nicht 
zu Thaddaeos sagen Iva ÖEpaiteucqc qütÖv, und dieser muß einfach 
antworten dvaßafvwj ^netinintp irap" aÜTiji dn^craXuoii:' nur er und 

>- Ruri» koDJizierl nkcht übel guoruam maxime firof'ief iflium mismi tum; nur iit 
majtimt falicL 



Abgar wissen von dem Brief Jesu, öuvdnei ist der Rest einer Glosse 
Iv 6iivd)i€i Geoö [vgL i. 13"], die wegen 'iva OepaiTeücric aÖTÖv ein- 
geschaltet wurde. Wahrscheinlich hat außerdem die Erweiterung des 
Anfangs dazu geführt, dali die Angabe, Thaddaeos sei bei Tobias ab- 
gestiegen, wiederholt wurde; doch mag man das immerhin entschuldigen, 
es kommt wenig darauf an. Die Eraählung lautete also ursprünglich: 

MtTÖ &£ TÖ dva^iiipönvai TÖv "IticoGv dTrlcxeiXtv aÜTdj "loOöac, ö Kfti 
6LU|iiic, Onbfca'iov dnöcToXov, tvo. tiüv ^ßbOfinKOvtd' Sc dXQwv xcctemevev 
rtpöc Tunpiav Tov 70Ö Tiupia. ujc H ^Koücöri ntpi niiToö, I)irivü9ri tüj 
'APfdpuj ÖTi ^Xii\u9ev dnöcroXoc iviaOQa toO 'lr|COÖ, xa\ iv iinovoiq 
T^TOV£V Übe ÖTI aÜTÖc ^ctiv irtpl oG 6 'Iricoüc dnecteiXev Xiyvjv 'ttitiböv 
ävaXii(p6üi, önocTeXüJ cof Tiva tüiv jiaeriTiüv nou, öc TÖ Tidcöoc cou WceTai'. 
|ieTaKaX€cä|jtvoc oßv töv Tujpiav tmtv 'iiKOUca öti dwrip Tic iuvdcTijc 
^XÖLÜv iiaT^(i€iv€v €v Trj er) oiicii^, dva^aTe aiiTOV irpöc ti€. tXöiLv 5e ö 
Twßia-c TTflpn Gaiböiifj, ciirev cötüi '6 TOiröpxnc 'Aßtüpoc li^faKciXtcd- 
Mevöc iit eiittv dvöTOYciv ce rrap' aüitü.* Koi 6 eaft&öloe 'dvüßaivw' lq)n. 
^irtiiiriitep nap' aOiiü dn^cTaXuoi', uic bi dveßi] ktX. 

Leichter sind einige Unebenheiten am Schiuli zu beseitigen; eben 
weil sie kenntlicher sind, verstärken sie den Beweis dafür, daÜ der von 
Euseb benutzte Text nicht intakt war, Abgar und der Höfling Abdu 
werden gleich bei der ersten Audienz von Thaddaeos geheilt; in eben 
dieser Audienz richtet Abgar an Thaddaeos die Bitte, mehr von Jesus 
zu erzählen. Thaddaeos antwortet; vüv fifev ctLumicoMai, Inel Äi' KnpOfai 
TÖv Kötov dTTtcTÖXriv.-' a5piov3 ^kkAticiocöv |ioi toÜc noXiToc cou nüvTac, 
Kai ^tt' auTüJv KiipuEuj Koi cntpiü ^v aüroic töv Xotov Ttic Cujfic. Danach 
ist klar, daü Thaddaeos noch nicht gepredigt hat. Es kann also nicht 
richtig sein, wenn zwischen die Heilung Abdus und die Bitte Abgars 
der Satz eingeschoben ist: ttoXXoiJc te dXVouc CTj|jnoXiTOC oörüjv 6 aürbc 
idcoTO, 0au(iacTß kcü peTÜXa noiiiiv xal Knpvccujv töv Xötov toö 6£oö, 
und zwar muß der ganze Satz fort; denn nur die Höflinge sind bei der 
Audienz anwesend, und Thaddaeos. Worte vOv \ii\ . . . oÖpiov bi haben 
nur dann Sinn, wenn sie in der Zeit gesprochen sind, in der die Haupt- 
handlung stattfindet, eben in der Audienz. Endlich ist das Glaubens- 




> So DM, in B in ^TT«i br|i in AT in ^ic€i&^ verdorbea. ER mischen, s.\e haben 
^imtn^ hi. hl ist durcti lA tieiceugL 

* Da.i geht aaf den 5cblu& dc5 Brief» Jesu Tva ■ . > Eufi^v coi kq) Tok cöv ct>l 

J So jüLe griechiscIieTi Handschriften außer A, ferner £A: nCpiov b4 A. Die 
Interpolation isl duteh das falsch« ^nnti'^ hervorgerufen. 



B. Scfawartz, Zu Eusebius Kirchengescbichte. 



Bekenntnis das Thaddaeos als Inhalt seiner Predigt angibt, ' sicher unecht ; 
denn es widerspricht seinem Entschlul^ cunächst zu schweigen , und 
der sprachliche Anscliluli cntpiü ^v oÜToTc töv Xö^ov Tfjc Cuitic ntpl Tt 
Tfjc i\i\>C€.ix)C TOÖ 'liicoü ist eine stilistische Unmöglichkeit. Der ursprüng- 
Uche Tejrt setzt erat mit ^KcXeuciV oOv 6 'ApTopoc wieder ein. 

Die syrische 'Lehre Addais' enthält dieselbe Erzählung wie die 
welche nach Euseb in der von ihm benutzten Schrift auf die Korre- 
spondenz zwischen Abgar und Jesus folgte. Sämtliche eben nachgewiesenen 
Interpolationen kehren wieder, mit einigen Ausmalungen; die Anstöüe 
sind beseitigt. Abgar empfängt nicht die doppelte Meldung von der 
Ankunft des Thaddaeos und von seinen Wundertaten, sondern beide 
sind in eine zusammengezogen und einer bestimmten Person zugewiesen; 
eben jenem 'Abdu bar 'Abdu, den Thaddaeos (oder wie er in dieser 
Schrift heißt Addai) nachher vom Podagra kuriert; schon vor Tobias, 
der ein Jude aus Palästina genannt wird, spricht Abgar die Hoffnung 
aus, daß der 'starke Mann' ihn kurieren werde; Tobias steht früh auf 
und führt Addai zu Abgar; ihre Unterredung ist gestrichen und dafiir 
eingesetzt: 'Addai wußte, daß er in der Kraft Gottes zu ihm (Abgar) 
gesandt war'. Die Heilungen, welche Addai nachdem er Abgar und 
'Abdu kuriert hat, voUführt, werden durch den Zusatz 'auch in der 
ganzen Stadt' schärfer präsislert, und danach motiviert Abgar seine 
Bitte anders; 'jetzt wissen aüe [*u ^^] dall in der Kraft Jesu Christi 
du diese Wunder tust und wir erstaunen über deine Taten: also bitte 
ich dich, erzähle uns' u. s. w. Das Glaubensbekenntnis wird dadurch in 
die Konstruktion eingefügt, daß nach den Worten 'ich werde säen das 
Wort des Lebens' zugesetzt wird 'in der Predigt, die ich halten werde 
vor euch über u. s, w'. 

Damit ist der abschließende Beweis, denke ich, geliefert, daQ die 
'Lehre Addais' die Kg voraussetzt ; es ist unmöglich in ihr die von Euseb 
cxccrpierte Schrift oder auch nur eine selbständige Replik dieser Schrift 
zu sehen. Es steht ferner für jeden, der die syrische Übersetzung der 
Kg kennt, sofort und unbedingt fest, daß die Lehre Addais diese nicht 
benutzt, sondern unmittelbar aus dem Griecliischen übersetzt Ver- 
einzeit lassen sich Varianten der handschriftlichen Übediefemng tn ihr 
wiederfinden. Für [Kg 1,13 'S] töv Gaftbtfiov fipeio d (iu' dKiiBdac 
HaBiiTf)c eT 'IticoO) hat T tiirev tüj 9a6boiui: das gleiche setzt die 'Lelire 



■ Die lettteo Sitie tind rolicb nach A ediert: sie lauten tucli dtn übrigen Hund- 
■chfinen und ZA: yai Avffxeipev vcKpoüc Kat xar^ßri fiitoc, Öv^ßrj bi ^iTi noXXoO 

I. i. 190J. 



E. Schwanz, Zu Euscbius KirchcDgeschichte. 



65 



Addais' und Rufin voraus. Den sinnlosen Text von AT vüv U-iv ciujini- 
co^ai, inixhT\ Kqpflfai töv Xötov dnecTdXnv korrigiert die Lehre Addais 
in vOv oü ciujTn^cDfjai- 

Eine griechische Bearbeitung der Erzählung- — die Briefe kommen 
massenhaft vor ■ — ist in der 'Festpredigt' erhalten, die v. Dobschütz 
(TU N. F. 3, 2 p. 39*'ff.) herausgegeben hat. Sie steht zu der 'Lehre 
Addais' in einem eigentümhchen Verhältnis; auch in ihr ist Tobias Jude 
und bringt 'Abdu Abgar die erste Botschaft von dem Apostel. Anderer- 
seits kann sie nicht von der 'Lehre Addais' abhängen; denn was sie von 
Thaddaeos sagt ^v öuvänei irpöc aüröv dirocräXeai tiniLv, steht Kg i, f3 '■* 
viel näher als das syrische oiLo^ looi i,juo loC^; jL-nat ^^ i 00t I001 ^a^ 1^. 
Dies Doppelverhältnis lä&t sich nur so erklären, daß eine griechische 
Bearbeitung des Excerpts der Kg angesetzt wird, welche sowohl dem 
Syrer als dem Verfasser der Festpredigt vorlag, eine Annalirae, die nicht 
die mindeste Schwierigkeit macht' 

Es heißt der s. g. Abgarlcgende viel zu viel Ehre antun, wenn 
man sie eine Sage oder eine Dichtung nennt; sie ist eine plumpe 
kirchenpolitische Fälschung, die eine direkte Beziehung Jesu zu Edessa 
erfindet um der edcssenischen Kirche eine unabhängige Stellung zu vin- 
dizieren. Solche Fälschungen können sich in Versicherungen der Ur- 
kundlichkeit nicht genug tun: so will denn auch diese Schrift aus dem 
edcssenischen Staatsarchiv entnommen sein. Natürlich müßte sie dann 
urspiiinglich syrisch abgefaßt sein, und das wird auch behauptet; es ist 
aber sehr die Frage ob auch nur dies der Wahrheit entspricht. Euseb 
sagt zwar [r, 13S] xüiv ^ttiCtoXwv dnö Tiijv djjxeiiuv i^ntv dvoAri<peacwv 
KCl TÖvbe aÖToic {if]fiao.y iv rtjc iOpiuv q)ujvric neraßXijÖeicoiv töv Tpöirov: 
aber da das erstere im vollen Wortsinn nicht zutrift't, kann er nur haben 
sagen wollen, daß er die Briefe einer Schrift entnahm, die aus dem 
Archiv zu stammen und aus dem Syrischen übersetzt zu sein vorgab. 
Er hat sicherlich den Text nicht aus dem Syrischen übersetzt Ich will 
ganz davon absehen, daß ich ihm die Nachahmung des neutestament- 




* Für dieSriefe gilt dasselbe; waram v. Dobiclivt«. ZtüsdtT- f, vnts, TheaL 43, 459 ff. 
bchauptcl, doD <lic griechitclien Repliken des EnscbicuCrs aalet bcstlndigeiQ r.taflnO 
der 'Lehre Addais' gestafldefl liälten., seht ich nicht. Für goüXovTOi «aitilicai ce iai 
Briefe Abgars hat die 'I.*hr« AdiUls' die ErwciteruiiE r^^ ^»a*U; aI« ^ r*i>* 
^i*f ys ajj mW^ *. Davon ist ein Stück noch erhallen in dem Papyrus der Bodleiana 
[p, 42S a. a. O], VQ bltlfKOUciv t-i deutlich lu lesen steht. Und diestjn Papyrus halt 
auch V. Dobschütz för frei ron syriichcm Einfluß. Was aber dem einen recht ist, iit 
dein ttndefii billig. — Zu der Iniclirift von Ephesos sind noch iwei hiozugekommeni 
Journ. of hell. stud. ao, isöfT. Rev. d. tftudes gr. 15. 336. 

ZeiUcbr. f. d. neutcit. Wia. Jabrg. IV. 11JO3, e 



66 



E. Schwarti, Zu Eusebius Xirchengcscliidite. 



li^en Stils, die in dem Excerpt überall ku spüren ist, nicht zutraue: 
CT würde, wenn er selbst der Übersetzer gewesen wäre, die AnstoGe, 
welche durch die Interpolationen in den Text gekommen sind, ohne 
grosse Mühe beseitigt haben, so gut wie es die Vorlage der 'Lehre 
Addais' getan hat. Dasselbe gilt aber von jedem griechischen Über- 
setzer: die Interpolationen können nur ^ur dem Boden eines griechischen 
Textes g-ewachsen sein. Und sollte es nicht das einfachste sein in 
diesem griechischen Text gleich das Original zu sehen, welches so gut 
log aus dem Syrischen übertragen, wie es log aus dem Archiv ent- 
nommen zu sein? Der Zweck der Fälschung wurde sehr viel sicherer 
erreicht, wenn sie in einer allen verständlichen Weltsprache erschien, als 
in einem Idiom dessen Kenntnis im 3. Jahrhundert in den Kreisen auf 
die es dem Fälscher ankam — für Bauern und Hirten schrieb er nicht — 
nur sehr spärlich verbreitet gewesen sein kann. Daß in sie bald nach 
dem Erscheinen noch eine Hand voll Mirakel wiederum hineingefalscht 
wurde, ist eine weder aufiallige noch unverdiente Vergeltung. 



tAbenchloKCD am 13. Jinuir 190,1.] 



E, Prtuschcn, Bibelcitate bei Orig«nes. 



67 



I 



Bibelcitate bei Origenes. 

Votn HenuBgeber. 

Eine Fcststeltung des von Origeties benutzten Bibeltextes ist sowolil 
für AT wie für NT von größter Wichtigkeit. Die Frage, wie weit sich 
aus den Werken des Origenes ein z.uvcrlässiges Urteil über seinen 
Bibeltext ermöglichen lasse, ist daher schon mehrfach erörtert worden. 
Zuletzt hat sie Koetechau in einem umfangreichen Aufsatz ausführlich 
behandelt (Zeitschr. f. wiss. Theol. XVIII [NF VHI], S. 321—377), Soweit 
dieser Aufsatz gegen meine Rezension von Koetschäüs Ausgabe der 
Bücher gegen Celsus polemisiert, tun seine Bemerkungen hier nichts 
zur Sache. Koetschau ist bei seiner Prüfung der Qtate nun zu dem 
Ergebnis gekommen, dali Origenes i) sich auch bei wörtlichen Citaten 
nicht streng an den Wortlaut binde, sondern nach Bedarf formale 
Änderungen vorgenommen habe; 2) daß Origenes dieselben Stellen in 
demselben Werke verschieden eitlere. Daraus würde sich ergeben, daß 
man nur dies aus Origenes schließen dürfe, ob ein Text zu seiner Zeit 
vorhanden gewesen sei oder nicht, während es doch wichtig genug ist 
zu wissen, welchen Text denn nun Origenes bevorzugte. Freihch wird 
man bei den von Koetschau so energisch geltend gemachten Beweis- 
gründen ein leises Staunen nicht los. Derselbe Mann, der seinem philO' 
logischen Verständnis in dem Riesenwerke der Hexapla ein so glänzendes 
Denkmal gesetzt hat, sollte andererseits so unkritisch gewesen sein, 
wahllos bald dieser bald jener Handschrift zu folgen? Wüliten wir nicht 
aus seinen eigenen ÄuÜerungcn. daü er die Differenzen der Hand- 
schriften kannte und sie im Auge behielt^ so müßten wir, wenn sich 
die Sache so verhielte, wie sie Koetschau darstellt, annehmen, jene Diffe- 
renzen seien ihm überhaupt entgangen. Aber auch dann könnte man 
sich Khwer vorstellen, wie Origenes gearbeitet haben sollte, wenn er 
nicht ^in Handexemplar benützte, sondern bald diese, bald jene Hand- 
schrift ergriff, um nach ihr seine Citate zu geben. Jedenfalls wird man 




08 



B. Preasclieii, Bibddtate bei Origrenes. 



zu einer solchen Lösung der Schwierigkeiten erst dann seine Zuflucht 
nehmen dürfen, wenn alle anderen Mittel ihrer Herr zu werden ver- 
sagen woUcn. 

Mit apriorrstischen Erw^ungen ist freilich in einer solchen Sache 
nichts gethan. Und wer die reiche Fülle von Beispielen, die Koetschau 
in seinem Aufsatz ausgeschüttet hat, prüfend durchmustert, der wird 
leicht zu dem Eindruck kommen, da& hier eine bunte Regellosig-keit 
herrsclie. Trotzdem kann man dem Problem überhaupt nicht beikommen. 
wenn man nicht zuvor eine aprioristischc Erwägung ansteUt. Ohne Ein- 
sicht in die Technik des Bücherschreibens, wie sie Origenes geübt hat, 
ist ein Verständnis seiner Citationsweise überhaupt nicht möglich. Zum 
Glück sind wir gerade hierüber so vortrefflich unterrichtet, wie es sich 
nur irgend wünschen läßt Eusebius erzählt KG VI, 23, I f. : „Seit dieser 
Zeit begann auch Origenes mit Aufzeichnungen über die heiligen Schriften, 
wobei ihn Ambrosius ganz besonders ermunterte mit tausend Auf- 
munterungen und zwar nicht blofi durch Aufforderungen mit Worten, 
sondern auch durch die reichlichste Gewährung der nötigen Hüfsmittcl. 
Es standen ihm nämlich, wenn er diktierte, mehr als sieben Schnell- 
schreibcr zur Verfugung, die einander in bestimmten Zwischenräumen 
ablösten, und ebenso viele Buchschreiber (ßißXioTp(i<poi), samt Mädchen, 
die im Schönschreiben geübt waren. Den für alle diese nötigen Hilfs- 
mittel erforderlichen Aufwand gewährte Ambrosius in reichlichem Maüe". 
Diese Notiz, die mit ihren genauen Zahlenangaben sicherlich authentisch 
ist, wird von Origenes selbst durchaus bestätigt Im Vorwort zu dem 
6. Buche seines Johanneskommentars sagt er (S. loS. 5 T meiner Aus- 
gabe): .nAuch das Fehlen der gewohnten Schnellschreiber hinderte mich 
an der Fortsetzung der Diktate". Wir können somit, was sonst selten 
genug der Fall ist, einen Blick in das Arbeitszimmer eines Gelehrten 
der alten Welt tun. Origenes schrieb nicht, sondern er diktierte. Viele 
stilistische Eigentümlichkeiten seiner Schriften werden nur dadurch ver- 
atändlich. Seine Diktate wurden d^in von berufsmässigen Schrcibcm. 
deren er stets eine ganze Anzahl an der Hand hatte, aus den Steno- 
grammen übertragen und für den Büchermarkt fertig gemacht. Origenes 
hatte also gewissermaHen seine eigene Offizin im Hause und war nicht 
auf die gewerbsmäÜigen Offizinen angewiesen. 

Durch diese Entstehungsart der Schriften wird man aber zu einem 
bestimmten Urteil auch über einen Teil der Citate unwillkürlich hingeführt. 
Es ist doch schwer vorstellbar, dafi Origenes seine Diktate fortwährend 
durch das Hin- und Herroilen der Kodices der heiligen Schrift sollte 



E. Preuschea, Bibetdtate bei Origenes. 



69 



I 



I 



I 



unterbrochen haben. Vielmehr wird man annehmen müssen, dal^ er in 
seinem Dtktat die zu citierende Stelle nur allgemein angab, ihre Ab- 
grenzungen etwa noch genauer bezeichnete, im Übrigen aber es dem 
Buchschreiber überließ, die Stelle aufzusuchen und in ihrem genauen 
Wortlaut einzusetzen. Da diese Leute ständig für Origenes arbeiteten, 
konnte das keine Schwierigkeiten machen. Überblickt man nämlich die 
Citate des Origenes, so ergibt sich sehr bald, daß hier ein Stamm 
häufig wiederkehrender Stellen umrankt ist von relativ spärlichen Citaten 
aus dem ganzen Bereich der heiligen Schrift. Waren die Abschreiber 
erst einmal eingelernt, so war es ihnen eine Kleinigkeit, die von Origenes 
angedeuteten Stellen aufzußnden und einzufügen. Zum Glück lassen sich 
diese Erwägungen durch eine Stelle in dem Johanneskommentar zu 
völliger Sicherheit erheben. 

In der Erklärung von Joh 4, 32 (XIII, 34) führt Origenes mehrere 
Arten der Anwendung dieses Wortes an. Der geistig Überlegene kann 
es gegenüber den Schwächeren gebrauchen, wie Paulus gegenüber den 
Korinthern (r Kor 3,2). Menschen und Engel brauchen solche geistige 
Speise, ja selbst Christus. Nur Gott ist sich selbst genügsam und bedarf 
nichts. Dann fährt Origenes so fort (S. 259, 21 ff. m. Ausg.): „Die große 
Menge der Unterwiesenen nimmt die Speise von den Jüngern Jesu, die 
den Befehl erhielten, sie der Menge vorzusetzen (Lc 9, 16); die Jünger 
Jesu aber von Jesus selbst, zuweilen auch von den heiligen Engeln. Der 
Sohn Gottes nimmt vom Vater altein die Speise, ohne jemandes Ver- 
mittelung. Es ist nicht ungereimt zu sagen, auch der heilige Geist 
empfange Speise. Es ist ein Wort der Schrift zu suchen, das 
uns diesen Gedanken an die Hand gibt. Das ganze Geheimnis 
der Berufung und Auswahl ist die Speise bei dem großen Abendmahle. 
„Ein Mensch, heißt es ja, machte ein großes Abendmahl und zur Stunde 
des Mahles sandte er aus, die Geladenen zu rufen". Und aus den 
Evangelien sind die Gleichnisse von Abendmahlzeiten zu 
sammeln". An den oben von mir gesperrten Stellen muß etwas in 
Unordnung sein. Der Tevt ist freilich vöUag klar und oline weiteres 
verständlich. Desto mehr muß die sachliche Erklärung Bedenken er- 
wecken. Origenes stellt die frappante Behauptung auf, daJi auch der 
heilige Geist der Speise bedürfe. Nach seiner sonst stets pedantisch 
genau befolgten Methode mußte Origenes diesen Satz durch eine Schrift- 
stelle belegen. Zumal an dieser Stelle, wo er eine Behauptung aufstellte, 
die durchaus nicht ohne weiteres auf Beifall rechnen darf, war eine Be- 
gründung unumgänghch nötig. Den Leser die SteUe erraten zu lassen, 




E. Preuschen, Btbddtate bei Origenes. 



konnte nicht im Sinne des Origenes liegen. Folglich haben wir an dieser 
Stelle noch den Rest eines unemendierten Stenogrammes vor uns. 
Origenes hatte die Stelle, die er im Auge hatte, nicht gleich zur Hand. 
Daher gab er hier nur Anweisung sie aufzusuchen, sei es daß er sie 
selbst spater nachzutragen gedachte, sei es daß sie einer seiner Mit- 
arbeiter suchen sollte. Die Einfügung ist aber unterblieben. Ebenso 
deutlich ist die Sache bei dem Qtat aus dem Gleichnis vom Abendmahl: 



Lc 14, 16 f. I Origenes 

ÄvApiuitäc TIC ^noiii beJnvDV fivflpuJiroc iicaiei 



tifiirvov 



}iiya Kai ^KdXecev noXXotic, 
oiiToCi Tf|[ Jjpcf ToO IieIttvou 



(j^fo, Kui Tf| Orpif, ToO bf invou 
fiävouc 



Mt 12, 3 



icd dUi^cTEiXtv ToOc bo-OHoue 
affToO' KaUcni toOc kek\ti- 



Wie ein Blick auf die Texte zeigt, hat Origenes hier eine Mischfonn 
aus Lc und Mt angeführt; die Hauptmasse des Citates stammt aus Lc, 
der Schiuli aber aus Mt. Offenbar hat er aus dem Kopfe diktiert. 
Was jetzt dasteht war jedoch, wie die folgenden Worte zeigen, nicht 
ftir die Öffentlichkeit bestimmt. Sein ungenaues Gtat sollte dufch die 
aus den Evangelien in Betracht kommenden Stellen, nämlich Lc 14, 16 f.. 
Alt Z2,2f. ersetzt werden. Die Sammlung der Stellen blieb also den 
Buchschreibem überlassen. Man hat an diesem Orte aus irgend welchen 
Gründen die Anweisungen des Origenes nicht verstanden, seine an 
den Abschreiber gerichteten Worte in die zur Ausgabe gelangenden 
Exemplare mit abgeschrieben und auf diese Weise die willkommenste 
Bestätigung fiir das oben aus allgemeinen Gründen Erschlossene, 
geliefert, 

Daraus ergibt sich nun die Notwendigkeit, die Cttate bei Origenes 
zu sichten. Überall da, wo ein Citat in größerem Umfange gegeben 
ist, werden wir mit einiger Sicherheit behaupten können, daß sich uns 
der Kodex des Schreibers, nicht aber der des Origenes enthüllt. Kommen 
dieselben Abschnitte mehrmals vor, so dürfen wir uns nicht wundem, 
wenn sich größere oder geringere Abweichungen einstellen, da die 
sieben Buchschreiber {die man sich als Vorsteher der Schreibstuben 
denken muß. während die eigentliche Schreibarbeit in den Händen der 
Sklavinnen lag) schwerlich einen und denselben Kodex der faeÜigen 
Schrift benutzt haben werden. An einigen Beispielen laßt sich das 
leicht nachweisen. Act 3, 32 f findet sich VT, 7 und 15 citiert mit 
chrakteristischen, Abweichungen. Ich setze die beiden Formen neben 
einander; 



E. I'reuschen, Bibelcilate beiOrigcnes, 



71 



VI, 7 
npoqi^TTiv 6niv dvacn^ca irfrpcac b ßt&c 
i]f)i\I)v iK TiDv AtycAipiiJv i>fiilrv ibc (yii, 
äii-noO ÄKoücecOt. kbI ^trai Ti&a Vi'Xi'l' 

^ H * CE 13 Syr. Sah. 



VI, IS 

irpotp^TTiv öpiv dvocT^cci <k6pi(m:> A Acdc 

dK«(pcecdE. Kai {ctu« näca \vvxh, ^ic Av 
(ii^ diKOüCTi toO irpo^pnrou ^Ktlvou, äokt- 
epfweiitETai i* tov Aöoö aöroO. 

-• »«AD 31. 61, Vulg- Arm. 

Hier gehen an der einzigen Stelle, wo sich in den Handschriften eine 
bedeutendere Abweichung findet, die beiden Citate auseinander. Daß 
Origenes bald so, bald so gelesen habe, ist die allerunwahrscheinlichste 
Annahme. Mt r, if. findet sich zweimal in folgender Gestalt 



I.13 

T^TPonrrai ^v "Htalij -p^ ■npa<piiTi;] 'Iboü iyds 

— D I Iren. 



I 



VI, »4 

dpx^ ToO «iiafTtXiou 'liicoCi XpicToO Koöiic 
TtTpoinai iv np 'Htalif tiü tipotp^iTiq. 'IboO 

— B K L A 33 

Der letztere Fall ist besonders darum bemerkenswert, weil Contra 
Cels. II, 4 der Text ebenfalls citiert ist und zwar in der Form ohne Tiu, 
wie D. I ihn bieten. Es ist überflüssig, dafür noch mehr Beispiele bei- 
zubringen. In dem genannten Aufsatz von Koetsehau findet sich reich- 
liches Material über diese Diflerensen. 

Unter der grossen Menge eigentümlich kombinierter Stellen, die 
Origenes oftmals anführt und als deren Quelle vielleicht ii^end eine 
verloren gegangene Spruchsammlung angesehen werden darf, findet sich 
auch eine Kombination aus i Kor 2, löl*-!- 12^, Er citiert sie X, 2S so: 
iliiäc 06 voöv XpiCTOö ^x^fiev, '£va Töiuficv tä ötiö toö ÖeoO xopicfl^via 
^|iTv. Dagegen, mit den Handschriften übereinstimmend XIII, 6 in dieser 
Form: i\]i&< H voöv XpiCTOö SxoM^v, Ivb tföiüMtv tö £ijt6 toO Öeoö 
Xtt(>ic6evTa i]^ilv, & ko'l XaXoijfiev ouk ^v feiöaxToic dvöpiuTrivnc cotpiac 
Aöfotc &W iv fci6aicTaic irvtii^iaroc. Wie X, 28 liest Origenes nach der 
handschriftlichen Überlieferung auch de or. i (11, 298, ij K). Daß 
wirklich Ibuifiev gemeint ist, beweist Origenes X, 28 (S. 201, 15 m. Ausg.) 
dadurch, daß er voOc mit tö ^TEMO'V'töv und tbuj(itv durch 01 Ö9ÖaXjioi 
umschreibt. An ein Schreiberversehen ist bei XIII, 6 nicht zu denken; 
vielmehr hat der Schreiber hier aus seinem Exemplar i Kor 2, I2f ab- 
geschrieben, Was er fand. Daraus ist zu schließen X, 38 hat Origenes 
das Citat diktiert, XIII, 6 hat es der Schreiber in größerem Umfange 
selbst eingesetzt. Daraus wird man schließen dürfen, je knapper das 
Citat ist, desto grosser ist die Wahrscheinlichkeit, daü es die von 
Origenes bevorzugten Texte repräsentiert. Je ausgeführter das Citat ist. 



I 





72 



E. Pren&cbeD, Bibeicitate bei Origenes. 




desto zweifelhafter ist es, ob wir in ihm den Text des Origenes zu 
erkennen haben. 

Da, wo Origenes eine Stelle genauer bespricht, ist zuweilen die 
Ejtegcse noch das Mittel Urlesart und Kopistenlesart zu unterscheiden, 
1 Joh 3, 10 wird im Zusammenhang von V. S^ro in der Form citiert 
(XX, tj, S, 343, iS m- Ausg.) ttöc ö fii] ifiv bixaioc. Diese Lesart findet 
sich in einer lateinischen Handschrift (m): qui non est justus. Der SahJde 
bietet sie und Thomas v. Harkel hat sie an den Rand gesetzt In den 
griechischen Handschriften scheint sie der andern: 6 jui^ ttoiiDv EiiKOiocOvriv 
übenill gewichen zu sein. Daß aber auch Origenes keinen andern Text 
voraussetzt, als den letzteren, beweist seine Erortenang c. 14, Der Kopist 
hat hier demnach eine Handschrift benutzt, die dem Typus der sogen, 
«abendländischen" Zeugen angehörte. Das ist an sich nicht umntec- 
cssant. Aber es beweist zugleich, daß sich Origenes selbst an diese 
Zeugen nicht hielt 

Auf ein anderes Beispiel dieser Art darf man in diesem Zusamraen- 
harge noch hinweisen. Es betrifft die Auslassung von ^v 'PüjMr) Rom i, 7 
(vgl. darüber Hamack, Jahi^. HI, S. 83 ff'.). Daß die Worte wie im 
Boemerianus bei Origenes fehlten, beweist die Randnotiz in 47 und dem 
von V. d, Goltz untersuchten Cod. Athous Lawra 1S4 saec, X (Texte u. 
Unters. XVII, S. 53)- In dem Lemma sowohl wie in der Erklärung 
waren die beiden Worte ausgelassen. In dem grollen Citat Rom i, i — j, 
das sich im Johanneskommentar findet (XIX, 5, S, 304, iSff. m. Ausg.), 
stehen die Worte im Text Der Kopist hatte sie gefunden; aber Origenes 
benutzte ein Exemplar, in dem sie fehlten. Daß sie Ruiin in der Über- 
setzung hat, ist kein Beweis dagegen. Denn an dem Kommentar zum 
Römerbrief hat er eingestandenermaßen reichlich hcrumkorrigiert. Ps6S,io 
lautet in B öti 6 lf[K<ic toö oIkov cou KaTacpäTetai mg; in B'' steht 
KaT(<paTt inH'R KOT^qjaTtv. Origenes citiert dies Psalmwort nach dem 
Psalm X, 34 (S. 208, 8). Der Text bietet KaTCcpdTeToi. Aber Origenes 
fügt unmittelbar zu: so steht bei dem Propheten und nicht KaTacpäT€Tai. 
er las also xctT^ipaTe. Der Kopist entnahm die genau bezeichnete Stelle 
ih iX] ijjaX^np) seinem Exemplar und schrieb sie danach aus^ ohne zu 
bedenken, daß die nächsten Worte ihn schon Lügen strafen mußten. 
Lc 7, 28 wird XX, 4 (S. 331,22) so angerührt: \itilaiv iv ftvvT]io\c 
Tvvaixwv 'Iwdvvou toö ßaTmcioö oüfrcic ^cnv, atso der Text der in der 
Auslassung von npotpiinic vor 'luidwon mit BkLHX i. 33. KM aL 
stimmt andererseits in der Zufügung von toO ßaTmcroü mit AX (A) 33 al. 
zusammengeht. Dagegen wird VI, 21 (S. 130,33. ijl, 2) das Wort 



* 



variiert in der Form niilutv Iv tewitroTc TuvaiKuJv 'luiÄvvou oöfctic IcTiv, 
In dieser Form wird es wohl Origenes selbst gelesen haben. 

Es ergibt sich somit der Kanon: um festzustellen, was im einzelnen 
Falle die Lesart des Origenes war, ist nicht von den in größerem 
Umfang gegebenen Citaten auszugehen, sondern umgekehrt von den 
bloßen Anspielungen, in denen Origenes den Text paraphrasiert. In 
ihnen haben wir die authentischen Aussagen über den Text zu erblicken; 
denn hier liegt kein Grund vor zur Annahme, daü die Kopisten aus 
eigner Machtvollkommenheit etwas an dem Diktate geändert hätten. 
Diesen Citaten zunächst stehen kurze Citate, die Teile eines Verses oder 
einzelne Verse entlialten. Auch bei ihnen ist es möglich, dass sie von 
Origenes so diktiert sind, wie wir sie jetzt lesen. Aber das aus Ps 68, lo 
eben angeführte Beispiel beweist, daß man sich auch bei ihnen eines 
Versehens gewartigen muß. Es ist sehr wohl möglich, daß die Kopisten 
ein für alle Male jedes wörthche Citat mit dem Text zu vet^leichen 
und danach 2u verifizieren Weisung hatten. Erst recht gilt das von allen 
umfangreicheren Citaten, Sie können uns nur lehren, welche Textformen 
zur Zeit des Origenes im Umlauf waren, nicht aber, welche Formen 
Origenes bevorzugte. 

Nun hat freilich Koetschau (a. a. O, S. 324 ff-) den Nachweis zu 
führen untemomnien, dat sich Origenes häufig nicht an den Wortlaut 
gebunden, sondern diesen willkürlich verändert habe, wie es seinen Zwecken 
entsprach. Soweit das selbstverständliche Dinge betraf, die Ersetzung 
von läp durch bi und umgekehrt, die Streichung einer unverständlich 
gewordenen PartikeE, die Ersetzung eines Pronomens durch das Sub- 
stantiv, wo das Pronomen in dem Zusammenhang unverständlich gewesen 
wäre, hätte es nicht vieler Worte bedurft. Anders wird wohl zu allen 
Zeiten schwerlich citiert worden sein oder citiert werden. Nur eine sehr 
enge Auffassung des Begriffes der wörtlichen Citate kann sich darüber 
aufhalten. Ebensowenig ist es zu verstehen, wie man den Wortlaut bei 
Anspielungen, wie sie Origenes hebt, in eine Schablone pressen will. 
Hier kann eine aphoristische Betrachtung einzelner Stellen gar nichts 
helfen, sondern nur eine streng methodische Untersuchung der Citations- 
weise des Origenes, die von den Citations formein auszugehen und darauf 
gerade die Anlehnungen zu durchmustern hat. Eine solche Arbeit würde 
den Rahmen eines Aufsatzes weit auseinandersprengen und kann daher 
hier nicht getei^tet werden, zumal es nur darauf ankommt, die Prinzipien 
Idar zu stellen, die für eine solche Untersuchung 2U gelten haben. 
Auch ist es durchaus nicht meine Meinung, daß sich in jedem Falle 



T4 



E. Preoschcn, Bibdcitate bei Orig'cnes 



noch mit Gewili<heit sagen ließe, wie Origoies jede einzelne Stelle, Über 
die er spricht, gelesen habe. Vielmehr wird man sich häufiger, als es 
im Interesse der neutestamcntlichen Textkritik wünschenswert ist damit 
begnügen müssen, ein Fragezeichen ru sctxen. Dennoch scheint mir 
die Sache viel weniger aussichtslos zu sein, als das nach den Erörterungen 
von Koetschau scheinen könnte. Nur wird man, um hier nicht zu Fehl- 
schlüssen zu gelangen, die Quellen aus denen eine solche Untersuchung 
2U schöpfen hat. genau klassifizieren müssen. Die Stufenfolge ist, von 
den in zweifelhaften Fällen unglaubwürdigeren Zeugen angefangen; Über- 
setzungen — Homitien — Kommentare u, a. Bei den Übersetzungen 
wird man sehr oft den Übersetzer hören, wie man in den Catenen den 
Redaktor hört Die Überlieferung der HomiÜen ist unsicherer, als die 
der Kommentare, daher jene vor diesen zurückstehen müssen. Nach 
diesen Gesichtspunkten müßten die Gtate geordnet und systematisch 
geprüft werden. Das Resultat wird, soweit ich sehe, das sein, daÜ 
Origenes selbst einen Terct benutzte, der im wesentlichen mit dem von 
BH stimmte. 



f Afaicicbloifui den ja. Janmr 1903.] 



P. 0. SchjäU, £ine relinionsphilosophische Stelle bei Paulus. Rom i, i&— 3a 75 



Hine religionsphilosophische Stelle bei Paulus. 
Rom 1, 18—20. 

Von P. O. SchjBtt, Professor an der Uaiversitiit Chrisliani^ 

Der uns in diesen Versen aus dem Römerbrief vorliegende Ab- 
schnitt enthält in gedrängter Form ein Stuck Thcodicee. Der Gedanke 
des großen Missionärs bewegt sich in umfassenden, möglichst allgemein 
gehaltenen Begriffen. Der Weltplan Gottes, das unter seiner Leitung 
sich gestaltende düstre religionsgeschichtliche und moralische Schicksal 
der Völker, soll sich als weise und gerecht herausstellen. Dem Gott 
gegenüber stellt uns dementsprechend der Kontext die Menschheit, Die 
Argumentation bedingt aber, daü der Apostel unter der Menschheit be- 
sonders die nichtjiidische Heidenwelt vor Augen hat, und, wie Vers 16 
uns schliei^en lä&t, schwebt dem Apostel bei seinen Ausführungen unter 
den Heiden besonders die in geistiger Hinsicbt tonangebende griechische 
Welt von So kommt es , da^ wir hier ein Stuck griechischer 
Theosophic lesen, wie sie ein griechisch unterrichteter, dabei jüdisch er- 
zogener und chrisüich fühlender Denker reproduziert. Etwas von der 
Diktion, die man tn de Act 17,23 fr, überlieferten Rede desselben 
Apostels findet, vernimmt man auch hier, und wie Paulus sich dort, und 
zwar absichtlich, in Wendungen bewegt, die er der griechischen Gedanken- 
welt entlehnt, so ist hier seine Fühlung mit dem zeitgenössischen höheren 
Räsonnement der Hellenen, wie ich meine, deutlich erkennbar. 

Pautus will an unsrer Stelle kurz ausdrücken, daß Gott den Menschen 
völlig die Mittel gegeben hat, ihn zu erkennen, daß darum sein Zorn, 
dass sie von ihm abgeirrt sind, begründet ist. Der Text lautet: 

iinoKß\üirT€Tai fäp öpT'l B^ov dir' oüpavoü im Ticicav dc^ßtiav Kai 
döixlav ävBpitinujv tlüv ti^v dXr|9ciav iy abiKxnf. KQTtxövTLuv, bx6n tö tvuj- 
cröv Toö Oeoö (pav€p6v ^cnv iv awToic* Ö öeöc fäp aÖToTc iqtaviptua.. 
TÄ fttp ÄÄpata aÜTOö iSttö ktI«ujc KÖcfiou toic iroiriiuaci vooiüfiiva KaOo- 



yö P. O. SchjStt, Eine religionsphilosophischt Stelle bei Paulus. Rom i, iS^^^äo. 



patai, i\ TE dftioc aÜTOÖ tnivapic Kai ÖeiÖTiic elc tö ervai aöroifc dva- 

TTOXOTTITOUC. 

Wichtig ist hier sciion die Auffassung von to yvujctöv toö eeoO. 
Die meisten (so auch die deutschen Übersetzungen von Weizsäcker und 
de Wette) ütrersetzen: Dte ErbenntniSf bezw. das, was zu erkennen ist 
Die Übersetzung würde freilich mit dem sonstigen Sprachgebrauch im NT 
stiminen. Vgl. Joh 18, 15 f. Act i, 19. z, 14 und öfters. Aber Paulus 
hat das Wort sonst nicht, und es ist kein Grund, bei ihm eine Ab- 
weichung von der bei den Klassikern reichlich belegten Bedeutung „er- 
kennbar" anzunehmen. Diese Auffassung des Wortes stimmt zu der 
sonstigen theologischen Ausdrucks weise des Paulus. Vgl. ftuvoTÖv toü 
etoO Rom 9, 22; t6 dcÖevU t. 8. i Cor i, 2$; ib xpriCTÖv t. 9. Rom 2, 4_ 
Sie wird aber auch direkt logisch geboten. Das q>0!V€p6v folgt ja als 
Prädikat. Unserm Autor die Tautologie zuzutrauen; das Erkannte sei 
den Menschen kund, ist wenig ratsam. Unter tvwctöv wäre also zu 
verstehen: das, was an Gott, rem allgemein betrachtet, ohne Zutun von 
spezieller Offenbarung erkennbar ist. 

Es wird durch diesen Ausdruck für unsre Vorstellung solches in 
oder an Gott, das erkennbar ist, demjenigen gegenübergestellt, was die 
Menschen mit ihrer Auffassungsfähigkeit nicht bewältigen können. Der 
Gedanke hat nichts befremdendes an sich, er kehrt bei religiös oder gar 
philosophisch denkenden Menschen oft wieder. 

Es wird nun im folgenden dieser Gedanke expliziert. Die Ausführung 
enthalt im wesentlichen die folgenden Momente: Gott hat sich als der 
Welterbauer gezeigt, der den Plan des Universums gelegt und ausgeführt 
hat. Er hat hierbei seine Macht sichtbar gemacht und überhaupt das 
ao den Tag gelegt, was wir als Göttlichkeit verstehen. Dies alles ist 
den Menschen klar sichtlich. Die Werke der Schöpfung liegen ofTeti 
zu Tage, und wir schließen von ihnen zurück auf ihn, der der Ursprung 
und der Herr der Schöpfung ist, d. h. Gott. 

So weit befinden wir uns an dem Hauptpunkt unsrer Untersuchung; 
eine in der NT Theologie wahrhaft einzigartige Reflexion hat hier Platz 
gefunden. 

Tci döfMtTO, das Unsichtbare Gottes, die an Gott haftenden unsicht- 
baren Qualitäten- Welches sind dieser Das Wesen Gottes nicht; denn 
Wesen ist doch eine Einheit, hier aber heißt es plurahscb rd ditpaza. 
Wie ist aber diese Unterscheidung zu verstehen? Gibt es im Begriff 
Gott Seiten, Qualitäten, die gesehen werden können? Zwar findet sich 
schon bei Anstoteles die Lehre, daß Gott selbst unsichtbar in der Natur 





P. O. Schjäct, Eine religionsphilflsop tusche Stelle bei Pa.ulu5. Köm i. iB—^o. 77 



■ 



sich äuüerüch bezeugt*. Aber Sinn wie Worte sind hier ganz ver- 
schieden*. 

Noch weitere Schwierigkeiten stellen sich beim vorliegenden Satze 
ein. Es werden die folgenden Worte gewöhnlich übeisetzt: wird durch 
Nachdenken geschaut: voov^Eva. Was zunächst das Ka6op£iTai betrifl^t 
so bedeutet das Wort „offen zu Tage liegen". Der Begriff weist auf etwas 
Absolutes hin, das für Iceine weitere Ergänzung Platz übrig läßt. Eine 
ergänzende Erklärung wird aber bei der gewöhnlichen Auffassung dem 
Begriff aufgezwungen. Das niuü den Anschein erwecken, als wolle 
Paulus seine Worte entschuldigen und dadurch abschwächen. Ein 
logischer Zusammenhang ist bei der angeführten Übersetzung kaum her- 
zustellen. Das ganze Acumen der Argumentation Liegt ja in der völlig 
zureichenden Beschaffenheit des von Gott zur Erleuchtung Dargereichten, 
nicht etwa in einem speziellen Habitus (voöc) der Empfänger. Ferner, 
was soll das heiüen, daß die unsichtbaren Dinge Gottes „ersehen wurden 
von der Schöpfung der Welt her", also als der Mensch noch nicht da 
war? Endlich: es geht nicht an zu sagen, daü ein Ding mit den Augen 
gesehen wird, während es mit den Gedanken erfaßt wurde. 

Die Losung mu& in einer richtigen Auffassung der prädikativen 
Apposition VQOiufiEva gesucht werden. Mit diesem Satzteil muß es sich 
anders verhalten, als die obige Übersetzung angibt; vooiijieva kann sich 
nicht auf den Modus der subjektiven Erkenntnis der Zuschauer, sondern 
muß sich logisch allein auf das Objekt der Anschauung beziehen. Das 
appositioneile Wort fügt dann passend an das rein formal negative 
döpaia ein anschauliches inhaltliches Moment. Als vooufievii kamen die 
unsichtbaren Qualitäten Gottes durch einen besonderen Prozess (nämlich 
durch den Schöpfungsakt) zu sichtbarer Offenbarung. 

Der Sinn wird dann folgender; 

Die unsichtbaren Gedanken Gottes, die von der Schöpfung der Welt 
her in seinen Werken hervortreten (realisiert sind), liegen offen zu Tage 
sowohl seine ewige Macht als seine Gottheit. 3 

" Siehe Zeller, Die Fhilosophie der Griechen. 3. Aufl. 11, 2. S 359 fr, 
* Eher Iläße sich ein EirflaE auf den cbristlichcn Denker ECÜens der StoikM 
mnnelimen, die von lliase sqs die t^ägung muichei chcistlichen l.«hrui3chBUungen mit 
bestimmt haben. Vgl. hierüber A. Aall. Der Logoi II, Lciptig 1899. S. J^öff- und 
p. Wcn<JUnil, Piülf? und die t^ynisch-stQi scb« Diatrilie. Bciliäge tm Gcschiclit« -der 
griechischen Philosophie tind Religion, Berlin 1S95. 

3 Dos Falg«Dd« iil IIB wesestliäheä Wiederga.be einer Äuasprobg des Herro 
Dr. Anathon Aall, der sich di-c Erforschung der alcxandrinischen Philosopliie rur spcciellen 
Aufgabe geivählt und sich auch sonst an der Ausarbeitung dieser Abhandlung be- 
teiligt hitl. 



ff #'..p.>qfc»t.a^<rfM>MtMlMwmiMpfea«fcfa«igi1hfc. 




QuabB 



aktuelle 

lj«^IB^HWt Hill 

itfeale geAottcs aiDd Weaa die sbexi gug i^ m e 

SkSe flid) ^ ätftl% be tihn. «& liq;t liier de 
'«xv. daA «Otts- diesea Quelen «kIi der gncchisduai Finlosorpiäc ein 
fltälz T^nti swar eis T^h^yrodpTr c»n-ii M'i i nn i iSL 



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:Alif«MUB 



A Januai i0%J 



£.C.Butlei, Aß Htppalytus Fragmeat and a Word on the Tractatus Origenis. 79 



An Hippolytus Fragment and a Word on the Tractatus 

Origenis. 

B; Dom £. C. Butler, Cambridge. 

The piirpose of the foLlowing investigation (tlie substance of whicli 
was communicated to the Cambridge Theological Society on Nov. 14, 
1901), is to carry back a stagc further onc of the discussions initiated 
by Dr. Haussleiter in the third of the articies on the newly found Trac- 
tatus Origenis contributed by him to the Tkeoh^ckes Liieraiurhlatt 
C19C», Nos. 14, 15, 16). The eleventh of the new Tractates is an alle- 
gorical coramentary on Numb. XIII, the story of those sent by Moses to 
Epy out the Promised Land. The words of verse 24: abscldemnt pal- 
mitem cum uua sua, quem portauerunt in uecte'duouiri (Vg.), are here 
renderedi; absciderunt inde palmitem et botrum uuae cum eo, et sustulerunt 
illum botnim in pbalanga (Tr. Orig. ed-Batiffol, p. itS). This translation 
of äva(f!0|>&0ctv by phalanga is unusual; it is neither Itala nor Vulg. But 
Haussleiter pursued the word through the litcrature oftlie early Middle 
Ages. and produced half a dozen instances of its employment in Numb. 
Xin, 24, in every case coupled with the same allegorical interpretation 
of the verse that is found in Tr. Orig. XI; — naraely, the staff is the 
Gross, the Cluster of grapes hanging on it figures Christ crucified be- 
tween the two peoples, represeoted by the bearers, the Jewish people 
with their back tumed towards Him, and the Christian people with their 
eyes fixed on Him. Hausslciter concludes that the whole series of 
pEissages in question goes back, directly or mdirectly, to Tr. Orig. XI, 
and draws the inference that these Tractatus are a source of the first 
rank for wcstem ecclesiastica! literature. 

Now Wilmart, Batiffol's coeditor pointcd out to Morin* that this 
^K Tr. Orig. XI is in large measure identical, in substance and language, 
^H with No. Xn of a series of Homilies discovered by Morin and attributed 



' Revue itlTal. et de L£t. Sri., 1900, p. 15S. 



So £. C. Butler, An Hippolyius FrA^rcienl and » Word on tb« TrActatvs Ori^ttüS. 

by him to Caesarius of Arles, and printed in the Revw Bcntdictme 
of :899, p. 337. In thc Neue kircklkhe Zeitschrift for Febr. 1902 (l 19— 143) 
Haussleiter has printed the two täxts together, and he oläintains tliat 
Hom. Caes. XU b derivcd from Tr. Orig. XI, that is, as he will havc 
it, from Novatian, for he still defends the Weyman-Zahn thcory of 
the Novatianic authorship of thc so-cal!ed Traeiatiis Örigcnis. This 
question, whether the Tractatus are to be attributed to Novatian, is 
evidentSy one of the most interesting patristic questions in debate at 
the present hour; and it seems to me that the examination of the rela- 
tion&hip between thc two tcxts, Tr, Orig. XI and Hom. Caes. XU, may 
help to throw light upon the problems concemed with the character and 
date of the Traclalits Ori^atis. 

If the reader will turn to Tr. Orig. XI, p. 122, ed. Batiffol, (p. 129 
in Hausslciter's arL, N. kirchL Z.), he will obscrve that after the alle- 
gorical exposition of Numb. XÜI, 24 has been giveti (1.1. 6 — 9), it is 
repeated over again (1. L 19—22), to the great detriment of the sense, 
for the repetition is quite superfluous and breaks the sequence of 
thought: in short it has all the appearancc of beirtg a doiiblet Now the 
second passagc {Jtaec ihiqut ratio . . . figiira fiwnmf) is not found in 
Hom. Caes. XII. which goes on without break: . . . stguatur me. kic 
aulein botrus etc. The relevant portions of the texts are printed out 
below. There is, howevcr, in Tn Orig. VI (p, 73) another much shorter 
instance of the same exposition of Numib. Xttl, 24, overlooked by Hauss- 
leiter, but containing the word phalanga and the elements of the accom- 
panying aüegory. The comparison of the three texts made in thc 
foLowing Table will show, I tliink, that the doublet in Tr. Orig. XI 
(p. 122} is due to thc insertion of a passage based on an independent 
piece, which was the source also of the passage in Tr. Orig. VI. And 
this Impression becomes a certainty when it is observed that in the 
concluding portion (the portion ia triple column) Tr. Orig. XI is a mani- 
fest fusion of the two pieces represented by Hom. Caes. XU and the 
passage in Tr. Orig. VI, taking its structure and though* from Hom. 
Caes, XII, but part of its vocabulary from Tr. Orig. VI. 



Table t 



Tr. Orig. XI (p. lai L 4) Sed qu» Uc 
bolnit de- teiTiL repromissioQis e-si nisi Chris- 
tus de Cwih: uireini» quam temin repro- 
missionis scriptura appctlat? diierst cnim 
deus: Eca ua-go in uUre afcipia. denigu« 



Hom. Cus. Xn Nam ticat ille [sc botnu) 
suspensus in Hgno Quorum tsl delilni ob- 
EGquiiEi SIC et CbrisTas de curne uirginü 
aelDl de terra, reproroiEsioDis ulneiiieTu me- 



4>i. 1903. 



E, C. Butler, An Kippolytus Fragmeni and a Word on the Truitatus Ongcnis. 8l 



ut illc botrus ui phaJanga allitas oiedius 
inier duos saspeosus in ligiio pendebit, ita 
«t Christas iillcr duoS popolOS, Jodaeafuni 
scilicet ci Christiauorum, in cnicis ligno 
suspensus est. . . . 

(afitr ^li.B,es),..flsei/iui/ur mc. (line l7)haeG 
itaque ratio, haec caiisa prophetiae fuii, di- 
lectiasiiui fiatrcs, ut in phal»nga Ipotrus aSei- 
retur: q\itc ptialonga cnjcem domini iadi> 
cabat, botius ueri>, ut iua dixi, Christum 
qui in CTUcc sa^pendcnilus erat, duo tgiioque 
uiri daonim, ut dictum est, populonim Gfura 
faeranL* 



diusintcr nhTiinqHe potitns tcstameiitum, itttcr 
daoi popnloi, /ndaeo'ruiii scUicei et Christin- 
nänua, in crucU tigaa «uspeDtiu esL . . . 



...f/ffi^aRirntf.-l'fContd.below, noiddlecol.) 

Tr. Ori£. VI (p. 73t 
£/ iH saitgwMt fUi«, Ipse enim Uolni* uuac 
est appcllatuE in cuius 6gura. de terra icpra- 

mi&säotaLä cikiä äpctiilatorcs botrum unuiu in 

pbaUnga nltulerunl, ut plialanga licnum 
crucis ostenderenC et botro ChTistiim inter 
duos populos in lifS« crucis pendcnCcm.J 



{Tr.Orig. XI)* hie ergo bo- 
trus ueuerBbili 



crucis lignocompretsns 
nobis in «c credcntibus 
uinnm sui saitguinis pto- 
pinauii undc beati aposloli 
et otunig credeatium po- 
puln s muito pleiü sunt dicti. 



(Hom-Cacs. Xn»^ hica-utem 
botrus dcpressum in salutem 
nostruDi uinum aani^uinis siii 
crucis CDnstiicIioae profudit 
ntque ilium ecciesiii (nr) pna- 
sionis sua« chIIcciu propina- 
uil UDde apostolis sub tem- 
pore mucenCis CGcksiae die* 
tum est! Qma musli> refUti 
m'H iiti. 



(Tr. Orig. \11S el ideo (Heil : 
/ir sAit^iine uuar, fjnia sicut 
nua duro coactaque coin- 
pre&ga ligno expiimilur, ita et 
botlTls illfl-, id est corpus 
Chrisli ligno crucis comprea- 
siim,uuae suaccorponsque sui 
sanguiiiem fudit. uude «na- 
boladiuiQ su-um, id est popu- 
lum per fidem curm suae con- 
ianclum, lauit et purificatum 
Osten di(. 




This Table demonstrates that Hom. Caes. Xu is not, aa Haussleiter 
wouid have it, an abbreviation or redaction of Tr. Orig. XI; but raüier 
it represents a more primitive State of the text. Is it the source of Tr. 
Orig. XI? I think not. Here it is necessary to retum to Haussleite r's 
thifd art. m the TktoL LUeralHrbiatt. He there shows that the later 
instances of this particular allegoricai Interpretation of Numb. XIH. 24 
are derived from the original source by a twofold line of descent: 
(a) through Hom. LXXIX (In Natali Cypriani) of Maximus of Turin 
(c. 450); (b) through Serm. XXVm among the Supposititious Sermons 
of St. AugiiBtine: this sermon is attributed by the Maurists (and Morin 
acquiesces in their jiidgment) to St. Caesarius of Arles (c. 540). These 
pieces 1 shall call Max. and Ps-Aug. It is not necessary to pnnt theiU; 
they may he foimd in Migne Patr. Lat. LVII, 423 and XXXDC, 1799 
respectively. We have now to constder the four Icindred passages in 
Tr. Orig. XJ, Hom. Cacs. XII, Mas-, and Ps-Aug. The use of phalanga 
and the generat outLne of the aUegorj' are of course common to all 
four documents; but thcre are certain features or Clements of the ex- 
position common to two or to three only. Thns: — 

Zeiuclu. f- 1^ naul^t. Wal. J>lug. IV. 1903. g 




8z E.CButler, An Hippolytus Fragment and aWord an Ihe Tractatus Origesis. 

^m Table IL 

r(I^ The Virgin Mary is the Land of Promise. 
Tr. Orig. XI, Hom. Caes. XU, Ps-Aufi. 

(2) This is proved by citing h. VII, 14. 

Tr. Orig. XI, Ps-Aüg. 

(3) Christ is said to have hung between the two Testaments. 

Hom. Caes. XU. Ps-Aug. 

(4) Ps. LXVni, 24 [LXIX, 23]: obscurentur oculi eorum ne uideant et 
dorsum eorum semper incurua: is applied to the Jews as represented 
by the first_ bearer, 

Hom. Caes. XU, Max., Ps-Aug. I 

(5) Judaeus prior est, Christum in lege portat: Max. 

Ille (sc. Judaeus) prior graditur; . . . pertat quidem Christum in lege 
Judaeus: Ps-Aug. 

(6) Hie autem botrus expressum . . . uinum crucis con&trictione . . . pas- 
sionis suae calicem proptnauit: Hom. Caes. XII. 

Botms Ule per inturiam uel pondera crucis expressue est; de tant? 
ac tali uua accepturi calicem salutaris . . ..: Ps-Aug. 

(7) Acts II, 13 and Is* V, 7 quoled in sequeL 

Tr. Orig. XI, Hom. Caes. XII, Max. 

It would be of no use to record the agreements of Tr. Orig. XI 
and Hom. Caes. Xu, which are but difierent forms of the same text; 
Max and Ps-Aug., 011 the other band, have been freely rewritten. From 
Table E it may be gathered tbat Tr. Orig. XI, even after the Inter- 
polation from Tr. VI has been removed, cannot be the source whence 
the other thrce were derived; nor was Hom. Caes, XII; nor will Tr. 
Orig. XI and Max. taken together account for Ps-Aug. The pheno- 
mena revealed by Table 11 point to the conclusion that all four redac- 
tions go back independently to a document not yet brought to light, 
intermediate between the fragment from Tr. Orig. VI on the one band, 
and Tr. Orig. XI and Hom. Caes. XU on the other. 

The fragment in Tr. Orig. VI seems to be the earliest form hiüierto 
discovcred of t!ie allegory on Numb, XIII, 24. The whole of Tr. Orig. VI 
is an allegorical commcntar^' on tlte Blessings of the Patriarchs in Gen. 
XLDC. Now Batiffol pointed out in the Ret'ne Bidlique {1898. pp. iiS— 9) 
a series of contacts between this Tractate and the Greek catena frag- 
ments from Hippolytus' commentary on the same chapter (ed. AcheLs, 
pp. 55 — öl), — contacts faint enough taken singly; but taUen together, 



te^i 



E.C. Butler, An Hippolytus Fragment and a Word on Ihe Tiaccatus Origenis. 83 

and in their scquence, undoubtedly real, in oiy judgment One of the 
points of contact is between the second JtalJ of tiie fragment frora Tr 
Orig. VI given in Table I (i, e. the part in triple column) and Hippo- 
lytus' corament on the words of Gen, XLIX, 1 1 : koI ^v oVcti croqjuXtic 
Triv TCgpißoXi^v aÜTOü. The comment is: kqI £v qV^iti CTaipuXnc Ef^ißci- 
cric KOI dvidcric aijia, Öiiep ^ctiv i\ cäp£ toö Kupiou, rJTic Trdcav inv k\ 
ISvöiv KViiav KaöapiZti (p. öo). Cornpare Hippolytus' commertary on 
the same verse in tlie De Antkisristo: AT^axi oöv craqpuXtic noiac, 
äXX' f| Tfjc a-pac capKÖc auTOö luc ßÖTpuoc ^iri EüXou eXtßtkric; eE f|c 
nXtupäc fpXucav biio itHTaf, affiaTOC Kai uMtoc, öi' (iv tö fOvii diroXouö- 
MevQ KoSaipovrai, äriva lüc TrepißöXaiov X&XöfiCTQi XptcTW. (^ XI, ibid. 
p. 10). But the//ri/ iialf of the same fragment (see Table I) may abo, 
I think, be traccd back to Hippolytus, though Batiffol did not notice 
the fact. Among some Arabic catena fragmcnts on the Pentaleuch, 
translatcd from Syiiac and attributed to Hippolytus, Is one on Numb. 
Xin in which we find the following (translated from Achelis' German, 
op. cit p. 104); "When the Scripture saith: They cut off a vine-branch 
and a düster of grapes which they bore between two men; the vine- 
brauch is th« hgure of the Gross, and the Cluster of grapes hangtng 
upon the vine-branch and borne between two men, is the figure of 
Jesus Christ, who is hung upon the Gross, which Stands between two 
thieves". Here we have all the Clements of the allegory, except that 
the two bearers are taken as representing tlie two thieves instead of 
the two peoples. It is not rash to surmise that this very obvious and 
commonplace interpretation of the bearers 15 an alteration that has crept 
in in the process of translation and transmission; and tliat in the ürst 
half oi the passagc from Tr. Orig. VI we recover the substancc of a 
genuine Hippolytus fragment. 

When the newly found complete text in Armenian and Geoi^an 
of Hippolytus' commentary on Gen. XLIX is made accessible to Wes- 
tern scholars^, it will be of interest to see how far Tr. Orig. VI is 
based upon it. Meanwhile it looks as if tlie allegorical exposition of 
Numb Xm, 24, so populär among Latin writers tlirOüghout tlie Middle 
Ages, may be traced back to Hippolytus; and this raises the question 
whether Tr. Orig. XI and Hora. Caes. XII may not preserve (doubtless 
in altered form) still more of substanlially Hippolytean matter. 

In face of Haussleiter's uncompromising reassertton of the Nova- 




» S«t Boaweüeh, T^xU u, VnltTPic)m«gtn, N. F. vm, 2. 



84 KiCBstler, An Hlppolytus Fragmeoi atid a Word tm the Tracuus Orige mis . 



tianic autborshjp of the Tratrtatus Origenis Jd his tatest articie in tbe 
AVwr kircitl. Zeitschrifl, I wish to say a word on the subject Froni liis 
reference to my articles on the Traelatus in the youmai vf Ihtoiegicai 
Studiei (Oct. 1900 and Jan. 1901) it would natuially be supposed tfaat 
I had put forward a rival theory as to the authorsbjp, and had done 
50 without regard to the ai^ments whereby Weyman and Zahn had 
advocated Novatian's claims, As many readers of the Zt-ifscJtriß für 
NTAkhe Wissenscimft probaly will not have seen the articles in guestion, 
I should üke to icidicate the position at which I have amved. I have, 
then, no theory of my own as to the auüiorship, bcyond the ncgatK'C 
one that in their extant form tiic Tractatus cannot be re^arded as in 
any real sense the work either of Origen, 01 of NovatJAn, or of Victo- 
rinus of Pettau, or of Gregory of Eliberis. I did not neglect the ar^- 
ments in favour of Novatian; the whole of the second articie was dcvo- 
ted to an examinatioji of Weyman 's articlc in Archiv f. iatein. Lfxiaji^,, 
the chief presentation of the Novatian ca^e^ In tlie Erst articie I show- 
ed that a few minute traces of Origenistic matter may be detected in 
the first three or four Trattatus — 1 examined no furtherj and I called 
attention to the fact that Tr. Orig. HI presents a series of considerable 
verbal identities witli Rutinus' translation of Origen's Hom, in Gen. VH. 
It would be of interest to know how the defenders of Novatian's 
authorship reconcile their theory with tliis phenomenon: is jt to be 
supposed that Rufinus when translating Origen embodied stray sentences 
and clauses out of Novatian? I venture to think that the analysis of 
Tr. Orig. XI made in this articie goes far to corroborate the position 
arrived at in my former two articles: viz. that though the new Traitatus 
Ongenis probably contain embedded in them morseis of mteresting 
old matcrial, still in their extant form Ihey must be regarded as the 
handiwork of an unknown Compiler or redactor, who probably made 
usc of some remains of Origen and Hippolytus, and ccrtainly piUaged 
frcely the writings of Tertullian, Minucius Felix, Novatian. the de Btmo 
Ptidkifme, Hilary, Rufinus, and probably others. 

Beyond this I think we cannot at present go, tliough it is Ukely 
enough that behtnd our Tractatus lies a series of homilies serving as a 
nucleus or backbone running through the present coUection; and to this 
nucleus probably belongs the curiöus bibÜcal text that shll calls for a 
comprehcnsive in vcstigation. Could such a Gnmdsihrift be isolated 
from the latcr accretions, the result would be of considerable interest: 
bot it is to be feared that the Redactor has becn so active in recasting 



the original book and in wortdng in foreign nia.tter, that it is impossible 
to recover tiie primitive work, or even ta form any sure judgrnent on 
thc underlying materials. As to the Tractaliis Or^enis in the fonn in 
which we have them. I adhere to my forincr opinion, that „tliey will 
eventually find their level among tlie ranks of the anonymous Latin 
writings of the fifth and sixth centuries." 



After the foregoing had been written Jordan's Die Tluologte der 
netienidetkten Fi'edigten Novatiatis was published. As. Jordan bruslies 
aside the parallelisnis between Tr. Orig. HI and Rufinus' Latin of Origen's 
Hom. Vn in Gen., with the remark that they by ro means prove a 
direct literary relationship, since the resemblances may be explained by 
the cmployment of a previously existing preaching tradition', it is ncces- 
sary, in order to show how wholly inadequate is any such explanation 
of the facts, to print alongside of each other one pair of the passages 
in question: 



i 



Origen-Rufinus Hom. Vn in Gen. 
S 3 (P. G. Xn, 200) Superius iam 
exponentes spiritualiter loco uirtütis 
posuimus Saram. si ergo caro cuius 
personam gerit Ismacl, qui secun- 
dum camem nascitur, spiritui blan- 
diatur, qui est Isaac, et Ulecebrosiä 
cum eo deceptionibits ag'at, si detec- 
tationibus illiciat, uoluptatibus molliat, 
liuiuscemodi ludus carnis cum spiritu 
Saram maxime, quae est uirtus, offen- 
dlt, ethuiusceraodi blandiraenta acer- 
biBSimam persecutionem iudicatPau- 



Tractatus Orig. m, ed. Batiffol. 
pp. 27, 17—28, 7. Nunc uero, fratres, 
attendite quod dico, quia et ludus 
iste aliud significare potest, quia in 
omnibus caro aduersatur spiritui. 
Ismaet elenim figuram carnis gerit, 
quia secundum carnem nasdtur, Isaac 
autem spiri'.us, quia per repromissio- 
nem generatiir, et ideo carö blan- 
ditur spiritui, ut Inlecebrosis cum co 
deceptionibus agat, delectationibus 
inliciat, uoluptatibus molliat. 



I His words are: Wbs- die von Butler ermälinte Tatsache »oii Übereinstimmungen 
im 3. Traktate mil der Rufinus übeisetiung der Homilla in Gcneiim VII anLcttifft, so 
wird duübcT dasselbe lu iaccn «ein, vrie über die BezieliiiDgcn des ä. TraJttUi cur 
17. Genesisbomilie des Origenes aben gesägt isl. [This is Ih« paisage ncfered lo: . - . 
5«Uen die UbereinstiinfflUiigen keineswegs einen direkten litcraciscbcn Zuianuncnbang 
voraus, da die Übereinstimmungen, die sieb linden, ein gemeinsames Erbteil ^ti voriui- 
gegangenen Tredigi praxi» sein k&aneo und wahrjcheinlicb süch sipii fp, zoj)]. Da ^ucli 
hier die Annalime nahe liegt, diD die Bcciutrung der vora.ngcgitngcnen Prcdigtliteialur 
and Prediglpfaiis die ÜtercinSlimmungcn erklärt, stt muß gtsägl wenlen, da£ ancb 
duTc!h BuÜeni Auafiihrung'cii der Beweis einer direkten Abhängigkeit von Orifcnes, ge- 
schweige denn von Rufin ans nicht «bracht lu sein scheint, («p, dt p. 206). 




et tibidinis aUudat inlecebra. 



86 E. C, Butlei, An Hippolytus Fragment asd a Word on ihe Tr&ctatua Origenis. 



lus. et tu ctgo, o a.uditor homm, 
noti illarn solam persecutionem putes 
quando furore gentilium ad immo- 
landum idoÜs cogens: sed si forte 
te uoluptas carnis illiciat, si tibi libi- 
dinis aUudat iUecebra, haec si uirtu- 
tis GS ülius tamquam persecutionem 
maximam fuge, idcirco änim et 
apostolus dicit; Fugite fomicationem. 
scd si iniustitia blandiatur, ut perso- 
nam potentis accipiens et gratia eius 
flexus non rectum iudicium fera.s, 
intelligere debes quia sub specie ludi 
blandam persecutionem ab iniustitia 
pateris. uerum et per siiigulas ma- 
litiae species, etiamsi molles et deli- 
catae sint et !udo similes, has per- 
secutionem Spiritus dicito, quia in 
his omnIbus ulrtus oQeitditur. 



unde, dilectissimi fratres, uidete 
quia et iniustitia homini blanditur, 
ut personam potentis accipiat et 
gratia eius flexus non rectum iudi- 
cium ferat. quapropter inteUegere 
debet quis quia sub spede ludi blan- 
dam persecutionem ab iniustitia pati- 
tur. sed quia Sarra ügurarn uir- 
tiitis gerit, proinde huiuscemodi lu' 
dus Isroael cum Isaac, id est camis 
cum spiritu, Sarram, quae est uiitua, 
maxime offendit, (cf. foot of p. 7, Col. i.) 
It is clear on the face of it that n-o hypothesis e^cept one cf actual 
plagiarism can account for üie verbal identities between these two pieces. 
To mc thc Rufinus passagc bears the characteristics of originality and 
the Tractate those of adaptation. In any casci that Rufinus, whatevcr 
Kis xins as a translator, should when translating Origen's homily have 
constructed sucb a patchwork out Novatian and Origen, is a proposition 
which is not likely to be seriously entertained. It is tnie that Dom Chap- 
man has shown it to be probable that another Latin translator of Origen 
introduced into the Commentaries on Matthew a Clementine piece out 
of the OpuJ Impei'fectum^: but part of his case was that this piece is 
evidently intruded, the context being much improved by its elimi- 
natioxi. Here, on the contrary, not only is the above passage an inte- 
gral part of the exposition, which runs on quite smoothly in Origen's 
own manner from beginning to end of the homily; but if it and the 
other pieces identical with Tr. Orig- UI were removed, the whole fabric 
of the hoKiily would collapse. and it is impossible to imaginc Uow tiie 
gaps thus created can have been hlled up In tlie original. No doubt 



■ JmmaS aj Tkeelo^tai StudUi, 1903, p. 436. 




E. C, Butler, An Hippolytus Fragment and a Word an the Tracucus Oriecnis, 87 

extraordinary things can be done in the way of fusitig texts; but is 
there any reason for supposfng that Rufinus fused together Origen and 
any Latin writers? Can other instantes be brought forward of such a 
procedure on his part? On the other band, if the Tractator was a lifth 
or sixth Century redactor of earlier materials, his use of RuRnus would 
only be in Iceeping with his use of TertuUian, Minucius Felix, Novatian, 
Hiiary and other Latin writers, for he shows himself an adept in such 
patching up of texts. If, as Batiffol has to say {Pro/, xxiv), and the 
upholders of Novatian must needs adrait, Tr. XVH ts a "farrag-o" out 
of TertuUian (and Minucius FelLv), it is but natural to believe that 
Tr. m is a similar farrago out of Rufinus, and Tr. I out of Novatian, 
Hüary, and Minucius Felix, 

In condusion I cal! attention to an articie by Dom Morin in the Revu* 
Bmedktme of last July ("Autour des Tractatus Origenis"), in which he 
demonstrates, as far as demonstratio n is possible in such a subject 
matter, that a passage in Tr. Orig. IX (ed. BatifTol pp. 99, 19 — lOO, 13) 
is based upon Gaudentius of Brescia (P. L. XX, 86j' — 6), who died 
about 410, or (according to others) about 427. 

It must be held that until these initial difficulties have been sur- 
mounted, Novatian "s claims (or Origen 's) to the authorshtp of the 
Tractatus cannot even be admitted to a hearing.' 



■ Jordan sa;s that tbc biblical cit&üoas decisiv«l7 provc Ihe Tracttior'a idcotily 
vith NavatiAD (op. ciL p. 13). ünfonuniLtely lie has not supplicd «nj prescniiilion or 
the eaie \n suppnfl of this view, ezcept an Exkurs contaJning a table ftC the niere refe- 
renccs to the lexls (ound boih iu NoTatiao and ihe Traciatm. AI the heginning of ihc 
list he direcffi espeeial attention tbo three texts. Bul aif lirxreram meam in I's. C1X(CX), 1, 
and Jedil m Thil, II, 9. arc al;undMitl)' atlcsUd as widel; cunedt readings, and aie 
viliieless for the pufpose in Land: there naina^ preJiti in Is. XI, 1, which (to judge 
fro-m Sabalier) is found only b NgT^tian «nd. in Tr. 0"g. IX; bul tbis is far too narrow 
a basis on which to build any thcory. Ot Ihe reat I cxamined sit lexls lakcD a( ran- 
dom (Gen.. XLIX, lo, 11 ; Deut, vm, 3; Is. I. 13—15; Mt. X, aS; ]a. XV, 2; Cd. n, 15); 
the imprcssioo inade on mc h rithcr that ilie iwo writers emplojed diflcrcnt typcB o( 
O- L. t*)ils, for ih«Te are many diffetentes, and in many of these cases both readings 
»re lufßcicntly widely attesled lo be rccognisable as currenl rival rending». 

Even Ihii cnrsofy glance wa.s enough to r«venl imerestiug O. L, readings in the 
biblical cilati^ns t/l tlie Trodalia e. g. in Gen, XLIX, 10 there is a reading de^vtt 
utniat stmen, which Sabalier cites from Proipcr and froiii no anc eis«. 




lAbctMUaitea UA ib. JtAUu i«i)J.1 



E. Preuschea, MisceUm. 



Miscellen. 

Encyclopaedia Biblica. 

Von dem graben Unterriehm«!!, luf dessen Bedeutung ich bcreiU früher [Jahrg. 1,1550 
biDgewi«scn Libe, ikgeii dfei Uätide fertig vor; dtt Abschluß des Garnen ist fiir die 
nächste Zeit lU erwaitcfi, Den Wert des in dieser Encyklapädie gebotenen Mkteriale 
vennag besser, *ls eine AufiiUlung ibrer Vonüge. der o, S. i ff. abgedruckte Aulsatcl 
von Usencr aiucbaulicb lu mucben. Ein Werk, das Schätze wie diesen hWgK, wiid citi«ii 
Ehtenplatx in deir Geschichte der Theologie beliaupten. DaC es auch in Deutschland 
recllt weite Verbteltang tnijeci müge , i^l Im Inlerttsse einer unfacEtechlicll 'WahxhKftijge]|l 
BibclfoT&chimg dringend lu nriinschen. E> P> 



Zur Salbung Jesu in Bethanien 

liaben sich mehtere Gelehrte geäaDerl. Ich deake darauf noch einmal inräcktokomnieii 
und in CLnem der nächsten Hefte 4ies« AuS<iniu)4«r»«Uttt<geii ;u htingeo, EtAst- 
veilen tnöchie ich nor eine Behauptung richtig ttcllen. die ich im guien GlB.Qben 
dem alten Schröder nac hg e sehriehen hatte. Dat die Juden eine Salbung der Leiehett 
nicht gekannt hsticn, wird mir brieflich von Ewei jüdischen Gclehiteii bestritten. Herr 
Obenalibiner D. Simansen in Kopenhagen verweist auf Fränkels Monatsschr. f. Gesch. 
B. Wissenscb. d. Juticnth, X (iSCi) S. 359 u. 3$3 und Herr Di. D. KünstlLDfei in Krakan 
auf Maimonides Miinah Thörih rH, Trauervorschriften IV, I. wonach es isiaclitiacher 
Brauth isti den „Lcicllnatii mit WiilzSalben lu salben". Im Talmud komme die Sitte 
nicht vor, woht aber in dm Rcsponscti dei Gaonen, verde also wohl auf altjüdiscben 
ßraiich rutücVgehen. Die«e HinweiEe, für iie ich beatens danke, sind wichtig und 
müsäCD, bei einem emculea Eingehen auf die Sache beriick sichtig;! werden. E> P- 



Programm der Haager Gesellschaft zur Verteidigung der 
christlichen Religion für das Jahr 1902. 

I. (Zu beaotwortea vor liem 15, December 1903I: Ein ]>opuläf» wiEsenschaXtliches 
Handbuch der Ethik, fut Moderne im Nicdcrlond. 

II. (Zu beantworten vor dem 1 j. Detembei 1904); Eine Beschreibung der religi&sra 
PiißCipien des leformicrtea Protest antismiis in Nicdcrland und sein Einßuß auf die Ge- 
schichte der Rcformationr und der Reformierten Kirch engememscbaTt in diesem Lainie 
bii auf unsere Zeit. 

Die Arbeiten cnlls^cn in bolländischer , Uleiaiichei, deutscher oder französischer 
Sptaclic, jedoch immer mit laleinisicher Schrift und deutlich geschrieben, nicht 
unterECi ebnet, aber versehen mit einem Moilo, das ein lieigcfügtet veiaiej^dtc^ Sillet ebcit- 
faLs trägl, worin Name und Wohnort des Verfassers angegeben sind, vor den fes,t- 
geselEten Dalen, portofrei eintrelTen bei dem i^ekreiäi der Gesellschart, Planer Di. TheoL 
H. P, Berlagc:, Amsterdam, Der Preis ist 400 Gulden. (^= c. 670 Mk.J 

Von den 1^2 e lagere ich tea Arbeilen über die Willensfreiheit hat keine den Preia 
erhallen. Doch bietet die Ccäellschaft den Verfassctn der AtthandluDgea mit dem Matto ; 
„Wer im Kleinsten treu iat" usw. u, „Wo der Geist des lierm ist" usw, 2$o Fl., wenn 
sie ihien NanaCD nennen. 



I 



'Vi' 



Chr. A. Bugrge, Das Gesetz uod Christus. 89 



Das Gesetz und Christus 
nach der Anschauung der ältesten Christengemeinde. 

Von Chr. A. Bugge in Chriitiania. 

Als das Christentum in der antiken Welt bei Juden und Griechen 
Eingang zu gewinnen versuchte, war das anfangs mit fast unüberwind- 
lichen Schwierigkeiten verbunden, weil eben die ganie christliche An- 
schauung in dem schroffsten Gegensatz zu der damaligen Denkweise 
stand. Da diese christliche Denkweise uns nunmehr ganz in Fleisch 
und Blut übergegangen ist, sich mit unserem ganzen Wesen und unserer 
ganzen Gefuhlsweise verschmolzen hat, ist es uns überaus schwierig 
geworden, uns recht anschaulich zu machen, w i e unverdaulich für die 
damaligen Menschen die christliche Lebensanschauung wirklich war. 
Der Ausdruck „die Geheimnisse des Himmelreichs" ist keineswegs zu 
stark, um zu bezeichnen, wie unbegreiflich, ja wie ohne besondere Ent- 
hüllung unfaC^bar die ganze Sache war, wie schwierig die Menschen jene 
neue Gedankenmassen sich assimilieren konnten. Darauf sind augen- 
scheinlich auch die einsichtsvoUsten Forscher unserer Zeit nicht genügend 
aufmerksam gewesen, und dieser Umstand hat in mancheriei Weise 
ihr Sehvermögen beeinträchtigt und sie zu schiefen Anschauungen gefuhrt 
Sie finden zum Beispiel, daß die damals ganz neuen Gedanken in den 
Geheimnis-Parabeln Jesu (Mt 13 u. Farall.) nicht besonders schwer ver^ 
ständlich seien. Allein darin steckt eben die schiefe Anschauung, wenn 
man daraus schlieft, daß so leicht verständliche Sachen doch keiner 
Enthüllung bedürfen. Denn fast könnte man sagen: je natürlicher die 
Gedankengänge uns Christen im 20ten christl. Jahriiundert vorkommen, 
um so unfaßbarer waren sie fiir die damaligen Juden und Grriechen. 
Das specifisch christliche Messiasideal war diesen bdden beinahe 
unbegreiflich. Den Juden war die von Jesus durchgeführte Umbildung 
des jüdischen Messiasideals ein „Stein des Anstoßes", und die Griechen 
mutete der Messiasgedanke überhaupt nicht nur fremdartig an, sondern 

Zcittehi. f d. Bsaiat. WU*. Jibrg. IT. igaj. fi 



90 



SuSBC 



er war für sie einfach etne Torheit. Das ganze Gerede der Qiristen 

von ihrem wunderlichen Heros Christus war ihnen zum Lachen. 

Was nun besonders die letzteren betrifft, so stellte sich die Sache 
folgendermaßen. Jene Anhänger und Anbeter Jesu, jene jüdischen 
Fanatiker, die „Nazarener", nannten sich Christianen Das bedeutete 
für die Oliren der Griechen entweder die „Geölten"' oder die „Poma- 
disierten". Was sind, so sagten die Griechen mit einem homerischen 
Gelächter, doch das ftir Leute? Hatten sie wirklich einen Heros, dessen 
Eigentiimhchkeit, dessen Größe, dessen „Segen fiir die Menschheit" in 
jener Ölung oder vieUeieht Pomade bestand? Um nun diesen Gelachter 
erregenden Eindruck ein wenig zu mildem, machten die Qiristianer 
anfangs geltend, daß der Name ihres Heros besser XpTicröc d, h. nach 
itacistischer Aussprache Christos (mit langem i) gesprochen würde. Also 
der Gekreuzigte und Auferstandene sei der Gütige und seine Anhänger 
seien ihm ähnlich. Das war nun zutreffend, so weit es eben reichte. 
Allein es war doch nur ein dürftiger Notbehelf, welcher zwar das 
Gelächter zu dämpfen vermochte, aber eine einigermaßen entsprechende 
Vorstellung von der wirklichen Würde und Hoheit ihres göttliclien 
Heilands doch keineswegs geben konnte. Ihn nun „Gottes Sohn" zu 
nennen, hätte auch nicht zum Ziele geführt, vielmehr hätte das ihn 
IMschlich als einen Halbgott darstellen können. Da kam man auf den 
Gedanken, daü man, vielleicht nach dem Vorgang der alexandrinischcn 
Juden, sein Wesen den Griechen einigermaßen vorstellbar machen könnte, 
wenn man ihn a!s den Logos bezeichnete. In dieser Weise wurde 
Christus in der zweiten Generation und später mit dem Logos idenü- 
ficiert' Dadurch war wenigstens den Griechen die richtige Vorstellung 
von der Hoheit und Majestät des Christus erschlossen. Allein der 
Logos war doch wesentlich nur eine Brücke fiir die Griechen, 2war eine 
notwendige, aber doch nur eine Brücke, die sie jenseits ihrer ^ec bis chen 
Vorstellungen in das neue Land der ursprünglich jüdischen Messias- 
Vorstellungen führen sollte. Denn der Begriff des griechischen LogoM 
war ein durchaus unpersönlicher, abstrakter; der Logos war ein Gedanken- 
ding, etwa eine Weltkraft. Das war aber eben Christus nicht Ex 
war vor allem eine lebendige Person. Er war Ja Fleisch und Blut 
gewesen, seine Anhänger „hatten seine Herrlichkeit geschaut, eine^ 
Herrlichkeit als des einsigen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahr- 
heit." Dies alles war er nicht nur gewesen, er war nach seiner 

■ Vgl. tluu P. Katlcnliuich: Das apoBloliithe SjnibDl, Bd. Q, S. 547 — 49 und 

556—60; auch Zcitsclir. f. Tli«oL u. Kirche XI, S. 414. 



Chr. A. BufTge, Das Geseu und Christus. gi 

Erhöhung fortwährend eine lebendige Persönlichkeit, mit der die Gläubigen 
im Gebet verkehrten, welche sich dem Paulus auf dem Wege nach 
Damaskus, ja mehr als 500 Brüdern auf einmal offenbart hatte, von 
welchen die Meisten in der ersten Gieneration noch lebten und die 
Tatsache bezeugen konnten. Das setzte ganz anders massive Vor- 
stellungen voraus als jene luftigen griechischen Abstraktionen. Woher 
sollten sie nun die Züge schöpfen, durch die sie den Logos-Christus 
vorstellbar machen konnten für diejenigen Menschen, an die sie sich 
mit ihrer Predigt wandten? 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in Betracht ziehen, daß 
die Gemeinden in der ersten Generation wahrscheinlich fast ausschliel^lich, 
zum mindesten weit überwiegend, bestanden einmal aus Juden und sodann 
aus heidnischen Proselyten des Judentums. Das können wir daraus 
schließen, daß sogar Paulus als der bewußte Heidenmissionar auf seinen 
Reisen eigentlich nur sich dahin wendet, wo jüdische Synagogen vor- 
handen waren, und daß seine Fredigten immer von diesen Synagogen 
ihren Ausgangspunkt nahmen. 

Das geschah gewiß nicht nur und wesentlich, um den Juden das 
Evangelium zuerst zu bieten. Denn Paulus sucht auf seinen Reisen als 
Heidenmissionar gerade nur die Stätten auf, wo jüdische Kolonien von 
größerem Umfange vorhanden waren. Und warum suchte er nicht jene 
Heiden, denen er predigte, auf dem Forum, statt in der Synagoge auf? 
Ohne Zweifel mit Bedacht, und weil er sein Verfahren klug berechnete. 
Man hat (so besonders Weizsäcker) mit Unrecht geltend gemacht, 
daß man daraus ersehen kann, daß die Berichte der Apostelgeschichte 
von den regelmäßigen Synagogenvorträgen Pauli ungeschichthch sind. 
Allein hätte er diejenigen Heiden aufgesucht, die er auf dem Forum 
finden konnte, so hätte er gewiß mit seiner Mission keinen großen Erfolg 
gehabt, wofiir sein Auftreten in Athen ein Beispiel ist Dagegen fUr 
die zahlreichen Heiden, welche als Proselyten der Gerechtigkeit oder 
nochmehr des Tores in den jüdischen Synagogen ihre regelmäßige Er- 
bauung suchten, war ja das Evangelium Pauli gerade wie geschaffen, und 
zwar in dem Maße, daß man voraussehen konnte, daß diese Zuhörer 
dem Paulus fast unvermeidlich zufallen mußten. Das war wohl auch 
die Erfahrung Pauli in Antiochia, wo er zuerst mit seiner eigentumlichen 
Verkündigung aufgetreten war. Man darf wohl deshalb annehmen, daß 
beinahe alle jene Proselyten, die mit Paulus in Verbindung kamen, 
paulinische Christen wurden. Die Juden aus diesen Synagogen 
dagegen wiesen größtenteils das Evangelium ab. Nur ein kleiner Teil 



92 



Chr. A. Buggie, Das Gewtc und Christus. 



von ihnen wird das Evangeüüm angcDommen haben und daraus wird 
sich die judaistische Minorität der paulinischen Gemeinden gebiidct 
haben, von welcher wieder ein Teil seinen nicht umgeschmolzcnen, 
sondern nur äuüeilich ein wenig christlich galvanisierten Pharisäismus 
mitbrachte. Aus einer solchen Entstehung ergab sich ganz selbstver- 
ständlich dasjenige Gepräge der paulinischen Gemeinden, das wir aus 
den Briefen Pauli so gut kennen; eine Mehrzah! von Heidenchristen, 
die ,4ic Freiheit eines Chiistenmenschen" so genau kannten und so 
getrost betätigten, echte Pauliner, genuine Kinder seines Geistes und — 
eine Minorität von Judenchrjsten, zum Teil sogar stark gesetzlich 
gebunden, ja etliche sogar von einer wahrhaft pharisäischen Bitterkeit 
gegen Paulus und sein freisinniges Christentum erfüllt. 

Unter diesen Umständen konnte Paulus voraussetzen, daQ die 
Gemeinden mit den jüdischen ReUgions Vorstellungen, die damals gang 
und gäbe waren, vertraut seien. Diejenigen „Katechismus Wahrheiten", 
welche regelmäliiig in den jüdischen Sytiagogen gepredigt v^urden, werden 
sie gekannt haben, ja dieselben werden ilir geistiger Besitz geworden 
sein. Solche unbestrittene und unbestreitbare ,, Katechismuswahrheiten" 
judischen Ursprungs hat wahrscheinlich Paulus vor Augen mit seiner 
häufig angewandten Formel: ,,Wir wissen ja''. Bekanntlich sind es in 
den Briefen zwei Arten von Wahrheiten, die feststehen, teils diejenigen, 
von welchen gesagt wird: „Die Schrift sagt", teils diejenigen, von welchen 
es heißt: „Wir wissen ja". Auf diese als Grundlagen baut Paulus seine 
Weitergehenden Schlußfolgerungen auf. In seinen Gemeinden konnte 
Paulus daher auf Vertrautheit mit den gewöhnlichen jüdischen Theo- 
logumena rechnen. Und das wird natürlich auch später in den johan- 
ncischen Gemeinden der Fall gewesen sein. Zu diesen populären. 
theologischen Sätzen, die jedermann kannte und niemand bestritt, gehörten 
zweifellos unter anderen die folgenden: Das Gesetz (die mosaische, von 
den Juden sogenannte Thora) wurde als eine Hypostase oder Persön- 
lichkeit aufgefalit, welche einst vor der Weltschöpfung aus Gott heraus- 
getreten ist und somit ihn selbst abspiegeit. Bereschit Rabba 17 nennt 
die Thora die himmlische Weisheit Damit ist sie niit jener Weisheit 
identifiziert, welche schon Prov 8 als göttliche, an der WcltschÖpfung 
teihiehmende Hypostase geschildert wird. Durch sie ist die Welt 
entStander, sie ist das Musterbild für die Einrichtung der Welt 
In Midrasch Tanchuma heilit es bei der Erklärung der ersten Worte in 
der Schrift: Jahwe hat durch die Weisheit die Welt begründet. Als 
der Heilige, gebenedeiet sei Er! seine Welt schuf, beriet Er sich mit 



Qir. A. Buggc, Das Gcsets und Cbrislus. 



93 



der Thora und so schuf Er die Welt. Gott ist ein Baumeister, der nacli 
Plan und Maß baut. Demnach heißt es Bercschit Rabba: So schaute 
der Heilige, gebenedeiet sei Er!, in die Tliora, und so schuf er die 
Welt. Mit der Thora berät er sich dann wie mit einer Hypostase, einem 
selbständigen Wesen , einer PersÖnli chice it, die an dem Schöpferwerk 
mitbeteiligt ist, bei der weiteren Ausführung seines Planes von der Welt- 
schöpfung. So heißt es; Zor Thora sagte Gott; „Wir wollen Menschen 
machen". Thoras Persönlichkeit geht noch deutlicher daraus hervor, 
daß sie oft die Tochter Gottes genannt wird, mit der er in inniger 
Liebe zusammenlebte. Demgemäß wird dem Gesetze auch Dasein und 
Leben vor der Weltschöpfung (was man in der Theologie „Präexistenz" 
nennt) zugeschrieben. An mehreren Orten in der ^ten rabblnischen 
Literatur lieiüt es, daß das Gesetz 974 Generationen vor der Welt- 
schöpfung existiert hat (so Schabbath 88 b), allein diese Zahl wird später 
in vergrößertem Maßstabe angeführt; ja, es ist eine gewisse Tendenz 
vorhanden, dem Gesetz eine ewige Präexistenz zuzuschreiben. Ferner 
wurde die Thora als die Ehegattin Israels aufgefaßt und zwar in 
vollem Ernst und in der massivsten Weise. In Seder Theruma von 
Schemoth Rabba heißt es: „Ich habe euch meine Thora verkauft, ich 
bin wie mit ihr verkauft". Ferner: ,jDir zu sagen; nimm sie nicht, das 
vermag ich nicht; denn sie ist deine Gattin. Allein, tu'^ mir den 
Gefallen und richte überall, wo du hinziehst, ein Zimmer fiir mich ein, 
wo ich bei dir wohnen kann; denn ich kann nicht auf meine Tochter 
Verzichten". 

Femer; Diese persönlich aufgefaßte Thora ist das Prinzip des Lebens 
und des Lichts für die Welt, sie schafft Heiligkeit und bewahrt vor 
dem Tod. Zu den Worten Ex 15, 2ö „Ich bin Jahwe, dein Arzt" wird 
hinzugefügt: Der Heilige sprach zu Moses: Sage zu Israel: Die Worte 
der Thora, welche ich Euch gegeben, sind Arzenei, Leben ist sie für 
euch (Mechilta 54a>. Wie das Wasser, so sind auch die Worte 
der Thora Leben für die Welt (Sifre 84a). Thora ist der Baum 
des Lebens (Pirke Aboth VI, 7). Debarira Rabba c. 6: „Mit fünf Dingen 
ist die Thora verglichen worden: mit Wasser, mit Wein, mit Milch, mit 
Honig und mit Öl Wie dieses Wasser der Welt das Leben gibt, so 
geben die Worte der Thora der Welt Leben. Wie dieses Öl der 
Welt Licht gibt, so geben die Worte der Thora der Welt Licht". 
Nun war das Gesetz bekanntlich der Kern und Stern, ja, das Herz und 
das lebendige Zentrum in der jüdischen Religion. Aber eben denselben 
Ptat2 nahm Christus in dem Bewußtsein der ersten Gemeinde ein. Es 



94 



Chr. A, Bugge, Das Gesetz und Christus, 



ist demnach ganz natürlich, daß man die dem Gesetze zugfcschriebeneii 
Eigenschaften dem Christus zuteilt Wir können in dieser Weise leicht 
ersehen, wie die Gedanken, welche in dem Prolog des Johannesevan- 
geliums auf den Logos-Christus angewandt werden, entstanden sind, 
nämlich durch einen fast unvermeidlichen Prozeß in einer aus jüdischen 
Proselyten und ehemaligen Juden bestehenden Gemeinde. 

Betrachten wir den Prolog, so werden wir auch finden, wie alle 
die Attribute des Logos-Christus einfach nur eine Übertragung der 
Attribute des Gesetzes auf den Logos-Christus sind, weder mehr noch 
weniger, sondern genau dieselben: Persönlichkeit, Präexistenz, Teilnahme 
an der ganzen WeltschÜpfung. Ebenbürtigkeit mit Gott als sein Sohn 
(Thora war nur als feminini generis die Tochter), demnach Gott. Eigen- 
schaft als Leben und Licht der Welt. Der Wortlaut .Jm Anfang" 
spielt deutlich auf Prov 8, 22 an: KÜpiDc iKTtci ^e cipxf)v 6büiV aÜToO — 
und: Tipö toO aivüJvo^ ietiicÄiutc^ ^€ ' ^v Apx^ irpö toö tijv Tf\v iroiljcni 

(8, 23)- 

Auch die Vefgleichung der Thora mit dem Logos-Christus finden. 
wir vor: „Das Gesetz ward durch Moses gegeben, die Gnade und die 
Wahrheit ist durch Jesus den Messias gekommen" (Joh i, 17), Daher 
können wir sehen, daü der Evangelist gerade wie die Rabbinen durch 
Gleiclisetzung des Gesetzes mit der „Weisheit" auf die Schilderung in 
Prov S, 22iif. gekommen ist. Denn auf sie nimmt er Bezug, und 
doch holt er viele andere Züge, die Prov 8, 22 if. nicht vorhanden sind, 
aus den Theologuraena über die Thora. Diese Auffassung ist übrigens 
in dem vierten Evangelium konsequenter durchgefülirt als man gewöhnlich 
einsieht. Um nur auf e i n Beispiel aufmerksam zu machen: In der 
Synagoge zu Capernaum sagen (nach Kap. 6) die Juden zu Jesu: „Unsere 
Väter haben das Manna in der Wüste gegessen". Hierauf antwortet 
Jesus: „Nicht Moses hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern 
mein Vater gibt euch das wahrhaftige Brot vom Himmel". Nun war 
nach jüdischer Auffassung eben die Thora das wahre Brot vom 
Himmel {Chagiga 14b). Wenn nun Jesus von sich sagt: „Ich bin 
das Brot des Lebens, welches vom Himmel herabkommt und der Welt 
Leben gibt", so nimmt er einfach den PJatz des Gesetzes, der Thora, 
iü der Rehgion ein und läßt daraus die Folgerung ableiten, daß sie sogar 
sein Fleisch essen und sein Brot trinken werden. Wir ersehen daraus 
beispielsweise, mit welcher genauen Folgerichtigkeit der Grundsatz: Das 
Gesetz = Christus, hier angewandt wird. Selbst diejenigen, welche 
■dem vierten Evangelium eine geringere geschichtliche Zuverlässigkeit 



I 

■ 

I 



in Bezug auf die wiAlicIien, von Jesus selbst gehegten Anschauungen, 
zuschreiben, müssen doch zugeben, daü es sich hieraus ergibt, dali die 
Auffassung der Gemeinde der zweiten Generation die war, dal^ der 
Messias und die Thora identische Grö&en sind. — Allein die&elbe 
Auffassung war nachweislich noch älter. Paulus im Römerbrief 
und sonst geht unleugbar von derselben Grundauffassung aus, und es 
geht aus zwei Äußerungen Pauli unwiderleglich hervor, da& dieselbe 
Auffassung unbestritten in der romischen und der korinthischen Gemeinde 
die herrschende gewesen sein muli. Ist sie aber eine herrschende in 
Rom, so kann sie nicht von Paulus herrühren, da ja diese Gemeinde 
ganz ohne Paulus entstanden ist Und wenn Paulus schon um das Jahr 
5S die genannte Anschauung als so allgemein verbreitet voraussetzen 
kann, so mu0 sie sehr früh in der ersten Generation bestanden haben, 
sie mub geradezu gleichzeitig mit dem Christentum selbst sich ein- 
gebürgert haben. Die eine Stelle bei Paulus ist Rom 10, 4 — 11. Hier 
argumentiert er folgendermaßen: „Denn Christus ist des Gesetzes Endziel 
(t^Xoc), um jeden, der glaubt, zur Gerechtigkeit zu bringen. Denn Moses 
schreibt von der Gerechtigkeit durch das Gesetz: Der Mensch, der sie 
tut, der wird dadurch leben. Die Gerechtigkeit aus dem Glauben aber 
sagt SO: Du sollst nicht in deinem Herzen sprechen: Wer wird zum 
Himmel hinaulTahrcn? nämlich um Christus herunterzuholen 
öder: Wer wird in die Unterwelt hinabfahren? nämlich um Christus 
von den Toten heraufzuholen. Was sagt sie vielmehr? Das 
Wort ist dir nahe: in deinem Munde und in deinem Herzen, nämlich 
das Wort des Glaubens, das wir verkünden. Das 
heißt; Wenn du mit deinem Munde das Wort bekennst, daü Jesus der 
Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dall ihn Gott auferweckt hat 
von den Toten, so wirst du gerettet". 

Das Merkwürdige hier ist nun, daü diese Stelle (Deut 30, 12—13), 
ganz entschieden gegen den Wortlaut des Textes und 
ohne Zweifel auch gegen ihren ursprünglichen Sinn messianisch an- 
gewendet wird. Denn die angeführten Worte werden im AT gar nicht 
von Christus, sondern ausdrücklich von dem Gesetz gesagt. Indem nun 
in dem Texte steht: „Wer wird zum Himmel hinauffahren um das Gebot 
Jahwes herunterzuholen", sagt Paulus einfach und als ganz selbstver- 
ständlich: Um Christus herunterzuholen! Ferner: Das Wort, 
das nah ist im Mund und Herzen, sind nach dem alten Text die Worte 
des Gesetzes, bei Paulus dagegen wird dafür als selbstverständlich 
substituiert das Bekenntnis von Jesus als dem Herrn! Die 



■ 



■wr- 



9fi 



Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Chiistus. 




Voraussetzung ist demnach unbestreitbar der Gedanke, dalj der Messias 
an die Stelle des Gesetzes getreten ist. Und zwar so, daß was im AT 
von deni Gesetz gesagt wird, in seiner Erfüllung vom Standpunkte „des 
Glaubens aus der Gerechtigkeit" ohne weiteres von dem Messias gesagt 
werden kann, und von den Jesusmessianisten als selbstverständlich auf 
den Messias Jesus angewendet wcrdeiJ dari. Wenn aber Paulus diese 
Argumentation in solcher Weise der römischen Gemeinde gegentjber 
geltend macht, mit der er nie zuvor gesprochen oder veAandelt hat, so 
kann das nur darauf beruhen, daß es bei den Messianisten schon ein 
feststehendes „Dogma" war. daü der Messias eben das Endziel war, nach 
dem das Gesetz tentiiert, um sicli in ihm als selbständiges Wesen aufzulösen, 
indem es in ihn ausmündet, so daß der erschienene Messias ^ deai 
Gesetz, und das Gesetz — ihm ist Wäre das nicht eioe stehende j 
Voraussetzung, So hätte Paulus seine sonst ganz willküriiche Be- 
handlungsweise des heiligen Textes wenigstens erklären, begründen und 
verteidigen müssen, ehe er darauf einen wichtigen Beweis baut, der 
überzeugen soll. Aber selbst in einer fremden Gemeinde konnte er die 
genannte Auffassung voraussetzen. Demnach war sie ein messianistisches 
„Dogma", dessen Ausbreitung sich mit der Ausbreitung der Kirche selbst 
deckten und dessen Entstehung in die älteste Zeit versetzt werden inu&. 
Dass^lb« ergibt sich aus der Stelle iKc>r lO. 3 — 4; „Und alle (Isiaehten 
io der Wüste) empfingen die Taufe auf Moses ia der Wolke und im 
l/LoBT, und alle allen die gleiche geistliche Speise und alle tranken den 
gleichen geistlichen Trank, ilcn sie tranken aus einem mitg^endeo^ 
geistlichen Felsen, der Fels aber war der Messias."* 

Mit welchem Recht kann nun Paulus sagen, da& der FeU eben der 
Messias war? Wir sahen eben, daß die Vofstetlung bei den Juden gang 
und gäbe war, daü die geistige Kraft in der WUstenspcise, demnach 
auch it) dem WUsteoirank die Thora war. Sctit man nun anstatt der 
Tbon den Messias, weil das eben ohne weiteres identische GroAco,^ 
waren, so hat man den Gedanken, daß der Fels der Messias war! So 
wird der Gedankengang bei den Jesusmessianisten tn Korinth gevescn.i 
sein. Das können wir aus unserer Stelle ersehen. Hierdurch wird das^^ 
was wir aus dem Römertaricfe ermittelten, bestätigt, und die aUge 
Vabi'citiii^ und das frühe Vorhandensein dieses Gedankens bewiesen. 
Aus dieser Identität des Gesetres und des Messias folgt natürlicfa. 
daü Dach deffl Erschnnen des M-'^'^t'"? die Gültigkeit des Gesetzes 
als einer selbständigen Grö&c au fhörL Bd tieferem ! 
mufite diese SchluQfcIgenjng von dea Jesusmcssiaiustcn gezt^cn 



Chr. A. Bu^ge, Das GeseU und Christus. 



97 



» 



i 



Können wir nun nachweisen, daß diese Schlußfolgerung schon vor 
Paulus gezogen worden war? Ja, und zwar können wir nachweisen, 
woher Paulus, der Hauptsache nach, seine Auffassung hatte. 

Die erete Gelegenheit, bei der Paulus den Jesusmessianismus kennen 
lernte, boten die Vorträge des Stephanus in Jerusalem. Diesen Vor- 
tragen wird wahrscheinlicli Paulus beigewolint haben, wenn er nicht gar 
an den Disputationen gegen den Stephanus aktiv teilgenommen hat. 
Denn unter den Opponenten des Stephanus werden auch Juden von der 
kili kische n Sj-nagoge, zu der Paulus damals geborte, genannt. Jeden- 
falls war er mit den Meinungen des Stephanus genau bekannt, da er 
ja an seiner Verurteilung und der Hinrichtung beteiligt war, nach- 
dem dessen jüdische Gegner in der Disputation unterlegen waren 
(Act 6, 8 — 15J. Was war nun aber der positive Inhalt der Be- 
hauptungen des Stephanus gewesen? Wir können uns einigermaßen 
davon eine Vorstellung machen aus dem Inhalt der Anklage gegen ihn, 
die dahin lautet, daü er gegen das Gesetz und den Tempel geredet 
hätte, und daÜ er bebauptet hätte, Jesus werde den Tempel zerstören 
und die Sitten ändern, welche Moses gegeben hat, dali er ,, Läster- 
worte geredet hätte auf Moses und Gott". Aus dieser Entstellung der 
Tatsachen können wir deutlich herauslesenj daÜ schon Stephanus 
die Gültigkeit des Gesetzes als einer selbständigen Größe 
verworfen hat. Das aber war für einen Juden unmöglich, wenn er nicht 
einen gleichwertigen Ersatz für das Gesetz aufstellte, und das wird nach 
derselben Anklage eben der Messias gewesen sein, da ja gesagt wird, 
daß Jesus die Sitten des Moses ändern würde (Act 6, 14). Mit an- 
deren Worten: schon Stephanus hatte (und darin bestand wohl das ori- 
ginelle seiner Anschauung) aus jener Theorie von der Identität des 
Messias und der Thora jene Schlußfolgerung gezogen, aber alles, spricht 
demnach dafür, daü die Theorie der Identität an sich schon vqr ihm 
existierte. Aber woher stammte diese Theorie? Direkt von Jesus kaumj 
weil wir das bei den Synoptikern nicht ausgesprochen finden. Da- 
gegen finden wir allerdings Äußerungen, die mit einer solchen Theorie 
als Voraussetzung wohl übereinstimmen, zum Beispiel, wenn et sagt, daß 
der Menschensohn Herr über den Sabbath ist und demnach sich in 
dieser Sache frei und ungebunden bewegen darf. Ferner liegt wohl der 
paradoxalen Parabel von dem, was in dem Menschen eingeht, und der 
ausgesprochenen Aufliebung der Speisegesetze; so sprach er alle 
Speisen rein (Mc 17, 19), dieser Identitätsgedanke zu Grunde. Denn 
das kommt einer Aufhebung der Speisegesetze gleich, wenn alle Speisen 



98 



Chr. A. Bugge. Das Geseti und Christus, 



rein gesprochen werden. Wenn also zwei so praktisch wichtige Gebote 
wie das von dem Ruhetag und von den Speisen, wozu noch die übrigen 
iJevitischen Reinheitsgebote kommen, aufliören, so ist eigentlich die Thora 
selbstgültige Größe aufgehoben. Das sind aber lauter Anwendungen 
ies „Dogmas" von der Identität des Messias und der Thora, Dasselbe 
ist wohl auch der Fall mit dem Rätselwort über das Gesetz, in detn 
kein Jota oder Häkchen vergehen soll. Das Tuhrt uns zu der Vermutung, 
daß der Idcntitatsgedankc schon damals vorbanden war, als ein Haupt- 
satz in der Lebensanschauung der Messianisten, aus deren Kreis Jesus 
selbst hervorgetreten war. Diese Messianisten bildeten neben den 
Sadduzäem, Pharisäern und Essäem eine besondere religiöse Richtung 
im Volke. Man nannte sie „die Stillen im Lande", „die Wartenden" 
und der Inhalt ihrer Erwartung war „die Tröstung Israels" und „die Er- 
lösung Jerusalems" durch den Messias: (Lc 2, 25 — 3S). Dieser Richtung 
gehörten Leute wie Simeon und Anna, Zacharias und Ehsabeth mit dem 
Täufer, Joseph und Maria, wahrscheinlich auch Zebedäus und seine FatnilJe 
an, überhaupt die Kreise, aus denen die meisten Jünger Jesu entstammten. 
Die geistige Nahrung sogen die Leute dieser Richtung — abgesehen 
von der hl. Schrift — aus den Apokalypsen. Es ist bezeichnend, 
daß in dem Briefe des Judas, der aus diesen Kreisen stammt, zwei Apo- 
kalypsen als kanonische Autoritäten angeführt werden. Diese Leute gehörten 
augenscheinlich überwiegend den bescheideneren Schichten der GeseU- 
schaftan. Ohne eigentliche Organisation scheinen sie eine geistige Bruder- 
schaft gebildet zu haben. Sie besuchten einander, sprachen gleichgesitintc 
Gedanken und Hoffnungen mit einander aus, verglichen Erlebnisse und 
die erfahrenen Führungen Gottes mit einander, so wie Maria und Elisabeth 
(Lc I, 39 — g6). Nach dem Vorbilde der Apokalyptiker deuteten sie in 
weiter Ausdehniing die heilige Schrift, sowohl die elgenthchen Prophelien 
wie andere Stellen, messianisch. Selbst solche Stellen, die ursprünglich 
nicht messianisch gedacht und gemeint waren, legten sie auf diese Weise 
aus. Man könnte fast sagen: die ganze Schrift atmete ihnen den Messias. 
Wie die Schrift etoitVEUCtöc war d. h. deum spirans (so faßt H, 
Cremer diesen Ausdruck auf), so war sie zugleich MessJam sptraas. 
Dadurch, daß ihnen der Messias in der Religion der Kern und Stern, 
das Hera Und das lebendige Zentrum war, traten sie ganz folgerichtig 
ganz unvermeidlich in Gegensatz zu den Pharisäern, welche ganz natür- 
lich nicht besonders messianisch gestimmt waren. Diese hatten zwar den 
Messias in ihren Glaubensartikeln, allein messianisch orientiert 
waren, sie nicht. Die Pharisäer waren eben Nomisten, das Gesetz 



Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christus. 99 

war ihnen in der Religion alles, neben demselben konnte der Messias 
als das Herz der Religion nicht existieren. Und umgekehrt mußte für 
die Messianisten der Messias den Flatz des Gesetzes einnehmen, und der 
Gedanke von der Identität dieser beiden Größen schon in Gottes Haus- 
haltung in früheren Zeiten mit seinem Volk drängte sich ihnen mit 
lo^scher Notwendigkeit auf. 

Kann man irgendwie bei den Messianisten diese Identifikation spüren? 
Es scheint so. Wenigstens sind Spuren vorhanden in Außeningen, die 
eben unter Voraussetzung der unbestrittenen Geltung dieser Theorie 
unter den Messianisten sich am besten begreifen lassen. Der alte 
5 i m e o n sagt, daß der Messias ein Licht sein soll zu Offenbarung für 
alle Heidenvölker (Lc 2, 30 — 32). Nach Micha 4, 2 und Jes 2, 3 ist es da- 
gegen die von Zion ausgehende T h o r a , welche über die ganze Welt hin- 
leuchten, alle Völker herbeilocken und die messianische Friedensära 
heraufTühren soll. Also haben wir hier den Gedanken von jener Iden- 
tität lebhaft vor Augen in dem Munde des Führers der Messianisten. 
Wir können von hier aus den Ursprung jener Identifikation sogar sehen. 
Den Messianisten war natürlich der Ebed-Jahwe des Deuterojesaia •= 
Messias. Nun wird bei Jesaia der Ebed-Jahwe (d. h. Messias) eine 
„bme^tcn des Volkes" (OS n^?) und „ein Licht der Heiden" ("V» 
D^a) genannt Jes 42, 6. Aber dieses „Licht der Heiden" ist nach 
Jes 2, 3 die Thora. Demnach: Thora = Messias. 
Mathematisch aufgestellt: 

Ebed-Jahwe ■=■ Messias. 

Ebed-Jahwe -= Licht der Heiden. 

Licht der Heiden — Messias. 
Aber: Licht der Heiden -= Thora. 

Thora — Messias. 
Femer: Ebed-Jahwe = Messias =- bia6r|Kn. 

tttaOiixTi — Thora. 

Thora = Messias. 
Dies ist nicht lauter Konstruktion von mir. Denn im Barnabas- 
brief wird Jes 42,6 in obiger Weise verwendet, zum Beweis, daß 
Christus est nova lex (Kap. IV). Das war also bei späteren Jesus- 
Messianisten. Die Umdeutung von Jes. 2, 3 durch Simeon zeigt, daß der 
Prophet schon damals so aufgefaßt wurde im messianistischen Haupt- 
quartier. Und näher betrachtet ist es nur eine unvermeidliche messia- 
nistische Schlußfolgerung. Wir sehen vor Augen die Entstehung jener 
„Grunddogmas". 



PM 3it -t. -liMge. Tu 'iwn ■■ "iiiMiii 



■-^9 derselben '^^TanM«gHapr -w « nnt .tm« ■.Vntr- rii^w |j|nfpii., i|..iii .WTy. 
Pmiiiieieii imi laa nigetr Tr-^Tnjf.i bs_ aiBiiiies IBt LH r^. Jeöt 
sntc rtaca liwem 'Voztc -ai -nn^»^ Twcn»^ sai, sn. ^w^rnri jec- P^ta - 
•lilliin^' encr Vd,Hiigiingf n. uai i^i— ^ ':■«-""■ loc 'äoit .inr Weisse 
lud <* äracanui^si <,d.i. i^** .T gLünrfiPH^ Hn rTT"'"" i^^r P*tjTKäf TTr) vosidbebe 
mü '^ u'mnunäigpn j;emtmnaig. I^as 'acs. — ■■ "■■' Vn i m - . iir F> m - rm 
iad Joch ier. Thma lajüi luanaaiacaer ' Hm n-im - — nni ■ii m - n iH - 
jgnnmmftn. uui ^tvt ieaacn vaa. aa. ■=anitr .~actL jmL se .exditELattf 
fies ^tCTW a a nur Zrqiuckun^ ier ieetea .imea ="'>-'i-^ ; 3ft rz. .1^ — ^y. 
Ea sc x^^viü mchc :iuiie 3etieuningi jetaiig vel äi£ üvangciün: «a-f««»-;«- 
'-co^Lp-jn. ±rc =iiitl, iaü iaat :ai|^:9(ie •vbitti^ tnt jcr ^ H t f n^ j i m, ! 
des ni-miüosciien iaunaijociie»- ^lamieit ^aä. ieic «Tfa^nr iiigBDJeit 
iiamau^nucn ^Tiflmnii^f"'H* nm. üen Noubsbl Bade; v^sbbsbl <ä& 

SS SUL itampi aul Tj'ne^n uui fad. )S£. 

Du "War es iiu:ti. ^vaa- Paulua sa le aiBi t -±111110: Ifint ^r^ bn 
;eGec öaa 'leseiz dn hartES- jacä 'jimL <ane a ch w og La^ j e ^ w-mlu. Dje 
Pharisäer ^siien ■'«g* gern hl Das ' «'tiA io 1 ite -Mieit 1 * ^*«^ tatcölb&e 
L^ät wnn. Oenn je oacn denc GLwicJit. onr icsx i» irockte;. '^nndc läe 
Gcnäe des LAbiW' daüir "riwimmr Yiaa 'var uunt onc ■ ■ ■'nr ; Ursaidae ii%- 

üir. ^ait liitr Ttnwnr ^rt ■^**Tnaitng fn-m Pnitiiwt iJimfTittrH vnritsijfr. Aaiksdes 
«aria- — 'iaa-sOtiidcbunaisbeEPaiims :'esr — e nBwni Üg Jesas von ^ fai^mgli 
nicht -1er .\Cs3sias.. Doch. -mTd. ^ias Zeugnis ies StrTnninia unä vor sübk 
Tj^nflftn itsa lienlicher Xbct ?tniig ^enaitigen. Hmdrttck: anc doE senr 
imptiMgJichen Paolus grnpftir riaben Act 7; 55 — «n. Nicht anr er- 
Tahrr. nnan kberhaupr unrermetdÜcii a ne- gewiss* Pr ägung vinccii onc-i 
i)^tst«iimi*chtiqpRi '^is^snec »ndeni oier schiea imch. iaza das Lebea 
"fisMts SCadiws- ind 'Üeser ' ^eiiiei i iiie- iazaut m. deuiea. dail es esn. 
ff r\'n'.\r\^*ic'ttfirt .var: ^aich der ^rroüe Lehttr Pauli '"^»f^^üH hatte 
'Sttaea Ei^iulmck. Di^rtt aodetcxsetts: dieser jesns Tar ja. iwinnif^» öa rcrter 
ytsum ' ^'nd Paulus wurde danir uttgen. dall die ^ame • jisncütde bald 
ritt V«r((iUi(f?tnheiC aiqrehörte^ Mit dieser Absicht TJidat « oacit Dantaskns. 
Aber jjfcrade dr»c zeige ihm Gott ao daA er es mit Atigm ■äg ht und 
imt ^Jfantn hört; dali Jesu lebt und zwar zur Redttes Gottes im Fümmei. 
Er eflehc dasselbe Ganöxt irie ätephanus auch. Demnach: Stepbamis hat 
recttf ! wtni Paiiiuc vch ;p»agt haben. Kein Wondcz: dal^ Paulus damit 
auf dnn Owrianfaenjpmg de» Stephanng ei ng e h t. daH Jesus ais 3fesaias den 
PtaU rlen OsseTiEeff in der SeÜgioD emgjemnnmen hat. Denn hat der 
Mann racM gehabe bexu([}icfa der Gtondlage. dail Jesus <isx Mboöbb ist. 
so wii«f " * auch in den Schiuftfolgenmgen recht haben. So wizd 



Chr. A. Bugge, Das Gesett und Christus. lOI 

Paulus gedacht haben, um so mehr, als es seinem logbch denkenden 
Geist einleuchtete. 

Und Paulus, der gelehrte Rabbi, versteht ja besser als ii^end ein 
anderer den ganzen Zusammenhang. WeiA er doch genau, wie das 
Gesetz ein so drückendes Joch geworden ist Zuerst hatte man das 
geschriebene Gesetz Gottes in 615 Gebote aufgeteilt (Ffttt?, ^vroXat). 
Das Gesetz konnte deshalb als ein „Gesett der Gebote" charakterisiert 
werden. Um dieses eigentliche Gesetz Gottes hatte man femer einen 
„Zaun" von ungefähr 2000 Satzungen aufgestellt Diese letzteren nannte 
man auf griechisch bÖTMOTa : vömoc rtSiv ivroKütv iv &ÖT^Olav, das war 
das Palladium des pharisäischen Nomismus, das war der Pharisäismus 
in kurzem Begriff." 

Die Wirkung der Au&errechtsetnmg dieser so geschilderten Thora, 
welche Paulus an dieser Stelle (Eph 2, i4flf.) vor Augen hat, das ist die 
Friedensstif^ung zwischen Heiden und Juden. Diese so aufgefaßte und 
gehandhabte Thora war nämlich an sich eben das Feindschaftstiftende 
zwischen Israeliten und Gcjim. Eben die heidnische Unreinheit, die 
durch Genuß von Schweinefleisch und allerlei unreinen Speisen in jüdischen 
Augen bewirkt wurde, gab den Juden einen fortwährenden Anlaß zu 
jener höhnischen Verachtung der anderen Völker, welche für immer die 
„Scheidewand des Zaunes" zwischen beiden bilden würde. Daß über- 
haupt jene pharisäische Zerspaltung des Gesetzes die Ursache jener 
Feindschaft war, das wird Paulus zuerst klar eingesehen haben. Eben 
Christi Person, indem Er die Rolle der Thora übernimmt ist der 
Friede, der Vereinigende (Eph 2, 14). In dieser Zusanunenfügung ist 
Er der Eckstein (Eph 2, 20). 

Es fällt ein eigentümlich klares Licht auf die verschiedenen 
Äußerungen Pauli über das Gresetz von dieser Theorie der Identität 
Christi und der Thora aus. 

Betrachten wir das in aller Kürze. 

Eine zentrale Stelle ist Rom 8, 1—2. „^len darum gibt es jetzt 
keine Verdammnis für die, die in Christo Jesu sind: denn das Gesetz 
des Geistes des Lebens in Christo Jesu hat freigemacht von 



' Auch Ritschlhit du eineesehen! „Die Empfindung des DinckeB,dcTBeichrinlEnng, 
der Unseligkeit ist mn die «tomistisdie Auffassung der vielen einiclnen Gebote gebunden; 
das Gesetz als Gesamtauidrnek der göttlichen Wahrheit uud Gerechtigkeit encheint 
jenen Dichtern all der Gnind ihrer gesteigerten sittlichen Freiheit, als die Nahrung ihrer 
eigentlichen Persönlichkeit, also die stetige Erweisung der g&ttL Gnade" (Ps 26, 3] (Entsteh, 
d. altkMh. Kirchs S. ill). 



I03 



Chr. i\. ß u Ege, Das GcttB nad ChnsioK 



dem Gesetze der Sunde und des Todes". Ker tretea Qiristus und cüc 
Tliora in direkten Gegensatz gegen dnandcr. Denn jenes Gesetz der 
Sünde und des Todes ist eben die Thora. Sie wird so genannt, ab- 
schon sie an stell gut ist, wetL wie es fniber hiett, „die Sitncie hat das 
Gesetz benutzt iiin aUe Lüste in mir ins Leben zu mfen: denn ohne tias 
Gesetz fehlt der Sunde das Leben. Ich aber lebte ohne Gesetz so 
dahin ; wie jedoch das Gebot Icam, da kam neues Leben in die äünde, 
für mich aber der Tod. Und so sdüug das Gebot, dessen Zweck Lebca 
i^ flJr mich zum Tode aus" (Röcn 7, S — 10). Indem nun Cbxistus an. ■ 
die Stelle des Gesetzen tritt, so gilt es: „Ist Christus in euch, 30 becBt 
es beim Leibe: tot um der Sünde vrÜIcn. beim Geist: Leben um der 
Gerechtigkeit willen; wohnt aber der Gdst dessen, der Jcsum von den 
Toten erweckt hat, in euch, so wird der. der Christas Jesus von den 
Toten erweckte, auch eure sterblichen Leiber mitreist seines in eucJL 
wohnenden Geistes lebendig machen*' (Rom 8, la ii). 

Wir werden nun in einer ganz ändero] Weise die etgectiiiiificlie 
Argumentation PauJi Rom 6, 15 — 7,6 verstehen. 

Der EU beweisende Satz ist: nicht wolkn wir sündigen, weS wir 
nicht unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade smd. | 

Das beweist er, indem er zeige, daß die Ehe mit dem Geseti 
— denn eine solche existierte früher — durch den Tod des einen Ehe« 
gatten gelöst ist. 

Es ist nun leicht zu ersehen, wie diese Ausführung eine besondess 
ilberzetigend« Kraft hatte. 

Wie wir sahen, war die Thora, Jahwes Tochter, die Gattia der 
israelitischen Gemeinde. Wenn nun Christus an die Steile der Thora eio- 
tritt, so erscheint er als Gottes Sohn und Ehegatte der Gemeinde. Der Akt 
jener Vermählung hatte stattgefunden durch die Bescbneidung (die mit 
Händen gemachte), diese Vermählung der Gemeinde mit dem Messias ist 
durch die Tau fe voltzogen worden. Dieselbe ist nämlich die christiiche 
Beschneidüng, das wird ausdrücklich gesagt Kol 2, 1 1 ,Jn Chrtsto wordet 
ihr .iiich beschnitten mit einer Bescbneidung, die nicht mjt H^den ge- 
macht t^t, durch da« Ausziehen des Fleischleibes, durch die Be$<htieiduf^ 
Christi, dd ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe". Dieselbe 
Betrachtung liegt auch der schönen Epheserstelle zu Grunde, wo Paulus 
die Münner vermahnt zur Nachahmung Christi in seiner Liebe zur Ge- 
meinde: Christus hat die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie dar- 
gcbr-icht. damit er säe heilige, nachdem er sie gereinigt hatte durch das 
^asKfbad mit dem Worte (Eph 5, 25. 26). Demnach: Die Gemeinde 



Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christus. 103 

war früher mit der Thora vermählt. Und nun alimentiert er mit 
zwingender Logik: Wie die Ehepflicht durch den Tod aufhört: „dem- 
gemäß seid nun auch ihr, meine Brüder, getötet fiir das Gesetz mittelst 
des Leibes Christi, um einem Anderen zu eigen zu werden, 
dem der von den Toten auferweckt ward, damit wir Gott Frucht bringen. 
Denn da wir im Fleische waren, bewiesen sich die durch das Gesetz 
erregten sündlichen Leidenschaften wirksam an unseren Gliedern, Frucht 
zu bringen fiir den Tod. Nun aber sind wir für das Gesetz ausgetan, 
weil wir gestorben sind mit dem, wodurch wir gebunden waren, so daß 
wir nun dienen im neuen Geisteswesen und nicht im alten des Buch- 
stabens" (Rom 7, 4 — 6). 

Ebenso überzeugend ist die andere Seite des Verhältnisses: Die 
Pflicht des Gehorsams gegen den neuen Ehegatten, Christus, „Wisset 
ihr nicht, daß wem ihr euch darbietet als Knechte zum Gehorsam, dem 
seid ihr verschrieben als Knechte zum Gehorsam, sei es der Sünde zum 
Tod oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Dank aber sei Gott, daß 
ihr zwar Knechte der Sünde wäret, von Herzen aber gehorsam wurdet 
gemäß dem Lehrtypus, zu dem ihr gebracht wurdet, daß ihr von 
der Sünde befreit zu Knechten der Gerechtigkeit gemacht wurdet" 
(Rom 6, 16. 17). 

Aus demselben Gedankengang entsprungen ist selbstverständlich der 
Beweis g^en die Fr;^e: Wollen wir bei der Sünde bleiben, damit die 
Gnade um so größer werde? Nämlich: „Wir sind mit Christo begraben 
worden durch die Taufe auf den Tod, damit, wie Christus auferweckt 
wurde von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir 

im neuen Stande des Lebens wandeln sollen in der Erkenntnis, 

daß unser alter Mensch mitgekreuzigt ward, damit der Leib der Sünde 
vernichtet werde" (Rom 6, 3 — 6). 

Daß Christus nun das Gesetz ablösen mußte, das hat darin seinen 
Grund, daß die Thora ihren Zweck verfehlte, weil „die Thora geistig, 
der Mensch aber fleischlich ist" (6, 14). ,rln Christo aber ward das 
Fleisch im Menschen getötet, der Geist lebt". So Gal 2, 19. 20: „Ich 
bin ja demGesetze gestorben durch dasGesetz, um Gott zu 
leben; ich bin mit Christo gekreuzigt, ich lebe jetzt nicht als 
mich selbst, es lebt in mir Christus; sofern ich aber noch im 
Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt 
und sich selbst für mich hingegeben hat". 

Indem eine wirklich lebendige Person statt der symbolisch gedachten 
Hypostase, der Thora, mit dem Menschen sich vereinigt, geht sie ins 



la» 



Chr. A- Bugge, Das Geseti und Christus. 



Ken! hinein und wird innerliches Prinzip. Somit wird das neue 
Regime ein Regime der Freiheit, und Christus ein Gesetz der Freiheit. 
Hiermit nimmt das Wort Gesetz einen höheren, von dem antiken ver- 
schiedenen Sinn an, nämlich jenen modernen von Norm oder Regel, die 
die geistige oder materielle Welt C^osmos) beherrscht: Die Ursache ist. 
daü der Geist sich so hoch in Christo erhebt, daß er über weite Strecken 
der Zukunft hinschaut. Es gab dem Paulus eine weite Perspektive, 
wenn er sagen konnte: ,,Der Herr (Jesus) ist der Geist. Wo der Geist 
des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir alle aber, die wir mit aufgedecktem 
Angesicht uns von der Herrlichkeit des Herrn bespiegeln lassen, werden 
in dieses selbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als vom 
Herrn des Geistes aus" <2Kor 3, 17. 18). 

b Ehe indes Christus sich mit der Gemeinde vermählen konnte, mußte 

"^cr sie erst loskaufen von der Knechtschaft des Gesetzes: , .Christus hat 

uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes, da er für uns ein Fluch wurde"' 

(Gal 5, 13). Der Fluch hat sich an Christus erschöpft, er konnte nicht 

mehr den Menschen fluchen. 

Nun bleibt aber noch ein wichtiges Rätsel übrig, nämlich folgendes; 
Christus war schon im ahen Bunde in der Tat das Gesetz, warum denn 
nun dieser Gegensatz zwischen beiden, warum soll das Eine untergehen 
und der Andere aufgehen? Und: das Gesetz war ja einst Gottes Wille. 
wie kann dieser aul^er Kraft treten? Die Antwort ist: Die Thora war 
allerdings Christus, das heißt aber, sie war eine zeitgeschichtlich be- 
schränk-te Erscheinung desselben. Thora war allerdings der Wille Gottes, 
aber normiert gemäß dem Kindesalter der Menschheit. Und derselbe 
Erzieherwille und die gleiche Erzieherweisheit, dasselbe Prinzip kann 
sehr wohl nach der Mündigkeit eine solche Umbildung in der An- 
wendung erleiden, dalj es einem, relativen Gegensatz gleichkommt. Das 
können am besten wir. die wir unter dem Zeichen der Evolution leben, 
verstehen. Um so großartiger ist der walirhaft evolutionistisclic Gesichts- 
punkt des Paulus Gal 3, 21 — 4, 17, 

Der vorige Zustand war ein Zustand, welcher während der Zriten 
der Kindheit berechtigt war. Hier war die Unfreiheit ebenso notwendig, 
wie jetzt in den Zeiten des mündigen Mannesalters die Freiheit das 
einzig Riciitige war, „Bc'or der Glaube kam, waren wir verwahrt unter 
dem Gesetz, eingeschb&sen Tiir den Glauben, der erst enthüllt werden 
sollte" (Gal 3f zj). Das Gesetz umschloß die zarten, kindlichen Glieder 
wie eine beschützende Decke. Und die Unfreiheit diente der Ent- 
wickclung. So ist das Gesetz unset Erzieher auf Christus geworden 

9. s. '9*>3- 



(3> 24). Jeder Sohn, auch ein Königssohn, bedarf solcher Unfreiheit im 
Kindesalter, gleichwie sie Pädagogen brauchen, welche sie auf die 
kommende Freiheit vorbereiten. Nachdem aber die Ejfiüliing der Zeit 
kam, ist die Gemeinde und jedes Glied derselben nicht mehr Kind, 
sondern vollmundiger Sohn und Erbe. Demnach: ,,So bist du nicht 
mehr Knecht sondern Sohn, und wenn Sohn, dann auch Erbe durch 
Gott" (4,7). Nunmehr kann nur die Freiheit der Entwicklung, dem 
Wachstum dienen> So ordnen sich die beiden Gegensätze: Knechtschaft 
und Freiheit demselben Zwecke, demselben weisen Willen Gottes unter. 
Somit ist das Problem gelöst durch die Kategorie der Evolution, und 
somit auch auf diese Weise bewiesen, daß das Gesetz Christus oder 
Christi ein Gesetz der Freiheit ist 

Gleichzeitig wird hierdurch klar, daü Paulus recht hat, wenn er 
S3i^'- ]|Folgt darauä, daß wir das Gesetz austun durch den Glauben? 
Nimmermehr! Sondern wir richten es auf" (Rom 3,31). Wir richten 
es auf, indem — erstens erkannt wird, da& bis jetzt das Gesetz als 
selbständige Größe sein historisches Recht gehabt; zweitens indem 
wir erkennen, daß das Gesetz sein Endziel in Christus hat (Rom 10, 4). 
Das besagt: I. daß das Gesetz als Zwangsjoch und selbständige Größe 
ein Ende hat, 2. daU es in Christum einmündet. Es mündet in ihn ein 
wie ein Fluß in einen See. Man kann sagen, daß der Fluß sich zum 
See erweitert. Man kann auch sagen; der See enthält alle Partikeln, 
Welche im Fluß waren.. Man kann endlich sagen: Der Fluß erleidet mit J 

dem Aufgehen in den See eine Umbildung. So auch das Gesetz. Es 
erweitert sich und wird Christus. Christus enthält alle Bestandteile des 
Gesetzes, und so zwar, daß dieses eine Umbildung erleidet. Demnach 
gehen z. B. die Opfer in Christus unter. Er ist das Passahlamm, das Opfer 
bleibt Passalilamm, und doch ist das Alte verschwunden, siehe alles ist 
neu geworden. Sabbath bildet sich in den Sonntag um, verschwindet 
aber nicht. Die levjttschen Reinheiten wandeln sich in sittliche Reinheiten 
um. Und go überall. Demnach; bei allen Umwälzungen, welche die 
Gemeinde vollzog, hat sie trotzdem doch nicht mit dem Grundsatü 
gebrochen, den Jesus aussprach: Denket nicht, daÜ ich gekommen sei, das 
Gesetz und die Propheten aufzulösen; nicht aufzulösen bin ich gekommen, 
sondern zu erfüllen (und zu einer idealen Vollendung, zu der von Gott 
bestimmten und beabsichtigten Größe alles zu bringen). Denn wahrlich, 
ich sage euch, bis der Hinnmel und die Erde vergehen, soll auch nicht 
ein Jota oder ein Häkchen vom Gesetze vei^ehen, bis alles wird ge- 
schehen sein (Mt 5, 17. iS). Als das Wort gesprochen wurde, war es ein 

ZciUdmll t i. DCQICIL Wiu. JabrE. IV. 1903. J 




«I 



I06 



Chr. A. Bugge, Das Geteti und Cbiistus. 



Rätselwort. Jesus hatte die Gewohnheit, sich mitunter schwerverständlich 
auszudrücken, teils um damit die unwertvollen Bestandteile seiner An- 
hanger auszuscheiden, wie der Täufer geweissagt von ihm: Er hat seine 
Wurfschaufel in der Hand, und er wird seine Tenne rein machen und 
seinen Weiifrn in die Scheune bringen, die Spreu aber verbrennen mit 
unverlöschlichem Feuer (Mt 3, 12). Teils damit er durch daä Hemmen, 
das Aufhalten des Gedankens eine Vertiefung darin erzwingen könnte. 
Er hat diesen Zweck hier reichlich erreicht Solche Rätselworte hat er mit- 
unter den intimerenjüngcm aufgelöst. So das von dem, was in denMenschen 
eingeht (Mt 15, Mc 7). Meistens hat er die Paradoxen nicht gelöst, ein- 
fach weil er das damals nicht konnte, da die Zeit noch nicht dazu reif war. 
So verstand erst die Gemeinde das angeführte Rätselwort. Der Hebfäst- 
brief ist unter anderem ein Kommentar zu dem Rätselwort Mt 5. 18. 

Schon Paulus hat eine weitere Übertragung der Attribute der Thora 
auf dexi Messias vorgenommen. So^ wenn er Christus das Ebenbild 
Gottes nennt (zKor 4, 4). Ferner; Christus ist der Erstgeborene aller 
Schöpfung; denn in ihm ward alles geschaffen im Himmel und auf 
Eiden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Hoheiten, Herr- 
schaften, Mächte, alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen, und er ist 
vor aUem, und alles besteht in ihm {Kol i, 15 — 17). Oder war diese 
Übertragung schon vor Faulüa gentachi^ als Anwendung des Grunddogmas 
der Messianisten? 

Auf derselben Linie \vie das Obige liegt K0I2, Sff.: „Sehet zu, da& euch 
nichtjemand beraube mittels der Philosophie und leeren Truges nach mensch* 
licher Überlieferung, nach den Elementen der Welt und nicht nach 
Christus. Denn in ihm wohnt all die Fülle der Gottheit leiblich und 
ihr seid in ihm erfüllt, der da ist das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt, 
in welchem ihr auch beschnitten wurdet mit einer Beschneidung, die 
nicht mit Händen gemacht ist". 

Einmal hat Paulus diese Voraussetzung seiner ganzen Gesetzcs- 
lehre gewissennassen ausgesprochen: Koll 2, 16; „So soll euch nun 
niemand richten über Speise oder Trank oder in betreff eines Festes 
oder Neumonds oder Sabbats. Das ist der Schatten des Zu- 
künftigen; der Körper aber ist Christi (ä fcTi citiä tüjv ficXXövTUiiv, 
TÖ b€ cilina Toö XfUCToO). Sinn; Der Körper des Schattens gehört 
Christo, d. h.; Jene Gebote der Thora sind an sich realttätslos, führen eine 
Art Leben nur so lange nicht die Wirklichkeit erscheint. Die Realität 
jener Thora-Gebote ist aber Christus, überhaupt: Die Realität der Thora 
ist Christus. Tliora und Christus sind identisch wie Schatten und 




Chr. A. Bugge, Das Gesetz und Christas. 10^ 

Körper, d, h. der Körper ist die Hauptsache und der Schatten wird mit 
dem Anbruch der Nacht natiirgemäli verschwinde;n. 

Kann man aber nun außexhalb des paulinischea Kreises irgend eine 
Überlieferung nachweisen von dieser Auffassung von Christo als dem 
neuen Gesetz, ■wenn wir auf die apostolische Literatur Bezug nehmen? 
Mit voller Sicherheit kaum. Doch huldigt Jacobus einer Auffassung, 
die jedenfalls am besten mit jener Identitätstfaeorie übereinstimmt. Dabei 
ist auch zu bemerken, daß Paulus, obschon er nachweislich das Gesetz und 
den Messias gleichsetzt, was die Zitierung Cap. lO unzweifelhaft macht, 
doch nie die Theorie an sich in ganz direkter Weise vorträgt. Sie ist nur 
die Latente Voraussetzung und dieselbe wird demnach so selbstverständlich» 
den Lesern so geläufig gewesen sein, daß sie nicht direkt vorgetragen 
zu werden brauchte. So kann es auch bei Jacobus gewesen sein. 

Zweimal spricht er von dem Gesetz der Freiheit, Jac 1,25: «Wer 
hineingesehen in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei 
blieb, wer nicht ein vergeßliclier Hörer war, sondern ein wirklicher Täter, 
der wird selig sein in seinem Tun''. 

Wie läuft doch dieser Satz parallel mit jener paulinischen Stelle: 
„Wo der Geist des Herrn ist^ da ist Freiheit Wir alle aber, die wir 
mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn (Jesu) im Spiegel 
geschaut, weiden in dieses selbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu 
Herrlichkeit als vom Herrn des Geistes aus" (2Kor3, ii. 18). 

Das Hineinscliauen in das vollkommene Gesetz der Freiheit und 
das Hineinschauen in die Herrlichkeit des Herrn (die Herrlichkeit im 
Antlitze Christi z Kor 4, 6) scheinen hier auf derselben Vorstellung zu 
beruhen, zumal da auch bei Jac in dieser Verbindung von einem Schauen 
im Spiegel die Rede ist (l, 2^). 

Die andere Stelle ist Jac 2, 12. 13: „Redet so und handelt so wie 
Leute, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Derm 
das Gericht ist unbarmherzig gegen den, der nicht Barmherzigkeit tut 
Bannherzigkeit darf herabsehen auf das Gericht". 

Es ist vielleicht von Belang, daß gerade in dieser Verbindung ge- 
sprochen wird von „dem schönen Namen, nach welcliem ihr benannt 
seid" (2, 7), und das ist Christi Name. Infolgedessen werden die Leser 
durch ein Gesetz der Freiheit gerichtet. Wie anders als in Christo, als 
indem der persönliche Christus das innerliche Gesetz geworden ist, 
kann ein Gesetz durch Freiheit gekennzeichnet sein? 

Jene Identifikation der Thota und des Messias Jesus und der An- 
wendungen davon nennt Paulus „ein Mysterium, das verboten war 

7' 



vor den Weltzeiten in Got^ dem Schöpfer aller Dinge, damit jetzt kund 
getan werde den Herrschaften und Mächten in der Himmelswelt durch 
die Gemeinde die mannigfaitige Weisheit Gottes (Eph j, 9. 10), Besonders 
bezieilt sich das auf die Anwendung der Theorie dahin, daü die Heiden 
und Juden eins geworden sind. Ejre andere Stelle dagegen bezieht steh 
auf die Ehe des Messias mit der Gemeinde. „Dieses Mysterium ist grot, 
ich meine von Christo und von der Gemeinde" (Eph $, 32). 

Nach diesen Äußerungen dürfte die Sache die sein, daß jenes 
Gleichsetzen zwar von den Mes$ianistan vo nvegf genommen war, daß aber 
die ungeahnten Schlußfolgerungen aus dieser Theorie der Gemeinde 
erst nach der Auferstehung Christi und sehr allmählich aufgegangen 
sind. So dem Petrus die Gleichberechtigung der Heiden sogar erst 
nach besonderer Oßenbamng und Erfahrung (nach Act 10), und 
trotzdem war das Verständnis des Mysteriums ihm nicht ganz ins Blut 
übergeganger (Gal 2, 11 — 13). 

Noch ist zu berücksichtigen das sogenannte Aposteldekret zu Jeru- 
salem bezüglich der paulinischen Heidenmission. Was hier die Mutter- 
gemeinde Coder deren Mehrheit die gewiß aus „messiamstiachen" Kreisen 
stammte, im Gegensatz zu der pharisäischen Minderzahl) unter Leitung 
des judenchristlichen Jacobus sagt„ geht auf eine Entlastung aus. Man 
will eben nicht mehr „Gott versuchen", indem man „ein Joch den 
Jüngern auf den Nacken legt, welches weder die damaligen Juden noch 
die Väter zu tragen vermocht haben", wie Petrus sagt. Statt dessen 
tritt Jesus und seine Gnade ein (Act 15, 10. ir>. Das „Joch" ist eben 
„die Thora der Gebote in Satzungen". Also; die nämliche Voraus- 
setzung; der Messias nimmt den Platz des Gesetzes ein. Ebenso be- 
zeichnend ist, was als unerläßlich verlangt wird: Enthaltung vom Genuin 
des Gotzenopfers, des Blutes und des Erstickten und von der Unzucht 
(Acta IS. 29)- Das war aber, was man von den Proselyten des Juden- 
tums verlangte. Denn mit Ritschi (Entst. d. altkath. Kirche' S. 129. 30) 
nehmen wir an, daß unter „Unzucht" eben Ehe in. den in der Thora 
verbotenen Verwandtschaftsgraden geraeint ist. Da nun, wie Ritschi 
tiemerkt, die Haltimg jener ,,noacIiiti3chen" Gebote keine religiöse und 
nationale, sondern nur noch eine soziale Bedeutung hat, so wird Christus 
eben die Grundlage der Gemeinschaft und damit die wirkliche 
Grundlage der Religion, er wird auch den ehemaligen Juden, was 
das nicht zu tragende „Joch" der Thora gewesen. Wenn jemand noch 
das Gesetz beobachtet, so ist das nunmehr private Liebhaberei, alte 
Gewohnheit oder Ähnliches. Das ganze Verhältnis ist nicht Konzession. 



Chf, A, Bugge, Das GesfcU uad Claistus. IO9 

sondern vom jüdischen Standpunkt ganz prinzipiell, aber dach nur 
möglich auf Grundlage der Identität des Messias und der Thora, d. h. 
Identität als die des Körpers und des Schattens. DaU man sich spesiell 
auf die Proselytengelübde beschränkt, hangt gewiß damit cusammen, 
daß Paulus in seiner Heidenmission, wie oben gezeigt, die Proselytcn 
besonders vor Augen hatte. Er wird deshalb fiir diesen Standpunkt 
plädiert haben. Und die Messianisten konnten nicht gut die Konsequenz 
abweisen. 

Was den Hebräerbrief betrifft, so sind wir in weiter Ausdehnung 
mit Ritschi' einig, doch mit den Modifikationen, die von unserem 
Standpunkte bedingt sind. Der Brief ist gewiß an die jerusalemische 
Gen:ieinde gerichtet und stammt von einem Mann mit einem dem der 
UrapDstel ahnlichen Standpunkt. Nun meinen wir aber, daß unsere 
Voraussetzung besonders gut die Eigentümlichkeiten des Briefes erklärt. 
Die im Briefe bekämpfte Gefahr stammt von der pharisäischen 
Fraktion, welche nach Act 15 und 21 sowie dem Galaterbrrefe als 
eine sehr energische, agressive Minorität erscheint, die natürlich in Jeru- 
salem mit seinem bezaubernden Kultus besonders gefährlich werden 
konnte, Dieser Fraktion lag die Wiedereroberung fiir das Gesetz nach allen 
Beziehungen natürlich am Herzen, Der urapostoüsche Standpunkt stammt 
aus Messianistenkreisen und der Hebräerbrief ist nur ein ins feinere aus- 
geführter, zu geistreicheren Hohen hinaufgebauter Kommentar des 
messianistischen Grunddogmas. („Darum wollen wir das Anfangswort 
von Christus dahinten lassen und uns zur Vollkommenheit erheben" 
Hebr 6, l). Da nun die Aussagen Pauli von der Hoheit und Würde 
Jesu eine Übertragung (in etwas potenziertem Maßstabe) von Attributen 
der Thora auf den Messias sind, so erklärt sich daraus die Verwandt- 
schaft dieser Ideen mit denen des Paulus. Es sind eben Schwesterideen. 
Daß die Belehrung des Briefes Wirkung gehabt und dazu beigetragen hat, 
die urapostolische Fraktion zu bewaliren, welche wir in den Nasaräem 
bei Hteronymus wiedererkennen, wie Ritschl klar beweist, das hangt 
damit zusammen, daß die Argumente eben Folgerungen aus dem Gnmd- 
standpunkte der Fraktion sind und deshalb ins Zentrum treffen. 

Sonstige Spuren von dieser Voraussetzung in urchristlicher Zeit sind 
vorhanden, wenn wir den Earnabas-Brief zwar nicht dem bekannten 
Apostelfreund, aber doch, mit Weizsäcker (Zeit Vespasians) und 




1 Allksti. Kiitebe* S. ijaff. 



IlO 



Chr. A. Bng-ge, Das Gesetz tmd Christus. 



Hügenfeld (Zeit Ncrvas) dem apostolischen Zeitalter zuschreiben." 
Denn dieser Brief spricht von „dem neuen Gesetze Christi, das ohne 
das Joch des Zwangs ist". Die Aufgabe ist, ,.daü die Liebe Jesu 
besiegelt werde in unseren Herüen zur Hoffnung auf jenen Glauben". 
Nach dem Vorgange des Hebräerbriefes werden die verschiedenen 
Typen der alttestl. Gesetzlichkeit als inj«su erfüllt erklärt and damit als 
Gebote weggefallen, nach allegorischer Deutung. 

Vollends im 2ten Jahrhundert haben wir die Theorie bei Justin 
deutlich und ausdrücklich ausgesprochen: Als ein ewiges und 
vollkommenes Gesetz ist uns Christus gegeben und als ein zuverlässiges 
Testament (öihöi^kti mcrn), mit welchem weder Gesetz nocJi Vorschrift 
noch Gebot" (verbunden ist) Dial. il. 

Ritschl mag recht haben, wenn er sagt: „man darf hinter diesen 
Ausdrücken den erhabenen Gedanken nicht suchen, der darin zu liegen 
scheinti denn Justin versteJit unter dem neuen GesetüC doch nur einen 
Komplex von Geboten, wie das mosaische ist, und Christus selbst wird 
demnach einfach als Gesetzgeber dem Moses gegenübergestellt" (cap. 12. 
I4> l8 S. 299), Mag sein! Dafür gebort Justin auch einer Epigonen- 
zeit an. Jedenfalls hat er nicht die Theorie an sich aus den eigenen 
Fingern gesogen. Der erhabene Gedanke gehörte der großen Zeit an. 
Und was die genial schaftende Grundlegungazeit aus dem „erhabenen 
Gedanken" machen konnte, das hat uns nicht ein Barnabas, sondern ein 
Paulus und ein Johannes gezeigt! 

' Ritichl und HoniAck selben ihn Asiuig dei 2ten Joluli. an. Die iuJiereii 
Zeufniss« aus d«in Altertum« für Butiftb^ut a.li den wirldiciteo VerfHicr lind dbrigeu 
cinstiiEunig. 



tAb(aiclilousB am 19. Apiil igoj-I 



F. Kattenbusch, Der Märtyrerticel. 



III 



Der MärtyrertitcL 

Van F. KattcQbusch in Gictisu. 

Die alte Kirche ka.nnte einen xXripoc (ordo) tlüv fiaprOpuiv, Eusebius 
H. E. (ed. Schwegler) V, l, 26,48 u. ö. Die Märtyrer bildeten ein 
TÖTPA« für sich unter den mcroi, spejiiU auch unter den 6|4oXoTTiTot. 
Als ^äpTVpcc bezeichnete man diejenigen, die für ihr Bekenntnis, daQ 
sie Christen seien, Leiden oder, das ist der eigentlich entscheidende Punkt 
den Tod erduldet hatten. Mir scheint, daß die Frage, wie die Märtyrer 
zu diesem ihrem Titel gekommen sind, noch nicht wirklich geklärt ist. 
Gaß in der übrigens noch immer recht beachtenswerten Abhandlung 
,^35 christliche Märtyrertum in den ersten Jahrhunderten und dessen 
Idee" {zwei Artikel, Zeitschr. f. hist.Theol. iSjg, S.323ff., 1860, S,3i6fl:0 
widmet dieser Frage nur ganz kurz einige Aufmerksamkeit, wiewohl 
man doch glauben möchte, daß sie für die „Idee" des Märtyrertums von 
Belang sei, vielleicht dafür den entscheidenden Aufschluß gewähren 
könne.' Die neutestamentlichen Lexikographen schauen kaum über 
ihre Zäune hinaus. Der Titel ii&pivptc für diejenigen, die im Bekennt- 
nis sich standhaft erwiesen hatten und dafür getötet waren, ist ohne 
Zweifel auffallend. Das Wort |iäpnjc bedeutet an sich nichts anderes 
als ,^uge". Unter diesem Titel aber wird deijenige vorgestellt, der 
filr die Wahrheit von irgend etwas eintritt oder angerufen werden kann. 
Wer selbst dabei gewesen als etwas geschah, wer den Rechtsgrund Für 
einen Anspruch jemandes kennt und anderen mitteilen kann, wer ver- 
sichern darf in einer Angelegenheit ein „Wissender" zu sein, ist der 
HdpTUC. Was wissen denn die MartjTer vor anderen Christen? Wem 
sind sie Zeugen? Dem Richter? Aber ich wüÜte nicht, daß sie irgend- 
wo diesem etwas kundtun, mitteilen, was die önoXoTTiTCtf confessores, 
nicht „bezeugten". Sie bezeugen von sich selbst, daß sie zur christlichen 

I Bvnwctich in Bcipem SQTgsain^n Aittbcl „Märtjrrcr und BekAnnAr", ßtalenCykl. 
t prot. Thcol. Q. Kirche XDt (1903), S, 48(1. gellt leider gar nicht darauf ein. 




fXä 



F. Katienbusch, Der MärtyrertiteL 




Gemeinde gehörteil. Daneben bezeugen sie zum Teil, daß es in der 
Kirche ganz anders hergehe, als den Christen vielfach schuldgegeben 
.werde.' Aber wenn sie, nachdem sie ihr Zeugnis über sich und ihre 
Jriider abgegeben haben, vom Richter frei gelassen werden, gelten sie 
nicht als ndpxupec. Sie empfangen auch dann Ehren bei den Ilirigen, 
aber gerade der Zeugentitel wird ihnen dann bei diesen nicht zu TeiL' 
Sind die Märtyrer vielleicht den Christen selbst Zeugen? Aber wofür? 
Erscheinen sie ihnen wirklich als solche, die mehr „wissen" und bekun- 
den können, als die einfachen nicrai? Das Sterben allein macht niemand 
zum iiäfiTuc. Wiefern macht das besondere Sterben des Märtyrers 
diesen zu einem jinpTUC? Handelt es sich bei dem Titel um eine Er- 
weiterung des Grundsinns dieses Wortes* Wir werden daran erst denken 
dürfen, wenn es klar ist, daß wir mit dem Grundsinn nicht zum Ziele 
kommen. Und um welchen erweiterten Sinn mag es sich eventueU 
handeln? 3 

Die Bezeichnung als Mdprupcc ist auch noch anderen Chmten ab 
den Märtyrern zu Teil geworden, und es fragt sich, wann sie technisch 
anfing, sich auf die letzteren zu besondcm. Cremer, Bibl. theoL Wörter- 
buchs s. V. meint, daß das NT noch keinen Beleg für einen Sprach- 
gebrauch liiipTuc = Märtyrer enthalte. Mir scheint doch, daß Lc 21. 13 
den Sprachgebrauch schon voraussetze, freilich wohl erst in einer Glosse. 
Und dann dürfte doch alsbald i Clemens 4, 5 (Petrus als fiaprupiicac) 
ein Beleg sein.* 

Wir mögen kurz und übersichtlich uns vergegenwärtigen, welche 
verechie denen Personen im NT als mipTup« bezeichnet werden. 

I. Die Apostel. Sie sind die „Zeugen" des Lebens und Sterbens 
Jesu, zumal seiner Auferstehung: iijitTc yöpTUpec TOÜiufv, sagt der Auf- 
erstandene zu ihnen Lc 24, 4S, nachdem er darauf hingewiesen, daß es 



I Bluntlina sagt immer wied« XplCTiavi'i et^t Kai nap' ^liTv oib^v qiaOAov TiVETai, 
Ena V, J, 19. Auch di« Biblias nimnit durcti ihr Zeugnis die Gemeinde in Sctiutz ib. a6. 

' Eu«eb V, 1,11 (Brief der Lugdutienier) «itteint der Amdmck i^oXfr-fia jf\c 
MOpTupIac gegenüber bloßer AnoXof'o. — l Tim 6, li, 13 ist von der Kakf\ öpoXorla 
die Rede, .die Timotbens di^oWTiiCE, Christas Jesus aber «elbBt vor Pilatus licapTÜpr]ce 
tetzterci Aaspielaag auf Job 18, 37i- Ob biec schoo ein Doppel^ian iia Spiele ist? 

i Ich gehe nicbl über die Literatur äes 2. und gntic frühen 3. J^hrbnuderts binins, 
ds dai die LuDeiste- Grtmt ict, iimeyhftlb i^ta «jse Antwort m tuthsa i«t- 

i Die Utciniscbe Literatur 5ctM iTX spät ein, ata IcrmiDolDgisch wichtjg cu sein. 
Sie bietet von Tomeherein das Wort martTr in derselben Weise als Lehnwort wie 
ecclesta, cAthoLicQs u. o. In der Passto Perpeluae (wenigstens nach Robinson, 
Text» «Jid Studies I, 2), ah deren Autor Tertnllian nicht ohne Wnbrscheialicblceit kon- 
jiiien ist, lehan dac Feminin „martyn" (c 2a), 



F. Kattenbuich, Der MäityrerdteL I13 

„geseihrieben" gewesen, daß der Messias leiden und am dritten Tage 
auferstehen müsse. Mit ähnlichen Worten überträgt er ihnen die Mission, 
Act I, 8. Die Augenzeugenschaft des ganzen öffentlichen Lebens Jesu 
von der Taufe bis zur Himmelfahrt wird dann von den Aposteln selbst 
als Bedingung der Aufnahme in ihre Zwölfzahl behandelt, ib. i, 21. Als 
der Beruf aber dessen, der den Verräter ersetzen soL, wird hingestellt, 
daD er „mit ihnen" ein }xipTVc tiIc dvacröceujc toO icupiou "Incoö werde, 
I, 22. Petrus stellt 2, 32; 3, IS; S, 32 entsprechend sich und alle Apostel 
als die jidpTupec der Auferstehung Jesu dem Volke vor; lO, 39 macht 
er auch das weitere Moment geltend, daß sie sind jidprupec ttävtiuv iIiv 
iiroiiicev iv T^ X^^Pf '^'^'^ 'loufcalujv Kai (i^v) ' lepoucaXnM- In i Petr 5, i 
nennt sich Petrus einen lidpTuc tüjv toö xpiCToO naörmdriuv. Aber auch 
den Paulus läßt die Apostelgeschichte seinen Apo&tolat darauf gründen, 
daß er zum Zeugen der Auferstehung Jesu geworden, und auch ihm 
definiert sie setnen Beruf mit den Worten ön Ecrj (läpruc aÜTiü Trpic 
nävTflc öv9pü>rtou< Äv i^panac icai f^noucac, 22, 15 vgl, 26, lö.' Man 
würde sich nicht wundern, wenn die Apostel geradezu den Titel der 
mSpiupec 'IncoO erhalten hätten; es ist jedoch nirgends erkennbar, daß 
das der Fall gewesen. 

2. Für niipTuptc gelten ferner die Propheten. Der ircdaiöc npec- 
puTric durch den Justin bekehrt worden fDial 3 ff.), sagt von den alt- 
testamentlichen: oÖTOi jjövoi TÖ (iXi;8fec Kai etbov Kai äEeiicov dv9piLtnoic 
, , . (iöva TOÖTCi eiirövr« ä fiKOueav köi ö elöov 01^141 irXr(puje4vTec ttvcO- 
tiCTi (7, ed, Otto S, 30), Ausdrücklich ^äprypec 'liicoO genannt werden 
sie zwar nirgends.' Doch heißt Johannes der Täufer Zeuge für die 



I Weitere Stellen, wo von der Tätigkeit der Apostel als einem „Bereogen" die 
Rede ist: Act S, 25 hiapapTiipdfiEvoi xal XoAi^cavTCC tAy \ojoy toO flcoO (zu denken 
ist, daß sie a£ dei lion^ der Weiss&gungen Jesnm. nt-ch Mo&gabe dessen, was sie von 
ihm IH Le^eugen Termoctten, als Messiaa dargelan); iS, 5 {ITaßX^cj !yl^^apTvp^^cVoC 
Toic 'loubaioic tlvai töv xpicröv 'Ificoöv. In begreiflicher Erwcilermiig wird autli da von 
einem „Beieugen*' der Apostel geredet, wo es sich, um die Darlegung def Bedeutung 
Jcju als Messias oder ganz allgemein um den Gebalt Uirec Predigt handelt. In Actio, 42 
wird es nocli als „Befehl" Jesu selbst beieiehnet, i\i „b«eugen", daß er der UiptCfi^voC 
KpiTi^c CtOvTWV Kai veKptüV sei. Zu denken ist sonst an Wendungen wie bi<iriapTi[pp£- 
rtai TÖ Eäa-rr&iov 20,34, Tf|V pcttiXelav toO eeoO 28,33 «-»- 

' Vgl. immerhin Ad 10,43; ^l« Propheten „fiapnjipoOa''' Jesu, ft<p€CTV äfjapTHÜV 
XapiTv b\i TOü 6vöiioToc aÜToO irdvra täv mcTeüovTa ek aiiiiy. — bx Cons^t. app. 
Vm, 13 (cd, Lagarde S. 256) wird dei heiL Geist selbst einmal in einena wairscbcin- 
lich allen Gebete a-'s ndpTVC ™v iraBiittdTWV roß KVpiov 'lt]«>ij XpifraO beieichnct, 
nämlich sofern er wußte, diß Jcsu& leiden mußte, Tind das iuior kundtat — Pcürus be- 
nennt Act 5, 32 neben sich selbst das TtvsO^a als ^dpruc (ur aille die pf^^iata, die «r 
geredet, nämllcli für alles äi3, was Jesus aJs den Messias erweise, hier doch mtt dci 




^ 



"4 



'äiteabasch, D« MlttyrwtiM 



Herabkunft des Geistes auf Jesus Joh l, 32, dafür, daSt Jesus (püüc ist 
ib. I, 7, 8 und der Vertreter Gottes 5, 32, 33; er ist hierbei als Prophet ?u 
würdigen (Joh l, 33 — vgl. im allgemeinen Matth II, uff.). In Act 26, 16 
berichtet Paulus, der Herr habe zu ihm gesagt: eic TOÖTö T^p ifitpÖTiV 
eoi npoxDpicacSat c€ . . . McipTupa iliv te c!bcc iliv tc öip6ricotiai COL 
Also auch sofern er dauernd Visionen haben werde, solle er „Zeuge" 
werden. Besonders in der Apokalypse des Johannes tritt eine Be- 
zeichnung der Propheten als „Zeugen Jesu" auf. Johannes selbst schreibt 
sich mit Bezug auf seine Gesichte einen Beruf des ^lopTuptiv aw, i, 2, 
Er nennt sich nicht lidpnjic, hätte aber offenbar als „Seher*" sich so be- 
zeichnen dürfen, Dagegen ist in cap. 11 ausdrücklich von zwei (liSpTuptc 
^ou (nämlich Jesu, oder vielleicht auch Gottes) diä Rede, v, 3) weldle 
„weissagen", und auch als ot &110 irpotpnTai bezeichnet werden v, lO; 
ihre MO^PtupIa v. 7 besteht in der Mitteilung von Offenbarungen. Ob 
auch Antipas von Per^amos, der 2. 13 von Christus 6 ^dpTUC pou, 6 
mcröc |JOU, genannt wird, als Fropiiet gedacht ist, läBt sich nicht un- 
mittelbar ausmachen, ist aber indirekt ziemlich sicher.' 

3. Christus heißt ^apruc, mit Bezug auf sich selbst oder das Ende, 
das herbeizuführen seilte Sache ist Johannes grüßt die äieben Geaieia- 
den von ihm als dem jidpTuc mcröc l, 5. In 3, 15 hebt er an; täbe 
X^ei 6 Äjii^v, 6 nÄpTUC 6 jtictöc koI ÄXrieivoc. Rückblickend auf sein 
Buch sagt er 22, 20: X^t« Ö napTUpuiv TQiJTa' vai, lpxo|jai raxü. 

w 4. Nicht zu übergehen ist die „Wolke von ndpTUpec", von der 
Hebr 12, l die Rede ist Das sind die Männer und Frauen, von denen 
in cap. n gehandelt wurde und die als Urkunds'personen von 
Glaubenserlebnissen in Betracht gezogen waren. 

I Neben all diesen, die das Prädikat als ^äpTupsc empfangen, fallt es 

niP«idting, daß das irveO^a nachtriglicli »lleii, die jetzt Gott gehoTchen würden, neeh 
dit ditflkte pen5nlich,eVcTgewiBsenirg g«beii werde, daß JcH« der E«ii ab der er ihnen 
verkfinilet wotdcn. Vgl. Hebr lo, 15. 

' VgL fierner Apoc 17, 6. Hier wetden die fidpTupec '1. untere chieden vo-n den 
Afiot. Diese wie jene »nd ermordet: dtLS Weib ist trunken von ihrem Blute. Also 
beides sind Märtyrer. In wdcheni Sinne sind jene denn „Zeugen", diese nicht? H»n 
bat zunächst SO, 4 (6, 9) heffttiauii-eheo, vr& von. selchen die Redie itt, die bid Tf|V |il(tp- 
TUpfav IricoO Kai Töv \6-{oy toD ötoD getötet sind. Ferner 1, 2. 9; la, l?; 19, la Auf 
■Ue diese Stellen wirft ein Liebt die Gloase an letitereni Orte: r| ^oprupfa 'IricoO £cnv 
TÖ irveüfi« Tf^c ttpotpriTelac. Dku paCt in der Tat die ZuiamiiiGnstGllung dies« jiop- 
Tvpia mit dem XäToc ToO 9«ol>. Also es huidelt sich um ein Zeugnis, du Jesus selbst 
gibti <i'? fitipTVpfc '|r]CaD sind diejenigen, die OfTeabuiingen Tcn ihm empfvigc» und 
■weiter geben. -^ Für (itlpTupla 'I. im Sinne einer Bezeugung von seilen Jesu vgl, 
sonst Joh 3, II, 33, 35. Ähnlich wiid manchmal ^uf eine papxupla Gotlei Beiug ge- 
il ommcn. 



F. Kattenbuäch, Der MönyrcrdicU 



"5 



um so mehr auf, daü die Märtyrer allein den Namen als Titel erhalten 
haben. Vor allem abtr fragt sich, ob wir daraus, daß jene alle als fjäp- 
Tuptc bezeichnet werden, sofern sie wirklich im besondem Sinn „Wissende" 
sind, abzuleiten haben, daU vollends die MdpTupec im eigentlich tech- 
nischen Sinn Cur Leute erachtet seien, die als Wissende von irgend 
etwas Eigentümlichem, etwas besonders Großem, geehrt werden 
müüten. 

HaJten wir uns an den Protomartyr Steph^nos, so scheint es, als 
ob wir in der Tat dieser Fahrte folgen müßten.' Daß St. PneumatiUer 
höchster Ordnung war, ergibt die Schilderung Act 6, 5 ff- Besonders 
wird hervorgehoben, daß die Libertincr, die mit ihm zu streiten suchten, 
der coqila, die ihm der Geist vermittelte, nicht widerstehen konnten, 
V. g. Dem entspricht der Ruhm, der seiner Rede vor dem Synedrium 
blieb. Gesteinigt wird er aber doch erst, als er Kunde gibt von dem 
Gesichte, worin er die ööSa ÖcoO schaut und von dem er dem Volk 
verkündet: i6oü öempiii toüc oüpqyoiic ÖirjvOITM^veyc KOl TÖV uIÖV TOO 
Ävepwnou ix bilvhv ictwa toO Omö. Es ist deutlich, daU Paulus ihn 
daraufhin als piSpTuc 'Iricöö bezeichnet, Act 22, 20 (vgl v. 15 u. 18).' 
Gelten die Märtyrer für solche, die im besonderen zum Schauen der 
toöEa Gottes und Jesu als des Messias gelangten: 

Wenn wir letztere Frage zu bejahen haben sollten, so wäre nicht 
daran zu denken, daß die Märtyrer im gleichen Sinn wie Stephanos zum 
allgemeineren ordo der „Propheten" gehörten und unter diesen im be- 
sonderen Maüe für Zeugen mit Bezug auf Jesus erachtet seien. Denn 
es ist, soweit ich die Literatur, speziell die Martyrien, verfolgt habe, 
nicht zu beweisen, daß man die Märtyrer durchweg für Leute angesehen 
habe^ die ein besonderes Lebenscharisma für „OfTenbarungen" besessen 
hätten. Zwar wurden ihnen mancherlei prophetische Gaben im einzelnen 
beigemessen. Selten, daß ein Martj'rium ohne wunderbare Erlebnisse, 



I Diu Stephanos von besonderer Bedeutung für die Märlyreridee gewesen, darf 
man vennatcn. Es ist its audi ausdcücklich belebt doich Wendungen ytit Et^^ovoc 
6 T^XciOC jidpTtJt, Brief der Lugdunenser, Euseb V, 2, 5. 

3 PhuIus berichtet, da^ er, al$ er nicb seiner Scbehmog sieb Frieder nacll Jetn- 
salem vuidte und im Tempel betete, von aeucni den Ifenn ii ^KCTticEi gesehen nnd 
v-on ihm gehört habe, v. 18, er soll« schlennig« Jertuaieni rerlassen, di man dort seine 
t,|4apTiip[a" nicht anDehmeu werde. Art und Inhalt teines ,, Zeugnis:; es" ist durch v. 15 
bezeichnet Er äußert dem Herrn die GeBcnmeitLUDg, daG man sein Zeugnis wegen 
seiftcr ttadlbelcanntdii Betei!ig;Uiig an in Tötilng iti Stephuios, „tqO i).dpTVp&C C«U"t 
doch irohl hören werde, — konnte miui sich gegen den letzteren die Ohren rerstopferit 
■o yres er doch genügend erwiesen ali. .^kritisch*'. Also das {uripTVC-Pridikat gilt für 
Stephanos aU einen, der den Heim aach „gesehen"« 




F. Kaltenbusch, Der Mänjrertniel 




zumal Gesichte^ verlief.' Dennoch erfahren wir nirgends, daß die „Zeugen* 
b e g ri f n i eil als zu den Propheter gehörig beurteilt worden wären." 
Hingegen dürften wir daran denken, daü die Märtyrer für solche er- 
achtet wurden, die unmittelbar im Sterben „zum Herrn" ge- 
langten und von ihrem Tode ab für „Selige" galten, die den Herrn 
mit Augen sähen, die die Wonne des Paradieses im Himmel in der 
Gemeinschaft mit ihm genössen und also dermalen „Zeugen" dessen 
seien, was Jesus erlebe, wie er lebe. 

Um dies zu würdigen, haben wir uns zu erinnern, daß die alte 
Kirche keineswegs glaubte, daü alle Gläubigen alsbald im Sterben zu 
Christus kämen und in da^ Himmelsleben eingingen. Vielmehr war, 
wenn nicht allgemeine, 50 doch über^viegend verbreitete Anschauung, 
daß die Christen nicht anders als die übrigen Menschen im Tode zu- 
nächst zum Hades hinabstiegen, dort „warteten", bis der Herr vom 
Himmel hcrniederkomme, um Gericht zu halten, und erst dann, beim 
„Ende", die Aussicht hatten, mit ihrem Herrn vereint zu werden. BI0& 
von den „Großen" unter den „im Herrn" im Glauben oder in Hoffnung 
gestorbenen — den Patriarchen, den alttestam entliehen Pro- 
pheten, dann den Aposteln — glaubte man, daß sie schon jetzt in 
der oberen Welt seien und hier, bei Christus weilend, den eigentlichen 
„letzten Dingen" entgegenharrten. Nur ihnen war Christi eigene Hsdes- 
fahrt unmittelbar zu gute gekommen. Es ist nicht notwendig, daß ich 
auf das Detail der Vorstellungen der alten Christen über die nächsten 
Schicksale der Gläubigen im Sterben eingehe.) Daß speziell die Mär- 



■ Es genQgt, s.uf Weiuel, Die Wirbongen äei Geistes und der Geister, tu ver- 
weilen, wo viel« Beispiele gcsakinraelt sin^. S. 14z IT. «rird hier mit Recht daiauf lun« 
gewiesen, daß das Martyrinm, die Dereitschaft und Kraft lu ihm, für eine ^Vi^kul1g nnd 
Prob« dec TTvefi^ ga.It Die Grol^kiri^he titiil die MAtitati;tt«tt bcwici^n iridcr «n- 
ander mit ihren Mäityrnn ihren Geislbesitit Buscb Y, 16, 12 a. 30,. Die gräQere Willig 
keit tum Mvtfrium bewies den Montanisten, dftC> sie io höherem Maße den Geist hätten. 
Allein in Bezug auf da« ttveDms wurden die Märtyrer im allgemeinea doch aicht 
anders beurteilt al* auch di-e Asketen u. a. 

* TSÄti htiaüAttti Moment, das in Frage kominen ka.nn, muß (üi eipe Erörterung 
hcTnacb aufgehoben werden, — Man wolle hiti nicht daran erinnern, d«G es fiir ■■T'ro- 
pheienlos" gegolten habe 111 „leiden", Mt S, lo — la; 23, 34 Lc II, 47,48. Denn 
wenn auch da, wo von Prophcteamöityrcni äpcsLcll berichtet wird, besonders in der 
Apokal^se, klac ist, daß diese Männer ndfiTVfut: heiben wegen ihrer npoipiiTria, so tnlt 
ddch eWn hier nicht hervor, daß ihie Prophet« nschaft und thrTo-d ds lu einisder gc- 
hörig YOrgestcIll seien. Vollends ist es nicht lichtiE, daß nur „Propheten" Nläityrer 
warden. 

3 Vgl. die Erörlemne Sher Christ! „dcEcensos ad inreros" in meinem Werke 
,J}ts qiostolische Symbol" (U.S.Sgj IT.), auch Giemen, ^iedergefahren sc den Toten", 



i^ 




tyrer fiir solche galten, die auch im Himmel, beim Herrn, auf den grolien 
Tag der abschlieüenden Offenbarung der MessianJtät und Herrschaft 
Jesu warten dürften, ist sicher. Tertuiliän bezeug es, daß ^ den 
eigentlichen Vorzug der Märtyrer ausmache, daß sie nicht in den Hades 
steigen mü&ten, nicht das gemeine Christenlos teilten, in diesen unteren 
Regionen aushalten zu müssen bis die Posaune erschalle, die die Gräber 
sprengt, de anima 55,' 



S. 14a ff, — Von den App*Uln meint Herrn 41 Sim IX, l€, $ ff,, d«JS sie tuoüclut 
lütten in den Hades steigen müssen, nimlicli a.\a den npoKCKOc^nM^voi lu predigen und 
die Taafe tu speaden. Ab«r sie sind dann ^k toQ ßuSoO „eiupoTgesdegen". 

' ^g1- iiD- apost, Sjmb." S. goi — 903. „Tota paradisi claris tum sangaiE cit", 
sagt Tettnllian en der oben citiecten Stelle. Zum Beweiie beruft er sich dariuf, daß 
PefpcitlA fürtissimii maityr am Tage ihiei Fassion, y/a li« du Faradies geüflnet saht 
lolos iltic coinmutfres stios vidii (s- Possio Pcrpctuae 11 u. izy Er geht soweit, daü 
er nur die Mirtyrer als solche ansehen will, qui in Christo decesserint, non in Adam. 
Diese nova mors pro Dco et extraordiniuia pro Christo tkabe den Lohn, daß sie sd'io 
et privato excipituT b05[iitia. Ich habe o. a. O. geieügl, wie diese Anschauangen is der 
Zeit TcituICiaDS eine Krise durcLmachtcn. Hei-nach galten ireseDtlicEi m od tu vierte Ge- 
dajikcn. Aber für die mich in. diesem Aufsatz beschitligendc Frige ist gerade die Idee, 
die Tertulliuk veftiilt, iu berücksichtigen, In der kleinen Schrift Ad mart^ras giM 
Tertullian denselben in der positiTcn Farm Ausdruclc« da£ er den im Kerker ihrem 
Urteil entgegensehenden Christen eunift (cap. ]}: Benedicti . . . bonura agonem snbituri 
eitis, in qyp agonotheles Deus vivus c»t . . . Corona, aeternitatis brnbiuiq angqlicac sub- 
ilanCiae, politia in coelis, gloria in saecitla saeculonim. Ahnlich wie hier ist es zu 
-würdigen, was schon Joha.nties in der ApolcAljrpsc den hieben Gemeinden in ver- 
scbiedenen Wendungen mit Bciug auf dos, y/as die Märtyrer nx erwarten hätten, ver- 
kündet. Dem „Sieger" wiid Jesus geben lu „essen vom Baume des Lebens, der im 
Psradiese Gottes sieht", 3,7; dem mcxÖc öxpi öavdtou stellt er den critpfflvgc rflc 
Z«jP)C in Aussiicht, ib, la Vgl. ib. 17, 26, 28; 3, ;, 12, 21. Als Gegensab ist hier aller- 
dingt ßiclit die „gew3hD]iche"Treae ta vciYtchen, sondern dei Abfall. So eiketint man 
liier a.uch nicht, daC die „gcwdhnliclien" Gl&ubigca (^anäcbit) ein anddrcsi Los im Sterben 
m erwarten haben als diejenigen, die der Verfolgung ausgesetit gewesen und siand- 
getialten haben. Dennoch ist es eine Verheil^Qng gesteigert en Grades, die den 
leUlcren in Aussicht gestellt wird: sie erhalten an allem, was im Faradiese den CJbristen 
in Aussicht stellt, alsbald Teil. (Apoc 6,^ sind die Seelen tiüv iCfpä-ifi'i'il]^ 6lä TÄV 
Miov ToO e€oO KOt 6id Ti'iv napTiipiav f|v eixov vorgestellt ali iwai im Mimmcl lebend, 
aber »erborgen unter dem Altar, noch ohne Freude — allein das ist unverkennbar ein 
Stüclc der jödiscUen Gnuidschrifc, das bld tV|v )ia.frT. etc. wird christlicher Zasals tein^ 
Vgl. für die Hoffnung der Märtyrer und den Glauben der Gemeinde in Besug derselben 
im Bii«fe der Lugdunenser mehrere Stellen: Euseb V, 1,36 — 37, 41—43. Im Mirt 
Po-lyc 2, 3 werden Polycarp etc. geEchilderi .-ds solche, die schon mm Voraus schauen 
durften Tofc rf\c Kapbloc öqiQoAfioit die Herrlich keilen (tA ftTaed}, die toIc öiTDuelvattv 
vorbehalten sind, <S oCtc o&c fiKOUCEV oO-rf dqi9(LX.^6c eUev . . . ^Kclvoic &£ üirt^tlKVUTO 
i>tr4 TO& Kuplou. Ja sie waren schon fitiK^-n flvepuiitoij dlX" f|bT| ärft^ot. Öfter er- 
scheinen die 4em T*dc Geweihten den Gemeinden zvm Vornus wie halb im Himmel 
stehend. Es umwittert sie schon der Wohlgeruch des Himmels, Mftrt P0I7C 15, z 
EusIV,is,37i Ep Lugd Eni V, i, 5. (Vgl. daau Harnack, Zeitschr. f. KiTchengesch. II, 




i 



ii8 



F. Kfttten'biiacli, Der Ms 



Wenn es richtig ist, daß es als glanzvolles besonderes Los der 
Märt>Ter angesehen wurde, alsbald zum „Schauer" dessen zugelassen zu 
werden» was andere Christen, auch nachdem sie den „Lauf vollendet*', 
immer noch bloit als Hoffnung vor sich hätten, so wd man gendgt 
sein, es sachlich fiir sehr möglich zu ettichten, da^ die Märtyrer wohl 
jidpiupec 'IricoO heißen möchten mit Rücksicht darauf, dal^ sie im Himmel 
seien. Dennoch läßt sich diese Idee letztlich nicht halten. Zwar gibt 
es technische Werdungen, die dieser Idee recht eigentlich zu entsprechen 
scheinen. So besonders die geläufige Phrase „aufgenommen werden", 
„versetzt werden" tk tov KXripov tüjv jiaprüpuuv. Es handelt sich immer 
darum, daß einer um Christi willen den Tod erlitten hat. In diesem 
Sinn berichten die Lugdunenser, Eus V, i. lO, von Vettius Epagathus, 
daß er auf eine Öyo^OTia hin 6\i\i\<p&r\ Kai oötöc eic tov KXfjpov Tiiv 
^apTupLuv, ebenso (ib. 26) von der Biblias; vgl. noch 48. An der letz- 
teren Stelle ist berichtet, daß einige, die zuvor verleugnet hatten, nach* 
her doch „bekannten" und dadurch zum Kreise der ^dpTUpsc Zutritt er- 
hielten. „Draußen aber blieben", heißt es weiter, nur die (scL von denen, 
die verleugnet hatten), die schon durch ihren Lebenswandel früher ge- 
zeigt hatten, daü sie utol v\t; äTTujX^iac seieo; oi »e Xoinoi nivrcc t^ 
^KK^Ticiqi npö«TtÖTic«v. Ist hier ^xK^ncia ■= KArjpoc tüiv »lapTÜpUJV? So 
zwar, daß die 4icK>irititt hier ganz als Himmelsgröße gedacht wäre? Das 



t8^8, S. 29tE, Wcinel S. Ij^ff.). — Der Gedanke, dd) die Mirtyi« unmiltelbu in. 
die Henlichlteit Jesu mit eingingen, wird versciüedene Gründe h^eii. Die besondere' 
Traae w«i besöhdürtö Lohnes wert. Nicht gering lu vämusclilageii Ul es, daß Stepktooi 
den Herrn ge&ebcn hatte bereitslebcDd seinen Geist „lufzimehiDeii". Act 7, 3a, 59. Das 
wu ein Beweis, daC die Mürlyrer nicht in den Hades hinab lofteigen bratiehten. Im 
3> Jahthondert, wo dct: Gedanke gesiegt hatte, doU Chiistua inferos adiit ne nai adire- 
taxu, eracheinen die Märtyrer nui noch als solche, die im Iliminel höhere Ehren {^e- 
niesen >Is die andern im Glx.abefi verstorbenen. Dqieh scheint tclbst bei OTigeoc» 
(Elc MOpTÜptov npOTpctiT. Xäf.) noch unwillkürlich manchmal dmch, daJi die ältere Idee 
die gewesen, dal^ nur die Märtyrer sögieich zum Himtnebfrieden gelingten. Otigene« 
hat es tum Teil mit Uoter^chiedca zwischen .den Märtyrern in tun. „Reiche" 
Märtyrer, solche, die a.1* „Väter" ein grötetcs Opfer brachten als kindeilose, stellt er 
sich vor als noch guiE besonders ausgcieichnet im llinameL Möglich, d^ der Gedanke 
Ul seine speLicUca Adressaten, den romebmeo Ambrosios, den nicht mindei mit Gütern 
und Ehren ausgestalteten Protoktet, ihm Ideen erweckten, die nicht allgemeiii verbreitet 
waicn. [Eusebius bat jene Gedanketi des Origenes vollends «ntwickciL V»n Vam- 
phUot ledeod meint er, dkl^ an' aürtji den andern, die an demselben Tage getoltert 
und gelötet wurden, die ndpoIxK f(C Tf|V ^ClXcI'Q'V Tä>V QOpdVÜv w(ihl leicht gemacht 
worden »ei, urflcmc Tiij TToyipUttu jutpTvpIiu ^iroEtuuc toO 4vbpö< &iavoix6*[cric itO^rjc. 
Nicht alle Mirtyter finden ein gleich grotet T&r im Himmel aufgetan, Marl Paiaest il, 23, 
Schwegicr, S. 332). — An den Vorstellungen von den Märtyrern hat sich 
dct Gedanke der Heiligen im spätem Sinn in erster Linie entwickelt 



P. Kattenhusch, Der Märiytertitel- 



119 



würde sehr wohl stimmen zu dem ursprünglichen Gedarken von der 
^KKXJida Toü xptCTOö (s. darüber meine Erörterung „Apost. Symb." Ü, 
S, 68itf.). Allein die Phrase npocTiÖecSai t^J) K^iipn» twv nöpr. ist mehr- 
deutig. Gewiß ist es Gott, nicht die Kirche, durch den jemand unter 
die (nSpTUpec „aufgenommen" wird. Aber die Phrase tritt zu spat auf, 
als daß man es wahrscheinlich nennen dürfte, die sprachliche Grund- 
bedeutung von ndpTUC werde darin maligebend sein. Sie wird ja viel 
früher gebildet sein, als wir sie literarisch treffen (zuerst in dem Brief 
der LugdunenserJ. Allein auch dann dürfte in ihr „(idipTwpec" schon ein- 
fach „Märtyrer" sein. Gottes Gnade ist es, wenn einer Mäityrer werden 
durfte. 

Und nun ist folgendes weitere zu beachten. Es gibt, soweit ich 
sehe, keine Verwendung des Verbs „püprupciv", die darauf führte, dat 
ein „Zeuge geworden sein" den Begriff des Märtyrers konstituiere, 
wohl dagegen eine ganz geläufige, die darauf führt, daß das ,^uge ge- 
wesen sein" dafür in Betracht komme. Der Märtyrer ist der „jaop- 
Tupficac".' Überall auch, wo vom ^apiupEiv die Rede ist, handelt es 
sich nicht um ein bloOes Zeuge sein, sondern um ein als Zeuge tätig 
sein, ein Zeugnis ablegen. Nicht als blol^r „Seher" sondern als der 
„Verkündiger" dessen, was er gesehen oder gehört hat, wird der Prophet 
als lidptuc bezeichnet. Auch die Apostel, Stephanos, Jesus selbst (der 
Geist etc.) heiücn niipTUptc, wie die oben beigebrachten Stellen samtlich 
ergeben, sofern sie kundmachen, was sie „wissen". Wer etwas mit- 

> Für diese Bezeichnimg Slellen beiiubiin^en, ist überßüfiig. Sie ist seit 1 Clcmeoj 4, J 
so oft in beiEgvn, dai& sie unbedingt berücksichcigt werden muJ^ Ein |iapTUpiI!Ec9ai iit 
g»iiE 5pät- (Lateinisch martyriiMJ tommt frübcrvoT), Zum ttdfmt „gemacbc werden" 
iit eioe Phrase, die nur ia der besprochenen Form ran Ttpocddcceai (oder ähnlich) tüi 
K^^pi}) T, fiapT. vaikouml (In der LiteiatQr, die für un» äie maßgebende ist, also bis 
rund 200J. Das nicht s-elCen auftretende „^€^'apTup^)^^V0'C" hat meist guii ofFen- 
s^ichtlich den Sinn von „wo blbe zeugt'', „gutbeUa mundet", „gepiiesea'". Bei Igoatius 

finde ich iwei SleUen, wi9 es in deo Zusammeabailg yi^rtrefflicli passen, einen sehi guten 

GedBiikcnfon^cbritl ergeben würde, wenn es gcf&jjt werden dürfte als „zum. Zeugen 
{sei. im lliramel, Jesu und seiner Hertlichlteil) geamcht (erhoben)"; Philadelph 5, S! 
Ksl TO>^c npixp/iTac bi &ya-n3>tini biä t^ koI aÖToOc de tö ebaTT^to'' KaTr|Tr^''^'yAt . . . 
iv 1^ Kai mcidicavTEC £c(ii8r|cav, ^v tvÖTT^ri "IrieoO Xjmctoü övrec, dEiordTTiToi leal ÜEio- 
Bdupocföi ä'j^öt, üttd 'ir)iQ(i XpKToO fiepapTupni^^^oi «al <wiipi9|iim^voi ^vtüi eOa-fT'^df' 
Tfic Kotvfc Anfboc, Fast noch vcrfülirerischer ist Eph 12, 2: irdpoböc ic-K -n&v sie Öeöv 
Avoipoup^vuiv, TTaiJXou mjJM.iicT(ii, toO »ifiacp^wou, toO \ii\iapTvpr\iiivau, dEiofJafcapC- 
CTOU . . , Ich wige dach nictiC, den Ausdruck hier and«Ts al» aacli dem geläufigen 
Spncbf «brauch, den auch lEnatims Philad il, 1 befolgl, aufiufasseo. — Von ..naprt- 
pe(6at" ist mit Bewg fiaf die Märtyrer, soweit ich «he, ni? Gebraucb gemacht. In der 
klossiichen Gräzität bat der Ausdruck den Sinn „jemiuid eiud Zeugen aufrufen", »für 
sich leagen laisän". Im NT wird er »erwendet wie ^apTUpetv (auch ftioftopTÜpEcflai). 




120 



T. Kttrenbuscli, Der Märtyrertitel. 






teilt Dder offenbart von Gott, dem Mmmel etc., ist in der Literatur, 
die uns für einen Vergleich zur Verfügung steht, ein fidpiuc Daä die 
Märtyrer aber gedacht wären als vom Himmel tier kraft ihrer Augen- 
zeugenschaft von der Herrhchkeit dort anderen Kunde gebend, la&t 
sich noch weniger erweisen, als daü sie wahrend ihres Erdenlebens spezt- 
6äch als Oßenbarun^s mittler gedacht seien. Auch Stephanos gab ntir 
in der Weise „Zeugnis" von der ÄöEo 9£00, dal^ er oiätteilte, was er 
noch auf Erden von ihr schaute. Es ist jedenfaUs sicher, daQ im alt- 
gemeinen ein Rapport der Kirche mit dem itXripoc twv \xa(iTvpaiv in der 
Art, daß die Augenzeiigenschaft derselben etwa für die Vorstellungen 
vom Himmel herangezogen wäre, nicht bestanden hat Das „Zeugnis"* 
der Märtyrer Hegt immer dahinten. 

So werden wir denn darauf verwiesen, die liopTupta des Mart>^ 
wie sie abgeschlossen vorlag, wenn er zum Himmel eingiog, 
Auge zu fassen und uns zu fragen, worin das Besondere an ihr liege.' 
Ob es sich dabei um ein Redezeugnis handeln kann^ Wenn das der 
Fall sein sollte, so ist wohl ohne wdteres klar, dab nicht etwa der Unter- 
schied in Betracht käme, der zwischen Christen, die blot stül ihres 
Glaubens lebten, und solchen, die zugleich Propaganda machten, in der 
ältesten wie zu jeder Zeit bestanden hat Einer späteren Zeh galten 
zwar mehr oder weniger selbstverständlich alle Apostel zugleich al» 
AJart>'ter. Allein es ist nicht zu ertt'eisen, daü auch nur die z«'Ölf. ge- 
schweige alle andern Missionare (cüafT^Xicraf, bitHxcxaXoi) 2U Mäit>'rem 
geworden. Und es ist auch nicht zu belegen, dafi es vor Verfolgimg 
schützte,, wenn einer lediglich für sich von seiner Uber&eugxuig bezügli< 
der Person Jesu Gebrauch machte. Lag es auch in der Natur der 5adi< 
dafl die führenden Männer der Gemeinde (ditiCKOiroi, npoipiVrai etc.) eh< 
in die Lage kamen, Märtyrer zu werden, als andere, so war doch lüe- 
mand davor sicher, und es genügte dafür eventuell die blobe, kürzeste 
dfJoXoTia. Sonach würden wir vielleicht darauf zu reflektieren haben, 
daU man diejenigen, die Märtyrer woirden, als solche ansah, deaen im be- 
sonderen der Geist gebe, zu reden, was ort- und zeitgemäll sei. 
Die Evangelien beseichnen das als eine Verheißung für sie, Mt lo, 19; 
Mc 13, 11. Man kann darauf hinweisen, daß gerade in diesem Zu- 
sammenhang davon gesprochen wird, es handele sich um ein MapnJpiov 
Toic iVrttiöa Ko3 ßaaXtöci xai rote löveav, Mt 10. iS (24,14), Mc 13, Ql 
Das ergäbe dann den Gedanken, daß zwar nicht das Prophetentum zutzi 

'^ ZwiKhca iiopTupta and ^opr^piov wird im Spndigcbnodi kein Vn»ncbie4 



1 



F. Kattenbusch, Der Märtyrertitel. 121 

Märtyrer mache, aber das Märtyrertum in gewissem Maße zum Propheten. 
Sind es eigentlich nicht die Märtyrer, die vor Gericht reden, sondern 
der Geist in ihnen, so möchten sie auch „Zeugen" heißen, weil ihre Rede 
mindestens den Gläubigen bezeugte, daß alles das Wahrheit sei, was sie 
glaubten, daß immer wieder, wo einer ^r seinen Christenglauben ztmi 
Tode geführt werde, die Probe darauf zu machen sei, daß was Jesus 
verheißen habe, geschehe — auch (der Schluß würde sich alsbald 
anfügen) natürUch all das, was noch ausstehe, das Gericht Jesu selbst, 
der Lohn etc.* 

Indes diese ganze Ideenreihe hat doch offenbar etwas Gekünsteltes, 
sie erscheint als zu mann^ach komplizieit. Auflallend bliebe dabei 
auch zunächst, daß nur diejenigen, die zum Tode gebracht wurden, 
^lipTupec genannt würden, nicht aber diejenigen, die vom Richter wieder 
freigelassen wurden. Galt denn die „Rede" derjenigen, die bloß „Be- 
kenner" werden durften, nicht für geistgewirkt? War nur solche dtioXofla 
oder weitere TrpoipiiTeia, die es erzielte, daß das Todesurteil ausgesprochen 
und vollzogen wurde, als pneumatisch gekennzeichnet? Wollte der Greist 
den „Tod" und trat er also nur dann vor den Gerichten in Aktion im 
Gläubigen, wenn Gott diesen zum Sterben ersehen hatte? Femer: wäre 
es bei der zur Erwägung stehenden Auffassung nicht merkwürdig, daß 
die Märtyrer nie „McipTUpec toO nveOtioroc" heißen? Es ist selten — 
das mag hier zu bemerken nicht gleichgiltig sein — daß in der von uns 
zu berücksichtigenden Literatur ein ausdrucklicher Zusatz angibt, wessen 
MdpTuc jemand qua Märtyrer sei. Aber es kann kein Zweifel bestehen, 
daß der Märtyrer als päpTvc 'li]co0 galt' Will einer darauf kein Ge- 
wicht legen, weil doch der Gedanke vom Geiste und Jesu in Bezug auf 
den, der in den Märtyrern rede, zusammenfalle, so ist letztlich doch auch 
einigermaßen befremdend, daß dann nicht an den (Bekennem und) Mär- 
tyrern der Prophetenname haften geblieben. Es ist nicht zu ericennen, 
daß die Vorstellung, der Geist (Jesus) gebe den Märtyrern die Rede in 
den Mund, je einmal aufgehört habe oder auch nur zurücl^etreten sei 
Ja die Märtyrer waren unzweifelhaft diejenigen, in denen die alte Kirche 



I yfiK ex scheint, vu- e> Rllerdings selten, daß Mtitjrer, wie Stephuios, eigentliche 
Reden hielten. Aber auch die küneiten Worte erschienen immer als die „rechten", als 
geistgegebene. 

> Aof die Stellen aas der Apokalypse beiw. auch der Apostelgeschichte (Stephanus) 
ist nicht tinmittelbat za verweisen. S. aber Mart Poljc 2, 2 (oi ^dprupcc toO XpicroO], 
Antimontanist bei Enseb V, 16, 21 (XpiCToO Mcfprupoc). — Ensebini bietet anch Wen- 
dtmgen wie tuiinvc Tf^C dXT]8E(ac (De Mait Falaest 2, 2), fioprApiov tTIc dcoCEßdoc 
^ib. 4, 5). Daneben auch XpicroO ^dptvpEC (i. B. ib. 9, i), nie fiapv. ToD «veü^imc 
Ztiuchiiß L d. nmlcst. Wiu. JihiK. IV. 190J. g 



122 



F, Kattenbusch, Der Märtyrertitel. 



den letzten Rest des Prophetentums besessen hat' Es waren genug 
Motive vorhanden, ihnen den Prophelennamen vorzubehalten, wenn die 
Idee von ihnen wirklich auf einer konvergierenden Linie sich bewegt 
hätte. Aber techniscli wird und bleibt eben nur ..pdpTuptc". 

Es ist nach dem bisherigen wohl für sicher anzunehmen, daß das- 
jenige, wovon die Märt)Ter ihren Titel erhalten haben, die „Moptupia", 
die für sie das spezifische Merkmal ist, nicht auf dem Gebiete der redc- 
mäßigen Bekundungen, der „Mitteilungen", zu suchen ist. So bleibt nur 
das Gebiet dessen übrig, was sie erlebten und taten. In ihrem Leiden 
als solchem, ihrem Sterben in seinen besonderen Kennzeichen mut 
ihre napTUpia gegeben sein. Wir treffen, von allem anderen abgesehen, 
auf keinen Gesichtspunkt, der es gestattete, sie auch von den ö^ioXoTHTai 
begrifflich zu unterscheiden, als eben diesen. Vielleicht wird man 
finden, daÜ um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, die weitläufige Er- 
örterung gar rticht nötig gewesen wäre, die bisher angestellt worden. 
Allein die Sache steht so, daß die Unterscheidung von „Bekennem" und 
„Märtyrern" schwerlich eine ursprüngliche gewesen. An dem Worte 
fiöpTuc muß ein Gedanke haften, der es möglich machte, diese Unter- 
scheidung in der Weise zu treffen, daß nur die den Tod erleidenden 
Bekenner zuletzt noch )jiipTUptc genannt wurden. Aber gerade nun 
kehrt die Frage noch einmal mit voller Schärfe wieder, wiefern denn 
dieser Name auf die Märtyrer exklusiv paßte. 

Der Brief der Gemeinden zu Lugdunum und Vienna (a. 177) hat 
u. a. auch das große Interesse, daß er uns zeigt, worin die gallischen 
Märtyrer selbst das Recht auf den Titel ydpiupec erkannten, Eus V. 2. 
In dem Briefe wird zur Schilderung des ^mtiKec kqi tpiXdvBpiunov der 
6tfeilKujfi4voi fiäpTupec. von denen zuvor berichtet ist, auch hervorgehoben, 
daß sie sich, solange sie lebten, die Bezeichnung als fiäpTupcc ernstlich 
verbeten hätten; oÖTC aüioi fiäpTupac ^auTOÜc ävEKi^pUTTOV, oötc pf|v 
^^iv iTTtTpETiov Tüj -ivöpoTi irpo^afoptutiv aÜToüc, oXX' eii:oxi tic i^Miüv 
fti" 4ffi<To\fic f| tnä Xö-fou ndpTupac «Oioüc n^poceiTtev. ^Tt^nXritcov nixpiiic. 
Der Verfasser nennt sie in eben diesem Zusammenhang oöx ÄnoE. oiibk 
öle, &k\ä TiaXXdKK napTupticavT*c, sofern sie schon mit Tieren gekämpft 
und Brandmale, Striemen und Wunden am Leibe getragen hätten. Ich 



■ Man denite an das Recht, 6as sie in Anipiuch oahmea, im Namen Gottes Sünden 
au veigeben u. a. Als es mit der Prophetie im weserllichcn la l-nde ging. b«gran«D, 
die Märtyrer — ruCTst, soweit itir sehen die l.ugdiBtienser — jenes einscLneideaiJe Recht 
Bch beUulugen, icnächst ifreiEich EemilN einer Fürlvitle, die jedoch „gewiß" war bei 
Catt ErhSning lu ütideii. 




F. Kattenbusch, Der MartyrerüteL 123 

halte es nicht für die Ermäßigung des Märtyrerbegriffs in der späteren 
Zeit, daß der Autor sie schon vor ihrer Hinrichtung als „MapiupricavTec" 
denk^ sondern für eine Verschärfung des älteren Gedankens, wenn die 
Bekenner selbst auf ihre bloÜen „Wunden" hin noch nicht (idpTupcc 
heißen wollen. Ob sie dabei schon Vorgänger hatten oder nicht, steht 
dahin. Ihre Begründung hat ohne Zweifel das Gepräge einer gewissen 
Affektation. „Gern" (filiiujc) wollen sie Christo tt^v ttjc naptupiac irpoc- 
TlTOpfav überlassen, ihm tiIi nicrtj) xat äXr]6iV(fi fiäpxupi xal ttplutotökiu 
Tüiv vticpÄv Kai äpxHT'j' Tfjc Ziuflc toO OtoO. Auch denen, die schon 
„hinübergegangen" sind als Bekenner billigen sie den Titel zu: iKcivoi 
{"Ibn fidprupEC, sagten sie, fifieTc bk ötiökotoi ^£TplOI xai Toneivoi. Sie 
Türchten Gott vorzugreifen, wenn sie sich proleptisch näpTupec nennen.* 
Daß sie selbst die &Ovafiic toO ^aprupfou besaßen, zeigte sich nach 
dem Verfasser daran, daß sie flehten, auch selbst „vollendet" zu werden, 
und mit voller diq)Oßia xal äTpOFiia allem weiteren entgegengingen. Es 
ist letztlich allein wahrscheinlich, daß es der Gedanke der prak- 
tischen Gleichförmigkeit mit Christus ist, der nach der Anschauung 
dieser Märtyrer den eigentlichen Anspruch auf die Bezeichnung als \i&p- 
Tupec begründet. Sie machen, wie sie meinen, nur vollen Ernst mit dem 
Begriff der „Gleichförmigkeit" mit Christo, wenn sie sich diese nicht eher 
zugestehen, als bis auch sie für das Evangelium getötet sein werden. 
Auf ihre eigene Argumentation scheint es noch zurückzugehen, wenn 
der Verfasser davon redet, daß sie ^Trt tocoOtov Zti^u'Tai xal MifirjTal 
XptCTOO ^T^vovTO, daß sie an Phil 2, 6 dachten. Christus hat das £ivai 
Tca 9ei|i nicht als äpTTOTMÖc betrachtet, so wollen auch sie das An- 
sehen als ^dprupec nicht an sich raffen, ehe es ihnen gebührt 

Man kann aus der Erörterung entnehmen, daß die Märtyreridee eine 
Zuspitzung ist der Idee vom ,Jfacheiferer und Nachahmer 
Christi". Als man diese Idee so streng faßte, daß nicht mehr bloß 
das (ppovcTv 8 xal tv xpicrtfi 'IricoO in Betracht gezogen wurde, sondern 
auch das äußerliche 6tioioöc6at T({j XPtCTij), ja als dieses wie das punctum 
saliens an der Sache erschien, entstand der eigentlich technische Begriff 
des ii&pnic Zunächst machte man noch keinen Unterschied zwischen 



I In der DusteUnng fehlt es nicht mn Wendongen, die dem Gedanken, daß die 
Märtyrer „Zeugen" hießen mit B«ug auf ihre Stellung im Himmel, UnterstStEimg 
leihen könnten. So besonders das „^I»n"- Auch daß sie ^jiircnXricp^vot qxSßou 8eo0 
nicht wogen, sich schon „Zeugen" zo nennen. Eine vollständige Erwägung der Gesamt* 
darstellung ergibt doch, daß es ein Mißverständnis wäre, diese Wendungen in der gedachten 
Richtung geltend an machen. 

8* 



F. Kattenbuschr Der Märtyr 



solchen, die nur ,, gelitten." hatten ^wie Christus", und denen, die recht 
eigentlich ihm in den Tod gefolgt waren. Es ist aber begreiflich, daß 
der Begriff sich letztlich in dem Gedanken an diese spezifischen ^i^T]Tai 
Christi abschloß und verfestigte. 

Man kann erkennen, daU der Martyrerbegriff in diesem Sinn num- 
cherlei allgemeine Vorstadien gehabt liat. Von Anfang an stand die 
Gemeinde unter Verfolgungen; diese galten bald als untrennbar von dem 
Wällen „gottselig zu leben im Messias Jesu", 2 Tim 3, 12. In l Petr 2. 
20. 2 J wird es als „BeruP' der Christen bezeichnet iräcxovtec Otto^^veiv, 
hier wird auch auf das „VorbÜd" Jesu in dieser Hinsicht Bezug genommen, 
so zwar, daß hervorgehoben wird, Christus habe es dargeboten mit dem 
Zwecke (iva). dat die Seinen in seinen „Fußspuren" ihm „nachgehen". 
Man bemerke, wie oft im Ausdruck die „Jiingerscliaft", die Unter- 
stellung unter den „Namen" des Messias Jesus, mit dem Gedanken vieler 
Leiden zusammengebracht ist, Act g, 14; 16, 2z. In Lc 14, 25 ff. be- 
zeichnet Jesus es selbst als unvermeidlich iur den, der zu ihm „kommen" 
wolle, aües zu „hassen", ?-n te Kai Tr|V feauTOÜ ijjuxiiv. Wer das nicht 
tue, oü fcüvaTQi tlval ^ou liaepTric. Hier folgt aJsbaid auch das Wort, 
das als das eigentliche Paradigma fiir das Martyrertuna erscheint': öcTlc 
oö ßocTÖZei TÖv cTOUpöv JauToO icoi ?pxtTai ömcuj |iou oü frOvaiai tivcti 
jiou )j.aOriTr|C. Wie immer es mit der Authentie und dem Sinn des 
Ausdrucks „Kreuz tragen" hier stehen mag, So hörte jedenfalls die Ge- 
meinde, seit sie das Lukasevangehum las, aus diesem Worte Jesu heraus. 
daQ es gelte, auch direkt für ihn und wie er zu sterben, wo das er- 
fordert werde, fMt 10,38 ist das Wort so formuliert, daß wer nicht 
„aufhebt sein Kreuz" und darin dem Messias ,,fo1gt", seiner nicht „wert" 
sei). Man muß diese Gedanken und Sprüche zusammenhalten mit denen 
des Paulus, wonach überhaupt der Messias „im" Gläubigen ,,lebt" Gal 2, 20, 
ja daß die TraOi^M-^TCt des Glaubigen demzufolge gar dazu gereichen, was 
an den ÖXI^/HC TOO XPtCTOÖ „fehlt", zu „ergänzen", Co! I. 24, um zu ver- 
stehen, daß der Gedanke der wahren Jüngerschaft sich zuspitzte zu dem 
der spezifischen Leidens- und TodesnacKfolge. In voller Lebendigkeit 
sehen wir die Verknüpfung beider Gedanken bei Ignatius. In Eph i. 2 
bezeichnet er sich als ^XiriZovTO . . . 6titux«v ^v 'Piij)jr) ©iipionoxricai, Iva 
imTü}(tTv buvTiBüj )ja6tiTr|c Eivai, Den Trallianem gegenüber fiihrt er 
aus, daß er nicht als „Gebundener" und solcher, der tö ^noupcivia zu 
verstehen fähig ist, iiliri Küi ^aÖfiTnc sei, es fehle ihm „noch viel", ofien- 



I Vgl. z. E. IreiiKens lH, ig, 4 (ed. likrvcy). 



F. Kattenbusch, Der Märtyrertitel. 125 

bar speziell noch die Bewährung durch den Tod als fidpruc, Trall 5, 2.* 
Mit besonderem Überschwang des Gefühls ruft er den Römern zu, da& 
er ^Kiijv imlp Btov sterben wolle, sie möchten nicht versuchen, ihn zu 
retten: dtperl m^ Örjpimv cTvai ßopdv. Wenn ich von den Tieren werde 
verzehrt sein, schreibt er, töte fcofiai ^a9IlTilc dXnÖ^c toO xpicroO, 
Rom 4. Nicht anders gedacht ist, was die Smyrnäer in ihrem Berichte 
über den Feuertod des Polykarp schreiben, Mart Polyc 17, 3; Toic pip- 
Tupac die MaOnTÖc Kai MtunTÖc toO Kupfou dTaTTiIiMev. Die Lugdu- 
nenser bezeugen dem Vettius Epagathus, der sich drängte, auch sein 
Leben hinzugeben: r^v T^p Kai Jcri TVncioc XpiCTOö tiaQr\Tf\Q, dKoXou- 
öiuv TiJ) dpviij) 6tiou äv hn&pi, Eus V, i, 10. Es kann nicht wunder- 
nehmen, daß es als der Gipfelpunkt einer seligen fxapnipfa galt, wenn 
einer genau wie der Herr selbst, d. h. an einem craupöc, für ihn ge- 
tötet wurde. Von der Blandina wird eigens hervorgehoben, daß sie 
tnl £üXou KpE^acßeTca ganz den Anschein gehabt habe einer craupou 
cx*\MaTi Kpttia}JiivT\, und das habe den Mitstreitern Mut gemacht, ßAcTiöv- 
Tuiv aÖTÜiv iv T<Si dfiüvi Kai ToTc ££u)6ev 6(p^a\^otc bid t^c ä&eX- 
9fic TÖv öirip aÖTÜJv ictauputji^vov, Eus V, 1,41.* 

Haben wir Recht, den Märtyrer als den fvricioc fiaönTi^c Kai niUJiTfic 
Jesu, als den Christen, der im vollsten Sinn Christus selbst vor Augen 
rückt, zu definieren 3, so fragt sich noch einmal, wie denn gerade der 



I Ich konstatiere Qbrigens nebenbei, daß Ignatius das Wort fidpxvc nirgends im 
Knn TOD „Mirtyrer" gebnncht; es findet sich bei ihm überhuipt nnr Fhilod 7, 2. Anch 
^apTUpetv kommt bei ihm nicht mit der Bedeutung „Härtyrer werden" vor; fiapTUpta 
nnd ^oplApiov feUen bei ihm. Über ^lIpTupEic9al bei ihm s. oben S. 1 19 Anm. 

' Christus als „im Märtyrer" leidend, ib. 33. Die Märtyrer haben Christus „an- 
gesogen", 42. Christus btuXiX aJrraTc, Hart Polyc l, 2. Ähnliche Redewendungen 
vielfach. 

1 Heinrici, D. UrchristentQm, 1902, S. 142, hat auch bemerkt, daJ^ die Ausdr&cke 
^a6iiT/|C nnd )tdpTuc in der alten Kirche besonders nahe susanunen rückten. War 
jener ein „Ehrenname", der ursprünglich den „Aposteln" (spesiell den „Zwölfen", 
aber anch andern, die im Dienste Jesu „eine hervorragende Wirksamkeit" ausübten, 
„wie Bamabas", S. 48), inerkonnt wurde, so ging er, meint H., in der nach apostolischen 
Zeit auf die Märtyrer über. Das scheint mir nicht ganz zutreffend. Wenigstens wei& 
ich keinen Beleg, daß die Märtyrer titelmißig „ol ^a6r|'ral 'Incofi" genuint worden 
seien. H. besieht sich auf die oben von mir bereits verwerteten Stellen aus Ignatius 
and Mart Polycarpi, die das doch nicht ergebei). Die letztere Stelle lautet vollständiger ; 
ToOc bi MdpTvpoc tbc ^aOnräc xal (itMnxdc toO Kupiou dyam&fuv äHiuc Iveko cbvoloc 
AvuTtEpßXiyrou Tf^c e(c Tdv Ihtov ßaciXto icat biMcxaXov. H. legt Nachdruck auf dos 
„Thiov" nnd „hi&dCKOAov". Aber ich m&chte glauben, daß hier die Smyrnäer sich mit 
den Märtyrern zusammenschließen: Jesus ist der Tbioc btbdcKaXoc anch für die Brief- 
Schreiber, aber die ^dprupec sind von besonderer „(fivoia". — Daß die Märtyrer 
Erben des Ansehens nnd der Ehre der Apostel geworden, ist aber in gewissem 



F. Kattenbnsch, Der MätiyrcrtileL 



Name „tidpiuc" daflir aufgekommen. Aber habe ich nicht soeben schon 
durch meine Ausdrucksweisc, die mir nach der zuletzt beigebrachten 
Stelle wie von selbst in die Feder geflossen ist, den Gesichtspunkt an- 
gedeutet? Ist der „Märtyrer" nicht ein näpxuc 'liicoö oder XpiCTOö, weil 
er eben diesen „vor Augen rückt", jedem gewissermaßen sinnenfällig 
».zeigt", kundmacht, was Jesus war und ist. Also fiöpTUC ^ 

Aber haben wir irgendwo sonst im Grieclüschea eine ähnliche Ver- 
wendung des Ausdrucks lidpruc? Die Kenner der Grazität der ersten 



Mt&c doch richtig, Oiifenes in Num. tiom. X, 3 «teilt sie mit diesen, im spcnAschea 
Sinn &1i »filii Jesu'' zusamnien. Man beachte zunnchst den Ausdruck! Die Stelle ist 
aber fern« bedeutsam, sofcm »ie *eig[, da.Ü. man den Leiden der Märtjr^r, wie der 
Apostel, auch sündcntilgcndc Kraft wie dem Leiden Jcsn beimaD: Sed 
fedeLmm ad poDtiticein noctnini, pontiRcem mngnum, (]ui peseiravit coeEos, Jesom domi- 
num nostnini, et videamas, quomodo ipse cum filiis suis, apostolis scilicel et 
maityribus, sumll pecca.ta sanctoium. EI qnidem quod dominui noster Jesu 
Christus venerit, Ul lolleret peccaliiin Iittf0i3ii et morte sns-peccata nostrn delevcrit, aoUvs 
qui in Christo credit ignorat. QaocQodo autem et Tilii ejus aufeianl peccata 
lanc t(i ruDi, i. e. apoitoÜ et martyres, li poterimos en scripturis diTcnis prebare 
teniabimuB. Audi prlmo Paulam dicentcm: LibenUr enim, inquit, espcadam et expeii> 
dar pro unimaliui vettrit, et in alio loco: Kgo enim jnm immolor etc. (Es ist auffoUecid, 
daC Or. nicht ■li« oben S. 114 lilierie Stelle Col. 1,14 heramielit!)!. De m K.rtf rJbitt 
autem scribit Joannci apostolus in Apocilypsi, qnia acttmac eorum, qni jugolali sont 
pnipter nomen domini Jtsii, adsistant altnri ... Unde egt» Tercor, ne forte, ex qua 
marCyici noa fiutit et hoBtiae sanctoi'um non oSTeruntur pro peccaCis nosiriä, pccca- 
larum notlrotum remitsionem non mereamiir. Vgl. noch In Joann. loni VI, ^6 
u. ExHort ml jiturt. JP. Doiu Höfling, D, Lehre d. nltest^n Kirch? vgiq Opfer im 
I^hcn 11. Kultus der Christer (iSsiX S, lä&ff. fWas Höfling nicht bemerkt, bl, daß die 
Vor»t*lluiig voit «ihein elellvtitretenden Leiden der Märtyrer und einer espia.loiijch.tn. 
Krnfl derBelben auch in jtkilibchen Krciacn. galti vgl. 4 Macc 6, ij; Eleasar bittet 
Uoit; KuOdpdov atm&V, des Vollies. nolncov tÖ f^üv al^ta Kai ävTii|(UXov aÜTcDv Xdße 
T^V £^1'|V tiuilr'iV, ferner {b. I7, 21 fl.) Der Zusammenstellung der filärtyr^r und Apo«teI 
muC einmal eigens nachgegangen werden.. Sic erscheint besonders auch in liturggschen 
Gebelen (t. B. Constitt. app. VIU, iz). 

> Etu. V, I, 23 wird du ciu^dTlov des Sanctns als ^dpruc Tt&V ciftiß<ßr)Kd'cu)v be- 
xeichnct; maa „sa,h" !□ ihm, vbs geschehen war. Irenaeus IIJ, 4, ^5 redet von denen. 
i)ui propCer donüni conressioiiem öcciduntuf sIs solchen, die, weil sie cocantur vestigi« 
uscqui passionis -domini eu emchten seien a.ls „.passibihi (Jesu) mui)Tes", ErscheU 
na n gen, Ebenbilder dcspas^ibilis. InConstil. apo^t. V, I wird der ^dpTUC dfioc 
delinicit alt „dbcXipäc toO XpicroQ". Ein Bruder elcichl dem andern. Eben hier 
werden die Begriffe „jiapTUpla" und „KOfvuüvia:'* parallel gesetjt. Der heiUg« Mär- 
tyier ixt ,., gewürdigt" des „Ivronces" und der ^opxupla Ttuv f!a6i\ti'dj\uv oder Kfrtvuivla 
Toft al'jiaTOC Christi. S. danu S. 125 Anmerkung 2. Möglich, daß hier, wie vielfach 
jn den Konslitulianeik alle Phrä.seti erh^'en ^ind. — Dekfuitit ist, daQ im 4. Jahrhundert 
g«witiG RepTüscnlanlen des Doaati&ra iisi wenn ihnen das Martfriam -von Seiten ihrer 
Gegner «erstiEt wurde, qualvollen Selhslmord öbten, um doch als Märtyrer befunden 
tu werden. Da« war die KuriValtir der Idee vom (tdpruc als „itKiitv" Jesu. 



F. Kattenbuscb, Der MärtyrerdteL 12/ 

christlichen Zeit werden vielleicht eine Antwort geben können. Hat es 
schon einen Sprachgebrauch gegeben, der die besonders treuen und ge- 
ehrten „Schüler" eines Meisters, seine rechten jiifirjTat, eigentlichen ZiiXu*- 
Tai, als seine fidtpiupec, seine Zeugen als seine Ebenbilder bezeichnete? 
In Lc II, 48 tritt eine Verwendung des Ausdrucks ^äprupec (papTupciv?) 
auf, der mir den Gedanken geweckt hat, hinter der christlichen jidpiuc- 
Idee stehe vielleicht eine ursprünglich aramäische Redeweise.' Wir 
werden doch wahrscheinlich anderes ins Auge fassen müssen. Wenn 
die Lugdunenser erst denen, die für und wie Christus gestorben sind, 
den ^äpTupEC-Titel beilegen wollen im Hinblick auf Jesus den „ntcrdc 
Kai dXqßivöc ^äpruc" (s. o. S 123), so ist die Anspielung auf Apoc i, 5 
u. 3, 14 klar, zugleich aber auch, daß sie dem Ausdruck einen Sirm unter- 
legen, der diesen Stellen fremd ist Denn Christus wird hier eben nicht 
„Märtyrer" genannt Gleichwohl köimte der Märtyrertitel genetisch mit 
der Apokalypse zusammenhängen. War sachlich die Idee maßgebend, 
daß der wahre MCiSl'rfic und ^I^r)Tr|C Jesu diesen, wo möglich, auch im 
Tode „repräsentiere", nachbilde, so koimte die Apokalypse, die eine 
Reihe von Märtyrern zwar nicht wegen ihres „Martyriums", aber doch 
nun einmal tatsächlich als fxäpTupec 'Ir|co0 bezeichnete, ja die den Antipas 
2, 13 sogar besonders nahe mit Jesu als „^lipTUC" in Parallele brachte, 
sprachlich den Anlaß bieten, in diesem Titel die spezifische Gleichung 
zwischen einem fiaOnn^c Jesu und dem Meister selbst zum Ausdruck zu 
bringen. In gewissem Maße aber ist und bleibt der Märtyrertitel doch 
als solcher ein RätseL 



> Der Titel hat sich allerdings noch nicht in jfldiichen Kreisen gebildet Die 
Makkabäerzeit hatte viele Beispiele des Verhaltens, das man in der christlichen G^ 
meisde als MartTrium bezeichnete, gesehen. Aber ich habe keine Stelle gefunden, wo- 
nach man diejenigen, die ihre Treue gegen du väterliche Geseti durch den Tod unter 
Foltern bewährten, als fuipTUpEc beieichnet hätte. Von fUXpTupfa oder ^lafyTvp&v ist in 
den sog. Malckabäerbücbern überhaupt nicht oft die Rede. Soviel ich gesehen 
habe, kommt nur in Betracht i Macc 2,47,56; 3 Macc 3, 36; 12,30; 4 Macc 6,32; 
16, 16. An keiner hat man Anlaß tu glauben, daß man in Israel schon von „Märtyrern" 
gesprochen habe. Auf eine Anfrage, ob etwajosephns von „Märtyrern" rede, schreibt 
mir B. Niese, daß er das „mit gutem Gewissen" negieren zu können glaube. Hängt der 
Märtyrertitel mit jüdischem Sprachgebrauch susammen, so wohl nur in Form einer 
Sonderentwicklung. 



[AbfeicUoSMB am iS. NOTember 1903.] 




Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 



Von W. Sohaa in Zabern, 



Jede wissenschaftliche Untersuchung hat von dem Feststehenden 
oder relativ Sicheren zu dem Hypothetischen und Unbelcannten fort- 
zuschreiten. Dieser so einfache methodische Grundsatz ist nichtsdesto- 
weniger bei der Frage nach der Entstehung und Zusammensetzung der 
Apostelgeschichte sehr oft unbeachtet geblicll>en, selten in seiner vollen 
Bedeutung anerkannt worden. 

Ganz zweifellos ist auf diesem Gebiete das Sicherste: einical die 
Beschaffenheit des Wir-Berichtes und sodann das, was als Ergebnis der 
Untersuchungen über den Sprachgebrauch der einzelnen Teile der 
Apostelgeschichte festgestellt werden konnte. In beiden erkennt z. B. 
auch Spifta „die Apostelgeschichte, ihre Quellen und deren geschicht- 
licher Wett" S. 3 f. das relativ Sichere und Bedeutungsvglle. Und 
trotzdem gründet er seine weiteren Untersuchungen nicht hierauf, sondern 
setrt die Behandlung der sprachlichen Seite des Problems an den SchluU, 
nicht an den Anfang, und behandelt die Wirstücke gleichfalls nicht zu 
Beginn, sondern gemäß „der vorliegenden Ordnung der Erzählung" d, h. 
gegen Ende. 

Bei der folgenden Untersuchung über das, was von den zahlreichen, 
der Apostel gescliichtc eingefügten Reden su halten ist, in welchem 
Verhältnis sie zu dem Eraälilungsstoff" stehen, bei einer Untersuchung 
also, in welcher die wichtigsten Fragen des Problems der Apostel- 
geschichte erörtert werden, soll dieser Fehler vermieden werden. Es wird 
vielmehr umgekehrt, bevor eine weitere Untersuchung angestellt werden 
wird, genau festgeseüt werden, was über den Sprachgebrauch der einzelnen 
Teile und was über die Beschaffenheit des Wir-Berichts feststeht, und 
von da aus dann ohne weitere Hüfshypothesen die verschiedene Herkunft 
der einzelnen Bestandteile erschlossen werden. 

Die Apostelgeschichte ist, vom sprachlichen Standpunkt aus be- 
trachtet, nut nichten ein einheitliches Werk. 
I Daraus folgt fUr die Methode der Forschung: die sprachliche Analyse 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 129 

der Apostelgeschichte muß selbständig neben einer Erforschung der 
Quellen einhetgehen. Erst wo beide übereinstimmen, kann von einer 
Sicherheit der Resultate die Rede sein. 

Über die sprachlichen Eigentümlichkeiten der einzelnen Abschnitte 
ist folgendes festzuhalten. 

1. Es ist nach Nordens Ausfuhrungen (Die antike Kunstprosa II, 484) 
ausgemacht, daß die Episode über Stephanus einen besonders ungrie- 
chischen Eindruck macht. Die Häufung der obliquen Kasus von aüröc, 
das Fehlen der sonst den Griechen geläufigen Partikeln, kurz eine gewisse 
Hilflosigkeit im Ausdruck macht sich überall bemerkbar. Mit diesen 
Kapiteln (6,1 — 8,4) steht aber nicht nur inhaltlich, sondern auch 
sprachlich die Fortsetzung in 9, l — 30 sowie li, 19 — 26 bezw. bis 30 in 
Verbindung. Das häufige Kai, der Infinitiv nach iyivao u. a. m. zeigen 
auch hier deutlich, daÜ dieser Bericht einen ähnlich ungriechischen 
Charakter hat wie 6, i — 8, 4. 

2. Der Wir-Bericht ist (wie die Einleitung i, i — 2) in einem guten 
Griechisch geschrieben; dabei ist aber zu beachten, daß er an einzelnen 
Stellen mit andern Angaben über Pauli Missionsreisen durchsetzt ist, und 
zunächst nur die Berichte in erster Person als integrierende Bestand- 
teile desselben festgehalten werden dürfen. 

3. Es ist durch Hawkins „Horae synopticae" S. i50f. gezeigt worden, 
daß der Wir-Bericht in sprachlicher Hinsicht durchaus dem 3. Evangelium 
gleiche. Er steht der Redeweise desselben viel näher als die übrigen Partien 
der Apostelgeschichte. Dazu stimmt vortrefilich, was allerdings zu er- 
warten war, dall der Verfasser der beiden Einleitungen dieselbe Person 
gewesen zu sein scheint. Sein „zweiter Bericht" ist dann durch den 
letzten Bearbeiter der Aposteltaten modifiziert worden. 

4. Die in den Wir-Bericht eingeschobenen Erzählungen von ganz 
anderem Charakter sind — das ist gleichfalls von der philologischen Spezial- 
untersuchung festgestellt worden — von einem Manne geschrieben, welcher, 
wie der Erzähler der Wir-Berichte, die griechische Sprache gewandt 
handhabte. Man vergleiche hierüber die treffenden Erörterungen von 
Norden „Die antike Kunstprosa" 11 S. 483. Namentlich wird das zu 
beachten sein, was Norden über den übereinstimmenden Sprachgebrauch 
in der Erzählung des Apostelkonzib (15), von Paulus' Aufenthalt in 
Athen, und von seiner Gefangenschaft in Jerusalem und in Caesarea 
(22 — 26) dargelegt hat. 

5. Auch bei den Petrusstücken der i. Hälfte (i — S; 9,32 — 11, 18. 
12, I — 24) hat die Untersuchung mehr als bisher von den sprachlichen 



tjo 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden m der Apostel^feschichte. 



Eigentümlichkeiten auszugehen. Schon eine oberflächliche Betrachtung 
wird hier den verschiedenartigen Eindruck, welchen die Reden des Petrus 
und die erzählenden EinRihmngen machen, nicht unbeachtet lassen können. 
Wie sehr dieselben auch im «brigen zusanunengehoren mögen, in sprach- 
licher Hinsicht sind sie jedenfalls auseinander zu halten. Schon hier sei 
soviel bemerkt daß die genannten Reden in Sprache und Charakter den 
Ausführungen u^nd Reden alincln, welche in den späteren AbschrUtten 
c. 22 — 26 enthalten sind. 

Noch ist hier einiges über die Beschaffenheit des Wir-Benchts 
hervoizuheben. Zu demselben gehören zunächst sicher alle die in 
erster Person iiberhefcrten Abschnitte; 16,3—25; 20,4 — 16-, 21,1 — 19; 
271—28,16 (28.50—31). 

Ob und welche weiteren Abschnitte Teile dieses Wir-Berichtes 
waren, ist a priori schwer mit Sicherheit festzustellen. Vermutungsweise 
aber diese oder jene Erzählung demselben zuzuweisen, ist sehr bedenklich, 
weil dadurch zu leicht der Frage nach einer anderweitigen Herkunft 
jener Teile präjudiziert werden würde. 

Die Schwierigkeit, eine sichere Entscheidung über diese Bestandteile 
zu fällen, ist nur dann zu beseitigen, wenn die Qualität des Wir-Berichts 
genauer festgestellt ist Am deutlichsten tritt die Eigenart desselben in 
27, 1 — 28, 16 hervor. Der dortige Bericht bietet vor allem keine Reden. 
erzählt schlicht und sachgemäß, was über die äußeren Schicksale des 
Apostels Paulus zu sagen war. Es lag dem Erzähler durchaus fem, 
eine detaillierte Darstellung der Missionstätigkeit des Paulus zu geben. 
Nicht einmal die Erfolge des Paulus zu schildern lag in der Abs-icht 
des Berichterstatters, Sein Interesse war aliein den persönlichen Sclück- 
äalen des Paulus und seiner Begleiter gewidmet. Die Einzelheiten der 
Seereise und besondere Fährlichkeiten zu schildern, lag ihm mehr am 
Herzen, als alles andere, UrsprungEich war dieser Bericht jedenfalls ein. 
Brief, von jener Art echter Briefe, die nicht zur öffentlichen Schau- 
stellung, sondern in erster Linie für die bestimmt waren, die sich für 
die persönlichen Verhältnisse des oder der Schreibenden interessierten. 
Darum braucht man noch keineswegs an einen bestimmten Adressaten 
zu denken. Wie viele einzelne Freunde des Paulus gab es nicht, die 
etwas über seine persönlichen Schicksale wissen wollten? Und wie viele 
Gemeinden, welchen Paulus das Evangelium gebracht hatte, mußten nicht 
den sehnlichsten Wunsch haben, über den Verlauf der Reisen des 
Apostels, namentlich über seine Schicksale in Jerusalem und seine end- 
liche Ankunft in Rom etwas spezielleres zu erfahren! 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 131 

Nicht ganz denselben Zweck scheinen die früheren Wir-Berichte zu 
verfolgen. Dieselben stellen wenigstens nicht nur die Schicksale des 
Paulus in den Mittelpunkt der Darstellung, sondern daneben auch die 
eigenen Schicksale des Schreibers. So erzählt z. B. 20, 13, wie der 
Schreiber dem Paulus vorangefahren sei, um ihn erst später wieder in 
Assos zu treffen. Aber auch hier ist und bleibt Paulus für den Verfasser 
so sehr die Hauptperson des Interesses, daß von einem wirklichen 
Wechsel in dem Plan und in der Art der Berichterstattung nicht die 
Rede sein kann. 

Wenn aber auch die kurze Herzählung der wichtigsten Reiseerlebnisse 
der Hauptzweck des Wir-Berichts gewesen ist und gewiß größere Reden 
nicht in ihm gestanden haben, so schließt doch eine derartige sach- 
gemäße Berichterstattung keineswegs eine gewisse eingehendere Be- 
trachtung besonderer Vorfälle aus, nämlich da, wo es im Interesse der 
Leser lag, etwas näheres über die persönliche Lage des Apostels oder 
über besondere Fügungen in dem Schicksale des Apostels zu vernehmen. 
Es mußte z. B. von höchster Wichtigkeit für die jungen Christen- 
gemeinden sein zu erfahren, wie der unerschrockene Vorkämpfer des 
Glaubens in die Gefangenschaft zu Philippi gekommen war (16, 19 — 24), 
und wie er wieder die Freiheit erlangt hatte (16, 35 — 40). Es kann daher 
nicht zweifelhaft sein, daß auch diese Erzählung, trotzdem sie nicht mehr 
in erster Person erzählt, aus derselben Wirquelle stammt, allerdings 
ohne die wunderbare Einlage (16, 25 — 34). Gerade hier ist ja der 
Übergang von der i. zur 3. Person nicht nur erklärlich, sondern mit 
Notwendigkeit geboten gewesen, da der Schreiber selbst nicht mit ge- 
fangen gesetzt wurde. 

Aus ähnlichen Gründen wird anzunehmen sein, daß die tatsächlichen 
Angaben, welche Pauli Person während seiner Anwesenheit zu Jerusalem 
betreffen, und die nur von einer ihm persönlich nahe stehenden Seite, 
ja nur von einem Augenzeugen ausgehen können, dem Wir-Bericht an- 
gehört haben. So wahrscheinlich 21, 27 — 36 Pauli Bedrohung durch das 
Volk und seine Gefangennahme mit der Fortsetzung 22,25 — 29,' vor 
allem aber 23,11 — 24 (bez. der Schluß 23,31 — 35) der Anschlag auf 
Pauli Leben und seine Überführung nach Caesarea. 

Dagegen ist es bei der Beschaffenheit des Wir-Berichts in 16: 20 — 21; 
27 — 28 ausgeschlossen, daß die großen Reden, welche dazwischen zer- 
streut stehen, aus demselben stammen. Wenn irgend etwas, so wider- 

I Die abschlielienden Vene 2t, 37 — 40 und 2z, 30 lind vielmehr Einfühniagen zu 
den folgenden Rederi. 



132 



W, Soltau, Die Hakunä der Redtn in da Aposlelgeschicbte. 



sprechen sie den kurzen sachgemäßen Notizen, wie sie der WLr-Bericht 
sonst bietet. 

Nicht minder sollte feststehen, daü, abgesehen von einigen ein- 
fiihrenden Bemerkungen,' die sonstigen Angaben über die Reisen des 
Paulus ursprünglich nicht dem Wir-Bericht angehört haben können. 

Ausdrücklich hebt 20, 6 hervor, daß der Verfasser des Wir-Berichts, 
der 16,40 in Philippi zurückgeblieben, nicht mit den übriger» nach 
Amphipolis weitergereist war, voa Fhilippi aus in Troas erwartet worden 
sei. Derselbe war also auf der inzwischen erfolgten zweiten Missioos- 
reisc nicht Augenzeuge gewesen. 

Das schließt zwar nicht aus, daß er selbst später auch einige Auf- 
zeichnungen aus den Angaben anderer seinem Wir-Bericht hinzugefügt 
haben könnte. Aber zu seinem ursprünglichen Wir-Bericht, der nur Selbst- 
erlebtes enthielt, können derartige Ausführungen nicht gehört haben. 

Gewiß ist es von hervorragender Wichtigkeit, die Herkunft der 
sonstigen Erzählungen über die Reisen des Paulus festzustellen und Ihre 
Beziehung zu dem Wir-Bericht zu bestimmen; so bei der Erzählung in 
12.25 — 13,14; 14,1 — 15.1; 17, I— 15; iS, 1—19, 22. Doch der Wunsch, 
die Qualität dieser Erzählungen festzustellen, kann erst nach anderen 
Untersuchungen über die Apostelgeschichte befriedigt werden. 

Bei der Zusammenslellung der sicheren Voraussetzungen der Unter- 
suchung müssen diese Abschnitte beiseite gelassen werden. 

Die hier kurs zusammengestellten Tatsachen, welclie den Aus- 
gangspunkt jeder weiteren Untersuchung über das Problem der Apostel- 
geschichte bilden, legen es aus mehr als einem Grunde nahe, vor allem 
die BeschatTenheit der Reden, ihre Quellen und damit ihren Ursprung 
festzustellen. 

Die Reden ' heben sich, wie schon erwähnt, vor altem schon sprachlich 
von dem Erzählungsstoff ab. Sie sind — mit Ausnahme der ganz 
aingulären Stephanusrede — in elegantem Griechisch geschrieben. 

Sie sind sowohl von den Petruslegenden (in i — 5), wie von dem 
Reisebericht (in l^i.; 17 — 19) in formeller Hinsicht geschieden. Auch 



' So lo, 3^^5 vor 20, 6 f, UTici wohl auch die küneren Notiien über die Reise des 
Paalus bis lu seiner Ankunft in Troas (i6,S), nämlich 15, jS — 4'; 16,6 — 7. Niclit 
dagefcn gehört in ihm die Anekdole über Timollieus, vclche 16, t— 5 eingeslreut iit 
und dea kurien Reisebericlit gani anenrarlet unterbriclit. 16,6 schlieft an 15,41 ml 

J 2a ihnen sind auch die venffcndWTi sfilirift5telIeTisH;li«n Erzeugnisse in BriefFonn 
15,33—39; 33,25—30 lu rechnen. — Zu allen Reden vgL Sollaa, Der geschichlliche 
Wert der Reden bei den alten Historikern, in Keue Jahrb. f. d. klass. Altertuoi 190s, 
IX, aof. 




W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschiclite. 133 

der Wir-Bericht zeigt, wie bemerkt ward, eine eigentümliche Redeweise, 
welche derjenigen des 3. Evangelisten näher verwandt ist. 

Das Ergebnis der Spezialuntersuchung über die Reden der Apostel- 
geschichte' stelle ich hier, der Untersuchung vorgreifend, kurz folgender- 
maßen zusammen: 

J. Einige Reden sind nach Briefen des Apostels Paulus gebildet, 
so vornehmlich die Abschiedsrede an die Epheser Act 20, 18 — 35 aus 
I. Thess 2 — 4; die Rede des Paulus in Athen Act 17, 22—31 aus 
Rom 1. II. 14; das Aposteldekret vorzugsweise nach i. Kor 6 und 8 — 10. 

2. Die wichtigsten Verteidigungsreden des Paulus beruhen auf dem 
Bericht von Pauli Bekehrung. 

3. Mehrere andere sind lediglich erweiternde Umschreibungen der 
im Reisebericht und Wir-Bericht erzählten Begebenheiten. 

4. Eine Untersuchung über die Stephanusrede wird zdgen, daß die- 
selbe aus einer älteren Relation entnommen ist, aus der auch des Paulus 
Rede 13, 15 f., sowie der Gedankengang der Reden des Petrus zu Anfang 
der Apostelgeschichte (2 — 4) stammten. 

Es ist augenscheinUch, daß auf diesem Wege die Qualität der Be- 
arbeitung der Apostelgeschichte und daneben diejenige des ursprüng- 
lichen Quellenmaterials besser und sicherer festzustellen sein wird, als 
durch hypothetische Versuche, die Benutzung mehrerer Quellen neben 
einander darzutun. In 6,1 — 8,4; 9,1 — 27; 13 — 28 d. h. also in sämt- 
lichen Paulusstücken, kann von mehreren nebeneinander hergehenden 
schriftlichen Quellen keine Rede sein. 

I. 

Kürzlich hat H. Schulze in seiner Abhandlung „Die Unterlagen für 
die Abschiedsrede zu Milet in der Apostelgeschichte 20, 18 — 38"» den 
Nachweis gefuhrt, daß diese ganze Rede atis lauter Reminiscenzen an 
paulinische Briefe besteht und vomehmÜch nach i. Thess 2—4 gebildet 
worden ist Die wichtigsten Beziehungen seien hier erwähnt 



1 EtB für tUeoMl ■« hier bemerkt, dsß die folgende Untenachong nnmbhan p g ist 
von den Kontrovenen, welche die Ausgabe von Blaß hiuicktlich des Textes der Apostel- 
geschiclite angeregt hat — Von einiger Bedentnng könnte hÖchsteoG sein, daß schon 11, aS 
in cod. D die i. Person Flnralis anftriu (cuvccTpa)AM£vwv bt fmdh)). Es ist m, £. ganc 
wahrscheinlich, schon mit Rücksicht anf ZI, to f., daC hier eine authentische Notis vorliegt 
Dann aber zeigt dieselbe, da& der Verfasser des Wir-Berichtes swar damals in Antiochia 
gelebt hat, aber selbst die dann 12, 24 f. enählte Missionsreise nicht mitgemacht 
hat (s. 13, 2). — Doch s. anch Jacobsen, Die Quellen der Apostelgeschichte S. 14. 

' Stadien tmd Kritiken (1900) 4. 563 f. 



134 W. Schau, Üie Herkiaift der Reden m der Apnadg^cbichte. 



Act 20, l8 — 21 folgt genau dem Gedankengang von l- Thess 2, 1—4. 
Für die Nachstellungen in Philippi (TrpOJTflOÖVT« Kai ößpicß^vr« Koteüc 
ofboie ^v 4>iMmiotc, i. Thcss 2, 2) setzt Act 20, 19 ein: Öot/Xeüijuv Tut 
Kuptifji \i(.Tä näcric TanEivoq)pociJvnc Kai baKpütuV kCü neipdc^wv, nliv 
cufiß<4vTUfV fioi iv TOic jTnßouXoTc TilfV 'louiwlujv. Im übrigen aber ist 
es derselbe Gedanke: 



I. The** a, I. 

afrrot ^ip o^bQ^e, A&eXcpol, rfiv flcobov 

^fiv vpic ö^äc, ÖTt ou Kcvii fiio\iv HX.4 

irpoTiaeövTcc .... gita^firiciacrfn^eo iv -nji 

fiifi^ ^MÜJV HaX*i<at irpic ü|iflc rd eCiirfT^*">v 



1. Thesi 2, 8. 

ÖEoO, 4U.a Kai Tic taurujv vuxcic, M« 
AiraitriTol fmiv TtT^vnc06. 

I. Thcss 2, 9( M. 

fiwrinovrii6T€ fäp, AitXffoi. tdv küitov 
tUiiDv Kai Täv MÖi9ov; vukt6c TOp' kqI 
im^pac ipToIfSjiEvoi, npd( tö ji^ ^mßapfitat 
■nva lifiuiv, imiP^Eouev elc ünäc tiJ eOarr^ 

otboTC iIjc Iva ?KacTov öfiüiv iljt uaTyip 
T^Kva touToO, TTnpaKa^oOvTEC ö(Mlk Kai itapa- 

1. Thess 2, la 12. 
^eic MdpTvpcc kvI ^ Otöc, ibc fiduuc nai 
biKotiuc Kdl d^d^TTTuic Ciplv Tok mcTcCiauciv 
d-f£Vt^er||i€v . . . . Küi paptupoüpfvoi «(c t4 
iiepnMiT?icaiÖMflt dEfuic ToOeeoO toO koXqöv- 
Toc A^dc tlc Tf)v £auToO ßaciAEJav kqi bcSEav, 

I. Thess 3, 10—11. 
vUKTd<c Kai fj^^pac OnepEKiccpifcoO iiEä- 
MEVoi elc TÖ Cbtiv Cjutlrv ti^ TTpöciuirov, ical 
KarapTicai ^ä ücTtpi\\ia.Ta. Tf|C idcTeiuc ü'^iDv. 
ffiiTiii &f 6 Seit Kai itOTVip ^nüjv Kai 4 «üputc 
*lpiBv 'IhcoCpc XpiCTÖc KaTEuBüvai Ti'iv ÖWv 

immv TtpAt üfiflc. 



Act ao, 18— ji. 

i^MCic ftdcracec. ÄbcA<po(, dird npiirmc 
f|^^pac, dip' f^c iiii^r[V de Tr|V 'Aetav, 
TiilDc MSÖ' 0(iü»' T*v irtivra xpdTwv ^cvd- 

Wiiv BoüKeÖLUv . ü/< o6b£v dnecTciXdtiriv 

xü»v cvfiipipivTWv ToO M^ ivoTTtiXm üi«Cv 
Kol bibdEai .... biciMapTup(i|iEvoc 'loubolotc 
TE Kai 'EUrinvi ttIv c(c töv 6<dv fictd- 
voiav Kol -rricnv k. t. Ik, 

Act 20,24. 
dXX" ofliKvöc AdTo*' noM>öu,ai oiibfi {kui t^v 
iVUxVjv fiou Tiplav £nauTi|i, die TtXeitDcn tAvJ 
fcpÖHOv nov jjerd xapäc, xnl jn'v ^iakov 
f\v ^a0ov TTaptl ToO Kvplou 'IricoO biojittprü- 
pocSai t4 £{)cr(yiXiov rf|C xapiTot to& 8eo0. 

Act zo, 34. 

I afiTol fifvdscKeT£, *Tt xalc XPtlaic |j«w 
ndcoic Kai rok otiav per" £(JoO Äl^lp£TI^ 
cav al x*ipt^ oOTai iicivTa. 

Act 20,3t. 
&ii TP^T*I*E^'*' nvtmovöjftvwc Bti Tpie-' 
xiav vÜKTa Kai ^^^pav oiix ^nauccifinv ^CTd 
SaKpOiuv -vovjfltTÜiv Eva fxa<Tov. 

Ac( 20, (35)26. 

üprfc TTdvTttj iv oTc bif^Wov, Kiip6ccuiv 

rr^> padXelav xoö &*oD- biö wapTÖpoMm öjilv 

ToO orfiaToc TrdvTiuv. 

Act jo, 35. 
Kai v{iv (boö ^-f^ oTba, 6n aÜKin 6\f(x9t 
TÖ npätiunöv MOdtipE^cicdvTEC Verg L auch 
20, 38: AibuvüiMevoi ^dXiCTa iii\ ti|i >>6jHi, 141 

tlpVjK«, ^Tl Q^IK^TI n^ou« to flp^ktflüOV 

aijTaO eeuupctv. 



> Vcigl. hienii weiter Rom 1, 16; diei«c Kapitel war Quelle lu dei Rede Act 17, 
rerf I, onten. 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 



135 



Act 30t 33. 
Tö nveO^a tA dj\ov .... biofiapTÖpCTot 
^ot Sti htCfiA xa) QXivEic ^e )i^vouciv. 

Act 20, 38 — 29. 

irpoc^X€T€ oQv £auTotc ical itovri rC^ nom- 
vl^i, iv if i)^dc t6 TTVEO^a t6 dfiov COero 
^mcKiJ-itouc .... i-pii fip oVm toOto, Bn 
ElcEXeCrcovrai ^ETd ii^v &q>iE(v fiou XfiKOi 
ßapEic etc iniäc k. t. X. 



I. Thesi 3,4. 
Kai fäp 6te TTpdc öfific fpEv, icpocX^o^ev 
ü^tv, 6ti p^XXoMev fiXfßEcOm, KaOtbc xal 

I. Theis 5,13. 
^puiTtL^cv bt iiliäc, d^cXq>o(, ctMvai toüc 
KomOivTac ^v d^Iv, xal itpoICTO^^vouc iiiuSiv 
iv Kupliii Kol vouecToOvrac ö^dc; und dA- 
neben 

I. Tim 4,1 

TÖ ]>£ hvcOmo ^tOlic \ije\, 6-n ^v OcT^poic 
xaipoic ditocrfiöovrai -nvec rf^c ittcTeiuc, 
itpoc^XovTEC nve^i^oct itXdvoic ical bibocxa- 
X(atc &ai^ov{u>v. 

Außerdem hat der Verfasser von Act noch manche Reminiscenzen 
aus anderen paulinischen Briefen mit in seine Darstellung verflochten. 
S. Studien und Kritiken ebendas. S. 120 f. So vergl. Act 20,19 niit 
Eph 4, 2; Act 20, 24 mit 2. Tim 4, 7; Act 20, 32 mit i. Thess 5, 23; 
Rom 16, 25; Eph i, 18. 

Auch eine zweite, besonders originell erscheinende Rede des Paulus 
in Act ist nichts anderes als eine Kombination aus einigen Gedanken 
der Episteln; Pauli Rede in Athen (17, 24 f.) ist größtenteils aus Stellen 
des Römerbriefes komponierL 

Anknüpfend an Altäre, welche den „unbekannten Göttern" gewidmet 
waren, aus denen aber 17, 23 ein unbekannter Gott wird, geht der Redner 
auf diesen „Einen Gott" ein. „Er ist nicht ferne von einem jeglichen 
unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir, als 'auch etUche 
Poeten bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts" (17, 27 — 28). 
Es ist derselbe Grundgedanke, welcher sich Rom ii, 36 findet: Ü ainoO 
Kai fti' aÜTOö, Kai tic aüxöv lä nävro. 

Diesem „unsichtbaren göttlichen Wesen" (Rom i, 20) stellt Paulus 
Rom I, 23 die niedere Auflassung der Heiden entgegen, welche „die 
Herrüchkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild verwandelt haben, 
gleich dem der vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfü&igen 
und der kriechenden Tiere". Ähnlich Act 17, 29: „So wir denn gött- 
lichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich 
den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche 
Gedanken gemacht".' Auch die Folgen dieses gottlosen Tuns sind 



I R5m 1,33. 

ical fjXXi^av Tf|v tx^ov toO dipSdpTov ecoO 
iv bjMViijxan dtcövoc ipeapTOt) dvdpibitou. 



Acta 17,39. 
o6k ötpEtXoMcv vomIZeiv .... xo-P'^^f- 
HOTi T^x^nc Kol ^v6i>Mi'jCEUic 4v6pdniou tö 
eetov ctvat Sfioiov. 



136 



W. Schau, Di« Herkunft <l«r Reden in der Apo&telge&ctiiclite. 



Act 17, 30—31 durchaus Rom 1 — 2 entsprechend geschildert, Anfangs 
hat Gott zwaf ihrer Unwissenheit verziehen^ wie das ähnlich schon 
Act 14. 16 gesagt war,* jetzt aber „gebietet er allen Menschen an alloa 
Enden BuQe zu tun und will Gericht halten lassen durch Clmstus" 
(Act 17, jo^3 1). Es sind das ;a dieselben Gedanken, welche Rom i, rS; 
2,6 — 16 ausführlicher erörtert hat. Nebenbei hat auch Rom 14,9 — 12 
dem Verfasser vorgeschwebt. Zu dem Gedanken (Act 17, 26), daü 
Gott „aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden" dazu 
berufen habe „den Herrn zu suchen und zu finden", bot gleichfalls 
Rom I, 1^—20; 2. 13 — 16 das Material. 

Zu dem Eingangsgedanken, daü Gott nicht in Tempeln wohne vxjn 
Menschenhänden gemacht, ist teils das Wort der Stephanusrede 7, 48 
(bez. 1. Kön 8, 27 und Jes 66, 1) Vorbild, teils der Gedankengang von 

Fs 50. S--! 3- 

Eine andere Epistel hat dem Verfasser von Act die Ang'aben ge- 
boten, welche er bei seiner Schilderung des Apostelkonzils (15, 1 f.) 
verwendet hat. 

Hier sollte soviel für jeden, welcher dem Apostel Paulus den Glauben 
nicht versagt, feststehen, daß seine Erklärungen Gal 2,9 — lO glaubwürdig 
und vollständig sind. Nach ihnen ist dann festzuhalten, daü weder die 
Forderung des Jacobus 1 5, 20 noch das Aposteldekret 1 5, 22 — 29 autlien- 
tjach sein können. Gal 2, 10 läßt eine derartige einschränkende Be- 
stimmung nicht zu. 

Auch das schwankende Betragen des Petrus zu Antiochia, welcher 
erst mit den Heiden ali, dann wieder sich von ihnen absonderte, zeigt 
aufs deutlichste, daß der Satz 15.2g im Aposteidekret nicht gestanden 
haben kann. Denn wozu sich absotidern, wenn die Juden sich aus- 
drücklich mit einer solchen Konzession der Heidenchristen zufrieden erklärt 
hatten? Freilich „die Macht der tatsächjichen Verhältnisse, wie sie in ge- 
mischten Gemeinden sich gestalten mußten, wuchs allerdings dem (ver*- 
meinüichen) jerusalemischen Kompromisse, durch den die Streitfrage mehr 
vertagt als gelöst war. rasch über den Kopf". Bei der Speisegemein- 
schaft stellte sich heraus, dali sie ohne eine gewisse Rücksiclitnahaae 
von beiden Seiten unduichfüiirbar sei. Aber eben daraus, daü so grobe 
Unzuträgtichkeiten bestehen blieben, geht mit Sicherheit hervor, dalÄ 
keine bindenden Abmachungen durch ein Aposteldelcret getroffen 
worden sind. 

■ „Der in Tcrgangencn Zeilen tiit liuien ulle Heiden wandeln ihie eigenen W«ge'' 
(= Pi Sl, 13,». 

9- S* *9»3- 



W. Soltau, Die Herkunft der Re den in der Apostelgeschichte. 137 

Die Reden der Apostel beim Apostelkonzil und das Dekret selbst 
verlieren all und jedes Bedenkliche und Befremdliche, wenn ma.n sie als 
schriftstellerische Produkte ansehen darf, welche — wie die vorhin be- 
handelten Reden — im Anschluß an die paulinische Gedankenwelt in 
seinen Briefen vom Schriftsteller frei komponiert sind. 

Versuchen wir auf diesem Wege, durch Nachweis der Quellen und 
der Herkunft des Aposteldekrets, seine Entstehung zu erklären. 

Es ist zunächst anerkannt,' daß 1$, 5 — 12 mit Benutzung des Galater- 
briefs geschrieben ist. Mit Recht hebt dann aber Spitta hervor, dal^ 
für die weiteren Ausführungen nicht der Galaterbrief, sondern eine andere 
Schrift Quelle gewesen sein müsse. Nur die Personen des Petrus und 
des Jakobus, des Wortführers der Judenchristlichen Partei, waren durch 
den Galaterbrief gegeben. Weiteres nicht Woher entlehnte der Ver- 
fasser von Act das Übrige? 

Abgesehen von dem Citat aus Amos 9, II — Act 15, 16 — 17 und 
dem was Act 10 — 11 erzählt,* kommt da sachlich eigentlich nur noch 
die einschränkende Bestimmung Act 15, 20 und 15, 29 in Betracht Es 
lä&t sich bei ihr aber der Nachweis erbringen, daß diese für ein Dekret 
bedenklichen Sätze den trefflichen Sittenennahnungen des Apostels 
Paulus I. Kor 6. 8. lO — ll entlehnt sind. 

Paulus I. Kor 6,9 und 6, 15 — 20 warnt in eindringlichster Weise 
vor Hurerei und andern geschlechtlichen Verirrungen, wie sie bei den 
Heidenchristen der großen Städte getrieben wurden, i. Kor 8, i f. wendet 
sich gegen die Götzenopfer, namentlich soweit dadurch den Schwachen 
ein Ärgernis bereitet werde, und schließt mit den Worten: „darum, so 
die Speise meinen Bruder äi^ert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, 
auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte" (8,13). 1. Kor 10, 7 f. faßt 
beide Ermahnungen noch einmal zusammen: Werdet auch nicht Ab- 
göttische, gleichwie jener etliche wurden, als geschrieben steht (2. Mose 
20, 3; 32, 6): das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken, und 
stand auf, zu spielen. Auch laßt uns nicht Hurerei treiben, wie etliche 
unter jenen Hurerei trieben", i. Kor 10, 14. 19 — 21 heißt es dann weiter: 
,43arum meine Liebsten, fliehet vor dem Götzendienst . . . Soll ich sagen, 
daß der Götze etwas sei, oder daß das Götzenopfer etwas sei? Aber 



I VergL den Nachweis von Weizsäcker »Du ftpoitolüche Zeitalter der chriitUcben 
Kirche" S. 173 f. nnd Spitta „Die Apostelgeschichte, ihre Quellen und deren geschicht- 
licher Wert" (1891) S. 209- 

' Besonder! vgl. 10, 34—44 in IJ, 7—8; 10, 34 lu 15, 9; 11, 16—17 «1 ^Si ">— »i 

«Si HJ »o. 47—48 »tt IS. >9- 

ZdtKhrifk t d. nenuiL Wüi. Jahre- 'V. 1903. 9 



13» 



W. Solt&u, Die Herkunft der Reden m der Apostelgeschieht«. 




ich sage, daß dte Heiden, was sie opfern, das opfern sie den Teufeln, 
und nicht Gott, Nun will ich nicht, daß ihr in des Teufels Geineinscha.ft 
sein sollt". „Ihr könnt nicht zugleich trinken des Herrn Kelch und der 
Teufel Kelch;' ihr könnt nicht zugleich teilhaftig sein des Herm Tisches 
und der Teufel Tisches". 

Aus diesen Worten und den ScWußermahnungen, weder den Juden 
noch den Griechen ärgerlich zu sein, noch der Gemeine Gottes (10,32), 
formulierte der Bearbeiter der Aposteltaten sein AposteldekreL Histo- 
risch kann dieses schon deshalb nicht sein, weil, wenn es bindende Kraft 
gehabt hätte, die Einschärfung dessen, was Paulus i. Kor 8— 10 hervor- 
hebt, gegenstandslos und überflüssig gewesen wäre. 

Übrigens lassen sich auch sonst noch in manchen Reden von Acta 
Remini scenzen an paulinische Briefe nachweisen. 

Merkwürdig ist vor allem. daJi Petrus in seiner Rede 10. 34 — 35 
sich wohl an Gal 2,6, sicherlich aber auch an Rom 2,6 — 13 gehalten 
hat. Iß 10, 36 — 37 schlieÜt sich Petrus an Rom 9. 4 — 5 an. Ebenso 
kann nicht geleugnet werden, daß Act 3, 25 die Kinder der Propheten 
und des Bundes, wie in der eben genannten Stelle Rom 9, 4 — 5 ver- 
standen sind. Ebendaselbst ist, wie Holt^mann, Handbommertar S. 338 
treffend hervorhebt, Gen 22, 8 wie Gal 3, 18 zitiert, das cirepMa wie 
Gal 3, 16 auf Christus bezogen, also auch hier der Einfluli des Galater- 
briefes unleugbar. In der Rede des Paulus vor Agrippa schwebten dem 
Verfasser sicherlich (vergl. Act 2Ö, 23) neben Kol 1, 18. i. Kor 15. 20 
vor. Acta 26, 18 spielt auf Eph i, 11 an. Auch dürfte die Petrusrede 
Act 10, 42^ — 43 schwerlich ohne Berücksichtigunig von 2. Tim 4, I 
geschrieben sein. 

Daü dabei dann noch einzelne Psalmen- und Prophetenstellen mit 
verwandt sind, ist kaum besonders bemerkenswert und sei liier nur kurz 
erwähnt. So 4, 25—26 = P& 2, 1—2,= 3, 30 = Jes 35, lo; Dan 7, 22. 27. 

2. 

Wenden wir uns jetzt zu den groüen Reden, welche auf den Bericht 
von Pauli Bekehrung und die mit ihr — wenn auch nicht ursprünglich — 

1 So erkiärt sich das besond-ere Verbot da* Blut der Opfertiere iu irinken, wie d^s 
bei den hciditischcn OpfcrmaU/dten üblich war. Den Joden war dickes bekanntUcb 
aiutöOig, da nach ilirer Anticht „du Blul die SeeU" war. WeBhaib der Veri. hier dm 
«VtXt^V noch besonders hervorhebt, ist weniger klar, d'ocll w-irJ aticli die»es ja 3. Mos 17, 
welch« die Grundlage dieser ganien jüdiachen Gesetiesordnung ieC (»gl. 17, 15), •.ui- 
drüflklich »erboten. — Es verdieht ilbfi^cns bomeil;t m werden, d^li D and aaden 
Codices beidemal (so u, 29) das i[vikt6v übei^hen, Auch zi, zj fehlt duselbe. 

' Pstdm 2, 7 wwd direkt LJtjert 13,33. 



ä 




W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apos telgeschichte 1 39 

so doch jedenfalls schon eine Zeh lang vorher verbundenen Stephanus- 
episode zurückgehen. Es sind 22,3—16 und 26,9—18, sowie 13, 8 f. 

Wer die Qualität der Reden mißachtend in jeder kleinen Variante 
zwischen 22, 3 — 16; 26, 9 — 18 und der Erzählung 9, i — 22 einen origi- 
nalen Bestandteil sieht, der, aber auch nur der, kann hier verkennen, 
daß alle drei Schilderungen auf einen gemeinsamen Grundbericht zurück- 
gehen. Es wäre eine wahre Afterweisheit, noch andersartige Quellen fUr 
22, 3 f. und 26, 9 f. anzunehmen. ' Es mag sein, daß der Bericht von 
Pauli Vision 22, 9 und 26, 14 das Original genauer wiedeigibt als 9, i f. 
Auch ist es möglich, wenn auch nicht gerade wahrscheinlich, daß die 
Stimme, welche Paulus vernommen hatte, außer den Worten 9, 4 — 22, 7 
— 26, 14 und den Worten ft 5 — 22, 8 — 26, 14—15 auch die Worte 
26, 16 — 18 gesprochen hat" Aber jeder in Quellenkritik nur etwas 
bewanderte Forscher wird zugestehen müssen, daß diese drei Berichte 
auf einen gemeinsamen Quellbericht zurückgehen, der nicht etwa von 
dem letzten Bearbeiter frei erfunden oder gedächtnismäßig wiedererzählt 
ist, sondern demselben bereits schriftlich fixiert voriag. 

Daß dieser Bericht auch schon die Tötung des Stephanus enthielt 
ist augenscheinlich. 9, i knüpft ja unmittelbar an 8, 4 an, und nimmt 
den Gedanken von 8, 3 wieder auf. Aber diese Annahme ist auch ge- 
boten durch die mehrfachen Hinweise hierauf in Act 22 und 26. So 
vergL zu 22, 4: 8, 3 — zu 22, 20: 7, 583 — zu 26, 9—12: 8, i. 

In einigen Einzelheiten verrät sich sogar eine Vertrautheit mit 
Wendungen der Stephanusrede. Stephanus redet das Synedrium zweck- 
entsprechend an (7, 2): dfvttpec dbeXqwt xal Tcorlpcc; die gleiche Anrede 
22, I dvt)pec äbeXqioi Kai -naiip^c ist den wütenden Juden gegenüber 
gewiß weit weniger am Platze. Wie Stephanus 7, 35 — 38 und 44 sich 
in letzter Instanz auf Moses bezieht, so 26, 22, trotzdem der Inhalt von 
26, 23 nicht in den Büchern Mose zu finden ist. 

Aber die Stephanusrede ist auch das Vorbild von Pauli Rede 13, 15 f. 
gewesen. 

I So nnpranglich von Meyer in (einem KoounentAr angenommen. 

■ Übrigens ist zn beachten, daß (vgl. Wendt in der £earbeitimg deuelben 
Kommentars^ die Rede in K. 23 recht geoan mit K. 9 fibereinstimmt 9, 1 — 6 — a 33, 3—8; 
9, 8— 10 — aa, lot; 9, 15 f. — 32, ist; 9, uff.; 17 — 19 fehlen in 32, 11—13. Wenn aber 
26,16 — 18 betont, daß Paulo* ganz besonders zmn Diener tmd Zeugen berufen sei, so 
konnte der Verfasser dieses wohl nach Gal 1,12; 1, 16; i. Kor 9,1; 15,5 c einsetzen. 
Auch schwebte ihm bei 26, 18 wohl Eph I, iS f. vor. Damit ededigen sich auch die 
an sich achar&innigen Versuche von Jüngst (Die Quellen der Apostelgeschichte 1895 
S. Sit), die Benutzung noch einer zweiten Quelle wahrscheinlich zu machen. 

3 Falls 7>5E( echt ist Du ist wegen 22, i8fr. nicht zu bezweifeln. 

9* 



140 



W. Soltau, Die Herktuift der Redtm in der Aposiclgcschichte. 




Der theologische Standpunkt des Verfassers dieser Rede ist zwar 
ein völlig anderer als derjenige der Stephan usrede. Nichtsdestoweniger 
aber ist Jener bestrebt gewesen, in Gang und Disposition die Stephanus" 
rede nachzuahmen. Die Rede des Paulus sollte offenbar ein Gegenstück 
zu der des Stephanus sein. 

Die Stephanusrede legt die wunderbare Erfüllung der Verheißung«i 
dar, wdche Gott dem Volke Israel halte zu tefl. werden lassen, und 
stellt ihr die Halsstanigkcit von Israel gegenüber. Sie begann mit 
Abraham, ging dann auf Jakob und Joseph, auf Moses in Ag>'pt€ii und 
beim Sinai ein, sie hob die Tätigkeit von David und Salomo hervor, um 
dann zum Schluß die Verwerfung des Heils, das dem Volke Israel durch 
Jesus geworden, zu tadeln. In diesem geschichtlichen Rückblick ahmt 
sie die Rede des Paulus 13, 16 — 22 zweifellos nach. Natürlich 
bietet diese auch einige originelle Angaben;' so gedenkt sie der sieben 
Volker Kanaans, die vertilgt worden waren, während 7,45 nur kurz ihre 
, Ausstöiiung- erwähnt war, sie erwähnt die 450 Jahre der Richterzeit u. a. m. 
Aber nachdem diese 13, 24 — 25 noch einige Rcrainiscenzen aus Lc 
j, 16 sowie 13, 28 — 32 aus Lc 23 — 24 gebracht und einige Gedanken 
(13,33 — 37) aus der Petrusrede 2, 30 — 34 reproduziert hat, endigt Paulus 
wie die Stephanusrede: 13, 40 — 4t = 7. 51 — 52.' 



Während es sich so herausgestellt hat. daß die meisten paulinischeti 
Reden in Acta freier gestaltete Erzeugnisse des Bearbeiters sind, welche 
er teils nach den pauUnischen Briefen, teils nach dem ihm vorliegenden 
Bericht von Pauli Hekelirung (PB), ausgearbeitet hat, verdient daneben 
noch hervorgehoben zu werden, wenn es auch manchem selbstverständlich 
zu sein scheint, daß diese Reden natürlich die Existenz eines älteren 
Reiseberichts zur Voraussetzung haben. Es klingt banal, wenn betont 
wird, daß der Verfasser von Act, wenn er Reden des Paulus zu Anti- 
ochia (13, 15 f.), zu Atlien (17), zu Milet (30) und zu Jerusalem (22 — 26) 
eingeschoben 'hat. einen entsprechenden Bericht über die Reisen des 
Apostels vorgefunden haben muß. Gleichwohl ist dies nicht un- 
wesentlich; denn diese Beobachtung führt noch zur Aufdeckung der 
Herkunft einiger anderer rhetorischer Elemente und Reden, welche auf 
den Erfindungen des Bearbeiters, nicht den Erlebnissen des apostolischen 

t PKTAuf legt BeÜigc „Die r&oünischeii Reden" S. zo über Gebü}Li GcwictiL 
f Auch die kune RcJc des Petrus 10, 34—43 gib! denseilben GrondjeiUnlteii von 
13, 36— 4J wieder, Ahmt aber im Anfang Rä™ 2, 6—13 oBck 



*i 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 141 

Reisebegleiters beruhen. So war es ja augenscheinlich, daß derjenige 
Autor, welcher nach den Angaben des i. Korintherbriefs das Apostel- 
dekret zusammengestellt hatte, auch mit Zuhilfenahme von Gal 2, 9 die 
voraufgehenden Reden des Petrus und Jacobus ausgeführt hat Der 
Brief des Claudius Lysias an Felix (23, 26 f.) ist so lediglich nach den 
voraufgehenden Angaben des Kapitels (23) zusammengestellt. Wenn 
die Verteidigungsrede des Paulus 24, 10 — 21, nach Analogie der übrigen 
Reden, ein Produkt des Bearbeiters ist,^ so auch die Anklagerede des 
Tertullus 24 2 — 8. Jene enthält die üblichen für Paulus wenig passen- 
den Beteuemngen (vergl. 23, 6 f.; 26, 4 — 8), daß er eigentlich nichts 
anderes als ein rechtgläubiger Jude sei, diese aber nur eine mit Höflich- 
keitsphrasen ausgestattete Wiedergabe des 21, 28 erzählten Tatbestandes. 
Auch 25, 14 — 21 ist nur eine Paraphrase des vorher Erzählten, 21, 36 — ^40 
eine wiederholende Ausmalung des 22, 25 — 30 Erwähnten. 

Kommen diese Einlagen in Wegfall, d. h. also: and 21, 36 — 40;* 

22, i~2ij 23, 25 — 30; 24, 3 — 21; 25, 14 — 21; 26, 2—23 nur Zutaten des 
letzten Bearbeiters von Act, so tritt auch hier der Reisebericht in 
seinen kurzen sachgemäßen Schilderungen deutlich zu Tage. So ist 
24, 24 — 25, 13; 25, 23 — 27 d. h. also die drei Kapitel 24 — 26 nach Abzug 
der Reden und der sonstigen rhetorischen Überarbeitungen mit Sicher- 
heit als ein originales Stück des Wir-Berichts aufzufassen, ebenso 

23, II — 24. Bei Eliminiening von Paulus' Verteidigungsrede fallen ferner 
die 21, 30 — 39 und 22, 23 — 29 erzählten Vorgänge in eins zusammen, äe 
sind nur verschiedene Ausmalungen des gleichen Originalbericbts. Und 
endlich ist 22, 30 — 23, 10 eine Schilderung höchst zweifelhafter Art, 
welche des Paulus Verteidigung vor der jüdischen Obrigkeit darstellen 
wollte, dabei aber ein völlig unhistorisches Gerichtsgemälde gab. Denn, 
wie 24, 1 f. zeigt, nicht der Hohepriester, sondern der Frokurator hatte 
zu Gericht zu sitzen. Abgesehen von der Erzählung von Pauli Be- 
kehrung sind es also lediglich Elemente des Wir-Berichts, welche dem 
Verfasser den Stoff zu seinen rhetorischen Schilderungen über Pauli 
Erlebnisse in Jerusalem geboten haben. ^ 

Damit wird dem oben S. 3 gewonnenen Resultat über die Aus- 
dehnung des Wir-Berichts eine erwünschte Bestätigung zu teil. Nach 



' VgL daiu die ReminiBcenien (24, 11—12; 17—18) >,□■ 3i, aif. 

> Dieie kunen Worte dienen nur cur EinflUmii^ der folgenden Rede. 

i Auch die kurze Ansprache des Fanlus an die Römer 28,17—20 gehört hierher. 
28,17 <li>d 28,30 beruht Auf 33,1 und 33,6, der Rest gibt die Angaben von 33, 25 & 
und 2j, II — 13 wieder. 



14* 



W. Soltau. Die Herlcunft der Reden in der Apostelgeschichte. 



Abzug der Reden und einiger rhetorischer Einlagen bleiben nur die 
kurien sachlichen Angaben übrig, welche schon a priori, d. h. aus der 
Bescliaflenheit des Wir-ßerichtes diesem zugewiesen werden dürften 
(31, 27—301 22,23—29; 23,11—24; 23.32—35; 34,24—25. 13; 25,23—27). 

Sie sind olmehin, wie oben bemerkt ward, der Art, daÜ ae nur von 
einem Augenzeugen, der Paulus nahe stand, herrühren können. 

Sie müssen also aus drei Gründen dem Wir-Bericht zugesellt werden:. 
Sic sind: 

1. das Substrat und der Ausgangspunkt der rhetorischen Ejnlagen, 

2. sie rühren von einem Augenzeugen her, und 

3. sind in jeder Hinsicht dem Wir-Bericht verwandt 
DaÜ auch die zu den Reden Anlaß gebenden Erzählungen über die 

sonstigen Missionsreisen dem Bearbeiter von Act vorgelegen haben 
müssen, ist klar. Wer 13, 15 — 41 einlegte, mußte die voraufgehende 
Erzählung (13,1—14) vorgefunden haben. Ebenso muH der Verfasser 
von Act, als er Pauli Rede in Athen und seine Abscliiedsworte an die 
Epheser zusammenstellte, schon Act 17, 1 — 15: 20, i— 16 vorgefunden haben. 

Es steht somit fest, daß die Angaben über die Missionsreisen 
13—14; 15,35—4"; 17. 1— "5; 18,1—23; 19.9—22 schon mit zu dem 
Quellbercht des Verfassers gehört haben. Aber im einaelnen ist hier 
die Abgrenzung zwischen Quelle und Zusätzen des Verfassers von Act 
schwer zu treffen. 

Negativ wird allerdings soviel festgestellt werden können, daO die 
anekdotenhaften Einlagen wie 16. r — 5; 18,24 — ig. 8. sowie auch die 
Schilderung des Aiifstandes in Ephesus 19, 23 — 20, i nicht in den kurzen 
Retsenotizen gestanden haben können. Hier liat die Detailforschung im 
einzelnen noch manches nachzutragen. 



Eine Bestätigung dieser Beobachtung, daÜ, wie der Wir-Bericht, so 
die Stcphanusepisode bereits Quellen des Bearbeiters der Aposteltaten 
gewesen sind, somit einer sehr viel früheren Zeit angehören, wird g-e- 
wonnen durch die Beachtung zweier anderer Tatsachen, nämlich: 

1. der 3. Evangelist hat bei der Behandlung des ihm überlieferten 
Evangelienstoffes nachweislich nicht nur den Wir-Bericht, sondern auch 
die Stcphanusepisode gekannt und als Quelle benutzt, und 

2. derselbe Evangelist hat an der Stephanuserzählung auf Grund 
dej Evangeliums Abänderungen vorgenommen. 

Daß Paulus vor der römischen Obrigkeit und vor Herodes hatte 



I 



\V. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 143 

Rede stehen müssen (so der Wir-Bericht), veranlaßte den 3, Evangelisten 
und zuerst ihn, auch 23, 6 — 16 ein Gleiches von Jesu anzunehmen. 

Ganz besonders beweiskräftig aber sind die Korrekturen, welche 
Lucas auf Grund von 7, 58 vorgenommen hat. Lc 23 tilgte die für 
den Weltenheiland weniger passenden Worte Mc 15, 34 (Mein Gott, 
mein Gott, warum hast du mich verlassen?) und setzte dafiirein: „Vater, 
vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", was genau dem letzten 
Worte des Stephanus Act 7, 5g entspricht Außerdem aber schob der 
Evangelist 23, 46 ein, entsprechend den Worten des Stephanus 7, 59. 
„Und als er das gesagt, verschied er", heißt es Lc 23, 46 wie Act 7, 6a ' 

Daß aber nicht nur der letzte Redaktor, sondern sogar schon der 
Evangelist Lucas den Stephanusbericht genau gekannt hat, zeigt der 
bemerkenswerte Umstand, daß der Evangelist die von Mc 14, 56 — 59 
und Mt 26, 59 — 66 berichtete Anklage der Zeugen im Evangelium 
22,66 übergangen und sie dafür Act 6,11 — 13 eingesetzt hat. Die 
Auslassung dort und der Einschub hier verrät unzweifelhaft dieselbe 
Hand. Lucas hat also, um die ihm bereits vorliegende Rede „passend"* 
einzuführen, Gedanken aus dem Marcus-Bericht entlehnt und sie dafür 
im Evangelium ausgelassen; its introduction here (Act 6,11 — 7,1; 
7. 55—58) cannot be independent of that of the trial of Jesus, sagt 
Wisner Bacon unstreitig mit Recht. 

Dieser Tatbestand raubt der Zwei-Quellen-Theorie jede Stutze. 

Gerade hier, wo sie Spuren einer zweifachen Version (z. B. 6, 1 1 
und 6, 13) zu besitzen glaubte, ist in Wahrheit niu- ein Bericht anzu- 
nehmen. Die Bestandteile des vermeintlichen zweiten Berichts sind 
lediglich Korrekturen, welche Lucas in die ihm vorliegende Stephanus- 
episode eingetragen hat;3 daß dieselben so wenig geschickt ausgefallen 
and, ist allerdings bedauerlich, aber doch mehr als erkläriich. Der 
Wortlaut der Rede sagte so wenig gegen Mose und gegen das Gesetz, 
daß Lucas vorher (6, 13), wie nachher (7, 57) die Farben etwas stärker 
aufb-agen mußte, was ihm denn auch mit Hilfe der falschen 2^ugen 
wenigstens äußerlich gelungen ist. 



' Act 7, 58: KOpie 'IqcoO, bäai t6 irvcO^d )iou . . . . Kai toOto dmliv ^coi^^Or). 
Lc 33, 46: itdxip, de xdpdc cou napa-rlfic^ai x6 nveOMd fiov. toOto bi clmbv äi' 
-irvcucEV. Selbst die Änderungen de> Lnku sind chwralcteristisch. Er Bcttt das bt ein nnd 
TcrwAndelt das christliche ^KOifii'tßri in den gewöhnlichen griechischen Ausdruck ^itveuce. 

1 d. h. in Wahrbdt liemlich unpassend, vit Wisner Bacon „Stephen's Speech; its 
argtiment and doctrinal relationship" S. 215 (biblical and semitic studies) nachweist 

3 Daß auch die viel bedenklichere Kombination von Pauli Verfolgung mit Stephanus' 
Tod das Werk des Lucas war, zeigte Mommsen, Zeitschr. f. d. Neutest. Wiss. II, 96. 



M4 



W. Soltau. CNe Hcafcuaft der Reden in do Apostdgesdtidtte. 



5- 

Eine Bestätiguag des Ergebnisses, daß die Stephanosrede oicbt voa 
dem Bearbeiter von Act herrührt, vielmehr sicberiich zu seinen Qudl^ 
gehört hat, ergibt Steh nicht ßur aus ihrer Sprache {$. S. 3), saDden 
auch aus Utrem InhaJL Nach dieser Richtung hin bietet sie sogar ganz 
'eigentümliche Auffassungen über den Wert des Alten Testaments, ific 
ucheriich weder paulinisch noch lukanisch and. 

Treffend hat diese Eigenart der Stephanusrede Benjamin Wtsner 
Bacon „Slepben's speech: its ai^ment and doctiinal relatjonship' er- 
kannt und dargelegt. N'ach ihm ist diese Rede ein deutliches Exempet 
, alexandriflischer Weisheit. Bacon zeigt zuerst (S. 230), dab Steplumus* 
Rede in den Punkten, in welchen sie von der Tradition de& alten Testa- 
ments abweicht, mit Schriften Philos ubereinstinmit oder sich mit den 
Angaben von spätjüdischen Schriften alexandrinischen Charakters berührL* 
Darauf hin weist auch (vgl. ebendaseSbst S. 231 — 236) der Stil and ifie 
Phraseologie: sie ist in dem Hellenistisch - Griechisch geschrieben, 
welches, nach dem Modell der LXX gebildet, dem aiexandiinischea 
Griechisch entspricht, verwandt ist mit der Redeweise von Pseudo- 
Bamabas, dem Hebräerbrief und den KJeoientinen. 

Wahrend Paulus die wörtliche Geltung des Alten Testaments hoch- 
hält bis auf die Zeit, da der alte Bund durch den neuen Bund ersetzt 
ward, geht die Stephanusrede von der alexandrinischen Theorie aus, 
dali alle Angaben der Schrift typischen Wert, einen vorbiidlichea und 
sinnbildlichen Charakter an sich tragen.' 

Drei Haupt- und Grundleliren galt es in ihrer fortdauernden und 
ewigen Bedeutung zu erfassen: die Verheißung Abrahams, das durch 
Mose gegebene Gesetz und den Tempel als Mittelpunkt des jüdischen 
ReligiOAäsystems. Alle drei hatten für den Christen nur eine liistorische 
Bedcutimg. Wollte man trotzdem das Kunststück fertig bringen und 
diese Grundlehren der Offenbarung auch für die Cluisten verwcrteci, so 
muliten die Weissagung Abrahams, Moses' Gesetzgebung, der Tempel- 
dienst eine andere, eine „tiefere" Bedeutung erbalten, d. i. eine Um- 
deutung erfahren, welche ihnen einen anderen Sinn als den ursprünglichen 
unterlegte. 



■ So kommt du „rote" Meer niclit io Ei 2, 14 vor, woh! »bcr in der „Weiilieit 
Sklontonii" io,l&; 19.7 und Hebr 11,29, ^^^- >" "^'^ lusumptia Mus j, 10. 

* Kiamchfcld nGcduJcengong der Rede des Stcpliuiiu" in Studien omi Kritiken 
1900 S. S4I f- iiAt diese Seile der Rede ta wenig erksunt. 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 145 

Es kann nach Bacons Ausführungen nicht zweifelhaft sein, da& der 
eigentliche Verfasser der Stcphanusrede an einen derartigen geistigen 
Inhalt der alten Weissagungen geglaubt hat. 

Der Bund der Beschneidiing, den Gott mit Abraham gemacht hatte, 
sicherte den Juden das heilige Land zu. Der Redner denkt aber, wie 
seine Kombination von l. Mos 15, I3f. mit 2. Mos 3, 12 in Act 7, 6f. 
zeigt, weniger an das gelobte Land selbst, als vielmehr an die Erlösung 
aus der Knechtschaft der Gesetzesgerechtigkeit und die Zufuhrung zum 
wahren Gottesdienst (Act 7, 7 Kai Xarpeiicouci jiot iv tüj tötti^j touti|j). 

Paulus' Ansicht von der KXnpovofila basiert auf i. Mos 1,26 — 28 
und I. Mos 12, 3 f. Er sah hierin Weissagui^en, die über den Judais- 
mus hinausgingen. Christus ist ihm der zweite Adam, der als solcher 
die bisher verboi^enen Absichten, welche Gott bei der Schöpfung gehabt 
hatte, erst zur wahren Erfüllung gebracht und somit das Gesetz anti- 
quiert hatte. Der Verfasser der Stephanusrede dagegen legt überall 
dem buchstäblichen Inhalt einen spiritualistischen Sinn unter: nicht die 
Knechtschaft in Ägypten ist ihm das Bedeutut^svoUe, sondern die 
Knechtschaft unter der Sünde, wie schon vorher nicht der Besitz von 
Kanaan, sondern der Besitz der wahren Seligkeit ihm das Wesentliche 
zu sein schien. 

Ähnlich steht es mit der Deutung des mosaischen Gesetzes und 
des Tempeidienstes. Der Messias ist ftir den Redner der zweite Moses 
(Act 7,35 — 37).' Act 7, 38 f. stellt ganz unverfroren die Ansicht auf, 
Mose habe das „lebendige Gesetz" XÖtm tvjvca gegeben. Indirekt wird 
damit das geschriebene Gesetz der Juden als antiquiert erklärt und 
durch das lebendige Wort ersetzt, wobei dann der Übei^ang auf den 
zweiten Mose und seine Worte des Lebens leicht war. 

Auch hinsichtlich des Tempels stellt der Redner den wahren Gottes- 
dienst, wie David ihn eingesetzt hatte, da er Gott bat, „daü er eine 
Hütte finden möchte dem Gott Jakobs", dem besonderen Tempeldienst 
gegenüber; gegen den letzteren wandte sich dann Act ?,4&{. mit ge- 
bührender Schärfe. 

Der Autor dieser Rede war also weder Lucas noch sonst ein Fauliner, 
am allerwenigsten aber der letzte Redaktor der Aposteldenkwürdigkeiten. 
Es war ein Hellenist (6, 9), ein Alexandriner, welcher in gelehrter Weise 
eine Umdeutung der jüdischen Grundbegriffe im christlichen Sinne 



I Ähnlich auch Act 3, 19—261 während diese Aiuchaiiiuig sonst dem gtLnsea 
NT (mit Ausnahme etva voa Joh 5, 46; 6, 14}, sicherlich »ber dem Panlns fremd ist 



146 W. SoltBu, Die Herkunft der Reden in der Apostelgesdiichte. 

versuchte. Um die Ideen des „Hellenisten" Stephanus anschaulich dar- 
zustellen, bediente sich Lucas dieser Ausführungen eines jenem geistes- 
verwandten Alexandriners (Bamabas?). 

Um so sicherer ist es also, daß diese auch sprachlich ganz ab> 
weichende Stephanusrede nicht ein Produkt des Lucas ist, sondern zu 
dem ihm vorliegenden Quellenmaterial gehört hat, das er voll Hoch- 
achtung vor der Überlieferung meist wörtlich beibehielt 

6. 

Nachdem wir so den eigenartigen theologischen Standpunkt des 
Verfassers der Stephanusrede festgestellt haben, wollen wir kurz ihren 
Gedankengang wiedergeben. Es wird sich zeigen lassen, dafi derselbe 
— losgelöst von der Umgebung — ein sehr einfacher und verständ- 
licher ist* 

Wer von der Einführung der Stephanusrede in 6, 1 1 f. und von 
ihrem Epilog 7, 54 f. absieht, wer nur die Rede für sich betrachtet, der 
muQ zugestehen, daß sie von 7, 2 — 7, 46 einen einheitlichen Charakter 
an sich trägt und daß in dieser Darlegung von einer Beleidigung der 
israelitischen Religion, von einer Beschimpfung von Gott und Moses (6, 1 1) 
nicht das Geringste enthalten ist. 

Ganz offenbar bilden einen der Hauptbestandteile der ganzen Rede 
die Weissagungen Gottes über seine Absichten mit Israel und die 
wunderbare Verwirklichung dieses Heilsplans. 7, 3 verheißt Gott Abraham 
und seinem Samen ein Land, in dem er nicht wohnte, von dem er auch 
später noch, als er dorthin gezogen war, keinen Fuß breit Landes besaß, 
ja dies alles, bevor Abraham einen Sohn hatte. 7, 6—y enthält die 
Verkündigung, daß Abrahams Same ein Fremdling sein solle in einem 
fremden Lande 400 Jahre lang und dann wunderbar errettet werden 
solle, um in Kanaan Gott zu dienen. Diese Verheißungen an Abraham, 
bekräftigt durch den Bund der Beschneidung (7, S), sind, so befremdend 
sie auch waren, wie der Redner zeigt, dennoch treulich in Erfüllung 
gegangen. Abraham glaubte ihnen und Gott hat sein Wort gehalten. 
Joseph wurde wunderbar errettet, denn „Gott war mit ihm" (7, 9). Fast 
noch erstaunlicher war weiter die Rettung des Moses, der von seinem 

> Ober die lahlreichen Erklärungsversuche vgL die Kommentare. Von neneren 
Arbeiten ist die oben ratterte von Kr&niclifeld lu TCrgleichen. Die TOranfgebende 
ErSrtening zeigt, weshalb ich mich gegen eine Zweiteilung der Rede (nach dem Master 
Tttn Jüngst) erklären mnlJte. 



W. Soltau, Die Her kunft der Reden in der Apostelgeschichte. 147 

Volke verkannt war, der einer besonderen Offenbarung auf dem Berge 
Sinai gewürdigt war, der sein Volk aus Ägypten geführt und errettet 
hatte. Ja trotz aller Abgötterei ward die Mose gegebene Offenbarung 
von der Stiftshütte („dafi er sie machen solle nach dem Vorbilde, das 
er gesehen hatte" 7, 44) Jahrhunderte später zur Wirklichkeit 

Erst nach der Erwähnung Davids (7, 46) bricht die theoretische 
Erörterung plötzlich ab,^ um ziemlich unvermittelt den Unglauben der 
Juden zu tadeln, welcher sie dazu geführt hatte, die Propheten und Jesum 
zu verfolgen. 

Der Hauptgedanke der Rede ist also der: Gottes Weissagungen sind 
dunkel, aber der Gläubige wird ihre wunderbare Bestätigung erleben. 
Aller Unglaube ist töricht. Es gilt nur das rechte Verständnis für die 
Offenbarungen zu gewinnen, deren Wahrheit die Zeit offenbar macht. 

Allerdings könnte man versucht sein, bei der vorher nachgewiesenen 
eigenartigen Stellung, welche der dem Alexandrinismus ergebene Ver- 
fasser zu der Überlieferung einnimmt, in diesen mehr versteckt gehaltenen 
Anspielungen den Hauptzweck der Rede zu finden; doch nicht mit 
Recht. 

Es ist zwar (wie erwähnt ward) sehr wahrscheinlich, daß der Redner 
bei der Schilderung, wie Joseph von seinen Brüdern verkauft ward, auch 
und ganz besonders daran gedacht hat, wie später Jesus von den Seinen 
verkannt und verraten worden war. Aber gesagt hat er nichts davon. 
Auch ist es ebenfalls wahrscheinlich, daß der Redner das von Mose Gesagte 
typisch auf den Messias angewandt wissen wollte. Er deutet dieses 
sogar leicht an in den Worten 7, 35 „diesen Moses sandte Gott zu einem 
Obersten und Erlöser durch die Hand des EJigels, der ihm im Busch 
erschienen war". Aber damit ist diese Idee doch noch nicht ein be- 
sonders wesentlicher Bestandteil der Rede geworden. Mag femer 
immerhin der Redner selbst mehr Gewicht gelegt haben auf den „tieferen 
Sinn" der Weissagungen, als auf ihren äußeren Wortlaut: sicher ist, daß 
bei seinen Worten doch stets vor allem das in Betracht kommen mu&, 
was sie sagen, nicht was sie nicht sagen. Ganz gewiß war endlich die 
Stiftshütte ein Typus fiir das Wohnen Gottes im Volke Israel (Ex 33, i f.) 
und das um so mehr, als 7, 44 hervorhebt, sie sei kotä töv TÖtrov Bv 
iiup&xa (Mujucflc) gemacht, und y; 46 von David bildlich sagt ^Tl^caTO 
eöpeiv CKnvujpa tiji Seiji 'taxdip. Aber in der Stephanusrede 7, 44 — 46 
hat die Erwähnung derselben zunächst nur den Zwecl^ daß sie betonen 

' Schon 7, 47 gehört so, wie es da steht, nicht in den Znsammenhuig. Erst der 
Schlnfl 7, 51—52 lenkt auf das Htuiptthema der Rede wieder ein. 



«48 



Vi. SoltSB, Die Hcifa^ dct Reden in der 



soU, die Israeliten sdcn eist damals in das gelobte Land gekooiiiie^ 
und xwar als ErTuIlung der Weissaguugeo, die Abraham (7, 7 — S; 17) 
XU Teä geworden waren. 

Zweifellos «rsehen wir also aus den Fiw*^ni»*»*ti der DarsCcUung 

Ewar soviel dafi der Verfasser ein Hellenist etn akxandriiüscber Quist 

ist. Aber ^dicseo seioen Alexaadzioismus dafzdl^co iffid Propaganda 

< ftir thn zu machen, war mcbt der e^aitliche Zweck seiner Ausfühningea 

und es wäre daher verkehrt, diese nur xur Chaiakteiistik seiner Beweis- 

'fidming bedeutsamco, aber materidl Dcbensächficbeo Seiten der Rede 

'zur Hauptsache zu machen. 

Ganz anders verhält es sich mit einem ajidesen Teile der Rede^ 
der gleichfalls nur kuir angedeutet ist, der aber doch als eine wesent- 
liche Wciterfühniag des Haupt|^edankenä nicht anbeachtet bleiben darC 
Ich meine mit jenem Hinweise auf den Messias. 

Die ganze Rede sollte den He3splan Gottes mit Israel darlegen und 
hatte nur dann einen Abschluß, wenn aus der Erfüllung der früheren 
Weissagungen gefolgert wurde, daO auch die weiteren und bedeutendsten 
Weissagungen, welche auf „die Zukunft dieses Gerechten" (7, 52) hin- 
wiesen, in Erfüllung gehen würden oder bereits gegangen seico. 

In der Tat enthalten auch $chon vorher einige der bedeuteai 
Stellen der Rede Hinweisungen auf einen solchen Abschluß der Bewet»- 
' liihiung. Vor aUen Dingen ist natürlich 7, 37 zu nennen. ».Dies ist 
Moses, der zu den Kindern Israel gesagt hat: Einen Propheten wird 
euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern, gleich wie 
mich, den sollt ihr hören." KCt dem letzten Hinweis gewinnen aber 
auch die Weite 7, 35 , die Moses als Obersten und Eriöser bezeichnen, 
ihre eigenartige Bedeutung. Jesus ist als Messias ein zweiter Moses und 
Erloser. Wie Moses Israel aus Ägypten erlöst hat, so wird der große 
Prophet, auf den Moses hingewiesen hat, Israel von allem Übel erlösen. 

Diesen Zweck der Rede anerkennen, heitt aber zugleich zugestehen, 
daß gerade diese letzten Gedanken und bedeutsamsten ScliluBfolgerungen 
sehr zu kurz gekommen sind und ofienbar in der voUständigeo Rede, 
ausfitlirlicher gestanden haben müssen. 

7- 
Somit ist folgendes Urteil über die Stephan usepisode zu fallea: 
Der Inhalt der Rede, die an den meisten Stellen unberührt von 
der späteren Bearbeitung geblieben ist. war der Art, daß ac selbst 
in itrengercn Judenkreisen keinen schlimmen Anstoß erregen konnte. 



I hin- 

idsta^l 
;wets-^V 





W. Soltau, Die Herkunft der Reden ia der Apostelgeschichte. i4(> 



I 



I 



Die Rede war mit nichten „wider Moses und wider Gott" (Act 6, u) 
gerichtet, sondern gerade unng-ekelirt ein gewaltiges Dokument für Gott 
und für Moses. Sie behandelte die Hauptepochen des göttlichen Waltens 
in der Geschichte des Volkes Israel. Die wunderbaren Verhei&ungen, 
welche Abraham zu Teil geworden waren (7, 3; 5^-7), der Bund der 
Beschneidung (7, 8), die Errettung Joseph's aus aller Trübsal (7. 10) und 
das Nahen „der Zeit der Verheißung, die Gott Abraham geschworen, 
hatte" (7, 17), enthalten auch nicht das Geringste, was ein streng 
jüdisches Gemiit beleidigen konnte. Sie sind die vollkommenste Ver- 
herrlichung des Judentums. Selbst wenn man in AnsclJag bringen. 
möchte, da& der Redner zu Anfang eine captatio benevolentiae erstrebt 
hätte, könnte doch nicht bei einer solchen Lobrede auf die Entwickelung 
der älteren israelitischen Geschichte angenommen werden, daÜ sie von 
einem Angeklagten gesprochen sein sollte, der gegen Gott und Mose 
geredet haben sollte. Sie hätte doch wenigstens in etwas die Anschul- 
digungen näher präzisieren müssen, gegen welche sie sich wenden wollte. 

Die lange Schilderung von Moses Wirksamkeit 7, 18 — 38 läUt zwar 
jetzt an einigen Stellen (7» 35; 35) den Unglauben Israels an Mose als 
bedenklich erscheinen, ist aber gleichfalls die reinste Verherrlichung des 
Mosaismus; dieser Moses „empfing das lebendige Wort uns zu geben" 
{7, 38). Und ebenso ist die Verherrlichung des jüdischen Gottesdienstes 
in Stiftshütte und Tempel 7, 44^ — 47 im Munde eines solchen, welcher 
derartig geredet haben soll, daß ihn das Volk in momentaner Erregung 
steinigte, unverständlich. 

Das, was allein wirklich gegen di* Juden und ihre Halsstarrigkeit 
gerichtet war (7, 39 — 43), konnte — abgesehen davon, daß es nur epi- 
sodisch zur Hebung der folgenden Entwickelungsstufe 7, 44 — 46 eingefügt 
war — die Volksmassen nicht in Harnisch bringen. 

Erst bei einem Überblick über den ganzen Gedankengang der Rede 
ersieht man, daß der Redner seine Blicke über den engen Mosaismus 
hinaus gerichtet und einer geistigeren Auffassung des Mosaismus das 
Wort geredet hatte. Man begreift dann vielleicht, daß die Pharisäer mit 
dieser besonderen Auffassung einer allmählich immer höher steigenden 
Art der Offenbarung Gottes und mit der entsprechenden Auffassung von 
einer stufenweisen Erziehung des Volkes Israel nicht gerade einverstanden 
gewesen sein werden. Aber was man nicht begreift, ist, da& ein solcher 
Gedankengang das Volk aufgeregt imd gar zu Tätlichkeiten veranlafit 
haben sollte. Diese Rede ist also vielmehr als ein freies Produkt eines 
Alexandriners anzusehen, welches Lucas benutzte, da solche Worte ihm 




ISO 



W, Soltau, Die Herkuaä du R«dea in der Aposlelgescbicbte. 




am besten den Ideen des Hellenisten Stephanus zu entsprechen schienen. 
Ferner ward gezeigt. daH diese Rede, welche die Geschichte der gött- 
lichen Offenbarung in Israel so eingehend geschildert hat, nicht vor den 
Propheten und vor der Vollendung allen Prophetentums in Jesu Halt 
gemacht habe. 

Mehrfach wird in der Tat in ihr darauf hingewiesen, daß dieses das 
letzte Ziel aller früheren Offenbarung sei. So 7,35; iJ; 48 — 49. Auch 
7, 52 weist zurück auf diese Tätigkeit der Propheten. Wer 7, 35 her- 
vorhob „diesen Moses sandte Gott zum Obersten und Erlöser", wer 7, 37 
betont hatte, dali Moses zu den Kindern Israel gesagt habe „einen 
Propheten wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern, 
gleich wie mich", der konnte nicht mit Salomo abschlieüen. 

Nun setzt 7, 51 — 53 ganz unvermittelt mit den Schelt^vorten ein, 
welche das Volk zur Wut und zu Gewalttaten aufgereizt haben sollen.* 

Es sollte demnach nicht zweifelhaft sein, daß nach einer mindestens 
kurzen Berücksichtigung der Propheten das Endziel aller göttlichen 
Weissagungen, der Messias, der von den Juden gekreuzigte, aber von 
Gott erhöhte Auferstandene eingehender bcliandelt sein muU. Dieser 
Gedanke ist ja in gedrungener Kürze noch 7, 52 stehen geblieben. 
„Welchen Propheten haben eure Vater nicht verfolgt? Und sie haben 
getötet, die da zuvor verkündigten die Zukunft dieses Gerechten, welches 
ihr nun Verräter und Mörder geworden seid."» 

8. 

Welche Gedanken aber sind ausgelassen? Können sie nicht mit 
einer gewissen Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden? 

Es ward vorher gezeigt, da& die Rede des Paulus 13, i6f. vielfach 
den Gedankengang der Stephanusrede rekapituliere. Dort wird nun haupt- 
sächlich des auferstandenen Heilandes gedacht (13, 30 — 39}. Es fehlt auch 
nicht der Übergang von David zu Jesus (13, 33fr.). die Berücksichtigung 
der Propheten (13, 27). Was hier jedoch nur kuni berührt wird, das ist 
ausführlicher in der Petrusrede 3, 21 — 25 geboten. So 5, 21; .Jesus 
Christus muß den Himmel einnehmen bis auf die Zeit, da herwieder- 
gebracht werde alles, was Gott geredet hat durch den Mund seiner 

I Luc^, welcher (5. oben unter 4) waluschcialich die .Vnklafe gegea Stcphuios 
icbärfct präiiiicrt und nncli dem Evangelium 6, 12—13 eiofügt«, liat diet lebt wohl 
([«fahtt und dtiher auch 7, 48 — 50 ohne rechten Zusammenh^iii; mit dem Torsufgelietideti 
■o gcwenilet, ^aß m ein abfälliges Urteil gegen den Tctnpe! lo enthalten schien, 

' Vgl. Schwanbeck, Über die Quelleti der Schriften des Lukas 1, 84; aja; van Muten, 
Pitiiliu 1, 19. 




W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 151 

heiligen Propheten von der Welt an", und noch bestimmter zum Schluß 
3, 24 „alle Propheten von Samuel an und hernach, wie viele ihrer geredet 
haben, die haben von diesen Tagen verkündigt: Ihr seid der Propheten 
und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern, 
da er sprach zu Abraham: durch deinen Samen sollen gesegnet werden 
alle Völker auf Erden. Euch zuvörderst hat Gott auferweckt seinen 
Knecht Jesum und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein 
jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit". 

Sogar in manchen Äußerlichkeiten lehnen sich diese und die gleich- 
artige Petrusrede 2, 22 — 36 an Act 7 an. Man vergleiche z. B. 
3,22 wörtlich = 7,37; 3,23 inhaltlich =-= 7,38—42; 3,25 inhaltlich 
= 7, 5 — 8'. 2, 22f. wie 3, I2f. sind durchaus erfüllt von jenem Haupt- 
gedanken, auf welchen die ganze Stephanusrede abzielte: „Gott hat, 
was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat, 
wie Christus leiden sollte, es also erfüllt" (3, 18). „Ihr aber habt den 
Fürsten des Lebens getötet" (3, 15). 

Derselbe Gedanke beherrscht die wenigen Worte Petri 4, 8 — 12,' 
derselbe 3, 22—36,* derselbe 3, 14 f. 

Ist dieses aber richtig, so ergiebt sich von selbst, daß in der Stephanus- 
rede von Davids Weissagungen aus der Übergang zu Jesus gemacht 
worden sein wird. Teils wird, wie in 13, 23, der Verheißung gedacht 
gewesen sein, daß der Messias „aus Davids Samen gezeugt worden sei", 
teils daß (wie 13, 33 — 36) die Auferstehung Jesu von David und allen 
Propheten vorausgesagt, diese Weisheit aber von den Juden mißachtet sei. 

9- 

Aber es ist nicht nur zu zeigen, welche Gedanken zu ergänzen sind, 
sondern es muß auch der Nachweis erbracht werden, weshalb diese für 
die ganze Rede doch besonders wichtigen Abschnitte abgetrennt 
worden sind. 

Die bisherigen Ausfilhningen haben erwiesen, daß der Verfasser von 
Act es vermieden hat, seine Reden ganz frei zu komponieren. Überall 
suchte er aufs gewissenhafteste nach passenden Vorlagen, welche ihm 
den Gedankeninhalt seiner Reden bieten konnten. Manches entlehnte 
er den paulinischen Briefen, manches dem Bekehrungsbericht, anderes 



I Vergl. 4, II „Du ist der Stein von euch Banleatcn Tenrorfen, der nun Eckstein 
geworden isL" 

1 3, 3$ „So wisse nun du guue Hau Israel gewiO, daß Gott diesen JesDU), den 
ihr gekreniigt habt, sn einem Heim and Christ gemacht hat". 



I$3 W. Soltso. Ke Herknnfi der Reden m der Ap<MttigescMf*ac 

i^«*«ahm CT den Reisebcricfatea. Wie 211 13, 16I <£e Stqdiaiii^icde aäm 
Voitfid gen e se n war, so hat er aas cS^er wieder (15, 32 — 37) dea 
Haaptgedankmgang seiner Petnisrede la, 34—43 mlnnmiwa. 

Ejoige Motive fler Stephaausrede kdwQQ &5t vörtfich in aa d eica 
Petinsrcden vieder. So 7, 37L in 3. 22—23; 7. 5—7 " 3. 25. 

SooMt ist es im hödisten Giade wafarscbeialicb, daß aach 4fie äsigai 
Gedankts, «ddie in den Petrusreden 2, 22 — 36; 3, 12 — 25 aiagespcodien 
and, mda vtm dem Autor &d eriimden, soadem nw^ öeai übb vor- 
^* ^ w i M Vi i ^hieSlenmatcnal kompo ni ert sind. 

Nun g*™**™-" die Gedanken dkser Reden, wc^die aSe eine groAe 
"VcrwanfäSsdaA mtfcr rinanda- haben, gerade nät dem äieraB, -wms S. zi 
tttit W almff-hri n lF'^^'^'^ als eigenlSdier SdilaC^edanbe der St^baam^ 
rede erwiesen wonien wai: 

Wenn <Se9e Gedanken viikScfa der St^ibanssrede 
^^ ^^ ^■l■ ^^F^l sind, so mrtffr dann bei der «»^h rfj i^i^ Bezo^ulmie anf 
Gfi1jii*^f p die fJitn-him scSioa so lai^ an^eddmtc Stephoni^mäe. am 
anffaH^gy Wiedexhafan^en xa nnacidea, hioin gdaazt werfe n . Und 
^ c rtfp 50 m r^, al< Ae d u re h Taca^ voändeftc Eiufiflnung eines 
abwcid^^en SdAJi erfcricricJi oadilr. Lucas hatte ä^ 13 «ficäbdien 
Zei^ca axs dem STsoptisdien Beiidd <l[c 14, 57 — 5S = Ib 261 
Cd— 6i> g äu^tiiu gt imd se sagen lassen: ,J>ieser Mcnsdi bort mdA ai^ 
ZQ sagen Lästerrate wider diese holige Statte ood das GeseSz*'. Dftfaer 
legte der Bcaibeäter die den Zasammcahang stören de n Veise 7, 47 — 50 
an. daoat dodi ngend etwas g^en den Tes^xJ Gesagts in da* Rede 
wäre, und ans demseiQxn ytaäv ist der Sdüufiros: JQir habt das Gesetz 
^w..yt. wjM-w dmtii der Eiige^ Gcsäiaf^ und habt es mc^ gdaaütear sn- 
p h1^ £r sagt zsar g^oss gaioainien ^y-i h t s g i^gn das Gesetz. 
«mrfmi SV g^en de JndeiscäiaÖ: aas, weHcdie das Gesetz södit gdialtes; 
abo" es war Anwrrit dodi dv Cmaüai^^cbkeit der ^y-^tct^r^V unter A'^i^ 
Gftw^y '' daiECtaA. 

xa 

Cfc Sl r pli ^ T " 'p *'^'^^ ^at a3so ^ » nn T ' ni^c^i . so wie äe r^r tr Loc^ 
iämSeiEst Todag, etwa folgende Ai&;fufannigc& ealbaJlgn: 7,46"; X3. -=3: 

2,.^^— 33: 15.33—57- 2.54—35; 2.^2 (= 2, 24 — S 15^^^ (^S- S^l: 

3. 21; 5. 25t; 3. 22—24; 7^ 52- 7- 51- 

Dannt gcnrinncn wk das 1i<"gn'tnrt- dafi de ukiiflt ii Seden' der 



' Siü^tt raf^iTirhr *-'»mj ■< fcf4wwi^_ ^Ptüdf mr der Ptosi nvb ^jyfjpr Bind, ^öe ^a 



W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der Apostelgeschichte. 153 

Apostelgeschichte, vor allem 2, 22 — 36; 3, 12 — 26; 4, 8 — 12; ro, 34 — 43; 
II, 39—43; 13, 16 — 41 ; 22, 3—21; 26, 2—23 Gedanken enthalten, welche 
bereits in der Stephanusrede und in dem damit veH>undenen Pauli- 
Bekehrungsbericht standen. Diese, sowie wenige Angaben des Wir- 
Berichts (so 24, 2 — 21 ; 25, 14 — 21) und die pauÜmschen Briefe sind die 
Quellen gewesen, aus denen der Redaktor der Apostelgeschichte, so 
wie sie jetzt vorliegt, das Material seiner Reden gewonnen hat. Bei 
dieser Sachlage ist es erklärlich, daß die Petrusreden trotz ihrer gut 
griechischen Sprache doch inhaltlich einen älteren Eindruck machen. — 

II. 

Die Ergebnisse, zu welchen unsere Untersuchiing über die Herkunft 
der Reden der Apostelgeschichte geführt hat, sind für die Entstehung 
der Apostelgeschichte Überhaupt und für die Bestimmung ihres Ver- 
fassers von entscheidender Bedeutung. 

Der Bearbeiter der Aposteldenkwürdigkeiten steht selbst den von 
ihm beschriebenen Vorgängen durchaus fem. Er ist ein gewandter, 
literarisch gebildeter SchrifUteller, der das ihm vorliegende Material zwar 
gewissenhaft benutzt, aber doch mit schriftstellerischer Freiheit be- 
arbeitet hat 

Vor allem war er bemüht, durch Reden und Briefe die ziemlich 
dürftigen Notizen des alten Reiseberichts (Rb) und des Wir-Berichts (W) aus- 
zuschmücken und zu beleben. Dabei stand ihm keine eigene gut beglau- 
bigte Kunde über das, was eine frühere Generation erlebt hatte, zur 
Verfügung. Er ersetzte das Fehlende aus den Briefen Pauli, aus der 
ihm vorliegenden Erzählung über Stephanus' Tod und Pauli Bekehrung. 

Der Verfasser ist also sicher ein anderer als deijenige, welcher das 
3. Evangelium und den Wir-Bericht geschrieben hat Der Verfasser 
(V) benutzte die Schriften des Lucas und das von diesem gesammelte 
MateriaL Er selbst aber schrieb weit spater, ohne eigene Kunde von 
dem Berichteten zu haben, abgesehen von dem, was ihm seine schrift- 
lichen Quellen überliefert hatten.' 

Außer dem schon von Lucas gesammelten Material lag ihm nur 
noch eine Sammlung von Petruslegenden' (in l — 5 und 9 — 12) vor, 
welche zu den von Lucas gesammelten Quellen nicht die geringste 



I Den wenigen größeren Einlagen wird kein Menscli eine gewichtige Authende 
Mlprechen. E» sind 16,1—5; 16. «sf.; 18,24—19,6; 21, 20b— z6. 
' Die Redeweise weicht bei ihnen ab von dem Stil der Reden. 
ZeitKbrift f. d. nentut. Witt. Jiüug. tV. 1903. 10 



'54 



W. Soltau, Die Herkuofi der Reden in der Apostelgeschicfate. 



Beziehung liatte, vielmelir oiifenkundig in den wichtigsten Grund- 
anschauungen von denen des Lucas abwich.' 

Lucas selbst hat nur den Plan gehabt, Pauli Bekehrung und dessen 
Missionsreisen zu beschreiben. Doch hatten die von ihm gesammelten 
Quellen — Steplianus' Tod (St), Pauli Bekehrung (Fb) und die Reise- 
berichte — noch keine schriftstellerisch abgerundete ausführliche Be- 
arbeitung erfahren. Vermutlich ist er durch den Tod an dem Abschluü 
des öeÜTtpoc Xöfoc gehindert worden.' 

Diesen hat erst der Verfasser von Acta (V) herzustellen gesucht, 
indem er zugleich den Plan von Acta, erweiterte. An die Stelle einer Dar- 
stellung von Pauli Missionsreisen traten die Denkwürdigkeiten von Paulus 
und Petrus. Er venvandte Teile der Stephanusredc, um. mit ihrer Hilfe 
auch die apostolische Tätigkeit des Petrus würdig darzustellen, und um 
wenigstens eine letiendige Vorstellung zu erwecken, welciie geistige 
Mächte bei der ersten Entwickelung des Christentums wirksam gewesen 
waren. 

Wohl keiner, welcher diese Reden des Petrus, wie die späteren des 
Paulus, liest, wird sich dem Eindruck verschlossen haben, daß hier ein 
begeisterter und bedeutender Vorkämpfer des Christentums spricht. 
Diese Reden werden in den Herzen aller wahren Christen ewig fortleben. 
Aber historische Dokumente sind sie nicht. 

Historisch wertvoll ist einerseits die Stephanusrede als das vielleicht 
älteste Zeugnis für die Entwickelung eines alexandrinisehen Christentums. 
Historisch ist nicht minder in erster Linie der kurze Wir-Bericht, sowie 
daneben manches andere, was sich sonst noch in den kurzen Aufzeich- 
nungen über die Missionsreisen Pauli erhalten hat, da ihre Angaben auf 
Persönlichkeiten zurückgehen, welche dem Bamabas und Paulus nahe- 
standen. Alles andere steht an Glaubwürdigkeit unendlich viel tiefer. 



I So kennt i. B. Laos nicbt «in pIötEÜches HerabfäUea d«a b«j!!gta G^ist««. 
' \g\. liiersu die ausgeceichntie Abhandlung von A. Gcrcicc: der bfÜTCpoc VdTOC 
de» Lucas im Hermes 2% 373 [1894). 



tAt>E«cb]Mieii J«B »B. April igvj I 



P. Corssen, Zur Chronologie des Irenaeus. 155 



Zur Chronologie des Irenaeus. 

Von Peter Corssen in Berlin. 

Die Frage, wann Irenaeus geboren ist, ist für die Einschätzung des 
Mannes, der für einen Träger der apostolischen Tradition gilt, von nicht 
unerheblichem Interesse. Da die Meinungen darüber weit auseinander 
gehen und die Erörterungen von Zahn in seinen Forschungen zur Ge- 
schichte des Kanons (VI, 27 ff.) nichts wesentlich neues dazu gebracht 
haben, so soll hier im Folgenden untersucht werden, ob und wie weit 
diese Frage überhaupt beantwortet werden kann. 

Ich gehe von der bekannten Stelle des Irenaeus aus, die auf den 
ersten Blick einen Anhaltspunkt zu einer ungefähren Bestimmung seiner 
Geburtszeit zu bieten scheint. 

Ei ydp Iba ävaq)av{>6v Ttfp vOv Kaipij) XTipürrecÖat Toövo^a oötoO 

(d. h. TOO 'AVTIXpiCTOU), ör ^KttVOU dv ipplÖT] TOÖ Kdl TT^V 'ATTOK(liXui|llV 

iujpaKÖTOC Oü&fe TÄp Ttpö TTOXXoO xPÖvou tuipäöri, dXXA cxeööv 4ni Tflc 
^iner^pac tcvciSc, irpöc ti^ tdXei tt^c AojienovoO <ipx*ic. V, 30, 3. 

Es fragt sich, in welchem Sinne hier cxe&öv tni rflc i]}iezkpac Tcveftc 
gemeint ist. Hamack erklärt, da Irenaeus sagt, daß die Apokalypse 
gegen 96 verfaßt sei, er selber aber um 185 geschrieben habe, so sei 
klärlich unter f€VE& ein Zeitraum verstanden, den ein Menschenleben 
gerade noch umspannen könne. £5 sei daher diese Stelle in keiner 
Weise geeignet, zur Bestimmung des Geburtsjahrs des Irenaeus zu dienen 
(Chronologie S. 330). Mag dem nun sein, wie ihm wolle, so wird diese 
Interpretation nicht gesichert erscheinen, so lange sie nicht aus dem 
Ausdruck selbst abgeleitet ist Es scheint mir daher nicht wie Hamack 
unstatthaft, sondern vielmehr geboten, den Begriff der ^tv€& zu unter- 
suchen und die verschiedenen Möglichkeiten der Anwendung des 
Wortes zu erwägen. 

'EtH TTic imeripac T^veäc heißt „in unserer Generation", darüber kann 

kein Zweifel sein, es fragt sich nur, in welchem Sinne „Generation" ge- 

10* 



meint ist und worauf sich das Pronomen „unser" besieht Zahn be- 
hauptet gegen Harnack, die nach einem bestimmten Menschen benannte 
TEVeä müsse ein von seiner Lebensdauer und somit von seiner Geburts- 
zeit abhängig gedachtes Zeitmaß sein fS. 29, Anm.)- Das erste muO 
man bestreiten, das zweite ist gewiß richtig. Der Begriff T^ved entsteht, 
indem der Sohn bis zum Vater aufwärts rechnet, oder auch der Vater 
bis zum Sohne abwärts. Es bildet sich die Vorstellung eines gewissen 
mittleren MalJes dieser Entfernung, das von den Griechen im allgemeinen 
auf rund dreiliig Jahre geschätzt wurde.' Die Begriffe „Leben" und 
„Generation" decken sich daher nur zum Teil, das Leben kann länger, 
es kann auch kürzer sein als die Generation, und nur wenigen wird es 
zuteil wie Nestor noch die dritte Generation zu schauen. In vielen 
Fallen wird allerdings ^tiI xric ^tinc Ttveäc tatsächlich dasselbe bedeuten 
wie tni Ti|c ^pjjc lüjf\c oder ^tti toO I^oö ßfou. Das ist z. B. an aner 
von Zahn aus Dionysios von Halicarnaß {III, 15) angeführten Stelle der 
Fall. Hier bezeichnet es der König Tullus Hostilius dem Metbus Kuffetiua 
gegenüber als ein Glück, daß die Geburl der Horatier und Cujiatier in 
ihre Generation gefallen sei (fiiii Ttlc ^jjSTfpcc ftveäc). Die Horatier und 
Curiatier sind die jüngeren, Tullus rechnet also von sich aus abwärts, 
indem er sie noch in seine Generation einschüeÜt. Wenn diese Stelle, 
wie Zahn meint (S. 30. Anm.), der unseren entspricht, so wurde 
Irenaeus behaupten, daß, wenn er nur um ein weniges älter wäre, die 
Abfassung der Apokalypse in seine Lebenszeit gefallen wäre. Man 
müßte dann seine Geburtszeit gan? nahe an das Jahr 96 rücken, und gewiß 
hätte dann Zahn Reclit, dai^ man eher 105 als 120 als sein Geburtsjahr 
aßnehmen würde (S. JO). Aber aus demselben Grunde dürfte man dann 
auch nicht das Jahr 1 1 5. annehmen, für welches Zahn aus andern Gründen 
sich entscheidet. Denn wenn die Generation zu etwa 30 Jahren an- 
genommen wird, so wäre die Annalune einer Differenz von 10 Jahren 
schon recht bedenklich, eine von 20 aber ganz unmöglich. Nun ver- 
steht freilich Zahn unter T«veö die gesamte Lebenszeit des Irenaeus, 
aber auch dsfur ist die Differenz doch zu groß, als daß sie durch das 
Wörtchert cxe&6v entschuldigt werden konnte. 

Aber Irenaeus konnte auch anders rechnen. Nestors Sohn Anti- 
lochos zahlt Aiax, den Sohn des Oileus. noch zu seiner Generation, weil 
er nur wenig älter ist, den Odysseus aber zu der früheren (V, 789 ff.). 
So mißlich es ist, sich von dem Alter der homerischen Helden be- 

» Vgl. Pluiarchi, de defeetu oMtuIorum, p. 4ISE: iTT\ Tpidicovra troioOci t#|v Yfivedv 
K08' 'HpiirteiTOV, iv 141 xpöv«^ ^aviSJY^n, nap^« töv i£ alnt/Hi yefennfUvov 6 tcwVicoc. 



stimmte Vorstellungen zu machen, so werden wir uns doch den Alters- 
untersclUed zwischen Antilochus und Odysseus wie den mittleren Ab- 
stand zwischen Vater und Sohn denken dürfen. Rechnete Irenaeus 
etwa in ähnlicher Weise die bis zu dreißig Jahr älteren Leute zu seiner 
Generation, so dürften wir seine eigene Geburt nicht vor i26 setzen. 

Aber es fragt sich, ob wir mit Recht, wie wir bisher stillschweigend 
getan haben, das mit T^veäc verbundene Possessivpronomen auf Irenaeus 
beschränkt haben. Wenn wir den ganzen Zusammenhang erwägen, so 
erscheint das keineswegs wahrscheinlich. Warum maciit denn Irenaeus 
die Bemerkung über die Abfassungszeit der Apokalypse? Offenbar 
nicht, damit seine Leser sich den Kopf zerbrechen, in wclcheai Jahre 
er selbst geboren sei, sondern um zu beweisen, daß die Apokalypse für 
die Gegenwart Bedeutung habe. Apokalypsen veräieren an Wirkung, 
je weiter sich die 2Ieit von dem Augenblick, in dem sie verkündet sind, 
entfernt. Wenn Irenaeus sagt, der Name des Antichrist hätte der jetzigen 
Zeit (Tiii vüv KOipifi) nicht verkündigt 2U werden brauchen, so liegt doch 
darin, daß die Apokalypse für seine Gegenwart geschrieben sei; da aber 
diese Gegenwart von der Verkündigung durch eine geraume Zeit ge- 
trennt war, so mußte zur Bezeichnung des Zwischenraumes eine Zeit- 
bestimmung gefunden werden, die die Zeit der Verkündigung entweder 
einschloß oder ihr doch so nahe wie möglich kam. Die Ausdrücke i& 
vüv Kaipüi und rtic iVM^ifpac TEveSc entsprechen sich also so, daß dei 
letztere nicht sowohl die Generation speziell des Irenaeus als seiner Zeit- 
genossen überhaupt bezeichnet. 

Wenn der Grieche mit der tevcü einen Zeitraum von + 30 Jahren 
braeichnet, so hegt dabei die Vorstellung der Aufeinanderfolge der Ge- 
schlechter zu Grunde, die ja tatsachKch durchschnittlich in diesem Zeit- 
raum vor sich geht. Diese Vorstellung aber wird ausgeschlossen, sobald 
das Wort auf eine einzelne Person oder einen Kreis von Personen ein- 
geschränkt wird. Nestors Generation existierte, als er bereits in der 
dritten herrschte, doch noch in ihm selbst, selbst wenn die mit ihm Ge- 
borenen längst gestorben waren. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint 
die Dauer der t«v?^ sehr verschieden, je nachdem sie auf Ältere oder 
Jüngere bezogen wird, und wenn ältere Leute von der Generalion ihrer 
Zeitgenossen sprechen, so wird dabei als Zeitmaß die längste Spanne 
des menschlichen Lebens überhaupt untergeschoben. Auf diese Weise 
wird der Begriff der feveä gleich dem des lateinischen sneculuni, das ja, 
wie Biicheler gewiß mit Recht annimmt', etymologisch mit serere zu- 

I 5. Cnitius, Griechlicli« Etymologie, S. 383. 




i 



15« 



P, Corssen, Zur Chronologie des lr«nA«us. 




sammcnhängt und also in seiner ursprünglichen Bedeutung dem grieclii- 
sehen Tcveci ^'envandt ist und das von Ccnsorinus als spaimtn vitae 
kuifumae longissimum paritt et morle defimlum (De cHe nata,li c 17) ge- 

Haßt wird. 

Daü diese Anwendung von -^^^6. nicht nur theoretisch gefordert 
werden muß, äondcni auch praktisch geübt wurde, geht aus Plutarch. 
De defcctu oraculonim p. 415 C — E hervor (vgl. oben S. 136 Anm.). wo 
er das Lebensalter der Nymphen auf Grund eines verloren gegangenen 
hcsiodischeo Gedichtes erörtert Dort hie& es von der langlebigen Krähe: 
evv^Q TOI Z^diei tcveoic Xax^puCa KOpuüvq 
ävApüiv fißÜJVTurv' 

iStatt ^ißiliVTUJV lasen andere fTipiijVTiuv. Diese, sagt Plutarch, rechnen 
die fevitö zw 108 Jahren (oi h\ t^lpti'VTUJV näXiv, oüx r|pd»vmiv Tpäq>ovT€C 
ÖKTW Kcti ^KQTÖv Im vfjiouci TT) T£V£q). Die Motsviefung, die Plutarch 
für diese Zahl giebt, ist durchaus willkürlich und unverbindlich. Die 
Meinungen der Alten über die Lebensdauer des Menschen gingen aus- 

teinander, wie man bei Censorinus c. 17 sehen kann. Der Alexandriner 

iDioscoddes behauptete nach Censorinus' Gewährsmann Varro, daü der 
Mensch nicht länger als lOO Jahre leben könne, und so hoch rechneten 
die Römer für gewöhnlich das saeculum', während Varro es auf 1 10 Jahre 
berechnet hatte, eine Berechnung, die Augustus bekanntUch für die Saecu- 
larfeier zu Grunde legte. 

In diesem Sinne^ als äuUerstes Maß des menschlichen Lebens, ge- 
braucht augenscheinlich Eusebius den Ausdruck Ttvedi, wenn er die 
Generation derjenigen, die den Herrn noch selbst gehört haben {i\ TEvcd 
iiceivTi Tüiv aüraic ökooic ttjc ^v6£ou coipiac ^TinKOucdi Ka-nnSiuiM^vwv), 
bis zum Anfang der Regierung Trajans rechnet. Bis zu dieser Zeit, 
sagt er, sei die Kirche von der Ketzerei unberührt geblieben, nach dem 
Aussterben der apostolischen Generation habe sie ihren Anfang genommen 
(h- e. 3, 32, 7. 8). 

Damit stimmt der römische Qemens iiberein, der unter Doraitiaa 
schreibend, die Apostel Petrus und Paulus zu seiner Generation reclinet 
(S, 1 XdßuiMtv Tf|c TtVEoc fiMiIiV xd fewata unobeiTMara). Da Clemens 
seine Generation den Alten, d. h. den Männern des alten Bundes gegen- 
überstellt, so rechnet er offenbar von Cluisti Erscheinen bis zu dem 
Allgenblick, wo er schreibt. 

Das aber ist der Gebrauch, den auch Irenaeus von dem Worte 



< Naitri majores, qiio-d D3tur&lc faecnliim qnuihifa e;sel GxpLQiptmn non hftbcbuiti 
cEvilc ad certom modalum umoTum ccDtnm statnenml Censorinns. l m. O, 



P. Corssen, Zur Chronologie des Irenaens. 159 

macht Die Apokalypse, am Ende der ersten Generation geschrieben, 
hat mit dieser nichts mehr zu tun, sondern ist fiir die folgende bestimmt. 
In den Zeitraum dieser zweiten christlichen Generation fallt noch 
die Gegenwart, in der er selber schreibt (ca. 185), in diesem Sinne also 
spricht er von „seiner Generation." 

So erscheint die Auffassung Hamacks durchaus gerechtfertigt Es 
ist in der Tat nicht mc^Hch, aus unserer Stelle eine Zeitbestimmung fiir 
die Geburt des Irenaeus zu gewinnen; nur das darf allerdings nicht über- 
sehen werden, daü der Ausdruck „unsere Generation", wenn er auch in 
einem allgemeinen Sinne angewendet ist doch immer eine subjektive 
Färbung behält. Vom Standpunkte des Schreibenden aus wäre er nicht 
zu verstehen, wenn dieser nicht selbst zu den älteren Leuten innerhalb 
dieser Generation gehört hätte. Das hat auch Hamack wohl gefühlt 
und nicht verschwiegen, aber im nächsten Augenblick sich über das 
Bedenken ohne weiteres hinweggesetzt „Nur die Frage lallt sich auf- 
werfen, ob Irenaeus nicht unwillkürlich den Ausdruck deshalb gefärbt 
hat, weil er selbst schon ein so alter Mann war. Allein die Frage 
scheint mir eine recht müßige; denn will man wirklich aus diesem Texte 
entscheiden, ob Irenaeus damals ca. 48 — 52 oder ca. ^2 Jahre alt ge- 
wesen ist?" Mehr oder minder bestimmte Zahlen wird man allerdings 
verständigerweise nicht zu ermitteln suchen, wohl aber wird man sagen 
dürfen, daß Irenaeus' Geburt sicherlich dem Jahre 96 näher als dem Jahre 
185 liegt 

Außer der eben behandelten Stelle hat man das Verhältnis des 
Irenaeus zu Polykarp zur Bestimmung seiner Geburtszeit benutzt Zahn 
hat sich dadurch veranlaßt gesehen, seine Geburt in das Jahr I15, 
Hamack, sie kurz vor 142 zu setzen. 

Zwei Stellen kommen hierfUr in Betracht, eine aus Irenaeus' großem 
Werke gegen alle Sekten, die andere in seinem Briefe an den Presbyter 
Florinus. Es sind die folgenden: 

Kai TToXOtcapTTOc h\ oö n6vov iirö dnocröXujv naenTeuetic Koi cuv- 
ctvacrpatpelc ttoXXoTc toictAv XpicrÖv ^uipaKÖciv, dXXct xat Cin6 dnocröXuiv 
KaTacraÖek £lc -rfiv 'Ac(av ht tQ £v Z^öpvij £KKXnc(<f £itEckottoc, &v xal 
fm^Tc ^uipdKa^cv £v tQ irpUrn] ^fiiliv ^XiKlqi- ^nl iroXO T^p nap^fietVE xal 
irdvu tupotXtoc £vl>6£ujc xal ^m9av£cTaTa ^apTup^cac ££fiX6£ toö ßEou 
ToOra bibäSac dcl fi xal irapd Tii>v önocröXuiv ^tiaSEV. Contra haer. m, 3, 4. 

E160V T<ip C£ ira^c *v Iti ^v T^ kiütuj 'Aci(]i Ttapö Tif» TToXuKdpnqi 
Xannpöpc TrpdTTovTa iv tQ ßaaXixQ txh\% xal neipiüjievov cö&okihcTv Trap' 
aÖTiJ). MäXXov yöp tä töte öianviiMOveüut t&v ^vcrfxoc T€VOM^vujv al t^P 



i6o 



F, CoTSBen, Zu7 ChronolDgie des Ircnaeus. 



Ik Ttaibwv |Jo9riceic ctvctOSoucai t^ i+mxfl Ivoövtöi aürfl. Ad Florinum. 
p. 822 ed. Stieren aus £us h. e. V, ^0, 5- 

Redet Irenaeus an den beiden Stellen in Bezug auf seinen Verkehr 
mit Polykarp von verschiedenen Zeiten oder meint er dieselbe Zeit, wenn 
er einmal sagt, er habe Polykarp in seiner ersten Jugend gesehen, das 
andere Mal, er sei noch ein Kind gewesen, als er von ihm lernte? Ich 
würde diese Frage nicht aufwerfen, wenn nicht Zahn allen Ernstes be- 
hauptete, Irenaeus habe nicht nur als heranwaclisender Knabe, sondern 
auch noch als juager Mann Gelegenheit gehabt, den Polykarp als christ- 
lichen Lehrer kennen zu lernen (S. 37)* £r stützt diese Behauptung auf 
den letzten Satz (cti yäp iia6r)CEic}, den er abdruckt und mit der 
Bemerkung begleitet, da Erinnerungen mit den Jahren nicht zu 
wachsen, sondern abzunehmen pflegten, so könne das Wachstum der 
|ia6:iceic nur darin bestanden ha.ben, da& immer neue Belehrungen 
zu den erster hinzugekommen seien (S. 38, Anm. 1). Der Leser, dem 
hier die Übersicht über den ganzen Zusammenhang gegeben ist, sieht, 
daß der letzte Satz die Begründung enthält zu dem vorhergehenden, in 
dem Irenaeus eben das ausdrücklich feststellt, was Zalin durch seine 
Interpretationskunst aits der Welt zu schaffen sucht, nämlich, daß seine 
Jugenderinnerungen frischer und lebendiger seien als die an näher zurück- 
liegende Vorgänge. Diese allgemeine Erfahrung des Alters erklärt er 
sich durch die Vorstellung, daß, solange die Psyche noch in der Ent- 
wicklung sei, das, was sie aufnehme, mit ihr verwachse und so zu einem 
unverlierbaren Besitz werde, 

Irenaeus hat also als lieranreifender Jüngling den Polykarp gekannt 
und, was in dem Briefe an Florinus weiter ausgeluhrt wird, seinen Reden 
und Erzählungen gelauscht und das Bild seines Charakters und seiner 
äußeren Erscheinung sich eingeprägt. 

Die Tatsache, daü Irenaeus Polykarp noch gekannt hat, wird an der 
ersten Stelle anscheinend damit motiviert, daü dieser ein ungewöhnlich 
hohes Alter erreicht habe. Ist das so, so kann Irenaeus ihn nur als Greis 
gehört haben und er müßte bei seinem Tode noch ein Jüngling gewesen 
sein. Die Ausdrücke „noch ein Kind" und „erste Jugend" sind aller- 
dings dehnbar, aber man wird doch dabei nach der Schilderung in dem 
Briefe an Florin lieber an einen höchstens 15- als an einen 20jährigen 
denken. Das ist die Meinung Hamacks, und da er den Tod Polykarps 
in das Jahr 155 setit, so nimmt er an, Irenaeus sei kurz vor 142 ge- 
boren <S. 329). 

Daß Polykarp tatsächlich im Jahre 155 den Tod eriitten hat, halte 




ich nach der erneuten Prüfung, der ich die Hypothesen über seia Todes- 
jahr unterzogen habe, für ausgemacht. Irenaeus schrieb unter Eleutherus 
(174 — 1S9). Bedurfte e» da einer Motivierung und einer Art Nachweis. 

daß er den vor etwa 30 Jahren verstorbenen Mann noch gekannt haben 
konnte? Eine solche Motivierung wäre doch nur angebracht gewesenr 
wenn das Todesjahr des Polykarp den Lesern des Irenaeus unbekannt 
gewesen wäre. Das konnte aber doch um 185 noch nicht vergessen 
sein, Wurde doch sein Todestag in Smyma sofort als Erinnerungsfest 
gefeiert und war doch sein Tod von den Smyrnaeern der ganzen christ- 
lichen Welt bekannt gegeben, da sie ihren Bericht über sein Martyrium 
zwar insbesondere an die Gemeinde zu Philomelion, zugleich aber doch 
auch an alle christlichen Gemeinden überhaupt adressiert hatten". Aber 
Irenaeus hat auch selbst dafür gesorgt, daß seine Leser keinen Augen- 
blick im Zweifel über die Zeitverhältnisse bleiben konnten. Denn an 
demselben Orte, wo er erzählt, daß er Polykarp in seiner Jugend ge- 
sehen habe, erinnert er daran, daß dieser unter Antket in Rom gewesen 
sei (Bc Kül in\ 'AviKiiTOu ^mat^nricac Tf| 'Pwiir\ lü, 3, 4). Unmittelbar be- 
vor er aber auf Polykarp zu sprechen kommt, hatte er konstatiert, daß 
Aniket der Vorgänger des gegenwärtigen Bischofs Eleutheros sei ($ 3 a. E.). 

Das also war ftir Irenaeus' Leser selbstverständlich, daß er Polykarp 
noch gekannt haben konnte, und nicht um ilmen das Erstaunen darüber 
zu benehmen, brauchte er an sein hohes Alter zu erinnern. Wohl aber 
hatte er einen andern, sehr gewichtigen Grund dazu. Denn sicherlich 
muffte die Behauptung die größte Verwunderung hervorrufen, daß ein 
Mann, dessen Leben sich bis in die Zeit der Leser erstreckt und den 
vielleicht auch der eine oder andere von ihnen in Asien oder Rom noch 
gesehen hatte, von Aposteln in Smyma als Bischof eingesetzt worden 
sei. Diese Behauptung konnte nur dadurch mit einem gewissen Scheine 
der Möglichkeit umgeben werden, daß nachdrücklich auf das ungewöhnlich 
hohe Alter des Mannes hingewiesen wurde. 

Die Eridärung, daß Polykarp sehr alt geworden sei, bezieht sich 
also gar nicht auf den unmittelbar vorhergehenden Relativsats, sondern 
dieser enthält eine gänjf beiläufige und für den Zusammenhang belang- 
lose Bemerkung die wie eine Parenthese eingeschaltet ist.' 

' 'H ^KKXncb ToO Ötoti i\ TiapoiKoCca Sjidpvav xf) ^xK^nt''? toO e«oß -rfl -napoi- 

icapoiKidic. 

' Zahn hat den «nficlien Tatbcitiuid [5. 36] auf den Kopf gestellt Da es mir 
nicht um die Widerlegung fremder Anwehten, sondern axi die GewinnoDg eigener an- 
komiDC, so gehe ich duiBf nitht veitcr ein. 




l62 



P. Corsaen, Zur Chronologie d«5 Ireaaeus. 



Haben aber diese beiden Sätze nichts mit einander zu tun, so können 
■wir nicht wissen, wann Irenaeus Polykarp gehört hat, und es ist daher 
[ fiir seine Chronologie völlig gleichgiltig , dati er damds noc]i ein 
Knabe war. 

Es bleibt indessen noch zu untersuchen, ob wir den Aufschluß, den 
wir an der ersten Stelle suchten, nicht an der zweiten finden. Hier er- 
fahren wir, daß zu der Zeit, als Irenaeus Polykarps Vorträgen lauschte, 
die Versammlungen der Christen ein kaiserlicher Hofbeamter, Florinus, 
besuchte, der sich um die gute Meinung Polykarps ernätüch bemühte. 
Das muü ein Ereignis für die Gemeinde von Smyrna gewesen sein, und 
es ist kein Wunder, daU es dem jungen Irenaeus einen bleibenden Ein- 
druck hinterlassen hat. Nach der Natur der Sache muß man annehmen, 
daü zwischen Irenaeus und Florinus ein Altersunterschied von min- 
destens 10 Jahren bestanden hat. Eusebius t>erichtet, dall in späteren 
Jahren Irenaeus gegen diesen Florinus zwei Schriften veröffentlicht habe, 
nämlich einen Brief, aus dem er einen Abschnitt ausgesclirieben hat, 
dem der oben mitgeteilte Satz angehört, und wiederum, als Florinus sich 
von der valentinianischen Veriming habe verleiten lassen, eine Schrift 
Tiepi lÖT&oäboc (V, 15 und 20) zu schreiben. Von dieser Schrift teilt uns 
Eusebius auüer dem Titel nichts als die Subskription mit. Es ist nun 
noch ein Fragment des Irenaeus in syrischer Sprache bekannt geworden, 
welches aus einem Briefe an den römischen Bischof Victor stammt, der 
sich ebenfalls auf Florinus bezieht,^ Ich teile das Fragment in einer 
neuen Übersetzung mit, die ich meinem Freunde Preuschen verdanke; 
„Und Irenaeus, Bischof von Lyon, der an Victor, Bischof von Rom, 
wegen des Florinus, eines gewissen Presbyters, der sich um die Ver- 
irrung des ValentJmis bemühte und eine verwerfliche Schrift verfaßte, 
folgendermaßen schrieb: "Und nun was das betrifft, daß vielleicht ihre 
Schriften euch entgangen sind, sie, die sogar uns zu Gesicht gekommen 
sind, so will ich euch kund tun, daß ihr, entsprechend eurem eignen An- 
sehen aus der Mitte entfernt die Schriften, die seit (ilirer) Ankninft euch 
tadeln, weil sich der Schreiber brüstet, daß er einer von euch sei. Sie 
bringen aber vielen (Leuten) Schaden, die schlicht und ohne Frage als 
von einem Presbyter die Schmähung gegen Gott aufnehmen. Scheltet 
aber den, der sie schrieb, dass er durch ^ie nicht allein denjenigen 
Schaden bringt, die ihm nahe stehen, indem er ihren Sinn in den Stand 
setzt, Gott zu lästern, sondern auch denjenigen, die bei uns sind, 

■ Vgl Hamacbi AltchrisCL literatnrgescEi. S. 593 f. tcnd Zkbn, FoTBchungeo VI* 
S. 31 f. 



P. CoTssen, Zur Chronologie des Ireoaeus. 163 

Schaden bringt durch seine Schriften, indem er falsche Ansichten über 
Gott in ihnen wirkt'". 

Wir erfahren aus diesem Fragment mit Bestimmtheit, daß Florinus 
seine Ansichten schriftlich entwickelt hatte, was Eusebius nicht ausdrück- 
lich bemerkt, was wir aber aus der Tatsache, daß Irenaeus ihn schrift- 
lich bestritt, zu schließen wohl berechtigt gewesen wären. 

Sollen wir nun mit Hamack (Chronologie, S. 321 Anm. 2) annehmen, 
Florinus sei erst nach dem von Irenaeus an ihn gerichteten Briefe zum 
Valentinianismus fömilich abgefallen, ja, dürfen wir überhaupt einen förm- 
lichen Abfall annehmen? 

Eusebius sagt, Irenaeus habe an Florinus den Brief irepl fiovopxtctc 
i^ Trepi TOO nfi elvai töv 9e6v TTOiirri^v KaKüiv geschrieben. Dann habe 
er seinetwegen wiederum, als er sich durch die valentinianische Irrlehre 
habe verführen lassen (bi 8v aööic Otrocupojicvov Tf| Kord OöaXcvrivov 
TrXävi;t), die Abhandlung irepi ÖTbodÖoc verfaßt (v, 20, i). Eusebius wird 
schwerlich die Schriften des Florinus gelesen und, was er von seinem 
Valentinianismus weiß, aus Irenaeus erfahren haben. Daß dieser 
ihn dessen beschuldigt hatte, müßte man schon aus dem Titel seiner 
zweiten Streitschrift schließen und der Syrer bestätigt es. Aber daraus, 
daß Irenaeus diesen Vorwurf erhob, folgt noch keineswegs, daß er be- 
rechtigt war. Jedenfalls ist durch das syrische Fragment ausgeschlossen, 
daß Florinus sich als Valentinianer bekannte, denn es wird ja darin be- 
zeugt, daß er sich seiner Angehörigkeit zur römischen Gemeinde rühmte. 
Er war also noch Presbyter und offenbar der Meinung ein guter Katholik 
zu sein, auch hatte man in Rom, wo man doch selbstverständlich von 
seiner Schriftstellerei Kenntnis hatte, nichts von Ketzerei darin bemerkt 
und erst der Spürnase des Irenaeus gelang es, sie zu entdecken, Flo- 
rinus muß die Frage vom Ursprung des Bösen behandelt haben und 
Irenaeus hat ihn so verstanden, als führe er es auf Gott zurück. Denn 
in dem an ihn gerichteten Briefe setzte er ja, wie aus der Überschrift 
hervorgeht, auseinander, daß Gott nicht Schöpfer von Bösem sei, während 
Florinus, wie Eusebius sagt, für diese Meinung eingetreten war (TaÜTTjc 
fäp Tflc TVÜJUTjC oiStoc ibÖKa TTpoaoiiZeiv v, 20, i). In dem Briefe an 
Victor aber scheint Irenaeus dieselbe Meinung bestritten zu haben, denn 
es ist in dem sjnischen Fragment von den falschen Ansichten die Rede, 
die Florinus über Gott verbreitet habe. Da nun der Syrer in der Über- 
schrift, wo er sich offenbar genau ausdrückt, nur von einer Schrift des 
Florinus redet, so haben wir bei diesem vermutlich gar keine stufenmäß^ 
fortschreitende Entwicklung bis zur offenkundigen Ketzerei anzunehmen, 



i64 



P. Corssen, Zur Chnniolo^e des lrena*us. 



sondern wahrsclieinlich hat Irenaeus in seinen Streitschriften den Ton 
allmählich gesteigert, bis er schUeßUch geradezu die Anklage auf Valen- 
tinianismus erhob. Wenn Victor von Irenaeus in seinem Briefe aufge- 
iordert wird, die Schriften Florins zu beseitigen und den Verfasser selbst 
ÄU schelten. 30 kann das nur so verstanden werden, wie Hamack will; 
nämlich daß Florin die Thronbesteigung Victors noch erlebt hat, was 
von Zahn mit ganz nichtigen Gründen bestritten wird CS. 33). Aber 
andererseits haben wir, wie gezeigt worden ist, kein Recht zu der An- 
nahme, die Harnack aufstellt, daU Florin noch unter Victor zum Valen- 
tinianismus abgefallen sei. Hamack hatte aus dieser Annahme weiter 
gefolgert, daß Florin im Jahre 190 nicht 80 oder gar go Jalire gewesen 
sein könne, weil man in so hohem Alter seine Übereeugungen nicht 
mehr zu wechseln pflege, Die Folgerung fällt zugleich mit ihrer Voraus- 
setzung. Wir haben auch kein sicheres Mittel, zu entscheiden, wann 
Irenaeus zuerst gegen Florinus aufgetreten ist Es ist recht gut denk- 
bar, daü er seinen Brief an ihn schon vor der Abfassung seines Haupt- 
werks hatte erscheinen lassen und daß er bei der Thronbesteigung Victors 
einen letzten kräftigen Versuch unternahm, seinen alten Gegner uuscliäd- 
lich zu machen. Daraus, daß Florinus in dem Hauptwerk nicht genannt 
ist, läßt sich nichts schlieüen; konnte Irenaeus doch einen Presbyter der 
römischen Gemeinde, was er, wie wir aus dem Syrer ersehen, bis auf 
Victor geblieben ist, nicht als Ketzer aufführen. Eusebius setzt die 
Schriftstellerei des Florinus unter Eleutherus: 01 b' im 'Pi(ir)c {ixjioZov 
Jiv fiTtiTO OXujpIvoc. itpecßuTcpIoTj Tfic dKKXriciac ditonccüiv. Das steht 
c. 15, während erst c. 22 erzählt wie Victor auf Elcutheros folgt. Es 
kann daher Eusebius schwerlich meinen, daß Florin seines Amtes entsetzt 
worden sei, denn wenn er überhaupt geraaßregelt worden ist, so kann 
das doch erst unter Victor geschehen sein. Wenn er aber der Ketzerei 
(ur schuldig befunden wurde, so wurde er gewiß nicht nur von seinem 
Amt, sondern aus der Kirche überhaupt entfernt Eusebius will also vss- 
mutlich nur sagen, daiy Florin seinem Presbyteramt untreu geworden sei. 
E So ist denn auch der Versuch, den Streit zwischen Irenaeus und 
Florinus für die Chronologie des Irenaeus auszunutzen, als gescheitert 
anzusehen. Es ist aber noch zu fragen, ob aus den Angaben des Ire- 
naeus über den Aufenthalt Florins in Smyma nicht irgendwelche Zeit- 
bestimmung zu gewinnen ist, und zwar sind es die Worte XcrpirpLÜc 
TTpÄTTOvra ^v rrl ßaciXiKT) av\f\, die dabei in Betracht kommen. Zahn 
und Harnack verstehen sie beide, jedoch der letztere nicht ohne Be- 
denken, in dem Sinne, daß damit eine Anweseniieit des kaiserllchea 



P. Corssen, Zur Chrotiolagie des Irenaeus. 165 

Hofes in Smyrna bezeugt sei. Nach dem einen ist der Hof Hadrians, 
nach dem andern der des Antoninus Pius gemeint. Weder von Hadrian 
noch von Pius ist bestimmt bezeugt, daß sie m Smyrna gewesen sind, 
aber von Hadrian kann man es allerdings mit Sicherlieit annehmen, da 
er um 130 die Provinz Asien besucht hat. Für Pius hat sich mir 
die Vermutung" Borghesis und Waddingtons bestätigt, daß der Kaber 
im Jahre 154 persönlich in Syrien anwesend gewesen sei (o, Bd. IIL, 66), 
Es wäre denkbar, daß er auf dem Rückweg über Smyrna gekommen 
sei, aber behaupten läßt sich darüber nichts. Hamack hat dies ange- 
nommen und setzt demnach des Florinue Verkehr mit Polykarp in das 
Jalir 154 (Chronol- S- 329 Anm 2). Aber in das Jahr 1,4 T^JIt nach 
Hamack auch die Reise Polykarps nach Rom, wenn Aniket, den er per- 
sönlich aufsuchte, frühestens 154 zur Regierung gekommen {Chron. S. 177) 
und Polykarp tJS gestorben ist. Es bliebe also, wenn wirklich Pius 134 
in Smyrna gewesen sein sollte, kaum recht Raum fiir ein Zusammen- 
treffen z.wischcn Florinus und Polykarp, Diese Schwierigkeit lälit sich 
aber vielleicht heben. Denn nach den Ausführungen von Erbes, Ztschr, 
f. Kirchengesch, XXn, S. 9, Anm. 2, auf die mich die Güte des Herrn 
Verfassers nach dem Erscheinen meines Aufsatzes über das Todesjahr 
Polykarps verwiesen hat. ist es sehr wahrscheinlich, da& Aniket schon 
153 Bischof geworden ist. Erbes kombiniert nämlich die Angabe des 
Epiphanius (42, I), dal^ Marcion nach dem Tode des Bischofs Hyginus 
nach Rom gekommen sei, mit der Nachricht des Fihristen, er sei im 
ersten Jahre des Antoninus Pius aufgetreten. Dieselbe Kombination 
hatte vor ihm bereits Harnack (ChronoL S. 3,08) vorgenommen und dar- 
aus die Konsequenz für Marcion gezogen. Aber er hatte dabei über- 
selien, daß er sich dadurch in Widerspruch mit seiner Datierung der 
römischen Bischöfe setzte. Denn das Ende der Regiemngszeit Hygins 
Fallt nach ihm in das Jahr 140 (S. 158), Ist aber jene Kombination 
richtig, so kajin Hygin nicht nach 13S gestorben sein. In dies^ Jahr 
setzt aber auch die Chronik des Eusebius seinen Tod. Da sein Nach- 
folger Pius 15 Jahr im Amt gewesen ist, so müßte demnach Aniket, der 
ihm unmittelbar folgte, schon im Jahre 152 auf den bischöflichen Stuhl 
gelangt sein. Wir hätten dann einen weiteren Spielraum Air die An- 
Setzung der Reise Polykarps nach Rom und es stände der Annahme 
daß der Besuch Florins in Smyma 154 stattgefunden habe, kein Hinder- 
nis mehr im Wege. 

Aber ist es denkbar, dalÜ ein hoher Hofbeamter unter Pius ader 
Hadrian sich hätte erlauben dürfen, was er allenfalls unter Commodus 




iS5 



P. Corssen, Zur Chronologie des Ireoaeus, 



in den Tagen der Marcia "wagen konnte?' Man ätelle sich vor, was es 
sagen will, wenn bei einer kurzen Anwesenheit des Kaisers in einer 
fremden Stadt ein vornehmer Mann des Hofes vor seinen Augen die 

(Versammlung der Christen aufsuchte. Es gehörte gewiß schon etwas 
dazu, daß er es wagte, ■wenn der Kaiser fem in Rom war. Aber die 
Worte des Irenaeus nötigen keineswegs dazu, an eine Anwesenheit des 
Hofes in Smyrna zu denken. Die Participia >a|i»rpiSc npÖTTOvra Kai 
TteiptXintvov können nicht prädikativ mit ühov verbunden werden, son- 
dern stehen attributiv. Sie bilden in der Sache einen wirkungsvoUen, 
Gegensatz, Irenaeus hat den Florinus bei Polykarp gesehen, wo er, ein 
angesehener Plofbeamter, sich um dte gute Meinung des armen Bischofs 
bemühte. Harnack selbst hat eine vortreffliche Parallele zu dem Aus- 
druck des Irenaeus aus Epiphanias beigebracht, wo ein Hofbcamter, 
den Origenes in Jerusalem trifft, ganz älinlich bezeichnet wird ('Afjppöaöc 
TIC Tiüv ftiöitpaviLiv ^v aOXaTc ßaciXiKok, 64. 3). Wir können also aus der 
Angabe des Irenaeus durchaus keinen Schluß auf die Zeit machen, in 
der er den Florin bei Polykarp gesehen hat. 

So haben alle unsere Bemühungen, die Geburtszeit des Irenaeus zu 

'bestimmen, ein negatives Resultat gehabt Es hat sich nur ganz im 
allgemeinen ergeben, daß Irenaeus eher in der ersten als in der zweiten 
Hälfte des Zeitraumes von 96 bis 185 geboren sein muß. Ein so spater 
Ansatz wie 142 erscheint darnach ausgeschlossen. Dieses Ergebnis 
wird durch die Erwägung bestätigt, daß Irenaeus der Nachfolger des tm 
Jahre 177 hingerichteten Bischofs Pothinos von Lyon gewesen ist. Mit 
Recht hat Zahn geltend gemacht, daß man darnach mit Rücksicht auf 
den damaligen Kirchenbrauch seine Geburt spätestens in das Jahr 130 
setzen dürfe (S. 28). Es laÜt aich dafür aber auch noch ein subjektives 
Moment geltend machen. Wenn Irenaeus selbst für den Herrn ein 
höheres Alter verlangt, damit er als Lehrer auftreten konnte (H, 22, 5), 
das er in Übereinstimmung mit dem vierten Evangelium auf annähernd 
50 Jahre bestimmt, so wäre das unter der Voraussetzung, daß er selbst 
schon mit etwa 35 Jahren das Bischofsamt übernommen habe, psycho- 
logisch unbegreiflich. Wir werden daher als sicher annehmen dürfen. 
dal& Irenaeus wotll vor, nicht aber nach 13a geboren sein kann. 

» Cf. treaaeus IV, 30, i: Quid autem et hi qui in rcEUli aula sunt ßdelec, nenne 
ex eil •iva.K CaeEaris sunt habetit uteasilia et kis qui aoa habeot unusquüque eoruia 
secundiun virtiitcm saam praestat? 



^Aibgeickloucn am id. Apnl i^aj.] 



E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 167 



Die Zahl 666 Apc 13, 18. 

Von Eberhard Vlscber in BaseL 

Bei der Deutxmg von Apc 13, 18, die Carl Giemen in dem zweiten 
Bande dieser Zeitschrift S. 109 ff. darbietet, folgt er in der Hauptsache 
dem Weg, den die große Mehrzahl der Erklärer wandelt Zwar weist 
er die Annahme zurück, daß in der Zahl 666 ein hebräisches Wort ver- 
steckt sei. Und ebenso scheint es ihm verkehrt, darin den Namen 
Neros oder ii^end eines andern romischen Kaisers zu Bnden. Im übrigen 
besteht aber auch sein Erklärungsversuch darin, einen Namen zu suchen, 
dessen einzelne Buchstaben nach ihrem Zahlenwerte zusammengerechnet 
die Summe 666 ergeben. Und indem er nachweist, daß die Worte 
i\ iraX^ ßaaXcfa die Zahl 616 und f\ Xa-rivri ßaciXcia 666 ergeben,^ glaubt 
er eine Lösung des Zahlenrätsels vorgelegt zu haben, die vor allen bis- 
herigen den Vorzug verdient. 

Im dritten Hefte des 3. Jahrganges S. 238 ff. wendet sich P. Corssen 
gegen die von Giemen gegebene Lösung. Seines Erachtens scheitert 
Clemens Vorschlag schon an der Bemerkung des Apokalyptikers, daß 
die Zahl des Tieres die Zahl eines Menschen sei. Eben diese Aussage 
kommt, wie ihm scheint, überall bei den Erklärern nicht zu ihrem Rechte. 
Und er versucht, indem er sich den Zusammenhang der Stelle vor Augen 
hält, diesem Mangel abzuhelfen. Dabei betont er, daß vor allem V. 18 
nach allen Seiten soi^ältig erwogen werden müsse. Und eben weil 
das zweifellos richtig ist, so möge mir gestattet sein, nochmals auf diesen 
Vers zurückzukommen. Vielleicht gelingt es mir zu zeigen, daß auch 
Corssen seine Schlüsse unter Voraussetzungen zieht, deren Richtigkeit 
zum mindesten zweifelhaft ist 

Zunächst ein Wort über die Ursprünglichkeit dieses Verses. Gunkel 



I [Herr Frank C Forter von der Yole-Univenity in New-Haven war so liebens- 
würdig, mich brieflich darauf aufmerksam zu machen, daC in dem Aufsatz von Qcmen 
ein Versehen unbemerkt geblieben ist Die Worte i) lrakl\ ßactXela ergeben 616 (nicht 
666 wie Qemen schrieb) und i\ Xmivr\ ßaoXcia 666. E. F.] 



betont (Schöpfung und Chaos S. 377 Anm. i). daß die Zahl der Nat 
der Sache nach nicht rum eigentlichen Grundstock der Tradition gehör 
Das gehe Überdies auch daraus hervor, daß sich die Notiz an dt 
Schlüsse des ganzen Kapitels und nicht hinter der Schilderung des ersten' 
Tieres bcfiode. 

In der Tat ist das Tier, von dessen Zahl V. 18 spricht, zweifellos 
das erste der beiden beschriebenen Tiere. Mit Vers 11 beginnt jedoch 
die Scliildorung des zweiten Tieres. Nun ist aber in dieser Schildening 
fortwährend von dem ersten Tiere die Rede, in dessen Dienste das 
zweite handelt. V. 16 und 17 erzählen, daß sich große und kleine iinte 
dem Einflüsse des zweiten Tieres mit dem Namen des (ersten) Tieresl 
oder der Zahl seines Namens bezeichnen. Und die Notiz, die V. 1$' 
bringt, ist eine Ergänzung des unmittelbar Vorhei^ehendeo, konnte somit, 
ob sie ursprünglich zu dem übrigen Stoffe gehorte oder nicht, nirgend 
anders gebracht werden als gerade an dieser Stelle, 

Die Stellung der Notiz berechtigt somit noch nicht zu dem Schlusses' 
daß sie nicht z\i dem eigentlichen Grundstock der Tradition, die in c. 13 
enthalten ist, gehöre. Viel eher die folgenden Worte ili&t i\ co(pia icüVt 
die sie einleiten. 

Über ihren Sinn herrscht bei den Exegeten Uneinigkeit. An un<! 
Hir sich kann Jibe ebenso gut auf das gerade Gesagte wie auf das, wa»] 
folgt, hinweisen. Die Worte u>be f\ cotpict icTiv können sowohl bedeutentl 
liier ist die Weisheit am Platze, hier ist der Ort, wo sich die Weisheit 
zeigt, als auch: folgendermaßen ist die Weisheit d.h. das, was folgt, ist. 
was die Weisheit zu dem eben Gesagten hinzuiurügen hat Da jedoch 
an zwei andern Stellen, wo wir dem Worte in itnserm Buche als Ein- 
leitung einer Bemerkung begegnen, w&€ nur als Hinweis auf das Vorher- 
gehende verstanden werden kacm (13,10 und 14.12), so wird man es 
hier und 17, 9 ebenso ru verstehen haben. Nun ist aber beachtenswert, 
daß sich bei jeder der übrigen drei mit d&e eingeleiteten Stellen aus 
verschiedenen Gründen die Frage aufdrangt, ob wir nicht Erklärungen 
vor uns haben, die erst später in den Zusammentiang eingefügt worden 
sind. Man wird deshalb auch an unserer Stelle diese Frage aufwerfen 
dürfen. 

Doch lassen wir für jetzt diese Frage beiseite und bemühen uns, 
den Snn der mit diesen Worten eingeleiteten Bemerkung za ^-eistchen- 

Mit dufte f| copfa ^criv wird der Leser darauf aufmerksam gemacht, 
daü in dem eben Gesagten eine Aufforderung an die Weisheit liegt. 
Das wird mit den folgenden Worten noch näher erläutcrL 6 Ix^tv voOv 



E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, i8. 169 

— und zwar, wie wir nach 17, 9 ergänzen müssen: töv voOv töv £x°VTa 
coqiiav — ()iii<picäTui t6v öpiOMÖv toO diiptou. Das versteht man ge- 
wöhnlich so: wer Verstand ha^ suche den Namen zu erraten, der in 
der Zahl verborgen ist So sagt Bousset in seinem Kommentar (1896 
S. 428): ,Der Apokalyptiker spricht ganz bestimmt die Meinung aus, 
daß der Name sich von dem, der Verstand hat, errechnen läßt'. 

Ich weiß nicht, ob diese Meinung wirklich so ganz bestimmt in 
diesen Worten ausgesprochen ist. Sieht man genau zu, so steht nichts 
von einem Errechnen des Namens, sondern es ist von einem Berechnen 
der Zahl die Rede. Und es fragt sich, ob nicht die Aufforderung auch 
dann, wenn wir sie wörtlich nehmen, einen guten Sinn hat, V. 17 war von 
dem Namen des Tieres und der Zahl seines Namens die Rede, ohne 
daß Name oder Zahl genannt worden wäre. Nun Fährt der Apokalyp- 
tiker — sei's nun der, welcher die vorbeigehenden Worte geschrieben 
hat, sei's ein anderer — fort: Hier ist Gelegenheit für die .Weisheit', sich 
zu betätigen. Wer den Verstand hat, der die ,Weisheit' besitzt, soll die 
Zahl berechnen. Und das folgende gibt den Grund an, warum er es 
tun soll: dpi6/iöc T^p ävSptlinou ^ct(v. Wir können die Streitfrage, 
welche Bedeutung den Worten dpiöfiöc ävSpiforrou zukommt, hier un- 
entschieden lassen. Zweifellos will der begründende Satz sagen, dafi 
das Wissen dieser Zahl für den Leser von Bedeutung seL Und der 
Grund ist wohl, wie man von jeher angenommen hat, der, dail diese 
Zahl des Tiernamens auch die 2^abl eines Namens sein wird, dessen 
Träger in Bälde erscheinen wird. 

Soweit hegt also kein Grund vor, den wörtlichen Sinn der Auf- 
fordenmg als unmöglich abzulehnen. Vielleicht nötigt aber der folgende 
Vers dazu. 

Corssen übersetzt zunächst richtig: ,Wer Verstand hat, berechne die 
Zahl des Tieres'. Er meint dann aber, wenn der Apokalyptiker die Zahl, 
die auch der Verständigste so nicht hätte finden können, selber gebe, 
so folge, daß die Klugheit, die verlangt werde, darin bestehe, aus dem 
Zablenwerte des Tiemamens den Namen eines Menschen von demselben 
Zahlenwerte abzuleiten. Lassen wir vorerst einmal die Bemerkung bei- 
seite, daß die Zahl ,auch der Veiständigste so nicht hätte finden können', 
so kann ein Doppeltes gegen Corssens Schluß angeführt werden. Zu- 
nächst das eine, daß der Apokalyptiker bei Corssens Deutung ohne 
Grund etwas Anderes sagt, als er wirklich meint Wemi der Apokalyp- 
tiker eigentiich sagen will: ,hier ist für die Weisheit die Aufgabe, aus 
der (übrigens, wie wohl zu beachten ist, noch gar nicht genannten) Zahl 

ZüueIu. L d. acnteib Will. Jahif. IT. 19OJ. II 



I?0 



E, Vischer, Die ZaU 66& Apc 13, iS. 



des Tieres den Namen eines Menschen von demselben Zalilenwerte ab- 
zuleiten', warum sagt er das nicht? Warum sagt er statt dessen: .hier 
ist für die Weisheit die Aufgabe, die Zahl lu bcreclmen"? Zweitens finden 
wir 17, 9 g'anz denselben Vorgang wie hier, zunächst eine Aufforderung 
an die Weisheit, sich zu betätigen, und dann eine Antwort aus dem 
Munde des Apolcalyptikers selbst. Nun bleibt ja freilich dort wie Iiief 
für den Leser die Aufgabe übrig, an Hand der gegebenen Antwort 
bestimmte geschichtliche Grossen, wenn sie erscheinen, sofort in ihrer 
eschatologischcn Bedeutung zu erkennen. Und so könnte ja das ijiricpiciiTuj 
eine Aufforderung sein, diese weitere Aufgabe zu lösen. Aber es ist 
doch vor allem die Voraussetzung, daß die Bereclinung der Zalil eine 
unmögüche Forderung sei, die Corssen veranlagt, den nächstliegenden 
Sinn des Wortes abzuweisen. 

AVenn der Apükalyptik^r sagt: weT Verstand hat, berechne die Zahl 
des Tieres, so ist das so ausgesprochen eine unmögliche Forderung. 
Denn diese Berechnung kann ja ohne Kenntnis des Namens gar nicht 
ausgeführt werden'. 

In diesen Worten spricht sich eine Voraussetzung aus, die fast alle 
Erklärungen unserer Stelle beherrschL Und in der Tat kann manches 
angeführt werden, das sie als begründet erscheinen läßt. Dennoch auch 
einiges dagegen. Und es mag vielleicht zum bessern Verständnis des 
viel behandelten Verses dienen, wenn es mit aller Behutsamkeit vor- 
gebracht wird. 

Wix sehen zweifellos, dal^ zuweilen Zahlen, aus deren Große man 
Schlüsse zieht, in der von Corssen aufs neue angenommenen Weise 
gefunden werden. So wird, um an ein bekanntes Beispiel zu erinnern, 
Sibyll. Vni, 148 ff. Rom prophezeit, daß es nach einer Dauer von 
948 Jahren zu Grunde gehen werde. Mit dieser Zahl erreicht Rom den 
Ziffemwert seines eigenen Namens. Und offenbar beruht darauf der 
Glaube, daß nach dem genannten Zeitraum das Ende der Stadt ge- 
■kommen sein werde. 

Andererseits kann aber kein Zweifel darüber bestehen, daß nicht 
selten eine Zahl aus irgend einem Grunde als Zahl an sich bedeutsam 
erschien, und daß der Name, auf den die Zahl zu weisen sclilen, erst 
nachträglich gefunden wurde. So war es gewiß kein Zufall, werm der 
Name Abraxas den Zahlenwert 365 hat Jedenfalls wurde dieses Er- 
gebnis als überaus bedeutsam angesehen. Und eben weil die Zahl als 
die Summe der Tage eines Sonnenjabres an sich von Bedeutung war, 
so wurde dem Namen Mithras gewaltsam eine Form gegeben, bei det 



E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 171 

sich dieselbe Zahl als Ziffemwert der Buchstaben ergab. Hieronyraus, 
Conunent. in Arnos c. 3, V. 9 u. 10 ut Basilides, qui omnipotentem 
Deum portentoso nomine appellat 'Aßpa£ac, et eundem secundum Graecas 
literas, et anntu cursus numerum äicit in soUs circulo contineri, quem 
ethnici sub eodem numero aliarum literarum vocant MefOpav. 

Wie sehr auch die Zahl 888, die der Name Jesus et^ibt, schon als 
Zahl an sich bedeutsam erschien und nicht bloß deshalb, weil sie mit 
dem Zahlenwerte dieses Namens identisch war, zeigt die Polemik, die 
Irenäus II 24 gegen die Valentinianer führt, und sein Versuch, nachzu- 
weisen, daß in Wirklichkeit der Zitfemwert dieses Namens gar nicht mit 
dieser Zahl zusammentreffe. 

Und selbst das oben zitierte Orakel der Sibylle, das aus dem Zahlen- 
werte des Wortes 'Pifajin das Ende Roms ableitete, scheint nur die Um- 
wandlung einer altem Weissagung zu sein, die wegen des 3 mal 3 der 
Zahl 900 eine verhängnisvolle Bedeutung zuschrieb. Dio Cass. 62, 18: 
Tpic bk TpiHKOcCujv TTepiTcXXoMävwv ^viauTuiv 'Piufiatuiv £;i<puXoc öXet 
cxdcic. 

Schon in Anbetracht alles dessen muÜ die Behauptung Corssens, 
daß die Berechnung der Zahl ohne Kenntnis des Namens gar nicht aus- 
geführt werden konnte, zum wenigsten als zu bestimmt erscheinen. Und 
wenn wir nun die an unserer Stelle genannte Zahl selber ins Auge 
fassen, so erscheint es im Gegenteil als wahrscheinlicher, daß die Zahl 
nicht durch die Umwandlung eines Namens in Ziffern sondern auf 
anderem Wege gefunden wurde. Wollen wir nicht einen wunderbaren 
Zufall annehmen, wie er allerdings bei dem Namen Jesus vorliegt, so 
müssen wir vielmehr aus der dreimal wiederkehrenden 6 schließen, daß 
der Mann, der sich die .Weisheit' zutraute, der in V. 18 gegebenen 
Auflbrderung zu folgen, wirklich die Zahl herausgerechnet und nicht 
einen bekannten Namen in eine Zahl verwandelt hat 

Auch Giemen spricht zweimal (S. 112) von der MögUchkeit, daß 
eine solche gleichförmige Zahl wie 666 herauskonmien sollte. Er geht 
aber nicht weiter auf die Frage ein, warum, und zieht diese Möglichkeit 
nur soweit in Betracht, als dadurch erklärt werden könnte, warum der 
Name, dessen Zahlenwert die gleichförmige Zahl ergab, in defektiver 
Form der Berechnung zu Grunde gelegt worden wäre. 

Ebenso scheint Corssen die Größe der Zahl bedeutungsvoll zu sein. 
Nur schließt er auch hier wieder unter seiner Voraussetzung viel zu 
rasch, wenn er sagt: 4)aß aber der Name des Tieres, der dem Apo- 
kalyptiker vorschwebt, aus dem Babylonischen und nicht dem Griechischen 

II* 



»72 



staffimt, dafür spricht doch auch wohl, was Gunkel, ich weiü nicht aus 
welchem Grunde, nicht geltend gemacht hat, die Zahl 666 selbst'. Die 
Größe der Zahl beweist zunächst nur. dat bei ihrer Bildung Vorstell ung'en 
wirksam waren, deren allerletzte Wurzel in Babylonien gesucht werden 
kann. Daß aber der Apokalyptiker die Zahl in einem Namen empfangen 
oder aus einem Namen gewonnen habe, dürfte nur dann als sicher an- 
genommen werden, wenn sich keine andere Möglichkeit denken LeÜc. 
Dies ist aber nicht der Fall. 

Es ist mir immer aufs neue verwunderlich, daß die Erklärer, die 
sich um das Verständnis unserer Stelle bemühen, mit solcher Geschwin- 
digkeit an den Bemerkungen vorübergehen, die Irenäus zu unserer Stelle 
imacht Er fugt bekanntlich V 28. 2, wo er unsere Verse zitiert der 
Zahl 666 bei: in recapitulatJonem, univergae apostasiae ejus, quae facta 
est in sex millibus annonim, und er sagt zur weitem Erklärung; was 
Gen 2, 1 erzählt werde, sei ebenso Erzählung des einst Geschehenen: 
wie auch Weissagung des Zukünftigen. Die Welt werde nach ebenso 
vielen Jahrtausenden zum Ende kommen, als ihre Schöpfung Tage in 
Anspruch nahm. Denn wenn ein Tag des Herrn wie tausend, in 6 Tagen 
aber die gan2e Schöpfung vollendet worden sei, so leuchte ein, daß das 
Ende der Welt das sechstausendste Jahr sei. In C. 29 betont er dann 
noch einmal, die Namenszahl des Tieres entspreche der Tatsache, daß 
in dem Tiere alle Ungerechtigkeit und aller Betrug zusammengefaßt sei. 
und weist darauf hin, daß Noah 600 Jahre alt war, als die Sintflut kann, 
und die Bildsäule, die Nebukadnezar errichtete, 60 Ellen hoch und 
6 breit war. Und 30, i rekapituliert er nochmals seine Erklärung, die 
er als etwas Selbstverständliches anfuhrt: die gleichmäßig festgehaltene 
Zahl 6 bezeichne die Zusammenfassung alles Abfalls, sowohl dessen in 
der Anfangszeit, wie dessen in den mittleren Zeiten und dessen., der am 
Ende sein werde. 

Selbst Th. Zahn (Zeitschrift für ktrchl. Wissenschaft und kirchl. 
Leben 1885 S. 523 ff.) entnimmt dieser Stelle nur die Aussage, daü nach 
der Johannesschüler Ansicht 666 und nicht 616 zu lesen sei und der zu 
suchende Name ein griechischer sein müsse. Im übrigen aber betont 
er, dati Irenäus hier eine theologische Deutung gebe, die er zwar mit 
großer Zuversicht, ober ohne jede Berufung auf eine ältere Autorität 
vortrage. Und damit scheint sie für ihn erledigt zu sein, 

Ich wage nun nicht, mit Bestimmtheit zu behaupten, daß Irenäus 
genau die Motive nennt, die auch den Apokalyptiker bewogen haben. 
666 als Zahl des Tieres kundzutun. Immerhin sprechen meines Erachtens 



• 




E. Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 173 

folgende Gründe dafiir, Ireoaus' Auflassung mehr zu beachten, als üblich 
ist, und darin eine Erklärung der Zahl zu sehen, die vor allen bisher 
geäußerten immer noch den Vorzug verdient. 

Zuerst das: Unmittelbar nachher nennt Irenäus den Grund, warum 
der Stamm Dan Apc 7 nicht genannt werde, und seine Erklärung gibt 
einen trefflichen Beweis dafür, daß ihm die apokalyptische Tradition 
und Denkungsweise noch geläußg ist 

Nicht minder wichtig ist aber, daß mit seiner Betrachtung über die 
Zahl die Bedeutung, welche die Zahlen und besonders die Sechszahl in 
der Apokalypse selber haben, im besten Einklang steht Was 20, 1 ff. 
erzählt wird, beruht auf der Erwartung, daÜ nach Vollendung des 
6000jährigen Weltlaufes die Herrschaft der gottfeindlichen Macht zu 
Ende sein und das Reich Gtottes anbrechen werde. Und wenn beim 
Klange der siebenten Posaime ii,i5ff. der Ruf ertönt: ^y^vcto ^ ßaaXda 
ToO KÖCfiou ToO KUpfou ^^iiJLiv ktX. luid die Ältesten Gott danken: öti 
eTXiTpac t^v fcuvajifv cou ktX., so treffen wir auch hier wieder die Er- 
wartung, daß nach Vollendung der 6 mit Anbruch der 7 das Reich der 
Weltmacht zu Ende sein werde. 

Daß wirklich die Zahl nicht einfach durch die Umwandlung eines 
Namens in Züfem entstanden ist, sondern auf Grund von Erwägungen, 
wie sie Irenäus mitteilt, dafür spricht endlich neben der Größe der Zahl 
der ganze Charakter des Buches. Mit Recht betont Corssen aufs neue, 
,daß der Apokalyptiker nicht mit willkürlichen Phantasien die Zeit- 
geschichte allegorisier^ sondern daß er mit überlieferten Vorstellungen 
arbeitet', S. 341. Die gewöhnliche Erklärung des Verses, nach der die 
Zahl die Verkleidung eines Namens ist, die Verfasser und Leser kennen, 
gehört nun aber eben dieser Aufl'assung des Buches an, gegen die sich 
Corssen wendet. Der Apokalyptiker ist nicht ein Rätselschreiber, der, 
was er seinen Lesern zu sagen hat, aus irgend einem Grunde hinter eine 
Zahl versteckt, sondern ein Mann, der Aufschluß über die Zukunft geben 
will. Er teilt Prophezeiungen mit, an die er selber glaubt. Und er 
glaubt daran, weil er alte ehrwürdige Traditionen wiedergiebt, und weil 
sich ihm auch das, was an seinen Prophezeiungen scheinbar neu ist, durch 
Kombination und Folgerung aus den alten Weissagungen eichen hat 

Auf diesem Wege gelangte er zu den Weissagungen von den zwei 
Zeugen, der letzten halben Jahrwoche, den Tieren, den 7 Häuptern, den 
10 Hörnern u. s. w. Er hat alle diese Großen nicht erfunden, wohl 
aber gruppiert und kombiniert und so ihnen einen neuen, fiir seine 2^it 
bedeutsamen Sinn abzugewinnen versucht 



1^4 £• Vischer, Die Zahl 666 Apc 13, 18. 

Und zu diesem so gewonnenen und verwerteten Matcriale gehört 
ohne Zwdfel auch die Zahl 666. 

Die Verwertung der Prophezeiungen, die der Apokalyptürer mitteilt, 
bestand nun darin, da& man in den mannigfachen Gestalten und Vor- 
gängen und Zeichen Erscheinungen der immer mehr zur G^enwart 
werdenden Zukunft erkannte. Wie weit sich der Mann, dessen Hand 
wir die Weissagungen in ihrer vorliegenden Gestalt verdanken, selbst an 
dieser Deutung versucht hat, ist schwer zu sagen. 

Durch Irenäus erfahren wir, daß zu seiner Zeit alle möglichen Namen 
auf ihre Übereinstiniraung mit der Zfihl 666 geprüft wurden, ja da& man 
in gewissen Kreisen 616 zu lesen geneigt war, weil sich so Überein- 
stimmung mit einem vermuteten Namen ergab. Diese Versuche, Namen 
zu finden, auf die die 2^hl paßte, werden schon früh begonnen haben. 
Und es ist nicht unmöglich, daß der Mann, der zuerst die Zahl in den 
Zusammenhang fugte, selber sofort nach einem Namen gesucht hat, der 
die Bedingung erfiillte. Ja es ist möglich, daß sich Spuren einer Deutung 
auf eine bestimmte Person, etwa auf Nero, im Buche selber nachweisen 
lassen. Bis jetzt ist dieser Nachweis freilich noch nicht vollkoinmai 
gelungen. Und vor allem nicht der, daß derartige Spuren einer Deutui^ 
nicht erst nachträglich eingetragen worden sind. 

Aber selbst wenn der Nachweis gelänge, ist es m. E. verkehrt^ die 
Lösung des Rätsels darin zu sehen, daß man ein Wort sucht und findet, 
dessen Zahlenwert — 666 ist Und zwar nicht blos deshalb, weil ach, 
wie schon Irenäus sagt, mit Leichtigkeit viele Namen finden lassen, die 
diese Bedingung erfüllen, Übereinstimmung der Zahlen also absolut kein 
Beweis der richtigen Lösung ist, sondern vor allem deshalb, weil es zum 
Wesen dieser wie der übrigen Prophezeiungen unseres Buches gehört, 
daß ganz entgegengesetzte Lösungen köimen gefunden werden. 



[Abgeichtoiun am 15. April igo].] 



Eb. Nestle, Eine lateinische Evangelienhandschrift des X. Jahrhunderts. 175 



Miscellen. 



Eine lateinische Evangelienhandschrift des X. Jahrhunderts. 

Eine lateinische Evangelienhandschrift, (Be g^enwärtig der Buch- 
händler H. Kerler in Ulm zum Verkauf ausbietet^ ist von ihrem früheren 
Besitzer dem X. Jahrhundert zugewiesen. Ah dieser Altersbestimmung 
zu zweifeln, hat der Unterzeichnete keinen Grund. Evangelienhand- 
schriften dieses Alters kommen höchst selten zum Verkauf. 

Die vorhegende ist wundervoll ausgestattet und mit Ausnahme der 
nachstehend veizeichneten Lücken vorzügUch erhalten. 

1. Im Eingang fehlen einige Blätter, welche wahrscheinlich den Brief 
des Eusebius an Carpian enthielten; auf dem letzten fehlenden Blatt stand 
allem nach eine prächt^e Miniatur, und auf der Rücksäte sicher die 
erste Seite der Canonestafeln. 

Die übrigen Canonestafeln BL i — 6 sind vollständig (von Canon I 
Mt CCLXXXm - Joh 6, 3 an). 

2. BL 7' ohne Überschrift Sciendum tarnen — W[ordsworth-]W[hite] 5 '. 

3. Auf derselben Seite Prologus quatuor evangeUorum, beginnend 
Flures fuisse -= W-W p. 11 ff. Leider fehlen zwischen Bl. 7 u. 8 wieder 
dnige (2) Blätter (von ser[mone 12, 6 bis erat] et 14, 5/6). (Von 10 Hdss. 
in W-W hat die Lesart viris statt vivis nur K mit unserer Hds. ge- 
meinsam). 

4. BL 8' Argumentum, beg. Matheus ex Judea -= W-W 15—17. 

5. BL 8' Capitula, beg. Nativitas — W-W 19, Sp. 3 aus 7 Hdss.; in 
unserer Hds. mehrere bei W-W nicht bezeugte Lesarten. 

6. BL 10» Prefacio Hieronimi Prespiteri: Beatissimo Papae Damaso, 
mit schöner Initiale — > W-W i. 

Der Schluß von in quarto tres (W-W 3, 3i) mit einem jetzt zwischen 
10 u. II fehlenden Blatt weggeschnitten, auf dessen Rückseite wahr- 

t Die Leurt Urnen htt bei W-W nnr cod. K; ftbei uidere Hd»., die tie haben. 
■. neustens Berger*! memoire posthome (Acad. de> lotci. XI, a. 1903 S. 54). 



176 Eb- N eitle. Eine lateiniscbe Evangdienhandschrift Aea X. Jahrhinidcra . 

scJicinlich wieder eine große Miniatur war. Als Überschrift hatte die 
Rückseite den Anfang eines Hexameters, dessen Schluß TRAMITE 
MORES auf Bl. 11" über dem vmndervoll verschlungenen Liber gene- 
rationis steht; die letzten Buchstaben TV können auf dem kleinen Bruch- 
stück der Rückseite noch gelesen werden. 

7. Bl. 11' Die ganze Vorderseite ist durch die auf Purpur 
in Goldumrahmung ausgeführte VerschdÖrkelußg Liber gene- 
rationis aufgefüllt. 

Der Text des Ev Matthäi ist voJlständig. Am Rand von 
BL 17 ist ein Stück Pergament sorgfältig ausgeschnitten, das auf dem 
Verso die Signatur I. vielleicht auch sonst einen Eintrag gehabt haben 
wird. Es !ä&t sich wenigstens sonst kein Grund denken, warum das 
Stitck weggeschnitten worden sein sollte. 

Die ganz oder teilweis noch erhaltenen Signaturen sind stets auf 
der Kehrseite des Blattes. (Bei der Paginterung ist von 180 auf 182 
übcrgcspningcTi; die Handschrift hat also in Wirklichkeit nur igS Blatter). 

8. Bl. 60" Prefacio zu Mc = W-W 171. 

9. Bl. Ol" Capitula — W-W 174 ff, Sp. 2. Bei W-W nur aus 4 Hdss. 
Der Schluß der Capitula (bei W-W 1S6. XUI) und der Anfang des 

Mc bis I, II de) caclis ist zwischen Bl. 62/3 ausgeschnitten (i BL). Die 
Canones^alUen am Schlüsse des Marcus stimmen zu K in der von W-W 
S, 188 mitgeteilten TabeSle, 

10. Bt. 95' Praefatio zu Lukas: Lucas Syrus Adtiocensis = W-W269^ 
U, Bl. 90* [Capitula] = W-W 274 ff. 2 Sp,, die für diesen Text 

nur cod. C u. die Druckausgabe des Thomasius zur Verfugung hatten. 

Bl, lor weiß; hierauf i Bl. weggeschnitten mit BL i, i — 10 
orans] fui. 

Auf Bl. 102' schrieb eine ungeübte Hand im Jahre 1794 die für die 
Lokalisierung der Hds. wichtigen, aber mir noch rätselhaften Worte:: 

Anno 1794 den 5 octobris seynt die Frajicosen in Dansweiler ge- 
kommen und haben alles geblüntert. 

Auf der vorhergehenden weißen Seite wiederholte sie dies niüt der 
Erweiterung; 

Anno 1794 den 5 octobris se)md die Francoscn in Dansweücr 
kommen und haben alles geblündert, und den 7. octobris seind 1 1 rege- 
menter reuter und draoner in den Walt pj gekommen und den za octo- 
bris auügcEogen und in die Kanlenierung gelegt worden auffs hintere 



■ Oluic nUione e. Berg« L c {>. jS. 




Eb. Nestle, Eine lateinische Evangelieohandschrift des X. Jahrhuoderts. 177 

Manschen (?) gegen Bolheim Pommeler (?) Buschbell hüchlen sprechen 
Bachum gleuel.^ 

12. Bl. 156' Prologus zu Joh « W-W 485. 

13. Bl. 157' Breviar. Evang. sec. Joh — W-W 4936". mittlere Spalte. 
Durch Wegschneiden eines Blattes fehlt der Schluß von X ab (W-W 402 
et [quod multi. Dagegen ist der Text des vierten Evangeliums voll- 
ständig, mit einem über die ganze erste Seite berunterreichenden J. 
Über dem Text in Rot der Schluß eines Hexameters 

Verbo petit alta Johannes, 
dessen Anfang auf dem ausgeschnittenen Blatt gestanden haben muß. 

14. Bl. 19S u. 199 Capitulare Evangeliorum per circulum anni. Be- 
ginnend mit der Vigilia nativitatis und reichend bis Samstag der vierten 
Woche nach Theophania. Die aufgeführten Heiligentage sind 14. Jan. 
s. Felicis in ptneis, 16. Marcelli mart. 18. scae Friscae [20 2^ahl weg- 
gerissen] Sebastiani und Fabiani, 2i. Agnetis de Passione, 22. Vincentü 

Ein Schluß auf die Heimat der Hds. laßt sich wohl aus diesen Daten 
nicht ziehen. 

Schon das Mitgeteilte zeigt, daß die Hds. hohen Wert hat und 
eine vollständige Kollation verdient. Dies bestätigt eine Verglei- 
chung, die ich zum Teil angestellt habe. Die Handschrift bietet Les- 
arten, die bei W-W noch gar nicht vertreten sind, z. B. in 
Mt I, 6. 7, die Schreibung Salemon zweimal; und daß das kein gewöhn- 
licher Schreibfehler, zeigt 6, 2ft wo der Schreiber zuerst Salomon ge- 
schrieben hatte, dann das erste o durch untersetzten Funkt tilgte und 
e darüber schrieb. V. 17 post transmigrationem 18 mater Jesu; v. 19 
cm: vir eius (von erster Hand); 2, loomnis enim arbor; 3, 130m Jesus 
5, 48 ei^o et vos; 7, 11 cum vos. 

Eine andre Reihe Lesarten, die bei W-W nur von einer ein- 
zigen Hds. bezeugt sind, werden durch die unsrige vertreten: 5, 18 die 
Weglassung von quippe, 7, 29 von eos; beides bei W-W nurR; 9, 30 eis 
statt Ulis bei W-W nur ER; i<^ 11 autem bei W-W nur HGW; 9, 13 
der Zusatz in paenitentiam bei W-W gar nicht, nur ad paen. bei H6Q. 

Ein merkwürdiges, sehr lehrreiches Mißgeschick ist dem 
Schreiber in dem Geschlechtsregister Lc 3 begegnet. Hier folgen bei 

I Die letzten Worte dietei Eintragt sind guu unklar; anch die mit (?) venelienen 
sind nicht gint sicher En lesen. Im Gemeinden erseichnis des deutschen Reichs giht es 
kein ,4}«nsweiler" nnd nur ein „Bolheim" bei Heidenheim in Württembei^. Du kann 
aber nicht gemeint sein, da im Oktober 1794 nach Martens' Württembergischer Kriegs- 
geschichte dort keine Franzosen varen. Ob an „Densweiler" bei Bergsabem und „Bell- 
heim" bei Gennexsbeim zn denken ist? 




lestle, Kine Isteinische E van g elienhasdscMm d« X. JahrbuiKleirtSL 



ihm auf die Namen v. 23 — 2Ö Heli bis loseth (so nur zwei Hdss, bei 
W-W) die Namen 2g — 31 Levi bis Matthata, dann in der zweiten Spalte 
26 — 39 loda bis Ma'that (so) und 33 — 35 ludae bis Falech; auf BL 109 
geht es in der ersten Spalte weiter von 31 Nathan bis 33 Phares, Cainaj», 
Enos, in der zweiten Spalte von 35 Eber bis Dei. Daraus er]^bt sich, 
wenn wir von der Versetzung der Namen Cainan Enos absehen, daD 
der Schreiber eine Vorlage hatte, die in zwei Spalten geschrieben auf 
der ersten Seite in der ersten Spalte mit loseth, in der zweiten mit 
Matthat schloß, auf der zweiten Seite mit Levi und ludae begann. Statt 
nun von der ersten Spalte der ersten Seite zu ihrer zweiten überzugehen, 
ging er in der ersten Spalte der nächsten Seite weiter und brachte da- 
f durch die gatxzt Liste in Verwirrung. Da die Zalil der vor dem X, Jahr- 
hundert geschriebenen und noch erhaltenen EvangeUenhandschriften 
nicht zu groß ist, wäre es hübscli, wenn auf diese einfache Weise die 
Vorlage unserer Handschrift noch nachgewiesen werden könnte; ebenso 
die etwaige Abstammung anderer Handschriften von unserem Kodex. 
Welche Wichtigkeit sie für die Textkritik hat, möge noch 
ein Beispiel aus dem Prolog zu Johannes zeigen. Hier scheiden sich 
die Hdss. bei W-W in zwei Klassen; die wenigeren aber besseren {sechs 
an der Zahl) haben einen Satz» der in den 13 anderen und den Druck- 
ausgaben fehlt. Er fehlt auch in unserer Hds., ist aber von gleich- 
zeitiger Hand am Rande nachgetragen, und zwar mit der Lesart demon- 
strat, die nur cod E bei W-W hat; auch schrieb der Schreiber ursprung- 
hch apta statt acta. In 487, 4 teilt unsre Hds. die Umstellung a nobis 
per sing, nur mit I, V. 5 coUocatio nur mit JQ; 48Ö, 2 ist fehlerhaftes in- 
uitatis ihr eigentümlich. Man sieht, sie geht mit keiner der durch W-W 
bekannt gewordenen Handschriften oder Klassen, verdient also um so 
mehr vollständige Vergleichimg, die bei ihrer schönen Schrift und guten 
Erhaltung das reinste Vergnügen wäre. 

Über den künstlerischen Wert der Ausschmückung steht mir kein 
Urteil zu. Sehr hübsch ist wie Bl. 4' durch Einfügung einer Mittelsaule 
aus den drei Bogenhallen für die Kanones vier gemacht wurden. Sehr 
mannigfaltig sind die Kapitelle; Bl. i. 2 Bluraenomamente, 2. 3 Menschen- 
köpfe, 3. 4 Vögel u. s, w. Interessant daÜ die Kanoneszahlen bis zum 
achten in Gruppen von vier, von da ab in solclie von fünf Zahlen ge- 
ordnet sind. 

Über ihre Heimat kann der Unterzeichnete nichts sagen. Ilire 
praclitigc Ausschmückung beweist, daQ sie für eine reiche Kirche oder 
Persönlichkeit hergestellt worden sein muü. Jetzt steckt die Handschrift 



D. G. Linder, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 179 

in einem Holzband des XV. (?) Jahrhunderts. Der frühere Besitzer hat 
für sie eine schöne Kapsel machen lassen. 

Maulbrotui, Juli 1902. 

Eb. Nestle. 



Zur Salbung Jesu in Bethanien. 
I. 

Gewiß hat Dr. £. Freuschen Recht, wenn er (Heft UI, 1902 dieser 
Zeitschrift pag. 252 u. 353) postuliert, daß die Salbung zur Trauerfeier- 
lichkeit gehöre. Aber die angeführte Parallele in der Cena des Trimalchio 
kann ich nicht als solche gelten lassen, da es sich ja in der Cena um 
eine Salbung, die an den Gästen vollzogen wird, handelt, während in den 
vier Evangelien eine Salbung des Leibes des bald sterbenden Jesus er- 
zählt und diese Salbung auf das künftige Begräbnis gedeutet wird. Es 
kann also nicht in dem Sinne der Cena von einer Beziehung der evan- 
gelischen Erzählung auf den römischen Brauch die Rede sein. 

Mir ist bei den Johannesforschungen und anläßlich der Lektüre von 
Hasenclever: ,X>ei altchristliche Gräberschmuck" ein andrer, auch heid- 
nischer Brauch aufgefallen, weil er geeignet ist, die evangelische Er- 
zählung von der Salbung Jesu und von der Deutung, die Jesus dieser 
Salbung gibt, zu beleuchten. Es ist dies die Verwendung der Xi^kuSoi. 
Über dieselben sagt Hasenclever da, wo er vom Begräbniswesen der 
Griechen redet, folgendes: 

pag. 2/. „Die Leiche stellte man vor der Bestattung öffentlich aus 
und umgab sie mit jenen Salbflaschen (Xi^kuSoi), welche auch oft in den 
Gräbern aufgestellt werden. (Cf. Benndorf: Griechische und Sicilische 
Vasenbilder Taf. 14 ff-)". 

pag. 28. „So zeigen auch die betreffenden Denkmäler meist die 
Darbringung von Kränzen, Tänien und Salbgefäßen". 

pag. 31. JFür die Ausstattung des Grabes direkt angefertigt wurden 
augenscheinlich nur die allerdings sehr häufigen Xyjicufloi, welche schon 
bei der Ausstellung des Toten ihm zur Seite standen. Benndorf hat 
überzeugend nachgewiesen, wie gerade die weißen, mit leichter bunter 
Bemalung versehenen Lekythoi diesem Zwecke dienten, denn ihre Bilder 
zeigen meist Szenen stiller Trauer und eines poetischen Kultus an den 
Gräbern". 



]8o 



O. G. Linder. Zur S^bUDg Jesu in Bcthaniea. 




p. 31. „Da die Mehreahl dieser Lekythoi mit zerbrochenem Boden 
aufgefunden wurde, so hat man ntit Recht geschlossen, dal^ aus dieses 
Gefalicn, welche bei der Prgtlieais Salben und Wohlgerüche eathieltea. 
in das Grab selbst solche Stoffe gespendet wurden, worauf man die Gc- 
fa£le terbracli, da überhaupt nichts, was bei der Totenfeier gedient Ei3,tte. 
von den Lebenden weiter gebraucht werden durfte. Nach Stackeiberg 
(Gräber der Hellenen, S. 37) rührt das Zerbrocheosein vieler Lekj'thoi 
daher, dall sie auf den ScheiterEiaufen gestellt und mit verbrannt wurden, 
wovon noch Anzeichen vorhanden sein sollen. Dies mag in einzelnen 
Fällen sein, aber es ßnden sich solche Reste von LekyÜioi auch massen- 
weise in Gräbern, in welchen unsweifelhaft unverbrannte Leichname bei- 
gesetzt waren". 

pag. 32. „Wie innig die erwähnten Lekythoi mit dem Gräberk 
in Verbindung standen, zeigt der Umstand, dall ihre Form oft fiirGral^' 
steine gewählt wurde". 

Dieser Brauch, SalbgeCäüe bei der Ausstellung der Leiche auEzu* 
stellen und dieselben dann in 2erbrochnem Zustande beim Begräbnis 
neben die Leiche zu stellen, scheint rnir nun auf die evangelische £r- 
zähiung der Salbung Jesu gut anwendbar, und die Deutung „auf mein 
Begräbnis", „zu salben meinen Leib auf das Begräbnis hin", die Jesusj 
selbst der Salbung gibt, z,umal aber das ohne diese Voraussetzung un- 
verständlich gebliebene: „Laß sie doch, daß sie Solches behalte zum 
Tage meines Begräbnisses" bei Johannes palit sehr gut zu jenem griecht' 
sehen Brauch der Lekythoi, bei dem man unterscheidet die Frothesis 
(Ausstellung) der Leiche und das Begräbnis der Leiche. 

K& ergibt sich fllr die Salbung Jesu folgender Sinn-, 

Maria aerbriclit ein Salbenglas und salbt damit Jesum als einen dem 
Tode Nahen, salbt gleichsam seinen Leichnam, wie zur Prothesis, behält 
aber das verbrochene Glas, um es dann beim Begräbnis Jesu bei der 
Leiche aufzustellen zum Zeichen, wie er geehrt worden. Darin eben 
liegt der tiefe Sinn und das von Jesu so wohl verstandne innige Fülilen 
der Maria bei ihrem Tun, dali sie — unter Voraussetzung der im jüdi- 
schen Lande damals bekannten griechischen Sitte — Jesum als den 
bald Sterbenden ehrt und auch zum Begräbnis noch ehren will. — 
Gerade das Johannesevangelium hat den Sinn der Salbung am treuesten 
bewahrt. — 

Es wäre zum bessemVerständnis wünschenswert, zuwissen, inweicher 
Weise die Lek)'tltoi zerbrochen wurden, resp. wie die aufgefundnen 
Lekythoi den „zerbrochnen Boden" zeigen, ob das Zerbrechen durch 




D. G. Linder, Oscar Holtzmano, Zur Salbung: Jesu in Bethanien. iSt 

Schlagen oder durch Drücken geschehen u. dg^. Jedenfalls mußte die 
Art des Zeriirechens doch so geschehen, daß der Leib des zu Salbea- 
den und auch der Salbende selbst dabd nicht veiietzt wurden. Viel- 
leicht geben uns die Altertumskenner hierüber nähern Aufschluß. Wahr- 
scheinlich war der Boden des GePäßes so beschaffen, daß er, wie ein 
Flaschenhals, leicht zerbrochen werden konnte. 

In der Annäherung der Salbung in den Evangelien an den Brauch 
der Lekythoi bei den Griechen liegt meines Erachtens die Parallele, die 
die von Dr. K Preuschen empfundene Schwierigkeit zu heben im 
Stande ist 

Lausanne. D. G. Linder. 



IL 

Jahrgang IS. (1902), S. 252. 253 hat der Herr Herausgeber die 
jüdische Sitte der Salbung der Toten für die Zeit Jesu bezweifelt. Dazu 
kann ich jetzt auf meine Schrift ,War Jesus Ekstatiker?* (Tübingen- 
Leipzig' 1903) S. 106 verweisen. Leider vergaß ich hier eine Stelle der 
Mischna anzuführen. Schabbat 23, 5 heißt es: 7?? nsn ^3^? '73 J^fjf 
liniK V^TT^l = ,man erfüllt alle Pflichten gegen den Toten, salbt und 
wäscht ihn'. Zu V?9 vergL im AT Ezech 16, 9, II Chron 28, 15, reflex. 
II Sam 14, 2, Mich 6, 15, Dt 28, 40, Ruth 3, 3, Dan 10, 3. Die richtige 
Körperpflege, wie sie auch dem Toten als letzte Ehre gebührt, besteht 
in Waschung und Salbung Ezech 16, 9, Ruth 3, 3, Mat 6, 17. Es ist 
also, ganz abgesehen von den Evangelienstellen, nicht richtig, daß ,von 
einem Salben der Leichen in Israel nichts bekannt ist'.' 

Gießen. Oscar Holtzmann. 



m. 

In Heft 3, S. 252 f. des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift hat der 
Herausgeber E. Preuschen, die beachtenswerte Beobachtung gemacht, 
daß mit dem Ausdruck pupfcai Mk 14, 8 vermutlich auf einen römischen 
Brauch Bezug genommen werde, da von einem Salben der Leichen in 



' Zu dieter, dem Herrn Heransgeber ror Ansgabe von Heft I des Jahrg. IV über- 
mittelten Notii füge ich jetzt (10. Man 1903) noch folgende Stellen hinza, \felche die 
Zosammengeh&rigkeit von Baden und Salben auch für Au spätere Judentum erweisen: 
Judit l<^ 3, Stuanna (Theodoti^ 17, Mischna : Joma 8, i, Taanith i, 4—6. 



iSz K. G. Goetz, Zar SalbiBis Jen in BedanicB. 

Israel xmat nichts bekannt sd; weshalb wcM Vt 26,1$ statt F"f"fp'. 
irp6c TÖ ivToipidan stehe. 

Gesetzt mm, dat diese Beobachbing zutreffend wäre, wie es mir 
der Hauptsache nach scheinen will, so müfitc äe unbedtngt aocb (£e 
angeblich von den Weibern am Ostennotgen beabsicht^te Saüjaog des 
Leibes Christi treffen. Und meines Eracfatens bieten sich auch schere 
Anhaltspunkte für die Erkenntnis, dafi dort ebenso die Absicfat der 
Salbung des Leichnams nicht ursprünglich ist. Was nicfat ohne Wkditigiwit 
sein dürfte für die Feststellung des geschicfatlichen Kernes der Auf- 
erstehungsbericbte unserer Evangelien. 

Auch bei der Eizahtung der Auferstehung ist es wie bei der Salbungs- 
geschichte wieder allein Mk, der 16, l den Weibem die Absteht unter* 
legt: ^öpocov dpiEtfurra tva ^OoCon dXcti|Niiav oOtöv. tat 28, i bericJitet 
nur von der Absicht der Weiber O&upncoi töv rdqiov. Und Lk erwähnt 
wohl 23, 56 ^of|iacav ^Mufutra Kcd MÜpa, sagt aber 24, 1 Uoß: ifXOov 
9£poucxd & ttToitmcav dptli^oTa. Von der Absicht der Salbung steht 
auch bd ihm nicht ein Wort Somit scheint es also ganz wohl m^lich, 
daA Mk auch an dieser Stelle die Salbung des Leichnams aus Unkenntnis 
der jüdischen Sitte oder in Anpassung an die Votstellungen sdner Leser 
eingetragen hat Indessen vrird man wohl einwenden, was deim die 
Weiber am Grabe mit den Spezereien hätten anderes wollen köimcn als 
die Salbung der Leiche Jesu; denn dai^ sie Spezereien dorthin brachten, 
dürfte nach den Berichten des Mk und Lk feststehen. 

Das Nächstliegende ist zu denken, da& ^e die Spezerden in die 
Leichentücher mit dem Leichnam einbinden wollten, wie es Joh ig, 40 
ausdrücklich als jüdische Sitte berichtet: Kot {t)t]C(iv aÖTÖ dÖövioic (ietü 
Tii>v dpuifidruiv, icaSibc £6oc Icriv rote loubaioic ivratpiättv/. Allein davon 
wird bei den Synoptikern nichts gesagt. Und man sollte fast denken, 
so etwas könne wohl gldch nach dem Tode geschehen, aber wegen 
der schneiten Verwesung der Ldchen im Süden am dritten Tage nach 
dem Tode kaum mehr beabsichtigt gewesen sein. Aber was sonst? 

Wir erfahren im AT (IL Chron 16, 14, 21, 19, Jerem 34, 5, veig^ 
Benzinger, Hebt. ArchäoL S. 166, 163) sowohl vom Füllen der Lager- 
statt des Toten mit Spezereien als vom Verbrennen von solchen zum 
Totenopfer. Ist nun jenes als Absicht der Weiber am Ostermoigen der 
schnell fortschreitenden Verwesung halber nicht wohl annehmbar, so ist 
die Absicht der Weiber vielleicht dieses gewesen. 

Für ein Totenopfer sprechen in der Tat mehrere Umstände. Das 
l*etruscvangelium berichtet, die Weiber hätten die Absicht gehabt die 



K. G. Goetz, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 1S3 

übliche, aber am Grabe des Herrn unterlassene Totenklage nachzuholen, 
jedoch gefürchtet, sie mochten wegen der Größe des Steines nicht zu- 
kommen, sich nicht neben den Leichnam setzen und ihre Schuldigkeit 
tun können, und seien deshalb Willens gewesen, wenigstens auf den 
Eingang zu schütten, was sie brächten, zu seinem Gedächtnis: kSv ItA 
Tf\c 6upac ßdXuiMCv & (p^pofiev ctc iivripocöviiv aüroö. Irre ich nun nicht, 
so bezieht sich der letztere Satz eben auf ein Opfer aus Spezereien 
zum Gedächtnis (vergl. Sir 45, 16 Oupiafia xal eOiubiav ek fivr]fxöcuvov, 
Lev 10, 1 ^TülßaXov iii' avxb fluniana, ebenso Num 16, 18) (ur den Toten, 
wie es altjüdische Sitte war. Darum mag aber auch die wirkliche Ab- 
sicht des Weibes so etwas gewesen sein. 

Weiterhin paßt meines Bedünkens die Handlung des Herab- 
schüttens bei der Salbung in Bethanien {Mk 14, 3 ciwTp(v|;aca töv 
dXdßoCTpov [nöpou vdpöou] Karfxccv aÖToO -riic KcqKtXiic, Mt 26, 7 kot^- 
Xcev ^Tit TTJc Kcq)aXr)c aiiioü dvaKciM^vou) sehr gut als Vorbild eines 
Totenopfers. Desgleichen erinnert an dasselbe der dort getane Aus- 
spruch Jesu wenigstens bei Mt (26, 12 f. ßaXoOca t^P aöni tö fiöpov 
toCto itd ToO ciXp^aröc ^ov irpöc t6 ^vraqndcai pe ^Tioiricev . . . XaXr]- 
Qy^cetat Kai 8 dirodiccv oDtti eic Mvrmöcuvov . . .). Denn, was die 
Handlung betrifl^ so paßt das von der Salbe berichtete Ausschütten 
aufs Haupt gemß ungleich besser als Vorbild des Ausgießens der Wohl- 
gerüche über den Leib beim Totenopfer denn als Vorbild einer eigent- 
lichen Einbalsamierung des ganzen Leibes. Und was die Worte Jesu 
anlangt, so ist augenscheinlich, wie leicht an und für sich Ausdrucke 
wie ßaXoOca tiA t. cüifiaTÖc fiou, ^nofticev aDrri eEc mvtimöcuvov auf ein 
Gedächtnisopfer für den Toten gehen könnten. 

Freilich lesen wir bei Mt und Mk efc hvti(i6cuvov aötf^c, was auf 
eine Gedächtnishandlung für das Weib, nicht eine Gedächtnishandlung 
des Weibes fiir den Herrn deutet Und in Rücksicht auf die unmiß- 
verständliche Wortverbindung in Mk 14, 9 wird gewöhnlich auch in 
Mt 26, 12 eic ^v)1^6cuvov aürr^c mit XaXT^dt^cETat verbunden statt mit 
feTro(T]C€v, wie es eine Anpielung auf ein Gedächtnisopfer heischen würde. 
Doch darf gewiß niemand behaupten, daß die Verbindung des ent- 
legenen XciXTiOrjceTai mit eic ^VTl^öcuvov aörflc grammatisch bei Mt 
sehr natürlich und naheliegend ist. Allerdings steht der an sich 
natürlicheren Verbindung von ^noinccv a&rn mit dem unmittelbar 
folgenden eic fivtiMÖcuvov aöriic auch noch die Erwägung entgegen ,daß 
von einer Handlung des Weibes zu ihrem Gedächtnis dem weiteren 
Zusammenhang der ganzen Erzählung nach nicht geredet sein kann. 



i84 



K. G. Goetx, Zur Salbung Jesu in Betliaiiien. 



Aber der Wortstellung nach wäre jene Verbindung ebeo doch füf 
Mt viel einleuchtender. Und es fragt sich auch, ob jenes hinderliche 
lOOTflc 30 sicher ursprünglich und nicht erst vielleicht an Stelle eines 
'andern Fürwortes g^etretcn ist, als die Aussage Mt 26.13 ^i* jetzige 
Gestalt erhielt. Ist doch anerkanntenüatien (vcrgl H. j, Holtzmand 
H-Cj I, I, 172) die Aussage Mt 26, 13, Mk 14, 9 eine redaktioneUe Um- 
formung eines überlieferten Wortes Jesu. Weshalb auch ganz wohl 
möglich ist, daß in dem ursprünglichen Worte vom Tun jenes Weibes 
iu Jesu Gedächtnis geredet gewesen ist und nicht wie jetzt von einer 
Verkündigung ihrer Tat zu ihrem Gedächtnis. Ja dies ist sogar 
sichtlich das Wahrecheinliche- Denn andernfalls würde gewjU auch Mt 
die Wortstellung des Mk überliefert haben, welche Rir den jetzigen Sinn 
der Stelle die einzig natürliche ist, wälirend seine eigene die Verbindung 
der XaVtiÖiiceTai mit tk ixwrmbcuvov oöinc sehr erschwert. Sodann lädt 
das Fehlen deutlicher Spuren eines beabsichtigten Totenopfers in der 
Auferstehungeschichte gerade bei Mt und Mk von vomhereta vermuten. 
daß sie dieselben auch anderwo werden beseitigt oder verwischt haben. 
Es ist sogar gewili nicht zurälUg, daß Mk, der in den Auferstehungs- 
berichten bestimmt die Absicht einer Salbung; meldet und die eines 
Totenopfers völlig ausscliließt, auch in der Salbungsgeschichte den Hin- 
weis auf ein solches fast ganz zerstört und viel mehr unkenntlich gemacht 
hat als Mt; weil Mt in der Auferstehungsgeschichte zwar auch nichts 
mehr von dem beabsichtigten Totenopfer durchblicken laßt, wie es Lk 
tut, indem er das Mitbringen von Spezereien erwähnt ohne etwas von 
einer beabsichtigten Salbung zu sagen, aber doch wenigstens noch 
von dieser schweigt und also auch da mit der Überlieferung weniger 
frei umgeht als Mk. 

Scheint es demnach ziemlich sicher, daß bei der Salbung in 
Bethanien ursprünglich das Wort Jesu auf ein Totenopfer für ihn hin- 
gewiesen hat, und daß die Weiber am Ostermorgen desgleichen ein 
solches Opfer beabsichtigten, so fragt sich doch noch, was denn Mt 
und Mk fvergl. übrigens auch Job) kann bewogen haben, die Spuren 
des Totenopfers an beiden Orten so gänzlich zu verwischen oder zu 
tilgen. 

Da es sich bei der Salbu ngsgeschichte nur um einen vorbildlichen 
Hinweis handelt, so wird jedenfalls die Ursache der Abänderung des 
Ursprünglichen in der Auferstehungsgeschichte liegen, bezw. in der Art, 
wie Mt und Mk sich zu derselben stellten. Vermutlich ist ihre besondere 
Ansicht vom Vorgang der Auferstehung der Grund gewesen, weshalb 



1 




K. G. Goeti, Zur Salbung Jesu in Bethanien. 185 



sie die Überlieferung vom Hinweis auf ein Totenopfer, bezw. von der 
Absicht ein solches darzubringen unterdrückten. Welche besondere 
Meinung hinsichtlich der Auferstehung aber Mt und Mk so geleitet hat, 
ist leichter zu mutmaüen als zu beweisen. 

Es liegt nahe zu vermuten, daß sie den Weibern eine Absicht 
zuschreiben wollten, die bestimmter eine Öffnung und ein Betreten 
des Grabes verlangte, als es ein Totenopfer tat Darum hat auch 
möglicherweise Mk die Absicht der Salbung an Stelle der Absicht des 
Totenopfers gesetzt. Aber für Mt kann das nicht der Anlaß gewesen 
sein; da er die Frauen nur hingehen läßt, das Grab zu besehen. Doch 
ist auch bei ihm denkbar, daß die Erketuitnls der Auferstehung durch 
die Frauen bloß bei Abhaltung eines Gedachtnisopfers fiir dea Toten 
ihm zu wenig außerordentlich und kräftig, zu sehr dem Kommen des 
Herrn und seiner Gegenwart etwa auch bei der Abendmahlsfeier ähnlich 
scheinen mochte, und daß er darum jede Verbindung der Auferstehung 
Jesu mit der Darbringung eines Totenopfers von Spezereien zu seinem 
Gedächtnis beseitigt hat. Allein sicher beweisen läßt sich das wohl 
nicht mehr. Ein gelegentlicher Ausspruch des Ignatius, Eph 1^, i könnte 
hingegen vielleicht wenigstens den Zusammenhang der Auferstehungs- 
hoffnung mit dem durch die Salbung in Bethanien vorgebildeten Toten- 
opfer zu Christi Gedächtnis bestätigen; Ignatius läßt diese Salbung 
vom Herrn angenommen werden, damit er der Kirche Unverweslichkeit 
zuhauche (6iä toOto |uöpov JXaßev iiA rflc KeipaXfjc aöioO ö KÖpioc, tvo 
TTv£ij T^ iKK\ric(<j öcpGapctav). Ebenso spricht zu Gunsten eines Zu- 
sammenhangs der ersten Erkenntnis der Auferstehung mit einem von 
den Weibem dargebrachten Gedächtnisopfer, daß auch die übrigen Er- 
scheinungen des Auferstandenen mit Mahlzeiten der Jünger in Verbindung 
gebracht werden, wo vermutlich irgend ein Gedächtnis des Herrn beim 
Brotbrechen stattfand. Die dermaßen erhellende Walirscheinlichkeit aber, 
daß die erste Erkenntnis der Auferstehung in ziemlich ähnlicher Art 
und Weise sich vollzogen haben dürfte wie die übrigen und eigentlichen 
Erscheinungen des Auferstandenen, ist sicherlich sehr beachtenswert. 
Sie zeigt wohl den geschichtlichen Hintergrund der Berichte von der 
leiblichen Auferstehung Jesu an, welche die jetzigen Evangelien enthalten. 

Basel 

K. G. Goetz. 



Zeiucb;. f. d. oeulEil. Wiu, Jthtf. IV. 1993. 



]86 M. Förster, Nodimals Jcsa Ccbmt in eber HSUc 



Nochmals Jesu Gebart in einer HShle. 

E. Preuschen hat in dieser Zeitschrift Bd. m, S. 359 f. aus einer 
alten armenischen Evangelienübersetzuag ein sehr interessa n t e s Zeugnis 
daftir beigebracht, dafi Christi Geburt in einer Höhle erfolgt sei. Be- 
fremdlich scheint ihm indes die Ausdrucksweise des Armeniers, welche 
zwischen 'Höhle* und Haus' wechselt, sowie überhaupt die Tatsache der 
Verwendung von Höhlen zu Stallungen. \^elleicht sind die folgenden 
Bemeriaingen geeignet auch diese letzten Bedenken zu zerstreuen. 

Es darf als ein gesichertes Ergebnis der Prähistorie und ver- 
gleichenden Ethnographie angesehen werden, daß eine der ältesten 
Fonnen menschlicher Behausungen imterirdische Wohnungen sind, und 
zwar, je nach der Bodenbeschafienbei^ teils natüriiche oder künstliche 
Höhlen wie noch bei Lot und Homers Kyklopen, teils kesselformige 
Erdgruben mit einer Überdachung von geflochtenem Reisig und Lehm- 
bewurf. Diese Urform eihielt sich aus naheliegenden Gründen am 
längsten einmal bei der Behausung der Toten (Felsengräber und Grab- 
hügel) und andrerseits bei den Nebenräumen des Hauses wie z. B. Ställen 
und Vorratskammern — eine Tatsache, die sich auch in der etymo- 
log^hen Zusammengehörigkeit und der Bedeutung von nhd. f/aäe und 
ffoA/f und weiterhin altindisch ia/a 'Haus, Stall', griech. KctXid 'Hütte, 
Scheune', lat. ce//a 'Kammer, Keller* u. s. w. deutlich ausspricht. Vgl 
O. Schrader, Reallexikcn der indt^ermanischen Altertumskunde, Stras- 
burg 1901, S. 336fr, yg6ff., S^6ff. und M. Hoemes, Ui^eschichte des 
Menschen, Wien, 1892, S. 204 f. Speziell für Armenien ist uns ein 
solcher Zustand ausdrücklich bezeugt schon von Xenophon, Anab. IV, 
5,25: cd b' olidai ficav KaTärcioi, tö }iiv cröfxa ujcnep q>p^aToc, Kdruj 
b' eöpeiai- al bi cTcoboi toTc piv {nroZurfoic öpUKrai, oi bk ävSpumoi 
KQTißaivov tn\ KXInmtoc • ty bt rate ohdaic i^cav affcc, olcc, p6(c, SpyiOcc, 
Kai TÄ bcjbwa toötujv tä bi KTfjvri irävTa x'^V Ev6ov IjpiipovTO, wo 
also Menschen und Tiere in denselben unterirdischen Räumen unter- 
gebracht erscheinen, die schlechthin als 'Häuser* bezeichnet sind. In 
gebir^gen Teilen Armeniens sind solche unterirdischen 'Stall- Wohnungen' ', 
in denen Menschen und Tiere nur durch ein niedriges Flechtwerk ge- 
trennt sind, bis auf den heutigen Tag in Gebrauch und von verschie- 
denen Reisenden wie Ainsworth, Schweiger-Lerchenfeld, L. Sargsjan, 



> Du technische Wort dafür, armen. ^nJ" gim, kann ebensowohl mit <Han>' wie 
mit 'Stall' übersetel werden. 



^ M. För ster, Nochmals Jesu Geburt in einer Höhle. 187 

namentlich aber von Prof. Farsadan Ter-Mowsesjanz^ ausruhrllch be- 
schrieben und abgebildet. Im Lichte dieser Tatsachen betrachtet, kann 
nun die armenische Fassung von Mat 2, 9, insonderheit der Wechsel 
zwischen 'Höhle' und 'Haus', kaum mehr Bedenken erregen. 

Für die Beurteilung der Tradition von Jesu Geburt in einer Höhlen- 
stallung scheinen mir noch zwei weitere Momente in Betracht zu ziehen. 
Einmal der Umstand, daß Bethlehem am Rande eines Kalkstein-Plateaus 
liegt, dessen Material sehr zu natürlicher Höhlenbildung neigt und die 
kunstliche Anlage solcher ungemein begünstigt, wie in der Tat die 
Verwendung von Felshöhlen zu Verteidigungszwecken (bes. Rieht 6, 2), 
Vorratskammern und vor allem Begräbnisstätten (z. R Mat 27, 60) zu 
alter und neuer Zeit in Palästina hinreichend bezeugt ist (s. Weltzer- 
Weites Kirchenlexikon' s. v. Höhlen). Weiterhin ist zu beachten, daß 
Jesu Eltern nicht in einem Privathause Unterkunft fanden, sondern in 
einer öffentlichen 'Herberge', KaTäXu^a, eigentl. 'Ausspann* (Lk 2, 7), 
d. i. in einer Karawanserai, wo noch heutigen Tages die Unterbringung 
des Viehes eine ziemlich primitive zu sein pBegt, indem dasselbe ent- 
weder auf dem freien Hofe innerhalb des Arkadenviereckes verbleibt 
oder außerhalb desselben in angebauten Schuppen oder auch in Hölilen 
unteigestellt wird. Bei der Überfiillung der Karawanserai konnten Maria 
und Joseph offenbar nicht mehr Platz in den Arkaden selbst ünden, 
sondern mußten mit einem Hohlenstalle vorlieb nehmen. Eine (jetzt zur 
Kapelle erweiterte) Kalksteingrotte unterhalb der Marienkirche des 
heutigen Bct Lahm wird bekanntlich noch gegenwärtig als Geburtsstätte 
Christi gezeigt (s. Realencyclop. U^, 679 f.). 

Würzburg. 

Max Förster. 



I In leinem iottiukEiTeii Aufsatic "Du Armenische Banemhatis", bes. S. 165 1 
(-> MitteUungen der Anthropologischen GcseUtchaft in Wien, Bd. XXH [1893], S. 125—173). 



iz* 



i88 



Eb. Nestle, Zur Genealogie tu Lukas 3, 



Zur Genealogie in Lukas 3. 

Luther schreibt in der Vorrede auf das Buch Jesu Sirach: 

„Und scheinet, dass dieser Jesus Syrach sei gewcst aus dem könig- 
lichen Stamm Davids und ein Ncfl* oder Unckel Arnos Syrai/i. welcher 
der Oberst Fürst gewesen ist im Hause Juda, wie man aus PliUone mag 
nehmen, um die 200 Jahr vor Christi Geburt, ohngefahr bei der Macca- 
beei Zeiu" 

Lutlicr meint mit diesem Arnos Syracb den Arnos von Lc 3, 25, 
von welchem unsere neuesten Kommentare nichts weiter zu sagen wissen, 
als daß er nicht mit dem Propheten eieichen Namens identisch sei, 
ohne zu fragen, oh er seinen Namen wie dieser mit Aio und Samech 
oder, wie der Vater des Propheten Jesaia, mit Alef und Sade ge- 
schrieben habe. 

Luther wird seine Erkenntnis von Erasmus haben, aus dem in ^^^ 
Mattliew Pole Synopsis, die einem von den Bibliotheken entfernten 
Manne wie mir dicselljen ersetzen muß, die aber auch von manchen 
andern noch mit Nutecn eingesehen werden konnte, folgendes aus- 
gehotien ist: 

Et hunc — nämlich den Jarmai von Lc 3, 24 — et qui sequimtur, 
Pliilo testatur Israelitico functos imperio. Recensentur autem bis insigniti 
copiomentis, Janiwm secundus, Hirianni-, Joseph \mv^t, Arses; Matthatia, 
Siloa; Arnes, Shyrach; NaJciim. Maslot; Ht'sli, Aglai; Nagui, Artaxat; 
Maath. Äser; BUh, Mattlialias: Semei, Abnerj Joseph, priraus, Jud/ts, 
primus, Hircanus; Jana. Janneus primus. 

Aus Lukas von Brügge führt Pole noch an, daß dieser Philo nicht 
der bekannte sondern „Philo Annii" «sei. 

Ich will hier dem Beinamen Sirach und den andern nicht weiter 
nachgehen, sondern nur eine Mitteilung an diesen Arnos anknüpfen. 
Er fehlt mit seinem Vater In den zwei genealogischen Werken, die 
Lagarde kurz vor seinem Tod in dem zweiten Teil seiner Septuaginta- 
studicn so bequem zugänglich gemacht hat (GGAbh Bd. 38) ; von denen 
das eine die Örigo humani generis In Fricks Chronica nihtom auch 
denen zugangHch ist, die wie ich in der üblen Lage sind, Mommsens 
Ausgabe in den Monuraenta Germaniae nur vom Hörensagen zu kermen. 
Ab«r er fehlt nicht bloti da, sondern auch in den fünf altlatetnischen 
ITandschriflen a^cti*, und zwar wie Wordsworth-Wbite bemerken, srn^ 
aiictorilnle graeca. Und nach seinem Sohn Nahum fehlen in diesen 
genealogischen Werken wieder drei Namen unseres griccliischen Textes, 



i 



Eb. Nestle, Zur Genealogie in Lukas 3. 1S9 



und von diesen fehlt wieder einer, und wiederum situ auctoritate graeca, 
nach W-W in den genannten fünf altlateinischen Handschriften; und 
da auf zweier oder dreier Zeugen Mund eine Sache bestehen soll, so 
fehlt 3) in diesen Werken in V. 31 der Name Melea, und fehlt wiederum 
in den Handschriften abel*r\ c, den ich nur nach Sabatier benützen 
kann, hat ihn in diesem Fall. Aus diesen Daten scheint mir ein Doppeltes 
mit Sicherheit zu folgen i) diese genealogischen Werke und die ge- 
nannten Bibelhandschriften haben dieselbe Heimat; 2) was noch viel 
wichtiger ist, diese 4 — 5 altlateimschen Bibeüiandsckriften gehen auf das- 
selbe Exemplar sttrück. Diese Handschriften sind aber bisher von denen, 
welche die altlateinische Bibel studiert haben, den verscldedensten Familien 
zugeschrieben worden: diese Ansicht wird also nach dem Mitgeteilten 
gründlich revidiert werden müssen. Ich erlaube mir die Kleinigkeit zu 
veröffentlichen, weil sie mir ein erfreuliches Beispiel für die Wichtigkeit 
der Eigennamen in Sachen der Textkritik ist, auf die ich in metner 
Einführung ins Gr. NT. solchen Nachdruck legte, und weil neuerdings 
auch E. V. Dobschütz (Th. Lz. 1902, No. 25) hervorgehoben hat, daß 
es doch auch für die lateinische Bibel das Wahrscheinlichste sei, daß 
eine ursprüngliche Übersetzung durch sprachliche Korrekturen und 
Revisionen an der Hand des Originales (bezw. verschiedener Textformen 
des Originales) zu einer großen Anzahl oft auffallend differierender 
Versionen umgestaltet worden ist. Mit diesem Beispiel bitte ich das 
zusammenzuhalten, was Lagarde am Schluß der genannten Veröffent- 
lichung über ihren Zweck und etwaigen Nutzen ausgesprochen hat' 

Maulbronn. Eb. Nestle. 



I Nur aater dem Striche gebe ich meinem Bedauern über die Dürftigkeit Ausdruck, 
mit der in den neuesten Auflagen unsrer dentichen Kommentare, die in diesen Listen 
vorliegenden Probleme behandelt sind. 



igo 



A. Sulfbacb, Die ScblSssel des Himmdreicbs. 



.Die Schtüss«! des Himmelreichs." 



Im Morgenbl. No. 306 der „Frankf, Ztg." veroflentiicht WoJ/g-aH^ 
Kirchhach einen seinem grösseren Werke entnommenen Aufsat2 unter 
dem Titel „Die Scliliissel des Himmelreichs," in welclicm er nachzu- 
weisen sucht, daU die bisherige Interpretation des Wortes K^ttc, Ev. 
Mattli. 16, iS, als „Schlüssel" oder die Rückübersetzung in mnriBa eine 
falsche sei. Denn dem Volke, vor dem diese Worte gesprochen 
wurden, wäre das BÜd der rnnJIBD ganz unverständlich gewesen, es 
finde sich hierzu keine Parallele, denn auf Jesaia 23, 22: „Ich lege 
den Schlüssel des Hauses David auf deine Schulter" konnte der 
Sprecher nicht Bezug genommen haben, da dort von eittfm Schlüssel, 
hier aber ycm. mehreren die Rede sei. Der Plural weise vielmehr auf 
etwas hin, was dem Volke unmittelbar verständlich sein musste; icXdc 
bedeute aber auch Kiegel, und so sei hier auf die Querriegcl, welche 
die Bretter der Stiftshütte zusammenhielten, angespielt, die ebenfalls im 
Plural, D'ma, erwähnt werden; dies war ein dem Volke bekanntef 
Ausdruck, an diesen nmCite das Volk denken, und es verstand demnach, 
was es hei&en sollte „des Himmelreiches RJegcl sind dir gi^cbcn." 
Mit diesen Worten „erklärt nämlich Jesus hier den Petms als den innern 
Halt, die bindende Kraft, die Bürgschaft der Festigkeit des geistigen 
Gebäudes seiner Lehre." 

Sehen wir, ob diese Erklärung auch nur im entferntesten möglich ist? 

Vor allem mii& bei jedem Gleichnis das Bild passen, das aber ist 
hier ganz und gar nicht der Falk „Ich will dir des Himmelreichs 
Riegel geben." Werden denn jemandem Riegel übergeben? Die Riegel 
müssen doch in oder an dem Bau stecken, den sie zusammenhalten 
sollen. Schlüssel giebt man allerdings dem SchloLwart zur Ver^ 
Wahrung, daü kein Unbefugter das Haus betrete, wenn es nicht betreten 
werden soll, und daß das, was das Haus birgt, geschützt sei. 

Und das Volk, für welches doch diese Worte gesprochen waren, 
sollte die Anspielung verstanden haben, die auf eine weit entlegene Zeit zielt? 
So bibelkundig und bibelfest war sicher die große Volksmenge nicht, 
daß den Leuten bei der Erwalinung des nur bei Herrichtung der 
Stiftshüttte vorkommenden QWQ der Bau der Stiftshütte und der 
Zweck dieser Riegel eingefallen wäre, so daß sie das Bild hätten ver- 
stehen können. Dali es nicht denkbar sei, Jesus habe nnCD nicht, sich 
anlehnend an Jes. 22, 22, anwenden können, weil dort nur von einem, 
hier aber von mehreren Schlüsseln die Rede sei, kann doch wirklich 



A. Suhbach, Die Schlüssel des Himmelreichs. 191 



nicht als triftiger Grund gelten. Im Gegenteil: wenn wir die beiden 
Stellen mit einander vergleichen, so läßt sich die Beziehung der Evan- 
geliumstelle zu der des Jesaia nicht verkennen; Jesus sprach eben biblisch. 
Jesaia verkündet in der Prophetie über Eljaldm: „Siehe, ich lege 
den Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter, er öffnet und 
keiner schließt, er schließt, und keiner öffnet" In Matth. heißt es: 
„Und will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles was du auf 
Erden binden wirst, sei auch im Himmel gebunden, und alles, was du 
auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein." Wer sieht hier 
nicht ein, daß Jesus sich nicht nur der Sprachwetse desjesaias bedient 
hat, sondern auch im Gedankengang ihm gefolgt ist? Die Zuhörer 
mußten allerdings diese Beziehungen nicht kennen; verständlich war 
ihnen aber doch was Jesus sagte und meinte, denn er sprach zu ihnen 
in einem Bilde, welches der Gegenwart entnommen war. Er zielte 
nämlich auf etwas hin, das alle sehr gut kannten; nicht an eine weit 
hinter ihnen liegende Vergangenheit waren die Zuhörer genötigt, wenn 
sie es überhaupt imstande waren, zu denken, um das Bild zu verstehen; 
die Bewohner und Besucher Jerusalems sahen täglich das vor sich, auf 
was Jesus anspielte. 

Das Bild von den Schlüsseln ist nämlich dem Tempelbau ent- 
nommen, es zielt auf die Handhabung der Tempelordnung, die wir aus 
dem Talmud, und zwar aus einem Teil des Talmud kennen, der noch 
aus der Zeit des Bestandes des Talmud herrührt, aus einer alten 
Mischnah. An drei verschiedenen Stellen, berichtet Mischnah Tamid 1, 6, 
befanden sich die Priesterwachen des großen Tempelkomplexes. In 
einem der Zimmer, die diesen Wachen eingeräumt, wurde ein Wärme- 
feuer unterhalten, und es führte deshalb den Namen Tpion fl^3, das 
Zimmer der Feuerstätte. Aber gerade dieses Zimmer, nicht eines der 
andern Wachträume wird als rffl'3, Kepha oder Kippa, Gewölbe bezeichnet 
An einer andern Stelle (Middoth I, 8. 9) wird von diesem Zimmer, wo 
es wiedenun ausdrücklich als nB^3 bezeichnet wird, gesagt, daß dort 
die Schlüssel des Tempels unter einer Steinplatte, die eine Aushöhlung 
im Boden bedeckte, an einem Ringe hingen. Ward es Abend, dann 
hob einer der wachthabenden Priester die Platte vom Boden, nahm die 
Schlüssel aus dem Ringe und schloß die Tempeltüren, bezw. die der 
Hallen, von innen ab, während draussen Leviten wachten. Die Schlüssel 
wurden dann wieder an dem Ringe befestigt, die Steinplatte wieder ein- 
gelegt, und wollte der Priester schlafen, so breitete er ein Polster auf 
dem Boden aus und legte sich darauf nieder. 



192 A. Sulzbach, Die Schlüssel des Himmelreichs. 



Wir sehen, welche Wichtigkeit man diesem Schlüsselamt beilegte^ 
und mit welcher Sorgfalt man die Schlüssel hütete, fest unter einer Stein- 
platte in einer HB^S, wobei wohl an ein festes Gewölbe zu denken ist 

Nun ist wohl das Bild, dessen Jesus sich bedient, klar. Die sorg- 
falt^e Hut der Schlüssel im Tempel, die dem Priester anvertraut war, 
giebt das Vorbild ab für die Hut des neu gegründeten Heiligtums, das 
dem KaTq>ac anvertraut ist; er soll Öffnen und schließen, lösen und binden, 
wie es ihm gut scheint. Nun wird aber das bekannte Wortspiel: Kaiphas, 
«DO, Felsen, noch durchsichtiger, nicht nur auf dem Felsen, Kaiphas, 
soll das Heiligtum stehen, sondern Kaiphas soll auch die bisherige FWS 
ersetzen, in deren Hut die Tempelschlüssel geborgen waren. 

Ich glaube also, daß man sich bisher nicht geirrt hat, wenn man 
kXüc in AinnfiD zurückübersetzt, und in Petrus den Schlüsselbewahrer 
und nicht den Riegelbewahrer gesehen hat 

Frankfurt a. M. A. Sulzbach. 



K>- s- 1903, 



A. Deit^mann, tXacTnpioc und IXacxi^piov, 193 



IWCTHflOC und IXXCTHflON. 

Eine lexikalische Studie' 

TOQ Adolf Deissmum in Heidelberg. 



iXacTi^ptOC, ov ist in allen bis jetzt bekannten Stellen Adjektiv 
zweier, nicht dreier,* Endungen: was zum tX6cKec6ai in Besühung steht. 
Je nach der Bedeutung dieses Verbums spaltet sich die Bedeutungs- 
möglichkeit des Adjektivs in zwei Äste: I. was eur Gjtädigstimmung 
oder VersÖknung (nämlich der Gottheit oder eines Menschen) in Be- 
ziehung steht oder dient, versöhnend, propitiatorius,^ placatorius; 2. was 
zur Sühnung (nämlich der Sünde) in Beziehung steht oder dient, sühnend, 
expiatorius. — Welche von diesen beiden möglichen Bedeutungen vor- 
liegt, hat im einzelnen Falle der Kontext zu entscheiden. 

Das Vorkommen des Adjektivs in der „Profan"-Gräzität hat Cremer* 
mit Unrecht in Abrede gestellt; auch wenn kein Beleg vorhanden wäre, 
müßte das Adjektiv aus dem „Substantiv" iXacr^piov postuliert werden. 
Aber das Papyrusfragment No. 337 der von Grenfell und Hunt edierten 
Faijüm-Textes bringt jetzt den sicheren Beleg. Das im 2.Jahrh, n. Chr. 
geschriebene* Fragment eines von den Göttern handelnden philosophi- 
schen (?) Werices enthält I3 — 5 den Passus TOic Öcoic clXacni[pio]uc " 
Oucfac dHm»[et?]vT£C liriTeXeTceai. Ob hier iXacrnpioc öucta die Bedeu- 
tung Versöhmtngsapfer hat, oder Sühnopfer , ist nicht zu entscheiden. 

■ Im folgenden biete ich mit Genehmigung der Herren A. und Ch- Black in London 
eine Umarbeitnng trnd Enreitemng meines Artikel* Mtrcy Seat in der EntyekpatSa Bibika. 
Ich mache besonders axA die Bemerknngen über das Wort iafpirei anfmerksam. Die 
neue (nennte) Auflage des Cremer'ichen Warterbnehes ist noch nicht berücksichtigt 

> Gegen die Lexikographen Wilke-Giimm3, Thajrer u. a. 

i Aus dem Neutrum propiliatariHm der Vulgata snr&ckgcbildet. 

4 \VB* 474. 

5 Fayäm Tawns and tieir üifiyri, Lmim 1900, S. 313. 

^ Der Text selbst wird wohl älter sein aU die PapTrusschrifL Znr Orthographie 
€!XacTr][plo]uc vgL Rom 3, 35 Codd. B* D* eUacT^piov. 

ZeitielU'. f. «L nealeit. Wiit. Jatiig. IV. 1903. Ij 



194 



A. Dcifiraana, Uocn^pioc und IXacrVipiov. 



Auch in jüdischen und christlichen Texten finden wir das Adjektiv: 
4 Makh 17, 22 wcntp dviiij^uxov TtTOVÖTac tTJC xoO fiövouc d^apriac Kai 
2lä Täü mpttTäC Tibv f^ceßiüv iKdvutV [der makkabaischen Mart)xerJ koI 
Toö iXacTiiplou ÖavÖTou aüniiv fj Otia upövoia töv 'IcpanX itpOKUKtue^vTa 
öitcujcev. Cod. rt liest hier zwar tou Uocrriplou toö öavÖTOU, aber selbst 
wenn diese Lesart mit dem Substantiv ursprünglich wäre, was unwahr- 
scheinlich ist, würden eben die anderen Handschriften den Beleg für das 
Adjektiv bieten. Die Bedeutung sühnend scheint hier besser zu passen, 
ais versöhnend. Joseph. Antt. lö, 7, i ist die substantivische Fassung 
besser, als die adjektivische (s. unten S, igÖ), Dagegen ist das Ad- 
: jeküv sicher bei Niceph. Antioch, Vila Syme<m. SiyUt. in den Ac/a SS. 
Mail t. 5 p. 33,5, 1/ XEipac UeTipiouc. ei ßoO^et ftj IXacTiipiouc, ^icrcivac 
6eifi, wo ven'ölmend am besten pa&t. — Dat auch LXX Exod 25. 16 (17) 
Kai TCOu'iceic IXacrnpiov iTiIÖefja xp^'cioxj naöapoü adjektiviscli zu fassen 
ist, sollte nicht bezweifelt werden;* hier liegt die Bedeutung sühnend vor 
(siehe unten S. 207). Schlieülich ist auch Rom 3, 25 die adjektivische 
Fassung grammatisch recht wohl möglich (siehe unten S. 209). 

Nun wurden die Neutra der Adjektive auf -toc, speaiell auf -riptoc, 
sehr häufig substantiviert' und bürgerten sich als usuelle Substantiva eio. 
In massenhaften Inschriften begegnen uns z. B. xoptcrripiov und eüxaptcrri- 
ptov als Bezeichnung von Weihgesclicnken, die den Göttern gewidmet 
sind; hier nur je ein Beleg: X'ttpicTiijpiov Inschrift des Statthalters von 
Ägypten C. Cornelius Gallus in Philae 30/29 v. Chr.. Dedikation an die 
dii patrii und Neilos, Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertums- 
kunde XXXV (1897) 71; £Ö)[apiCTr|piov Inschrift des Korinthiers Askle- 
piades auf einem Diskos aus Olympia, Kaiserzeät, Votivstück für Zeus 
Olympios, bei Jüthner Über antike Tumgeräthe, Wien 189Ö, 2?. 



B, 

Ein solches durch Breviloquenz entstandenes Substantiv ist auch t6 
iXacTlipiov. Seine Bedeutung ist (s, oben S. 193 tu Uacrnpioc) ent- 
weder das Gnädigstimmende t das Gnadenviittd , das Versöhnende, der 
Versöhnungsgegenstand, propitialorium^ oder das Sit/mende, das SitUne' 
mittel, der Sühntmgsgegenstand, txpiatorium. Welche von diesen beiden 



' N*di Gerne* WP' 474 ttsbl « „iftselniätnd" mäjektvificb, kuu iedoch ebenao 
gut Mibstantiviach gefafit werden. Die- von Cremei ebenda nach Tromm auch siti« 
Sielle LXX Eiod 37, 6 hal Uacnipiav £ii(8epa blolj in der Katnplutennschen Aoigati 
nicht ab« ia Jea HELEidscbrifien. 

* Winer.SchmiEdel S '6, ati (S. 134). dort mehrere Beispiel*. 



A. DeiJ^mann, UacTi^pioc und IXacrVipiov. 195 



möglichen Bedeutungen vorliegt und welches der Gegenstand ist, muß 
im einzelnen Falle der Kontext entscheiden. An sich hat tö IXacrnpiov 
nur die beiden Allgemeinbedeutungen, die aller möglichen Spezial* 
anwendungen fähig sind.* 

I. 

Tatsächlich finden wir denn auch eine ganze Anzahl verschiedener 
Spezialanwendungen; in den bis jetzt nachweisbaren heidnischen, jüdischen 
.und christlichen IXacrfipiov-Stellen (zunächst abgesehen von den kappb- 
r^'/^Stellen und Rom 3, 25) wird das Wort gebraucht 1. am häufigsten 
von gnädigstimmenden oder sühnenden Weihgeschenken oder Denk- 
mälern, 2. von der Arche des Noah, 3. von der Einfassung des Altars 
und vom Altajraum, 4. vom Altar, 5. vom Kirchengebäude, 6. vom 
Kloster. 

I. Die Belege Hir die häufigste Anwendung von IXacnipiov stammen 
sämtlich aus der frühen römischen Kaiserzeit. Auf einer Statue oder 
der Basis einer Statue, jedenfalls auf einem Weihgeschenk, welches das 
Volk von Kos für das Heil des „Gottessohnes" Augustus den Göttern 
errichtete, steht die Inschrift (Paton und Hicks, Tke Inscriptions of Cos 
No. 81): ö bä^oc CiTiip Täc AÖTOKpdTOpoc KaEcapoc 6eoC uioü ZcßacroO 
cu)TTip£ac öcoTc IXacTi^piov.» Ähnlich die ebenfalls der Kaiserzeit ange- 
hörende Inschrift auf dem Fragment einer Säule von Kos (Paton und Hicks 

No. 347): [6 ba^oc 6 'AXcvtIujv Ce]ßac[T]iii Ait C[T]paT(LiJ fXa- 

cnipiov &a^apxeOvTOc FaTou Nujpßavoö Mocx(u)Vo[c 9i]XoKa[capoC'i Genau 
so gebraucht das Wort Dio Chtystostomus Or. XI p. 355 Reiske kotq- 
Xe(ti»«v Tiip aÖTOiic dvdöima KdXXicrov ical fi^crov rfl 'Aörjv^ Kai im- 
■fptivtiv IXacnfjpiov 'Axatol rq 'IXidfti. In allen diesen Fällen ist IXacni- 
piov der technische Ausdruck für ein die Gottheit gnädig stimmendes 
Weihgeschenk; man könnte übersetzen Besänfiigungsgesckenk, Ver- 
söhnungsgeschenk. Hierher gehört auch die oben S. 194 erwähnte 



' Die Sache liegt hier genau lo, wie z. B. bei x<lptCtftplov, welches alle mflglichen 
Anwendungen findet, je nach dem Zusammenhang, vgL die Lexika, oder bei TCXcen^piov, 
vgL Th. HomoUe BulieHn de CorretpotulaMce UtlUnique (1899) 589: ,^ar TcXECTI^put oh 
detigne ifordiiiaire des cMmemer tfaeiümt de gräte; ki [in einer Inschrift aas dem Kabirion 
von Theben 3 s. v. Chr., publiziert S. 588] le mol /a^Sque aux semmes versiei ä Poccaäon 
de eei ehimofäes. II peut i'eniettdre tauii de teüts gtfon payail four let iniliaäottt: TcXecti^- 
piov eil ridifice oii ces ritei i'acamfiHiraienl." 

a Herr Privatdoient Dr. R. Herxog in Tübingen hat diese Inschrift im Sommer 
1900 aaf der Insel Kos revidiert und richtig befanden (Postkarte rom 27. 11. 00). 

i Diese Inschrift ist seit ihrer Publikation durch Paton und Hicks (1S91) verloren 
gegangen (Postkarte des Herrn Dr. R, Heraog Yom 27. II. 00). 



196 



A. DeißmaDQ, UacTf|pioc und lHacr/ipiov. 



jüdische Stelle Joseph. Antt. i6, 7, 1 : Herodes „der Grosse" hatte das 
Grab Davids öffnen lassen, um es seiner Schatze zu berauben; aber 
nachdem zwei seiner Leute durch Feuerflammen, die ihnen aus dem 
Grabe entgegenloderten, verunglückt waren, ntpicpoßoc ft'a^TÖc [Herodes] 
^£v|ei Kai ToO Ä^ouc iXacnipiov fivfjfio XtuK^c ir^Tpac ^m t(Ji crofiiuj icarc- 
cxeuiicaTo iroXuTe\4c tt^ banavr^. Wahrscheinlicher als die adjektivische 
Fassung IXäCT^ipiov \x\r\]x<x ist hier die substantivische und prädikative:' 
er errichtete als toG hidvC iXacTiipiov ein Denkmal aus wrißeiti S/ein. 
Die nicht ganz leichte Wendung toO bioac IXacnipiov ist entweder aus- 
einem IXicKO^iai t6 Seoc (wie 1XdcK0|jm ttiv <ipTnv) entstanden zu denken: 
als BeschvAchtigungsmilfei seiner Afig^st, oder als Breviloquenz zu erklären: 
als SUhnetniltel für seinen ihm Angst eitißaßrtiäen Frevel. War das 
Objekt des in iXacnipiov logisch steckenden iXöcKOMOt in den drei ersten 
Fällen die Gottheit, so bei Josephus die Angst resp. der beängstigende 
Frevel Dali aber auch bei ihin das Denkmal als Weihgeschenk aa Gott 
gilt, ist nicht ausgesprochen, darf aber vermutet werden. Vergl. auch sub 5. 

■2. Sehr bedeutsam ist, da& der griechisch-jüdische Bibelübersctzer 
Sycnmachus Gen 6, l6[t5], Field I 23 f, zweimal die Arche Noahs ab 
IXacnipiov bezeichnet, ofienbar deshalb, weil sie der Gnaderort war: wer 
in der Arche sich barg, dem war Gott gnädig. 

3. Verwandt damit ist LXX Ezech- 43. 14. 17. 20, wo die TTWff' die 
Einfassung oder Urafriedigung des Altars, iXaciripiov genannt wird. Diese 
von den Wörterbüchern Cnicht von Cremer) und Kommentaren fast ohne 
Ausnahme übersehene Anwendung des Wortes erklärt sich aus der 
sakralen Bestimmung der Umfriedigung: sie soll mit dem Blute des 
Siindopfers besprengt werden und ist deshalb entweder als eine Gnaden- 
stätte oder als ein Siihneort aufgefaßt Ebenso verwertet noch Sabas' 
Typicum Venediger Ausgabe c. i und 5 das Wort, wenn er den Altar- 
raum, den Chor der Kirche (Du Gange übersetzt bema. canceliis inclustiin) 
iXacnipiov nennt, z. B. c, 5 öum^iö -n^v driftv TpömZav craupoeiiiüc lücaü- 
tuic Kai TÖ IXacTiipiOV oTTav. Der Ausdruck wird technisch sein und 
geht vielleicht auf die Ezechieistelle zurück. 

4. Kann der Altarraum iXacnipiov heilen, so erst recht der Altar. 



* liierdurck bekenne ich mich j«tit iq der mir von Hciaiicb Brede geäußerten 
Möglichkeit Aet ErkÜning. vgl. Deil^[ni3.n.ii BibelEtodien 127 Anm. 2, 

1 Der billige Sabas (üd«r Sabbusl ctarb 531 n. Clir. Ob dos seihee Nameb tragende 
Ty^atm wi/kllch von Ihm stanimi, iit froglicli, IC. Krumbacber Geschichte der BTianii^ 
nitchen LiHeraiar ' 141. Die Sabasstelle ist aus Du Gange Ciosianuin aJ seri^a^et mtdi^ir 
rl tnfim^ grofoMtu 1 L»gdurti j6SS, 513 entattauBca. 



J 



A. DeiAmaDD, IXacn^pioc und IXocn^piov. 19^1 

Diesen Gebrauch hat der Lexikograph Hesychios im Auge: IXacniplov 
Kaödpctov, Oucmcn^piov. Er eridärt das Wort also durch ein Synonymen 
{das Reinigende und das Sühnende liegen nahe zusammen; siehe auch 
sub 8) und gibt eine Spezialanwendung an, die ihm bekannt ist, Altar; 
vielleicht hat auch er die Ezechielstelle im Auge, ebenso der von 
Schteusner* zitierte Lexikograph KyriUos: iXacrVipiov' 6uciacTrjpiov, bt i|i 
npocplpei (npoccpfpCTOi?) irepl äfiapTitiJv. 

5. Auch das Kirchengebäude wird IXacrfipiov genannt von Theophanes 
Continuatus (la Jahrh. n. Chr.) p. 326, 2if. und 452, 14 Bekker.* Wie sich 
dieser Gebrauch erklärt, zeigt gut Johannes Kameniates (10. Jahrh. n. Chr.), 
der p. 502, lof. Bekker^ von prachtvollen Kirchengebäuden sagt, sie 
seien (ücrrep nvä KOivd npöc tö 9€iov iXacni^pw wie Versökmaigs- 
geschenke, die der Gottheit van der Gesamtkeit geweiht sind. Hier hat 
iXacTTipiov seine alte su& i nachgewiesene Anwendung gefunden: ein 
Weihgeschenk, das zur Gnädigstimmung der Gottheit errichtet ist. 
Konnte man, wie Johannes Kameniates, eine Kirche mit einem solchen 
IXacTTJpiov vei^leichen, so konnte man sie auch so nennen, wie dies Theo- 
phanes Continuatus tut. 

6. Ähnlich ist die Anwendut^ des Wortes für ein Kloster. Der 
Historiker Menander (6/7. Jahrh. n.Chr.) spricht Excerpt. Hist. p. 352, i2f. 
Niebuhr* von dem Kloster Sebanon (töv MOvaciipiov oikov töv Xctö- 
Mcvov Ceßavöv) und bezeichnet es nachher als fXacri^piov (Tctxci TC kotti- 
cipaXicM^vuiv TÖ IXacrtipiov). Ebenso nenntJosephGenesios{io.Jahrh. n.Chr.) 
p. 103, 21 Lachmann) ein Kloster IXacn^piov (ibc h^ irapecrfiKet rote ToO 
iXncnipfou npoBOpoic). Man kann sich diesen Gebrauch auf zweifache 
Weise entstanden denken: das Kloster ist entweder, wie die Kirche 
(siehe sub 5), als gnädigstimmendes Weihgeschenk an Gott aufgefaßt, 
oder, wie die Arche Noah oder der Altarraum (siehe sub 2 und 3), als 
der Gnadenort, wo der Mensch die Sühnung seiner Sünden findet 

7. Nicht inbetracht kommt eine von Cremer* zitierte Stelle. Nonnos 

' ffyimt Tiaauttu . . 1« LXX . , intirpreUi Veterii Titlamenä m Liptiae iSao, I09. 

* Nach Winei7 S. 91 und Winer-Schmiedel S. 134 lolt iXacrf^tov hier SüAitof/er 
bedeaten, wu nicht ratrifft Der Index der Bonner Aiugkbe (von Bekker), auf den beide 
verweijen, gibt als Bedentnng c(iKTf|piov ui, wu auch nicht genan itt 

3 Leo AÜAtins in leiner Anigabe Cöln 1653 hat äiXtUTVIpia fnr IXacr^iOu Dai 
Wort ^EiXacn^piov findet rieh anch bei dem Scholiaiten la Apollonios von Rhodos n 
485 f. als Erldämng va \vi<fi^a Upd, Ton denen der Scholiast sagt tout^tiv ^EiXaCT^pta 
xal KaTanaucT^ia Tf|c 6p-fflC {Apoll, Rhod. ArgonantUa rtc. Bmnck II Upiiae 1813 p. 165). 

4 Ciemer WB8 474 zitiert falsch 335. 

5 Der TAttaurut Graecae Unguae zitiert p. 49 D nach der Venediger Ausgabe. 

6 WB« 474. 



198 



A. Dei&maiift, Uorr^pfoc und ILacu^pwv. 



(4/$. JahriL ii.Clir.) Dionysiaai 13, 517 ist tXacnipia erst durch Konjektur 

eingesetzt, übcriiercrt zu sein scheint ixacn'ipia FopTOÜc, was Falkcnbutg 
in IXacrnpia foproOc, Ciinaeus in itpa jitOfiara fopToGc,* KöchJy* in 
eOvaCTTipiov 'OpTOö änderte. Die Konjektur ikacnnpiQ macht die SteDe. 
in der es sich um einen Landstrich handelt, nicht verständlicher; die von 
Cremer gegebene Bedeutung SUktugeulmk paßt gar nicht 

8. Was i?t von der häu^ wiederholten Behauptung zu halten, 
iluicniptov ..bedeute", weü 0öpo ju ci^äozen sei, Sükx^pfer'^ Zunächst 
zeigt die sub I — 6 gegebene Statistik keinen einzigen Fall,^ in dem zu 
IXacrnpiov ein Wort für Opjer ergänzt werden muB. DaU dies in einem 
bestimmten Zusimmcnhangc mögUck wäre, ist richtig: in der sub 4 
gegebenen Hcsychiosstelle kcnnit zu icaödpaov ei^anzt werden Op/er, 
wenn der Kontext dies forderte, und in der 3. 197 Anm. 3 zitierten Stelle 
aus dem Scholiasten zu ApoUonjos von Rhodos ist bei der zu Xuitpi^'ia 
Upä gegebenen Interpretation tout^ctiv ^SiXacnipia kqI KaTcnraucniplc 
Tiic öpftic zu lEiXöCnipia das Wort Oü^OTa zwar auch nicht zu ergänzen 
(d^iXacrnptov bedeutet Sühnun^suättei wie KaronaucTripiov BesckwUk- 
tigjmgsntitiel)t aber das unserem iKacriipiov ähnliche lEiXacnipiov bexUkt 
sich wenigstens logisch auf ein Opfer. Die Behauptung: ..Uacn^piov 
bedeutet, weil Ööjia zu ergänzen ist, Sühnopfer" ist dahin abzuändern: 
iXacTVipiov bezieht sich, wo eOjia zu ergänzen ist, auf ein VersohnungS' 
oder Sühnopfer. An allen Stellen bedt-utet IXacnipiov Veri&hnungs- oder 
SUhnungsgegenstand , noch allgemeiner zutreffend ein Versohn^näts odtr 
Sühnendem. Welches im einzelner Falle das Versöhnende oder Sühnende 
ist, ob ein Wethgeschenk oder Denkmal, ob ein Gnadenort wie die 
Arche Noali die Altarumfriedigung, der Altarraum, der Altar, die Kirche 
und das Kloster (für alle diese Falle haben wir Belege) — oder ein 
Gebet, ein Almosen, eine Wallfalirt, ein Stuhl, ein Opfer (für diese Fälle 
haben wir bis jetzt noch keinen Beleg), das hat überall der Zusammen- 
hang zu entscheiden. Die Spezialbedeutung oder richtiger die Spezial- 
anwendung des Wortes ist also stets eine okkasionelle; höchstens in 



» Nonm Panofolitat ßwnysiacvjtm libri XLVllI em, Grsefe- I Lipiiae rSig S. 300. 
« In seiner Ausgabe Leipzig J857; er sucht diese Konjektur 8. UXf cn recht- 

i Die gegeateilige Behauptuag von A. RiMchl Rechtl u. Versöhcung IlJ 171: »fär 
tVa(Ty|ptov ist die Bedeutung Sühaopfer zwtr im beidnisehen .Sprachgebrauch nach- 
gewiesen, far eiccGabE, durch vrelchc der Zorn der Götter gestillt, ond dieselb«« gn&dig 
geBtininit werden" ist unrichtig: denn was in ihrem Ew«it«ii Teile („ßir eine Gabe, . . ."j 
steht, kommt (ur glic Fr*ge [i«.cli dei Bsdeutung -?wAw^<t nicht inbetracbl: «Üie Msnnoi- 
siulc LAtin kein Opfer sein. 



A, Deißmann, IXacr^pioc und IXacTi^piov. 199 



dem sub i gegebenen Falle könnte man vermuten, daß die Bedeutung 
Venöhnungs- oder Sühnegesckenk resp, -Denkmal t:viv& usuelle gewesen ist. 

n. 

Die Frage nach dem Sprachgebrauch der LXX (abgesehen von den 
bereits oben I 3 erledigten Stellen Ezech 43, 14. 17. 20) etc. ist durch 
die theologische Diskussion leider viel komplizierter gemacht worden, als 
sie es in Wirklichkeit ist Da zu ihrer Beantwortung eine Einsicht in 
das Wesen der alttestamentlichen kapporetk notwendig ist, sei eine Unter- 
suchung hierüber vorausgeschickt: l.dieaItte5t3nientliche>&a//0r^/>&, 2. ihre 
religionsgeschichtliche Voraussetzung, 3. ihre religionsgeschichtliche Nach- 
wirkung, 4. die Schicksale des alttestamentlichen kappbreth-Yi\A\}xs. Es 
folgt sodann die Prüfung der Stellen, in denen sich IXacnipiov sicher 
ii^endwie auf die kappöreth bezieht: 5. LXX, 6. Philo, 7. Hebr 9, J. 

I. Im AT erwähnt nur der Priesterkodex (P) Exod 25, 17 — 22; 
26, 34; 30, 6; 31, 7; 35, 12; 37, 6—9; 39, 35; 40, 20; Lev r6, 2. I3— IJ; 
Num 7, 89 und das erste Buch der Chronik 28, 1 1 die kappbreth. Die 
wichtigsten Stellen lauten (übersetzt nach Kautzsch): 

Exod 25, 17 — 33: Sodann sollst du eine kappBrelk aus gediegenem Gold anfertigeii, 
Kwei and eine halbe Elle lang und anderlhalbe Elle bieit. 18. Und du sollst zwei goldene 
Kenibe anfertigen — in getriebener Arbeit sollst du sie TCifertigen — an den beiden 
Enden der kaf^ireih, 19. and bringe den einen Kenib an dem einen Ende an und den 
andern Kerub an dem andern Ende. An der ia/fSrciA sollst du die Kernbe ajibringen, 
an ihren beiden Enden. 20. Es sollen abei die Kenibe ihre Flügel nach oben ans- 
gebreitet halten, indem sie mit ihren Flügeln die kapporetk überdecken, während ihre 
Gesichter einander tugeicehrt sind; gegen die kappdretk Un sollen die Gesiebter der 
Kembe gerichtet sein. 21. Sodann sollst du die kappireth oben auf die Lade legen; in 
die Lade aber sollst du das Geseti legen, das ich dir übergeben werde. 23. Und dort 
verde ich mich dir offenbaren und mit dir reden von der kappdrelA ans, von dem Ort 
zwischen den beiden Keruben, die sich auf der Gesetseslade befinden, so oft ich dir 
Befehle an die braeliten su übertragen habe. 

Exod 26, 34: Und du sollst die iappSreth auf die Gesetieilade tun, im Aller- 
heiligsten. 

Lev t6, 2: Und Jahwe sprach £u Mose: Sage deinem Bruder Aaron, dafi er nicht 
zu jeder (beliebigen) Zeit hineingehen darf in das Heiligtum innerhalb des Vorhangs, vor 
die kappdreth hin, die sich über der Lade befindet — sonst muß er sterbenl Denn in 
der Wolke ericheine ich über der kappSrtlh. 

i6> 13 — 16 (die Stelle bezieht sich auf den groCen Versflhnnngatag): Sodann soll er 
das Räucherwerk tot Jahwe auf d^ Feuer tun, damit die Wolke Ton dem Räacherwerk 
die ka^Srtth, die sich über (der Lade mit) dem Gesetze befindet, TerhfiUe und er nicht 
sterben müsse. 14. Sodann nehme er etwas von dem Blute des Farren und sprenge es 
mit seinem Finger oben auf die Vorderseite der kafpSrelh; vor die kappiretk hin aber 
sprenge er mit seinem Finger siebenmal von dem Blute. 15. Sodann ichlachte er den 
Sündopferbock des Volkes und bringe sein Blut hinein hinter den Vorhang und verfahre 
mit seinem Blute so, wie er mit dem BInte des Fairen verfahr, und sprenge ei anf die 



aoo 



A. Deißmaan, Uacrnfioc ood LlcccTiifiiov. 



käpf&rtth und yoi die kafpi*eth hin i6- and entiündige so dos litmere) Heiligtum T«b 
wcfCD der Unreinigkeiten dei Israelittn und der Ütertrelungeo, die sie irgend begangen 
haben, und ebenso veTfiJirc «r mit dem OATenbuiiagf teile, du bei ihnen uifgescMigen 
iti intnittcn ihiei UnicinigkeiCeo, 

Nim 7, 89: Und wenn Mose hineing'ing im Offen hornngsielt, um mit ihm i-a reden, 
so hörte er die Stimme ta licb leden von der iappStftA ans, die sich a.iif der Gcsetzes- 
la,d« befindet, van dem Ürl iwiscbcn den beiden Keniben; so redete er mit ihm. 

Wenn wir an diesen Stellen das Wort kappbreth einmal unübersetzt 
lassen und lediglich als fremde, unbekannte Größe behandeln, so ergeben 
sich zur Begriffsbestimmung folgende Merlanale; In P ist mit kappbreth 
ein Konkretum bezeichnet (sie besteht aus Gold und ist melkbar), näher 
ein Stück Goldblech von rechteckiger Form, dessen Maße genau den 
MaUen der Bundeslade entsprechen und das auf die Bundesladc gelegt 
wurde. Auf dieser Goldplatte sind Ewei Kerube aus getriebenem Golde 
befestigt, unter deren ausgebreiteten Flügeln Jahwe wohnt. Am gro&en 
Versöhnungstage bespritzt der Hohepriester diese Goldplatte mit Ac-m 
Blute der Opfertiere.' 

Es war ein naheliegender Schluß, wenn allere* und neuere^ GeleJirte 
auf Grund dieser Beobachtungen behauptet haben, das Wort kappöretk 
habe die Bedeutung Deckel. Aber der Schlußi war ein Trugschlub. 
Wenn ich auf eine Bronzeschale einen auf ihren oberen Rand passenden 
Diskus lege, so bedeutet, obwohl der Diskus in diesem Falle einmal den 
Deckel der Schale abpbt, das Wort Diskus deswegen doch nicht Decket 
Und da£ Wort Palette bedeutet nicht Deckel^ selbst wenn die Patcne als 
Deckel des Abendmahlskelches dient* Ebensowenig bedeutet das Wort 
kappbreth deswegen, weil die happbretk die Bundeslade bedeckt, Decket 
Nun haben ja gcwiD die Wörter Diskus resp. Patent und Deckel ety- 
mologisch nichts miteinander zu schaffen, während kappönth durch die 
Vertreter jenes Trugschlusses von "ID3 bedecken abgeleitet wird. Mit dct 
Wurzel TBO hängt nun kappbreth a.llerdings zusammen, aber es ist ein 



■ Die Frage, ob du Geseti Lev lä ein eiBheillicb«s Ganies dustellt od» als «ine 
ZusammenichiebuRg mehreren Stijcke von verschiedenem Aller eu bcunetlcn Id (TCrg). 
J. Benrinjier 2ATW 1889, 65(1.). kann hier uneföEtert bleiben. 

■ Sandja, R«$chi, Kjmchi. 

J Noch die co. Auflage dei Geienius'schen Hknd Wörterbuches über du AT, tSS6|, 
erE[llä.rt i. B., obtreU sie das Wort richtig vom Piel sihnim ableitet und die Ableitung < 
dci Grundbedeutung Ueciitn nur erwtihut, der Dtckti der BundaJaäf . , . alt Jits vorrKkttutt^ 
SüMntgfrät des TemptU. Dabei ist der Irrtum, kr^firtlh bedeute Dtcktt, xam mindesten 

nicht BUsgcschlosien- 

4 Diese Analogie vcrdaxikc ich dem engliichen Übersetzer meinei Artilcels Mtr<y 
St&l in der EnfyelöpaeJia ß^kca. 



A. Dei&manii, iXac-n^ptoc und iXocT^piov. 201 

von demPiel abgeleitetes nomen actoris, wörtlich die Verwischain,^ und 
zwar steht verwischen in jenem prägnanten Sinn des Süßmens, des ex- 
piare, der das Fiel stets auszeichnet. Da dieses Femininum seiner Natur 
nach eine Neigung zum Abstraktum hat, wird es sich, wie Adalbert 
Merx vermutet, ursprünglich wohl an ein Wort wie ^3 angelehnt haben; 
unser kapporeih dürfte Breviloquenz für JTTbsn ^3 sein und VerwischtmgS' 
gegenständ, Sühnegegenstand bedeuten. Die Übersetzungen der Peschitto 
fyusayä {Sühnung), der Vulgata propitjatorium und des Armeniers Exod 
25, 17 jfazww/A«« {expiatio) kommen diesem Sinne von kapporeih sehr 
nahe; über die Übersetzung der LXX iXacTrjpiov siehe unten sttb 5. 
Aus etymologischen Gründen ist also die Erklärung Deckel abzulehnen, 
obwohl die kapp&reth als Deckplatte der Bundeslade diente. Ob die 
Bundeslade unter der kapporeih noch einen besonderen Deckel gehabt 
hat und die kapporeth also, wie nach Dillmann und anderen z. B. No- 
wack* annimmt, als eine Art Schutzdach filr die Bundeslade anzusehen 
ist, kann nicht ausgemacht werden; wir wissen darüber nichts. In jedem 
Falle ist als die Bedeutung des Wortes kapporeth im AT nicht Deckel, 
auch nicht Sühnedeckel, sondern unter Beachtung jener Breviloquenz 
Süknungsgegenstand anzugeben.^ 

2. Hierzu stimmt eine bis jetzt nicht genügend beachtete* bedeut- 
same Beobachtimg von P. de Lagarde. Er hat gezeigt, „dass dem 
hebräischen (TjbS ein arabisches als technischer Ausdruck der Rechts- 
kunde alltägliches kaffärat formell haarscharf entspricht."' Zunächst* 
zeigt er, wie das arabische Verbum kafar gebraucht wird: eine Wolke 
kafara {bedeckt) den Mmmel, die Nacht kafara durch ihr Dunkel, der 
Wind kafarat die Spuren des Zeltlagers, der Bauer kafara die Saat, 
weshalb der Saemann auch kafir {Zudecker) heißt. Sodann' teilt er mit, 
worin die kaff&rat des arabischen Rechtes besteht: „Wer ein nadr Ge- 
lübde oder ein Versprechen absichtlich unerfüllt gelassen hat, muß eine 
kaffärat [— fl'jbj] erlegen. Die kaffärat liegt femer jedem ob, der 

I Ich vetdanke diese nnd die folgenden AnfacUllsie der Frenndlicbkeit von Adalbert 
Men, der micb anch tonst in den Semitic* gütigit beraten bat. 
> Lebibncb der hebr. Archäologie II, 6a 

3 Hiernach lind meine früheren AuifQhrungen Bibelstndien latff. in korrigieren. 

4 Doch liehe Ed. König Hist-krit Lehrgebäude der Hebr. Sprache II I, Leipiig 
1895, S. 301. 

5 Uebenicht über die im Aramäitchen, Arabiichen tmd Hebitiscben übliche Bildung 
der Nomina, Götlisgen 1889, S. 237. Lagarde transkribiert immer kaff&rai. 

6 Ebenda S. 23lf. 

7 Ebenda S. 232f, Die von Lagarde zitierten arabischen WSrter sind oben 
transkribiert 



A. DcifimSll 



gewisse Rechtsbandlungen, namentlich eine Eidesleistung', vorigen omtn'Ca: 
die kaffärat ist in dieseoi Falte dam bestjinmt, zufällig bei diesen Rechts- 
bandlungen vielleicht vorgekommene Rechtswidrigkeiten gut zu machen. 
Sie liegt ferner jedem ob, der seine Gattin beschimpft, der unab^chtUch 
einen Menschen [Eine Rechtsschule sagt: dnen Muslim] getötet (oder 
etwa durch seine Nachiässigkeit) den Tod dnes Menschen veraolaAt, 
der nicht regelrecht gefastet, der im Rama9än gar nicht gefastet hat 
Einige Rechtsschulen begnügen sich mit der kaffärat auch zur Sühnung 
der absichtlichen Tötung eines Menschen, für welche Andere . . die 
Blutrache verlangen: Letztere allein bleiben den Grundanschauungen des 
mohammadani sehen Rechtes treu. Die kaflarat besteht enn.veder in . . 
der Freilassung eines dem Isiäm angehörigen Sklaven, oder in Fasten, 
oder in saäaka litKaiocüvr) Mt 6, i = ^Xermocüvii, welche nur an wirldich 
bedürftige Personen gegeben werden darf." Nun gibt es im Recht des 
sunnitischen Isläai vier Schulen; alles wa^ ihnen gemeinsam ist. hat 
Urbestandteil des islamischen Rechts zu gelten, .Xind, kaffärat ist ilinenj 
aÜlen gemeinsam".' Das „hat seinen Grund darin, dass der Koran die 

iaßäral nennt. Ej braucht die Vokabel j, 49. gi, 96 Die fünfte 

Sure ist die letzte oder vorletzte Ojfenbaning. die Muhanunad aus- 
gegeben".' 

Nachdem Lagarde unter Hinweis auf eine Erzählung des Tharthü^' 
auf die Bedeutung der kaffärat auch im gewöhnlichen Leben der Araber 
hingewiesen hat, zeigt er,3 daß sie noch heute bei den Begräbnissen dcf 
Muihammedaner in Ägypten eine Rolle spielt: nach dem Leichenbcgang- 1 
nisse eines Vornehmen oder Reichen werden am Begrabnisplatze mehrere 
Schalen Wasser und einige KameUadungen Brot, mitunter wohl auch das 
Fleisch eines zu diesem Zwecke geschlachteten Uiiffels unter die massen- 
haft herbeiströmenden Armen verteilt, und dieser Brauch heiüt ei-kaffärak. 
Sii/me. Gesühnt werden hierdurch einige der „geringeren", nicht aber 
die „großen" Sünden. Später'' hat Lagarde noch aus Thevenot an- 
geführt, daß eaffarre heute eine Übergangsgebühr bedeute und das von 
U. J. Seetzen erwähnte gleichbedeutende gäffar für identisch mit The- 
venot's caffarre erklärt. Letzteres ist jedoch von Lagarde selbst nach- 
träglichs als falsch bezeichnet worden. 

• Ucbenicht S. S33. 
» Ebenda S. 335. 
J EbenJ« S. i^d, 

t Abhti. der Kß], Ges. d. W. lu Oöiengen XXXVH ft8<)l} Register und Nach- 
trige S. 69. 

i Nachrichteii TOn der Kgl. Ges. d. W. lu Göltingea iSg^l, S. 135fr. 



A, DeiCmann, IXacxi^pioc und IXacT^piov, 203 

Gehen die alttestamentliche kappbreth und die arabische kaffarat 
auf eine gemeißsame Anschauung zurück? Daß beide ii^endwie zu- 
sammengehören, kann schwerlich bestritten werden. Lagarde' sagt: 

„Ich halte es Tür unzulässig, kaffarat und n*Tb3 zu trennen Die 

Vokabeln entsprechen einander haarscharf; da die Araber ä für hebräi- 
sches 6 haben, kann kaffarat unmöglich entlehnt sein: das Dasein einer 
Lautverschiebung bürgt dafür, daß jedes der Wörter an seiner Stelle 
Original ist" Danach wurden beide Begriffe auf ein ursemitisches Ge- 
meinrecht zurückgehen: „flTb? ist kein Begriff des Mosaismus, sondern 
weil Arabern und Juden gemeinsam, ein Begriff des Semitismus";' der- 
selbe könne von der Offenbarung umgebildet worden sein (ob und wie 
das geschehen, bleibe zu untersuchen), habe aber von vornherein der 
Offenbarung nicht angehört Lagarde^ erklärt freilich: wie jedes Essen 
ein Verdauen zur Folge habe, so ziehe jede Aneignung eines Wortes 
eine Deutung dieses Wortes, jede Aneignung einer Anschauung eine 
Umbildung dieser Anschauung nach sich. Wie Lagarde selbst sich die 
Zusammenhänge der alttestamentlichen kappbreth mit jenem ursemitischen 
Rechtsbegriffe vorstellt, hat er nicht eingehend dai^elegt; er erklärt nur:* 
„Ich komme allerdings infolge meiner Anschauungen immer wieder zu 
dem Schlüsse, daß H'lb? im Pentateuche die Gesetzeslade bedeute, sofern 
an sie die Versöhnung geknüpft war, daß also Hlb? ebenso eine Ab- 
kürzung sei, wie das 178, l [der Uebersicht] genannte HblK." So trifft 
Lagarde mit der von Adalbert Merx geäußerten Meinung zusammen, 
daß kappbreth BrevUoquenz (etwa tur kU hakkappbreth) sei, wenn es 
auch auffallend ist, daß er im Widerspruch zu den Angaben des Penta- 
teuchs die Bundeslade selbst, nicht jene über der Bundeslade angebrachte 
Goldplatte kappbreth genannt findet 

Selbst ein Urteil über jene wahrscheinlichen Zusammenhänge abzu- 
geben, bin ich nicht imstande. Aber soweit der von Lagarde dargelegte 
Gebrauch des Arabischen einen Rückschluß gestattet auf die ursemiti- 
sche Vorstellung, scheint diese zur Bestätigung der oben S. 2O0f. ge- 
gebenen Erklärung zu dienen, kappbreth bedeutet wie kaffarat Sühmmg; 
im AT ist der Ausdruck gebraucht von dem zur Sühnung dienenden 
Gegenstand. Ähnliche Breviloquenzen (vgl. schon das von Lagarde ge- 
nannte ibK) finden sich im technischen Sprachgebrauch des Kultus nicht 



I Uebersicht S. 235 f. 

1 Nachrichten 1891, S. 136 vgl. auch Uebenicht S. 230. 

i Nachrichten S. 136. 

4 Uebersicht S. 237. 



204 



A. Dcif^mann, IXactripioc und IXatTripiov. 



selten, z. B. „Maria EmpfängHW" fiir „l'ett drr Empfängnis Maria" und 
viele andere Festnamen. 

3. Unsere Frage nach der Bedeutung der alttestaraentlichen kappö- 
refh führt uns indessen nicht bloß zurück in die graue Vorzeit des ur- 
semitischen Orients, sondern auch in die Gegenwart der deutschen 
Sprache. Es ist m unserem Zusammenhang sehr beachtenswert, daß in 
der deutschen Umgangssprache das Wort kappbres besonders \n der 
Redensart kappörcs gehen =— sugrunde geJun, vemiehut werden übhch 
ist In der Literatur ist kappora belegt bei Bürger, Jean Paul. Hebel 
u. a. Da.Q das Wort wie viele andere von den Juden stammt, also nicht 
als blobe Nebenform von kapiit (von französisch faire capoi) zu beurteilen 
ist,* ist zweifellos. Aber wie es su erUären ist, ist nicht 30 leicht zu 
sagen. Wenn Daniel Sanders* erklärt: „von dem jüdischen Gebrauch, 
zur Vorbereitung auf das Versöhnungsfest, als eine .Kaporoh' (gleichsam 
ein Sühnopfer) einen Hahn mit dem Wunsche, daß alle Strafe, die man 
selbst verdient habe, diesen treffen möge, dreimal um den Kopf zu 
schwingen und dann zu schlachten" — so weist er damit nicht, wie er 
beabsichtigt, den Ursprung von kappores, sondern von kapp^r nach, 
welches jüdisch-deutsche Wort ebenfalls vorkommt und mit kappores 
synonym ist^ kapporcs kann nur von kappöreik kommen, wie F, L. K. 
Weigand* ganz richtig zeigt, und wie auch R. Hildebrand im Grimm'schen 
Wörterbuch 5 andeutet 

Nicht so klar wie diese Etymologie ist die Semasiologie. Daß 
kappores die Bedeutung vtrniekut hat, ist zwar sicher; aber wie das 
Wort zu dieser Bedeutung kommt, muß noch aufgehellt werden. Zwei 
Erklärungen sind mir bekannt geworden. Weigand sagt: „Unsere 
heutige Bedeutung daher, weil am großen Versohnungstage mancher 
Jude einem NichtJuden seine Siinden auferlegen wollte mit den Worten: 
,Sei du meine kappöreth!', das ist: mein Sühnopfer, was dann den Sinn 
hatte: Stirb du für mich zur Versöhnung mit Gott!" Diese Erklärung 
erinnert sclir an die oben zitierte Erklärung des Wortes kaporok durch 
Sanders. Beide Forscher, Weigand und Sanders, müssen ihre Erklärung 
direkt oder indirekt aus jüdischen Quellen haben, die über die indmea 
Gebräuche des neueren Judentums Auskunft geben. Tatsächlich findet 

> Dach mag der Anklang &n iafnl eui Einbürgerung des jüdischen Wortes bei^etrkgea 
httben. 

> Wörterbuch der Dentichen Sprache I, Leipiig 1860, S. 866. 
J Über ia//>ar liehe das sögleieh liticile WÖrttrfcDflh <Ma Weigmad* 1 S. afiS. 
♦ DeuUcl« V/öttCTbuch '. Gicten 1S73, I S. 2Ö8. 
S V Letpiig 1873. 



A. DeiCmann, IXacn^pioc und IXocn^piov. 205 

sich denn auch bei J. A. Eisenmenger* aus jüdischen und anderen 
Quellen des 17. Jahrhunderts' zunächst die von Sanders mitgeteilte Sitte 
erwähnt, mit der sehr beachtenswerten, von Sanders nicht beigebrachten 
Notiz, daß man bei dem Schwingen des Hahnes um den Kopf sagt: 
„Dieser ist an meiner Stat^ dieser ist an meinem Platz, dieser ist meine 
Sühnung". Die letzten Worte lauten hebräisch ^FODZ nt, was bei Eisen- 
menger wiedergegeben ist: „dieser ist meine Cafipäro", was aber doch 
auch heißen könnte: „dieser ist meine kapporeiA". Auch die von Weigand 
erwähnte Sitte findet sich bei Eisenmenger notiert: arme Juden, die 
keinen Hahn kaufen können, geben einem Christen drei oder vier Pfennig 
und fragen ihn, ob er seine TDSö sein wolle. Eisenmenger zitiert diese 
Frage in indirekter Rede; in direkter Rede würde der arme Jude fragen: 
„willst du 'niM sein?", was man sowohl von rQp3, als von JTJlB? ableiten 
könnte. Weigand (oder sein Gewährsmann) hat das letztere getan. Und 
die Existenz des jüdisch- deutschen Wortes kappbres spricht jedenfalls 
dafür, daß die Form kappbreth noch in der neuhebräischen Umgangs- 
sprache gebraucht wird. 3 Der Sinn dieses kappbreth kann kein anderer 
sein, als der von kappbroh: Sühntmg. Der Hahn (oder der NichtJude) 
soll die Süknung des Juden sein. Da nun der als kappbreth (°= kappbrok) 
dienende Hahn getötet wird, rücken die Begriffe Sühnung und Tötung 
sehr nahe zusammen:* „du bist kappbreth'' konnte heißen: „du bist der 
Vernichtung geweiht", und konnte als ein Fluch' gemeint sein. So hat 
sich an kappbreth (oder kappbroh) durch eine ähnliche Entwicklung die 
Bedeutung Vernichtung angeheftet, wie an dvdöejia die Bedeutung Fluch, 
und das Wort kappbres ist von hier aus Für vernichtet üblich geworden. 
Eine ganz andere Erklärung hat Lagarde* gegeben. Er hat aus 
Bodenschätze entnommen, daß Dlb? jetzt ,das Thürlein' ist, durch welches 
die GesetzRolIe aus der Lade herausgeholt wird"; mit dieser kapporeth 
müsse die Redensart kappbres gehn = vernichtet werden zusammenhängen. 



I Entdecktes Judentum, o. O. 1700, 11 S. 149^ 

a Benschbuch (Birchätk hammäson), Frankfurt a. M. l68a ; Sfpher Mitihagtm, Amster- 
dam 1679, deutsch u. hebräisch Düreafort 1692; F. Heß Flagtlbtm Judaintm, StraBbnrg 
1601. Dieie und andere Schriften sind von £isenmengei zitiert. 

3 J. Levy Neuhebräisches und Chaldäitcbet Wörterbuch über die Talmndim und 
Midraschiro, II, Leipzig 1879, S. 387 fuhrt aus den Taimnden etc. allerdings keine Stelle 
dafür an. 

4 Von einem Sü&ttcp/er im ttrengiten Sinn des Wortes kann schwerlich die Rede 
sein; opfern kann der Jude ohne Tempel nicht. 

5 All Fluch fassen die antijüdischen Polemiker die Formel auf, Eisenmenger I S. 628. 

6 Uebenichl S. 237. 

7 Kirchliche Verfassung der heutigen Juden, I748f. II S. 67. 



Wie sich Lagarde diesen Zusammenhang d*iikt, hat er nicht weiter an- 
gedeuteti vielleicht so: sobald die ThorarolJc durch die kapponih in die 
Lade geiegt ist, ist sie unsichtbar! <turck dii kapp'eretk soften könnte 
dann heiüen unsichtbar werden, und von hier aus wieder würde sich die 
Bedeutung ventichut iverden abgezweigt haben. Ich halte diese Ver- 
mutung jedoch liir sehr wenig einleuchtend: ist die Rolle in die Lade 
gelegt, so ist sie zwar unsichtbar, aber grade vor einer Beschädigung 
geschützt; kappöres gehen konnte von hier aus viel eher bedeuten sof^- 
faltig aufbewahrt werden als vemiehiet tverden. 

Die ganze Sache verdient nähere Aufklärung vonseiten eines Kenners 
jüdischer Kultgebräuche der letzten Jahrhunderte. Aber schon aus den 
obigen Zusammenstellungen dürfte hervorgehen, daü sich das Wort 
kapporeih bis in die neuere Zeit erhalten hat. und daü ihm der BegrifT 
Siiknung geblieben ist, obwohl er von denen nicht niehr empfunden wiri 
die die deutsche Vokabel kappons gedankenlos gebrauchen. 

4. In seiner mehrere Jahrtausende alten Geschichte hat das Wort 
kaffärat'kapporetk-kappüres somit eine zähe Konstanz. Was das ent- 
sprechende Wort wohl schon im urserohischen Gemeinrecht bedeutet. 
Sükjiung, diese Bedeutung hat es auch vom Alten Testament bis zu den 
heutigen Juden und vom Koran bis zu den heutigen Arabern. Bei den 
Juden ist das um so beachtenswerter, als die Stellen ihres Gesetzes, 
welche die Erinnerung an eine kappbretk immer wieder wachriefen, schon 
frühe bloß eitlen theoretischen Wert hatten. In jedem Falle steht fest, 
daß der jerosalemische Tempel in der Zeit Jesu und der Apostel die 
Bundestade und infolge dessen auch den an die Bundeslade geknüpften 
kapp&rttk-'^uitM^ nicht mehr besessen hat, da^ also dieser kapporetk' 
Kultus in der religiösen Anschauungs- und Gedankenwelt der Zettgenossen 
Jesu und der ersten Christen schwerlich noch eine bedeutsame RoUe 
gespielt hat. Über das Opfer des Hohenpriesters am grollen Ver- 
söhnungstag' im herodianischen Tempel haben wir iwei Berichte, Jo- 
sephus Antt. 3, 10. 3 und den Mischnahtralctat J&ma. Nach Josephua 
hat der Hohepriester das Blut der Sündopfer gegen die Decke und den 
Fuliboden des Allerhciligsten gesprengt, nach dem Traktat Joma gegen 
die durch einen Stein bezeichnete Stelle des AUerheüigsten , an der die 
Bundestade hätte stehen sollen. Dieser Stein hieß eben schalja oder eben 
sck'lija.* Aber dieser Ersatz ist doch nur ein Schatten dessen, was 



I Vgl. Winer Bibl. Realwörterbuch J Artikel .tVcnöhnimestat". 

' Eineellieil«Ti gäbt J. Levy Chol däisc lies WüTterbuch ubei die TargiimiiD I t^iptig 



A. Deißmann, IXaoTripioc und UaciVipiov. 20/ 

eigentlich gefordert war. Nach der Zerstörung des herodianiachen 
Tempels hörte natürlich auch dieser Schattenkultus auf, und der vom 
Gesetz an die Bundeslade geknüpfte kappöreth-^^uMus wird immer mehr 
zu einer frommen Reminiszenz ohne praktische Bedeutung geworden sein. 
'Dqt 'Bc^R kapporetk aber blieb mit dem Bedürfnis nach einer Sühnung. 
Die sub 3 besprochenen i(a/>^r«'/^-Gebräuche des neueren Judentums 
dürften mit ähnlichen Gebräuchen des mittelalterlichen Judentums zu- 
sammenhängen, wenn wir die historischen Verbindungsfäden einstweilen 
auch noch nicht nachweisen können. 

5. LXX gebrauchen zuerst das Adj. iXacifipioc (siehe schon oben S. 194) 
Exod 25, 16 (17) Kai TTOiiiceic Uacrripiov ^Triöcjia' xpuciou KaöapoO. Hier 
ist IXacTiipiov intSeMa Wiedergabe von kapporeth. Auf Grund der falschen 
Annahme, kapporeth bedeute Deckel der Bundeslade, hielt ich früher* 
iiriScjia für die Übersetzung des Wortes kapporeth, während ich in dem 
ganzen Ausdruck iXaCTrjpiov imOejia die Übertragung des sakralen Be- 
griffes kapporeth sah. Nach den Darlegungen oben II l scheint mir 
jetzt die Sache so zu liegen: LXX haben den Begriff kapporeth ganz 
richtig verstanden und zwar auch als Breviloquenz; nur, da& sie an der 
ersten Stelle, an der ihnen das Wort begegnete, die Breviloquenz auf- 
lösten: für [>6'Ä hak]kapp6reih setzten sie iXacnipiov dniÖCMa, weil es sich 
um eine Platte handelte, die irgendwie als Deckel der Bundeslade diente. 
Nachher ahmen die Übersetzer an sämtlichen Stellen die Breviloquenz 
des Urtextes nach: Exod 25, 17 (18). 18 (19). 19 (20). 20 (21). 21 (22); 
31. 7; 35. 12; 38. 5 (37. ö); 38, 7 (37. 8); 38, 8 (37, 9); Lev 16, 2. 13. 14. 
1$; Num 7,89, überall ist kapporeth durch fXacn^piov wiedergegeben.^ 
Wenn nun, wie oben gezeigt ist, kapporeth Sühnungsgegenstand und 
tXacrrjpiov VersöknuTigs- oder SühnungsgegeTtstand bedeutet, so haben die 
LXX (wie auch die von ihnen abhängigen Übersetzungen, siehe oben 
II i) den Sinn ihrer Vorlage ganz richtig wiedergegeben. Es ist nicht 
überflüssig, noch besonders zu betonen, daß das Wort IXacnipiov bei den 

1S67, S. 5f., vergL ancb J. Levy NenbebrÄisches ond Chaldüaches Wärterboch Gber die 
Talmndim und Midrucbim I Leipzig 1876, S. 12. 

1 £iT(ee^ feblt nni tm Cod. 58, in den Codd. 19, 30 etc. stellt es Tor iXacn^ptov. 
Weiteret siehe Dei&mann BibeUtudien S. 122 Anm. i. Siebe «neb Anm. 1 oben S. 194. 

> Bibelstudicn S. 123. Die dort, auch in der englischen Obersetzung; (Edinburgh 
1901) gegebenen Antchanttngen sind nach diesem Aabati vx modifiiieren. 

3 Nor I Chrou 28, 11 ist Haus dir h^rttk überseUt 6 o^KOC toO ^EiXocmoO, was 
sachlich von ToO lXacTT]plou nicht wesentlich verschieden ist. — Exod 26, 34, wo in 
unserem Texte kapp&nth steht, haben LXX Ti|( xaTaitETdqxaTi überseUt, also wohl pari- 
ieth gelesen. Umgekehrt lasen sie Arnos 9, 1 wohl kapporeth statt kaphthor und über- 
seUten tXacT^piov. Weiteres siehe Deißmann BibeUtttdien S. 124. 



30S A. Dei&mann, iXacrrynoc and Uuicr^ipuiv. 

LXX Deckel der Bwideslade weder bedeutet, ooch dafi es usuelD blofi 
für den Deckel der Bundeslade gebraucht wurde Wenn ein Oncimastiam 
Vaticanum bei Lagaide Otumtastica Sacra * S. 218 behauptet: {Xocrf^HOV 
Tö nili^a Tf)c nßunoü ^ it^toXov, so ist flas keine sprachwissenschaft- 
Ucbe Inteqxetatioa. Wenn aber Altxvcht Ritscbl' behauptet: „überaD 

im Alten wie im Neuen Testament" „bedeutet das Wort iXactiipiov 

jenes angezeichnete Gerät über der Lade des Zeugnisses in dem AUer- 
heOigsten", so will er geniQ eine phüclc^rische Eiklärung geben. Daß 
indessen iXiicnipiov das nicht bedeuten kann, was Ritschi behauptet, be- 
darf keines ernsthaften sprachlichen Nachweises; daß für das Wort aber 
auch nicht einmal eine bestimmte Artwenäuug bei den LXX usuell fest- 
gelegt war, zeigen die oben I 3 zitierten LXX-Ezechielstellen, wo auch 
die Einfassung des Altars iXacrrjpiov genannt wird. 

Ergebnis: IXocn^piov bedeutet bei der LXX, was es überall bedeutet: 
ein {Versoknenäes oder) Sühnendes, {Versökntoigs- oder) SiUaaatgsgegen- 
stand oder -mittel. Je nach dem Kontext handelt es sich dabei entweder 
um das kapporeth-G^rüs der Bundeslade oder um die FJnf3c<tiing des 
Altars. 

6. Auch bei Philo ist es der jeweilige Zusammenhalt, der die 
Spezialanwendung des Wortes ericennen läÜL Bei ihm weist der Zu- 
sammenhang stets auf das kapporeth-Gcrütt der Buodeslade, deren Er- 
wähnungen bei den LXX er entweder geradezu zitiert oder auf die er 
doch deutlich anspielt: devit. Mos. Ilf 8 Mangey p. 150 f[ &i KißuTTÖc..., 
f|c iTriöcna dicavei mifxa tö Xctöjxcvov ^v Upoüc pißXoic Uacn^piov, — 
ebenda weiter unten tö öi £ni6c)ia rö npocaTOpeu6|iEVOV IXacn^piov, — de 
profug. 19 M. p. 561 . . . TÖ iiiiöeMa ttjc Kißurroö, KoXei bt aörö IXacni- 
piov, — de Cherub. 8 M. p. 143 Kai TÄp dvTiTrpöcumd (paav civai veöovra 
itpöc TÖ iXacn^piov Itipoic (Anspielung auf LXX Exod 25, 20 [21]). 

7. Dasselbe gilt von Hebr 9, 5 öirtpävu) öt aörfic XcpoußEtv b6£Tic 
KoracKidCovTa tö iXacTTJpiov, wo nicht das Wort IXacrnpiov, sondern der 
ganze Zusammenhang an das kapporeth « Gerät der Bundeslade eiitmert. 

m. 

Auf Grund des hier vorgelegten Materiales wird man sich jetzt ein 
Urteil über IXocrVipiov an der tiefgründigen Stelle Rom 3, 25 bOden 
können. Dafi zur Erklärung dieses feierlichen Paulusbekenntnisses keine 
Vorarbeit zu schwierig und zu genau sein kann, ist gewiß; wir stehen 



' Recbtferl. und Versdlu. ü^ IÖ8. 

t6. B. t9oj. 



A. Deißmann, IXacn^pioc und IXacT^piov. 209 

hier vor dem Zentrum der Frömmigkeit des Apostels: 24 biKOioönevoi 
litupeäv ttJ aÖToO xiipi"" öid tiic änoXuTpiiiceuic ttjc iv Xpicriö 'liicoO, 25 
Sv TTpo^ÖCTo ö 6e6c iXacTTipiov bid mcTciuc iv Ttijj a^ToO cA^iaTi. 

1. Möglich wäre hier zunächst die Fassung als Acc. von IXacrfipioc: 
dm Gott öffentUck Idngesteüt hat als Versöhnenden oder Sühnenden. Diese 
adjektivische Fassung liegt schon in der Überlieferung der Iteila und 
Vulgata, auch bei einigen Vätern vor, wie die Übersetzung propiHa- 
torem^ zeigt. Bei dieser Übersetzung ist als Objekt des in iXacnipiov 
steckenden IXdcKEcSat jedenfalls Gott gedacht worden; paulinischer wäre 
es aber, bei der Übersetzung Versofaunden die Menschen als Objekt zu 
nehmen vgl. 2 Kor 5, 18 — 21. Doch dürfte die Xi\xt3&K3XiXi% Sühnenden, 
expiatorem überhaupt vorzuziehen sein; Objekt wäre die Sünde, und der 
Satz hätte dann seine Parallele in i Joh 2, 2; 4, 10. Immerhin ist der 
adjektivische Gebrauch ein seltener, und man darf vermuten, daß ein 
griechischer Christ zuerst an das geläufigere substantivische iXocn^piov 
gedacht und daß auch Paulus es so gemeint haben wird. Daß die sub- 
stantivische Fassung uns übrigens vor keine wesentlich anderen Bedeutungs- 
möglichkeiten stellt, als die adjektivische, kann schon hier angedeutet 
werden. 

2. Die Wahrscheinlichkeit, daß Paulus das substantivierte Neutrum 
gebraucht hat, ergibt sich lediglich aus der Statistik des Wortes (I l — 6). 
Wie Uacrnpiov nun von ihm gemeint ist, kann nicht a priori aus dem 
„Sprachgebrauch" heraus gesagt werden. Es gibt weder eine feste all- 
gemeingriechische Verwendung des Wortes, noch eine feste „biblische". 
Alle möglichen Dinge können als iXacrriptov bezeichnet werden: von 
Heiden, Juden und Christen werden so genannt Weihgeschenke oder der 
Gottheit gestiftete Denkmäler, von Juden die Einfassung des Altars und 
die Arche Noahs, von Juden und Christen das alttestamentliche kapporeth- 
Geräte, von Christen der Altarraum, der Altar, das Kirchengebäude, das 
Kloster. Immer ist es der Zusammenhang, der angibt^ welches IXacnipiov 
gemeint isL Nur eine Spezialanwendung scheint usuell geworden zu sein: 
Versöhnungs- oder Sühnungsgeschenk resp. •denkmal (veig;!. I 8). Aber 
nicht einmal mit dieser „Bedeutung" darf man ohne weiteres an die 
Römerstelle herantreten. Der dnzige Satz, mit dem man vom sprach- 
wissenschaftlichen Standpunkt aus an die Stelle herantreten darf, ist 
der: iXacTT)piov bedeutet ein Versöhnendes oder ein Sühnendes. Alles 
Weitere hat der Zusammenhang der Stelle selbst zu sagen. 



I Belege bei Tiichendorf, 

Zütichi. C d. neuleic Wiu. }t^I%. IV. 1903. I4 



310 



A. Deifim&Qn, Uacr^piac und tXacT^piav. 



3. Der Zusammenhang schließt folgende Erklarungea aus oder bietet 
sie wenigstens nicht dar: 

a. Gitiiäinstuhl (Lutherbibel), wenn Stuhl bei Luther dasselbe be- 
deutet, wie bei uns. Von einem GnadfttstuJU ist Hebr 4, !6 die Rede; 
der epövoc Tiic xdpiTOC ist der Stuhl des gnädigen Gottes. Rotn 3. 25 
weist jedoch nichts auf einen Stutil. Luther denkt hier aber, da er im 
AT kapporttk mit Gnadcnsiuhl übersetzt, wohl an das alttestamentUchc 
kafforetk-Gf^TAtQ, das er Gnadenstuhi nennt, well Gott auf ihm thronte. 

b. Aber auch diese Erklärung, kapporeth-Geräie der Bundesiade, ist 
nicht kotttextgemäli. Für sie spricht nichts; gegen sie, abgesehen von 
dem Felilen des Artikels (den man erwarten dürfte wie 1 Kor 5, 7 Kai TÖip 
TÖ Träcxa if|jiiiiv ^njörj XpiCTÖc;, die frostige Sonderbarkeit des Bildes; 
wäre das Kreuz so genannt, so konnte man das Bild verstehen; von 
einer Person gebraucht, Ut es nicht nur unschön, sondern auch in 
sich unklar (das kappöreth-Qttzit wäre mit seinem eigenen Blute be- 
sprengt!). Es ist charakteristisch, daS^ Albrecht Ritschi mit seiner Deu- 
tung auf das „Gerät über der Lade" sich selbst in einen Widerspruch 
verwickelt. Während er zuerst' sagt. IXacrnpiov habe hier „gerade jenen 
und nur jenen Sinn des Wortes" (nämlich „das Gerät über der Lade"). 
sagt er nachher,* das artikellose Uacrripiov habe „naturlich den Wert 
eines Gattungsbegriffes. Es bezeichnet nicht das einzelne materielle 
Gerät, welches bei den LXX so heiiSt, als solches, sondern die ideelle 
Bestimraung, welche der Israelit mit der Vorstellung jenes Gerätes ver- 
band," Damit hat Ritschi den Nerv seiner eigenen Eridämng getötet; 
denn lediglich um das Gerät handelt es sich in dieser Streitfrage. 

4, Der Zusammenhang gataitet folgende Erklamngen; 

a. Versöhnungs- oder Siilinungsopfer. Obwohl wir andere Belege 
für diesen Gebrauch bis jetzt nicht haben (siehe I 8), ist er in einem 
bestimmten Zusammenhange denkbar, und hier wäre ein solcher Fall: wo 
von Blut die Rede ist, kann auch von einem Opfer die Rede sein, und 
da6 Paulus den Opfergedanken auf Christus anwendet zeigt Eph 5, 2. 
Aber npo^öCTO paßt nicht gut bei dieser Erklärung, ebensowenig Gott 
als Subjekt des irpo^etTO. 

b. Vrrsölmungs- oder SUhtmngsgesckmk resp. ^denkmal. Diese in 
der römischen Kaiserzeit verhältnismaHig häufige und auch späteren 
christlichen Autoren bekannte usuelle Anwendung (vgl. I I, 5 und 8) 



■ Rechtfert. n&d Versi&h.a. II ^ i£S. 
• Ebendi; 171. 



A. Deiliinanii, iXacn^pioc und UacTi^piov. 211 

paßt in jedem Falle gut zu tipo£6eto. Weniger gut pa&t dazu Gott als 
Subjekt des npo^ÖETO, wenn Geschenk 2a IXacrf^piov ei^änzt wird; ergänzt 
man jedoch Denkmal, so ist die Sache klar: öfTentlich aufgestellt hat 
Gott den Herrn Jesus Christus in seinem Blut, den Juden ein Ärgernis, 
den Heiden eine Torheit, uns durch den Glauben ein tXacTfipiov, ein von 
Gott gestiftetes Versöhnungs- oder SühnungsdenkmaL 

5. Da& der Zusammenhang eine dieser beiden Erklärungen /ordere, 
wird man nicht behaupten dürfen. Der Zusammenhang nötigt keines- 
wegs zur Annahme einer Spezialbedeutung oder -aawendung von tXacnri- 
piov. Die Allgemeinbedeutung genügt vollständig: ein Versöhnendes oder 
Sühnendes, Vers'öhrmngs- oder SühnungsmitteL Diese Erklärung ist sach- 
lich von der sub i gegebenen nicht verschieden. 

6. Das eigentliche exegetische Problem der Stelle liegt nicht in den 
Fragen, ob iXaCTrjptov adjektivisch oder substantivisch und ob es in einer 
Spezialbedeutung gebraucht ist oder nicht, sondern in folgenden Fragen: 

a. Was ist als Objekt des in IXacn^ptov steckenden IXäacecdai von 
Paulus gedacht: Gott? oder die Menschen? oder die Sünde? Mit anderen 
Worten: ist propiHatorem resp. propittatorium die richtige Wiedei^abe, 
oder ea^iatarem resp. expiatoriumf Da& wahrscheinlich die Sünde als 
Objekt gedacht ist und Christus als der Sühner oder das Sühnende, ist 
schon sub IQ l angedeutet: hierfür spricht auch der Kontext, vgl. be- 
sonders 23 und das viermalige biKonocövi) OcoO, welches an allen vier 
Stellen nicht die Eigenschaft Gottes, sondern die von Gott durch Christus 
oder in Christus dem Gläubigen aus Gnaden verliehene Gerechtigkeit 
bedeutet 

b. Bezieht sich das Bekenntnis des Apostels auf den irdischen oder 
auf den erhöhten Christus? Die erste Annahme ist die allgemein übliche: 
di\M ist dann das physische, einmal vei^ossene Blut Christi. Aber die 
zweite Annahme verdient jedenfalls eine ernsthafte Prüfung. Paulus 
spricht 24 von der dTroXörpiucic bt XpicriJ) 'liicoO, was sich wahrschein- 
licher auf den erhöhten, als auf den irdischen Christus bezieht, und er 
gebraucht i Kor 10, 16 Blut Christi sicher in einem Sinn, der nicht 
physisch, sondern nach Joh 6, 53 — 56 etwa „pneumatisch" zu nermen ist; 
danach könnte bt ti^ aöroO atficm bedeuten in der Blutsgemeinschaft 
mit dem erhöhten, pneumatisch-lebendigen Herrn, Wcis auch Rom 5 , 9 
und Eph 2, 13 einen guten Sinn gibt. Unter der Blutsgemeinschaft mit 
dem erhöhten Herrn versteht Paulus dasselbe, was er Gal 2, 20 XptcTi!i> 
cuvecraupui^ai nennt Bei dieser Auffassung würde Rom 3, 25 seine 

14* 



212 A. DeiQmann, tXaciViptQC und IXacti'ipiov. 

genaueste Parallele tn i |oh 2, 2 haben, wo der erhöhte Herr, der ParakUl 
beim Vater, yesus Christus, der Gerechte als der l\ac(i6c fiir unsere Sünden 
und fiir die ganze Welt bekannt wird. Die Bedeutung des lebendig- 
pneumatischen Christus für <üe Rechtfertigung oder Erlösung oder Ver- 
söhnung ist bei Paulus eine viel größere, als man zumeist annimmt. 

Korrektur-Nachtrag. 

Auf Wunsch des Herrn Herausgebers verweise ich hier noch auf 
die bedeutsamen Mitteilungen, die H. Zimmern in der 3. Auflage von 
E. Schrader Die Keilinschriften und das Alte Testament, Berlin 1903, 
S. 601 f. über das babylonische kuppuru gibt Dieselben lagen beim 
Abschluß meines Aufsatzes noch nicht vor, verdienen aber eine sorgfaltige 
Prüfung durch die Sachverständigen: 

„Eine der hauptsächlichsten Handlungen, die der Beschwörungs- und 
Sühnepriester {äsipu) vornimmt, ist die des kuppuru (Inf. Piel, mit dem 
entsprechenden Substantiv takpirtu) d. i. abwischen (von Schmutz) zum 

Zwecke der Lustration Sicher ist dieses im babylonischen Sühn- 

ritual als terminus technicus verwendete kuppuru identisch mit hebr. 
1^3, der technischen Bezeichnung für »sühnen« in der Priestersprache, für 
das es auch die im Hebräischen selbst wohl nicht mehr durchgefühlte 
Gmndbedeutung »abwischen«' [' Also nicht »bedecken«, wie man auf 
(Srund des Arabischen vielfach annimmt] sichert. Weiter aber ist sehr 
wahrscheinlich, daß hebr. ^9, wenigstens als spezifisch kultustechnischer 
Ausdruck in der Bed. »sühnen«, nicht genuin hebräisch ist, sondern erst 
auf Grund des babylonischen kultustechnischen Gebrauches von kuppuru 
in Aufnahme gekommen ist. . . ." 



[Abge«eUaM«n un 9. Augiul igo}.] 



M. L. Strack, Die Müllerinnimg in Alexandrien. 213 



Die Müllerinnung in Alexandrien. 

Von Uaz L. Strack in Bonn. 

In Alexandrien ist vor kurzem eine Inschrift zu Tage getreten, die 
ein größeres Interesse erfordert als ihr bis jetzt zu teil wurde. Da ihr 
Inhalt sich zum Teil mit dem nachfolgenden Aufsatz des Herrn Hauschildt 
über die „TTpecßÜTtpoi in Ägypten" berührt und die dort behandelten 
Fragen weiter fördert, glaube ich den Lesern cüeser Zeitschrift eine Be- 
sprechung vorlegen zu sollen, auch wenn die Untersuchung theologischen 
Studien femliegende Gebiete durchgeht. 

Wei&ei Maxmor, gefunden in Alexandrien im Jahre 1901, jeUt im Mnteum in Ale- 
xandrien, Saal 16. Hoch o,30 m, breit 0,27 m. Botti, catalogue des monumenti exposis 
an musie grjco-romain d'AIexandrie' {1901), 553. 142; ders. Bnll. de la soct^t^ aichfo- 
logique d'Alexandrie 1902 IV, 94; von WUamovitz-Moellendorf, Sitzungsberichte der 
Berl. Akademie 1902, 27. November; Strack, Archiv für Papyrosfotschnng II, 544. 

{iTi^p ßaciXdujc TTToXeMoIou 
Ktti ßaciXicciic 'Apovöijc 
Öediv OiXonaröpaiv 'Avoüßti 

Ol TTpCCßuTCpOl TlDv ÖXup0K6- 

niuv EepEuc 'AmcweCic 

TTaxiiic TTaäTnc 

TTai^iüßeiic TTaOßoOc 

TTcTOCTpic TTca£x"JV 

Der Text an sich bietet keine Schwierigkeiten. Er bestimmt durch die 
Königsnamen die Abfassungszeit auf die zwei letzten Jahrzehnte des dritten 
Jahrhunderts v. Chr., genauer wohl zwischen 217 — ^204, oder gar zwischen 
217 — 209. Es Irommt nichts darauf an. Die öJiupOKÖiroi „Durraklopfer" 
entsprechen unseren Müllern. Vielleicht sind sie zugleich „Brotbäcker", 
wie man bei uns zu sagen pflegt im Gegensatz zu Feinbäckern und 
Konditoren; mögUch ist auch, daß diese zwei Tätigkeiten von ver- 
schiedenen Berufen ausgeübt wurden. Das Wort scheint neu, ist aber 
regelmäliig wie dproKÖiroc, äpTupoKÖTioc, f|XoKÖTrtic, cttiXoköttoc gebildet; 



aT4 



M. L. Stfack, Die MüUeiinauDg in Alcxaadrien. 



b 



es Zeigt von neuem, daß den Ägyptern die Mühle unbekannt war und 
man das Kom (ia Mörsern) stampfte. 'OXupa gilt heutzutage für DumL' 
Sic diente zur Volksnahning und man bereitete ein grobes Brot aus ihr, 
wie die Papyrus an unzähligen Stellen und ergötzlicher Herodots naive 
Erzählung beweisen.' Ihm. dem großen Reiseaden, hatte man das 
Märchen aufgebunden, es gelte als Schande am Nil Weizen- oder 
Gerslenbrot zu essen, dXXck öirö öXup^ujv noicövrai ailo, Tiic Ceiäc M€TC- 
{irepoi KoX^ouci. Seine lautere Quelle ist jedenfalls, wie schon Wiede- 
maim annimmt sein hungriger Führer, den der wiübegierige Grieche das 
grobe Durrabrot nicht ungestört von Fragen in Ruhe vereehren \icli. 

Die Inschrift ist griechisch geschrieben, die Dedicanten aber sind 
alle Ägypter, bei deren Namen fast Zweifel aufsteigen, ob sie selbst 
ohne Beihülfc im stände gewesen sind, ihre Weihung fiir das Wohl des 
königlichen Geschwislerpaares so Stil- und schriftgerecht abzufassen. 
Wer es ohne Zweifel zu glauben vermag, für den ergeben sich wichtige 
Schlüsse auf die starke Graecisierung und hohe Bildungsstufe der Fellachen 
in der Reichshauptstadt, ein Jahrhundert, nachdem der Grieche als Herr 
nach Ägj'ptcn gekommen war. Ich muß mich zu den Zweiflern rechnen. 
Warum man griechisch schrieb, ist klar genug. Einmal ward der maß- 
gebenden griechischen Bevölkerung und vor allem den griecliischen 
Beamten und Soldaten die Loyalität der Schwarzbrotbäcker von Ale- 
xandrien klar vor Augen geführt, die ihnen bei Abfassung in hiero- 
glyphischer oder demotischer Schrift verborgen geblieben wäre. Und 
zur öffentlichen und augenfälligen Bezeugung ihrer Königstreue halten 
die in der griechiächen Hauptstadt wohnenden Ägypter allen Grund, da 
nach dem Sieg von Kapliia des Jahres 217 die auf dem Lande wohnenden 
Fellachen die ihnen anvertrauten Waffen gegen den Fremdherrschcr 
kehrten und in langer und blutiger Revolte vornehmlich wohl in Unter- 
ägypten ihre Freiheit sich zu erkämpfen suchten.3 

Andererseits lagen für eine derartige Weihung für das Wohlergehen 
des Königspaares an einen Gott, zwar genug griechische atier keine 
ägyptischen Muster vor. Der Ägypter kennt diese Form, seinem Pharao 
Gutes zu wünschen oder besser gesagt, bei einem Gelübde durch Nennung 
des Königs awei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nicht, jeder 
weiht für sich. Das ist unhöflicher, aber ehrlicher. 



' A. Ffjrroii. Fxp. gcaec. Taut., pars Q, 73. — Wiedemutn, Herodoti H Buch 15S, 
« Herodot II, 36. 

I Polybioi s. 107 und 14, H. — Mahaf^j, a bUtory of Ejypt luider ihe PloteisiJc 
dynnsty (i8j9) 141- 



M. L. Strack, Die Müllerioaung in Alexandrieti. 215 

Daß die Brotbäcker aus der einheimischen Klasse, nicht aus dem 
herrschenden Volk stammen, entspricht der Erwartung. Dir Gewerbe 
tritt zu den 189 im griechisch-römischen Ägypten bestehenden als Hundert* 
undneunzigstes hinzu.' Es gehört in die Reihe der äpTOKÖrroi (bezeugt 
fiir das 2. Jahrh. v. Chr.), dpronpärat (byzant), Ka6apoupTof (!• Jahih. n. 
Chr.), McXXiccoupToI (2. Jahrh. v. Chr.), TiXaKouvroTioioi (i. Jahrh. n. Chr.), 
aTOKdmiJioi (2. Jahrh. v. Chr.), ciTon^ipai (n. Chr.). Man konnte es mit 
Sicherheit eines Tages in neuerscheinenden Papyrus erwarten, wo die 
Kuchen- und Zuckerbäcker bekannt waren. Es ist im Bäcker- und 
Müllergewerbe jetzt der ältest bezeugte Beruf, wie die aus Wilcken bei- 
geschriebenen Belegstellen zeigen und trägt neben den vielen andern 
Berufsarten seinen Stein bei zu dem Verdikt des unter Nationalökonomen 
noch immer beliebten Satzes von der „Autaride des Oikos im Altertum". 
Genau so weit wie heutzutage war die Arbeitsteilung in den Großstädten 
der hellenistischen Zeit fortgeschritten, war es auch schon ein Jahrhundert 
früher in Athen und andern Industrieplätzen, wo „der eine Marmsschuhe, 
der andere Frauenschuhe macht, der eine bloß vom Nähen der Schuhe, 
der andere bloß vom Zuschneiden lebt".* Jede Schilderung, die diese 
so modern anmutende Entwicklung der Arbeit und des Erwerbs nicht 
für die Griechen der historischen Zeit, zum mindesten von der zweiten 
Hälfte des 5. Jahrhunderts ab, anerkennt, verzeichnet das Bild durchaus, 
das der Wahrheit entsprechen soll. 

Aber die ägyptischen Grobbäcker an ^ch würden mit ihrer Weihung 
uns wenig Interesse abgewinnen, und den Theologen wohl gar keines. 
Die Art und Weise, wie sie uns entgegentreten, fordert unsere Auf- 
merksamkeit heraus. Es setzen nicht Bäcker schlechthbi unsem Stein, 
sondern oi TTpecßOTepot Ttijv öXupok6ttujv und einer von ihnen ist UpeOc 
Mit andern Worten, wir haben eine Innung oder Gilde vor uns aus dem 
dritten Jahrhundert v. Chr., die eine zum Teil kirchliche Organisation 
hat, und die Mitglieder dieser Innung sind waschechte Ägypter. Das 
ist viel neues auf einmal, und es gilt das Neue in das Bekannte ein- 
zuordnen. 

An dem Tatsächlichen wird man nicht zweifeln dürfen, weder an 
der Innung, noch daran, daß der Priester zu ihr gehört. Wäre das letztere 
nicht der Fall, hätte der Priester nicht als Iimungsbruder, sondern durch 
irgend äußern Anlaß bewogen als Externer sich an der Weihung be- 



' Wilcken, giiechiiche Ostralca aus Ägypten nnd Hubien 1899 I 688. 

1 Xeaophon, Cyropftcdie 8. 3. 5. Vgl fär du 5. Jahihtmdert Plalarch, Periklet 13. 



«5 



M, L. Siraclc, Die Müllerinnung in Alexandrieo. 



teiligt, er wäre auf der Inschrift sicherlich mit irgend einem kennzeichnen- 
den Worte bedaclit — etwa leptüc 'Avoijßi&oc, iepeüc Aiöc, iepeuc ditö 
Kiiinric kpEuc t' {püXtic u, a. Es ist also, um es einmal madem auszu- 
drücken, nicht der Herr Pfarrer und die Müller, sondern die Miillerinniuig 
mit ihrem Iiinungsgeistlich^ti. Dabei ist nicht ausgesclilossen, dat^ der 
Itpeic zugleich Müller ist, so etwa wie viele weltliche Würdenträger im 
alten Pharaonenreich zugleich Priesteramter bekleiden, oder, ura zeitlich 
nahe liegende Beispiele zu geben, so wie in ptolemäisclier Zeit der Plala« 
kommandant von Syene sich nennt ^TtMiüv ^™' (Svöpiüv koI qjpoijpapKoc 
Xurivnc Kdi 6po(pii\aS (?) kqI ^ttI rüJv öviu lörujv raxöeic Kai irpotpiirric 
toö Xvoüßeutc Kai dpxicToXiciiic töiv iv 'EXeqfaviivri xai Apäriu koi cDiXqic 
Upüv. ' Vieileiclit die beste Parallele bietet der iepeuc ttjc cuvö6oii tu>v 
PaciXlCTüiv, öi cuvÖTOuciV tv XriTtt t^ toö (^iovOcou vncuj. « Er wie der 
Prostates werden besonders hervorgehoben, ilire Nameli linden sich aber 
auch in der Mitgliederliste wieder. Die ßaciXicral auf diesem siidlichca 
Grenzposten Ägyptens sind aller Wahrsclieinlichkeit nach Soldaten, wie 
wir auch sonst in späterer ptolemäischer Zeit die Garnisonen reli^ös 
organisiert sehen. 3 Doch so klar wie in diesem Kriegerverein ist die 
Identität von Priester und Bäcker in unserer Inschrift ntcht^ und mag 
drum bis auf bessere Zeugnisse auf sich beruhen. 

Mit der Annahme, daß der Priester zu den Grobbäckem gehört, ist 
der Bestand eines Vereins enviesen, einmal ganz abgesehen von den 
TrptcßÜTepoi, Denn Leute, die sich zuföllig zusammenfinden, um irgend 
etwas zu vollbringen, haben keine Beamten, am wenigsten einen Priester. 
Bei einer Weihung wie etwa folgender: ol TrXuvric N0(i9aic eä£ä)j€Voi 
dv^eecav koI SeoTc nöctv« (folgen die Nam<n) kann man zweifeln, ob ein 
Verein hier sich fromm erzeigt, oder ob die Wäscher irgendwann einmal 
sich zu einer Gabe an ihre hilfreichen Wasscrgotthciten aufraffen, unter 
deren Schutz und an deren Quell sie alle waschen. Die Nennung eines 



1 strack, Dynastie der Ptoletnäef, Anhang (Inschriflen) N'o. 95 etwa um 160 v. Chi. 
— Vergl, tus Uem pCok maischen ICyprot dpxi£pEuc xal CTparnTÖC keiI vavapxoc (uil 
ÄpXlKÜvriTOC), Strack ebenda 123—125. '3?. löi. etwa, um 130 v. Chr. — aai AgjrjtiMi 
ittKTpAifnut Kai i(p£tjc TTToXE)jä(ou SwTfjjwc, ebeiids 9+, um 159 t, Chr. — aus K^pro» 
lEpeOc bidßluu ßaciA^uic TlroXenaitn), TPippaTeöc ttIc TTapIuiv mäXeiut, xeTOTJAtvoc ^nl 
r^C iv 'AXeEavbpttq jirfdXTlC pu^UoSi^KTic ebcnilii 136 um lOo v. Chi. <-') 

' CIGr. 4.S93, Strack o. a. 0. 108. Vyl. auch die Imclirift in den annales du Ser- 
vice des anliquiU-s de ['Egypie 1901 II 2S5, Z. 5: Auipliuv 6 cufT^vflt Koi CTpaTi^TÄC 
Kai UptOc tdO nXi^Qovc tO>v jiaxaipu^äpuiv. 

J Lumbroso, recherches sur rüconomie poliriijue de rögyple tS7o, laSj p, M. Meyer, 
Heerweien der Ploltiöäer imil Römer in A^TP^'^n igo^*, 80 und 95; s. ootco S. 328,^. 

4 CIA. n 1327; Michel rccneild'inseriptions grecques 10451 ans dem 4. Jahrb. v. Chi. 




M. L. Strack, Die Mülleiinnung in Alexandrien. 217 

Beamten schlägt solche Zweifel nieder, und den MüUerverein mit seinen 
Ältesten und seinem Priester können wir wohl als Innung oder Gilde 
bezeichnen. Wie steht es mit diesen im Altertum? 



Innungen, Berufsverbände, überhaupt Vereine hat es im pharaoni- 
schen Ägypten nicht gegeben mit einer Ausnahme — den Priestern. 
Alle die Vorsteher und Vizevorsteher, die Obersten der Silberhaus- 
schreiber wie der SchifTmannschaft und Fußtruppen, die Obergärtner, 
Oberbarbiere, Oberbaumeister und wie immer die Würdenträger heißen, 
die im königlichen Dienst oder dem eines Gottes auftreten, sie zeigen 
nur die große Arbeitsteilung, die Freude an Titeln und die entwickelte 
Bureaukratie. Niemals hören wir, daß die diesen Oberen untei^ebenen 
Handwerker und Beamten oder sonst irgend welche Leute zu Vereinen 
sich zusammentaten. Die Titel der Obergärtner, Oberbarbiere, Vorsteher 
u. s. w. beweisen es natürlich so wenig wie heute unsere Architekten, 
Oberärzte und Obermats, und die Richterkollegien — etwa der Gerichts- 
hof der Dreißig aus dem mittleren Reich — haben nichts mit einem 
Verein zu tun. 

Eine Ausnahme bildet nur die Geistlichkeit, die Kollegien der Priester 
an den einzelnen Tempeln, „die Beamtenschaft des Tempels". Sie hat 
eine Kasse und Einkünfte und bestimmte Satzungen für die Mitglieder, 
die in sich nach Rang und Würde fein abgestuft sind. Natürlich ist diese 
Geistlichkeit am NU ebenso wie überall trotz allem Konservatismus der 
Veränderung unterworfen gewesen. Dir Einfluß hat gewechselt; der 
Hochstand am Ende des neuen Reiches um locxjv. Chr., wo der Ammons- 
priester an Stelle des letzten Ramessiden sich die Doppelkrone Ägyptens 
aufs Haupt setzt, ist ja bekannt, und früher wie später sehen wir Königs- 
macht und Friestermacht in stetem Antagonismus. Ihre Ordnung unter- 
einander ändert sich; erst stehen die einzelnen Tempel gleichwertig 
nebeneinander, dann erhebt sich der Ammonstempel und seine Friester- 
schaft zu überragender Stellung und endlich sehen wir die Teilung der 
Tempel in drei Klassen; man spricht von Heiligtümern erster, zweiter, 
dritter Ordnung. Und gleichfalls wechselt der Zusammenhang mit dem 
Volk." Kasten in strengem Sinne des Wortes, d. h. einen Zwang den 
Beruf des Vaters zu ergreifen oder nur im Kreise einer bestimmten 

> Es handelt licli hier nur am die nation&l-ägyptischen Priester. Von den griechi- 
(chen Kalten, die in größeter Zahl erst mit den PtoIemSeni ins Land kamen, können 
wir noch nichts aoissgen; diese PriestcT werden ihren Kollegen im eigentlichen Griechen- 
land ihnlich geblieben sein. 



3|g 



M. L. Strack. Die MiiOeriamBig in AleundcioL 



Kaste zu heiraten, bat es zu keiner Zeit gegeben; das haben uns zo 
Unrecht die Griechen glauben machen wollen.' Es ist aber leicht ¥b-- 
ständlich, daß der Sohn des landbauenden oder vidiweidenden Fellachen 
wurde, was sein Vater war, Bauer oder Hiite. Und es ist denn auch ge- 
■Aöhnüches Herkommen von früh an, daß der priestediclK Berttf wie 
jeder andere viele GenerationeD tüodurcb in derselbeQ FaiuiUe erblicfa 
blieb, und nur die Qualitikation wechselte, die zum Pncsteramt berecht^e. 
So scheint in früher Zeit im alten Reich der priestertiche Stand im aQ- 
geineinen sich vererbt m haben,* so sehen wir im neuen Reich Söhne 
%'on Beamten als Gütliche und wieder mehr als tausend Jahre später, 
in römischer Zeit, ist die Priesterqualifikation beido- Eltern erforderlich; 
ist somit die Erblichkeit — aber nicht das Kastenwesen — durchgefiihrt' 
Doch von diesen priesteriichen Berufs vereinen, dieser Beamtenschaft des 
Tempels führt keine Brücke zu der hmimg der Müller mit ihrem Priester. 
Oder doch vielleicht? 

Es ist schwanker und unsicherer Boden, den wir betreten; un^chcn 
dürfen wir ihn nicht. Es scheint, daß die Priesterschaft nicht so uni- 
form und einheitlich ist, wie sie dem ersten Blick sich darstellt, daA 
Urteile über die ganze Priesterschaft, wie das obige über die Qualifikation 
eingeschränkt werden müssen, da sie nicht auf alle „Priester* gleich- 
malUg anzuwenden sind. Aus bestimmten Epochen zum mindesten l^ 
sich neben der offiziellen Priesterschaft eine Laien- oder „Stundenpriester- 
schaft" nachweisen, Leute, die nicht volle Priesterqualität hatten, nicht 
nur Priester waren und doch für kirchliche Zwecke organisiert waren. 
Erman* kennzeichnet sie als „eine Bruderschaft frommer Laien, die all- 
monatlich einen aus ihrer Mitte zum Dienste ihres Gottes delegiert zu 
haben scheinen, während sie in corpore sich an den Prozesaonen der 
großen Festtage beteiligten. Am Tempelvermögen und seinen Eto- 
künften hatten sie keinen Teil und nur auf privater Frömmigkeit beruhte 

I &nui, AegTpteD 398; Wiedemtnn, le mvstoii 1S86. les erstes eiv Egypi«- 4ei' 
sdLe, Herodots U. Bach Sjy 

* Ermtui. Aegyptea 392, 398. 

3 Wilcktfi, Atfliiv Ru PapymsforfichiUtg j, tt; Ltuubroco Re«)s«rches mr Vf'COnomte 
politiqne 5*. — Die GcsctJosseoheit des rrics-terstandcs stimmi irahl auj dei Zeit der 
RMtauntiae oater Psimmeiicli 17. Jahrb. v. Chr.). Für 'die Ptoleniäeneit kom^ea die 
^Vonc des Kanopnedclcrcl* (Strack a. a. O. jS Z. x6) in BemcUt: dt hi Tr|v «puU^v 
TaOTT]v (di« im J^hie 13S □euenictilcte 5, Phyle) KOTiiXcx6fivai ToOc . . . lepelc . . . xal 

TOÖC Tff&nuv 4«TÖ*0l": *'t TÖV (]k£l Xl^*ÖV. Dunit i»l ein ertUdiei V>«»ekt, akvt Bic]u 

em nnbediDgtM Verbot fit jeden .^ndctsqafclifidertcn ausgesprochen. 

4 Emun, Aeg7pi«n J9|; derselbe, Zdudu. for äg^pt Sprache i&Si XX i&x „leha 
VcrUäsc atu dem initÜcrEn ßeich." 



ib 



M. L. Strack, Die MiillermnuDg in Alexandiiea. 219 

es, wenn ihnen die Bürger von Siut von den Erstlingen ihrer Felder ein 
Geschenk zukommen ließen". Bekannt ist sie ihm fiir das mittlere Reich, 
also vor 2000 v. Chr., ganz vereinzelt zur Zeit der 18. Dynastie (17. Jahr- 
hundert) und wieder in ganz später Zeit Mit der letzten ist wohl die 
römische Kaiseizeit gemeint, für die Krebs neuerdings auf Grund der 
Berliner Fayumpapyrus gleichfalls ähnliche Laienbruderschaften annimmt* 

Wir können von der ältesten wie jüngsten uns bis jetzt bezeugten 
Epoche dank den Fayumpapyrus ein etwas klareres Bild gewinnen. * 
Da sehen wir im mittleren Reich die Laienbruderschaften in vier Phylen 
geteilt, jede Phyle mit einem Phylarchen (Abteilungsvorsteher) und 
anderen Funktionären wie Tempelschreibem, Voricsepriestem und Priestern 
für dies und jenes Sonderamt die Bezahlungen oder Grebühren erheben. 
Sie wechseln monatlich ab im Dienst und, wie sichs im Heimatland 
des Papiers von selbst versteht, jede Phyle übergiebt der nachfolgen- 
den ein neues Inventar mit den nötigen Übergabeurkunden. 

„Es berichtet die vierte Abteilung det Tempelt, die Laienpriestertchaft, die in 
dietem Monat abtritt Sie lagen nämlich: Alle deine . . . sind in Ordnung. Wir hoben 
allet Tempeleigenlnm aufgenommen. Alles Tempeleigentum i«t in Ordnung für die erste 
Phyle der Laienprieiter des Tempels, welche in diesem Monat antritt. 

Es berichtet die erste Abteilung der Laienpriester dieses Tempels, die in diesem 
Monat antritt Sie sagen dies: Alle deine ... sind in Ordnung. Wir übernehmen alle 
Geräte des Tempels, alles Eigentum des Tempels in Ordnung von der vierten Pbjle der 
Laienpriester dieses Tempels, die in diesem Monat abtritt Der Tempel ist in gutem 
Zustande. (Folgt die Nameniliste der neuantretenden Phyle.) 

Leider lernen wir nicht, welchen Beruf diese monatlichen Laien- 
priester im zivilen Leben ausübten. Erman merkt noch an, daß die 
Stundenpriesterschaft zwar auch als Korporation Vertri^ abschlösse, 
wie die „Beamtenschaft des Tempels", aber es scheine, daß dieser Ab- 
schluß für die einzelnen Mitglieder keine bindende Kraft habe; es seien 
mehr freundschaftliche Abmachungen. 

Die Laienbriiderschaft der römischen Kaiserzeit kennzeichnet sich 
nicht in einem sprechenden Namen. Alle heißen, so scheint es, unter- 
schiedslos lEp£tc. Aber manches deutet daraufhin, „daß diese .Priester' 
ihr Amt ähnlich wie die altägyptischen Stundenpriester nur als Neben- 
beschäftigung neben ihrer sonstigen Berufstätigkeit, wohl meist dem Land- 
bau, betrieben". Ihre höchst mangelhafte Bildung, ihre geringe Ab- 



J Krebs, Zettschr. f. ägypt Sprache, 1893, XXXI, 36. 

> Für das mittlere Reich vergl Borchardt, Zeitschr. f. ägypt Sprache, 1899, XXXVII 
89 „der Eweite Papymsfund von Kahun"; & die Kuieneit, Wessely, Denkschriften d. 
wien.Akad., 1903, XLVII, 97, „Karanis tmd Soknopaiou Nesos". Von letzterem Auf- 
satz geht Hauschildt unten ans, ohne diese Frage weiter lu ber&hreo. 



X20 



M. L. Strack, Die Miillennnung in Alexondricn. 



sonderiang von der Menge bei den Frohnden hob schon Krebs hervor. 
Es läßt sich jetzt leicht näheres anführen. Eine Frau heißt EtotoiItic i4pf.ia 
äirö KiüfinCf ^i" Mann ist Priester und fjTOiJMevoc Kiiinnc- Leute, die als 
Priester bezeichnet werden, haben Eigenbesitz an Haus und Land, sind 
Pächter und Bebauer von Domanialland, treiben Handel mit Kamelen/ 
eiaer ist Matrose {?)' Und, was wichtiger ist, nur eine begrenzte Anzahl 
von Priestern sind im kaiserlichen Ag>'pten von der Kopfsteuer befreit, 
gehört zur privilegierten Klasse, zu der cives Romani, cives Alexandnni, 
die Honoratiorenfamilien der (itiTpoiröXtic u, a. m. sich rechnen dürfen. J 
Kurz, eine Scheidung geht durch die ägyptische Priesterschaft der Kaiser^ 
zeit, der mit den Worten hohe und niedere Geistlichkeit nicht genügend 
Rechnung getragen wird. Aber nicht der von Wessely gewählte Aus- 
druck Priester-Bauer, sondern „B^^uer-Priester, Händler-Friester*" trifit den 
Kern; Laien sind es, die ab und zu als Priester auftraten, angegUedert 
an die Tempel — also Lnieninnungen, wie wir sie suchen. 

Der (pQövöc OeüJV hat das Bild noch nicht von der Jahrhunderte 
Schleier ganz frei werden lassen. Gehört zu diesen Laienpriestern die 
TtEVTatpuXia, gehören zu ihnen die nfouMevot i€pfujv, dicirpecßijTtpoi kpeiuv, 
die fiTOiJMevoi neviaqjuXiac, der ntoiJytvoc cuvööou KÜJ)n)c Baicxlaboc, uie 
dte Papyrus und nach ihnen ICrebs, Wessely, Hauschildt sie uns schiSdem? 
Stellen sie vielleicht die Masse der „Priester", die in den Urkunden uns 
entgegentreten, und ist die Zahl der eigentlichen Priester gar nicht so 
groß? Sind die eigentlichen Priester der verschiedenen Heiligtümer 
überhaupt in dieser Organisation mit einbegriffen? 

Die Fragen weiß ich nicht zu beantworten oder nur mit Hilfe eines 
nicht einwandfreien Mittels, durch den Vergleich der zwei Laienpriester- 
schaften, aus dem mittleren Reich und dem kaiseriichen Ägypten. Zwei- 
tausend Jahre liegen dazwischen. Viel kann sich ändern in der langea 
Zwischenzeit und Gleiches wieder erstehen ohne inneren Zusammenhang, 
Hier scheint der Vergleich nicht zu kühn und rauü gemacht werden, bis 
reichlichere Quellen sich uns erschlieüen. Zum Glück linden wir noch 
Hilfe. Ein Mitteigüed läßt sich aufweisen, geeignet wenigstens einen 
Pfeiler der BriJcke und zwar den wichtigsten zu bilden. 

Borchard wie Krebs haben auf das große dreisprachige Priesterdekret 
des Jahres 231S v. Chr. hingewiesen, -t übeixascht von der Ähnlichkeit der 



• Wcisely a. &. O,, 57 und 63 und passim. 

« IVp. Oxyr, I, 86. 11; Wücken, Ostraka. 1, 431 Anm. 3. 

i P. M. Meyer, Heerwesen 1 IJ, l+i; Wilcken, Ostr»ka I, i^l. 

4 Lepuus, das bilinguc Dekret von Konopiu (jS66)i :3lriick a. iL 0.. Anbaue 




M. L. Strack, Die Miillerionung in AlexandricD. 221 



Friesteroi^anisation, die sich aus ihm für ihre Zeit und die der Ptolemäer 
ergibt. Der Hauptpunkt, die Einteilung der Priester, ist dieselbe. Hier 
wie dort Abteilungen (Phylen), und ganz dem Dekret entsprechend, das 
bekanntlich die Schaffung einer fünften Priesterphyle anordnet, sprechen 
die Borchardschen Texte von vier Phylen, die Krebsschen von fünf. 
Wie in der alten Zeit, so haben im Jahre 23S diese Abteilungen ihre 
Vorsteher (Phylarchen). Wie in der Kaiserzeit, so rechnet in der 
Königszeit das Priesterkind zur Phyle des Vorfahren. Ein Priester- 
ausschuß ist in römischer wie ptolemäischer Zeit vorhanden, der mehr 
Verwaltungsgeschäfte besorgt als priesterliche Funktionen erfüllt, und 
hier wie dort wird er in jährlicher Wahl erneuert. ' Natürlich bestehen 
auch Unterschiede und gerade bei dem Ausschuß findet sich einer, der 
hervorgehoben werden muß. Die Laienbruderschafl der alten Zeit hat 
überhaupt kein übergeordnetes Kollegium aus ihren Mitgliedern ; dafür 
finden wir viele einzelne Funktionäre; diejenige der Kanopusinschrift 
hat ein Kollegium von ßouXeural, das schon vor 238 besteht und in 
diesem Jahre verstärkt wird; diejenige der Kaiserzeit hat irpccßuTepoi. 
In der Ptolemäerzeit gibt jede Phyle fiinf Buleuten zum Ausschuß, sie 
bilden eine richtige Vertretung ihrer Abteilung; in-^er Kaiserzeit ist 
dieser Ausschuß auf fünf Leute reduziert, der unabhängig von den Phylen 
irgendwie gebildet wird.' Hier also ist Leben im Organismus, doch 
nicht mehr. Dafür besitzt die Laienpriesterschaft des kaiserlichen Ägyptens 
einen eignen Namen TicVTaqJuXfo,^ unter den Ptolemäem sind sie ol SKKo\ 
ItpeTc, TÖ irXfieoc töpv Upfujv.* Doch diese Abweichungen, die Fort- 
bildungen darstellen, sind nur geeignet die Übereinstimmung im Großen 



1 Für die rfimiiche Zeit 1. u. Haoschildt S. 235 f. — Im Kanopusdekret hat der Ans- 
■cboC die BrotTfrteilnng bei Festen (Z. 70). 
' Huuchildt unten, S. 338. 

3 Oder sind unter ihm Priester nnd Lüenpriester vereint, wie sinch unter dem 
folgenden Ausdruck? 

4 Bei der offiiiellen Aufzählung der Geistlickeit in Beginn des Konopnsdekretes 
(und ebenso im gleicfautigen Rosettedekret, vergl. Str&ck, Anbuig 69) werden genannt: 
ol &pxicpETc xat npo<pf\Tat xal ol e(c rd Atturov Elciropcuäficvoi itpöc tAv CToXlc^dv 
TiSv GeiBv Kai nrcpo^pdpat koI tcpoTpc^ifuiTEtc KOi ot fiXXoi iepctc ot cuvovt^covt«: ix 
Tdiv KOTd T^v xihpav Icpäiv. Diese (Z. so o( xaxi t^v xdjpav Up^tc) beschließen unter 
andern die Schaffung und Angliederung einer ffinften Phjle irp6c latc Vfiv äirapxoOcaiC 
T^ccapci 9uXatc toO irX^Souc tIpv Icp^uiv Tt&v Iw tedcnp Upi|t. Es unterliegt wohl 
keinem Zweifel, daß die titellosen Priester, die das Allerhetligstc nicht betreten dürfen, 
die gesuchten Laienpriester sind. Das Wort nXf)6oc im Sinne von Vereinigung, Verein, 
findet sich in Ägypten (i. n. S. 328 Anm. 7 und oben S. 216 Anm. 2), weiter in Rhodos 
nnd Teos (Ziebarth, griechisches Vereinswesen 138. 3}; es hier in dieser Sonderbedeutung 
SU nehmen, liegt kein Grund vor. 



222 



M. L. Strack. Die Mullerinnung in Alexandrien. 



klar hervortreten zu lassen. Und als Resultat dürfen wir annehmen: es 
hat seit früher Zeit bis zur Kaiserzeit hinab' in Ägypten BruderschaAen 
im Anschluß an die Tempel und ihre Priester gegeben, in sich gegliedert 
und organisiert, deren Mitglieder als Priester bezeichnet in der Haupt- 
sache einen bürgerlichen Beruf hatten. Die Abweichungen — die wir 
kennen — werden uns hindern, aus allem Bekannten ein Gesamtbild z:u 
entwerfen. Im einzelnen zeitJicii verscliieden ist die Institution als Ganzes 
sich gleich geblieben und nach der frühen Zeit zu schhcßcn, rechnen die 
eigentlichen Priester nicht zu dem itXiiSoc äep^uiv. der späteren TievTaqjuXia. 
Das Resultat bietet den Schlüssel zur Erklärung der Vereinslosigkeit 
im pharaonischen Ägypten. Ein Stück von der Wunderlichkeit des 
alten Kulturvolkes am Ntl, das so gar nicht von dem sonst im Men- 
schen tief wurzelnden Triebe nach Vereinigung ergriffen und regiert SU 
sein schien,' löst sich. Vereine, so sehen wir, hat es auch unter den 
Fellachen im ganzen Lande gegeben; denn daß dem Bauern im Delta 
und bei Asguan recht ist, was seinem uns besser bekannten Genossen 
im Fajoim billig war, ist klar, und lä&t sich auch durch Beweise erhärten. 
Aber die kluge Priesterschafl bat ihre Organisation frühzeitig in die 
Hand genommen, hat in kirchlichen Formen ad maiorem gloriam ihrer.^H 
Götter unter Preisgebung ihres eigenen Standesnamen die Menge, oder^^| 
wenigstens einen Teil an sich gefesselt^ die Lust des Menschen an Vereinen 
und den dazu gehörigen Festen sich dienstbar gemacht Führt von 
diesen Bruderschaften die mit den Tempeln und ihrer Priesterschaft im- 
löslich verbunden sind, der Weg zur Innung- der Grobbäcker mit 
ihrem Priester und Ältesten? Ich glaube nicht. Elie nicht die Pap).Tus 
uns lehren, daU die Gewerbe und Berufsarten als solche in den Pro- 
zessionen gingen und unter den „Priestern" sich von einander schieden, 



■ Eine UntErbiecbung TOr der Zeit der Flolemäer ist gev'iti möglich. Daim «rQiide 
die RcstaUTBtiansieit der 26. Dymstie die alle EiDrichtung wiederbelebt Imben. 

3 A^'ie der Verfaiser des ,,gFiechischen Veieins Wesens" Ziel>ailh id dem Stti? ]iOKiat: 
„Ägfptciii das g.clobcc Land füi Hnndwerksgilden and Ziinftivit.ag iriLl seinen lunftaiti^^^^l 
Abgescblosseoen Kuten (S. 100)" ist mir gimt unklar, wenn er den S^ta nichl Aof da«^^H 
plolemäiiche Ägypten ein schränkt. Aus pharaoniichec Zeit ist kein Beispiel angeßjhrt. 
Die joaxiiTai, die TotcJidiener von Memphis, halien gewiblicb vor Alesuider dem GroCen 
ihr«; Aici^f gevp-alt^t, aber gtn^uvT kennen wir sie cnt darch Papyrnt bhe dem z. Jahr- 
hundert T.Chr- Dat äe da eine Gilde bilden, ist möglieb, aber nicht einmBJ vrobcschein- 
lich. Ein Ausdniek wie 6 htlva Kcci oi |l£t<>xoi beweiEt es nicht; seiner bedienen tjch 
such die Pacblgesellscliaflen, die Wilchcn fUi eine von ftolemäua I eingeföhile griechi- 
sche N'eueiuDg hall (Oslraka 536), vergl. SleTt«Tde!<lirBtion , ArcUv 1. I43, ("^ leal dI 
li^toxoi M^Vi vr« ein kl«tner Bau« spricht Und vor Gericht kfuui nat^Uch eine solche 
Ocicltschnft proiesgicren. 



M. L, Strack, Die MüUerinnung io Alexandnen. 223 

ist es nicht wahrscheinlich, li^t ein anderer Ursprung für unsere Grob- 
bäcker und ihre Presbyter näher. Und diesen Beweis werden uns die 
Papyrus wohl immer schuldig bleiben. 

Geradezu als Probe aufs Exempel aber erscheint es, daß die Ägypti- 
schen Kaufleute (und Handwerker?) im Ausland, wo der Priester Macht 
nicht hinreichte, zum Verein sich zusammenschlössen. Im Piraeus ist 
eine Inschrift gefunden, der zufolge die Athener im Jahre 333 v. Chr. 
den Kauf leuten aus Kition erlauben, einen Platz zur Erbauung eines Heilig- 
tum der Aphrodite zu erwerben, KflOdiTiep xai ol AtTOimot tö ti^c 'Iciboc 
Upöv ?6puvTai. * 



Die Zeit unserer Inschrifl — das Ende des dritten vorchristlichen 
Jahrhunderts — vereinfacht die weitere Untersuchung in erfreulichster 
Weise. Rom, die klassische Stadt für collegia, für die Handwerker- 
verbände des Königs Numa, scheidet aus. In der Zeit des zweiten pani- 
schen Krieges reicht der römische Einfluß in solchen Fragen nicht über 
Kap Malea nach Osten. Für die Interessen italischer Kaufleute ist der Krieg 
gegen den Seeräuberstaat der lUyrier an der nördlichen Adria geführt 
im Jahre 230 und 229, aber erst das Jahr 212 sieht römische Politik und 
römische Strategie in Griechenland tätig und mit dem ferneren Osten 
pflegt man am Tiber nur spärliche diplomatische Beziehungen. Damit 
entgehen wir einem Wust von Hypothesen, der bis jetzt auf allen Unter- 
suchungen über das Vereinswesen des Ostens bleischwer lagerte. Wir 
haben es nur mit den Östlichen Völkern zu tun auf der Suche nach dem 
Vorbild für die Bäckerinnung, und hier, selbst wenn wir von den Ver- 
hältnissen in Tyrus und Gaza mehr wüßten, als es der Fall ist, richtet 
sich der Blick für das ptolemäische Ägypten nächst den Ägyptern natur- 
gemäß auf die Griechen. 

Der Grieche in der Zeit seiner poUtischen Ohnmacht, wo ihn römi- 
scher Wille offiziell oder inoffiziell regiert, ist ein Vereinsmeyer erster 
Güte. Das höchst verdienstliche Buch Ziebarths* gibt die Beweise auf 
vielen Seiten und die lange Vereinsliste des Index macht es ohne Worte 
klar. Der Grieche, vordem ihn makedonische Lanzen und das Genie 
Alexanders zum Herren der östlichen Welt machten, ist es nur in be- 
schränktem Maße. Die Zwischenzeit, die hellenistische Periode der Ale- 



I CIA n, 168, Dittenberger fjUage' 551, Micliel recneil 104. 
1 E.Ziebuth, Du griechische VerciiuwMen 1S96 (PrcUschriß der JablODOwskitcneb 
Gesellscbaft> 



234 



M. L, Strack, Die MüUerinnting in Alexacdhen. 



xandriden oder wie immer man jene Zett von Alexander bis auf Roms 
Besitzergreifung nennen wiH, hat das Vereinswesen zur Blüte gebracht 
zum Teil wohl erst geschaffen. Das ist der von selbst sich ergebende 
Schluß und ihn bestätigt unsere Inschrift. Merkwürdig hat man bis jetit 
diesen Schluß verkannt ' oder nicht genügend betont. 

Es hat das griechische Vereinswesen eine eigentümliche Form, die 
fast allen Spielarten, in der es zu Tage tritt, gemeinsam ist oder wenigstens 
der weit überwiegenden Menge: die Verquickung mit einem Kult. Mt 
irgend einem Gott oder Heros steht fast jeder griechische Verein in 
näherer fieziehung ganz gleich ob er religiöse, wissenschaftliche, künstle- 
rische, geschäftliche, gesellige Zwecke verfolgt. Er ahmt darin nur das 
Beispiel nach, das der größte Verein, der Staat, ihm gibt, der ohne 
inhärente Kirche nicht zu denken ist, ein Beispiel, das dieser wieder 
gelcmt hat von seinen ursprünglichen, natürlichen Bestandteilen, den 
Familien, und das er übertrug: auf seine künstlich geschaffenen Glieder, 
Die Poüs wie die Phylen und Dcmcn haben ihre Gotter in Attika, und 
anderswo wirds nicht anders sein. „Es ist eben ohne sacralen Hinter- 
grund ursprünglich keine Ordnung- des sittlichen Lebens denkbar."» 

Die ersten Jahrhunderte des letzten vorchristlichen Jahrtausends 
haben die noMc. den Stadtstaat geschaffen, in dem das Griechentum 
seinen eigensten Ausdruck gefunden hat, über den es in Theorie und 
Praxis vor Alexander nicht hinausgekommen ist. Aufs engste gehört 
der noXinic zur itöVic, mag sie bestehen oder vom Erdboden vertilgt sein 
durch den Feind wie Aegitia und Mcssene, und ungern teilt das Volk 
seine Bürgerrechte dem Fremden mit Viele, viele Städte sind Ln der 
großen Kolonialperiode von 750 — 55° gegründet, so daß sie wie ein 
Saum den Mittelmeerländern angewebt schienen nach einem alten Wort, 
nirgends ist es zu größeren Bildungen festerer Fügung gekommen und jede 
iß festen Formen konstituierte Stadt zeigt die der ttö^ic inhärente Eigen- 
schaft der ExcUisivität von neuem. Mit dem hellenistischen Zeitalter wird es 
anders ; die Stadt hat ihre beherrschende Rolle ausgespielt, das Reich tritt an 
ihre Stelle, die Freizügigkeit kommt gegenüber der engen Gebundenheit 
zur Geltung. Den Gründen nachgehen, hieße das Ziel aus den Augen 
verlieren und griechische Geschichte erzählen. Nur eins muQ betont 



■ SchocmanuLipsLus, Griecbiichc Altcitüiner, ipt»,. H 571 ; Francottc, l'indattrie 
daiu la Grcice inci'Cniie, ic)Oi, II 201. 

» üsener. Über vergleiclieiide SiU«n- und RccbUgeschichte. Soadcc^diuck 1903, 
S. 39. — Scliocniann-Lipiioi ri, 56&. — FrancoHc, l'mdusirie itai U Greee aaeiemie, 
1901, II, 20a. — ■VVilamowitj-Möllendorf, Antigenes vöQ K-arystos 376. 

lä. 8. tQOj, 



M. L. Strack, Die MüUerinnuDg in Alexandrien. 225 

werden. Es verändert sich in der Geschichte nichts über Nacht wie im 
Märchen. Das ganze Jahrhundert vor Alexander und mehr als dies 
haben dem Resultat vorgearbeitet, das die hellenistische Periode zeitigt 
Innere Revolution und äußere Kriege haben die Griechen zu vielen 
Tausenden aus ihren itöXeic flüchtig gemacht, so daß man um 350 ein 
besseres und größeres Heer aus denen rüsten konnte, die heimatlos in 
Griechenland umherirrten, als aus denen, die in den einzelnen Staaten als 
Bürger lebten.* Die wirtschaftliche Entwicklung trieb zum Großbetrieb 
und große Handelsstädte wie Athen öffneten wenigstens ihre Stadttore 
für fremde Industrielle und Kaufleute, wenn sie auch nach schlechter 
alter Sitte das Bü^errecht ängstlich für die ihrigen weiter reservierten. 
Was soU der Exkurs? Ich habe oben gesagt, das griechische 
Vereinswesen sei erst nach Alexander zu stärkerer Blüte gekommen. 
Die obigen Bemerkungen liefern die Erklärung; auf den Trümmern der 
nöXic im großem Verband der Reiche erwächst der Verein. Und wie 
die TTÖXtc langsam zergeht, so erstarkt langsam das Vereinswesen. Steht 
man, wie billig, ab von Familienkulten und -Genossenschaften sowie von 
polirischen Klubs, so sind in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts und 
in das 4. Jahrhundert die Anfänge des privaten Vereinswesens zu legen. 
Die 6facoi, die ernstgemeinten Kultvereinigungen wie die frohUchen Eß- 
und Trinkklubs mit offizieller religiöser Maske reichen mit Zeugnissen 
bis mindestens an den Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.,* in Wahr- 
heit wird mancher etacoc älter sein. Die wissenschaftlichen und künstle- 
rischen Vereine sind nicht viel jünger und werden kaum weit über 
die gefundene Grenze hinausgehen. Für die Handelsgilden und Hand- 
werkerverbande — auch sie später zum Teil reli^ös organisiert — glaubt 
einer der besten Kenner ungefähr die gleiche Entstehungszeit annehmen 
zu sollen J und sucht aus den Inschriften Vereine von Ärzten — sie 
gehören nach der Ansicht der Alten zu den brifxioupTol — in Kos und 
Athen, sowie Spuren von Töpfer-, Schmiede-, WalkergUden zu erweisen. 
Dem ist widersprochen worden und wohl mit Recht* Bis jetzt beweisen 
die Inschriften nur die Ebdstenz dieser Berufsarten und zeigen, daß ihre 
Vertreter ad hoc sich vereinigen, aber für Korporationen oder Bruder- 
schaften liegt aus so früher Zeit bis jetzt kein Beweis vor. Damit ist 



» Isokntei V, 96 („Philippoi" »u« dem J«hr 346). 

' Foucwt, des usociatioiu religieuses chec les Grecs (1S73) S. 55 f. Ziebuth 
ft. ». O. 36. 

3 Ziebaitb. 

4 Schoemum-Lipsini 11 (i902\ 571; Francotte U, 200B. 

Zcilscbr. f. ä. ncnieiL Wiu. Jahrji, tV. 190]. | J 



226 



M. L. Stiaclc, Die MüUennnuDg !□ Alexandriec 



nicht g-esagt. daüwir durch neue Funde njeht eines Tages eines Besserea 
belehrt werden können, und Handelsgilden zum mindesten lassen sieb 
schon heut nachweisen, nur nicht da, wo man sie bis jetzt gesucht hat 
im Bereich der tt6Xic, sondern auswärts, wo man den griechischen Kauf- 
mann wolil schätzte, aber die Macht besaß die nöXic-Konstituiening lu 
hindern — in den alten Kulturländern. Babylon und die phöniäschen 
Städte versagen bis jetzt. Vom Ägypten des Pharaos Amasis, des 
Philhellenisten, erzählt aber Herodot:' <I)iX4XXriv Öe ftvÖMtvoc ö 'AjiCtac 
dXX« te ic 'EXXriviuv ^CTcterepovc ^ittbiiaro, Koi ft#| Koä ToTa dmicveif- 
ji^voici ic ATfunTov IbiuKf. Naüttpanv ttöXiv ^voiKfjccti' toia 6J; itf\ ßouXo- 
jilvoici aÜTiüv oiK^iv, cOtoü bi vouTlXXojitVOlci, tb\UKi xiiJpouc ^viftpücocBo« 
Puujioiic Kai TEn^VEH Öeoici.TÖ nfv vüv ^^TicTOv oTjTifiv T^wcvoc Kai ovo- 
pacTÖTOTov ^öv Kai xPIciniÜTttTOV, KoXeÜMEVov bt'EXXnviov. aTÖe iröXik 
ela ai Ibpu^evai Koivf|, 'lüJvujv ufev Xioc Kai T^tuc Kol «fcuJKOia Kcd KXalo- 
ycvai, Aiiipi€UJV bi. 'Pöboc Kai Kviboc Kai 'AXiKopvriccöc kkI «tJäcnXtc 
AioXtUJV bk }) MuTiXqvafujv ^oüvir tout^wv tiiv icn toüto tÖ T^fjevoc, 
Kai TtpocräTac toO ^niiopiou aöiai ai iröXitc e£ci ai naptxouccti ■ öcoi 6t 
äXXai TTÖXtec neTanoitüvTcri, ovHv cipi M^t^v ^leTanoieOvrai , X'J>plc ^^ Aifi- 
vtiTai im 4WUTÜIV iapücavTO Tlpevoc Aiöc, K«i äXla Zdjjicn 'Hpllc Kai 
MiXiicioi "AfföXXwvoc. 

Wie man sich die Aegnneten, Samier, Milesier mit ihren Heilig- 
tümern anders denken soll denn als religiös konstituierte Handelsgilden- 
ist nicht wohl einzusehen.* Sie bieten das Gegenbild älteren Datums 
der Ägypter im Piräus. 



Laien brudersc haften auf der einen Seite, eng mit der Priesterschaft 
in Ägypten verbunden seit alter Zeit, daneben keinerlei Innung oder 

I Herodot H, 17S. 

' Gaitis (Digest 47, 3iO bat uns ein Solonigcbes Gesetz bewahrt,, äes nacli WiluutnnU 
(AötigöBOB aus KflTyElos 278) folgenden Worüaiif hat: ^dv bi fc?|noC f| •pptrcipfc fi öpf^VEC 
f^ TEv-yflTai (fl Upiliv ÖpTftuJV f| voötoi coAä.) f\ cücciToi f| öjJOTclpoi, P\ ÜianCtrai f\ ^itJ JLctav 
o(XiJ|jtvoi fli tlc ^unopiav. ön &v Tö(jTiuvbicieiIivTai<rivec> itpöc dX3iT|Xovc, Küpiov «iwi, 
tiv »V] &iTaYop£ui3 TA brmdcui tpätt^ta-vii, Caraut väre die Existeni von Kult vereinen 
um 60D lu falgem. Eine Handelsgilde aber folgt dlaraus so -wenig wie eine Knpereigiltle. 
Mit ivi ketav ofxö^Evoi f] tic ^^iroplav sind Gesdlschaften ad hoc gemeint. Doch ui 
die Z-cit dieacE .altaltiEchen Verein ügCG et tes mir scbr frnglicb. Ich könnte mir wobl 
denken, daß es Im teilten Jnhriehnt dei 5. Jahrhunderts bei d«n Veifassongsrcvisionea 
entstand, wo mui lut trrfTplflC itiAtTifCn vor K.ieisticn-es surückgelien wollte, Di« sorg- 
»ime V«imcidung seiner Vollcscinteilung in Fhylcn und Demcn spriclil dafUr. Wäre 
dem so, so würde das Schweigen übti Hnndwerken'erbände, Ilaadelsgildeo , Eüqitler. 
vereioe wQtl ihr Nichtbestehen um ^oo -wahrscheinlich machen. 



J 



M. L. Strack, Die Müllerinaung in Alexandrien. 227 

Gilde — Vereine verschiedener Art, meistens religiös organisiert, auf 
der andern Seite, seit dem ausgehenden fünften Jahrhundert in fort- 
schreitender Entwicklung, das ist das Bild etwa um 323 v. Chr., als 
Ftolemäus I sich zum Herren Ägyptens machte. Handelsgilden der 
Griechen glaubten wir in den ungriechischen alten Kulturländern an- 
nehmen zu dürfen, vielleicht auch in den großen Handelsplätzen jener 
Zeit wie Athen, Handwerkergilden gab es nicht. Wie sieht es aus unter 
den Ptolemäem? 

Die Staatsform des ptolemäischen Ägyptens ist die absolute Monarchie. 
Der König regiert uneingeschränkt Das Söldnerheer stützt ihm den 
Thron, ein Heer von Beamten fuhrt seine Anordnungen liir die Verwaltung 
aus. Selbständigkeit, Autonomie gibt es nicht am Nil. Mit Ptolemais 
in Oberägypten ist einmal ein schwacher Versuch vom König gemacht, 
eine griechische nöXic dem absoluten Regiment einzufügen, ' Alexandrien 
wie auch wohl Naukratis genießen Vorrechte, ihre Büi^erschaft ist wie 
die attische in Phylen und Demen geteilt, an dem Absolutismus der 
monarchischen Gewalt ändert es nichts. 

Das ist durchaus das Regierungsprinzip der Pharaonen. Aber die 
makedonischen Könige, deren erstem ein athenischer Staatsmann bei 
der Einrichtung des eroberten Landes zur Hand ging,» haben den griechi- 
schen Einschlag in der Bevölkerung nicht vei^essen, haben ihrem 
menschlichen Bedürfnis sich zusammenzutun, um gemeinsam zu raten 
und zu taten, Rechnung getragen. Das Vereinsleben blüht am Nil, seit 
griechische Herrscher dort regieren, und ebenso in dem eng zum Kem- 
land gehörigen Kypros. Alle Arten Vereine finden wir, und <^e meisten 
von ihnen, wenn nicht alle, sind in religiösen Formen konstituiert. 3 So 
gibt es reinkultliche Vereine, öiacoi, für die das Opfer aber wohl nur 
der B^pnn der Schmauserei ist,* und solche die ihren gesellschafl- 
lichen Charakter im Namen deutlich aussprechen, s wissenschaft- 



' BulL corresp. hellen. 1897, XXI, 189. Die IntchriftCD aind wiederholt im Archiv 
fiör Fapynisfonchimg I, 202 t. 

' Demetrins von Fbaleron, der lehn Jahre lang als npocTdrtic Athens StutswescD 
geleitet hat, geht 297 an den Hof des Ftolemäus und hat bei ihm bis in des Könige 
Tod 383 in hohen Ehren gestanden. (VergL Pauly-Wissowa s, v. Demetrios.) 

3 Lumbroio, ricerche Alessandrine in den Meinorie RcaL acad. di Torino, XXII, 78, 
„dei sodalici alessandrini", der aber im Jahre 1871 noch nicht viel bringen konnte. — 
Sebarth, Vereinswesen passim (Index s. t.) — Wilcken Ostralca I, 331. — P. M. Heyer, 
Heerwesen passim. 

4 Athenäus 5, 197; Plntarcli, Kleomenet 34, 1 ; Strack Djmaitie, Anhang 76. 

i TCtouiCTot am Ende des 3. Jahrhunderts, Atbenäai 6, 24a; cOvoboc d^i^?|Toß(ujv, 

IS* 



2Z8 



M. L. Sirack, Die Müllerinouitg in Alcxandrien. 



liehe, ■• künstlerische,' militärisch« UMs landsmannschaftlicher Art, teils 
garnisonsweise geeint.^ Vereine junger Männer.^ Haüdelsgüden,» Acker- 
bauer-' und Handwerkervereine.' Für die letzten sad nun und fiir die 
ganze Epoche unsere braunen Brotbäcker die klassischen Zeugen. Denn 
das versteht sich von selbst, wenn es die Innung der Grobbäcker im 
Ptolemäeireich friiher Zeit in der Landeshauptstadt gibt, so stehen ihr 
zur Seite die Innungen der Walker und Wäscher, der Schuster und 
Schneider, kurz aUer Gewerbe. Und daÜ das Innungswesen nicht nur 
auf die Großstadt an der See beschränkt war, dafür können die organi- 
sierten Konditorgenossen aus dem Fayum und die Tischler aus Ober- 
äg/pten als Zeugen auftreten, wenn wir sie auch erst aus fhihrömischer 
Zeit kennen. Damit ist viel gewonnea Die alte Streitfrage, ob die 
Handwerkervereine griechisch oder romischen Ursprungs seien, die mit 
merkwürdiger Beharrlichkeit günstig für Rom beantwortet wurde, ist 

c6va?>oc cuvQTiDBavouM^viuv, Flucuch, Antonius 23 und 71; vcr^l. LambrosOj l'Egitto dei 
Greci e d«i Romkni > (ES9J), 74, 

■ t. B. MascioD in AlexaDdiien, Stroko 794C VeigL LumbToto, ricercbe, Sondci- 

abdnielc S2; Ziebartlj 73. 

■ Insctiriften ai» PtQleqiaiE, StracV Anhang ]J, 36 — aus Kypros cb-endA tjg — t2V 

i Strick 77, g5, 108. ti2, 117, 120, 124, 161, Bull. coir. hell, XX, 177 meist aat 
Kypros; »ergL P. M. Meyer, Heerwesen yj, 9} und oben S. 21G Anra. 2. 

* Straclc t^i, 143 — nuf Kypro^ <|S, t:D. 

} f| c6voboc Tiiiv 4w 'fAelavhpiltf npEcßuT^piuv ^bax^uJV (d, b. Spediteur«), 5tn,ci 
TtJ, 118 (Steine &uf Ddos geftindeD ^lu der zweitea HllFte des Eweiten J*hrliu«4«ite 
T. Chr.). 

^ f| riivoöoc TÜiv cuvteiCtxuJV aas Alexajidrieii. Envithnt von Botti, ea.taIo£it« dn 
mu<6e d'AlexaU'iIiie' 159, 24 a\s dn PtDtemä.vrze)< nngebüng (Jshr SO eines Köni^). Die 
Inschrifl findet «ich: Rivista cgiüatia 1S93, Yi 24.4. BattS; Ziebuith a. a. O. atj mii 
meikwüTdiger Verkennimg der Warte; Archiv I, 309, 25. — Hecuii,iehen kuin ai»n ei»' 
Inichriri ftiu Alexandiicn aus dem Jahr 2j oder 3711. Chr., wo f] cdvo&oc fciupplrv 
Kcicnpac gcnuint is.t. Ziebartli 213; Bolti a. o. O. 2üä, 64. 

: Mit dem Beweis fiir die Ulitc Klisse sUad ts aUsfdings sehleeM bi« jetit nnd 
P.M. Meyers nehauptung (Hccnrcsen 49), daG die Gewerbetreibenden und Handwerker 
des Fayuni Zünfte und Gilden bilden, war reichlich Itiün. Wir hatten bexeu^ nur nj 
■rtififlQt TÜiv 4ird 1ÖÖ 'Apcivotirpu «qaapoupTi'i'V it«i ii\ai(ouvTonoiiipv ans dem Fa>-noi 
vom Jahre 3 n. Chr., und oi diti TTroheMalftoc t^xrovec irptcß<!n€pOi tnii Priester ans 
Oberögypteit vom Jahr 46 11. Chr. (Lutnbroso, recherches 134. — fflebarth »13, cr-wihRt 
Botti cutol.' 363, 47i iien sourenir des envoy^e de FtoUinais". Sollten die Zlramcrleatc 
nicht dastehen?), beide erst aas römiscber Zeit, Was sonst aJs Beweis vorgebracht wurde, 
wir nicht twingerid. So die besondern Begrub tiispUtse der SehusCet ^nd Leichen- 
baliomieter, die Pap, griech. Far. s ncsncn soll (CKUT^iuv Tob TTnÖupiTOU , TaptxeOiwv 
Tüiv iK ToO KoictItou) und diurch die eine gitdenordge Gcs'ChloEieiiheit der beiden. Ge- 
werbe sich ergäbe, so die StiolLennamtn (Leine weberstraJIe, FischerstroCc)!, so die ~ntel 
icTUJvdpxric ätpXovrjXaiiTic fWilckcn, Ostiaka 1, 331). DaJJ hier »ach andere Elrklämn^a 
xnllssig sind, hitiucbt wohl nicht Aiisgefübrt lu «erdeo. Für die Choaetiyteei, die Zicbanh 
a> L O, 100 heranzieht, s. 0, S. 22z Anm. 2. 



J 



M. L. Strack, Die MiillerimiuDg in Alexandrieo. 229 



aus der Welt geschafft. Griechischer Ursprung ist sicher und wieder 
rächt sich, daß man gemeinhin nur bis Alexander griechische Geschichte 
lernt, mn sie bei dem Einwirken der Römer wieder aufzunehmen. Als 
ob nicht gerade die zwischenliegende Zeit, die Königreiche der Ale- 
xandriden die Grundlage fiir den ganzen späteren Bau gelegt hätten. 
Die alte Streitfrage ist erledigt; fast wandelt einen die Lust an, den 
Spieß umzudrehen und die angeblich aus Königs Numa Zeit stammenden 
römischen Handwerkerkorporationen nach der Glaubwürdigkeit ihres Ur* 
Sprungszeugnisses zu fragen? Es ist nicht alles wahr, was man aus 
römischer Königszeit uns berichtet. Doch hat die naheliegende An- 
nahme, daß im Osten und Westen diese Innungen frei von dnander 
entstanden sind, die Wahrheit wohl auf ihrer Seite. 

Etwas anderes fordert noch Antwort Hat König Ptolemäus — 
unter den ersten vier haben wir die Auswahl — nur den Griechen einen 
Gefallen getan, und ihre Organisation ohne weitere Absicht auf die 
Fellachen übertragen lassen ? Ich denke nicht, und glaube, daß hier ein 
Schachzug gegen die Priesterwelt sich zu erkennen gibt, der würdig 
jener genialen Finanzoperation des zweiten Königs an die Seite tritt, 
durch die den Priestern die materielle Unterlage ihrer Macht genommen 
wurde, ohne daß sie murren durften. Seit der Auffindung des sog. 
Revenue-Papyrus ' können wir die letztere würdigen. Die Tempel hatten 
von früher her reiche Einkünfte aus einer Ertragsabgabe gewisser 
Pflanzungen in Ägypten wie Rebländer und Nutzgärten. Im jähre 264 
bestimmte der König, daß seine jüngst zur Göttin erhobene verstorbene 
Schwester -Gemahlin Arsinoe, cüwaoc Ocd in den Tempeln der alten 
ägyptischen Gottheiten werden und ihrem Kult die Quote fortan zu gute 
kommen solle. Die Verwaltung und Einziehung des Ertrages übernahmen 
die königlichen Behörden. * Mit andern Worten, die Steuer floß in des 
Königs Kasse fortan statt in die Tempelkassen und die Priesterschaften 
wurden finanziell vom Fiskus abhängig. Aber die Macht über die Menge 
hatten sie noch, und sie auszuüben und zu behaupten war die Laien- 
priesterschaft das geeignete Mittel. Und was war der Erfolg enei^ch 
durclt^eführter Vereinsgründungen nach griechischem Muster unter den 
Fellachen? Zweifellos die Emanzipierung der Bevölkerung von der 
Priestcrschaf^ ein Ziel aufs inn^stc zu wünschen für den Fremdherrscher 
am Nil, tmd das Mittel war des großen Zieles wert 3 Das Ziel ward 



I Grenfell'MthRß'y, Rerenae Laws of Rolem; Philftdelpbi». 

' Wilcken, Ottr&ka I, 134. 

3 Die AnfGndimg des alexandtin. Steint hat die Dunkelheit etwas gelichtet, die 



230 H. L. Strack, Die MnDennnmg in AlezandiieB. 

nicht erreicht, wenn bb hierfaia die Quellen licfaäg interpretiert sind; <fie 
Laienpriesterschaft in der Rosettana, dem Dekret der ecdesia trimxqrfians, 
gegeben unter der R^ienn^ des Kindes Ptolentans V. Epipbanes^ und 
die Laienpriesterschaft der römischen Papyrus spricht dagegen. Dafi es 
nicht einmal ins Auge gcfaCt sei, ist damit nicht gesagt* 

Die kleine Weihung der Grobbäcker aus Alexandrien hat meiir ge- 
lehrt als ihr erster Anblick vermuten läfit. Die Berechtiguiig, sie in 
dieser Zeitschrift zo besprechen, habe ich no<^ za erbringen. Ich ent- 
nehme sie dem KoQ^^ium der itpcc^ütcpoi. 



Hauschildt hat dargelegt, dafi im Fayum der römiscben Kaiser- 
zeit der Ausschuß des PriesteikoQegiunis wie der der Dorl^siieiixle oi 
icpccßÜTEpoi genannt wird, da£ dieser Name ein "Htel, nnabbaiig^ vom 
AHer des Inhabers, ist, and daQ er nicht nur koQektivistiscii gcbcancfat 
wird, sondern im Singular dem einzehien AusschoEimi^Iied znkonmit ö 
beva irpecßirTEpoc ttjc witjOYC Er hätte für seine Zeit noch aus rf^rrn 
Jahre 109 n. Chr. den Ansschufi der Weber zitieren dürfen .oi irpccßÜTEpoi 
T^iot", zumal diese Altesten einen Spetseraum haben,* der noch im 
Fayum im GrundriD in Augenst^iein genommen werden laiUL 

Die iqjccßÜTepoi rSn dXupoKÖtnuv fuhren uns zwei yoUe Jahdumderte 
weiter zurück. Ich gebe im Folgenden eine Liste der mir überfaaupt be- 
kannten .JVltesten" aus ptt^emäischer Zeit, nebst einer zeitlicli nahe- 
stehenden aus der römischen KaiserzoL 

Zdt ▼. Chr. Gut Bd^ 

1 355 Tl^ofoc rat oi «pec0vt«p« (ot rape- FCndai Petric P*p, n. 4. 

crrffAnc) 

2 Zwisden 217—405 ol iqie#rnpat Tdnr UupOKdmrr ansere Inschrift 

3 IS7 ol im -rtnu vpcc^ÜTtpot GradeO, greek Psp. I, 1 1 f >1 

aQ,(')3T 

4 X. Jahsh. ol iK Tr|c vdiMi)c vpcc^&tqKN Amhent P^. Q, 3Q 



ifaer da- EBtwtdlan^ da Vereinawesciis lag. Erst wom nd mdr NacItricliC^ gms 
Alczandrien md tot allem ans Anäocliiea, Selescu a. s. w. no di e gen , wird im» es toU 
TentehcB. 

I TidteiclU Tcrfolcte «an b« der Schafimig der 5. PriestcrpltTle ^ TT pfi n iiiDini Q jju^i m 
«^«rri qwilJI Twv EOcfTTCTliiv 6edv dusdbc ZlcL iKaiuqnudckret 24); vi^IieicM aber 
ist hier ucb ein Gegenmg der Priester n erblicken 

' GrenfeO-Hniit, Farnm tvwiu and their papyri 1900, S. 54. Kalkitrm sxs Hxrit: 
hivtr^rfipm sp cc^VT^pujv -jfpbiart, twi Nc^cpiü -toc toO Ke^mUtoc ypom tlo O. j 'Hpun 
£tp<>V» ^* iT<t0<ji. (Cnvc) 10 TpcDovoO Kmopoc ] igö RUpioii. 4>appaOSi ^ 



M. L. Strack, Die Müllerinnung in Alexandrien. 231 



Zeit V. Chr. Citri Beleg 

5 Zwischen 123 — 116 i\ cCvAbocTi&v ^v 'AXe&ivbpdi} npec- 3 Inschriften, Bnl]. coir.faeU. 

ßuT^poiv i^boxituv XI,249,35z=Str«ck,Dy- 

Dutie 115, 118 

6 117 ol npecßäTepoi TtDv jeasp^v Tebtun. Pap. 40' 

7 114 Inipiiientng des Dammes dnrcli Klu^o- Tebtun. Pap. 13 

TpOfiMcmOccäv'fipiui Kiu^dpxnO 
ml TTdravi xal JUXoic iipec(puT^poic) 
TlDv YHi)(pTiöv) 

8 113 Kla.ge an den KUi>iOTp(i)i^aTEi>c Ttopd Tebtun. Pap. 4S 

TOO KUt^dpXOU KClt TlSv TTpCCßUT^pWV 

9 113 KuiMdpxr^c KOi ol npECßfrrcpoi tiAv Tebtun. Pap. 50 

TCUjpTTÖV 

to 3/1 Jahrh. TtpEcß6TCpoiT(&VT€u]pT<[iVKaloi&Uu>i Grenfell, gieek Pap. II, 

ol Td ßociXiKd -npaTfiaTEuÖMevoi 37, 4 

1 1 2/1 Jahrh. 6 itpecßOTEpoc rffi Ktbta\c Pap. Leiden A. 

12 Zwischen 36 — 300t &itii AiocicöXcwc Tf)c fJcrdXTic CJ Gr. 4717 

UpEic ToO tierlcTOuOcoO'AMovpacuiv&^p 

Koi ol 1TpECß6TEp01 Ksl ot fiXXoi IKIvTEC 

13 46n-Chr. oi dnd TTToXEiial&oc t^ktovcc npcc- Inschrift aus Alexandrieoi 

pOrepOl SebaithtVeieintweien 313 

Die Liste ist an sich nicht groß, und schrumpft bei Zusammen- 
fassung des Gleichartigen noch bedeutend zusammen. Oi dnö toO töttou 
npecßÜTCpoi sind allerdings nicht dieselben wie oi ^k Tt^c Kiüfxric irp€C- 
ßiirepoi; denn im töttoc (TOTrapx(ai) liegen die KÜi^ai, so daß die erst- 
genannten iTpecpÖTtpoi vornehmerer Art sind. Aber schwerlich wird man 
den Nichtbauera der Ideinen Dörfer um-echt tun, wenn man oi £x Tf)c 
K\imr\c Trpccßiirepoi mit ol irpecpürepoi tiSv TtujpTwv gleicht Das darf trotz- 
dem nicht zu dem Schluß verleiten, daß die Institution der Presbyter wenig 
verbreitet unter den 7 Millionen Untertanen der Ptolemäer am Nil ge- 
wesen sei. Es muß immer wieder betont werden, daß wir von der 
Hauptstadt Alexandrien mit ihren 300000 Einwohnern und den andern 
größeren Städten erst in neuester Zeit einige dürftige Kunde erhalten. Kauf- 
leute, Handwericer, Bauern sind vertreten mit ihren „Ältesten", die letzteren 
mit den zahlreichsten Beispielen. Nicht etwa weil von ihnen die Institution 
ausgeht und sie bei ihnen am meisten verbreitet ist, sondern weil die Quellen, 
aus denen wir schöpfen, die Papyrus, aus den ländlichen Gemeinden stammen. 
In wie weite Kreise die Presbyter Eingang gefunden haben, wissen wir 
also nicht. Nur eins steht fes^ es fehlen die Soldaten und die GeistUch- 



I Sie werden cuiammengenannt mit dem ^mcrdTT^C Tf^C Kib)XTiC, dem dpxi<pi>XaKCTT]C 
und dem nmiarTponnumüc 



keif Oder ist däs schon zu viel behauptet? Ziebärtli hat zu unseren 
TTpecPÜTtpot ^T^oxcic und nptcßiÜTepoi tcktovec die BerncrJcung gemacht,* 
da& aus der Bezeichnung np*cßt!i«poi sich zum mindesten noch ein 
gleicher Verein in derselben Stadt erschUeüen lasse. Mit andern Worten 
die Spediteure und Tischler müssen wii streichen; es handelt: sich gar 
nicht um Alteste, sondern um zwei oder mehrere Vereine, die geschieden 
werden wie Brüder, npecßÜTtpoc-vtÜJXtpoc. Das wäre eine traurige Ein- 
buße und unsere Grobbäcl^er stiegen noch höher im Ansehen; sie warfto 
umci neben den Bauern. Aber es ist nicht so, wie Ziebärtli es sich denkti 
-TTpEcßÜTfpäi und VEdjTEpoi, senioFcs und iuntores, sind die natürlichen Teile 
eines und desselben Vereins. Die jüngeren Spediteure und Tischler 
kennen wir noch nicht inschriftlich, aber als in der oberagypti sehen Stadt 
Ptolemais im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Änderung des Wahlmodus Platz 
greifen soll, ^ da erregen ol vedjTcpoi Kai o\ aXXoi noXTim einen Krawaü. 
So gut wie diese vtibiepoi Bürger von Ftolemais sind, zusammen mit 
andern, so gut gehören die npecpürepoi ^f^oxcTc in einen Verein mit 
andern Jüngern Spediteuren, Der Sprachgebrauch der PapjTus aus 
römischer Zeit, wo die npccßOrepoi UpeTc ntVTatpuXiac, npEcßÜTCpoi lipiii 
TTpiimc (puXiic neben den nptcßÜTCpoi tlüv tepeujv stehen, bestätigt diese 
Auffassung durchsus. Und da& im allgemeinen nur die Alteren aus- 
gezeichnet sind, die andern die Masse der Vereinsmitglieder ohne weitere 
Bezeichnung bilden, ist nur in der Ordnung. 

Die TcpccßÜTEpoi tektovcc wie die npecßÜTtpoi imv ÖXupoKÖutuv liaben 
einen UpeOc, wahrscheinlich gehört er selbst zu ihnen. Die religiöse 
Form des griechischen Vereins ist also in diesen aus griechischen Städten 
stammenden Handwerkcrgildtn gewahrt. Die TipecguTtpoi Ttic Kwjirjt 
— es findet sich auch 6 nptcßÜTepoc rnc Kibfir\c (Pap. Leyd. A.) — und 
ebenso wohl die des TÖiroc haben keinen Priester; er ist auch nicht zu 
erwarten bei ihrer engen Verbindung mit der eigentlichen PriesterscliafL 
Die Institution selbst der „Ältesten" gewinnt allmählig an Boden. Das 
wird man aus dem Nebeneinanderbestehen der beiden eben besprochenen 
Ausdrucks weisen schlieQen dürfen; man empfand den Wortsinn hier 
mehr, dort weniger. Bewiesen wird es durch die TrptcpüTtpoi Up^iuv der 
Kaiserzeit, die^ diesen Namen, allerdings mit Änderung der Institution für 
den der ßou^eutöi iipeic ptolemäischen Regimentes eingetauscht haben. 

Das etwa ist das Tatsächliche. Eine Reihe von Fragen drängt 



I Der FneKterausEschuD. d«T Pbylen im KuiopuBdekret heii^lDt ctKoci (irfvTcJ ßouXcvrai 
lepEic und wild jUiiLieU gewählt, 

' Ziebarth, VcreiiiswKsen, 30, 213. 3 Bull. cott. hell. XXI, 189 •>= Aichiv I, 203, ^ 



M. L. Strack, Die MülleriimuDg in Alexandrien. 233 

heran. Waren die -npecßurepoi wirklich die Ältesten, oder ist ihr Name 
auch hier zwei bis drei Jahrhunderte vor Christi Geburt ein bloßer Titel, 
damals als in der vornehmen Welt gleichfalls die Lust an Orden und 
Titeln sich breit machten und dem Geschmack vom König Rechnung 
getragen wurde? Woher stammt der Name? Was ist mit ihm be- 
zweckt, hat der ewig geldgierige Hof der Ptolemäer in dieser Institu- 
tion eine Erieichterung bei seinen Steuerforderungen erblickt, oder 
liegt überhaupt keine Absicht zu Grunde, und hat sich dies Kollegium 
in den Vereinen von selbst gebildet? Wie werden sie ernannt, 
wie lange amtierten sie und worin bestanden ihre Geschäfte? Die 
Antworten stellen sich nur spärHch ein und müssen für jedes Pres- 
byterkollegium gesondert gegeben werden, die nicht unter einander 
gleich eingerichtet sein müssen. Am meisten wissen wir noch von den 
Dorfältesten mit ihrem Dorfschulzen an der Spitze, die im Verein mit 
dem etwas höherstehenden Dorfschreiber ihre Angelegenheiten, Frohnden 
und Steuern, besolden;' eine genauere Ausführung gehört nicht hierher- 
Nur eins sei noch betont. TTpEcßurepot kommen im griechischen Vereins- 
leben außerhalb Ägyptens so gut wie gar nicht vor, wenn man wie 
billig von den npecßOTCpot als Verein im Gegensatz zu dem Verein der 
v£oi absieht, die sonst auch t^povtec sich nennen. Ziebarths Sammlung 
weist nur (i^vui&ol TTpccßÜTEpoi aus NikopoUs in Thrakien und in Tanais 
npECßürepoc als Amtsbezeichnung auf. Beides aus späterer Kaiserzeit, 
so daß von Entlehnung oder Nachahmung nicht die Rede sein kann. 
Sowie die Förderung des Vereinswesens und die Ausdehnung auf die 
einheimische Bevölkerung bewußt von den ersten Ptolemäem zu politi- 
schen Zwecken ins Werk gesetzt ist, so ist die Schaffung dieses Ältesten- 
Ausschusses von ihnen ausgegangen. Ob Demetrius von Phaleron, der 
in seiner Heimat die Institution der Ephebie neu oi^anisiert hatte, von 
hier die Anregung mitgebracht hat oder ob die Syssitien Kretas und 
Spartas das Vorbild abgaben, darüber gibt es nur Vermutungen. Von 
Makedonien, dem Heimatland des Ptolemäus wissen wir gar nichts, von 
den Eindrücken, die er auf den langen Feldzügen Alexanders im Osten 
empfing, auch nicht Hier heißt es sich bescheiden. Nur weitere Funde 
können die Kenntnis von den ttpecßOrcpot über die letzten drei Jahr- 



> Weit höher steht der KUJ^0Tpc4iM(tT€<^ sher nicht In rftmiicber Zeit wenigstens 
vertreten ihn die irpEcßOTEpoi gelegentlich. Berl. Ftp. ans 2. Jahrh. n. Gir. BGU. I, 6, 
Wilcken, Henne* XXm, 598 <oiT Kai ol Aoinol itpEcßÖTEpoi t>iabexöfi€VoiKal Td KQTd 
TJjv KU((U>Tp{a^)iaT6(av) ialipr)c MoOxcuic 



234 ^- ^- Strack, Die Mülleriimung in Alexandriea. 

hunderte v. Chr. hinaus fördern, über die Zeit, in der sie, wie wir jetzt 
wissen, eine so gro&e Rolle in dem bürgerhchen Leben der Menschen 
am Nil spielten. In betreff des Urchristentums aber reicht unser Material 
zu dem vollgültigen Schluß, daß seine Institution der Presbyter sich durch- 
aus an die im Lande gang und gäbe Sitte anschloß, und da£ es mit ihr 
ganz unaufTallig sich in die Reihe der übrigen Vereine einreihte. 



[AbgucUoiMD am 30. Juli IQOJ.] 



H. Hauschildt, TTpEcßOTepoi in Ägypten im I — III Jahrb. n. Chr. 235 



TTpecKYTepoi 
in Ägypten im I— III Jahrhundert n, Chr. 

Von H. HaiuchUdt in Bonn. 

Das Fayöm, der arsinoVtische Gau des ptolemäischen Reiches, hat 
uns in den letzten Jahrzehnten reichste Fapyrusfunde beschert. Dort lag 
auch in dem von der zwölften Dynastie um die Mttte des m. Jahr- 
tausends V. Chr. künstlich geschaffenen Moerissee die Insel des Gottes 
Soknopaios mit einem Tempel desselben und einer zugehörigen Kiüfii|. ■ 
Aus diesem Orte gerade haben wir Papyri in solcher Menge erhalten, 
daß C. Wessely, der Direktor der Fapyrussammlung des Erzherzogs 
Rainer, die einen beträchtlichen Teil des weit über 1000 Stücke zählen- 
den Fundes birgt, es unternehmen konnte, aus den verschiedenen nach 
Berlin, London, Genf, Wien und anderswohin zerstreuten Urkunden eine 
möglichst vollständige Zusammenstellung aller wirtschaftlichen, kulturellen 
und Personalverhältnisse für jenen einzelnen, in sich abgeschlossenen 
kleinen Bezirk zu geben, und zwar für die ersten 2'|^ Jahrhunderte unserer 
Zeitrechnung, welche die gefundenen Papyri umfassen. Die Abhandlung 
„Karanis und Soknopaiu Nesos. Studien zur Geschichte antiker Kultur- 
und Personenverhältnisse" ist kürzlich erschienen in den Denkschriften 
der Wiener Akademie, phil.-hist. Klasse, 47 (1902), No. IV. 

Diese sehr dankenswerte Sammlung von unendlichem Material wird 
für alle Gebiete der alten Geschichte nutzbar zu machen sein. Vielleicht 
fällt daraus auch ein neues Licht auf die vielumstrittene Frage der alt- 
christlichen Gemeindeverfassung, wenn wir sehen, daß in diesen Urkunden 
die Namen der christlichen Geoieindebeamten bereits als Titel in den 
Priesterkollegien des genannten Soknopaiostempels begegnen. Es wird 
sich verlohnen, die von Wessely ohne Rücksicht auf derartige Spezial- 
fragen gegebenen Materialien von diesem Gesichtspunkt aus neu zu unter- 
suchen und vielleicht seine Bemerkungen hin und wieder zu präzisieren. 



< Vgl. die ansführliche geographische Einteitang bei Greofell und Hnnt, The Fayfim 
towni and their papTri, Lond. 190a 



236 H. Hauschildt, TTpfcß^iTcpoi is Ägypten im 1 — 111 Jahrh. n. Chr. 



Die Priestersehaft des „grollen Gottes Soknopaios" wird in unseren 
Urkunden verschiedentlich (cf. L' 335, 5 p. 191; L3S3,7 p. ii2; ÜB» 
16, 6 u. 43J, 10) bezeichnet a]s TttvTaipyya loKVorraiov Öeov, Sie zerfiel 
also in fünf Phylen, wie uns das für die gesamte ägyptische Priester- 
schaft der Ptolemäerzeit das Dekret von Kanopus^ bezeugt* das eben 
die fünfte Phyle zu den bestehenden vier hinzufügt. In diesem Dekret 
wird uns auch als geschäftsfülirender Ausschuß jeder Tempel priesterschaft 
ein jährlich wechselndes Kollegium von 25 ßouXcuTai genannt, deren j 
aus jeder Phyle gewählt werden sollen (Krebs, p. 35: tOQv alpou|j£vu>v 
KOT* iviauTÖv). Ahnlich liegen die Verhältnisse in unsenn kleinen Pro- 
vinzheiligtum. 

Auch hier wird die Priesterschaft im amtlichen und geschäfUichca 
Verkehr vertreten durch einzelne ihrer Mitglieder. Diese führen ent- 
weder keinen besonderen Titel, wie auf der Steuerquittung L No. 347 
p. 71 TecevoO<pic TTaKÜctmc K(al) Ztoto^tic 'Owiiicppeuic K(ai} 01 Xoi(itol) 
lep^C, oder sie heißen allgemein irpocrärai „Vorsteher", z. B. in C(orpus) 
P(apyrorum) R(aineri) No. 221 s. I/H-, einer Verkaufsurkunde über eine 
dem Gott gehörige Bau-Area. Doch ist dies, soweit die Indices der 
verschiedenen Publikationen reichen, die eindge Stelle, an der npoctärai 
als Bezeichnung der Vorsteher und Vertreter des Kollegiums vorkommt, 
so daH ich sie für eine gelegentliche, inoffizielle ansehen möchte. •• 

Häufiger ist die Bezeichnung als f|Toöpevoi. Der volle Titel erscheint 
in L No, 335, p, 191, einem Pachtverträge Tiiv ^ i^fOWM^voiv iqjuXioc 
lOKVonaiou ÖtoO pteftiiXou ncTÖXoy, über ein dem Gott gehöriges mjAaiöv, 
wobei sich unsere Herren Hcgumenoi neben dem Pachtzins für die 
Tempelkasse noch allerlei Extraleistungen für sich selbst au5bcding:en. 

L No. 286, p, 184. enthält das Anerbieten von 4 Tvatpeic auf 
Pachtung der fvapiKyi, der Walkergerechtsame in S. N. und NeilupoUs, 
dem nächstgelegenen Ort auf dem Festland; es ist, soweit man aus dem 
Fragment sehen kann, adressiert . . . . ] rjfouiifevuj k[pf]uj[v SoKvoitafluji 
fleüji — jedenfells findet sich am Schluß die Annahme des Angebots 



• Nach dei von W. gewählten AtikürEung = Greek papyri in th« Bri*. Mos. by 
F. G. K«iiyon, vo) 11, LeptJon iSgS. 

» ■- Ägf pL UfkuBden aus d. kgl. Museen n BerKn, Griech. Urk. Bd. L 11 u. in, 
Heft I — 11, Bert 1893— igoz. 

2 Text bei Siraclc, Dytiastie Jer FtelemUr, .^ntiaiig Nc. 38 ; cf.KrebciBd. ZäUcIu. 
I, 3gypt Sprache u^ A11ert.-Kun<3c Bd. XXXX (1893) p. 34 mit Anm. i. 

* Wie weit der Im KAnopus-Üclcrei, Z. 74 ^eoBrnte finCT(iTr|C kqI äpx\eptuc mit 
diesea npoCTllicil in Bestellung so aetien, ist niclit zu sagen, 



H. Hauschlldt, TTpecß{iTepoi in Ägypten im I— III Jahrh. n. Chr. 237 

durch die frroiintvoi verzeichnet: ZaT[dßouc ZtotohJtioc K[a\] Xaröpouc 
^Tr€pTlouc .... ^Toöfievoi imKexu)p*iKajj£v. 

In dem Stück L No. 281, p. 65/66, überreicht dem 'AttiJtxi 'AtfOt- 
Xctuc xal Ztotot^ti 'AttOtx^u'c ^TOUfxdvoic Upiwv £. N. ein Priester ein 
0T^6^vIl^a mit der Anzeige vom Tode seines Bruders, der ebenfalls 
Soknopaiospnester ist, Smuc dvcvcxÖTl ^v toTc TETeXcunjKÖa. — Demnach 
haben diese beiden Mitglieder des Ausschusses offenbar die Priesterlisten zu 
führen. In andern Fällen begegnet der Titel fnoimi.vo\, ohne daß man et- 
was über die Funktionen seiner Träger erschließen kann, so in L 357, 10, 
p. 166, einer Petition an den Strategen des vofxöc mit dem Satz: fpa- 
<pfivcH TÄ Ti3>v lep^ujv [ttic K]ii)|XTic fiTOUM^vu). Ohne irgend welchen Zusatz 
erscheint i\fo6]x&/oc L 256, p. 98 und in der ihrer Bestimmung nach un- 
klaren Dste L 266, p. 235, 104: TTäTuvic ^roöficvoc und p. 238, 313: 
TTdruvic f|T° Ob wir das Recht haben, diese letzten als ^TOtificvoi iep^utv 
anzusprechen, wage ich nicht zu entscheiden, um so weniger, als eine 
letzte Stelle, ÜB 270, 6, nach Wilckens Nachtrag im 12. Heft des I. Bd. 
der ÜB deutlich ^TO(u^evoi) K\i}}i(r\c) zeigt. Danach handelt es sich hier 
möglicherweise um Beamte der Kommunalgemeinde mit demselben Titel, 
wie wir sie gleich bei den TrpecßiÜTCpoi auch finden werden. 



TTpEcßiÜTCpoi ist der Titel des Ausschusses der Priesterschaft in allen 
amtlichen Urkunden. 

Fünf (e) npecßÜTEpoi Ecpcic TTEVTaq)uX(ac finden sich R' 121, ebenfalls 
fünf TrpecßÜTtpoi reichen in ÜB 387 den kaiserlichen Beamten eine Tpa<P'^ 
iep£ujv, eine Inventar- und Personenstandsliste des Heiligtums ein: 

[TTOpä ... — unleserliche Reste von Namen — 

. . . TlUV] € TrpKßUT^[plüV 

. . .] ZoKVOiiaiou eeoO iirrdXou 
lEpoO XoTi^ou Tpaip^ icp^iuv. 

Einer ähnlichen Eii^abe gehört offenbar das allein erhaltene Kopf- 
stück der Urkunde ÜB 433 an, gerichtet an den Strategen der 'HpaKXcf&ou 
^Epic des arsino'itischen Gaus und den ßaciXiKÖc TP^MMO^c^c Tfjc (lEpfboc 



' So bezeichnet ^Vesseljr den in der Sunmig. Enh. Rainer befindlichen Anteil sm 
Fund von S. N., der onscheinCDd noch nicht pnbUiiert ist — jedenfalli passen tu dem 
enctüenenen L Bd. des CPR die Nummeni nicht. 



23S H. Hauschildt, TTp£cß6Tcpoi in Ägypten im I— III Jahrb. n. Chr. 

Tiopd — folgt Aufzählung der Namen — Tiiiv i TrpEcßuTfpwv fep^wv itevra- 

q>uX(ac I. Ö. M. ix. Kai Tiüv cuwäiuv SeÄv 

Ebenso ÜB 16, 5: ot ? irptcßurepoi Icpetc irevracp. X. ö. 

Indessen in der Urkunde L 353, p. 112, bei den Worten ] te 

fep^ujv TicvTa<p. £. 6. vor dem gesicherten ii£vTe das irpecßur^pujv in <Ue 
anders freilich schn'er auszufüllende Lücke einzuschieben, trage ich doch 
Bedenken, weil sonst der Titel immer hinter der Zahl e steht, und weil 
ÜB 296, eine mit der vorigen bis auf die Namen der Priester wörtlich 
übereinstimmende Urkunde des vorhergehenden Jahres 2i9|2(^ den Aus- 
schuß auch nicht besonders tituliert, sondern nur mit o! tt^vtc zusammen- 
fallt — man kannte eben die fünf als die regulären Vertreter der 
PriesterschafL 

Wunderschön würde es nun passen, wenn diese Fün£cahl der Ver< 
treter für dne nevTaqiuXta durchweg gälte, wie das Dekret von Kanopus 
bestimmt, da& fünf Priester jeder Phyle in den Ausschuß der 25 ge- 
wählt werden solleiL Allein hier in 5. N. ist ähnliches nicht der Fall 

Wie L 335, 4, p. 191, ausdrücklich sechs Namen und tü>v c fffox*- 
\iivuiv £<puXiac aufweist, so sollen nach Wessely, p. 57 in R 107 sechs 
irpEcßiVrEpoi „eine prinzifHclle Erklärung für die ganze Priesterschaft des 
Tempels abgeben". Aber auch wo wir fünf Presbyter finden, ist von 
dem Prinzip, einen aus jeder Phyle zu nehmen, keine Spur. Das lehren 
uns die schon genannten Urkunden ÜB 296 vom Jahre 2igl{20 und L 353 
vom Jahre 221. 

In der ersten finden wir die Namen: Tlapci AfipnXEou 'Apoiiveujc 
T7avtq>p^HMeu)C toO riOTOiiTeiuc fiTirpöc Tamiufitoc Uplujc f cpuXfjc ictu 
TTaßoÖTOc lTOTO*iTeu)c toO TTaßoüroc jJHTpöc TauiiTioc kcu 'OvvuiqipEuic, 
' ApTTQTliOOU TOO Ztotoi^teuic Mt]TpÖC TavE<pp£MM^'^c*'°i^<^o'^o<^^(iKuc£u)C 
TOO Ttcevoi5q>EUJC |jT]Tp6c Sorrpfic tuiv t Upluiv & <puXfic koi Zara- 
ßoOroc Ztotohteuic toO 'Ovvw<ppEU)C finTpöc 'EpUcjuc tep^wc ni}i.itTr\(. 
(puXnc ktX. und im folgenden Jahre sind es: 

[TTapd Z]TOToriT€ujc Mnxpöc 0ar|CEwc Kai 'Qpou 'Apita- 

[Tdöou n]nTpöcTav£(pp^^i(iEUJCKaiZTOToyiTEUJC [. ] 

Twv f iepiwv ScpuX^c Kai ZTOToyj[Teujc ] ^nrpöc Taapna- 

f&QT\c TWV buo Up^utv [....] hier natürlich zu ergänzen EtpuXfic, deim 
wie in der vorigen Uricunde geschieht die Aufzählung doch selbst- 
verständlich auch hier nach der Reihe der Ordinalzahlen. 

Diese beiden Urkunden, die densdben offenbar jährlich einzureichen* 
den Bericht an die kaiserlichen Beamten enthalten, sind uns noch in 
anderer Beziehung wertvoll: sie zeigen die Namen der Vertreter des 



H. Hauschildt, TTpecßürepoi in Ägypten im I— IH Jahrh. n. Chr. 239 

PriesterkoUegiums in zwei aufeinander folgenden Jahren, aber — 
das läßt doch die verstümmelte zweite Urkunde noch erkennen — 
keinen einzigen Namen'in beiden wiederkehrend. 

Diese Erscheinung nicht etwa auf plötzlichen Tod aller fiinf Mit- 
glieder zurückzuführen, sondern auf einen jährlichen Wechsd des vor- 
stehenden Ausschusses, berechtigt uns die Analogie des Kanopusdekrets 
und anscheinend auch der in ÜB 16, 6 gemachte Zusatz t(iiv I irpccp. 
icp^uiv TOö ivecTÖiToc itf L (i. e. etKOCxoG xpiiou ?touc). 

Für den Modus des Wechsels, der sich doch wahrscheinlich durch 
Wahl vollzog, ist es vielleicht bezeichnend, daß die Liste von 219I20 
noch einen Priester aus der 3., dann drei aus der 4. und einen aus der 
5. Phyle im Ausschuß zeigt, die von 221 aber die 3. Phyle verschwinden 
läßt und dafür der fönflen einen Vertreter mehr gibt. Andererseits zeigt die 
Liste ÜB 433 von ca. 190 überhaupt keine Presbyter aus den letzten 
Phylen, so daß man vielleicht an einen langsamen Wechsel derselben 
nach der Reihenfolge der Ordinalzahlen denken kann. Dem widerspricht 
auch nicht, daß wir in der Urkunde R 121 — leider nicht zugänglich — 
aus dem Jahre IS3[4 unter den ttpecßtinpoi einen Ztotoiitic TTaicüceujc 
wahrscheinbch mit dem Ztotoiitic TTeKÖceiuc einer Presbyterliste von 140 
(R 107) identifizieren können, während zwei andere Mitglieder von I53|4> 
TTaveipplnHic Ztotoi^tioc und ZroroflTic Ztotoiitioc in dem Ausschuß 
von iS9|6o (ÜB 16) wieder als irpecPuTepoi figurieren. 

Aus einer von Wessely leider nicht vollständig mitgeteilten Urkunde 
(R 107) lernen wir auch das Alter der irpecßtiTepoi kennen — ob es 
in dem Papyrus selbst notiert war oder irgendwie erschlossen ist, bleibt 
dabei unbestimmt — und da ist der älteste 45 Jahre, drei 35 und einer 
30 Jahre alt, woraus mit Sicherheit hervorgeht, daß npecßÖTtpoc keine 
ehrende Altersbezeichnung mehr sein kann, sondern ein 
reiner Titel geworden ist. 

Was haben nun diese TrpecßÜTCpoi kpiaiv zu tun ? Von priesterlichen 
Funktionen hören wir nichts — darüber war nichts zu schreiben ; was unsere 
Urkunden enthalten, das sind geschäftliche, besonders Geldangelegen- 
heiten: so lassen die Presbyter sich über Steuerzahlungen quittieren, 
fuhren die Listen ihrer Körperschaft und erstatten alljährlich über ihre 
Zahl, Vermögen und Bilanz Bericht an die Behörden, schließen Kauf- 
und Pachtverträge ab u. dgL Eine besondere Seite ihrer amtlichen 
Tätigkeit zeigen uns noch folgende Urkunden: R 107, wo sie, wie 
Wessely p. 57 sagt, „eine prinzipielle Erklärung abgeben"; in dem Streit 
zweier Gegenpriester hatte der „kaiserliche Schreiber" zur Information 



940 H. Hausebildi, TTfKcßOTipoi in Af>^leii im I— ITI Jahrb. a. Ctir. 



rine amtliche Anfrage an unser Kollegium ergehen lassen über die Be- 
dingungen des Priestertums, worauf die irpecßÜTcpoi Auskurift erteilten 
über die hier geübte Praxis. ■ 

Sehr interessant ist auch ÜB tÖi danach hatten der Straleg des 
Nomos und der ßociXtKÖc f{ia}i}iaT^iic, auf Gniod einer Anfrage de$ 
Oberpriesters an sie, einen Bericht eingefordert über einen ihrer cuvicpdc 
den Panephremmis, der bei jenem angezeigt war „ibc KOJiüJVTOC Kai xpii*" 
fifvou iptait ^cfli'iceci", also dali er leeine Tonsur und — walirscheinlicli 
— keine Byssus-, sondern Wollengewänder trage — leider bricht das 
interessante Dokument nach dieser langen, ganz an die anmutige Sprache 
unserer heutigen Akten gemahnenden Schilderung des vorausgegangenen 
Instanzenwegs ab, ohne uns zu sagen, was nun mit dem Schuldigen ge- 
schehen ist, ob die repecßüTcpoi nur die Vernehmung eingeleitet oder 
ob sie etwa ein Coercition stecht ausgeübt haben oder wie das große 
Ärgernis aus der Welt geschafft worden. 

Doch das mag dahingestellt bleiben: was uns an allen diesen Tat- 
sachen interessiert, wird sein, daU in Ägypten um die Zeit der 
Entstehung der christlichen Gemeindeverfassung als Ausschuß ein« 
Priesterkollegiums Leute mit dem Titel itpecßurepoi fungieren, fiir 
die ihrem Alter nach die Bezeichnung TTpecßÜTepoi auch bloßer 
Titel ist; die Funktionen dieser Beamten der größeren Gemein- 
sehaft waren, soweit das Material Schlüsse erlaubt, im wesentlichen 
rein geschäftliche und erstreckten sich insbesondere auch auf Geld- 
angelegenheiten, indes ist der Schluß e silentio hier bedenklich. 

Der Titel selbst aber ist nicht auf unsere kleine Priestergenossen- 
schaft im Moerissee beschränkt, sondern wird wie unter der Herrschaft 
der Ptolemäer so auch m der Kaiserzelt für die übrigen EinzeDieilig- 
tümer des Landes, Tiir die wir nicht das Papyrusmaterial besitzen, an- 
zunehmen sein. 

Aber auch über die Reihen der priesterlichen Körperschaften hinaus 
ist dieser Titel geläufig:' genau so heißen auf zahlreichen Dokumentca 
die Kollegien, welche die Geschäfte der einseinen Kommunalgemeinden 
fuhren. In der Liste L 209. p. 15S stehen in der Reihe der Beamten 
des Dorfes neben einem opxi<potK>c, 2 E[piiVO<^üXciK£< und 2 qjüXaKcc noch 
4 TTpecßÜT£p01 KiÜpriC. 

hl L459, p. i6j werden 2 npecpürepoi genannt. In L 255. p. 117 
10 Namen, dann Koti ol XoiCiroi) Trp€c(ßÜTepDi) itii)pr)c Kap(iivi!)Oc) . eines 

* VgL sncli den vorhergehenden AuftaU von Stru:lc, Die Mülierinuiuig in Ai«iuidrie^ 
lowie DeiDmaan, Bibelstadien p. I53f.; Neue Bibelit p. Saß. 

'7-9- 



J 



H. Hauschildt, TTpccßfrfCpot in Ägypten im I— III Jahrh. n. Chr. 24I 

Dorfes in der Nähe von S. N. ÜB 6, 4fr. zeigt 3 Leute Kai Tiüv Xoi- 
Tr(iiJv) TTpccß. &ia&6X0MC^viuv) koI la Kard Tiiv KU)(iOTpCc[M(iaT£iav) Kiü^tic 
Moüxcujc Andere Urkunden enthalten wieder andere Zahlen. 

Daß auch hierein jährlicher Wechsel stattfand, zeigen die folgenden 
Zeilen von ÜB 6. 

Tpa<pr^ TTpecßirripuiv Kai dpx€(p6feuiv Kai dXXuiv ftiiMociujv TTpöc tÖ 
eiciö (v) aßL {= ?Toc) 'Avtu>v(vou Katcapoc toö Kupiou; ähnlich L 255, 
p. 117: K(ai) oi Xo(iTTOi) npEc(ßiJT€poi K^^n^ • ■ • i'ou kL AbpiavoO Kaicapoc 
T. K. und ÜB 195, 29 ÖTTujc inavafK^cti touc kq-^ Jtoc TrpecßuTdpouc 
Tf)c kU>|itic, 

Genannt werden solche Kiifjiiic TTpECß. — z. T. freilich ohne jede 
Beziehung ~ noch L 379, p. 162; L 355, p. 178; ÜB 15, 8; 63,6 (?); 
85, 1, 9 u. 14; 95 Verso, 2; 102, 2; 199, 15 (nach der Verbesserung von 
Wilcken im Nachtrag!); 345. lOff.; 381, 4; 382, 6; 390, 7; 431, 3; 647, 5. 

Nicht nur dem gesamten Kollegium wird der Titel gegeben, sondern 
auch einem einzelnen Mitglied, z.B. in Beschwerden über ein solches; 
L 342, 4, p. 174: ^TiriXÖav Zc^npiüvioc irptcßOrepoc Tfjc Kiü^nc und ÜB 22, 
11; TaopcevoOqnc fuvi^ 'A(i|iu)vtou toO Kai Olfiuuvoc TrpccßuT^pou Ktli^nc 
BaKxiäboc .... 

Also ist np£cßiJT£poi auch hier als bloßer Titel eines wahr- 
scheinlich durch Wahl ■ eingesetzten leitenden Ausschusses einer Gemein- 
scliaft für Ägypten hinlänglich bezeugt in der Zeit der sich bildenden 
christlichen Gemeindeorganisation, in der uns der gleiche Beamtentitel 
begegnet Damit vereinigt sich dann auch auf das beste die Nachricht, 
daß gerade in Ägypten der Presbytertitel in den christlichen Gemeinden 
sich besonders lange erhalten hat und zwar hier nicht nur für ein 
Kollegium von Beamten, sondern später auch für die einzelnen 
monarchischen Leiter der verschiedenen Gemeinden. VgL Dionysius 
Alexandr. bei Euseb., h. eccl. VII, 24, 6: cutta^^cac ToCic npecßu- 
T^pouc Kai bibacKdXouc tuiv ^v toic KÜifxaic ä&eXtpüJV^ und Athanasius, 
apol. contra Arianos 85 (Migne, Patrol., ser. Graec. XXV): '0 Mapeiüinc, 
Kuöd TTpoemov, x^P^ Tf[c 'AXeJavbpeiac kii Kai oöbiiroTC ^v tQ xiup? 
T^TOvev ^TTlcKOTroc oöftfe xifptiTicKonoc, dXXd Tip itic 'AXcSavbpeiac 
^mcKÖinu al ^KKXncEat ndcnc t^c x'^P^^ OrtÖKetvToi, ^kcctoc bi twv 



1 Die Tcpccß. KiXi^t^c scheinen durch den kaiierliclien Beamten des Orts eingesetzt 
zn sein, vgl. Grenfetl a, Hunt, The Amherst Papyri No, 134, p. 163: itpECßfiTepOv ]xt\ 

(JVTO fll^T€ iv KOTaXUlpICfll^J Jl^TC ÖBÖ TOO KlUMOTP(IMfU>'r^U''C IWß^VTa OÖTotC. 

> Aas Harnack, Mission 342. 

Zmtichr. f. d. neuteil. Will. Jalirg. IV. 1903. %$ 



242 H. Hauschildt, TTpccßdTEpoi in Agypteo im I— 111 Jahrh. n. Chr. 

TipEcßuT^pujv £xE> Täc liiiac Ktüfiac METicrac Kod dpidMi^ bixa nou 
Kai nX^ovac. ' 

Endlich gewinnen im Zusammenhang dieser verschiedenen Zeugnisse 
auch noch ein paar versprengte Notizen Beachtung, die jüngst her- 
vorgezogen worden sind. In der arabischen Chronik des Kutychius 
von Alexandrien (Migne, Patrol. ser. Graecolatina, vol CXI) wird 
p. 982 D berichtet, in Ägypten habe es in den Gemeinden keine epi< 
scopi, sondern nur Presbyter gegeben bis auf den 11. und 12. 
Patriarchen von Alexandrien, von denen der erste, Demetrius zunächst 3, 
der andere, Heraclas, dann 20 episcopi im Lande eingesetzt habe. 
(Demetrius Patriarch i88/g — 231, s. Hamack, Chronol. p. 205.) Ein 
weiteres Zeugnis hat Brooks aus einem Brief des Severus v. Antiochien 
nach den Cod. Mus. Brit syr. add. 12181 und 14600 veröifentiicht 
(Journal of theoL Studies II [rpoi], 612) und BuÜer hat ebenda eine 
Notiz aus Palladius hinzugefügt ' Vgl. auch Hieronymus ep. 146- — So 
viele Zeugnisse für das Bestehen des Presbytertitels bei Heiden und 
Christen in Ägypten gestatten uns zum Schluß eine Folgerung mit voller 
Sicherheit, daß nämlich die Didache, welche keine irpecßÜTcpoi als 
Gemeindebeamten kennt, unmöglich in Ägypten entstanden sein 
kann.3 



1 ibii]. 452 Anm. 3. 

' Die Frage ist noctiiDals erörtert worden von Ch. Gore im Joum. of theol. Stttdiet 
m, 27Sff. 

3 Diese kleine Arbeit verdankt Ursprung und Förderung den kirchengeschicbtlicben 
Übungen des Herrn lic. H. Liettmuin, Bonn. 



fAbgeichlosien am 31. Jnli igoj.J 



E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas 16. 243 



Die Komposition von Lucas x6. 

Von E. Rodenbosch in Saarburg i/Lothr. 

Die Schwierigkeiten, welche die Komposition von Lc 16 uns ent- 
gegenstellt, treten namentlich in dem Zusammenhang der drei Verse 16, 
17, 18 zu Tage. V. 17, selbst eine Kundgebung extrem judaistischen 
Charakters, ist in einen, wenn auch nicht extrem, antijudaistischen Zu- 
sammenhang eingesprengt: zuerst zeitlich beschrankte, schon abgelaufene 
Gültigkeit des Gesetzes (16); dann Anerkennung unbedingter Gültigkeit 
fiir alle Zeit bis zum kleinsten Buchstaben (17); und schließlich wieder 
Antiquiening des Gesetzes im einzelnen Fall durch Vertiefung seiner 
Forderungen (18). Infolgedessen bleibt an dem Gresamtertrag von 16, 
17, 18 trotz aller Künste der Exegese ein lo^sch wie psychologisch 
kaum erträglicher Doppelsinn des Begriffes vöfioc und seines Schicksals 
haften. Zur Überwindung dieser Schwierigkeiten hat man mancherlei Aus- 
wege gesucht. Zwar ist meines Wissens der Versuch noch nicht ge- 
macht worden, 17 für ein Glossem im Lucastext zu erklären; dafür aber 
ist um so nachdrücklicher betont worden, daß 16 — 18 eine überaus 
künstliche Kompilation des Lc sei,* deren Sinn in verschiedener Weise 
gedeutet worden ist. Indessen erscheint noch ein anderer Weg geeignet, 
die Beziehungen der drei Verse zu einander aufzuhellen und zugleich einen 
befriedigenderen Einblick in die Entstehung des ganzen Kapitels zu 
gewähren. 

L 

Scheiden wir zunächst 17 aus dem Texte aus, so ergibt sich aller- 
dings zwischen 16 und 18 ein verständlicher Zusammenhang; das Thema 
dieser Verse ist dann die Ablösung des Gesetzes durch die Predigt des 
Evangeliums und die Anwendung dieser Tatsache auf das einzelne Bei- 
spiel der Ehescheidung. Doch genügt dies eine Moment keineswegs, 
um die Beseitigung aus dem uns vorliegenden Text des Lc zu recht- 



I Holtimann, Handk. IV, 88. 

i6* 



244 ^- I^odenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 



fertigen. Die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissenen Verse 
können nachträglich aber schon vor Lc zu allerdings anfechtbarem Zu- 
sammenhange zusammengesetzt sein. Auch kann Lc, wie tatsächlich 
angenommen wird,' sich die Stelle in seinem Sinn zurechtgelegt und einen 
Zusammenhang hineingedeutet haben. Andrerseits kommt es uns darauf 
an, über Lc hinaus eine ursprünglichere Gestaltung des Textes zu er- 
reichen, zu der 17 möglicherweise im Verhältnis eines spätem £inschubs, 
sei es durch den Evangelisten oder sonstwen, stände. Denn nur so können 
wir ein Urteil darüber gewinnen, mit welchem Material und in welcher 
Weise Lc das 16. Kap. gestaltet hat. Für diesen Zweck stehen uns zu- 
nächst außerhalb der fraglichen Stelle liegende Argumente zu Gtebote; 
wir müssen auch darauf eingehn, um für die weitere Untersuchung eine 
sichere Basis zu haben. 

Wenn gezeigt werden kann, dcifi die Parallelstelle Mt 5, 18(19) 
ebenfalls als ein späterer Einschub in einen geschlossenen Text anzu- 
sehen ist, so liegt darin ein starker Hinweis auf eine analoge Beurteilung 
der Lucasstelle. In der Tat hat sich in zahlreichen Untersuchungen 
immer mehr die Überzeugung von der Stichhaltigkeit der genannten 
Voraussetzung befestigt. Ene Wiederaufnahme dieses Gegenstandes 
hat daher nur den Zweck, den alten Argumenten ein neues oder doch 
weniger beachtetes hinzuzufügen. 

Beläßt man nämlich 5, 18. 19 im Texte des Mt, so ist in der Ge- 
setzesfrage ein doppelter Standpunkt unterscheidbar; einmal der Stand- 
punkt buchstäblich genauer Gesetzeserfüllung (nXiipüicai im Sinne 
schlechthiniger Ausfuhrung), mit dem nach Maßgabe von 18 und 19 der 
Standpunkt Jesu und seiner Jünger identisch ist, bezw. werden soll; und 
zweitens der Standpunkt der Pharisäer, die nach Maßgabe von 20 hinter 
den Anforderungen, die Jesus an seine Jünger stellt, also hinter den An- 
forderungen des Gesetzes selbst zurückbleiben. Das nXdov nepicceüeiv 
20 ist dann ein rein formal gesteigerter Komparativ.' Anders bei Aus- 
schluß von 18 und 19, der, in Übereinstimmung mit der geschichthchen 
Wirklichkeit, auf einen dreifachen Standpunkt hinweist: erstens Stand- 
punkt des Gesetzes selbst; zweitens formale Weiterbildung des Gesetzes 
durch die Pharisäer; und drittens sittliche Vertiefung des Gesetzes durch 
Jesus und seine Nachfolger. Der Begriff des nepicceüciv ist ebensowohl 
von den Pharisäern als von den Reichsgenossen in ihrem Verhältnis 



I ft. a. O., s. 88f. 

= HolUmann, Htmdk. HI, S. 18. 



£. Rodenbuscb, Die Komposition von Lucas i6. 245 



zum Gesetz gesagt; er bedeutet bei beiden eine Weiterbildung des Ge- 
setzes. Das ttX^ov dagegen bedeutet das Mehr, das die Jünger vor den 
Pharisäern in der Weiterbildung des Gesetzes aufzuweisen haben, nicht im 
Sinne des starkem Gegensatzes zum Gesetz, sondern der religiös-sittlichen 
Vertiefung gegenüber der im Äußerlichen stecken bleibenden kasuistischen 
Weiterbildung durch die Pharisäer. Erst auf diese Weise kommt das 
ttX£ov zu seinem vollen Recht; neben andern Argumenten ist auch dieses 
für die Beseitigung von 18 und 19 ausschlaggebend.' 18 und 19 sind 
der ungeschickte Zusatz eines Juden- christlichen Redaktors.' 

Zwingend aber müßte für unsern Zweck der Nachweis sein, daß das 
Wort von der Ewigkeit des Gesetzes im Munde Jesu ungeschichtlich ist; 
damit wäre ja unmittelbar sein Eintrag in einen mündlich oder literarisch 
fixierten Zusammenhang gegeben. Allein es fehlt viel, daß diese Über- 
zeugung sich durchgesetzt hätte.^ Man erhält allerdings von allen Ver- 
suchen, das schroffe Wort mit der sonstigen Stellung Jesu zum Gesetz 
in Einklang zu bringen, den Eindruck gezwungener Abfindung mit einer 
gegebenen Tatsache, nicht aber freier und froher Überzeugung. Mit 
Recht hat Holtzmann alle Deutungen, die den Spruch nicht als eine 
extrem judaistische Kundgebung gelten lassen wollen, zurückgewiesen.« 
Dann aber gilt es auch, nicht, wie vielfach geschieht, den unüberbrück- 
baren Widerspruch zwischen diesem und andern Aussprüchen Jesu durch 
den Hinweis auf die Selbstwidersprüche großer Persönlichkeiten zu ver- 
decken, sondern ihn durch Vergegenwärtigung seiner Konsequenzen, 
namentlich aber durch die Erwägung sich anschaulich zu machen, daß 
eine solche Wandelbarkeit der eigenen Stellung jede nachhaltige Ein- 
wirkung auf andere sofort in Frage stellt Wenn Jesus nicht etwa zu 
Anfang und Ende einer langen Entwicklung, sondern in rascher Folge 
sowohl sklavischen Respekt vor dem Buchstaben des Gesetzes als auch 
freieste Handhabung der gesetzlichen Vorschriften betätigen und lehren 
konnte, dann bedarf es wahrlich nicht einer dogmengeschichtlichen Be- 
gründung für den Verständnismangel der Jünger. Aber auch hiervon 
abgesehen ist an die Möglichkeit eines solchen Wortes nicht zudenken; 
vom psychologischen Standpunkt nicht, denn jeder andere Widerspruch 
erscheint möglich, nur dieser eine nicht, weil an dem einen Pol desselben, 
der sklavischen Verehrung des Buchstabens, jede geistige Bewegungsfreiheit 



> Vßl. Bacsennuin, De loco Mattbaei capitis V, 17—20 commcntMio, S. 35. 

' Soltau, £ine Lücke der sTnoptisctien ForBclmng, S. 32 f. 

i Holtzmann, Nentestamentl. Theologie 1, 157. 

4 Ntl. Theol. I, S. 152 nnd 155; trifft auch die Deutung Ton Merx. 



246 E. Rodenbusch, Die Komposiüos von Lucas 16. 



endet; vom sittlichen Standpunkt nicht, denn welche Herausforderung 
konnte für Jesus stark genug sein,' aus der unbewuüt im lonem gehegten 
Einheit treuester Gesetzesverehrung und stärksten Dranges nach seiner 
sittlichen Vertiefung den ersten Bestandteil auszusondern und ihn durch 
Beimischung fremder Elemente in eine schroffe Form zu bringen, die 
das Widerspiel aller sittlichen Selbstbestimmung war? Neben den andern 
Zeugnissen der evangelischen Geschichte kann das Wort von der Ua- 
vei^änglichkeit des Gesetzesbuchstabens nicht als geschichtlich gelten. 

Auf Grund solcher Tatsachen erhält natürlich der Zusammenhang 
zwischen Lc t6, 16 und 18 eine andere Bedeutung: sofern es steh um 
die Gewinnung einer ursprünglicheren Tex^estaltung handelt, haben wir 
das Recht, Ix 16, 17 zu eliminieren, 16 und 18 aber als eine originale Ver- 
bindung anzusehen. Eine gute Kontrolle (lir die ursprüngliche Zusammen- 
gehörigkeit von 16 und 18 bietet folgender -Umstand. Es liegt auf der 
Hand, dafi in dem uns vorliegenden Lucastext zwischen 16 und 17 
einerseits und dem Gleichnis 19 — 31 öne durch 29 — 31 vermittelte in- 
haltliche Beziehung besteht, die der Evangelist, wie später gezeigt werden 
soD, auch durch lokale Verbindung beider Stücke zum Ausdruck gebracht 
hat Diese vom Evangelisten absichtlich geschaffene Vetinndung wird 
jedoch durch das EinzelbeisiMel 18 gestört, und zwar umsomehr, als 
die formale Verbindung zwischen dem Voraufgehenden und 19 — 31 
ohnehin locker genug ist Diese lokale, wenn auch auf engem Räume 
verbleibende Sprengung des Zusammenhangs läßt sich kaum anders, als 
durch originalen Zusammenhang zwischen 16 (bezw. sp^er 17) und iS 
eridären, den der Evangdist nicht zerreißen wollte oder konnte.* 

Damit in Widerspruch steht die Ansicht, daß 16, anders als iS, von 
Lc aus der Perikope von Jesu Zeugnis über den Täufer Lc 7, 24. — 35 ™ 
Mt 1 1, 12 — 19 herau^enommen sei. Diese Ansicht kaim nur auf den 
Nachweis gegründet werden, daß einerseits für den Spruch ein brauch- 
barer Zusammenhang sonst nirgend aufzufinden ist, was durch die obigen 
Ausfuhrungen widerlegt ist: und andrerseits müßte gerade aus dem Vor- 
handensein des Spruches bei Mt ein besserer Z ii^rnTTyrnKang der Peri- 
kope erhellen, als bei Lc, wo der Spruch fehlt Hier weisen aber beide 
Gestaltungen der Ferikopen den gleichen Mangel auf Denn eboiso wie 
Lc 7. 29—30 ist auch iix ll, 12 — 15 in einen schon bestdiendcn Zu- 
sammenhang ciogeschoberL Schon die offenbare Umstellung \*on ii 

> VgL dua Hohzmann, Handk. DU S. aiC 
' S. such uUcD S. 353 Anm. 



E, Rodenbusch, Die Kompositioii von Lucas i6. 247 

und 13 ist verdächtig;' sie ist wahrscheinlich nur erfolgt, um den An- 
schluß an II, d. h. ad voces Iuhüvvtic und ßaaXcta tiIiv oöpaviüv äußerlich 
sichtbarer zu gestalten; freilich wird dadurch die Stelle noch weniger 
übersichtlich. Daß auch 14, wenn es auch in die Perikope hineingehört, 
in schlecht motiviertem Zusammenhang steht, hat Wemle" mit Recht 
hervorgehoben. Dagegen schließen sich 11 und 16 zu festem Zusammen* 
hang, wie auf der andern Seite Lc 28 und 31, aneinander an. Mt hat 
also von 12 — 15 den Zusammenhang der Quelle verljissen und einige 
Sprüche anderer Herkunft (12 und 13) in die Perikope aufgenommen. 
So erklärt sich auch deshalb Lc an gleicher Stelle wie Mt, aber mit anderm 
Material einen Einschub vorgenommen hat. Richt^er als Lc 16, 16 — 18 
hätte daher Simons Lc 7, 29 — 30 als Beweisstelle dafiir anführen können, 
daß Lc den Matthäustext gekannt und — hier freilich in negativer Weise 
— benützt hat^ Wenn nämlich Mt w. 12 und 13 in die Johannes- 
perikope eingeschoben hat, so ist er dabei seiner auch bei den Markus- 
stücken beobachteten Gewohnheit gefolgt* Lc aber hat aus der Tat- 
sache des Einschubs an sich Anlaß zu einem anderen Einschub genommen, 
der ihm passender dünkte als der des Mt, zumal er ihn nicht zur Auf- 
lösung eines gegebenen Zusammenhangs zwang, wie das bei Mt der Fall 
ist. Auch Lc ist dabei seiner Gewohnheit treu geblieben.* Der Matthäus- 
text gibt uns nicht das Recht, den Spruch von der Ablösung des Gesetzes 
als ursprünglichen Bestandteil der Johannesperikope anzusehn. Auch hier- 
nach hat es also dabei sein Bewenden, daß Lc 16, 16 und 18 von An- 
fang an zusammengehörten. 

Zu demselben Resultate gelangen wir durch eine textkritische Ver- 
gleichung von Mt ir, 13 imd Lc 16, i6a. Merx (das Evangelium des 
Matthäus, S. i90f.) sieht nämlich die Worte xat ö vöfjoc in der Matthäus- 
stelle mit Recht als Interpolation an. Indessen ist hieraus nicht zu 
schließen, daß Mt in dem bloßen ol irpoqifJTat das Ursprüngliche erhalten 
habe. Vielmehr muß der vöfioc seinen Platz schon in der Vorlage des 
Lc gehabt haben, da anders die Aufeinanderfolge Lc 16, 16 {+17) +18, 
auf wen sie auch zurückgehen mag, gar nicht zustande kommen konnte. 
War nun die Vorlage des Mt mit der des Lc identisch, so erhellt hieraus 

I Holtimun, Hudk. I, 67. 

' Die lyaoptische Frage, S. 65 C 

3 Hat der 3. Evglst den kanon. Mt benütit? S. 79f. 

« SoKau, Untere Evangelien, S. 53. Einen ipetiellen Grund (Br die Venetztug der 
Verse von Ibier nraprünglichen Stelle s. unten S. 248. 

S Wernle, S. 65 u. 25 f., von wo rieh dos Gesagte auch auf die Benützang der 
lAgiaquelle übertragen läßt. 



348 



E. Radenbusch. Die Kompositum von Lucas t& 



das Recht des Ea: unmittelbar. Hat dagegen Lc eine spätere Redaktion 
der Logiasamrnlung benützt, so ließt; sieh aucli für diese kein Gnind 
ausfindig machen, der eine iiachlrägliche Einsetzung des vö^oc in die 
Johanncsperikopc hatte veranlassen können. Namentilchnicht bei der voraus- 
zusetzenden gesetzesfreundlichen Tendenz der Lucaslogia. (s. u. S. 249). 
Ein nomistischer Ausgleich, wie er durch Lc 16, 17 repräsentiert ist, fehlt 
lliefi dazu kommt die Schwierigkeit des Zusanimeahangs, in, den der 
Zusatz gar nicht hineinpalit. Die Erwähnung des Gesetzes hat also 
Mt nur mit Rücksiclit auf den Zusammenhang aufgegeben, wahrend es 
von vornherein in den Spruch hineingehörte. Auch daraus folgt, daß 
Mt den Spruch nachträglich in die Johannesperikope herübe rgenommen, 
Lc aber den ursprünglichen Zusammenliang bewahrt hat. 



n. 

Deutlicher wird diese Tatsache noch, wenn wir uns nach dem 
größeren geschichtlichen Ganzen umselienj dem Lc 16, l6 und iS an- 
gehört haben müssen. iS weist uns von vom herein auf die vön Mc 
und Mt überlieferte Pharisäerfrage nach der Ehescheidung. Es eriicbt 
sich sonach die Frage; können beide Verse 16 und 18 in den genannten 
Stoff eingegliedert werden? Das muß zunächst eine Prüfung der durch 
Lc 16, 16 und 18 ergänzten Marcus-, bezw. Matthäusperikope lehren. Es 
handelt sicli also um den Mc 10, 1 — loa = Mt 19, 1 — 9a + Lc 16, 16 
und 18 reproduzierten Stoff. Wenn der Situationswechsel Mc 10, 10 als 
historisch angesehen werden darf,' dann läßt sich der Inhalt derjiinger- 
frage unter Berücksichtigung der ganzen Situation aus der Andeutung 
10 erschlieHen. Die prinzipielle Stellung Jesu zum Gesetz, sowie ihre 
folgerichtige Anwendung auf die vorliegende Frage war im Streit mit 
den Pharisäern noch nicht auf den entscheidenden Ausdruck gebracht, 
viehnehr unter Hinweis auf den Kompromiß Charakter der von den Phari- 
säern angeführten mosaischen Bestlnunungen vermieden worden , eine 



I Wir? pjfui BU«li mjt den Erg^bnisiea dct Wredcschcn Schrift (djis Me»ia»> 
gcheimnis) im ganicn c in v erstand en, so wird man doch ini vorliegenden Falle mit 
gutem Grunde beiweifeln dürfen, ob hier mit Wrede (S. 136) eine blote Matücr des M 
anEuerkennGn ist. OiTenbar isl VV. zu dieser Auffassung durcL einen über die richtji 
Gtenten hin ausgehenden Systemiwang getrietien wardeti. Denn an sieh ist det Zag it 
TOrliegcnden Falle sog« wo-lil mffüriert. WoUlc man dagegen die rücksichtslos« Durch» 
führuBg des Wredc&ch.en Priniips billigen, so würde der Foil eintreten, daG auch fatito- 
nsche Züye, die mit lifi bist arischen Zulalen eine gewiss-e Äluilieltkeit haben, dem 
Syatcm lum Opfer taDen müCten. Eise Gewißheit nach der cineo oder andern Seite 
gibt e« auch nich Wterfcs Arsfühningen. in diesem Falle nicht- 



E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 249 

Wendimg, durch die der versucherischen Absicht der Pharisäerfrage be- 
gegnet wurde.' Diese Rücksicht fällt jetzt weg, und Jesus gibt den Jüngern 
in Gestalt eines historischen Überblicks die verlangte Aufklärung über die 
Gültigkeit von Gesetz und Propheten und ihr Verhältnis zur Predigt vom 
Reiche Gottes; das Ergebnis wendet er dann auf die mit den Pharisäern 
verhandelte Frage an. 

Somit bringt Lc 16, 16 und 18, als Antwort Jesu an die Jünger auf- 
gefaßt, den Doppelcharakter des mit den Pharisäern verhandelten Themas, 
seine prinzipielle Seite und seine spezielle Anwendung, zum vollen Aus- 
druck, während im Streite mit den Pharisäern die erstere naturgemäß 
zurückgetreten war.' Hierdurch erweist sich Lc 16, 16 und 18 als eine 
wohlmotivierte Fortsetzung von Mc 10, i — loa. Namentlich aber wird 
durch diese Kombination das jubelnde Wort Lc 16, 16 Kai ttAc ^x&Zetai 
€ic aiiTf\v erst in einen anschaulichen Zusammenhang geruckt; es erhält 
durch Mc ic^ I Kai cuvTropeüovxai ndXiv öxXoi npdc aöxöv ein treffliche 
Motivierung. Ob die l a angegebenen äußeren Umstände die Erwähnung 
des Johannes mitveranlaßt haben, wird man natürlich nicht zu entscheiden 
wagen. An der sachlichen Einheit beider Stücke läßt sich nicht zweifeln. 

Hieraus ergibt sich unmittelbar: bei Mc ist der Spruch von der 
Ablösung des Gesetzes durch die Predigt vom Gottesreiche in der Ehe- 
scheidungsperikope ausgelassen worden, eine Tatsache, die sich leicht 
durch die dem Praktischen zugewandte Berichterstattung des Petrus 
erklären läßt; bei Mt wurde dies gleichfalls der Anlaß zum Ausfall des 
Spruches, zumal er ad voces „Johannes" und „Himmelreich" v. 11, 11 
orientiert war. Da Lc 16, 16 <= Mt 11, 12, 13 nur in der Spruchsamm- 
lung überUefert ist, so folgt ferner, daß die Spruchsammlung von der 
Ehescheidungsperikope nur die Schlußsprüche von der Ablösung des 
Gesetzes durch die Reichspred^ und von der Unauflösbarkeit der Ehe, 
offenbar mit Kunde von ihrer Zusammengehörigkeit, beibehalten hat. 
Welcher Grund, insonderheit, ob der von Wemle angegebene* den Ausfall 
der andern Spruche veranlaßt hat, laßt sich nicht angeben. Zwischen 
beiden Sprüchen hat nun die von Lc benützte Redaktion der Herren- 
sprüche noch 'das Wort von der Unvergänglichkeit des Gesetzes ein- 
geschoben, offenbar als ein von nomisttschem Standpunkt gemachter 
Vorbehalt, als eine „Randbemerkung", die, einmal in den Text auf- 
genommen, die Funktion übeniahm, zu zeigen, daß das Gesetz auch 
neben den neuen Normen des Gottesreiches seine unvei^ängliche 

> HolUmann, Handle. I, S. 88. 
• S. 225. 



?SQ 



E. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 



Bedeutung bewahre,' Und andrerseits ist im Eingang von i8 in der 
vorlucanischen Gestalt des Textes vielleicht ein ursprüngliches X^tu Öfe 
i}}itv ausgefallen, das, wie auch in der Parallelstelle Mt 19, 9 die 
wesentliche und zusammenfassende Folgerung einer vorauggegangeneo 
Erörterung einleitet. An der letztgenannten Stelle könnte diese den 
Worten Jesu vorgesetzte Eingangs formel ebensogut durch die Formu- 
lierung der Logiaschrift (so auch 5, 32') veranlalit, als nach Mk 10, lOa 
umgebildet sein. 

Lc 16, 16^ — iS hat also dem Evangelisten in dieser Komposition 
schon voi^elegen. Nachdem wir schon früher die Ansicht, daß 16 aus 
der Johannesperikope von Lc entnommen sei, als unhaltbar dargelegt 
haben, haben wir nunmehr noch die Ansicht, wonach die ganze Stelle 
16 — 18 eine Kompilation des Lc ist, auf exegetischer Grundlage zu 
prüfen. Es wird sich zeigen, dali auch diese Ansicht keinen stichhaltigen 
Einwand gegen die unveränderte Übernahme der Stelle durch Lc ent- 
hält, Daü die von Holtzmann im Sinne des Lc gegebene Deutung zu- 
treffend ist,* sei nicht bestritten. Aber etwas anderes ist es, auf ledig- 
lich exegetischem Wege einem gegebenen Zusammenhang ein Verständnis 
abzugewinnen, — und dieser Fall lag nach der in diesem Aufsatz ver- 
tretenen Ansicht bei Lc vor — etwas anderes durch eigene KompiUtJon 
einen derartigen Zusammenhang zu schaffen, dalj ein bestimmter Gedanke 
aus ihm herausspringt Dort muU auch das minder Augenscheinliche 
genügen, hier dagegen darf man erwarten, einen dem Gedankren eioiger- 
malien adäquaten Ausdruck zu finden- Demnach ist es auffällig, weshalb 
Lc den ihm vorschwebenden Begriff des vö|i.oc nicht durch einen Zusatz, 
etwa XpiCTOö nach Gal 6, 2 verdeutlicht hat. V. 16 ist von dem altesL 
VÖ^oc die Rede, und dieser Begriff ist durch den Zusatz TtpotpiiTm 
psychologisch und historisch SO begrenzt, daß der durch nichts gekenn- 



1 Diecer nomistiMhe Standpunkt dnt dem Lc vorliegepden Redaktion tritt melirfacli 
herreri so iiamcjillich in d«mZusalE 16,(27) 29—31 "■»-'^ '7i U; andererseits sind ducIbK 
solche Slellea beiciti^, die gceignel erscheinen, -dJc Autoritäit des Gesetiei durch die 
HervoibcbuiiE un-d Gegenü berät eil iipg q.nderer Normen (sg in den AntiÜiescn der Bcxg- 
predigt) oder durch die Aufdeckung innerer Widersprüche (so Mt 13, S, 6) lu schwächen; 
fem« wird 1^ l6, l6 durch 17 neutralisiert. Diese Auswa.!il und Redaktion wird sUm 
Werk des HcidenchriBten Lc allein nicht verständlicL 

» Ob freilieh das mil leichter Änderung des Sinnes gebrauchte ifib b* Wfu» ÖuW 
der BerEprcdigt ub«r«ll schon an den Stellen zu lesen wnr, wo wir es heute in der Berg- 
predigt leien, ist iweifclLitft ; v^l. dam die Bemerkung Holiimanns, Handk. HI. S, 29 
m V. 5, 42. Desto sicherer 44, wie Lc 6j ij bewcitt, und 32. Von solchen Stellen »u* 
iil es XU rhetorischen Zwcclcen ron Mt vctAll^meineit worden, 

3 Hollzmann, HuidV. IV, S. 881 



■^ 



£. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 251 

zeichnete Übergang zu der neuen Bedeutung des vöfioc stilistisch un- 
erträglich erscheint, zumal wenn von beiden Begriffen Gegensätzliches 
ausgesagt wird.' Das wäre bei so einfacher Sachlage selbst bei einem 
ganz ungewandten Stilisten zu verwundern. Daher hat denn auch Mar- 
cion, zugleich in dogmatischem Interesse, den Anstoß durch die Korrektur 
TÜfV X6tiuv |iou beseitigt Auf den kanonischen Charakter des Wortes 
aber als ein Hemmnis für die Textveränderung dürfen wir uns unter 
der gemachten Voraussetzung am allerwenigsten berufen. Wenn wir 
dem Evangelisten die Freiheit zugestehen, den von ihm vorgefundenen 
Zusammenhang durch einen neuen zu ersetzen, ja sogar dadurch den 
einzelnen Bestandteilen bewußt einen neuen Sinn abzugewinnen, so können 
wir auch nicht von ihm erwarten, daß er mit Rücksicht auf das kanoni- 
sche Ansehen des Spruches sich eines verdeutlichenden Zusatzes ent- 
halten haben würde. 

HL 

Nur die als notwendig erwiesene Voraussetzung, daß Lc die vv. 16, 
16 — 18 als unauflösliches Bruchstück und zwar in der Nähe des Gleich- 
nisses I — 9 vorgefunden hat, laßt auch eine befriedigende Erklärung für 
ihr Vorhandensein an ihrem gegenwärtigen Platze, sowie überhaupt für 
die komplizierte Komposition des 16. Kap. zu. An sich wäre ja denkbar, 
daß hier, wie sonst, einzelne Verse, die dem Evangelisten von der Quelle 
ohne besondere Einrahmung überliefert waren, von ihm nach eigener 
Vermutung versetzt worden wären, um sie irgendwie an den von ihm 
gesponnenen Faden der Erzählung anknüpfen zu können. Aber damit 
wird die höchst umständliche Konstruktion, die „als schwerfällig erbaute 
Brücke"' das Gleichnis l — 9(13) mit dem Gleichnis 19 — 31 verbindet, 
noch gar nicht verständlich. Lc begnügt sich sonst dami^ durch kurze 
Situationsangaben von einem Abschnitt zum andern überzuleiten. 14 
und r 5 allein hätten diesem Zwecke in kürzerer und wirksamerer Weise 
gedient. Femer steht zwar 16, 17 zu 29 — 31 in inhaltlicher Beziehung; 
aber auch diese nur dürftige Unterstützung des gedachten Zweckes kann 
Lc kaum auf den Gedanken gebracht haben, 16 — 18 hierher zu ziehen; 
18 bleibt ja doch außer aller Beziehung. Auch dann dürfte man das 

' Anders läge die Suhe noch, wenn angenommen werden dürfte, diA Lc gar keine 
Voistellung mehr von dem altest v<J^oc gehabt hätte. Daß unter solchen Voransietznngen 
auch sich Widersprechendes von Spätem laiunmengeftigt wird, bedarf keiner Erwähnnng. 
Ebenso falt die Schwierigkeit bei der Quelle fort, da es sich hier v. 17 nm einen tenden- 
ziösen Knschnb, nicht aber nm eine organische Eingliederung handelt. 

» Holtimann, Handk. IV, S. 87. 



2^2 B. Rodenbusch, Die Komposition von Lucas 16. 

überaus Künstliche und dabei doch so wenig Wirksame dieser Kompo- 
sition nicht verkennen, wenn sie „gelegentlich dem seibständig^en Zwecke 
diente, das Nötige über den Begriff des vöfioc und seine bleibende Be- 
deutung zu sagen.'" Eher war sie dann nach 31 zu erwarten. 

Noch unwahrscheinlicher wird eine erst von Lc bewirkte Einfiignng 
von 16 — 18 an dieser Stelle, wenn, wie es allgemeine Ansicht ist; diese 
Verse erst von Lc zusammengestellt worden sind. Nur die wirkliche 
oder wenigstens vom schriftstellerischen Standpunkt des Lc zu bewertende 
Trefflichkeit des Baumaterials zu dieser Brücke lieüe das Zusammenlesen 
und Herbeischaffen an diese Stelle erkläriich erscheinea Überdies ist 
flir 16 schon oben die Unmöglichkeit, die Johannespcrikope als Fundott 
anzusehn, nachgewiesen; wo femer 17 und 18 gestemden haben sollen, 
wäre schwerlich anzugeben. Auch auf die exegetischen Schwierigkeiten 
ist schon hingewiesen. 

In Wirldichkeit handelt es sich um hier schon vorhandenes Material, 
das nicht nach dem eigenen Entschluß des Lc herbeigeschafft wurde, 
sondern, weil es nicht weggeräumt werden konnte, so gut oder so 
schlecht es ging, in den Zusammenhang eingefügt werden mu&te. Und 
zwar ist wahrscheinlich, da& das Gleichnis 19 — 31 erst durch Lc aus der 
Nähe des Gleichnisses 18, 10 — 14 an seine jetzige Stelle, d. h. an den 
Schluß des jetzigen 16. Kap.^ gebracht worden ist. Denn wenn das 
Gleichnis schon in der Logiaquelle an dieser Stelle gestanden hätte, so 
wäre nicht abzusehn, aus welchem Grunde die Quelle die beiden Gleich- 
nisse nicht unmittelbar neben einander gestellt, sondern durch 16 — 18 
getrennt hätte. Ein Anlaß zu dieser Umstellung von 19 — 31 ist wohl 
denkbar. Wenn nämlich B. Weiß richtig vermutet,* so bildete das 
Gleichnis I — 9 mit einem andern, das in den Reflexionen des Evange- 
listen 10 — 13 (14) seine Spuren hinterlassen hat und sich jetzt als selb- 
ständige Perikope 19, 12 — 27 vorfindet, ein Paar. In einer Art Austausch 
scheint nun auch 16, 19 — 31* von seinem ursprünglichen Standort wegen 
seiner Beziehungen zu 1—9 und 16 — 17 von Lc hierher versetzt worden 
zu sein. Jedenfalls zeigt sich eine Nachwirkung des Austausches darin, 
daß die beiden in Kap. 16 vereinigten Gleichnisse mit Hilfe der ihnen 

■ HoltimMn, H&ndlc IV. S. 88. 

■ Der Zuwachi 37 — 31 ist in der Quelle offcDbar durcb die Erinnerung an die 
Gruppe Lc 1—9 + Lc 16—17 veranlaJit, wo verwuidte Themata in denelben Reihenfolge 
behandelt werden. Sachlich veranlaCt wurde die Kombination Ton 19 — 26 mit 37 — 31 
durch die nomistische Tendenz der Quelle. 

3 Leider war ich nicht in der Lage, das Buch von Vitii lelhit cinznichn; die Be. 
ingnahme ist durch Holtzmann, Jabrbb. für prot. Theol. 1878, S. 557, Tennittelt 



E. Rodenbuscb, Die Komposition von Lucas i6. 253 

ursprünglich benachbarten eigentümliche Ergänzungen erfahren haben. 
So hat das Gleichnis i — 9 in der Ausfuhrung des Grundgedankens von 
19, 12 — 27 einen Epilog (16, 10 — 13), und das Gleichnis 16, 19 — 31 in 
dem Grundgedanken von 18, 10—14 einen Prolog (16, 1$) erhalten;' wenn 
wir von dem Bestreben, 16, 1 — 9 tunlichst umzudeuten, absehen, alles zu 
dem Zweck, die durch das Mittelstück 16 — 18 bewirkte Trennung beider 
Gleichnisse möglichst zu neutralisieren. 

Gleichwohl ist es den Bemühungen des Lc nur in geringem Maße 
gelungen, die spröde Isolierung von 16 — 18 zu überwinden, und er hat 
diese Aufgabe auch nur deshalb zu lösen unternommen, weil sich ihm 
der Ursprung und die wahre Bedeutung dieser aus dem Zusammenhang 
gerissenen Verse verbarg, wenn er auch den Zusammenhang von 16 
(17) mit 18 beachtete. Durch seine redaktionellen Umänderungen sind zwar 
inhaltliche, durch das ganze Kap. gehende Beziehungen des Gleichnisses 
ig — 31 zu 1^13 (Verwendung des Reichtums) und zu 16 — 17 (Verbindlich- 
keit des mosaischen Gesetzes) hei^estellt Aber die letztgenannte Be- 
ziehung tritt erst 27 in Sicht, was um so störender wirkt, als der formale 
Zusammenhang einzig durch das weiterführende hk v. ig hergestellt ist. 
Zwischen 1 — 13 und 16 — 18 fehlt aber auch hiernach noch jedes Band. 
Der Einschub 14 — 15 hilft auch nicht weiter; er stellt zwar eine neue 
künstliche Gedankenverbindung zwischen beiden Gleichnissen her, 16 — 18 
aber erscheint nach wie vor als ein nach rückwärts ganz fremdartiges 
und nach vorwärts nur notdürftig assimiliertes Element in fremder Um- 
gebung. Nur die äußerliche Verschnürung verhindert ein völliges 
Herausfallen dieser Verse aus dem vom Evangelisten geschaffenen Zu- 
sammenhang. Nicht also, wie Wernle sagt, die Verlegenheit, so hete- 
rogene Verse zusammenzudenken, merkt man Lc an, sondern die, ein 
sich aufdrängendes, aber unbequemes Material in den Zusammenhang 
hineinzuarbeiten. Lc hätte sich kaum ungeeignetere Verse zur Ver- 
bindung der beiden Gleichnisse auswählen können. 

IV. 

Lc 16, 16 — 18 ist, um das Gesagte zusammenzufassen und einige 
weitere Folgerungen zu ziehen, als schwer einzufügendes Bruchstück 
nicht vom Evangelisten an seine jetzige Stelle verbracht worden, 
sondern es hat diesen Platz schon in der Spruchsammlung behauptet 
Es war also dort die Reihenfolge vorhanden: Gleichnisse vom klugen 



I Vgl. Holtzmann, Huidk. IV ed den betreffenden Stellen. 



254 ^- Kodenbusch, Die Komposition von Lucas i6. 

und vom gerechten Haushalter; dann folgten einzelne Sprüche, mit 
16, 1 6 beginnend und bis 17, 10 sich fortsetzend. Man wird in diesen 
Sprüchen von 16, 18 an — 16 (17) bildet eine Art Einleitung — einen ge- 
wissen Zusammenhang, der freilich durch andere Bestandteile unterbrochen 
erscheint, nicht verkennen dürfen: 18 Verhalten gegen das 'Weib in der 
Ehe;* 17, 2 gegen die Kinder; 3 und 4 gegen den Bruder. Durch das 
Fehlen der Ehescheidungsperikope wurde der Verfasser der Logiaschrift 
von selbst dazu gefuhrt, die Schlußsprüche der Perikope an die Spitze 
einer Reihe von Mahnsprüchen zu stellen, die in der Jüngerrede vereinigt 
waren. Darin bildete also die Gruppe, die sich auf die sittlichen Pflichten 
gegen die uns zunächst Stehenden bezog, den Anfang. Die Ärgemis- 
sprüche sind dabei von allen Synoptikern an den Spruch von den Kleinen 
wegen des gemeinsamen Begriffes des acdvbaXov herangezogen worden.» 
In der zweiten Gruppe, wie sie durch die Gleichnisse vom verlorenen 
Schaf und der verlorenen Drachme repräsentiert ist, mochte von den 
Pflichten gegen die in den Augen der Welt Mißachteten und Verlorenen ^ 
gehandelt werden. 



> Die Trennung von 16, 18 und 17, ifT. durch 16, 19 — 31 kann nicht aaffatlen, da 
dort die Beziehung rum Gesetz klar, liier aber nur 17, 3, 4 vorhanden, nnd überdies wohl 
Lc nicht bekannt war. 

» Wemle, S, 67, nimmt den entgegengesettten Vorgang an. 

i HolUmann, Handk. UI, 79. 



[Abgeichloucn am 17. Juli 190J.] 



E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien. 255 



Neue Lesarten zu den Evangelien. 

Von Eberhard Nestle in Maulbronn. 

I. 

Einer der Mitarbeiter von Soden's an der neuen Ausgabe des grie- 
chischen Neuen Testaments hat vor kurzem den Text der Pariser 
Evangelienhandschrift veröffentlicht, die J. P. P. Martin 1884 in seiner 
„Description technique des manuscrits grecs relatifs au NT. conserv6s 
dans les Biblioth^ques de Paris" S. 91 — 94 beschrieb, indem er von ihr 
sagte: „S'il avait ^t^ connu, ü serait certainement c^l^bre. H est digne 
des 61oges que Griesbach prodigue au Regius."* Der Regius (L) ist 
bekanntlich die Handschrift, aus welcher der kürzere (doppelte) Markus- 
schluß zuerst bekannt wurde; und diese Handschrift hat ihn auch, ist 
aber trotz dem Hinweis von Martin nirgends genannt worden, selbst von 
Zahn nicht, der GK. II, 922 eine andre Stelle von Martin's Description 
in diesem Zusammenhang zitiert. Gregory zählt sie als 579, Scrivener- 
Martin als 743, in dem System von Soden fiihrt sie die Bezeichnung e 376 
und ist dadurch als ane dem 13. Jahrhundert angehörige Evangelien- 
handschrift gekennzeichnet Früher hätte man gesagt: was kann eine so 
junge Handschrift Gutes enthalten? Heute haben wir gelernt, daß das Alter 
einer Handschrift nicht alles ausmacht. Dir Herausgeber sieht in ihr 
den Vertreter eines alten Unzialkodex des BX-Textes, Ob er damit 
recht hat, soll hier nicht untersucht werden. E^ handelt sich hier darum, 
den Lesern etwas anderes vor Augen zu fiihren. 

In den Zeiten von Mill, als man die Zahl der neutestamentlichen 
Varianten auf 30 000 schätzte, staunte und erschrak man ob ihrer Menge. 
Heute sind vielleicht 5 mal soviel gebucht, weit mehr als das Neue Testa- 
ment Worte hat. Wir erschrecken nicht mehr darüber, aber erstaunen 
dürfen wir noch, wenn sich herausstellt, daß jede neue Handschrift, die 
bekannt wird, zu der Zahl der bisher gebuchten Lesarten neue hinzufügt. 



1 Alfred Schmidtke, Die Evangelien eines alten Untialkodex (BM-Text] nach einer 
Abichrift des dreizehnten Jahrhundert« herausgegeben. Leipzig, Hinrichs 1903. 



256 E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien. 

Ja selbst längst bekannte und berühmte Handschriften werfen bei genauerer 
Untersuchung noch einen Ertrag ab. Man vergleiche die Liste aus dem 
Codex Bezae, die ich in Hilgenfeld's Zeitschrift für wissenschaftliche 
Theologie 39 (1895) 157 — 166 veröffentlichte und in meinem NT Gr. 
Supplementum S. 66 ei^anzte. 

Es ist natürlich, daß man die 2^ahl der Varianten ins ungemessene 
steigern kann, wenn man jeden Schreibfehler einer besonders liederlich 
geschriebenen Handschrift als Variante buchen wollte. Die Handschrift, 
um die es sich hier handelt, ist allerdings teilweise schlecht geschrieben, 
aber von diesen Dingen ist im folgenden ganz abgesehen. Und trotzdem 
lieferte eine rasche Vergleichung allein zum dritten Evangelium über 
130 Varianten, die bei Tischendorf noch nicht zu finden sind. Ich 
weiü nicht, ob auch nur eine derselben Aussicht hat, künftig in den 
Text aufgenommen zu werden, aber eine ganze Reihe derselben verdient 
wenigstens in den Apparaten und den Kommentaren Beachtung, imd 
weil man nicht jedem Erklärer zumuten kann, Schmidtke's Ausgabe der 
Handschrift auf diesen Punkt hin selbst durchzuarbeiten, so will ich das 
Neue, was aus seinem Text zu lernen ist, hier zusammenstellen, indem 
ich nur an einigen Beispielen zeige, welches Interesse an einzelne dieser 
Lesarten sich knüpft. 

In meinen PhUologica sacra hatte ich zu Mk 13, 34 die Krage auf- 
geworfen, ob bei dem Türhüter, der von den übrigen Sklaven unter- 
schieden wird, nicht an Petrus gedacht werden dürfe oder müsse. Diese 
Frage wird hinfällig, wenn die Pariser Handschrift recht hätte, die mit 
Änderung eines einzigen Buchstabens aus dem Türhüter eine Tiirhüterin 
macht. Es ist das wohl unter dem Einflul^ des Johannesevangeliums 
geschehen; aber auch so liefert diese Lesart einen interessanten Beleg 
zu der unlängst in einer Zeitschrift erörterten Frage über den Umfang 
des Vorkommens weiblicher Dienstboten im Orient; ja sie könnte sogar 
in der modernen Frauenfrage verwendet werden, daß Jesus auch den 
Frauen ihre Aufgabe in der Kirche angewiesen habe. In demselben 
Kapitel heißt es V. 12 bisher in allen Zeugen nur, die Kinder werden 
sich erheben gegen die Eltern, und wenn man den Zusammenhang 
nicht scharf nimmt, kann dies allgemein dahin verstanden werden, daß 
die wachsende Unbotmäßigkeit der Jugend ein Zeichen des nahenden 
Endes sei. Einzig unsere Handschrift ergänzt dies durch den Zusatz 
„und die Eltern wider die Kinder", und wenn man bedenkt, daß bei 
religiösen Krisen das Unrecht nicht immer auf Seiten der Jugend ist, die 
sich einer neuen Bewegung zuwendet, während die Alten aus über- 



£. Nestle, Neue Lesarten lu den Evangelien. 257 

triebenem Konservatismus sie verfolgen, so ist diese Lesart doch min- 
destens recht anregend. 

Dogmatisch lehrreich ist, daß der Hauptmann unterm Kreuz nicht 
bezeugt daß dieser Mensch ein Gottessohn gewesen, sondern dafi er es 
ist (£Cnv). Sprachlich beachtenswert ist 5, 42 Trapaxpfjfxa frxipQt] statt 
e^6uc avecrr]. Das Adverb napaxprma kommt im ganzen Matthäus nur 
in der Erzählung vom verdorrten Feigenbaum vor — weist dies auf einen 
besondem Ursprung derselben? — nie bei Marcus, überaus häufig bei Lucas. 

Doch ich will den Raum dieser Zeitschrift nicht weiter in Anspruch 
nehmen, auch nicht auf andere sonst bemerkenswerte Eigentümlichkeiten 
dieser Handschrift hinweisen; ich stelle nur die Lesarten zusammen, die 
bei Tischendorf noch von gar keiner griechischen Handschrift bezeugt 
sind, und zwar zunächst nur zum Marcus-Evangelium. 

Mk I, 27 iöaundcöiicav 32 nporfq>€pov 44 fl] 8 a, 12 — Ön' 

13 6x^oc] Xaöc 15 iboCi TroXXot 26 toic dpxiEpeOav pövotc 3, 7. 8 'Itiou- 
(laiac . . . 'loubaiac 14 xripucc xal X^t«v 17 ßpovrflc uiot 27 ekcXflevv 
Kai 28 äfinv, &}xf\v (ebenso 6, ii; 9, i.) 4, 10 ■» öt£ 16. 17. äKouc. fiETä 
Xetpäc Btx- TÖv \6tov (oök ^x- öfe) 24 ÄvnfiCTptienccTai 26 Inl Ti\v T^iv 
40 ÖXtTÖmcToi 5, 13 dKad. dnö toü dv6p<IiTT0u 18 ßaivovToc 29 tdOn 

34 fcOi] Icij 39 öopuß. KXaiovTcc 42 Trapaxpnnti t^r^pän 6, 3 toO t^k- 
Tovoc ui6c Kai d&. (—Kai Tfic Mapiac) 11 t6v bnoK&xijj} dnö i2^ETavoi^- 
couav (auch N) 14 /jY^P^n äi^^ TiJüv 34 i^cav £ckuX^£voi koI £pi|i|i£voi d»c 

36 KiEifiac tva dtop. 37 öpTouc öiax. btiv. 41 — fcüo 2" 7, 12 noii\ai (— 
-ceiv?) 15 — ^KTTOpeuö^eva ^crlv ao bi] jap 31 — biä IiÖiSvoc 8, i ?xov- 
Toc 2 crrXaTXVicöeic 6 ttc -rfiv "piv 19 Toiic ttIvtc dpiouc öxe 25 öqieaXp. 
ToO TucpXoO 27 — Kai 29 Koi fjpujTncev a. (— aüröc) 31 dTCpöi^vai 33 — 
aäroO 9,5 xal mEuv HXcia iS — aÖTÖ 21 aOri^ ö bl emcv] 2cnv 
22 dnoKTCtvij 28 ^TrtipiipTOuv (== £) 30 Tic aüiöv fvili 32 iTrtpunricai aöröv 

37 _ oÜK i)ik und dXXä 47 {£eX£ aöröv Kai ßdX€ dnö cou 50 ^ujpQvd^ 
10, I ÖxXoi noXXoi 14 ßac. tüiv oüpavujv (ebenso 25) 21 — f\jäm]cef aöiöv 
Kai 25 — elceXöcTv 27 — napd 3" 29 Efpn aöxoTc 39 ol bk emav] X^touciv \ 
— 'IricoOc 52 ctcujK^v ce, jropcüou (trotz vorhergehendem Oirate). 11, 6 
eipHKCV aÜToic 13 oü&. eOpev iVaÖT^ i4fJK0ucav i€&id tö iep6v 21 diro« 
Kpiöcic (für ava^vrice.) 26 — tUTÖTe KOi eöpfjccTe (in dem von M und 
andern Hdschr. bezeugten Zusatz) 29 ^pujTricuj 30 t6 ßaTir. toG lui. 
12, 2 tva Xdßij TTop' aÖTiSv toöc Kapiroüc 16 tivoc £mTpa<pi^ aörn (— f| ciK. 
a. Kai f\) 22 — Kai 2° 23 £ctiv 26 \ij€i 29 *l>ic. xai eütcv 36 Kai aöröc 

I — «• omittit; die Vergleichung ist nach meiner Auigabe gemacht, unter steter 
Beisiehung von Tiichendorfs octavH maior. 

Zäuchr. r. d. Bauteil. Wu*. J^ag. IV. tgey, ly 



358 



E. Nestle, Neue Lesanen zu d«n EvangelicD. 



Aou. 13, 5 ö *i \hti oÖToic 12 Tov. Kai Ol ToveTc ^ni tö xkcm 

22 CTijieTa ^ET<iXa 26 nerdiioEric KQiiuv. noX. 27 fi-rr. aüioO nexd cdXinTT« 
q)iijvr|c H£Ta\i]c 28 T^viiTai dnaXöc 29 Taflia ndvTCi 34 Tf\v iSouciav Tok 
bouXoic aöroö | t^| Supiupifi 3Ö töprici) ("ur „Orig.") 14, i drroiCTevviiav 
2 tva jiii e. T^vriToi iv tiü >a4J 6 Ipxov top xaXöv 9 — £ic öXov t&v 
k6cmov I XaXije. mi B *iroiric outti 12 Iva qiäT.] «poTtw 13. 14 eic t^v 
oMav 6itou cfcTtopciicTBi kbi 19 xal i SXXo< 2: kotü tö iLpicM^vov no- 
ptOiTüii 29 ^qpii] tiirtv 30 — Kai 35 irnpeXeiTw (trotz Yva) 40 cüpioce 
43,XaXo0vTocaÜTOü 44XtT««v ön 48 aÖTOic 6'liic. ekev 58 ofKofto^.] noiiiau 
60 oiiitfev ditoKpivip xf 61 Kol 6 'it]c. 62 — '(nc 6j MIppriEcv Tot Vdria 
aÜToO X^Tti 05 KaiiXoß^ov 67 inßX^yiac aÜTÖv (sol) ( neiä "liicoO toG No- 
Zuipnvoö i^ceot 69 ÖTil Kai | i£ oifvjjv icnv] per' auroO ^v 70 ei- koj ^äp 
f| XaXid CDU liiiXov et noiti (— TaXiX. ei kqi) 72 t^vric9ti | toö ^riMor« 
ToO 'It]coO ÖTi I xplc dnapvrtci] ^e Ka) <£€X9ÜJV ^Itu ^kXqucev niKpüc 
15. I tPöMM. ToO Xaoö 5 OauMäcai 17 ircpiTieaciv ig irpoctKuv. aiirov 
21 ZiM. TiVö Ttapat. Kupnv. 22 TöXTuJÖdl 31 JXetov tittü tiüv Tpa>iM«T^* 
34 HETiSXij Koi tiTTEV 39 uiöc ÖEOÜ €CTiv i6, 2 javitWEiou TuvaiKtc 6 Na- 
Ziupnvöv l8 ßX<S«|ir| aiiroüc | tTn9nciuciv. 

IL 

Noch intetesääjiter 2Um Teil als die Varianten zum 2. Evangelium 
sind die zu Lucas, sowoW der Zahl als der Art nach^ Ihre Zahl über- 
steigt 330, und was ilire Art betrifft, so genügt es einige namhaft ju 
machen, wie i, 34 ii€T€Xiu statt tivwckiju, 2, 4 auTr|v, 48 6 nciTiip cou KOi 
6 cuTT^viic cou KOTLu 51 riXÖov; 11, 42 das eine sollte man mir tiuii 16. 
28 den Ort dieser Qual; 18, 12 ich verzehnte dir alles; ig, 9 da auch er 
ein Sohn Abrahams wurde; ig, 17 wir wissen, daü du in wenigem 
getreu warst; 21, z8 hebet eure Augen auf; 22^ 16 bis das Reich Gottes 
vollendet wird (so auch der SinaisyreOi 24, 39 autoc. Spraclilich in- 
teressant ist die häufige Ersetzung der zusammengesetzten Zeitwörter 
durch die einfachen z. B. 6, 13; 8, 43; 9, 30; 12. 20; 13, 19; 17^ 12. 2s, 
59. 61; 23, 20; des Aktivums durch das Medium g, 31; 6, 21,- der Einzahl 
durch die Mehnahl 11,7; 23, 18; liturgisch die häufige Einführmig der 
Schlußformel: Wer Ohren hat zu hören, der höre (s. 15, 10). Aber ich 
will auch hier es den Lesern überlassen, die Liste zu prüfen, und nur 
eine fUr die Genealogpe der Handschrift nicht unwichtige Lesung anführen. 
13, 10 schreibt auch unsere Hdschr. iv tiia tujv iincptuv cv xoic caßßaciv 
statt cvvaTUiTuJV wie H 13, 346 bei Tischendorf. Ist es wahrscheirüicli, 
daü diese Gedankenlosigkeit an derselben Stelle vcrsctiiedenen Schreibern 



£, Mestle, Nene Lesarteii la den Evangelien. 259 

unabhängig von einander begegnete, oder beweist sie einen Zusanunea- 
hang dieser Zeugen? 13. 346 sind 2 Glieder der Ferraigmppe. 

1, 4 eTcvero 6e 8. 9 — cvovti . . . lepoxeiac 17 £v eutppovnai 34 -nviu- 

CKUf] ^€TEXU) 36 OUTOC] OVrOC 45 TTOpO KUpIUl 50 — KOt TO cXeOC aUTOU 

51 uTiepiiipavoic biavomc 74 x^tpoc iravxujv tu»v fiicouvriuv hmiuv 3,4 
aun]v 7 — Kai avcxXivcv aurov 15 xai 01 noi^cvec 23 — cv vofiu) tcupiou 
24 euciov] TViuav I — cv TUJ vojiuj Kupiou 27 eicnXöiv 37 mrn] nv xnpa 
48 na-n\p cou xat cuTTtvnc cou Kaxu) 51 n^Qov 3, 7 ott 9 pi&w 
Tou bcvtipou 23 — 38 desunt 4, 5 avatujv 7 Travro 17 to ßißXiov (1°) 

23 uioc Ituc. e. o. 23 — T£VOticva 28 aura 31 Kon. cic tcoXiv 33 av6p. 
KOI ex- 34 trnoc] uioc 36 outoc Xotoc 5, 2 Xttxvnv TewncapeT 5 tu» 
cut prifian 7 eX6civ Ken cuXX. 8 TOic itoav tou tnjpiou 9 f|v 12 « aurou 
15 — bc 1 Xotoc] r|xoc 17 6uv. Ötou 24 niv kXivtiv cou vnajt 27 Aeuciv 
ovofiom 31 exouci] exovrai 6, 2 eiirav] cXctov 3 — npoc avrouc 12 koi 
ETCVETO Ev £K£ivatc TQic Ht^- j — TT) 13 eKoXcccv 17 TU)v )iaBr}j. am. 18 ocoi 
19 TTOvrac auTouc 21 TC^ctcecQc 23 kqi xdipere | (upa 31 noiiuav ujwc 
33 TO auTO noiouav] touc oraniuvTac aurouc aTantuav 40 btb. oub« bou- 

XOC UTTCp TOV KUp!OV QUTOU KttT. 4I — TTIV 2° 43 CUTTpOV . . . KOcXoV . . . 

KaXov . . . caiTpov 47 irac ouv | tivoc 48 — -rnv 7, 3 — EXÖtuv 6 — Kupic 

7 XOTUJ MOVOV 14 €ICCX9ufV 18 TIEpI TOUTUIV TrOVTLUV 22 ClbCTC KOI OKOUCTC 

29 — aKoucac | eic to ß. 32 Ka6. a irpocfuivouvra Xetouciv 4t be lr|c 
C911 47 Xertu cot] emov 50 Kon emev irp. 8, 4 cuvovruiv be aunuv koi 
oxXou TCoXXou emiTOpeuofievou -rtp. 6 pt£av 10 ouc okoucwov wai ov ^u\ 
CUV. 13 neipac ciav 19 — irpoc aurov 33 ocpimv. o Incouc 25 ~ be 2" 
29 TioXXui TOP xpovui 30 ovo^a coi ecnv 33 xm e£eX9ovTa ja 36 — 01 
ibovrec 39 oca auTw ireiTOiiiKev 41 Kieipoc outoc 43 avaXuicaca 47 Kcn 

TTIUC 49 TIC EK TOU 5I b£ IhCOUC 9, I VOCOUVTOC 3 HT]T£ TITlpaV )L 

paßbov 7 TiavTQ TO T£VOtiEva 8 tiT^pOn 9 outoc ecnv 10 xai 01 oitoct. 
unocxpev- 1.1 locorro 13 — tiXeiov | — Ttavra 14 — aurou 17 Ta nepicceu- 
para auTwv 19 einov* Xetouciv | oti] cva tuuv TTpoipnTtuv* CTepot bE on 

24 cujcai TTiv ijjux. auTou 28 koi TrapaX.] napaX. be 30 eXaXouv 42 biep- 
pnSev 48 Em TW Efiuü ovofi. 49 nKOXouSEt 58 KXiveiv 62 an ap. ic\ 2 iva 
10 ££eX6.] eiceXBovtcc | Xctcte ii oiroTivaccoriEdo 19 — ttiv 20 — t« i" 
24 ETTEOu^r^cav 30 aq). auTov n^tG. 34 oivov xai eXoiov 37 )I€t outou to 
cXeoc 38 KQi auTOc 39 KOI auTT]bc 41 anoxp. be em.] eittev be | TpißaZeic 
42 i£€\i£. TTiv OT- fiep, n, 4 ttovti oiptiXouav 7 eipn 1 napextTe 8 ETepO.] 
avacrac 12 cxopTi. emb. aurtu 13 oupavioc 15 — tu 22 — ETrcXeun» 
33 a^ac Tterjav auTov imo tov fi. (— eic xpunT. u. oube) | iva . . .] xai Xo^tiei 
naav toic ev tti otxia 39 irpoc aurov Kupioc 42 — <iXXa | nonicai |ioi 

17* 



360 



E. Nestl«, Neue Lesatten lu Ato Evangelien. 



13, 1 oxX.ou] Xaou (vgl Mk 2, ij) 6 accapiuuv nujXciTai b. 1 1 aROlOT-] 
XaM^TiTe 13 auTuj] itpoc outov 20 aiTouav -njv i(i. cou arro c 33 vwiPl 

VJiWV 38 Kftt TpiTTl 43 <K- O Tll Kapbot ClUTOU OV 47 TTp. TO ©tA. W» 

KUplou auT. 48 TtopeStTö 55 irv. Ktii \i.fttt \ KKvbwv 13, l Efii£fV fTa- 
XoToc 4 — r| 8 auTuu Aetci | eiuc ou 11 exouco nvEuiia iS ouv nvi OMOiiucui 
TTiv ßaciXeiov tou Qtou 19 eocriviucev 20 icai emcv iraXiv nvi* 26 E(p. ko 
tmojiev evujTTiov cou 30 ticiv 01 ecxoToi 34 emcuvaTOTOV 35 ri£«i otot 

14, S — cou 12 — Touc cpiX. cou ^l]^E I avTaIIO^ocla lä ancXetuv 24 oXrr. 
fop £kX. 26 — awTou [ — Ttyv i" | — la 30 oiKofto^iqcai 31 tu] npoc 53 toic 
WTop, aUTui 15, I auTu> -rtavrtc ot TtX, «rpt 4 -nc «£ uptuv ovQp. 
5 £m TOU lüjiou 104-0 ex^v luto oKoueiv aKouerui, ebenso r6, iS; iS. 8. 
22 eveTKOTe Triv npiuTTiv ctoXt)V 27 wntXaßtv 16, l moöfitoc napaPoXit» 
4 otKOvop. (lou 7 eiir. auTuu 9 noiric tpiX. tauT. 13 oikethc] oukcti 15 icxu- 
pov 18 s. 15, 10. 21 QTto 1° 2*] £K 22 Kai efEveTO öTToO. Z4 TXuimn 
26 Ol tKtx 28 cuveXOiuciv | toutov] TauTTic 31 etepÖTi 17, 4 — km i" 
(TncTpacpq 6 — öe 7 €iCieXd. auTu> 12 fp)(o^evou ] — crvbpEc 14 tauT.] ou- 
Touc 20 uno] ano 24 acrpairrouca eic xiuv oupavuiv fj «c ttiv im' 26 TW 
uiou TOU Öeou 34 u^iv OTi lÄ, 6 — be 8 auriuv] twv ekAcktujv qutou 
s- 15, 10. 9 TauTTiv Xtfiwv 11 rjuxtTO 12 aTTObexaTtu cot 14 tv tiu oww 
auTOu 19 — ciuTw 20 <pov.] nopveucnc 25 — eiccXÖeiv 3" 26 — 01 ^9 afteX- 
qiouc] a&eXcpac ^l i>t] ouV | uiui tou Seov 34 auTOi outoi 35 irapo^ tm 
39 auT. 6e] KUi auxoc 19, 9 Ii]g.] icupioc | AßpaoM eftveTO 17 oti] oi&apev 
ort 21 o 2°] onou 27 toutouc] ckcivouc 6e 29 — lo 2° 30 otrrtvovTi | tujv 
ovöpujir. [ aTTtTraTere 31 «repuiTot 35 — auTUJV | eireflncav 37 xatpciv «11 
aiv. 38 — ßaaXtuc 40 — airoKpietic 41 riTTittv 42 — on 44 XiS. cwi 
XiÖou 47 tlr\x. ttTToX. auTOV 20, 5 — XtfovTtc loftiupT- »bovrec 12 t 

TOV] ETtpOV 14 OTI OUTOC 17 tllHV aUTOlC I9 — TOUTTIV 20 — TT|2*' 21 X£T] 

XoAiic I TO TtpocwTrov' 24 ötivapiov oi Öe tivetkov itpoc auTov bnvaptov 
Kitt emev irpoc cutouc 26 low piiMOtoc ourou 27 eXCovrec | ZaÖfe.] <t>api- 
caiiuv 30 KOI öeuT. eXaßtv 36 icaTf-] ^c ß-pre^Qi | — eiciv 2" 37 uic Xrffi 
tni Tiic ßuTOu 40 epuJTTicai 21, 4 outtic tßaXev eic Ta bwpa navia 

(trotzdem nochmals eßaXtv) 12 €ic cuvqt- auTUiv 23 ouai öe toic ÖiiX. Km 
T. ev T- exowc- 28 enap. touc oqjöaXfiouc u. 35 eiceXeuc6TCii.3 aa, 16 ttX. 




■ Ein £iotici Fehler der Ausgabe iit, daSi an zweifelh»rien SteUeo über Inlctpunk- 
tioD und Acccntuation in flcT Hdiclir. nicbu lu ejitnelimen ist; t. B. zu der von mir ia 
dieter Ztschr. befände ICäii St«U« 4, iS; äd«f bier ciic€V' trciXlv nvi adercmcv nuAiv- tivi. 

•■ Tischeödorf tai w Tipocwnov keine Vanimic; IS hat itpociunov av6pumou. nnsi 
Hdachr. den Artiicel. 

1 Zu diesem V«rt habea wir die Vaiianten: cX£u<ETai, eiccX — , eiteX— , eireiceX- 
tTncTTi«Tai. 



E. Nestle, Neue Lesarten zu den Evangelien. 261 

i\ ßaciXeux t. Ö. 17 touto] to norripiov 23 iroieiv 24 -nc apa aimuv 
25 Kupieucouav 26 — o 3° 27 tqp] Öe 29 ßaaXcwv] öiaöiiKiiv 33 — auru» 
34 ~ TTETpE 39 eSeXO. lr]Couc 45 ano t. np. cXOutv] ETropeudr) (ohne koi 
im folgenden) 48 — 66 49 01 6c iTEpi airr. ifcovrec 52 Traporfivo^evouc 56 — 
KOI 1° 58 — avepuiTre 59 öiacnicacnc | luc | icxupitero 61 eihviicOti ösaunii] 
auTOV 66 U)C £Ttv. luc j]h. 68 cpurr. u^ac 69 fte o^rEcöe tov uiov t. gl 
Kaenjievov [ Tou öeou] airrou 71 eittov ov ti ex- (- en) 33, 4 E<pii 7 — 
Kai i" I £v TT) eSoucio | tou Hpiubou I £v rate n^- ckcivcuc S qk. qi/tov 
14 EupicKtu 15 — fop 17 Exujv Kara EopT. anoX. out. eva 18 aipcTC 19 nva 
tita CTaav 20 etpiuviictv autouc 22 E<pri | — outoc 29 m rmEpai 33 EioiX- 
60V 34 ot bc iiia^EpiZ. 35 xpicToc] uioc (cf. Lc 4, 34 etc.) 38 r\ tmfp. aurn 
T€TP- o 39 Kp£|ia|i£vujv 41 anoXaßujti£V 56 04, i. Karo &£ v\v evtoXiiv tii 
^ta T. caßß. 34, I xai tivec cuv auTOic 7 ort Act irapa&oO. t. u. t. o. 
8 KOI Traciv] oiv 13 imepa] wpa 21 outoc | £T£vovto 36 nr\ (poßEicÖE' rp« 
Etfii 38 £ic TQC Kap6iac 39 TTO&ac kqi touc tutiouc twv nXuiv oti | o auroc 
41 aUTOlC InCOUC 46 — OTl I -ffTpoTTTai €6ei. 

m. 

Wie inhaltlich, so steht auch textkritisch das vierte Evangelium für 
sich. Das zeigt sich schon darin, daß in der folgenden Liste beim ersten 
Kapitel die erste neue Variante erst zu V. 31 zu buchen war, während 
sie bei Mc und Lc häufig schon beim ersten Vers eines Kapitels auf- 
trat Im übrigen bleibt die Handschrift auch hier ihrem Oiarakter treu 
und bringt alleriei ganz seltsame Lesarten; vgl 10,6 napOMuOiav, 19,4 
EvreuQev statt fiSu), V. 12. Ttva, 20, 4 |1£t auTou. Die Form uyitiv 5, 15 
hat sie in V. 1 1 mit der ersten Hand des Sinaiticus gemein. Mit diesem 
teilt sie auch Golgatha statt Gabbatha 19, 13 und andere Eigenheiten in 
V. 15. 16. 23, worauf Schmidtkes Einleitung hinweist. Nicht erwähnt 
hat er den Zusatz „hebräisch, griechisch, romisch" in 19^ 19, der bä 
Tischendorf bis jetzt nur aus der Ferrargruppe und in dieser Ordnung 
nur aus 69 gebucht ist. Aber auf diese Fragen weiter einzugehen ist 
nicht der Zweck dieser Zeilen. Sie sollten nur einmal vor Augen führen, 
daß eine einzige Hdschr. zu dem bisherigen Variantenbestand von 3 Evan- 
gelien 700 — 800 neue hinzufugt, und sie sollten insbesondere anderen 
Lesern die Mühe ersparen, welche die VerofTenÜichung dem auferlegt, 
der sie ausnützen will. 

I, 31 Il&ClV] £TVU)V 35 £1CTT|KEI TiaXlV 42 TITOT. ÖE* | IhCOUC TtCpi- 

I Scbmidtke rechnet dies noch tu V. 41, Tischendorf tchon tn V. 43; richtig b«- 
ginnt dftmit V. 42. 



miTOiJVTi I tifftv] Xejn ei <u ei 47 löe] ei a, 2 om. koi l'* 8 outok 
lr)couc 10 MeOuciuav 12 Kcmapvaouii., ebenso 6, 17 | — km oi atKA^oi 
auTOu 13 TO nacxa r\ eop-ni t. 15 cxoiviujv icot 22 touto Incouc cXet- 
23 TtOKi 24 — aÖTov 3, 7 Hl oirv 6. | oti ^€l i S nicrtuiuv auTtu ' 34 o Ösoc 
antCTtiXtv 35 TovmovauTou 4, 5 t^v XeTOfi. 17 Xe-f€i]aTi€KpiÖr| 2jOTfoi] 
OTi 30 »ipxovTOJ tpxovTOi 33 — Tipoc aXXriXouc 37 aXuenc ecnv 50 itai Xetö 
54 TOVTo ouv iroX. 5, 4 tu J)r]noTE av 6 t\hTi noXuv XP- 12 coo tov 

icpaß. 14 XeT€i (sö auch N) 15 Xerei ( ut'IV i6tTTOtric£V 17 aircKp. auTOW 
Xeruuv [3 mqXXov ciiutKOV 01 \ovb. tov Iricouv koi ££tiT. auTOv 19 av t«^ 

«.K, nOI. TOUTO, TOUTO ZI OUTUfC e£u)KCV KOI TUJ UllU cfOUCtOV CXCIV OUC 

fttXei ZliuoTTOKiv 26 6et)LUKev 28 ourou mi 01 aKoucavrec ^ncouctv 34 Xcru) 
uHiv iva cuj6. 6. 9 to Tioiöopiov ev 1 1 icai eXaßev touc 17 vgl. 2. 12. 
18 Tc] bt 21 UTOITOVTO 23 KOI oXXfl r|X6, 30 — coi J3 o Irjc. aoroic | — 
ufiiv 1° 33 9eou] oupavDu 58 to etX. e^ov 41 Kaiaßoivuiv 42 — vuv 53 ov- 
öpumou] etou 71 — tK 7, 17 Ti€pi] CK 50 — npoc auTOUc 8. 4 KOTO- 
Xnq»9n^ 20 Toura oyv ra 25 koi emev (so auch N} 31 — ouv 33 koi aTtttcp. 
JS »itivri ^>, ebenso 9,41; vgl. auch 15, 10. 38 iratpt r]p.\uv hoKai 40x01 
ovOpujnov 42 €k] napo 44 — ex tiwv i&iujv XaXei 53 coutov 59 kqi ck tou 
9, 8 tXeTOV ouv 14 — tov ig Mou] \ioi 24 — ouv 26 — coi 30 Twp eSou- 
fxatov OTi nweic ouk oiftoMev 32 TUipX. t^T^vv. 096. 37 — auTtu 41 vgl 
8, 35. 10, 6 napOHuQiav 15 naxtpa pou 17 — naXiv rS c^auTou] «jiou 
27 aKouctuCTV 31 XiSacouciv 36 — TjTiaccv Kat 38 "pvujcxnTe] mcrtuETe 
40 ßairriiujv TO TipoTtpov ji> 3 ocöeviic 4 n oceevfia hutti 8 « 01 lovi. 
cmoKieivai 14 — qutoic 16 cuv|nft9, outov (so auch D, was bei Tisch. 
fehlt) 27 TOU ßtou TOU ZujVTOC 32 mc n^Otv] eiciiX9ev | — Müu 33 cuvcXfl.J 
aieXtpouc I — kXoiovtcic §1 airoevricK. Iricouc 55 to nocxa n eopTii 
n, I o lr|c. CK vcKp. 6 toüto] outuic 9 — noXvc ek 15 ibou xap lÖ koi 

TQUTO 2! OUTOlJ T0T6 | IIPUJTOUV 20 blOKOVTini (l") | ejlOc] JlOU | EOV &£ 

TIC 29 oxX. KOI tCT. OK. 30 yti] eXriXuöev 33 crip. auToic 35 — ouv 38 (a 
XoTOc) 43 [jaXXov t. öo£. t. avSp. rinep (vgl. Ap. Cotist. 5, i, 2) 46 Koqi. 
TouTov 47 ^ri axoucri t. p. koi <puX. 49 auroc] ekcivoc 13, 4 Bi€£w<öi'0 



I DiM war einer der gegen 70 Verst aus den Evangelien, tu vrelcben Tischradorfa 
Augabe noch keine Variante buchte, wie oben Mc it, 16. 

» Somit hatten wir nun hier die Lesarten i. mcTCUUJV, 2. ttict. aunu, 3. «, oc 
SVTOV, 4. IT. ev avTut, 5. 11. €it' auT«v, 6. tc. €n auTUf. Dtr ncule^tBincntlicbe Spnctr> 
{cbraucb. von ih-cteuciv kann kanm besser ertialert werden alt an einer aolchen Stelle. 

J ffo hat Stephanus, Beza, Ehivif; Tischfndcif bemetkl datu cata? Ecribenduni 
ccrtc KQTEXiiqjOri. Wie mir Schmidtke nachträglich mitteilt, hat die HdtcIiT. nicht kot«). 
Xnip6r|. D«i Fehler der Drucke erklärt sieh natürlich durch Vermischung von Kaxti- 

XritTTfli and (caTEXnqjön- 



R. Nestle, Neue Lesarten zu den Erangellea, 363 

auTov 1 1 OTi] aX\ 20 ti£ Xa^ß. c^ic 33 Tetcvia ftou ) — ctu) 38 >ie atrap- 
vr\a\ 14, I mcTcuriTC z" 4 ouk oibare' 10 XaXui ev u^iv 11 raura | 
mcTeucHTC 20 rrarpt kqi iraiTip ev cmoi xai u^etc 21 cMaurov aurui 
24 Tac evToXac 26 S TTC)ii|fEt o] 6 ircMVac ^e 28 irop.] airepxof^at iji 2 
ouTo I'] auTOc 5 ouTOc] auTOC 6 eKßXrienccTat 7 aiiriCTicee 8 — nou | ti- 
V€c6e 10 ^£tvT|Te (v^L8, 35) 13 i|jux. eaurou 20 etuj €iit.] XcXaXnxa 16,12 
X€T- «X*^ "M'V 17 auTou Tivec 19 cmcXXov 21 auxuc r\ ujpa 25 TTcpi] Trapa 
26 aiTHTe 29 — auTOu 33 ev cfioi ^ovov 17, 7 oca] a 14 rruj eluuKO 
20 irepi 2<*] uTT£p 22 KQYiu] CTUJ 23 cYiu] Ka^uj 25 cc crvwv] efvujv ce 
18, 4 — ouv 5 — > Kai 6 auToic o Incouc 16 eiCT)ve'pcev 17 icat Xrfci ouv | 
^a^. T. a. T. a 20 ev tu) upuj kqi ev cuvar- 1 ouk eXoXtica oubc €v 21 eic 
Tujv frapccTTiKOTiuv TUlv im. 26 — eic | uuraptov* 38 iit\\Q. noXtv ig, 4 
XcT«] EiTTCT 1 [auTOv] £VT€ueev ivo | [tv] ouTU) oiT. oux tup. 12 ßoaX. TIVO 
noiujv eauTOv 13 tote ouv o TTeiX. 14 eXcTCv 17 kqi Eßacra^ov auTtu tov 
18 EVT. xai Eva evT. 20 ouv] tiE [ ovetv. itoXXoi 23 xai TroittcavTEc | ek] 
omo 24 TrXiip. n TP0(P1 28 ra itavia 29 rtcpiTiBEVTCC 30 to o£oc eittev 

IrjCOUC 40 ~ ECTIV 30, 4 TOU TTETpOU |iCT QUTOU 1 1 — tlC | e£uj TTpOC TO 

^v. xXaiouca 14 6eujpEi] ei&ev 15 bei OTt bricht die Handschrift ab. 



> 'Eia DCoei Beleg sn den in meiner EinfUmug besprocbenen Fällen tob sie et 
non, d. h. von Stellen, wo durch Einfügung oder Weglassnng einei Negation det Sinn in 
sein Gegenteil verkehrt ist, Ohne Wirkung ist die Einschiebong der Negation iS, la 

3 Zn V. 10 weist Tiich. auidrQcklicb dKmnf hin, daß in V. «6 uinov non fluctnab 
JeUt haben wir anch hier dai Schwanken. 



[AbfeichloHaD an i, Augiut 1943.] 



204 ^ '-"-■ = ^^ /--sr ' tr^rimmgmig coer ApoK 13, 1», 



l 



NGsceUen. 

Zur Verstandigims über Apok 13, iS. 

Eine Zeitschrift hat tm Gegensatz za einem Bache die Au%abe, \idr 
mehr den Anstoö zur Bildung von Ansichten zn geben als aii-^ c piä g tg 
Ansichten zu verbreiten- Ihr vornehmstes Sei ist die Anregung und 
es ist nur erfreulich, wenn sie einen Meinungsaustausch herv-oirnft duo- 
fem steht sie der mündlichen Rede naher und hebt wenigstens bis 23 
einem geAvissen Grade den Nachteil auf, den Plato im Phaedrus an don 
geschriebenen Wort so schmeralich beklagL Im Buch geht der .^ r rt T' 
I-*gos schutzlos und unberedt in die Welt hinaus. Demo, er kamt dem 
Leser, der ihn befi'agt, ja immer nur dasselbe sagen und sein Autor 
kann ihm nicht zu VÜKc kommen. Sein Nutzen ist gering; denn wie oft 
wini er mißverstanden, verdreht und verkannt. Hundert Rezensentsn 
sagen jeder etwas Verschiedenes von ihm und höchst selten einer das, 
was der Autor meint. Anders in einer Zeitschrift, die dem Leger Ge- 
legenheit bietet, gegen den gedruckten Logos Einwendungen zu mächen, 
dem Autor, seinem Logos zu Hilfe zu kommen. Daß dies geschieht, 
daran hängt m. M. die Existenzberechtigung einer Zeitachrift. es hat 
aber, denke ich, wenigstens nach dieser Seite die unsere ihre Existenz- 
berechtigung durch manche Proben wohl bewiesen. 

Daß es aber nicht leicht ist, auch in ganz einfachen Dingen den 
Ausdruck des eignen Gedankens vor der Möglichkeit eines Miüveistand- 
nisses sicher zu stellen, ist eine &fahrung, die man innner wieder 
macht. Merkwürdigerweise setzt man sich einem solchen gerade bd 
Fachleuten am ehesten aus, oder eigentlich nicht merkwürdigerweise, denn 
diese haben ja über jeden Punkt .schon ihre feste Meinung und es handelt 
.tich in Jedem Fall darum, daß der neue Logos einen alten verdrängt. 
Wie viel Peitho bedarf es da, denn was ist zäher und hartnäckiger und 
schwerer .ms dem Felde zu schlagen als ein Logos? Daher die Schwierig- 
keit, cint-n neuen Logo.4 einr.unthren, und sei er noch so winzig, werm 



P. Corssen, Zur Verständigung über Apok 13, 18. 265 

nicht wie in der Physik oder Chemie eine sichtbare Tatsache da- 
hinter steht 

Ich mache vielleicht viele Worte um eine kleine Sache, denn etwas 
an sich ganz Kleines ist es, was ich verteidigen will, aber es hängt ein 
sehr wichtiges Prinzip daran, das der exakten Wortinterpretation, ohne 
die man nun einmal in der Theologie keinen einzigen Schritt tun kann 
und die sehr viel häufiger als man glaube zu ganz sicheren Ergebnissen 
führt. Denn ist zwar das Wort in vielen Fällen mehrdeutig, mißverständ- 
lich oder unklar, so ist das doch glücklicherweise nicht die Regel, sondern 
es kommt nur darauf an, das Wort richtig zu wägen, um zu einem Re- 
sultat zu kommen, das in seiner Weise ebenso sicher ist, als irgend ein 
Satz der Algebra oder Geometrie. So kann an der formalen Bedeutung 
von Apok 13, 18 in Wahrheit nicht der leiseste Zweifel sein. Dies und 
nur dies zu beweisen, war mein beschridener Ehrgeiz, aber wie schlecht 
es mir gelungen ist, zeigen die Bemerkungen von K. Vischer in der 
letzten Nummer dieser Zeitschrift Ich werde nun wohl meinem Logos 
nicht besser zu Hilfe kommen können, als wenn ich zunächst die Ein- 
wendungen prüfe, die dieser treffliche Kenner der Apokalypse er- 
hoben hat. 

„Wenn der Apokalyptiker sagen wollte: ,hier ist liir die Weisheit 
die Aufgabe, aus der Zahl des Tieres den Namen eines Menschen von 
demselben Zahlenwerte abzuleiten,' warum sagt er das nicht? Warum 
sagt er Start dessen: ,hier ist Tür die Weisheit die Aufgabe, die Zahl 
zu berechnen'?" fragt Vischer. Ja, da steckt es gerade: wenn der 
Apokjilyptiker sagt: „berechne die Zahl des Tieres, denn es ist die Zahl 
eines Menschen," so sagt er damit eben in einer seinen Lesern völlig 
verständHchen Weise das, was ich für die Leser dieser 2^tschrift aller- 
dings etwas breiter ausdrücken zu müssen geglaubt habe. Denn die 
Zahlenspielerei, die dem Apokalyptiker und seinen Lesern ganz geläufig 
war, liegt doch hoffentlich uns allen völlig fem, aber darum dürfen wir 
dem Apokalyptiker doch nicht vorhalten, daß er sich in einer auch tms 
modernen Lesern unmittelbar verständlichen Weise hätte ausdrücken 
sollen, denn er hatte doch seine Gründe, auf uns moderne Leser überhaupt 
nicht zu rechnen. 

Die Behauptung, daß die Berechnung der Zahl des Tieres ohne 
Kenntnis seines Namens, d. h. ohne Kenntnis der Elemente, die zu seiner 
Berechnung nötig sind, eine Unmöglichkeit sei, nennt Vischer eine 
Voraussetzung von mir. Eine Voraussetzung? Ich möchte wissen, was 
dann von Tatsachen, die nicht sinnlich wahraehmbar änd, noch übrig 



266 



P, Cot^s«», Zur Ventäsdigung Über Apolc 13. tS. 



bÜebe? Kann ich mulüplizieren ohne Faktoren, addieren ohne Sumniandeo? 
Nichtsdestoweniger läßt Vischer den Apokalyptiker die Zahl des Tieres 
ohne Kenfttnis seines Namens „hetausrechnen". Denn darauf kommt es 
ihm an: es handelt sich hier um keinen Namen, sondern die Zahl 666 
muß gedeutet werden, wie Irenaeua es tat. nämlich auf die ganze Summe 
der Ungöttlichlceit von Anbeginn der Welt an. Das ist ja ganz scbcte, 
wenn man nur sähe, wiefern unter dieser Annahme die Zahl auf rechne- 
tischem Wege gefunden sei. Ich wenigstens wüßte nicht, -w-ie tnaa die 
Rechnung anzusetzen hätte. Oder wenn einer sich in die Bedeuitinig' 
des Tieres vertiefte und nach Ungern Grübeln herausbrächte : diesem 
Unhold kann nur eine Zahl von so wunderbarer Beschafienheit wie fÄ^ 
entsprechen — hatte er dann etwa diese Zahl „herausgerechnet"? Wenn 
man das aber der deutschen Sprache zum Trotz „rechnen" nennen will, 
so konnte doch der Grieche das nicht mit ijjricpfCtiv ausdrücken. Denn 
was ist i|ir|(pCCetv anders als: die Rechensteine aufeinandersetzen, d. h. 
addieren? Dazu braucht man Summanden und die findet man, wenn 
man diese Tätigkeit auf einen Namen anwenden will, in den Zahler- 
werten der einzelnen den Namen konstituierenden Buchstaben. Also setzt 
das i|jr)cpicäTLU allerdings Kenntnis des Namens voraus. 

Nun kann man fragen: \v'arum gibt denn der Apokalyptiker selbst 
die Zahl an, wenn er verlangt, man solle sie berechnend Darauf UUlt 
sich zweierlei antworten: entweder er setzte den Namen des Tieres bei 
seinen Lesern voraus, dann gab er die Zahl nur noch zu gröüerer 
Sicherheit, oder, was wahrscheinlicher, er tat es nicht und wollte doch 
den Namen selbst nicht aussprechen. Denn das i|ir]q>f£civ war nicht 
etwa Selbstzweck und mochte dabei eine noch viel merkwürdiger 
scheinende Zahl als 666 herauskommen, sondern wenn man den Zahlen- 
wert hatte, so begann erst die eigentliche Aufgabe. Z. B. man gab 
auf; berechne die Zahl von dem Namen öeöc. Resultat cnb. Nun wiid 
weiter gefragt; was also erkennen wir aus dieser Zahl? Antwort; seine 
Weisheit und Heiligkeit, denn die Zahlenwerte von dtciÖöc und äfioc sind 
gleichfalls = mii. So enthält die Aufforderung, die Zahl eines Namens 
zu berechnen, implicite einen Zweck. Welchen? Das sagt in unserem 
Falle der Satz: dipiöpöc fäp ävSpiünou ^ctiv. Wenn es nun einen Men- 
schen gibt, dessen Zahl der Zahl des Tieres gleich ist, so will man doch 
natürlich wissen, wer dieser Mensch ist Also muß man probieren und 
die Zahlenwcrte von den Buchstaben der Namen, die etwa die Probe 
zu verlohnen scheinen, addieren. Nun hatte der, der die Aufgabe stellte, 
nicht nötig, den Namen des Tieres zu sagen, er konnte auch gleich die 



P. Corssen, Zur Verständiguiig über Apok 13, 18. 267 

Zahl selbst nennen. Denn mehr brauchten ja die Leser nicht zu wissen, 
um den Namen des Menschen zu finden. Andererseits ei^ab sich nun 
zugleich die Aufgabe, aus der Zahl 666 auch den Namen des Tieres 
zu berechnen. Auf diese Weise spannte der Apobalyptiker die Wi&- 
begier aufs'^äußerste, indem er die Aufgabe verdoppelte, die mutatis mu- 
tandts die von mir erwähnten Grafßti von Pompeji stellen. Zugleich 
blieb er in dem Stil seines Werkes, der ihm den Namen des Tieres zu 
nennen verbot 

Die Kürze des Ausdrucks aber entspricht durchaus dem üblichen 
Sprachgebrauch, wie der Vers Kocjiäc äxcOu) koI Aüpa t|;r1<p[^:o^al zeig^ 
wo t|)n9fZec6at soviel heilet als durch Addition die Gleichung Kocm^c 
« AOpa (beides— 531) finden. Was in dem Verse als Auflösung ge- 
geben ist, würde als Aufgabe heißen: v^lVicdTW töv dpiO^öv toO öv6- 
^UTOC Koc^äc, wobei man die Lösung durch den Wink äpiOfiöc t^P 
öpTÖvou Tivöc Icnv erleichtem könnte. 

Das Neue, das bei dieser Interpretation herausspringt, ist, daß der 
Apokalyptiker einen Namen sowohl für das Tier wie für den Menschen 
weiß. Das hatte, soviel ich weiß, bisher keiner von den Interpreten 
gesehen, da sie sich das Wesen der Isopsephie nicht gehörig klar ge- 
macht hatten. Wenn man aber diese Basis aus der Wortinterpretation 
nicht gewonnen hat, so kann man auch mit der höheren Interpretation 
nicht weiter kommen. Darum schien es mir der Mühe wert, den Sach- 
verhalt noch einmal klarer und umständlicher auseinanderzusetzen und 
meinen armen Logos so vor weiteren Angriffen womöglich zu schützen, 
damit er an seinem bescheidenen Teile Nutzen zu stiften nicht ge- 
hindert würde. 

Ich bemerke zum Schluß noch dies, daß diese ganze Auseinander- 
setzung völlig unabhängig von der Frage is^ ob Vers 18 ein Zusatz des 
Herausgebers der Apokalypse ist^ was Vischers Meinung zu sein scheint. 
Mag die Apokalypse in ihrer jetzigen Gestalt die Überarbeitung einer 
jüdischen Apokalypse oder eine Verschweißung disparater Elemente sein, 
so werden wir über solche Fragen nicht die Hauptsache vergessen 
dürfen, nämlich was der Bearbdter oder Redaktor oder wie wir uns sonst 
den Herausgeber vorstellen wollen, mit diesem nun einmal so beschaffenen 
Werfte zu seiner Zeit bezweckt hat. Und für diese Frage ist das Ver- 
ständnis von 13, 18 nicht ohne Bedeutung. 

Berlin. P. Corssen. 



268 K. Hoß, Zu den Reiseptänen des Apostels Paulus in Kor I and ir. 



Zu den Reiseptänen des Apostels Paulus in Kor I und IL 

I Kor 16, 5 — J stellt Paulus einen Besuch der korinthischen Gemeinde 
bestimmt in Aussicht (^XeücoMai 6fe TTpöc öjicic Stov MaKcboviav ii^Xöuj ' 
MaKefcoviavfäp Ön^px^MOi. npöc üjiäc öfeTuxövTrapafieviii f) koi TtapaxtiMücu 
tva ii^Cx. ne TTpon^MI"!^^ oö ^^'^ TTOp€iJUj^ar 06 9^Xiu Tdp üpcic dpn 
nöpitttu lötiv* Unitiüu TÖp XPÖvov nvä ^ri^ittvQi Trpäc ü^Sc, 4öv ö Kvpw 
^mipeiiii]). Auf einem Umweg iiber die mazedonischen Gemeinden willerzii' 
längerem, unter Umständen über eiaen ganzen Winter sicli erstreckenden 
Aufenthalt in Korinth eintreffen. DaÜ er die Absicht habe,längere Zeit zu 
verweilen, spricht er ausdrücldich in negativer und positiver Wendung aus. 

Hat der Apostel sein Versprechen eingelöst? Im II Korintherbnef , 
im ersten Teil desselben, c. i — 9, ebenso wie im zweiten, c. 10 — 1; 
nimmt er auf einen der Vergangenheit angehörigen Besuch In Koiinth 
Berug. an den sich für ilin wenig angenehme Erinnerungen Imüpfen cf. 
C. 2, 1: "EKpWB öt ■^MOUTiii TOVTO, TC> MH TTttAlV ^v \vm\ TTpöc ü^flc iXötiv, 
12, 14: i&OÜ tpiTOV TOÖTO iTOiM^C Vi}ii tXQelv Ttpöc vfific, 13, i: Tplrov 
toOto lpxo^at TTpöc £rfiäc, T3i 2: npOEipriKa kqI irpoX^iu liic Trapünr TJ 
^e^JT£pov Kai ÖTrujv vOv, Grammatikalische wie logische Erwagungcr 
fordern nach meinem Dafürhalten die Deutung dieser Stellen auf einen^ 
hinter dem Apostel liegenden zweiten Aufenthalt bei den Korinthem. 

Wie verhält sich nun dieser Aufenthalt zu dem in I Kor 16 vei 
sprochenen? Die Antwort hierauf gibt uns II Kor 1, 13 — 24. In diesea^ 
Versen sucht Paulus einen ihm von den Korintliem gemachten Vorwurf. 
eine briefliche Aussage des Apostels und sein tatsächliches Verhalten 
seien In Widerspruch gestanden, ÄUrückzuweisen (oü Y«P dWa fpäipoticv 
ii^W dXA' Pi ä ÄvaTivtOcKeTC V. I3). V. iS,f. zeigen, daß es sich um einen 
Reiseplan handelt. Seine Absicht, sagt Paulus, sei gewesen, über Korinth 
nach Mazedonien und von dort wieder zurück nach Korinth zu gehen. 
Von diesem Plan habe er allerdings nur den ersten Teil ausgerührt, den 
zweiten habe er fallen gelassen, er sei nicht wieder nach Korinth zurück- 
gekehrt (V. 23: q>£ia6^EV0c &miDv oOk^ti t^XBov etc K6pivGov>. Wenn 
manche die Stelle so deuten, als habe Paulus seinen Reiseplan völlig- 
aufgegeben und sei überhaupt nicht nach Korinth gekommen, so spricht 
dagegen oök^ti. An seiner Stelle müßte oök stehen. Paulus hat die 
Reise tatsächlich angetreten und war ein Mal In Korinth. Dieser Besuch 
aber fällt zusammen mit dem oben genannten, hi Xtjttt;) verlaufenen cf. 
I, 23 und 2, I. Eben damit aber Ist bewiesen, daü dieser zweite Aufent- 
halt des Apostels in Korinth, von dem wir wissen, nicht die Kinlosung 
des in I Kor 16 gegebenen Versprechens war, Er war von Anfang an 



K. Hoß, Zu den ReisepläneD des Apostels Paulus in Kor I und II. 269^ 

nur kurz bemessen (bi' vfiüiv ÖteXOew II Kor l, 16), während jener ver- 
heißene auf länger berechnet war; er erfo^e vor der Reise nach Maze- 
donien, jener sollte nachher erfolgen. Also hat dieser zweite nur halb 
ausgeführte Reiseplan in II Kor 1, 16 mit dem in I Kor 16 genannten 
gar nichts zu schaffen? Dieser Meinung sind, soviel ich sehe, bis jetzt 
alle Erklärer. Paulus habe es für gut befunden, jenen ersten Plan durch 
einen zweiten zu ersetzen und habe diese Änderung seines Programms 
sei es schriftUch im sog, Zwischenbrief — dann darf freilich dieser 
Zwischenbrief nicht in II Kor 10 — 13 gefunden werden, weil ja Paulus 
n Kor 12, 14; 13, I und 2 von seinem zweiten Aufenthalt in Korinth als 
einem zurückliegenden Ereignis redet — sei es auf anderem Wege der 
Gemeinde zu wissen getan. K. Kön^ speziell (Z. w. Th. 1897 S. 523 ff.) 
stellt die Sache so dar: Paulus habe in Korinth anläßlich seines zweiten 
Aufenthalts mündlich versprochen, nach einer Besuchsreisc durch Maze- 
donien wieder zurückzukehren, dieses Versprechen jedoch nicht ein- 
gehalten, und daraufhin sei ihm der in II Kor l, 13 angedeutete Vorwurf 
gemacht worden. Allein gegen ein mündliches Versprechen spricht 
klar das fpäfpoiitv in II Kor 1,13 und Königs Versuche, sich damit ab- 
zufinden, sind als mi&glückt zu bezeichnen. 

Ich glaube, es gibt eine viel einfachere Erklärung. Paulus hatte, 
als er sich zu seinem zweiten Aufenthalt in Korinth anschickte, die feste 
Absicht sein in I Kor 16 gegebenes Versprechen einzulösen bloß mit 
einer kleinen Abänderung: die Verhältnisse in der korinthischen Ge- 
meinde ließen es ihm wünschenswert erscheinen, statt zunächst nach 
Mazedonien zu gehen (so I Kor 16), zuerst einen kurzen Besuch in Korinth 
zu machen und dann nach Klärung der dortigen Lage sein Programm 
von I Kor 16 durchzuführen, also der Reihe nach die mazedonischen 
Gemeinden aufzusuchen, um schließlich zu längerem, eventuell über den 
Winter dauernden Aufenthalt in Korinth sich wieder einzufinden. 

Diese kleine Änderui^ seines ursprünglichen Planes rechtfertigt 
Paulus in II Kor i, 15 (Kai TaiiTtj tQ Tr£iroi9ir|C€i ißouXöfinv irpötepov 
irp6c ö^äc £XdeTv, tva tieuT^pav X<ipiv cxrJTe). Das npÖTepoviipöc O^fic 
bildet eben den Gegensatz zu seiner ursprünglichen Absicht, zuerst nach 
Mazedonien zu gehen und fteurlpa xÄp>c» ein^ zweite Freudenerweisung 
nennt er diesen Besuch neben dem ihnen programmgemäß zugedachten 
längeren Verweilen. Aus diesem letzteren ist nun freilich nichts ge- 
worden. Die Erfahrungen, die der Apostel bei seinem vorübergehenden 
Aufenthalt in Korinth machte, bestimmten ihn, entweder schon hier auf 
die weitere Durchführung seines Reiseprogranuns zu verzichten imd direkt 



270 fC. Ho i, Zu dem 'ReiscplSscii des Apostels Purins Ib 'KW I u84 Tl. 

nach Ephesus zurückzukehren oder aber, Kwar nach Mazedonien ni 
gehen, vön dort aber nicht mehr zurück oacb Korinth. Letzterea ist 
mir wahrscheinlicher. Denn im erateren Fall würde doch Paulus den 
Korinthem direkt gesagt haben, daß er es vorzielic, unter solchen Um- 
ständen seinen eigentlichen Plan nicht einzuhalten. Paulus hat wohl in 
Mazedonien auf die Wirkungen seines Auftretens in Korinth gewartet 
Und erst, wie ungünstige Nachrichten kamen und er erkannte, daß ein 
Zurückkeliren dorthin nur Ol ins Feuer gießen würde, laut er mit Rijck- 
sicht auf die Korinther (qpti&önevoc ümJüv H Kor i, 23) den letzten Tal 
seines Frogrimms fallen, olme jedoch die Gemeinde davon zu benacb- 
licEitigen, und reist nach Ephesus eurück. Dali die dem Apostel feind- 
lichen Elemente in Korinth daraus sofort einen Wortbruch, eine Ver- 
letzung des ihnen in I Kor 16 gegebenen schriftlichen Versprechens ge- 
macht haben, ist begreiflich. 

Also wir haben in I Kor 16 und 11 Kor i nicht zwei zu verschiedenea 
Zeiten gefaüte und bei verschiedenen Gelege nlieiten den Korinthem mit- 
geteilte Reiseplane, sondern ein und denselben nur mit einer kleinen Er- 
weiterung in II Kor 1. 

Tubingen, K. Hoss. 

m Ein Andreasbrtef im Neuen Testament? 

Nach der Doctrina Addaei (Cureton, Documents 32 -= Lag-arde, Re- 
Uquiae syriace 41, graece 94) überlieferten die Apostel ihren Nachfolgern 
„auch was Jakobus von Jerusalem schrieb, und Symeon von der Stadt 
Rom, und Johannes von Ephesus, und Markus au9 dem groi^n Ale- 
xandria, und Andreas aus Phrygien, und Lukas aus Macedonien, 
und Judas Thomas aus Indien; daß die Briefe der Apostel angenommen 
und gelesen würden in der Kirche an jedem Ort, wo gelesen werden die 
Triumphe ihrer Taten, die Lukas schrieb, daß dadurch bekannt werden die 
Apostel und Profeten (Variante: Profctcn und Apostel) und das Alte und 
das Neue Testament, daß eine Wahrheit verkündigt werde bei allen". 

I Daß unter dem, wasjudas Thomas aus Indien schrieb, nur unser Judas- 
brief gemeint sein könne, hat schon Zahn bemerkt (Forschungen 6. 347). 
Nach dem Zusammenhang ist auch das, was Andreas aus Phrygioi 
schrieb, ein Brief unseres Kanons. Welcher ist gemeint? Der zweite Petrus- 
brief? oder der Hebräerbrief? oder wie ist die Angabe sonst zu erklaren?' 
Maulbronn. Eb. Nestle. 

■ » Wordiworth, Mioütiy ot Gmee (2^^ ed. 1903 p. 44) schreibis In 114» Jjjt 



Eb. Nestle, Sykophanda im biblischea Griechisch. 271 

Sykophantia im biblischen Griechisch. 

Oskar Holtzmann übersetzt im Leben Jesu Lc ig^ 8: „Und wenn 
ich irgend einen in etwas heimtückisch zur Anzeige brachte, so 
gebe ich es vierfach wieder" und bemerkt dazu der Ausdruck nvöc n 
£cuKO<pävTnca bezieht sich auf den Nachweis zollpflichtiger Waren. 

Da war Luthers „betrügen" oder Weizsäckers „übernehmen" besser. 
Das Wort kommt ja 3, 14 noch einmal vor in der Mahnung an die 
Soldaten ^T]b£va tiiaceicTiTe fixibi cuKO(pavTncTiTE. Luther: „Tut niemand 
Gewalt noch Unrecht," mit der Randbemerkung: „Gewalt ist öffentlicher 
Frevel, Unrecht wenn man mit bösen Tücken dem andern sein Recht 
verdrückt und seine Sache verkehrt." Weizsäcker: „Beunruhigt niemanden, 
erpresset von niemand;" ebenso die englische RV neither exact any- 
thtng wrongfuUy, indem sie das accuse any one falsely der AV nur 
noch am Rande auffuhrt. 

Im biblischen Griechisch heißt cuKoq)OVT€lv einfach bedrücken (acc. 
der Person), erpressen (acc. der Sache). In der Septuaginta findet sich 
das Verbum, das persönliche und sachliche Substantiv (cuKOtpavT&t, 
-«pdVTnc, -lia) fünfzehnmal und entspricht fast ausschließlich der Wurzel 
ptfy. Ebenso findet sich cuKotpavrtiv und -rla etwa vierzigma! bei Aquila, 
Symmachus und Theodotion, und zwar wiederum überall für p9fy. Ja, 
so sehr entsprechen sich diese zwei Ausdrücke im Griechischen und 
Semitischen, daß auch der syrische Übersetzer des Eusebius KG 3, 23 
in der bekannten Geschichte von Johannes und dem Jüngling XPi'lM'^i 
o{6)iEvoc i3tt€P oiiK {Xaße cuK0<pavTeTc6ai durch pB^ wiedergibt 
Ebenso ist es in der syrischen Hexapla. Die syrischen Übersetzungen 
des NTs haben in Lc 3 gleichfalls pB'Vi in Lc 19 wechseln sie zwischen 
1^3 (berauben; syt^ "" f"*'^) und 0^ (ve^ewaltigen, syH^'O. Schon die 
Konstruktion tiv6c ti hätte Holtzmann abhalten sollen zu übersetzen: 
einen in etwas zur Anzeige bringen. 

Es wäre interessant zu wissen, ob die Papyrusfunde neue Belege 
fiir das Wort brachten. Einen sehr interessanten kenne ich aus den 
Tebtunis Papyri I No. 43 Z. 26. 36, wo cuKO(pavT£iv und biacetEtv, 
cuKoq)avT[a und ftiaceicfiöc neben einander stehen wie Lc 3. In einer 
Bittschrift an Euergetes H. vom Jahre 118 bittet Menches, der Komo- 
grammateus von Kerkeosiris, die Majestäten, dafür zu sorgen til^nujc 

Matthew, Jude and Paul aie omitted, while Andrew and Judas Tbomas are indnded — 
the two latter being no doubt represented by apocrypbal writings. Von Jadas vird dal 
nicht gelten; ob von Andreas? 



2/2 Eb. Nestle, Sykophaotu im bibLGriech. — Der süHe Gemch des Geistes. 



TrapevoxXr)6üifi€v tir[bi. . . . cuxo^avTTiOiEi^Ev &uxce<cc>icM£vufv . . . ibc oObdc 
Av diiKT] .... cuKocpavTiac tc koI biaacfioG xi^Piv- Die Herausgeber über- 
setzen be subject to false accusation and extortion . . . that no acts 
of injustice are done for the sake of calumny and extorsion. Trotz- 
dem wird es für das biblische Griechisch bei der Bedeutung erpressen 
bleiben. 

Maulbronn. Eb. Nestle. 

Der süsse Geruch als Erweis des Geistes. 

Weinel führt im 6. Kapitel seines Buchs über die Wirkungen des 
Geistes und der Geister (S. igöflf.), in welchem er die Wirkungen des 
Geistes auf dem Gebiet des Geschmackes, Geruches und Tastsinns zu- 
sammenstellt, aus dem Gebiet des Genichssinnes nur die zwei Berichte 
beim Tod des Polykarp und der Märtyrer von Lyon an ; nicht, daß „die 
Lehre Addai's" das Erscheinen einer ic\iii i\bfüa schon auf das erste 
Pfii^stfest verlegte. Während Petrus noch redete heißt es dort (Reliquiae 
iuris ecclesiastici antiquissimae graece ed. Lagarde S. 93), und seine Ge- 
nossen damit tröstet, daß Jesus das Kommen des Parakleten ihnen für 
die Zeit verheißen, da er zum Vater gegangen sein werde, was nach 
dieser Schrift (nicht schon am 40sten Tag, sondern) eben am Pfingsttag 
geschah (Sonntag den 14. Juli 342 der Griechen); 

9ujvi^ Kpuqpta ^Koöcörj aÖTOic Kol 6cnf\ f]büa, iivr\ oöca tüi köc- 
(icij, TTpoc^TTECEV aÜToTc Kai T^öiccai irupöc ^eTa£ll rnc ipujvnc kqi 
Ti^c öcpiic Korlßncav Ik toC oöpavoO in' aüroüc kqI xariXucav £9* 
?va Jkoctov aÜTÜtv u. s. w. 

Es lassen sich zweifellos noch wettere Belege für diese Anschauuni^ 
finden; hier will ich mich mit diesem Hinweis auf eine Quelle begnügen, 
die in unsem neutestamentüchen Kommentaren zu AG l und 2 mnnes 
Wissens nirgends citiert wird. 

Ein weiteres Zeugnis für die Vorstellung, dal& ein besonderer Wohl- 
geruch die (aegenwart des Geistes anzeige, findet sich in Kapitel 47 der 
„Biene" des Salomo von Basra, das vom Herabkommen des Geistes 
auf die Apostel handelt (ed. Budge p. 102): „Es erschien über dem Kopf 
eines jeden (etwas) wie Feuerzungen und es wehte von dort ein 
süßer Geruch aus, welcher alle Wohlgerüche der Welt übertraf." 

Maulbronn. Eb. Nestle. 



*i. S, 19a] 



uicD der Thomasakten. 2^3 



o 



r Thomasakten, 

seUt und eTkliit 

sung von G. Hoffinann in KieL 

t der Bitte an den Verfasser des 

erial zur Eoiendation und Erklärung 

stellen. Antwort war der Aufsatz, 

:r Zeitschrift: ebenso dankbar sein 



ied des Apostels Judas lliomas 
im I<ande der Inder. 

ich als ganz kleines Kind 
Reiche meines Vaterhauses wohnte 
am Reichtum und der Pracht 
nCo4 wÜIm «<xlaä»f " inemer Emeher mich ergötzte, 

^1|>J0 ^Aj^ ^ 3 schickten mich meine Eltern aus dem 

Osten, unserer Heimat, 
fajo}*^ wjialt etej mit einer Wegzehrung fort; 

f^J^twA] t|la:L ^o 4 aus dem Reichtum unsers Schatzhauses 

]|aoap t^ *V^i ('^ banden sie mir natürlich' eine Bürde. 

J^d^Coo <.*et IJLs^p 5 Sie war groß, aber (so) leich^ 

Ay^j^ wföASkt, Vt\ ^^ ich allein sie tragen könnte: 

>«:^.^^L.at ...ot laotj 6 Gold vom Geierlande,* 

V^\ fti^ JiaitJJBO Silber vom großen Ga(n)zak, 



Ib fAx* Cod, corr. G. Moffmum | ^i»j^Aa Cod., coit. G. Hoflmann. 

3« IL«L^« Cod. 

4b fAtl Cod., corr. G. Hoffmann. 6s li\t Cod., cott. Noeldelc«. 



* Ictuc, Tdxo: wie dch bei «uenn Keichtnm Tcnteht, entfprechend. Die Bedentimg 
^dum" irt unsjtiMch. * Güia, Hftrqnmit, Enniahr p. 125. 

Z«ittchr. t. d. DcntcH. ^u. Jahfi. IV. igoj. lg 



374 



G. Hoffmana, Zwei Hymnen der Thomasaktcn, 



e^« ^ lf(^*«o 7 Chalcedocle auF Indien, 
. ^" A K*3 «L^LöB^o Schillernde (Opale?) t/rs lyt^sanrciclm. 
d»d30Jt.a oJaA>X« 8 Sie gürteten nüch mit Diamant, 






der Eisen ritrt. 

Sie zogen mir das Strahl an (kleid)* aus.» 
das sie in ihrerLiebe mir gemacht hatt«^ 
und meinen Purpurrock,» [wai-,* 

der meiner Statur angemessen geweU 

und machten mit mir einen Vertrag* 
und schrieben ihn mir in mein Hcn.' 
ihn nicht zu vergessen: 
^Ijie a;j^ lai^ ^1» la Wenn du nach Äg>'pten htnabsteigsl 

iKiJL^ja^ ^VrfLo und die Perle bringst, 
A»; a^^ «-I^-ir -« 13 die im Meere ist, [den Schlange. 

lL,.cp \*Q^^ -^wo*^ in der Umgebung der (Gin;- )schnituben- 
^K.ö(j^ w.ä "*'S l 14 sollst du dein Strahlenkletd anzieht! 
%Miv <M;N,\T y^>y^g und deinen Rock, der üb«r ihr ruht. 
^U -f^^l ;»^© 15 und mit deinem Bruder, unserni Zweiten, 
löA, yi,nA\^'% l^ Frbe in unserm Königreich tferdtn. 

l &>* ' « i l^fJp '■t^sf' '* ^'^^ verlieU den Osten und zog hinab 
. w lA- a '^\ ..^v ^ mit zwei Postboten,* 

)i^o ^Lmt \JMX\ 17 da der Weg gerährlich und schwierig, 
6t-.tjJäX Üt ;^ji. JEto da ich (noch) jung war, ihn lu reis 
^X» >*yQ.«l L^iLi. i8 ich schritt über die Gretizen von MaL^n, 
Imj^» "t^L o6j dem Sammelpunlrt der Kaufleute des 

Ostens 






7 Uatct im Cod. «*■ SuiS ^a; LaE«&^» •<«■ •■4*0»«« ; corr. G. Hoffmxnn. 

7b •ak«U>» VVriglit ti-liMqOniLi'L'ä-daires, ga 11«^*^ Ccd., corr. WrigM. 

iüb «wi^l Cod., forr. N&ldirk« | Xrtr »tr. C, HofTminn. 

15b JL%u Cod-jürcth G.H.,L«L>Wright. Iv^tCod. i6b ^A««ba Cod.. corr. Neeldc^l 

18 b — Ti^^t ^*l Cod., corr. C. HöiTitiHAn- 

> dg. du Untere. ■ Po nete Jeso«, er habe lein Kleid •= KSrper, den er H 

der Höbe vor sein« Herabknnft getragen, an det Grente des Z41K11 Mysterionr« 

«tn, (de* Mesrtil's), abgelegt: PistLs S^)p^li4 io,!!; 11,5; 7<'8- 8.1. 

J togc ^ iLoimiv nutiiraÜtcr divina chnsliana cf. 5-6. 

4 Tuiun BlalulBBi [a lumen) duxit me ad infernomi vrfngt Pislii SopW« 43,25, 
' Vgl. sS- * Bcvan: pir-wSnltlii. Die BricftraErr fiTTipol ■= *Tf f^O^ kennen 
Haaijonea. weil sie da FegelmiCiß: verkehren. 

7 l,»ndschaft, Reich), keine Sladl ^* genannt, gemeint wohl Forith-Uatl^B. 




t 



G. Hoffmano, Zwei Hymnen der Thomasaktea 



275 






KbL 



h.«4t ^^aJ »VB^t ■-^■^'^ 

■-' '■> ;^ etlf^i^o 27 



und gelangte ins Land Babel 
und trat in die Mauern von Sarbiig.' 
Ich stieg rurder hinab in Ägypten 
und meineBegleitertrenntensichvonmir. 

Ich ging gradeswegs zur Schlange 
(und) ließ mich um ihr Gasthaus* nieder, 
(um), während sie schlummern und schla- 
di'g Perle zu nehmen. [fcn würde. 

Da ich einer und ganz einsam war. 
war ich den Mitbewohnern meines Gast- 
hauses fremd. 
Auch einen verwandten Edelmann 
aus dem Osten sah ich dort, 
einen schönen lieblichen Jüngling. 
Sohn Gesalbter. 3 Er kam mir anzuhangen 
und ich machte ihn zu meinem Umgang, 
OT^wTrOTGefährten.dem ich mein Geschäft 

mitteilte. 
Ich [Erf\ warnte ihn [mic/[f\ vor Ä^yfiien 
und der Berührung der Besudelten. 

Ich kleidete mich wie sie, [weil ich mtc/if] 

damit sie mich nicht beargwöhnten,^ daß 

ich von außen gekommen wäre. 



32b «IM« Str. r>, FTofTiDEinn { _tiUA.„,^M^ Cod., corr. G. Hoffmann, 
3411 ;^\ Cod., eorr. G. HalTmann. 24b I ■ '■'■i*- Cod., corr. G. proflTmann. 
ad Lu«A Cod., corr. G. HcfTmann cf. 35, | Beva.n. niiaint nach L^iAJ* HnröLigerncUe 
eine Locke ■vavi iwei Hslbversen »n. | Ajuä Cod., corr. G. Iloffmann. 
371^ Jt^jH Cäd., carr. G. HofTuann. 

aSa lUvja Cad. Oder Li<j> ^ ikfiBii? mit ^1? G, Koffmann. 
agt «4i«,.>ju Cod., corr. G. KoffmAiiTi (cf. Noeldelte, Gramm, % 188). 

I Nicht ^urippak 5. Jensen, Seliraders KeilscKr. BiW. 6,1, p. 48r. wgL JJl. ^uripptk 
1^ an der Mündung des Enphrat ins Meer. 

■ Aocti di« Schlange ist als Gast rorgeslellt, als Reisenilef im Na.chl([nartier, als 
Bclnreifender Tcafi?! {Hiob), Ni>ch Apoc ap.a ist iJie SchUtige Satanas, a. a. in Ptrgimos 
2,13, besonders a.ber in der Stat1t(RoTn) tronend [3,2.4. l6,io. welche ita\elTa» wveujia- 
fHiitiC r4bo)Jtt leai Alfw^TOC 11.8, Tobit 8,3. 

j «- Köni^iohn ^=^ Chrisrfiiti-us. [0<!er: Christin? vgl ScMuß.] 

4 w,Li«t3.cu woh! das Urspr., dainus zunächst iaj«.u>u „ßr fremd hiell^n", dann 
•kLjvtoA« für (häßlich) iinaiistindig hielten. Mein canssa: nasbru-öC'> niakkiü-SW. 

18* 





37Ö 



C Hoffmanii. Zwei HjmmBD der Thomasaklen. 



fV"'2^'^ 6i*ÄJs{i ^ die PcHe za nehmen. 
i>> 1.4.;^ . '»U^o und gegen mich die Schlange ttecktnt. 

Xtü^ä^ ^ '«-^^ -^' ^'^ irgend welcher Uisache [wäre, 

^oi^^ ^ bwöät tf; "*;^ ractktensic.daü ich nicht ihr Landsmann 

-1^ \';^'-^ ■-■•"■^ ^^^..0 3^ iindteUtC[t(mischten)niirmitihreaListco 

ipffltKSöjJ.-» .-\ r^-^>^} l .sJ ja gaben mir zu kosten ilire Speise; [mit, 

}X J7>-y v^T t^^q i3 und ich vergaß, daß ich ein Konigs&obn 

^Q^l ^■'■■v^> ^_:^^ und diente ihrem König.* [wai, 

iKJLi^ i^'Tk K *a>^c j4 Ich vergaß die Perle. [hatten. 

nach der mich meine £ltem geschickt 

J5 Durch die Schwere ihrer Nahrung* 

sank ich in ttefen Schlaf. 



vjoi^ ~Ju^ ä» ^ ^j 






AÜes dieses, das mir zustieÜ, 
bcmerictea meine Eltern und hatten 
Kummer um mich, 
^oJ&^jaa ft^{<> 37 EswurdeinunsermKömgreich verkündet. 
buu ^i^:^ «aiX&i Jedennann solle an uosem Hof reisen, 
oUa *^!^ i^Nap l^ die Konige und Häupter von Pafthau 
jLMjfM s-iäie'j ■'^.Äo und alle Gro&en des Ostens, [über mich, 
iup^! i-^h^ Oi^^ 3'i Sit faulen (zusammen) den RaCschlut, 
AaKij Jjl ^{jüaf ich dürfe nicht in Ägypten gelassen 

Werden, 
I^*^( *^ oaKso '*" und schiiebca mir einen Brief, 
«.j^I 6ö okUA aS *^^o und jeder Große unterschrieb darin 
seinen Namen: 



3ob ■^■»WM» Cod., GOfT. G. Hoitmuin. jib iia voi %\ ilr. G. HoffataaB. 

33« K.«^ Cwl 54» ^V.^« Coi-, coFT. G, Hoffmaim. 

35« I«*«Aa« Oxl, GOFT. C. HofTiaann | »^••*»^t Cod. corr. Nodddte. 

3Sb fäi llkAOft^ 361 ,;d«^ x^-^ -1-^ Cod.. cocT. G. Hobiuin. 

39a *rA-** CwL, corr. C. UvSmun. 39b «^IjiAa M] C<kL, con. G. H< 

40b ai] V^mt Cod., cotr. Nocldeke. 







I dem Teofel, dei Sü&de, MUeric- 

* Tpo«^ K^<>i«v Piilis Sophia Ii6,i3i Tp04p^ wie tii»\ bidtcu die 8710 fftr itues 
nnrsL TpoqHii ist uucti voll] onprängliclicc als Tpuqxit. wie dei Kopte m Pistü *i* Ti*'ri 
>77>SS Mhrtibt Du Kind, schwach ui KtATt, an Stele, sa dem Geistea^flcB •\i-ri|iMMil 
W(fi(jaToc (Aolage lur Saude] and aa Körpec: cdit e Tpu7>atc köqiov df>x«^vxwv «1 VUCt 
coUigit ubi e p^pei V^Xl^^ <I°*' [ncc] in TpuqKtic, et dvTtMifiov wtOpOTM « yi^sx K^rioc 
<j«4e in Tpucpok «iiu^iLG ^mOu^luu et ((i;>}ia qucx^uc coUigil nbi OXqv wan atcddamoo» 
qvac in Tpuipatc u. viele» andre. Iren. adv. hactec 13,19,3. 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen dei Tbomasakten^ 



277 



r 



^'Sm y!^ joaj ^ 41 „Von deinem Vater, dfitn König der 

Könige,' 
iuJ^ If-oi y»Jo „und deiner Mutter, der Herrscherin* des 

Ostens 

^j^lL ya_i.r ^o 4a „und von deinem Bruder unserm Zweiten 

jH | N.^ srJtMS'i ^^ Ji. «Dir unserm Sohn in Ägypten Gruß. 

^lA Ä y^ po^ yoj 43 „Efwach undsteliaufvondeinemSchlaf,' 

■ Aw.. . lt^i( )lvi? „verntmm die Worte unscrs Briefes; 

baj !, •*>>> > t^j !otJk.U 44 „erinaeredicli,*dalidueinKönigsohnbist, 

^ ^■>,q. « V pw j->.v „jjj „sieh wem du (in) Knechtschaft gedient 

hast, 
I^-Ö^j,^»^ öf-jw^ 45 „Gedenke der Perle, 
l.;»^^; -j ^OtN. ^ ^x> j „wegenwelcherdunachÄgyptenreistestj 

^fik.ötpk ö^u^fL^ 46 „erinnere dich deines Strahlenkleides,' 
l^^i^ üi^^w^^-^J^o ..gedenke deines prächtigen Rockes, 

&o-^jL?o uA2kXlf 47 „[sie] anzuzichn und als Schmuck an- 
zulegen, 
\\j> y^M. l \ > -••- tämaj „au/ daß im Buche der Helden' dein 

Name gelesen werde 

^.^ j fl ■^°-"i V^° ** „unddumitdeinemBruder.unsermThron- 

\6\X y\A. K ^ y\'s Vy. ,.£"r*ftnunscrmReichewerdcj-/."[folger' 

-o( ILw^i iiW^io 49 Der Brief ist ein Brief, [siegelte 

»&jk> '*i]-v>--i jA^Mf den der Konig mit seiner Rechten ver- 

^^AÄ iMiiä I4-Ä ^ so vor den BÖsen, den Kindern Babels 
i^oTii-Opj I^'r^o to^^o und den empörerischen Dämonen von 
. * " ' " Sarbög. 



43 a )■«,*■ Cod., corr. G. HafTniann | ^ + G. HofTmann. 

479 LaLI* Cod., eo-rr. C. HoETiäajin. 47b _i^Ll CaA., cott. C. Häffmätin. 

48» Q.f ^^? Wright. Oller; w'mm Tiuk'' pessl'ribban G, HofTmann. 

48b t««l ^Lau^jka. ^M^Cod-.corr.G. Iloffmann. 49a Cod. _I»,^la, corr. G.HofTm. 

4{)b iriilwa Cod., corr. C llofl'inBnn. 

50b t^fj» Cod., corr. Kaeldeke et G. HofTmnnn. 

» xTim 6,15. Apoc Joh 19,16 hci&t »o Chiiilui. 

3 TOm Vfltet, Heiligen Geist, ChtiKui Si&hn, J Apoc Joh 3,2 f. * Apoc Joh 3,5. 
i Tgl. Apoc Joh 2A- 5 'o viK^Itv dCtwc -nepißa^ElTai ^v iMarloic XEUxaTc. Ksl oi> 
|ij| ^EoXeIiijiu tA Qvoiia afiToD ^k -liic ßf^Aou Tf|t £u)f|c, 

' richtig; nicht „dei Lebens", wus dahinter geTqcjpt ist S. Antn. 5 nnd lu Apoc 

Joh ao,ia. — In das Buch dct Lebens kommen die Alhleica im ETUigelium Plütipp 4,3. 
; nachineiDer Etymologie bei Gressmann, Shidien iu Eii»ebp^70 v^äQ A<j^l!* ibtoL — • 
ILoA^ J£a Ad^ dem (sta erg.] du Las der Kö'nigswüide verbiii£l (a^^) ist; die Wort- 
stellung nach grieehii^eh HXiqpavö^oc. 



: 




>7» 



G. HaffmaBtt, Zwü UyiitBeB der Tliomasskten. 



eU^^f "^J^^o iS,NA-> 53 

L}iKa{ ^tju::». 6»^A^f 

• • I . j j> 



Jmj,v> b.f*Xvt M^No 



£r flog in Gestalt des Adlers^ 
des Königs alles Gefieders,* 

flog und lieB sich nieder neben mir 
und wurde ganz Rede. 

Bei seiner Stimme und der Sdmme säaa 

Klotzt 
erwachte ich und stand auf von meinea 

nahm ihn mir* und küU'te ihn, 
laste sein Siegel und las. 

Gaiu wie in meircm Herren geschrie- 
ben stand, ^ 
wa«ft die Worte meines Briefes gc- 

schriebea 

Tchgedachte,daÜicheinKonigS5ohnwire 
und (daß) mein Adel seine A'ii/tt/- heischte; 

ich gedachte der Perle, fward- 

wegen deren ich nachÄgj-pten geschickt 
und begann ku bezaubern s [Schlange. 
die schreckliche und (Gift) schnaubende 
Ich brachte ae in Schlummer und Schlaf, 
indem kh den N^neas meines Vaters 
über ihr erwähnte. 
den Namen unsere Zweiten [Osteas,' 
und meiner Mutter, der Königin des 



51b 4^1 Cod. 5JB n* nj Cod., cati. C>. HofiimuvD. 

54a H^ «Jd. G. KoETmuin. Sfb *lw^ Cod., ooir. — 

3Ja. D. k. dai>Mebbar>Ii]). Co<L «^X^* C. Koffmu;n. 

57b watff ? G. Hoßnuna. S9b Cod. M — «i^^. coit. G. Hoffmann. 



* Adlci wegen der ScbncIÜEkcit (aS«m Iti3. Klage! ^itji) als Briefbote, als erfai- 
beatler Vogel, Apoc Buucb syr. 77*^11- Näher: Boicneayel ils Adler Apac Joi 5,15 
d«ToA ittTOfi^vau ^v (iccgupQvrittaT) ilialicb d«ai Att^^v iCGTi:(ievov £v pccouptm^ 
liaTl mit detn ewiges EvangeltQia 14.&- Adler «v Käuig vgU Ei 17. \ni mcoo- 
f^'»ntia fUcg«n übdhjjpt die Vigd hpan 19,17. ' VgL iib. 

1 Vgl zCor 3.2 f. Der Vertrag- Text tu meinem H«ien cämmce mit dem des Briefei 
eberein: Vertrag d. h. n"U A.N.T.: AnCeidem metspbjnbch aof die anima b-aturaliui 
Uuiat. 10. 56. 1 oder bi«d mich n. A, schickte [niGtri c). 

i TMOkctaX. bildlich oacb An der Schlaagenbetcbwörer; doch ist ucbt *iUfes«bL4«Ka. 
da^ <lcr blv&ca Ncunuag dei „Namen*', wie sonst in d«T Cnosis, iaa.gijclic Wtrkssg 
LciKemcHcn vruide. <' D. b. Vater, Sobo und beiligci Geist (f.J (Acbui»otb?>. 



K 



Ib^J-^^jo^ ö(&.a^5-u 6i erhaschte die Perle [mich m wenden, 
*-ai t..^:x JL^atj ^^^<''> und kehrte um nach meinem Vaterhause 

(Jdol^o !Jj vpot> nS^ 63 f/ir sclimutziges und unreines Kleid 
Apoifljo otJ^^os^ ^^-'X^ zog ich aus, ließ es in ihrem Lande 
{^f -^A^jt^aS. 4i^j}t ^3 und richtete meine Reise daß ich käme 
^AiyM «Js^> ijotolX zum Lichte unarer Heimat dem Osten, 
^ ^ ..ijj. svt — Ijpj^llo 64 Meinen Brief, der mich erweckte, 
^- '■ * ^ / jL^fot^ u^tJ> fand ich vor mir auf dem Wege:* 

«jlt*i.( oC^Asf 65 ihn, //rr mit seiner Stimme mich geweckt 

hatte, 
I^ia^ >i^ öfioicLks AoL mich wieder mit seinemLichte leitend;* 
stiO;NiTi-t l^-^i ^6 auf chinesisch (Fapierl) mit Rotel (ge- 
schrieben),* 
J'! a'Mi ötio-La ■■■>"; f^ vor mir mit seinem Aussehn glänzend, 
«laifä» ''^.Aas 67 mit der SHmmf säner Führerschaft 
]X.~s^^ .^l'O^öii ^al wiederum meine Angst ermutigend 
c^ 'r-'iis^ bt^&A^e 63 und mich mit seiner Liebe ziehend. 
^^■ '^ i mS etl;.^^, bsAäJ 69 Ich zog hinaus, kam durch Sarbüg, 
wilfcäimS '^»^^i^ Nijrt > ließ Babylonlen* zu meiner Linkent 
\h^\ , ^ i. w\ ^-^o 70 und gelangte zur grollen [Stadt sjMaisän, 
iip^Li \pot Uvi t 'y* . dem Hafen der Kaufieute. 
o6ii IjojJ öt^zk^^; 71 der am Ufer des Meeres Uegft. 
bwöoi IkÄ.\a,» i^öfj^Q 71 Mein Strahlenkleid, das ich ausgezogen 

hatte 

Jly ^^tf o^t Mi^^^^a und meinen Rock, mit welchem es um- 

legt war, 



61*. di&.a^_utt Cod., corr. G. HofTmann, 62a \^«A«a^« Cod., corr. G. HofTmann. 
6zb «ituhAAA Cod>, corr. G. HoiTüiaüii. 63a ^Lil* Cod-, corr. G. Hnffm ana. 

fij» ^1 stf. G. HoffmiLin | v.!*'^' Coit,, corr. Wiight. 
67 a Alft^iata» ii^^BA» Cod., corr. C. Haffmano. 
(,% Bc^raa nimmt LQckc eines HalbTcisei tod 63 an. Cod. *^. 
71 m;.^^^« Cod., ccrr. Wright. | l^lLi Cod., corr. G. HofTmann. | Nach ^\ nimmt 
Ij^von Lücke von einem Halbvera an. 

7aK .&w«^« (b. RuLd _L«i«b.) Cod., „oder hltudrilr*" G. HofTmaDn. 

> Dal Folgende ist von „fi.n<l" abhängig. 

1 vgL die Rducii- (DoDDer-) und Feüeniule ror lEiael in der Wüste, 

3 Wichtig! Vgl. Kuabacek, Das arabische ?a.picii ^=- -^ •■ |-~ 

4 die PosWOule, der Landweg, ging jedenfalls westlich vom Euphrat. WeilB Sarbüg 
4i« Stade Babel ist, bleibt BnbyloiiicQ erst fädwsrtf linJu. 

5 Wohl Forat P etat h -Mais an. 




R HgfhlfrtB, Zwri Hytimeii äer ThaB ia sa l tte B. 



r-«" 



btoi^ .ä^i ^^ 

V.1m u\.ti^-> f { 6C^ 77 

^I OMf l^ t^I ^{Lf So 
•^a»a ]a^( JA^ip •*-! r^f 



schickten mirvon denHöbenl 
dorthin meioe Eltern 
vennittcis ihrer Scbatzmexster, 
die wegen ihrer Waluiiafügkcft äiait 

betraut vaies. 
Ohne mich' meines Ranges za 
weil mnn€ Kindheit ■> es in 



Vaterhause gdassen h afty. 

schien mir plötzlich sobald iclj sozxx 

ansichtig wcnk. 

das Strahlenkkid meinem SfM^d* >i 

ich sah esganzinmir Gaozem fsi^ä^ 
und ward in Ihm auch meiner gaac a^ 

dal^ wir zwei warea in Geschiedeafcü 
und wieder eins in einerlei Gestall;* 
auch sah ich ebenso, daü tfie Sdua- 
die es mir gebracht hatten, rmeästn. 
zwei wären von einerlei Gestalt, 
weil ihnen dasselbe [„ein"] Zeichen ao- 
gezeichnet war des Königs. 
der mir durch sie die EJtre, 
das Pf and^ meine s%fLX^^sX3xais TOniffcgat\ 



73a ^*, Bevu. I 75* |t* Cod., ^tut, G. HoBi&unii. 

75b k*L«h:MU( Cod., corr. G. Hoffmane. 76a lA* Cod., corr. G. Ho^^i^ 

;6b W-^i G. HelTmuin, M«a^ Cod. LmAV S^Ludi^? | Ma, Bna». 
77« *- — Cod., M corr. G. tloffnianii. 77b V«j^ Cod. 

81 % Nach. Kai Ancbltouv mäi ti^i^^v corr. G. HoffrauiD. | «i^ ***t _%%^ f, Cod., 
eotr. «4al|? Wrieht. 8t b ««t*rJ^ -ll«ä.a ..ü^«^ Cod., corr. G. H ag»-^^ 



* Hitffikcb alsA ichOD seil der paittii^cliea Zelt als ElbiUx mit Um^ lif r« t^jt} j^ 

Aicila glcich£c*ettt, mit dem Dombdvuid. Wukin: Marqiun. Enosaitr 7z. 

■ Obgleich ich winc kgL Wude und eigentliche Bedcatiins Tcrgeuen luitc^ exkaaaK 
I«k nddt •ofoit in üun wieder. J Subjekt. 

4 VgL 2KaT3,i8 lAvoKactüiutipfvifi «pocilnnfi n^ &6Eav nipiou KaTQ-KrpiCöncToi 

3 Den cQkic und d« (Ma nach eiits. indiridaalitu Ttnchicdcn, fiMouLfasmi bIihhk 

* iltia ^^'-»1^ Die S«cl« vom Hiuuel icbeidisd Ii£t iht«n anf hnmn » Rcäch- 
■ (Uealceabh] dort alt Pfand lor^ck, welcttea «e dsrclt ibra AAcit «n iSe P *r:» 
f Kidn aatlSat 



G, Hoffmano, Zwei Hymnen der Th omasalEten. 



2St 



\ 



t£Buafiif ^)La^o 85 
w ' ^i -^'& j' •»4I Kti**a SS 



das Strahle nldeid, (geschmückt war: 
das mit prachtigen glänzenden Farben 
mit Gold und Beryllen, [len?) 

mit Chalcedonen und schillernden (Opa^ 
und verschiedenfarbigen Sardoner.' 
Auch war es gemäß seine r(himmlischen) 
Erhabenheit angefertigt 
und mit Demantsteinen 
all seine Gelenke festgesteckt; ' 
das Bild des Königs der Könige 
war ihm vollständig überall aufgemalt 
und es (rein) wie Saphirstein ^ 
"wiederum in seinen Höhen bunt gewirkt. 
Ich sah ferner, überall an ihm 
die Bewegungen w/ciWrrGnosis wimmeln 
und sah auch, dal^ es sich 
wie zum Reden anschickte. 
Den Klang seiner Melodien vernahm ich, 
die eswäJinyjd s einer /:/em6i^u/t/i]ispeltci 
„Ich gehöre dem hurtigsten* Diener an, 
für äen man mich vor meinem Vater 

aufzog 
und ich gewahrte auch [wuchs." 

wie meine Statur wie (=mit}seinc Werke 
Und mit seinen königlichens Bewegungen 
ergieÜt es sich ganz zu mir hin 



8za wiwwi^. Cod., corr. O. Hoffmann, 

äzb )i«;^; Cod., corr. C. HofTniuin. | l&^j» Cftd^ coir. G. HofTmuiii („oiIm ^j*!«"}: 
I^&AM Noeldeke. 

Sfa L>a)iM« Cod., corr. Wright | Jlo^^Cod., ceiT. G. HoffniuiiL 

Söb %i G. H., ..^ Cod. ^h.»» tu»*^ Cod., ton. G. H. 

S8b ft>^^ Cod., corr. G. H. iKvw Wrieht. 

89 a <•%> 4- G. HofTm&ni). 90 b -^-t^ ■-■f^ Cöä., tan. G. ^lofitcuin. 

91 a «^ (■■ UofTmatin, «w Cod. | ItSL^^} Naeldeke. 

gaa »^5J« Cod., corr. G. HoiTmann. 

■ UnierBtSrharheit, Unsterblichkeit der ld«e <1«t Seele, vo(i6)ievav. 

> El 1,26. Ei 34.10- 3 MaimigTiiltigkcit des gättliclien Weiens. 

< Eere[twillig und geschickt. Vgl K(imoi Hnl KTIW Brandt, Rcl. d. Mand. p. IJ. 

S = gattlichen. 



3*3 



C HaKm»hm, tw^ Hi 



»ri^rl 



M tmA ^L 



A.^ 



tka^^l «w*^ iv**i» 



daß >cfa CS 
und aock nidt 
uaicntgeguiEB, 

UiMitclislzcdaei 
schotikdctc Bkfa 

uad zogmeäK* 
ToibtiD(% ober aiA. 
Damit hrfcViiitr k^ 



:] 



ttt^mn läCkA "a^l^^ z.m Tore (Hofe) (fer 



Öc« 









■ oo 



Ich bückte flftbft tiftopt 

den .Ghsc"' des VaScxsw (fer 

(das Kkid) 
dessen Gebote ich 



und der semenetts getan, wxs ^ vcr- 



t^mii l^if^ tei Am Tore (Hc4e) 



fe«^ 






veHcehite ich mit setoen Gn^lcBt 
der mich freud^ attfriaK«^ 
uad ich war Ott ihm ' in seaDcs 
den all seiae Diener (Si^datea) 
mit Wasser-OrBelstimmco» prcäcn:] 



t)b l».l**t« Cod., an. a. IMbnaan. 
yta «^ Cod., oder «f. 

y9fc «^ C*4« C0R. WrifbL lot » .«•;«** ? Wrig^ 

101 b ■—■11 p^ Cod. "•> G. Hoffmm&B. 

f0}B |mt«t rtBMlMl (— öbpBwX&my [Zdod». C AisTT. XVn. Ui. KkA 
« iiHh» Wart, ui IwdtAb« «ktstcIU. 



tat •■oft lif^iKi» olMiv (Am ncac JerosaleaX «b' ^ Urx*« sfrciVc: tA jp^fmi. 
1 VfL Mt SCmbc CluMi m. der Eagel Apoc Mjf- I9.>& ^ J« $t.t& 55, 




G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 2S3 

|^i&:^f w^^.^f 104 dafür daß er versprochen hatte, 

V^k^£ \4>^ *^i^ ^^ *^h ^ii ^1^ ^°f ^^^ Königs der 

Könige reisen 
w&Ml^ap ^(&aao 105 und bei Darbringwig meiner Perle 
\hJt\ ^*\f \ ai,:ä;^ mit ihm (vor) unserm Konig erscheinen 

sollte. 



IL 
Über das Lied von der Seele. 

Ursprung der Allegorie: Matth 13,46.' 

1. Die Perle = Himmelreich ist metaphysisch-psychologisch auf- 
gefaßt, die (platonische) Idee der concreten auf Erden weilenden Seele s. 
p. 23Ö. 

2. Die Eltern: der König — Gott-Vater; die Mutter -Königin ^ 
der heilige Geist, fem., leicht entwickelt aus der Zeugung Jesu im Leibe 
der Maria vgl Apoc I2,if. Ihr erstgebomer Sohn, daher nächster 
Erbe, „Zweiter" „unser Tronberechtiger" (^a-fXj» s. Übers. 48), Christus- 
Auf den Namen Gesalbter spielt „Sohn der Gesalbten — Königssohn" 
an: V. 26. 

3. Christus hei&t „Erbe am Königreich", Er reist nicht mit der 
Seele und wird ausdrücklich von ihr (als der Menschenseele) unterschieden 
V. 15, die sein Bruder ist; zumal am Schluß, wo er v. 99 „Abglanz des 
Vaters", Vertreter des Königs der Könige — « Gottes ist, d. h. ein nur im 
Himmel sichtbarer Gott, während Gott Vater unsichtbar bleibt: die Seele 
tritt 105 mit Gott Sjhn-Abglanz vor den Vater, aber sieht nur den 
Sohn. Letzterer ist es, der das Himmelreich versprochen hat und es 
dem ErftUler der Bedingungen seiner Gebote [als Richter] verieiht 
Während der Vertragschluß am Anfang v. 1 1 (mehr anthropomorphisch) 
den Eltern der Seele, alsa Gatt Vater, beigelegt wird, wird am Ende 
der praktische Verkehr mit der verklärten Seele dem Mittler „Abglanz 
des Vaters" zugeschrieben, und dieser als sinnliche Erscheinung mit 
<:lem Vater verschmolzen, aber individualiter oder abstract von ihm 



104a »t*'^'* Cod., corr. G. Hoffmann. | a«1 itr. G. Hoffmaan. 

104b «M^ >tr. G. Hafftnann. 105 a ^ - ■ i^' *■■** auaftJtt« Cod., coir. G. Hoffinann. 






getrennt. Auch in Pistis Sophia cd Schwänze 131.13. verscfamifatJesB 
in der Endzeit mit dem Ineflabilis in Bezug AufGnosis vgl. 12,1a 199,11- 

4. Die Trennung wird gedacht offenbar nach der Theorie der Dopp^- 
existeiu aller Seelen- und Geiste rindividua. ^vclchc v. 76(f, verraten wird' 
Dem Verhältnis Gott -Vater ru Gott-Sohn -Abglanz entspricht es, wenn ikf 
Seele auf Erden ihre platonische Idee im und vom Himrnel gegenüber tritt. 
Himmel und Erde bedingt:n ihre Trennung, aber ihr Kern ist von iden- 
tischer Gestalt. Analog äst das Verhältnis der paulinlschen vuxn ^ 
des Trv€0^a, und man darf nicht an die Fravarti denken. Aber dff 
platonische Einfluß zeigt sich an der Hervorhebung „der Erinneniog' 
(ivdifiVT]cic (v. 75 vgl. 56. 44f.), die plötzlich geschieht. Vgl, Pistis Sophii 
43,12: hier sagt die Glaubensweisheit: Abstulere m«um liimen mihi et mu 
vis exäniit. ObÜta sum mei Mvcnipfou quo functa äum ab inttio etu 
Unwissenheit des Kindes = Vergessen 1J?,2S Plato's poculum obUvioois 
240,19 und sonst S. Iren. adv. haer. 2,33. 2 vgl. r. Das UrMd dci 
Seele im Himmel wächst parallel der Seele auf Erden 91. 92. Vgl. den 
Anhang p. 288. 

5. In der Allegorie ist die Seinssate der Seele vertreten du 
Ik^ar), das Strahle nUeid, ein Ausdruck für die allgemein göttliche begiitT- 
liche Lichtsubstanz, mit welcher sittliche Reinheit und Heiligkeit zusammea- 
föUt. Dazu ist Vorbild nicht bioü {U9f]c) UuKr; im N. T. überhaupt, 
sondern insbesondere in der Apoc joh i,$. 18. 4,4 i^ÜTtov. 6,1 r, 7,91 14 
Mvov oder ßijtcivov Kaflapov Xofntpöv 15.6; 19,8. 14, vgl. auDerdem Ps 
104,2. 4 (LXX 103)." Es dient als Unterlage Tür die aufsitzende Purpur- 

* DiciC Pyiyci* yhi unierslütrt cfureli »ndere Motive, wie: rechts und links bctchuiu 
= überall. Di« Utrii'i aU Wichlei (der Jorilnnc, als die l,ichtlnil'cn[;el Sümai nnd Nidbu, 
ygl. die 7 «ap9^vöi töü (pwric), ftnier Adaras SchuHengel, trel«n doppelt auf, wie die 
reileaden Gcnsdarmen in Ilalies. Brandl, Ret, dci Mui<däeT p. 31. 

' Von da ber sp^ielt i^(irlov, Evtiu|ia eine groOe RoJIe in der gnoGtischen T« 
logie- E^ vertistt die AüH'cn- und Ericlieinuiigiseitcn ä. h. die mehr linken Seilen 
Lichtes, die bestimmicn Kliiscn seiner Rdnbeit und wird ScHulikleid. wenn ein KleiJ uu 
höhereTn Licht über eins der niedrigeren Gestalt g-cacgen islj Pisiis Sophia. "Ev^mifl 
leistet fQr tlie Intlivid-uen idsssclle -wie itcpiTrEfdicfiaTci tÜT die Räume lö,30. 24. Dalici 
das man^däische l«liD= l^dTiow N.T., lunicbs! ^ LichtkUsse, donn aJs groCcs Ersiet 
WKB, Icuriweg b|ull »JdB, (wie Erstes MyKeilon in Rslis Sophia) LicLtperson: Brsndt, 
Muiid. Ret. p. 19 Schriften p. HS und aft. Folgeiichtig iiuch Mänä's der Dunkelheit 
(Gog und Magog) Rel- p. 214, ebenso Pi&tls Saphii 6g,i6. Aach imTer Anderen Vr'ontn 
sind Gtanzkleidei hiulig: Brandt, Mand, ScEiriftcti tl. 14- 15, 19- ^2. 56. 57. 77 g. 9^ 
203 unten. WeLC« Kleider wie die der »cMVn d. h. der Klasse irw p ^^17 p, Si. 

Ahslicb ist du VerLiJlnis <^cr Bedeutung van irapacrdTnc Beistand Adjatvii 
der Lächle man aiionen (als Königen), sofern ein solcher bei der Sammlung der Uebt- 
dcmenle aus der Hyle den Fürsten se|per Licbllil^sf^ helfen £oU: fasuJig 
Soplüa — Jawu- miKnK Brandt, KcL 3t. 



wie die ' 
:ilen 0^^ 




I 
I 



I 



tüga, wie der Holiepriesterephod auf dem iiB«n ^'J?D, nur daß dieser 
Hock als weisser ^3 gedacht ist. Beide Gewänder bilden eine Einheit. 
Daher steht v. SzC lit^mi allein fiir beide, die Toga g?. Der Farben- 
gegensatz königlicher Gewänder blauer und roter Purpur, Karmin, auf 
(weissem) Byssos, entlehnt aus Esther 8, 15. 2Chron 2,13. 3,14. 5,12 kommt 
zwar für die große Babel f\ Tf.p^.^tß\J\^^iVT\ ßuccivov Kai xopipupoöv kqI 
v6kkivov Apoc Joh I8,i6 vor; aber die Verbindung zweier Gewander wie 
hiei (vgl. Apoc ig,8) scheint in der Apoc nicht vorzukommen: Christus 
trägt einen roten Mantel 19,13, aber Sein Rock wird nicht genannt. — 
Die zwei ^vinJjiaTa, welche der zum 'AppuTOc wieder aufsteigende Christus 
(wieder) anziehen wird — abgesehen von seinem dritten der Hyle an- 
gepaßten Kleid Fistis Sophia I0,I2. 75,9. 74,26fl". 81.27. 34,7. — sind die 
beiden Seiten des Urwesens 12,25 X'^P'HMOTa duo Ineflabilis 139,11 intro- 
spicientis et prospicientis 140,17 der alten platonischen Dichotomie Sein: 
Werden entsprechend — Vater und Sohn vgl. 14,14. 29,5. 16. 17, oder auch 
eine erkennbare Seite gegen die unerkennbare, die selbst nach vollendeter 
Gnosis Christi und seiner Reichserben unerkennbar übrig bleibt 146fr. 
Was von Christus gilt, gilt von seinen Erlösten zur Endzeit Auf der 
Toga sind wie auf dem Ephod die Edelsteine angebracht. Diese wie 
der Purpur drücken nach ihrer Menge, denn sie haben das Mall des 
geistigen Wuchses ro vgl. 92, den individuellen Grad der Teilnalime an 
göttlicher Herrlichkeit aus, der auf dem Verdienst (den Werken) beruht, 
das sich die Seele auf Erden erwirbt, ihren Schatz im Himmel, den sie 
auf Erden sammelt ek 9<Öv it\ovt«JV Luk 12,21. iTimiöjiS, genannt 
Reichtum titoa. — Wesen senvciterung. Da alles Lichte auf Erden seinen 
coirelativen Urquell und Idee im Himmel hat, wird KVilV vgl. ttJHB bei 
den Mandäern zu Engeln. Vgl. Apoc Jo 3,18. Rom 11,33. Ephes 3,9- 
Kol 2,3. Vgl. z. B. Brandt, Mand. Schrift, p. 13.' Durch die Ansammlung 
der Verdienste auf Erden wachst gleichsam das zurückgelassene Schmuck- 
kleid und heißt daher Reichtumsniederlegpjng, Unterpfand: 81. 9if. Man 
unterscheide : 

a) Dem irdisch-psychischen Wesen [alswie der ästhetischen Seele] 
entspriclit ihr Reisevorrat' v. 3 ff-, ihre angebome himmlische Mitgift, 
auch als „Weisheit" mit Edelmetallen und Edelsteinen verglichen (Hiob 28). 
Schon sie ist mit Diamant, der Eisen zerreibt, gegürtet^ d. h. ihr 
Dasei n zusammengehalten, d. h. nur teilweise unzerstörbar (d<p6apc(a): 
■ JeQ (1. kier p. 388) ist topoKoSopa des Mäldiitedek PS 228,31. 223,18. oZop Koflopa 
mnu "WM. ■ Reisezchrun^Es gute Werke bei den Mundiem: Bruidi, M. ^ctirift. 

p. 37 vgl. 74. 3 Die GörliinE etinncri an den Lichlgurt der Mandäer — all ftf 



^'ändernde Gast« nnf dieser Erde. 




ae 



C. Haf/mann, Zwei Hymnen d« ThAnmsaktcn, 



£is«n auf Erden kann ihr Leben nicht vernichten. Vielleicht ist ba 
diesem dtiäpoc dessen Beziehung auf 'A&a^ac-Adam, den dpxövOpumK 
den v\öc toö övSpiüirou, den himmlischen Chnstus der Naasscncr rar- 
ausgesetzt: Hippol>-t Phil V,6 p. -95, g6. 1O4. 1O5 ausgedruckt bei Hilgeo- 1 
feld, Die Ketxergesch. des Urchristenthums 18S4 412 f. Note. vgl. Adalcasl 
hier p. 291. Derselbe ulöc toö d-vSpiIiiTOir ist der Ulhrä Enös der Mandäo 
im Gegensatz lum historischen hytischcn Nebü \Rihä: Brandt. Mand. 
Schriften p. 93. 9Ö. DemantmatJem hat dort die himmlische Stadt: p. iz 
In jenem Reisevorrat, insbesondere diesem unzerstörbaren Teil, ver- 
steckt sich auch das Zeichen der Abstammung, die Freiheit v, 56.24. näm- 
lich von der hylischen Moira und Heimarraene; die Freiheit, die nad 
der Durchsetzung ihrer Natur strebt, in deren Begriff liegt die Fähigkeit 
und die Ljst zu wachsen: incrementum ad Aetemum, Pistis Sophia ijjja 

b) Im Himmel (84. 87) trägt das ideale Ccrrelat (voiirritöv) ein pneu- 
matisches Kleid, analog dem ersten, aber gesteigert: alle seine Gelenlre 
sind demanten, d. h. die sich mit ihrem Urbild deckende Seele ist ganz 
und gar unvergänglich. Sie ist in allen Teilen Ebenbild der Gottheit, 
1 Kor 15.49. Sie ist Aojikov. Die Gedanken der irdischen Seele jifld 
dieselben wie der himmüsclien v. 88, ihre Bewegung ist königlich, rührt 
unmittelbar von Gott, dem voöc, dem irvjöMO, her. 

c) „Perle" heißt nun keinesivegs der bei der Geburt vom Himmel 
empfangene Lichtfunke — dessen Anfangs zustande der psychische Reise- 
Vorrat entspricht — sondern, da dieser kraft seiner Freiheit (vgl. b) ikh'vg 
ist zu wachsen, während er sich in fremder hylischer Umgebung befindet, 
das Ziel dieses Wachstums, die Vollendung setner Persönlichkeit (Seele), 
die Gerechtheit Rir das Himmelreich, dem die Perle gleicht (Matth 13-461. 
Diese Gest.iltung der Perle hindert die Schlange = Hyle, Sic kann ihr 
nicht rasch und sofort entrissen werden 21; denn jene schläft nicht und 
zeigt ihre Macht, die der Macht des Himmela ursprünglich ebenbürtig 
ist, deren UnebenbÜrtigkeit die Gnosis zu erklären wünsch^ aber doch 
nicht erklärt 

Die Seele muß sich anstrengen und ihre Freiheit gebrauchen 47 /-X- 
92 |m^. Sie braucht sie zwar sogleich (29) in treuer Verfolgung ihres Zieles, 
wendet aber (aus Irrtum) ein falsches Mittel an: sokralische Lehre. In 
dem Wahne, sie könne unerkannt sich und die Perle aus der Hyle heraus- 
bringen, will sie sich hylisch verkleiden und nur scheinbar hylischc 
Sitten annehmen. Wer aber den bequemen Weg der Hj le wandelt und 
sich ihrem Sinne anpaßt, den überwältigt .sie: die himmlische und die 
irdische Natur sind unverträglich. Weil sie dies nicht gewulit hat. 



r 



I 



I 



erliegt die junge Seele und bedarf erst der Offenbarung: via crucis est 
via salutis (47. 92), welches Weges Anfang dnäTiicc£c9ai tüj kocmu) ist. 
Erst die Offenbarung, eine Frucht vom Baume der Erkenntnis, gibt dem 
Kinde die volle Reife und Verantwortung. Die Gnosis setzt voraus, daß 
in dem höchsten Prinzip der Drang nach Seliglteit liegt, deren Befriedi- 
gung durch die Tätigkeit der Selbsterkenntnis, d.is Hervortreten aus 
sich selber und das Offenbaren, erlangt wird. Pistis Sophia 141,2g. Da- 
her die Erreichung s*ijier Seligkeit der Zweck des Alls sei; 199,14. 
Diese himmlische Genußsucht ist der irdischen wesensverwandt; Lust 
dort und Lust hier bleibt Lust; aber letztere geht auf nahehegende Tetl- 
■zide, während die erste auf ferne, ewige und allumfassende SdigkeiL 
Daher beruht der Siindenfall auf der Unreife intellektuelfer Entwickelung, 
auf Misverständnis, auf Verwechslung des Abbildes der Begierde im 
Hylischen mit ihrem Urbild im Lichten. So bei der Achamoth: Pistis 
Sophia p. 32,9f 33,22. Die Ziele irdischen Glücks sind Wech^elbälge, 
die der Teufel Authades dem Seligkeitsdrange unterschiebt und dieser 
primitive Drang selbst, als Affekt der irdischen sinnlichen Psyche, fclgUch 
gefesselt an den Bereich der Heimarmene PS 186,17. I"7i23. 213,11. 
214,16. 215, 23f., heißt dvTimnov -rrvEÜiuaTOC — Nachahmer des Pneuma — 
dessen Beseitigung die Hauptaufgabe des Erlösers ist 188,25 T; ein Aus- 
druck, der die Sache in die Gattung des Pneuma stellt. 

d) Aber auch sofern auf Erden die Seele einen sichtbaren Leib 
trägt, werden im Liede deren zwei unterschieden, entsprechend dem 
reinen Leib, der ein Tempel Gottes ist. i^iuxucöv cili}i.a im Gegensatz 
zum xoiKÖv (iiXiKÖv) und der cöp£ vgl. iKor 15 etc. Denn als psychisches 
Soma scheint gedacht werden zu müssen v. 27. 28, der der Seele vom 
Himmel her venvandte liebliche Jüngling, der Bar-msihe = Bar malkS 
heißt, d. h. di\inus christianus, der der Seele eng verbunden bleibt, den 
sie gern um sich hat und den sie vcr Berührung mit der Besudelung 
durch die Erdmenschen hütet, obgleich sie gleichzeitig durch Anpassung 
an die x^'i^O' Gefahr läuft, sich eine CQpE anzuschaffen. Jener Jüngling, 
d. h. das c<jj\ia t['uxiköv nimmt Teil an der Aufgatte auf Erden, dem Perlen- 
handel, weil die sttUiche Aufgabe sich wesentlich auf den Leib bezieht. 
Für diese Deutung spricht namentlich, daß bei ihr die Erwähnung des 
Jünglings den Zusammenhang nicht unterbricht und man begreift, warum 
weiter nicht von ihm die Rede ist. Ähnliches über die Entwickelung 
der zusammengesetzten Natur eines anfangs unschuldigen Menschenkindes 
bis zur Sünde berichtet ausführlich Pistis Sopliia 177,21 ff. Vgl. p. 276 N. 2. 
Beiandter Lesart traf e die Seete auf einen Christen d.h.die Kircht alsWarner 




G. HoffmanQ, Zwei Hymncai der ThoaiasaktCD. 



6. Bemerkenswert ist, daß die Seele auf Erden sonst nicht durch einen 
Begleiter — Chriatus auf Erden — sondern nuf durch den Brief," d.L 
die Offenbarun|;sschrift unterstützt wird, auch die Erscheinung Christi 
auf Erden sonst nicht erwähnt wird. Der Verf. setzt diese als vergsnga 
voraus und schildert die Schicksale einer jeden gläubigen Seele bh 
christlichen Zelt. Auf ihre Verlassenheit (v. 23) in dieser Welt wendet 
Pistis Sophia 45.4 den Ps 102.7 ^^■ 

7, Das Postbotenpaar und das Schatzmeisterpaar — nach S 4 jt 
einer — vertreten Engel: der Pqstbotc als Kindeshüter wohl den Engel 
der Liebe-Bamiherzigkeit-Erwählung; der Schatzmeister -Verwalter der 
guten Werke, Überbringer des versprochenen Lohnes, als Vergelter, dca 
Engel der Gerechtigkeit "= Treue und Wahrhaftigkeit v. 74. Apoc 
Joh I9,ir. [,S; i.14. " 

Aobane zu p. aS6b. 

Der Gegensatz von Urbild und Abbild = Spiegelbild wiederholt sich 
auch in der Entstehung der npopoXai: Abatur kam (nach Genza r I58»I9 
bei Brandt Rel. p. 52) in jene Welt, sah sein Antlitz im schwanen 
Wasser 1— Chaos) und sein Bild und Sohn wurde ihm aus dem 
schwarzen Wasser gebildet. Dieser Abatür 1U1M3« ist eine Abkürzung 
desKaXatraTaupuj© in Pistis Sopliia22l,9. d.h.fl111Pn 2|5^g «die Stimme des 
Vaters (■= Hüters) der Gesetze, Beiname Jahwes des Gottes des Himmels 
als GcsctzofTenbarers. Dieser Jahwe tritt in PS als Kalapatauroth'^ 
Vater Jcü auf, bei den Mandaern als Jösamin (J6 des Himmels). Jeü als 
Gott des A. T. wurde ein verhaltnismät^ig niedrigerer Engel (62,4), du 
trriCKOTtoc des Lichts I22f. 123,12.24,28,31. 62,4. 224. 227. ssS, der di£ 
Archonten der Heimarmene von Anbeginn geordnet hat, rn ihren 
Schranken hält und das Licht der höh&ren Regionen in den niedrigeren 
schützt. Die alte Weltordnung Jeü's wird der Cliristus des N, T., in der 
Endzeit umwandeln 24^25 f. 23,27. Während der Obere Christus und seine 
Glcichwerte im Fleroma dem Ersten Leben der Maudaer entspricht, ist 
J6jamin das Zweite Leben, d. h. das fiicow zwischen dem FirmameiU 

unddem höchsten Lichtraum, Brandt,Rel.d. Man d.p.3i.'lauj der große Hegti- 
inenos ^lcou wird von seinem Doppelgänger Jeu in PS 1 23,24 unterschieden. 
Abätür wie KaXairoiTaupujÖ stehen eine Stufe tiefer. Letzterer ist dprtuv 
super (TiJua-i-r [Skemmut, SchwarfcEc] in quo est pes Jeu, ist also, nach 
Matth 5,35, beim üronöitov. Erde, zu suchen. Abätür ist das Dritte 
Leben (Brandt, Rel. p. 57,1). Er bewachte die Bücher, die Jeü dem 
Enoch vom Baum der Erkenntnis und des Lebens geofienbart hatte 
I Vgl, den bekehrenden „Brief d« Lebens u» Piihil; Brandt, Muid. ReL p, u. 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 



28g 



auf dem Berge Ararat vor der Sintflut und vor neidischen Archonten. 
155,1. 7. Abätür im Genza ist der richtende Gott des A.T., er steht 
der Wägung der Verdienste vor (Brandt, Rel. 75), in der Steo Matarta, 
wie Jeü rächender Strafgott ist PS 60,4, 62^ der die Frechheit der 
Diener des Authades (Teufels) mit Finsternis straft. Apatauröth scheint 
zu den Dienern Jeü's (irapaXnMnrai, Empfänger reinen Lichtes) 209,7. ^4» 
oder drreXoi Jeu'a, des „Ersten Menschen" (Archanthropos) 208,30 zu 
gehören, welche den Drachen, das als Ringmeer wie der Okeanos ge- 
dachte „Schwarze Wasser" der Mandäer, die HöUe, in Schranken halten 
und die daraus geretteten lichtseelen geleitend einander aushändigen, 
bis sie durch Jeä's Barmherzigknt in den Mittelort (Äther) gelangen, wo 
die Lichtscheidenden (richtenden) 7 Jungfrauen des Lichts sie mit der 
Lichttaufe versehen. Vielleicht bedeutet cpöuott den Horizont, wo der 
Himmel auf den Styx-Okeanos aufstoßt, die TW^ des Gesetzgebers 
vom Sinai Ex 19. 20. Vgl. Mand. Schrift, p. 9,3. 

Tiefer als Abätür steht sein Sohn Ftahil, dessen Schöpfungswerke 
b« Brandt, Rel, 52 fr. offenbar nach Genes i gedichtet sind. ^MinD 
heiHt Jahwe, sofern er den Mund zum Schaffen öffnet Vgl. Mand. 
Schrift. 13 med. 



m. 

Zur aUegorischett Geographie. 

Der Weg der Seele ftihrt vom (i.) Himmel, als Gottessitz, durch (2.) 
das Firmament zur (3.) Erde. 

Durch diese Dreiteilung, die der Dreiteilung der Seele entspricht, 
wird der Weg bestimmt, nicht genau durch den Sonnenlauf. 

Nord Oattmbtxg -tIko« t«> •kfp^^w» 

HrAaoini 



ErfJlSS:^!. ''•" 



Kounoi 




OH lacBi ncdiautü 



SOd HailJn 

Im Liede ist Osten und Norden nicht ausdrücklich unterschieden, 
aber in der Orientierung das System vorau^esetzt, nach welchem das 

Zaitachr. f. d. MDKN. mu. Jahff.IT. 1903. Iq 



2^0 



G. Horrniann, Zwei HyomcB der Thomasakt« 



Plcroma im Nord von dem übcrweltlichen Mitteloit gesondert wird: die 
Dreiteilung: Erde, Firmament, Himmel zusammen — Kosmos wtetlcilKll 
sich im Ganzen im Kosmos-Äther-Pleroma, 

I. Die Berge von Hyrkanien (Werqän) = Elburz — Hara berezaiti 
mit dem Dumbäwend fand Verf. als Götterberg im Norden vor und vede^e 
dahin d«ö Sitz Gottes, als möglichst weit ab von der Sonncnsphare ^ 
Osten, wie im Buch Henoch 18,7.8, also auf Mittemacht zu: Ebendfir; 
thront der Lichtkönig der Mandaer, Brandt, Rel. p. 69. 41 u. s. v. Aber 
mm b'egt nicht wie bei diesen das Reich der Finsternis im Süden, 
sondern, nach dem Lichtkreis im Osten gerichtet, liegt im Westen die 
Erde als Ort der Finsternis == Materie. So Gott Hormizd gegen Teufd 
Ahriman = Schlange; Ost: West — Osten: Ägypten. — Das „Firma- 
ment" ab Mitte zwischen Himmel und Erde fiel nach Süden = Maisin, 
zugleich an's Meer = der Tehöm rabbä der Bibel, dem Himmelsnieei; 
Atmosphäre. Auch war in Maisän zur parthischen Zeit die eroüe See- 
handelsstadt Forat Perät'' Maisän, gelegen etwas oberhalb des heuüecn 
Ba:5ra [= des mittelaherlichcn kXaa« Obolla], diesem gegenüber am linken 
Ufer des Schatt e!-'Arab [Euting, Nab. Inschr. 103,3); ^vm ist Obolla oder 
Spasinu Charax Vogu^ Nab. Inschr. 54. 6 gemeint, während die Stadt Babel 
damals unbedeutend war. Für einen Pcrlenhandler paßte Maisin beson- 
ders noch deshalb, weit die Perlen von Bahrain = Mäsmahig [der Name 
„Bohnenfisch" bedeutet wohl die Pcrlenschneckc] kamen, also Maisän 
dafijr natürlicher Stapelort war. So wurde die Schilderung der baby- 
lonischen Kaufmannsstadt, zuletzt Apoc Job 18,12, auf dieses übertragca 
Fiel Maisän als Südpunkt in^s Firmament als Mittelort, so fielBaby- 
lonien hinein als Sitz der Stemgötter, der Planeten. Diese sind mit den 
von Gott abgefallenen „empörerischen Dämonen" v, 50 gemeint Vgl 
Hi4,i8, 25,5, zunächst aber auch Apoc Joh 18,2 KoroiKtiTiipiov öqihövujv. 
Also Maisän-Babel vertritt den Zodiakus, als Geistergötzenland, Weil 
die babylonischen Götzen der Jahwereligion gefährlich waren, treten ^e 
in ihrer Wirkung auf die Menschen als Mitbewerber Gottes auf, Gotl 
schützt daher vor ihnen seine Religion bezw. Offenbarung, bezw die 
Heilige Schrift Apoc Joh 14,6 -= den Brief, mit welcher er die der irdi- 
schen Sünde verfallende Seele zur Besinnung .tuf ihren Ursprung und 
ihre Aufgabe, das verlassene Reich (die vom Hinmiel gefallene Perie) 
d. h. ihr verlassenes Idealwesen wieder 2u gewinnen, erweckt und 
der ihr Geleitsbrief auf der Rückreise wird {65 f), durch sein göttliches 
Siegel V. 49, das auch Apoc Joh 7,3. 9 die weißgekleideten Frommen 
schüttt. Schutz vor den Archonten etc. durch Cippa-pöec ist ailgeaici 



:■□ 



G. Hoffmann, Zwei Hymoen der Thomasaktcn. 29I 



in Fistis Sophia. Weil diese Dämonen-Geister ihrer Natur nach mäch' 
tiger als menschliche Seelen sind, sind letztere, solange noch jung und 
unerfahren, ihnen allein nicht gewachsen (17); darum begleiten die Seele 
zwei „Postboten" von der Grenze Maiään's gegen Ost (den Himmel) bis 
an die Grenze Ägyptens (der Erde). Nur ähnlich ist es, wenn bei den 
Mandäem der nach dem xäTiu Xpicröc ^ovOTevf)c gebildete .Einsame 
junge Knabe' Räbja Talja Lehdäjä auf seiner Ltchtmission in der Welt 
der Finsternis oder der Paradis-(Perijövis)strÖme von dem Parwänljä 
AdakasManä d.h. dem Adam Kasjä, verborgenen A-, geleitet wird: Brandt, 
Rel. d. Mand. 30. 56. 37 1. Zeile. Dieser untere Monogenes stammt von einem 
höheren, dieser weiterhin von der KrDID^J demlJchtstromtropfen, d. h. dem 
Lichtsamen im Leibe derJungfrauMaria;vgl.Iren.adv.haer. 2,19, der Barbelo 
verwandt. Auf Erden hat die Seele allein zu kämpfen, (geleitet nur durch 
den Oifenbamngsbrief). Die Postboten bleiben als Geister im Geisterreich, 
das mit dem Firmament endet, also anders als die beiden Zeugen Christi 
Apoc Joh 1 1,3. 8, die Region ihres Lichtgrades nicht überschreitend. 
Markiert wird das Firmament in der Geographie dadurch, daß das 
Strahlenkleid und der Htmmelspurpur vor Maisan abgelegt und dort an 
der Grenze des Himmelreiches wieder angezogen wird. Auf der anderen 
Seite ist erst Ägypten als Erde ein deutlicher Wohnsitz von Menschen 
-= Ägypter — (in Maisän gab es nur Dämonen) — und durch die 
Begebenheiten als gewöhnlicher Aufenthalt der Menschenseelen gekenn- 
zeichnet. Vgl. Apoc Joh 11,8. Diese wohnen da nur vorübergehend in 
Gasthäusern; vielleicht die Schlange deshalb auch, weil sie als gefallener 
Engel angesehen ist, s. Anm. 2 zu v. 21b. Wenn nach v. 12. 13 die 
von der Schlange (Sünde) bewachte Perle im Meer in Ägypten sich 
befindet, so paßt das Meer i, als natürlicher und ursprünglicher Sitz der 
Perle in der Muschel; 2. als Sitz der Seeschlange Am 9,3; 3. leicht als 
Emblem Ägyptens am l^iH; 4. als Vertreter der Hyle, als des finstem 
Urstoffs des Tehom nach Gen 1,2, woher auch „das Schwarze Wasser" 
der Mandäer (Brandt, Rel. 65. 70. 34. 35; Note p. 34). Das Hylemeer 
als platonisches Nichtsein, aller Bestimmtheit bar, empfangt seine Ge- 
stalten aus der Ideenwelt des Lichts. Sein Wasser gerinnt dadurch, 
daß es vom Feuer, das aus dem licht stammt, zu Staub getrocknet 
wird, der wie Käselab KWDD wirkt: Brandt, Mand. Rel. p. 35. 53.52, 
vgl. Pistis Sophia 43,26. 

D*lW*Tß aus D'TJD nach Gen 2,lo Paradieshauptstrom, Paradies-jordan 
u. s. w. Brandt, Mand. ReL p. 68,f ; 30. M. Schrift. 138. Das überirdische 
Paradies — bei Valentin ein Erzengel, der in der 4ten Sphäre, also in 

19« 



292 G. Hoffmann, Zwo HrnmcD der Tbomasakten. 

der Mitte der 7, wohnt, beißt als Sammelort der Frommen KCtPD tPXü, 
d. h. derer voo aufierordentlicher, wunderbarer Wabrhaftigkek. De» 
Pleroma an Reinbeit am nächsten, war es der Ort, der bei der %■^ 
gelung des Pleroma im Chaosraum zuerst gerann: Brandt, Mand. Rd 
P- 30; 53. V^ bei den Nestorianern dem irdischen Paradies ak Ort 
der Fnsmmen vor der Endzeit, eine Hölle für die Sünder angehängt ist 
( Assem. R 0. 3^, 342 f.), so haben die Mandäer ein HöUenparadies, welches 
sie auch DIMTTi'O nennen. Für Per mit Anspielung auf HTß (der 
höchsten Frucht vom Baum der Erkenntnis), ist lil'O eingesetzt, ^nd, 
ats Süd- und Negeriand (vgl. Brandt, M. Ret p. 60), weil das Glut- und 
Finstedieim im Süden liegt p. 69 f 

kann nicht Surippak des Gilgamesepos sein, weil dieses am wahr- 
scheinlichsten an der Mündung des Euphrat in's Meer lag, wo wahr- 
scheinlich die Arche vom Stapel gelassen ward. Vgl. Schrader, K. 
Bibt. 6,1 p. 23t Z. II und 31; Jensen p.481. 

Da es nicht wahrscheinlich ist, daß das Firmament eine andere 
geographische Vertretung als Maisän-Babylonien hat und wegen des 
Gegensatzes Land Babel und Mauern SarbAg's — sowie, weil im ent- 
gegengesetzten Falle die Stadt Babel überhaupt ausfiele, während sie 
doch in der Bibel Sitz der Chaldäetgötzen und bis Apoc Jo 18,2 der 
unreinen Dämonen ist, vgl. v. 21 N. 2, — liegt die Vermutung am 
nächsten, dafi Sarbüg ein Name der Stadt Babel ist. Wenn es v. 69 
heißt, dafi der Reisende auf der Rückreise an Sarbug vorbei kam und Babj-- 
lonJen zu seiner Linken ließ, so bedeutet das, daß die Postroute, der 
Landweg, sich auf der westlichen Seite des Euphrat nahe dem Wüsten- 
rande — ■ dem Taff der Araber — hält Sarbög kann dabei recht wohl 
die Stadt Babel bleiben, in die nicht eingetreten wird, oder Babylonien 
bleibt erst südlich von ihr links. .Links' bedeutet aber au&erdem das 
psychische Reich Iren. adv. haer. 1,5,1. 6,1. 2,24,6, welches die Seele 
hinter sich läßt, um nach rechts, d. h. nach Osten ins Pleroma zu eilen. 
Auch AaßOpivÖoc" des griechischen Übersetzers könnte darauf benihn, 
daß derselbe Sarbüg auf sj*« deutete und dies nach >«,^a als „Ver- 
flechtung, Venvickelung", d. h. Babel als ein Straßenlabyrinth auslegte. 
Keineswegs hatte er v^t« gelesen. 

Nun hat de Goeje, Bibl. geogr. Arab. 7,162,1 (Ibn Rosteh) darauf 

I Vgl. Hymnus der Nuuiener bei Hippel. Phil V 10 (Hilgenfeld KeUerEeKb. 
p. 260): t\ }iA4a (Viort) w>»nltv Aaßiptveov icf^Qi ttXwmutiivTi. 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 293 

aufmerksam gemacht, daß die alte Burg von Hamadän wie die von 
Ispahän, al-Säruq und die in Ispahin auch Särüje hieb. D. h. nach 
Abwurf des mittelpersischen k sprachen die Ferser särü oder särui (wie 
röi etc.), die Araber vulgär Särüje, wie Abarqöh, Abarqöje, Karkö, 
Karküje s. m. Auszüge aus syr. Akt. pers. Märt 290, wie arab, fem. 
sing, ät arabisch äje wird. Marquart, Eränsahr 135. 21 hat jenem Särüq- 
Säruje den Namen eines Wartturmes in Kerkük „Sarbüi" und auch das 
Sarbug der Thomasakten gleichgesetzt. Wäre das zulässig, so würde 
nicht, wie er folgert, Sarbüg in Kerkük Östlich vom Tigris liegen, son- 
dern die alte Burg — der Qasr — von Babel zur Partherzeit diesen 
appellativen Namen gehabt haben. Aber üi kann zur Sasanidenzeit 
schwerlich schon für das dieser Zeit geläufige ük (üg) eingetreten, an- 
dererseits in Särüq kaum das b geschwunden sein, während q bewahrt 
wurde.* Noch weniger durfte mit diesen Wörtern ein Ort Sruvä, ältere 
Lesart Srübäk in Pars (BundaheS 29,14) in Verbindung gebracht werden, 
weil dorthin ein Var des Gem verlegt und bei den Späteren der Bau 
alter Burgen (Ruinen) auf Gern zurückgeführt wird. 

Hält man fest an der Gleichsetzung von Sarbüg mit Stadt Babel, 
so könnte dieses Wort ein „pneumatischer Name" Apoc Job 11, 8 für 
dieselbe sein — > Karminrot, kökkivov nach Apoc Joh r7,3f. 18,16, wo das 
Weib die grobe Babel TTop<pupouv Kai kökxivov bekleidet ist und auf 
Oriplov KÖKKivov reitet. Wegen der andern in den Anmerkungen nach- 
gewiesenen Berührungen des Liedes mit der Apokalypse Johannis ist 
dies wahrscheinlich. 

Nämlich >^*av» wäre auf persisch eine regelrechte andere Orthc^aphie 
für U*aHe i-üutj n^r-- — ij»^i ^*"j ^'' Bahlul 1685,3, auch l^«^j 
1680 Z. 9 nebst anderen Entstellungen 1680,6. 1682,23. 1684,3 Note, 
wird von Bar Srösowai übersetzt j»^\ •iyi, Kirmiswumi, anderswo )«^ 
Kinniz. Aber das ist keine wörtliche Übersetzung, sondern besagt, wie 
"^IXf njJ^Wl, die Fart>e Karmin. Da der Wurm durch uamy» vertreten isJ; 
muß i*tt3ij auf ein Rot gehen; auch U«a;jB Blaue Fliege (s. u.) beruht 
nicht auf Übertragung von dem Tiere Scbildlaus: Coccus ilicis Poloni- 
CU3 etc. s. Schlimmer, Terminologie Medico-Pharmaceutique, Teheran 
1874. Pers. armen. Karmir: Lagarde, Armen. Studien 1130, Hübsch- 
mann, Armen. Gramm. I p. 167 no. 309. Ritter, Erdkunde II,5I0; 10,459. 
Lied des Bardaqnänä bei BB 1680,13: J4t«a4^ ««ima 1*» (mkA (so lies:) 



^ iftrdq bedeutete etjmolc^ich Tielleiclit ,c«pitoliiun', rgi iroXtuiv icdpriva, Qua. 
Hörn, Pen. Et. No. 69a 736, H&bidunann, Annen. Etym. p. 336 No, 572 p, 489 No. 361. 



i94 



G. Horrmaon, Zw«i HyoincB der Thomasakten. 



Wein, der Warminrot aussieht- ^f» gibt nach Vullers das Ferhengi- 
Su'öri aus aUmagma* [=• Magma ul-Furs des Surüri] mit der Bedeutung 
JU Lak, als rote Farbe und als KlebslofT (Schel-Lak, vgl. VuUers irttO' 
j!V) rötliches Gummiharz, infolge von Insektenstichen in Indien auf ficus 
rcligiosa u. A., s. Karabacek, Ueber einige Benennungen mittelalterüchö 
Gewebe I Wien 1882 p. jsf. 

Die wahrscheinlichste Rtjinologie von «^.«k»;.« und ««»ij ist »t« 
persisch srub oder srüf, usrub, iisruf •= Blei, vgl. Hörn No. 72S mit dei 
Endung ilq (üg); ^ ward j wegen *. Sarbük war darnach Bleihypw- 
oxyd d. h. unechter Zinnober wie r;jj»^-» riwdißapi. Die VteldeubgVeü 
dieses griechischen Wortes gibt ein Beispiel für die Übertragingen vc« 
Stoflhamen. Das ßkioxydrot spielt besonders in der Gewebefarbcra em: 
Rolle, wie sein anderer Name Syricum, woraus )lp'TO (v. C6) und pers, »«;- 
entstanden, beweist: vgl. Karabacek a. a. O. p. 8. Die Farbe der Bis 
Produkte wechselt von Schwarz bis Rotgelb nach den Verbindungen de* 
BleieB und dem Grade seiner Erhitzung, s. Hiile, ZDMG 5,240f. Daher iaL 
sarhök rot dieselbe von Lagarde, Semitica 1,66 entdeckte Etymokigjc 
wie eine grauschwarze, blaugraue Farbe ■= ^3 d. h. kühl cl-hagar, eni- 
sprecliend dem pers. *a^y ««j- surme sollte und ,^s^'^ surma'i. in 
P"P IpDnDO Targ. Is yi6 vgl. neusyn -j»i*ä P. Sm. 25S6. htvnM 
^jjlyCj „Blaue Fliege" im Lexicon Adlerianum ist nach der Beschreibung 
im Muhit (Docy, Suppl.) Sarcopiiaga mortuonim L. mit stablbiauem Leib. 
lp3"IDD bedeutet also „sie färbten schwarz", obgleich seine VoriafTg, wena 
man sie einmal nach der Buchstabenklaubung fa.1sc]t deutet, nnaiJD „säe 
schminkten rot" erfordert, wie wirklich die Pesikta ed. Buber 132a (s. 
Bacher ZDMG 28,56n) hat: Kip'D3 jrprjf nnpiD rn». Denn KTp» ist 
eine Mennigart m (i*ji*o tpOxöc Sap. Salom 13,14 — ISfJff «- «^ xvi J4t; 
Mit Mennig wie mit pers. läk schminkte man zwar die Haut (Blümner. 
Technologie: 4480,2. 495). aber nicht die Augen; denn an Heilzwecke 
wie an das heutige aus Quecksilber abgeJeitete unguentum praecipitatum 
flavum et rubrum ist nicht gedacht; Apocjoh 3,r8 ;^U~L. 4«^. (nnpon 
D'i'y muß eine Gebärde sein = schielend, mit stechenden Augen an- 
sehend). 



J^— 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 295 

IV. 
Die Hochzeit der Seele. 

Act. Ap. ed. Wright «äj»; ed. Bonnet p. 109. 

Wenn das Lied auch gnostischen Ursprungs ist, so fn^ sich doch. 
wie viel von diesem der ursprüngliche Ausdruck verriet. Die folgenden 
Bemerkungen zeigen, daß der Syrer sich weniger gnostisch ausdrückt, als 
der griechische Text unterstellt. Dessen Verfasser war Gnostiker und 
hat nach seinem Verstände frei übersetzt und ausgelegt Auch kann es 
sein, daß Randglossen die Allegonen gnostisch auslegten, richtig oder 
falsch. Außerdem verändern erzählende Schriften ihren Ausdruck von 
Hand zu Hand leicht. 

In der Form treten durchweg parallele Verspaare hervor, VierTciler 
lassen sich nicht überall ohne Gewalt herstellen. 

Auch gnostisch genommen verträgt die Braut und Hochzeit leichter 
die Beziehung auf jede christliche Seele, die Christus sich vermählt, als 
auf Achamoth oder die Kirche, außerdem empfiehlt diese Deutung der 
Zusammenhang mit der Erzählung. Von ,Weisheif ist in dem LJede nicht 
die Rede, da der Schluß nicht zu seinem Gegenstand gehört, nur von 
Lichtnatur, Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Erlösung und seligem Leben. 
Die Erlösung der Pistis Sophia durch Christus im gleichnamigen Buche 
gibt ein recht anderes Bild p. 12. 14. 30. 71. 74. 75. 

Thilo's Auslegung zu den Acta S. Thomae 1823, außerdem Lipsius, 
die apokryphen Apostelgeschichten 1883 Bd. i sind in den Anmerkungen 
vorausgesetzt, ot^leich diese nicht auf ihnen fußen. 

)]«i%i 1^ V« w&^ I 'H KÖpT} ToO tpanbc durärtip 
ms. ba mL*^ Meine Braut ist eine 
Tochter des Lichts. 

„Meine" d. h. die ich, Thomas, als 
Paranymphe im Sinn habe, — auch 
mit Beziehung auf die Erzählung. 

4^ i^l l-^j {ft*T 2 $ lv£cn Kcd ^TKCiTm t6 ätraöracfia 
— kavaSm Ijvarenö des Avesta. miv ßoaXiuiv 

Sie hat den Glorienschein der Könige. G wie oft gibt mehrere Wörter für 
Vgl. Iren. adv. haer. 2,19,7. ein syrisches. 

«iu v^>^i* •m (i^ 3 t6 TQupöv Kttl imnpirkc TaÜTT|c tö 
m. ohne «v, das älter. Qiafia, 

Stolz und reizend ist ihr Anblick, tö T^upöv epith. zu diraiiracua alswie 



TTfi G. Hoffmaaa, Zwo Ujmmm * 

«.{ X&* Hfv* ttf 4 9<b1>(>"> vAXe nxnnfTäZoucB. sc 

m. o^ «A^ %^ ^^ lil; ^y- öbosctit. 

jsät lauter guter Affoeif 

fein undmitlaoterSchöoeges cfaimlrkt ; 

aue Kleider g^eicben Knospen, lapnraic d. — Knospen. 

^■11.; ^*<M3« .1 11*1 i yi 6 dJiD^opii M cävMnc ££ c^rw* te- 

derenGeruchdnf^uiidaiigcoefanibt; Atbotv 

D. h. (fie Kleider der Braut habe: 
B lum e nmiB ter und cfiesc Baues 
duften wie lebend^ weil das Kkad 
parfoniiot ist 

OL 4a*;A gegen Metrum. 

[m. ■ i ^wftS ] . lu.A^ > r*"> v.^ 8 -ntf^oiv T^ tetrroG AfMßpoöq. tdöc i» 

auf Quem Scheitel ruht der König oihüv ibpufi£vouc~ 

und ernährt ihie ,Säule' unten. i^ lovroü Anjtpocigi ist (blscbe) & 

(fie ^äule' ist nicht nur die den Kopf Idärui^, pafit znf Wasser nicfat. kaisB 

tragende Hals- und Wirbelsäule auf öt; wohl Cfaristis anf Brot — 

[1^ wi — a Payne-&mth] mit den Dann Text verdocben? tdüc itt 

Beinen, sondern der gan^ übi^ aäiüv bvo^ivouc 

Körper. Bei Brandt, Blandäiscbe Re- 

li^n p. 36 heißt im Geoza r. 102,10 

die staue Körpeisäule KXKSfi Adams 

so, bevor die Seele in ihn eintrat 

Ev. wäre *.jw'to Jbic Glieder' zu 

vermuten. 

Denn das Kldderparfiini fuhrt auf 
das hier mit .König' gemeinte Salböl 
als Vertreter des Pneuma bei der 
Konigskronung des Christus, dann 
dessdben bei seiner Taufe im Jordan. 
Das Chrisma daher bei (unmit^bar 
n«:h) der Taufe der Ginostiker (wie in 
diesen Akten s,Thilo p. lÖzff. 176. 177) 
und der Mandäer (Brandt, ReL p. 103. 
Mand. Schriften p. 67. 71) steht wie 
bei einigen Biarkosiem (Iren. adv. haer. 
f ,3 1 ,4^ u. in Fistis Sophia (Anhänger d. 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 297 

Barbelo) über dem Taufwasser; Pistis 
Sophia ed. Schwartze p. 124,22 ßanri- 
couaveos unctioneTrveuMaTiKq 183,18. 
1 6 xP^cfia irvcu^oTiKdv (d.h. desM£cov- 
Äthers) 205,12. 236,1 — 3. Da Christus 
(gnostisch oder anders) gemeint ist, 
zugleich Brot und Wasser des Lebens, 
so kann .ernährt' von ihm wie vom 
Ol wohl gesagt werden, zumal geist- 
lich, vgl. Pistis Sophia p. 84 f. Bei 
der irdischen Braut ist auch an Salböl, 
vgl Ps 133,2, gedacht, nicht an einen 
Glorienschein=Brautkranz, der schon 
Vers 2 da war. Daher ist hier an 
den Uchtkranz, den der Elrlöser 
Christus der Pistis Sophia 74,13 aufs 
Haupt setzt, nicht gedacht. Der jetzige 
Syrer las vielleicht «•»•J*»^ und ver- 
stand: Christus läßt sich auf dasHaupt 
der Mitglieder der Kirche nieder und 
nährt mit dem Wasser des Geistes 
seine unter ihm stehenden Täuflinge. 
KmI^ ^ämvfMiX kann nicht heißen 
„die unter ihm weilen" (Lipsius); mög- 
lich, wenn auch nicht gut, wäre 
At4M^ „den Einwohner der Braut", 
nämlich den pneumatischen Licht- 
funken, der in jeder Psyche von An- 
beginn steckt und durch Hinzutritt 
des Lichtes Christi verstärkt und er- 
löst wird: So Pistis Sophia 95,30. 
36,29. 185,23. 214,19 u. oft; 

üLftjp «Ltp lijMt 9 {-pcoTai bi Tttihr^c t^ k£<i>oXQ dX^jOeio, 
1^ *A^^ H*f^ 1° xapAv bi Töte iTOclv aÖTfjc ificpalvEL 
Sie setzt Wahrhaftigkeit auf ihr Haupt 
u.wirbelt die Freude auf in ihren Füßen. 
Wie einen Kranz setzt sie sich die 
wahre Ericenntnis der christlichen 
Religion auf; die Seligkeit derselben 



29S G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 

bewegt ihren Körper bis in die Fuß- 
spitzen, an deren Tanz man sieht, 
dafi sie sich freut: daher ^^(paEvEt 
.macht sichtbar*. 

(&AKM ist auch die subjektive Emp- 
findung der Wahrheit, wahrhafter 
Glaube, Treue, Wahrhaftigkeit, wie 
KDüns bei den Mandaem, (s. Brandt, 
Rel. S 63. Mand. Schriften p. 6), 
gnostisch als Lichtausstrahlung ge- 
dacht Moens ist von den Palästinem 
her BlB'p — flDK eingeführt neben I(m, 
das sie nicht haben. Die Taufl'ormel 
der Markosier bei Iren. c. haer. 1,21,3 
ßace^o, xciMOCcr], ßaaiavopa, )jiCTa&ia 
poua6a Koucra ßaßo90p xaXaxOci darf 
man wohl lesen: ßac£M axa)io6 cißa.aia, 
vopa vitcrabia, poua ba KOucra ßocpop- 
KoXax ecTi vnrü «rt pas moan aisa 

Im Namen der Achamoth, tauche 
unter! Das Leben, das Licht, welches 
ausgeworfen wird, (irpoßaXXöjicvov 
ausgestrahlt von oben), der Geist der 
Wahrheit möge bei deiner Erlösung 
sein! Das Verbum ist auf das letzte 
Subjekt f. construiert. — Oder auch: 
Tauche unter (du) Lebender, (du) 
Ljcht, das ausgestrahlt wird etc. 
Der Dialekt ist ein palästinisches 
Aramäisch, wie in KBüns K^SlütS der 
Ort (von der Erde) entferntester 
Wahrheit: ein palästinisches Pual. 

.«^ 1]^« .M-t^ «ibvi II fjc t6 CT6(ia dv^ifiKTOi Kai irpcirövriDC 
t^I «^ «A>Äl Vi; 12 fehlt griechisch. 
Ihr Mund Ist geöffnet, und das steht 
ihr wohl an, da sie lauter Loblieder 
mit ihm spricht Sie singt lauter heil. 
Lieder, keine der ird. HochzeitsUeder. 



C. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 299 

.tt^i M*«iiAA i^o^iL 13 TpidKovTxi Kat &O0 ctdv oi 

«joukt 4a ^(1* ^Aa.&A« 14 TaÖTT]V ÖHVoXoTOÖVTtC 

die 12 Apostel des Sohnes und 72 übersetztVers 14. DasAktivist falsch, 
crdonnem in ihr 0- ihm, dem Mund). 
— Der Syrer verstand vielleicht: die 
Worte der Apostel erschallen, durch 
den Mund der Kirchenmitglieder 
wiederholt Von den 32 des G ist 2 
übrig geblieben; denn der Apostel 
sind 70: Luc 10,1 Salomon Basr. ed. 
Budge p. 113- Die Zahl 32 muß sich 
zunächst, wie Thilo schon hervorhob, 
auf die Zähne beziehn. Was und wie 
mit diesen verglichen wurde, ist nicht 
mehr auszumachen. Da U^ Fem. ist, 
so deutet der pl. m. beim Syrer wie . 
Gr. auf ein masc. Subjekt, welches 
die Äonen gewesen sein könnten. 
Denn bei den Valentinianern tritt zu 
den 30 Äonen des Pleroma noch 
Christos und das Hagion pneuma als 
MeTOTevccT^pa iiStv Aiifavwv T^vtac 
(Iren. c. haer. 1,3,1. 2,19,9. 1.2.S vgL 
HilgenfeldKetzergesch.35if.) zusam- 
men 32. Abo z. B.: 

Ufii iÄ^ **jf» BeiBrandt,MandSchriftenp.l7LZ.; 

^;tA^] ^jU ^^.1 p. 57: Die Könige der ,Lichterde' sind 

„in ihren Zähnen ertönen 32 reine voll«: Lobpreis und stehn und preisen 
Äonen", denn die Loblieder ema- den Ochtkönig Klirui Kp^ — ^ ff) 
nieren aus ihnen, so in Pistis Sophia toO <P(Ut6c Pistis Sophia 119,12fr. 24 
wie bei Manichäem der ctOXoc xflc = erjcaupöc toO (purröc (121,2) 120,1 
l)ö£r]C. niedriger als der TÖitoc KX^povo^lac — 

.^■^ kAftt «Ui. 15 /fc ^ TXü>TTa irapaTrerdcfum Eoitccv 
Tf)c 6tipac 
Jt«i "^t)-* ^tf*t ^^ ^ ^KTiväccerm toTc etaoOav. 
Ihre Zunge ist der Vorhang der Tür, Zu lesen Upotc fiir toTc? 
den der Priester aufhebt und eintritt 
Vers 16 folgt Hebr 9,7. 12. 26. 28. 
6,19 vgl. Marc 15,38. Christus hebt 



300 G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 

das KOTan^Taciia zum Allerheiligsten 
empor. In Pisüs Sophia werden alle 
Räume des Lichtes abgestufter Rein- 
heit durch KOTaTTeTdcMaTa vor den 
tnjXai geschieden, die von außen und 
unten gesehen, wie hylisch trübende 
Brillen wirken (ii7^9fF.), welche die 
zu ihrem Ursprung zurückstrebende 
Seele der Menschen, der Pistis Sophia 
u.s.w.,durchLobprei5ungen, die durch 
die Namen des höchsten Lichtes, die 
sie enthalten, läuternde Kraft haben 
(Pi5tisSophia36,ic^ d.h.) durchdringt, 
sofern ihr Licht die Klarheit hinter 
dem höheren xarair^Tacfia erreicht 
Pistis Sophia 16,20.24. 30,26. 3i,i8f. 
36,10. Es singt auch ^ &üva^ic ciXi- 
Kpivf)c ToO qxjJTÖc 74,25. Die Zunge 
prüft die Speisen, die TpoqKtc k6c)xou 
auf ihren Lichtgehalt: sie scheidet 
zwischen geistigem und stoßlichem 
Brot, also die Lichtgrade wie der 
Türvorhang. „Vorhang" als Ucht- 
scheides.Brandt,Mand.Re].53 Mitte. 

„^^ ,-sjf? *Vf» 17 ?ic 6 aüx^v ek tOtiov ßae^üiv ericcrrai 
uawia Jwjf |«itjt 18 <&v 6 irpi&Toc brifiioupTÖc iftimtoäp- 
m. Hirf. Tn«v. 

Ihr Nacken (Wirbelsäule) ist ein iltv, der Sing, im Syr. geht auf die 
Stufenbau, den der erste Baumeister Treppe Kord cirveav. 
gebaut hat 

Die Kirchengemeinde OeoO (als des 
ersten Baumeisters)o(KOtioHi^ iKor3,9. 
14,5. 12 Paulus wie jedes Mitglied 
sonst ist wie äpxniKJutv rKor3,iOi 
der gemeinsame Grund Christus. 
DenHals reckt jede Christin himmel- 
wärts empor, höher, immer höher. Jede 
gelangt nur stufenweise die Licht- 
treppe aufwärts, nicht nurdie Weisheit 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 301 

^««lit ^ 4uf:i 19 ai bk biio aiiTf\c x^'P^^ 
ms. ohne ^i. 

J^ASf 4*1 '{i? 20 oifiaivouav Kai {nroftöKVÜouav töv 

Ihre beiden Hände aber verkünden x^J'Jpov TiJbv EÖbal^6vulv aiU)vu)V xr]- 

den Ort der Lebendigen. pöccovrec. 

„verkünden" — KTipöccovrec scheint ms. töv xopöv. 
ursprünglich. Der Grieche erläutert Bei xopöv dachte G. an die Freu- 
„zeigen an und stellen dar", also wie dentänze der Seligen, vgl. 45b und 
V. 15. 17. Die Hände sprechen aus den «^ro ^^Kp, ihren gedanken- 
was sie bedeuten; nicht als Gebärde: schnellen Reigen, Brandt, Mand. 
.weisen empor zu', nicht v>*^ oder Schrift. 17. 20. 
^«mm; sondern nach Vers 21, nämlich 
■= die guten Werke beider Hände be- 
deuten das ewige Leben der Christin: 
Öcfouc X£<pac I Tim 2,8; vgl. Jac 4,8. 
Act 2,23. Besonders Matth 18,8. Also 
die Hände erwerben den Himmel 
wie die Finger v, 21. 

1x3^ ULI, so katholisch wie gnostisch 
für die KXnpovo^Ea toO XpicroO. Alib- 
VU)V ist falsche Auslegung und x^pov 

«it^|, ILfip^i; 21 ol bi bäKTuXoi aön)c 
ms. dA&^ «xu.» gegen Metrum. 

t^>^ oder 4& iJJijf txjw ^i 22 rdc frOXac Tfjc it6Xeu)C (irroirvOovav 
m. h£V» jUaui t^(L oder dvoiTvöouav. 

IVitPi für jDk* einzusetzen ist nicht ms. falsch fnrobctKViJOuav aus 20. 
grade nötig, aber neben dem li-t l»U Die Finger tun gute Werke. Tfjc 
paßt tP^n nwno mit ihrem König nöXtuic ist vielleicht unurspriingliche 
(des Lichts) Brandy Mand. ReL § 20. Auslegung des gnostischen Griechen. 
Mand. Schriften 9. 11. 12. 13. 16. 
Die Vorstellung nach Matth S>35> a1> 
gesehen von Apoc Joh. TT6X1C in 
Pistis Sophia, synonym mit xXripovo- 
lila, in derMitte des höchsten Pleroma-. 
36, 19 — 21 TÖTCOC KXTlpovo^(ac ad instar 
nöXcutc 126,24 vgl. mjXTi Ztuflc 183,21. 
Die zwei Verse 21 22 überschreiten 
aber die vierzeilige Strophe (s. Lipsius). 
(Es g^nge: «.^ i^£* *<^] bezw. 



302 G, Hoffmano, Zwei Hymnen der Thomasakten. 

IKi-jj»), aber auch 23 — 27 änd Fünf- 
zeiler. 

•V t'4} <Mt«.t>»9 23 rjc TtacTÖc (pwTcivoc, 

m. ohne •*; t^^aM unnötig. 

Ihr Brautgemach ist helle — 

wie das irdische von Kerzenlicht oder 

FäCiCClQ 

|3^ fiii*^i Uui* 24 diTOcpopäv ärroßaXcä^ou Kai TtctVTÖc 

und vom Duft der Erlösung erfüllt. dpit)fxaToc bmirv^iuv 

>L«i«a, auch ein gnostischer Begriff s. m. dnö ßoXcdfxou. Er las kaum 

zu V. 10 p. 298. Ursprünglichere Les- h*»!««!!. xal iravTÖc verrät sich ab 

art als die Worte des Griechen, die Ausdeutung von $», nach der Art 

der Symbolik ermangeln, und im in den folgenden Versen. 

Einklang mit der Art der späteren 

Verse wie der früheren, auch bei 

G. 9. la II. 

vfkA m^^ iJn*» 25 dvabtboOc TC öcfii^v fibeiav 

m. *a^ falsch. G. faßte ian^ als Rauchwerk [aus 

Weihrauch ist in seiner Mitte auf- irupetov entstanden, fi wegen tt] und 
gestellt verstand «# ^. 

ti«t>L4« l^%i> 26 cfiOpvTic TC Kai (pOXXou 
(bestehend) aus Liebe und Glauben Das A.T. und N.T. tnsondeiiieit 
Schon wegen i Kor 13,13 sind Christus legen Wert auf Wohlgerüche 
Glaube, Liebe, Hoffnung auch gnos- (xpicfia), welche auch die westlichen 
tisch Iren. adv. haeres 1,1,2 Hilgen- Gnostiker nach ihrem dualistischen 
feld, Ketzerg. p. 310 Note 523. Vgl. Schema aus dem Licht ableiten und 
Brandt, Mand. Rel. § 34,1 u. a. dem hylischen Gestank gegenüber- 

stellen: Thilo p. 141. Pistis Sophia 
211,10. Je mehr ostwärts nach Persien 
hin, desto mehr: vgl. ,Duft des Lichts 
riechen' und vieles andere. Brandt, 
Mandiüsche Schriften p. 113. ii4f. 
p.22,6; 18,4. G. — vielleicht nicht der 
Übersetzer, sondern der spätere Be- 
arbeiter — finden Gefallen daran, sich 
diehimmlischeBrautkammeretwa wie 
eine gnostische (markosische: Iren. 
1,21,3 vgl. 1,13,3; 1,21^ VUMqxüv) 
Kirche oder sinnlich wie eine ir- 
dische Brautkammer auszumalen. 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasalcten. 303 

)>^aM \i^f liAmm 2/ Kol ävO^tuv TTafiTiöXXuiv f|6uTrvöiuv, 
ms. nur V«ji.; oder L «^i^. (abhängig von öcfiriv 25). Var. D. 

und (aus) Hoffnung, und macht dvO^wv Ti(!i)inoXXa ^büirvoa. Tia^7i6X- 
alles (das ganze Giemach) wohl- Xuiv^6uiTVÖujventsprangaus)k^:^Vt 
riechend. wollte man nach G. syrisch über- 

G. verstand ttaa als h^ wofür setzen 26 und hier z. B. «^^^ '^4^* 
l#aA geschrieben steht in: Al}ikarby ^«oaM schreiben, träfe dies seine 
Conybeare i8g8 p. A. Note. Worte nicht 

li^ ^ y.^» «^ ^ 28 6ir£cTpwvT0 bi ivröc Mupcfvai, 
ms. «»9 om. ms. v. 28 vor v. 27. 

^:^^ tB.««ia ^**^H ^9 ait>iKXidabEc£vKaXii^otcKeK6cfiiiVTai. 

ms. ««A.1I auf die Braut m. KXetcrdbEC etc., Thilo icXiciäbcc 

Drinnen ist Wahrheit in ihm aus- Inwendig aber sind ausgestreut 

gestreut; seine Türen sind mit Wahr- Myrthenzweige, die Pforten sind mit 

haftigkeit geschmückt Schilfrohr geschmückt 

Der Syrer denkt folgerichtig fiir pupcEvai wie KäXo^oi schmücken 
seine Braut Christi in spe d. h. jede wie ein irdisches Brautgemach : ein 
Christin an die himmlische Braut- i^j y * » *« » «^ « lag nicht vor. 
kammer, gnostlsch wie katholisch. S. zu 24. Auch hat Übersetzer nicht 
H dvui ^KicXricEa paßt auch. antlkÄwildeMandeloderdasRäucher- 

harz {>>*«« gedacht; obgleich Gott- 
Vater auch als Mandelbaum vorge- 
stellt wird, aus dem der Sohn Mandel 
entspringt Hippol. Phil. V 9 p. 117. 
Hilgenfeld, Ketzergesch. p. 254 Note 
415. — Vgl. Acta Thom p. 107,11. 
Thomas KXäbov bi KoXdfiou £Xaßev 
iy tQ x^'P' aÜTOu xai kotcixcv. An- 
drerseits Apocjo i 1,1 Rohmießstab. 
41^ vVf** ^'i*-^*** 30 ircpiccTotxiCM^vriv bk aOiriv ^x^iJciv 
Ihre Brautführer umgeben sie, oi laünic vupcpioi. 

Kf^i v*^{ v.«4^ 31 Doppelübersetzung: i. (Ipv 6 äptSMäc 
alle die sie geladen hat ?ß&on6c ^cxiv ™ „alle welche sie 7 

NachMatth22,io. „Geladen" deutet zählte"-» Aii>r, im Stile der Anhänger 
nicht notwendig auf die Kirche oder des Markos luid der Barbelo (Pistis 
Achamoth — Einlader im gebtlichen Sophia). 2. >>jm) gOc aOrf) ÜiXi^axo. 
Sinne ist Christus, aber auch die Füh- DieSiebennebendenZwölfenfUeflcn 
rer des Bräutigams werden der Braut zuletzt aus Act 6,3. 21,8, werden bei 
zugeschrieben — sondern geht bildlich den Gnostikem als Planeten und 



3Q4 



G. Hoffmann. Zwei Hymnen der TIiomasaktCD. 



airf eine jede Christenseele, die sich 
von Jesu Jungem u. s. w. leiten lälit, 
auch gnostisch. 



in>+IKAf*« gegen Metrum. 

,^^^j^ U^«^ duAf« 33 
und ihre Brautj'ungfrauen [mit ihnen, 
oder dgl.] sprechen (*= singen "lOK) 
vor ihr Lobpreis. 

Vor Ihr dienen Lebendige 



und schauen aus, dab ihr Bräutigam 
komme. 

Nach Matth35, 1.6 Vor ihren Augen 
leben nach ihrem Beispiel geistlich 
die Mitchristinnen der reiferen {früher 
verheirateten, vollendeten) Christen- 
seele und hoffen auch auf ihre Hoch- 
zeit. Nach der Lehre der Valenti- 
nianer werden die Seelen mit dem 
geistlichen Samen der Achamoth auf 
der Hochzeit der A, mit dem Heiland 
an Engel des Heilands verheiratet. 



Zodia nicht bloß im Sterconoa-Hei- 
marmene gefunden, sondern haben 
auch noch platonische Idealbilder in 
den reineren Uchträumen: dem M^ 
cov (Äther) und dem Pleroma etc. 
(Pistis Sophia). Die zvrölf Jüngcf 
Jesu haben ihr Urbild im Äther- 
Mifcov bei der TiapQ^voc toO fpurröc 
(entsprechend der Jungfrau-Gottes- 
mutter) als deren 12 Diakone und 
dieselbe hat 7 napö^voi toG ipuiiöc 
als Dienerinnen der Vorsteherin der 
Mitte- Lichttaufe: Pistis Sophia 1 23,26; 
30. 136.7. 183.14, 205. 
a\ H TaüTTic TTapdvun^oi cfciv hrti 

(nach V. 3 t). 
al i^npocöev aürfic xopcüouctv. 

Reigen tanzen = in Chören singen, 
aitgriechisch. ist eine Verwelthchung 
von G,, er las nicht \^^J^•' u. d^ 
IuhdcKa bi Etav t6v dpiOpöv o! ln- 
irpocötv avTf\c ömipeToüvTec Kai aOrfl 

ÜnOKCIMEVOI, 

Letzteres Doppelübersetzung, oder 
wenn mit R Kui aCirfl önoM^voua zu 
lesen ist. aus 35. 

TÖv CKOTTÖv Kai tö Qiafia (doppeklj 
de TÖV vuM<pEov IXOVTEC, 

Auch G nimmt seinen Standpunlrt, 
wie S in der Zeit dieses Lebens und 
sieht auf die cuvr^Xeia täv aiÜJVUfv 
Pistis Sophia 120,31. 121^. Daher 
passen seine 7 und i2 niciit als 
Vertreter zu bekehrender Planeten 
und Stembilderarchonten. Denn wa- 
rum sollten die 7 als ulol toö vwji- 
q>ÜLivoc den Vortritt vor den t2 haben? 
Denkt man aber die 7 im Pleroma, 
SD langt der von unten komxnende 

6. la, tif^y 



G. Hoffmann, Zwei Hymnen der Thomasakten. 305 



Iren. adv. haer. 1,7,1. 5. Das paßt bekehrende Christos beiihnen später 
hier nicht an als bei den Planeten. Vielmehr hat 

G den Unterschied des S. zwischen 
Brautrdhrem und gewöhnlichen Chris- 
ten übersehen. 

•^%« -^ <^«, damit sie durch seine G las vielleicht «f l^a ,durch seinen 
Herriichkeit erleuchtet werden Anblick', oder «««la (v. 3), aber 

■ n la^a :» ist nach Apoc. 18,1.21,23 S^ 
«tM^ «il^AA» ^ 37 KQi €lc Töv alüva ciiv auT^ €covTai 

ms. U%j!kJBa t^vau*. 

Iji^ I )i^^f 38 €tc ^Kcivriv -rilv x^P^v ti^v otdiviov 
[ras. + ». *m&a] G «U^ nach Matth 25,23, aber 

und in sein Königreich mit ihm ge- ewige Freude ist nicht biblisch; nur 
langen, das niemals vergeht; weil xopA—ßaaXda vorausgesetzt ist. 

Nach 2Petri 1,1 1. Hebr 12,28. 

*l^j ttviUMa ^*«j« 39 kqI Scovrai £v Tilt -r&t^ni hcdv^i 
ms. UA«la fraglich; •j&iioc N.T. nur T(i^4'> G Verweltlichung? 
bildlich. — «^] unwahrscheinlich. 

„cfiti |a.t? Vi 40 £v if) ot ^cTicrdvec cuvaOpoiZovrcn, 
I ms. y«i S ». 2 ms. ^ . *«*«». fiCTictävcc Verweltlichung, nicht 

und zu dem Feste gelangen, wo- f&w, was allenfalls auf die Äonen, 
hin alle Gerechten zusammen kommen nicht auf menschliche KXnpovö^oi 
werden pa&t Vgl. aiilfvioi 41. 

dvdcraac IiiKaiwv Luk 14,14 rä 
iiKaubfiara tiSiv dTiuJV Apoc 19,8. 
So konnte auch ein Gnostiker sagen, 
wenn auch die Gnoäs der Gerechtig- 
keit vorangeht: Pistis Sophia I37f. 
219,30. 221,4. Dagegen 165^ 

Im^9^ <^*«j* 41 Kfll TiapaftevoOav tQ eOiuxIqt 
und in 6ie Wonne gelangen, 

v>^U. IfCjX ^} 42 ^c ol attüvioi xaToEioOvTCU. 
inwelchesieeinzebieintretenwerden; aidjvtoi }i^a.^«ia> ol KaToSttuO^vrec 

Der Grundsatz Matth 16,27 u. s.w., toO a{(i>voc iKCtvouLuk 20,35. ^Thess 
daß jede Seele einzeln gerichtet wird 1,5. G's freie Erinnerung, ohne so 
und daß die IndividuaÜtat im Pleroma tu lesen. G erkennt hier das Gericht 
bleibt, ist auch gnostisch: Pistis Sophia an, welches nicht alle ^ETicrdvec 
124,3a 125,12. I28,i6f. 129,2. 146. bestehn. 

£«iiichr. t d. DMiut. Wim, Jahre. IV. 1903. ao 



^1 206 G. Hoffmann, Zwei Hymnen der ThomasaklCD. ^^| 


^H 147.24 Persönlichkeit nach ilirem 




^H Horoskop verschieden 217. 






KOI h/bicovrai ßaciXiicii ^vöüiiara 


^H i^M^T L^ftit sp^A^^« 44 


KCil äfj(pi(ScovTai CToXäc X.a^TTp(ic. 


^H m. Ij^oju .^m^B^«. 


versetzt (ur 


^H und (damit sie) Lichtanzuge an- 


Kol ^vöücoVTai Evtiüfjara Xapnpä 


^H ziehen und di<& Hen-lichkeit ihres 


KCl dufpiöcovTtti cTOÄöc ßaciXmöc 


^H Heim umleg;en 




^H Doxahtiile ist gnostischcr, als was 


machende Plural zeigt die Oberfläch- 


^H G hat, nicht im N.T., nur b6Er]C 


lichkeit von G: «r»i tAoSy Brandt, 


^P CT*(pavov iPet 54- Heb 2,7.9. Vgl, 


Rel. d. Mand. 220. 


^H £v5ücac6ai &<pQapciav 1X0115,53. Zu 




^H .HerT" vgL G Vers 47. 


Kol iv x^P? i'^' äToA^Aidcci ^covroi 


^M 14, i^ll ■»^.A.M 45 


ÖM<PÖT£poi, Kai boEäcouci töv wot^ 


^H ms, 


TÜ>V ÖXUJV 


^H (und) den lebendigen V^ter preisen, 


Luk :.i3, Matth 5,12- 1 Petf 4.13; 


^^1 joh6,57. 


Apoc 19,7 xcHpLUMtv Kai ötqAJii- 




UIMEV KCll &UJCOMEV T^v &6£av 




aÜTifi (vgl. hier Vers 46) 5ti flXöev 




6 f&iioc ToO (Spvfou Kx\. Wenn ..und 




in Freude und Jubel sein werden". 




nämlich die Seelen-Bräute ChrisO, 




echt iat, so nicht d^fpörepov die 7 und 




die 12, V. 31.34, denen bei S. Braut- 




führer und Lebendige entsprächen. 




dpcpÖTCpot Christus und seine Bräutc^ 




Aber Christus kann hier nicht mit- 




gemeint sein, weU nur die Seelen- 




bräute -= Christen danken können 




mit der Begründung von 47. 4S. 46. 


^^^^^^^V .i^ti^ )ja,U aWi 4Ö 


oü TÖ «pwc TÖ TOÖpov £&££aVTö 


^^^^^^^B 9^«^r «>^[^ »t^* 47 


Ktti i<puiTicericav iv t^ Qkcf loö it- 


^V weil sie das prachtige Licht ecnpfan- 


cirÖTOu aitjujv, 


^H g^en haben 


H(f tfiM»} schlecht. ^^M 


^H und erleuchtet worden sind durch 


■ 


^^^ den Abgl2.nz ihres Herrn 


■ 


^^^^H Mmii^ ^ *^^" 4^ 


ou TTlv dußpodav ßpüJav iW^avro 1 


^^^^^ ms. •lA.Af 


J 


h "- — —J 



G. Hoffmans, Zwei Hymnen der Thomasakten. 30/ 

ms. )■•&>)• «. d^ßpodav ausschmückend: ,gar 

und empfangen haben seine Nahrung, keine' statt .niemals' ist falsch über- 
die niemals einen Abgang hat; setzt 

lAiioa eigentlich Versoigung, x»- 
pTiT^a, Provision. 'Artouda — Excre- 
ment hat Ephraem vielleicht der 
Gnosis des Bardaisän entlehnt; denn 
der Begriff schlägt in die Lehre von 
den hylischen faeces des Lichts, 
«n^'ayi «n'W? Brandt, Mand. Relig. 
p. 65,3 zu JAA# JjAJ? Nach Valen- 
tinus bei Qemens Alex. Strom. 3,7,59 
p. 538 = Hilgenfeld, Ketzergesch. p. 
297 : Iricoöc . . . *ic9iev Kai Jmev i^(^uc, 
oÖK dnoftiboCic Tä ßpdjpaTa. Denn 
Joh6,27: nurTfjv ßpüiciv dnoXXu^ivtiv 
gegenüber ficvoucav. Auf dies Bleiben 
bezieht sich das zeitliche jrt&j« vgl. 
Joh 3,5 ff. Weil ein Teil der einge- 
nommenen Nahrung abgeht, so hält 
sie nicht vor und man hungert wie- 
der: oö ^f\ ntivdci] Joh ^35. Apoc 
7,16. Luk6,2i. 

i££ ^ «^V*!; 50 Cmov 6£ xal imb oTvou 

.9^ rfA^» «:*A<AA {i 5I TOO y,t\ bttpOV oOtoTC TTap^XOVTOC Mit 

vgL G fii^ — aÜTotc ms. + ^-ujä-^S^ hnöu^iav. 

und (weil) sie vom lebendigen ofvou sagt G vielleicht, weil er Um 

(Wasser) getrunken haben, das sie nicht als Wasser, sondern als Leben 

nicht lechzen und dursten macht verstand und dafür ein poetisches 

« ist durch 48 und G drrd ge- Bild herstellen wollte, wenn er nicht 

sichert, vgl Ö nivurv £k toO Cöaroc etwa 48 ff. auf die Eucharistie bezog, 

Joh 4,13. 14. Sonst liegt Ls« iJäa nahe, von der nicht die Rede ist G konnte 

obgleich ia« fehlen kann. Zu 51 vgl. an den Hochzeitswein, bezw. den 

Joh 4,14 oö nf[ büff\au 6,35- Apoc neuen den Jüngern versprochenen 

21,6. Wein denken Matth 26,29. Marc 14,25. 

Luk22,i7. Mit Wein löscht man wohl 

(Ue Lust, aber nicht den Durst: 51. 

t^ U| «u^ 52 ^t)6£acav bi Kai Dfivncav cöv ti^ 

ms. ««»«• und \^i Ip«. ZuLtVTi nveO^a-n töv 

ao* 



G. Hoffraann, Zwei Hvmncn ätt Thomaaatxat. 



l!f!-* 'rt* 53 



ms. 



ms. «fi*'*. 

Preiset den Vater den Herrn und 
den eingeborenen Sohn und danket 
dem Geiste als seiner Weisheit 

Das Lied schlJcüt mit einer litur- 
gischen Doxologie. Denn seit v, 35 
hängen die Iinp«rfekta der Endzeit 
vom Warten der Anwärter der Selig- 
keit ab, inabesondere v. 45 der zu- 
künftige Lobgesang im Himmel, wel- 
cher dankt fiir die Perfekta 46 — 50. 
also müßten 52—54 entweder im 
Konjunktiv oder, wenn Indikativ, im 
Präsens stehen wie zuletzt 34. 35. 
Der Grieche Tand ^i*f* schon vor. 



ictrr^pa Tf)c dXr|9efoc tca) Tftv t'^r\Hpa 
TTJc cocpiac. 

Wie schon ffie Zusanunenlegut^ 
von ibblactrt icai C^VTjcav zeigt, ist 
auf G kein Verlal^. Wegen Um 
oiu&te allerdings ein ändernder S>tct 
. dahinter weglassen, denn irvtöpa 
coipfac Eph I.i/Isaias 11,2 vgL Act 
6,3. — Lsik 1149. iKor 1.24. IM 
ist vom Geiste als 3 tcr Person ver- 
schieden, aber G kann doch •]•'• 
llj^i^ 1»! vorgefunden haben, wie 
auch tii» l^f. Zu Ti^v ^rjT^pa Tf)c 
coqiiac vgl. cotpio eurÖTTip BapßnXoC, 
der großen Kraft des unsichtbaren 
Gottes; PistisSophia225.29 vgl 30^5. 
und Thilo und Lipsius. — cüv Ttji 
CüJVTi irveÜMait, als drittes Objekt, 
etwa: f^M Ll»^ tp^]*^«. Wenn der 
gleichen stand, warum hätte es Syrer 
verändern soUen? Oder — ^ erfüllt 
vom lebenden Geiste, mit Hib'e des., 
preiset: ähnlich oft in Pistis 5ophta 
36,30. 103,8. Der Geist ist bei den 
Gnostikem selten individuell, weit 
häufiger die Bewegung des Offen- 
baruTigslichtes. Woher der Ausdruck 
TÖ Ciiiv TTVtOna? Im N.T. heilet tö 
TTVtu^a Tfjc iujfjc (Rom 8.2. Apoc Job 
11,11) ZtuOTioioOv Joh 6,63, sofern er 
fniiiata t- Ttviö^a koI lwr\ vertritt. 
Man sagt XoTift £«jvt« Act 7.58 und 
Zöiv 6 XÖTOC Toö Ö€oO Heb 4,12. T6 
Ziüv TTVeuji« folgt entweder letzterer 
Analogie oder^ als der Mutter beider, 
dem aramäischen Gebrauch, wontach 
IWL lebendige = Lebengebende (Heb- 
amme) ist. Aphraates —,1, 1 f.,^*« 



G. HoffmaDD, Zwei Hymnen der Tbomasakten. 309 

Ass. Bibl. or. 1,238 Um i.H«t. Aus 
dem aramäischen Westen haben die 
Manichäer (Archel. et Manet disp. 
C. vii ed. Routh, Rel. sacr. 1818. 4 
p. 155 vgl. Thilo Act Thom p. iji) 
den Ausdruck entlehnt. Der gute 
Vater sendet dem Ersten Menschen, 
als er im Kampf mit den Ar- 
chonten der Finsternis zu erliegen 
droht, als eine zweite Emanation tö 
löiv irveOjiO, welches jenem dieRechte 
gab und ihn aus der Finsternis empor- 
trug; darnach ordnete er die Welt 
im guten Sinne. Ruh al-hajät, F"ihrist 
329,29. 31. Das scheint in höherer 
Potenz der Geist, der sich bei der 
Taufe auf Christus herabgelassen, 
durch den Christus weiter wirict. Für 
die Person dieses Geistes spricht 
vielleicht die Voranstellung von Mv 
wie in 6 Mv nttTf\p Joh 6,57 (anders 
Rom 7,2). Dann könnte er im Ijede 
des Thomas doch den Sohn vertreten. 
Vgl. sonst Thilo und Lipstus. 



lAbfiehlonoi ■m »j. Mar. igoj]- 



Die Blass'sche Hypothese und die Textgeschichte. 

Von W. Bnut in H&rslcirchcn {Eliäl^J. 

Im Jalirc 1894 hat Friedricli Blaß eine Hypothese aufgestellt, welche 
das vieldiskuticrtc Verhältnis zwischen den bisher in der Textkritik allda 
niaßgebendea orientalischen Codd. (kAB) und der im sog. westwa 
text (D, d. flor. syi* gig. min 137. sahid etc.) erstandenen occidentalischea 
und aJtorientalischen Textgestalt am Hauptdiflerenzpunkt, der Apostel- 
geschichte, endgiiltig erklaren sollte. Qlal^ meinte, das Geheimnb der 
Textverschied&ßhcit zwischen dem western text oder ß und dem Ma- 
juskeltext oder (t ergründet zu haben mit der These, ß verliielte sich m 
a wie die weitschweifigere stilistisch mangelhaftere Kladde zu der 
knapper gefaßten stilistisch gefeilten Reinschrift desselben Werkes durch 
denselben Verfasser. Da aber an der Wiege der neuen Hypothese nicht 
nur die wiäsenscliaftUche Erkenntnis verschiedener Textge-Stalten, sondern 
auch theologisch reaktionäres Interesse als Fathe gestanden hat, so 
glaubte Blaß, in derselben vornehmlich auf Gmnd der Text Verschieden- 
heit in 11, 27.28 einen Beweis für die von der modernen Theologe 
bestrittene Abfassung der Apostelgeschichte durch den PauJusschüler 
Lukas gefunden zu haben. Von der Apostelgeschichte hat Bla& seine 
Forschungen auch auf das Lukasevangelium ausgedehnt und dort das- 
selbe Verhältnis nur in umgekehrter Form festgestellt, insofern der a-Text 
des EvangeEium die Kladde, der p-Text die^Reinschrift des Lukas biete. 
Doch erhielt hier gleich anfangs seine Hypothese eine Einschränkung. 
Denn der Textbestand enthüllte an Stellen wie 22, 43.44: 23, 17. 34a 
Differenzen zwischen B und den übrigen a-Zeugen und ebenso 24, 51 
zwischen M und a, die den Text von B und K als einen nach ß diver- 
gierenden erscheinen lassen. Deshalb hatte Blaß schon früh den Text 
der besten a-Zeugen B und (* als allerdings der Grundschrift am nächsten 
stehende aber abkürzende Abschrift gelten lassen. Aber auch für die 
Apostelgeschichte ist er zu dem Zugeständnis gedrängt worden, daß B 



^^ 




W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Textgeschichte. 31I 

und a nur als zwei Abschriften der dahinter liegenden Gnindfonn zu 
betrachten seien. Bei einer Kritik der Blaü'schen Hypothese wird es 
sich also nicht mehr um ß und- a als Kladde und Reinschrift handeln, 
sondern um das textkritische und vor allem textgeschichtliche Verhältnis 
der beiden Textfonnen a und ß. Dagegen aber wird jede Auseinander- 
setzung mit Blaß über diese Frage trotz alles sonstigen Schwankens 
folgende Funkte bei ihm als feststehend ansehen müssen: 

1. Die hinter ß und a zurückliegende Grundschrift hat den Paulus- 
schüler Lukas zum Verfasser auf Grund von ll, 27. 28. 

2. a und ß sind wahrscheinlich von Lukas selbst hei^estellte Ab- 
schriften, mindestens aber direkte Weiterentwicklung der Grundschrift 
durch genauere oder ungenauere Abschrift. 

3. Deshalb sind a und ß zwei in dch geschlossene, aus den Etnzel- 
zeugen herstellbare Textformen, die uns einen Rückschluß gestatten auf 
die Grundform. 

4. Von den beiden Abschriften ist für die Apostelgeschichte ß die 
ältere genauere, a die jüngere ungenauere, für das Evangelium Lucae 
umgekehrt a die ältere genauere, ß die jüngere ungenauere. 

Als erste Frage wollen wir uns deshalb vorlegen: Sind die Schlüsse, 
die Blaß aus Act 11, 2/. 28 für die Autorschaft des Lukas zieht, be- 
rechtigt? Das „wir" in 1 1, 27. 28 (cuvccrpa^^^vuiv ti^ ^^lüv) kann bloß 
Lukas nach Blaß' Meinung geschrieben haben. Einem spätem Autor 
könnte eine solche historische Feinheit, selbst wenn er die Tatsache 
antiochenischer Abstammung des Lukas kannte und sein Werk künstlich 
ab Werk des Paulusschülers Lukas ausgeben wollte, nicht ztJ^etraut 
werden. Aber das „wir" braucht ja gar nicht als Finesse eines Späteren 
gefaßt zu werden, wie man das „wir" in den Wirstücken auch nicht als 
solche betrachten wird. So gut wie dort kann auch 1 1, 27. 28 das „wir", 
wie es schon genannt worden ist, eine „Quellenspur" aus dem Tagebuch 
des Lukas sein. Sie kann vom späteren Redaktor der Apostelgeschichte 
bei der Niederschrift aufgenommen, später aber samt dem Satzteil in 
dem sie stand, ausgestoßen worden sein. Jedenfalls ergibt sich, selbst 
die Echtheit und Ursprunglichkeit von 11, 27.28 in der ß-Form an- 
genommen, aus dieser Stelle nur für den Paulusgenossen und Verfasser 
des Wirberichts Lukas, daß er Antiochener war und sein Tagebuch bis 
in jene Zeit zurückreichte, niemals aber ein Anhalt dafür, daß derselbe 
Lukas Autor der uns vorliegenden Apostelgeschichte war. Außerdem 
aber hat Hamack den ß-Text von it, 27. 28 angegriffen, fjv bi TZo\\i\ 
dToXXIacic als einen der vielfach vorkommenden und für ß charakteristi- 



3W 



sehen auspiaknden Zusatz«, das „wir' als dem ZiisAmnu^ihange frood 
nachgewiesen. Und wenn nian auch Hamacks Vefxmitung nicht billigt 
dab das ^^lüv aus aÜTÜv entstanden sei, &o läit eS sich um so bcsscf 
aus einem iiaeT]Twv erklären. Es ist deshaU> nicht ratlich, auf tt-, 27. Ü 
einen solch weiltragenden Schluß zu bauen. Das Gldcbc gilt von ein- 
wandrreien guten Notizen und Daten, die sich in ß finden wie 19, 9; 
20, 15; 12, 10. Auch sie können bestenfalls nur aus dem Tagebuch 
des Luka^ entnommene (bei 12, to ist das sc^ar recht zweifelbart) 
Daten sein. 

Nun kämen wir zur zweiten Frage: Können die beiden Tcxtfonnen 
ci und ß als zwei direkte Abschriften derselben Grundfoem gedacht werdea? 
oder in andern Worten: Lassen sich die EigentünJichkciten des ß-Textcs 
mit dem übrigen (a) Text sprachlich und sachlich vereinigen? BlaC hat 
diese Annahme zu beweisen gesucht durch die Identität des Sprach- 
gebrauchs und des Sinnes. Corssen und Gercke haben dagegen Identität 
des Sprachgebrauchs geleugnet und auf die gro&e Anzahl von WörtemJ 
hingewiesen, welche die Sonderlesarten von ß, sowohl den Lukasschriftea 
als auch dem NT im ganzen gegenüber Tur sich aJJein habeo. So i. B. 
stellt ß 10, 24 gegen sonstigen [ukanischen Sprachgebrauch ncpi^^vciv 
absolut (I, 4 nicht absolut gebraucht), npocerri^^'v f\ 6tacaq)dv lo^ 25 
sind auch nicht lukanisch; und KaTavtdiu wird ii„2 ß mit dem Dativ 
statt wie sonst (16, r; 18, 19,24; 20. 15; 21,7; 25, 13; 2Ö, 7 etc.) bei 
Lukas mit de c. Acc. konstruiert Auch voeiv (16, 10 ß) ist nach Blaftl 
selbst nicht lukanisch. Desgleichen finden sich Wörter wie ^v^ytia 
(toö Ofcoü) Act 4, 24, öiiiKpicic 4, 32. ßa6n6c 12, 10. KaroXXäcconm 
12, 22. fffiTUTX'iviu 13, 29, ^iffö^uJC 15, 4 etc. sonst nicht bei Lukas, 
sondern nur in der Bricfütcratur vereinzelt. Worter wie tö ÖEtAuöv Act 
3,1. CüV€>cttop<v£c9ai 3, n. TÜpctwoc 5, 39. &iaXij*nävuj 8, 24. dKoucröc 
II, I. ^favoJTtii 12, lö. ^mXd^TTElv 12, 7. dväX\Ec6m 14, 10. dTnicpdZui 
16, 39. ftiiCTopfuj 17, 23. Amö<puAoc 18, 2. KaTaßoäv 18, 13. ^TfinB^vtn' 
18, 4. cuvTexvtric 19, 25 etc. sind sowohl den übrigen Lukastexten wie 
dem NT gegenüber Sondergut der ß-Slücke. Dagegen hat ß aber auch 
wieder manche nur im lukanischen Sprachschatz nachweisbare Wörter; 
dvTO^eaX^ieiv Act 6, jo (27, 15 a). dmcTipiEuj n, 2; 20, 7 (14. 14, 23, 
15,32,41; 18,23 0). cuvxuvui 11,25 (2, 6j 9,22 etc. 0). ^KT^veia 12.5 
(26, 7 a). ÄXXöqjuXoc 13. 19 (10, 28 a). KaTÜcxecic 13. 33; 20, 16 (7. 5. 
4S a) KoXXciojiat 14, 4 {7 mal in a). tfHCXupiZojiai 15. 2; Lc 22, 59 (Act 
I2j Ig a), KQTfpxOMOi Act 17, I (sonst Act l^mal Evg 2mal dazw Jac 3, 
15). Ttpocnoidcdai 18, 17 (Lc 24, 28 q) ^rnttn^J^tv iS, 27 (nur in 




W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Textgcscbichie. 313 

Acta Vorkommend 2, lO; r?, 21 etc). ivicxOu) ig, 20 (Evg 22, 43; 
Act 9, ig a). dcndlojjai 20, i (2i, 6 a). & hat also sehr viel lexikalisches 
Sondergut, dafür aber auch sehr viel spezifisch lukanisches Sprachmaterial. 
Überhaupt ist der Sprachgebrauch nie eine sichere Norm. Bei ihm 
kann Zufall oder, wenn der Autor in Zwischenräumen geschrieben und 
konigiert hat, andere Lektüre sprachlich von Einfluß gewesen sein. Gar 
Beobachtungen, wie sie Corssen gemacht hat, daß in ß die Partikel 
TÖTC unverhältnismäßig oft gebraucht sei, eOöcluc dagegen übet^angen 
w«rde, oder die Wendung frf^veTO mit Inf. wenig beliebt sei, können 
nicht mal^gebend sein für Bestimmung der Identität oder Nichtidentität 
des Autors, weil sie keine ß allein und zwar im Gegensatz zu a cha- 
rakterisierende Eigentümlichkeiten bieten, sondern nur ein Mehr oder 
Minder des Gebrauchs konstatieren. 

Mehr läßt sich dagegen entnehmen aus der Gegenüberstellung der 
beiden Textformen dem Sinne nach. Es gtebt Stellen, wo die Eigen- 
tümlichkeiten von ß nur Ergänzungen, deutlichere Ausfilhning des a- Textes 
enthalten z, B, Act 21, I5f.; 16, 35. Aber es giebt auch Stellen, wo 
der Sinn beider Textformen von Grund aus verschieden ist. 15. 2 erzählt 
a von einem Streit, der sich zwischen in die antiochische Gemeinde ein- 
gedrungenen Judenchristen und Paulus über die Beschneidungsfrage er- 
hoben hatte. Darauf sendet die Gemeinde Paulus und Barnabas nach 
Jerusalem zwecks Einigung über die Streitfrage mit den Altaposteln. In ß 
dagegen wird Paulus und Barnabas von den Eindringlingen, die hier „,von 
der Sekte der Pharisäer" heißen, einfach nach Jerusalem zitiert zur Ver- 
antwortung wegen falscher Lehre. Ebenso wird 18, 24f, in a von einem 
spontanen Entschluß des Apollos zur Reise nach Achaja erzahlt, in ß 
dagegen von einer Anregung, die ihm in Ephesus anwesende Korinther 
geben. 24, 27 erzählt a, daß Felix den Paulus tn Gefangenschaft ließ, 
um den Juden, in ß dagegen, um seinem Weibe Drusilla einen GefaUen 
zu tun. In 18, I — 27 ist durch Harnack nachgewiesen, daß der ß-Text 
eine ganz andere Auffassung von der Stellung der Frau Priscilla in der 
Missionstätigikeit des Paulus hat, als a. Am deutlichsten ist aber der 
sachliche Unterschied in der Fassung des Aposteldekrets Act 15, 20. 2g. 
Hier hat sich selbst ein so treuer Anhänger von Blaß wie Th. Zahn auf 
die Dauer der Erkenntnis nicht verschließen können, daß wir es mit 
diametral verschiedenen Formen desselben zu tun haben. Aber wenn 
er nun den uns vorliegenden ß-Text als eine Entstellung des echten 
ß-Textes, der in der Richtung von a gelegen habe, hinstellen will, so 
ist das unrichtig, trägt auch zu sehr den Stempel der Tendenz an sich. 





3U 



W. Eimst, Die BU'kIw ÜTpothcce nad die TeitErescbichte. 



EbtM dasadbt gik von dem Vosucbe Blaß', b«td« Formen als eigeoüich 
dissdbe sagend n encisen. Tacian und T«rtuUian haben die ß-Fonii 
des DdcKts nicht nußrersUadea oder ad boc in ihrem Wottsiim ab- 
sichtLch revdrelit. soodeni sie haben sie so verstanden, wie man sie 
damals allgemein ^xrstaiid ond auch beute verstehen muß, wenn maa 
vonuteilsfrci an äe herantritt. Darin hat Hamack durchaiis recht, wem 
er in ß den charakteristischen Ausdruck einer besdmmten a entgegen- 
gesetzten Vorstellang des Apostetdekrets sieht. In a i^t dasselbe ein 
jüdisch ' ceremonialgesetdiches, in ß ein moralisttsches Statut, Danach 
ist die Frage nach sachlicher Identität der beiden Textfonnen a und 3 
für die Apostelgesciuchte durchaus negativ xm beantworten. Da& untct 
solchen Umbinden nicht daran cu denken ist, dafi a und ß zift-ei Ab- 
schriften durch den Verfasser sdbst scien^ ist klar. 

Anders ist es dagegen im Evg Lucae. Sowohl die Textdifferenien. 
welche B (und M) von a als diejeügen. die ß selbst von a unterschddeo. 
sind nirgends deran. dafi sie verschiedene Auffassung oder verschiedenen 
Sachverhalt voraussetzen. So bt es nüt 33, 43, 44; 23, r/, die in o 
fehlen; in 3J, 34a, wo das: Vater veigib ihnen in B K* D gegen ä fdilt. 
Auch in der Geschichte von Maria und Martha, von der Sendung der 
Jünger nach der Esdta. von der Venrcrfung Jesu durch die Samariter 
und dem Zorn der Donnersöhne ; ja sc^ar in der Geschichte von der 
groben Sünderin läßt sich in a und ß wirklich verschiedene AufTassung 
und Pointe nicht nachweisen. Auf das Wesen solcher DifilerenzeD 
kommen wir später noch näher xoriick. 

Wir kommen nun zum dritten Punlct: Sind a und ß zwei in sich 
geschlossene Textfonnen? Die Blaß'sche Hypothese trat in die Welt 
mit dem Anspruch, das verwirrte Labyrinth der Textvarianten mit einem 
Schlage lösen zu können. Das war nur möglich unter der Votaus- 
setzung, diu an den Te.xten der neutestamcntlichen Schriften keine 
absichÜiclien. dogmatisch oder sonstwie orientierten willkürliclien Ver- 
änderungen späteren Datums vorgenommen worden seien. Es gab nach 
Blal^ wohl zufallige Textfchler, höchstens Kontaminationen und Ver- 
mischung der einzelnen Texte untereinander, aber keine Interpol ationeft 
Deshalb meinte Blaß auch in den verschiedenen Zeugen von a und ß 
in sich geschlossene Textfonnen o und ß vor sich zu haben, aus denen 
sich für Apostelgeschichte natürlich am besten aus ß, Tut Lc aus a ohne 
viel Schwierigkeit die autlientische Grundform wiederherstellen lassen 
müßte. Aber aEl das waren Voraussetzungen, die Blau selbst nicht 
festhalten konnte. In Act 7. 2 niuUtc er rugebcn, daß der Text der 



W. Ernst, Die Bla&'sche Hjrpotliese und die Textgeschichte. 315 



meisten ß-Zeugen Interpolation sei und Lc 2, 41, welches sowohl in 
a wie D steht, schaltet er ebenfalls als Interpolation aus. Damit ist 
prinzipiell auch bä ihm die Möglichkeit willkürlicher Eingriffe in den 
Text zugestanden. Dann gibt es aber auch keine Möglichkeit, Inter- 
polation von ursprünglichem Text, gutes von schlechtem Textmaterial 
sicher zu scheiden, also auch keine Möglichkeit, aus der Masse der 
Varianten von a und ß den wirklichen hinter ihnen liegenden Grundtext 
herzustellen. Ist es doch nicht einmal möglich, einen Text der ß-Lesart 
zu geben. Das zeigt uns Blaß selbst in seinen Textausgaben sowohl 
der Editio major und minor für die Act, wie in der Textausgabe des 
Lucae. Die ß -Zeugen sind nun einmal nicht einheitlich. Bloß im 
allgemeinen können sie in der Apostelgeschichte so genannt werden, 
insofern sie einen breiteren, längeren Text bieten. Im einzelnen dagegen 
differieren sie stark. D hat einen weit ausgesponnenen Text, Floria- 
censis und Irenäus neigen ihm gegenüber, wie Bousset für ersteren 
<Act 14, 8. 12. 15, 18; 2, 13; 9, 12), Hilgenfeld für letzteren nachgewiesen 
haben, mehr zur Kürzung bei im übrigen gleichen Textinbalt. Wie groß 
der Unterschied zwischen den ß -Texten ist, kann man an 14, 19 oder 
20, 3 erkennen. Dazu kommt, daß die Varianten von ß sich nicht 
überall in allen Zeugen finden, sondern manchmal nur in einem bis zweien. 
Besonders in Augustin (Act l, 5. 18. 23; 2, 7, 8) und Parisinus (7, 2) an 
einzelnen Stellen auch in D finden wir solche Einzelvarianten. Dadurch 
erldärt sich dann die Ratlosigkeit von Blaß, wenn er den Text herstellen 
soll. Häußg muß er ihn sich bilden durch Eigenmächtigkeit in der 
Wahl der Lesarten (Act 5, 31 in ß gegen D. ^g. flor. Iren, sahid 
btii^ statt böSij. 18, 7 in ß ^KeiSev aus a übernommen gegen Flor. Min. 
137 D die dTiö T. A. haben; 18, iSff. lehnt Blaß den Sinn von ß resp. 
den Zusatz in 21 6« ^e ttqvtujc etc. gegen D H L P syr""- Gig. etc. ab) oder 
durch Konjektur (Act 20, 3). Noch deutlicher wird die Schwierigkeit der 
Textherstellung durch die Vergleichung der Editio major und Editio minor. 
Während Blaß in ersterer sich vorwiegend auf D gig. flor. etc. stützt, 
stellt er in letzterer den Text her unter ausschlaggebender Autorität von 
Parisinus Proven^alis Wemigerodensis. Daraus ergeben sich verschiedene 
Texte wie 12, 25; 18, 55; 9, 39; lO, 2Ö; 8, 5; 16, 6; 7, 2. Am allerdeut- 
lichsten tritt der klaffende Unterschied innerhalb der p-2^gen zutage 
bei einem Vergleich zwischen dem durch Blaß und dem durch Hilgen- 
feld hergestellten ß-Text. Der eine folgt vorzüglich Flor, der andere D. 
Das ei^bt zwei Texte, die Bousset so grundverschieden nennt, wie a 
und ß selbst. Eine weitere Schwierigkeit in der Verwertung der ß-Zeugen 



3i6 



Vi. Ernst, Die Bla&'scbe Hnrnthc«« udd die Textgeschkht«. 



negt auch in der FjTtgf. ob die lateinischea (Flor.) besonders aber die 
otiestalbdKo Dbcfsettttogen genau sind oder nicht. Ebenso legt uns 
Kodex D stets ifie Frage vor, iafrieweit der lateinische d-Text vom 
^nechiscfaen D-Text abhängig ist und umgekehrt. Schon dadurch vei- 
Bert ß den Anspruch eine einheitliche, geschlossene Textform zu sein. 
Ein Urtj-pus, wie ihn Hi^cnfeld und Wendt statuieren, ist deshalb schon 
textkritisch unanndnnbar. Auch eine dh^ri^te Fortentwicklung des Textes 
\'on der Grundform m den einzebwn ß- Zeugen ist nur in starker Ein* 
schränkung wahrscheinlich. Jeder einzelne ß-Zeuge hat seine eigene 
Geschichte gehabt, wie (Kes fiir D wenigstens Weiß hinreichend stilistisch 
LWid sprachlich nad^ewitsen bat Bei der textgeschichtlichen Behand- 
lung der ß-Zeugea dürfen wir, wie Gercke ganz richtig; betont hat. nicht 
die Stammbaumtheoric allein anwenden, sondern müssen die sog. Wellen- 
thcorie heranziehen, d. h. die Möglichkeit der Überflutung gewisser 
Zeugen und Zeugenkreise durch lokale Traditionen und Interpolationen. 
Ganz deutlich zeigt sich solche Überflutung beim Evg Lucae teils durcii 
andere Evgg. <z. B. Lc 3, wo die Geschlechitafel Jesu in D in der 
Namenreihe voUkcmnoen an Mt angeglichen ist, 11, 2 fr,, vro D statt 
, S Bitten in n deren sovicle hat wie Mt, oder 1 1. 2, wo D hinter npottv- 
fx<1<^ einen Mt 6,7 parallelen Zusatx bat), teils durch besondere Tradi- 
tionen (wie 6, 5 in D). 

Dasselbe lehrt uns auch dfe Qualität der Eigentümlichkeiten von ß. 
Mannigfache Motive und Tendenzen sind es gewesen, die sie her^'cr- 
gerufen habei>. Zunächst Mißverständnisse: 18, 7 hat D* min 137, Flor. 
diT6 T. 'AkuXq statt ixeiOtv {a). In a handelt es steh um Auszug da 
Paulus aus der S>*nagoge, in ß um Änderung der Wohnung, was ohne 
5inn ist. 18, 22 'wird das dvaßäc von ß miüvcrs ländlich statt auf Ca^iarea 
auf Jeni&aletu beSogen. deshalb in 21 die Bemerkung (ei jie iravrtuc etc. 
eingeführt mit der Notir 19. I, welche die sonst gar nicht existierende 
Reise in einen auf höheren Befehl aufgegebenen Reiseplan verwandelt. — 
An andern Stellen zeigt ß das Streben auszumalen z. B. 2, 37; 3, 3. n ; 
4, l8; 10,23; "-25; 14, 19; 15, 12; 16, I. Das Streben breitere Übcr- 
L gänge 2u schaffen verrät sich besonders S. 6, wo; hIjc bi Fjkouev ohne 
[ Rücksicht auf öpoöunahöv ^v tut dicoueiv eingeschoben wurde. Hierher 
gehört auch, ■wie Hainack nachgewiesen hat 11, 27. 28 fiy hk noXXf\ 
dTti^^iociC'euvcCTpOMM^vufV 6M>n«v. Iß Evg Lucae wären zu envähnea 
z, 41 ; 5. 27; 7, i; 13, 7, 8; 22, 51. — Vielfach nimmt diese ausmalende 
Tendenz auch den Charakter der Verdeutlichung oder des vermeintHchen 
Ausgleichs voriiandencr Widerspruche an. So ist ij. 2 ß der Versncli 



■-•- 



I 

I 



I 

I 

I 



einen Widerspruch ausaugleichen zwischen der Absendung des Paulus 
und Bamabas zwecks Einholung des Urteils der Apostel und der dann 
in Jerusalem von der Sekte der Pharisäer erst ausgehenden Auseinander- 
setzung über die strittigen Fragen. In ähnlicher Weise ist lo, 25 ein 
Ausgleichsversueh innerhalb der Comeliusgeschichte. Das Gleiche finden 
wir in der Erzählung der Gefangennahme des Paulus in Fhilippi Act 16, 
36f., sowie wahrscheinlich in der Mnasongeschichte 21, 15, — Dazu 
kommen Veränderungen rein tendenziöser Art Hierher zahlen die Ein- 
grübe des Geistes in der Geschichte statt des einfachen überlegten Ent- 
schlusses der handelnden Personen z, B. 19, i; zo, 3. Pfleiderer Urchrist. 
I , 517 Anm, hat hier D den urspriinghchen Text zugesprochen, der 
dann als zu enthusiastisch geändert worden sei. Aber der O'Text ist 
gut, klar und natürlicher als ß. Paulus will einem drohenden jüdischen 
Anschlag ausweichen, indem er seine Reiseroute von Hellas nach Syrien 
durch einen Umweg über Macedonien ändert. Der ß-TeXt dagegen 
läßt Paulus gerade das Unvernünftige wollen und erst auf Befehl des 
Geistes das Vernünftige tun. In 18, i — 27 ist ß nur eine Spiegelung der 
späteren Tendenz, die Frauen und nicht amtlichen Elemente der Ge- 
meinde von der aktiven kirchlichen Tätigkeit wegzudrängen. In 15, 20, 29 
gibt uns ß eine mit der paulinischen Zeit und ihren Kontroversen un- 
bekannte, moralgesetzhch interessierte Auffassung des Aposteldekrets. — 
So können wir also nicht nur der Verschiedenheit der ß-Eeugen, sondern 
auch der Verschiedenheit der Tendenzen wegen, die an ihm tätig waren, 
in ß einen einheitlichen Test nicht anerkennen. Darum ist auch die 
Corssensche Theorie, die ß als die Montanistenbibel, als die Rezension 
des Montanismus bezeichnet, nicht annehmbar, zumal wenn man bedenkt, 
daß der mit den kirchlichen Organen im Kampfe liegende und schließlich 
unterliegende Montanismus kaum je so mächtig war, daü er den Kirchen 
des Abendlandes, Ägyptens, Syriens seinen Text hätte aufoktroyieren 
können. Auch hätte Tertullian mit einem als montanistische Tendenz- 
änderung bekannten Text nie erwarten können, Katlioliker für seine 
Meinung zu gewinnen. Es ist deshalb eher anzunehmen, daß der ß-Text 
von ig, 20. 39 vor dem Auftreten des Montanismus in der altkathoüschen 
Kirche bestanden hat Wie, wo, wann die einzelnen Varianten von ß 
entstanden sind, laßt sich genau nicht sagen. Die Masse derselben ist 
der Zeit und dem Ort nach verschiedener Abkunft 

Aber auch der a-Text ist nicht eine einheitliche, geschlossene Text- 
form. Auch er hat scwchl in den einzelnen Zeugen als auch im ganzen 
seine Geschichte gehabt Das beweist uns das Verhältnis von B und 



k 



J 



3l8 W. Er an. Die B l at'sche Hypothek and die Tettg^"'^^^'*«e. 

H zu den anderen a-Zeugen m 22, 43. 44; 23, 17; 24, 5 1. DtaKsr: 
auch eine ganze Anzahl Stellen , wo auch er tmldar. lät3BaAa&. ver- 
stümmelt ist Z. B, Evg Lucae i, 63, 64; 7, 47 ; 23, 50; Act 7. i; 15. 3s— 
40; IS. 2 (S); >8. »9i »ft I4f-: », 4; 24, 5—8. 

Nun bliebe noch die letzte Frage: ^Me veriialten sädt o vuS ^ s:r- 
lich zu einander? Wir wollen hier drei ziemlich feste Etkrsxss^e 
vorausschicken: i. a wie es uns vorliegt, ist die abschScCesade Tai- 
mension des 4. Jahrhunderts. 2. vor dieser beldagit sid Ong^as 
über den durch Wucherungen und dogmatische Andcns^en cn- 
stellten Text der neutestamentUchen Bücher. 3. Hamack hat dszxx 
hingewiesen, da& in in der alten Zeit die Texte eher dsnii ^jr?»^ 
vermehrt als durch Abstriche geküfzt worden ancL Abgcsctva tcb 
zufälligen Verstümmelungen wie Act 24, 5 — 8 in a sind Kuiziii^cn stes 
das Werte textkrittscher Arbeit, nicht Arbeit der in der 'VoOksisääc 
zeltenden Bedürfnisse. Von hier aus läßt sich nun über das Vexhähiiis 
von a und ß folgendes sagen. Wir haben festgestdit, dafi ß bieiEei e u. 
auflgeschmUckteren Text hat, daß sich in ihm Spuren xnamügäcäef 
Wucherungen und Tendenzanderungen finden, ß wird also wafarscbec- 
lich als der in der Volksldrche verwilderte Text zn betiatditen säs. 
über den sich Origenes beklagt Dieselben Eigentümlichkeiten wie ä 
der Apostelgeschichte zeigt ja auch der Textbestand der übrigen oe'j- 
teatamcntlichen Bücher in der ß-Form. Vgl Mt 20, 28; 24, 31. 41: 17, 
12. 13; Mc 10, 23f, Der Text der Apostelgeschichte ist besonder von 
Erweiterungen betroßen worden, weil sie erst spat kanonisteit worden 
ist und ihr Inhalt der freien Gestaltungskraft mehr Freiheit lieC als die 
I-cben und Worte Jesu enthaltenden Evgg. Die Reden in der Apostel- 
geschichte sind wieder weniger betroffen worden wie die Erzählimgs- 
stücJce, weil sie nicht durch lebendige Tradition ergänzt worden sind, 
wie jedenfalls die Lebensschicksale des großen Apostels. Die Tatsache, 
daß ICvg Lucae an manchen Stellen in ß Abkürzungen enthält, ist nicht 
im BIaQ'schen Sinne zu deuten, daß die ß-Form a gegenüber sekundär 
und abgeglättet sei, sondern erklärt sich wahrscheinlich aus dem EjnfluC 
der Tatianschen Evangelienhannonie, die ja auch sonst der freien Be- 
handlung der Evg^exte Vorschub geleistet hat Das zeigen uns 
Kürzungen, die der ß-Text auch anderer Ev^ enthält: Mc 2, 26. 27: 5. 
5. 17. 22 etc. — Daß die Eigentümlichkeiten des ß -Textes sekundärer 
Natur sind, läßt sich an vielen Stellen außer aus sachlichen Gründen 
auch aus der schlechten stilistischen Verknüpfung derselben mit dem 
übr^en Text entnehmen. Vgl. z. B. Act 8, 6; 14, 2 (aörok — Korä öikcuuiv) 



W. Ernst, Die BlaO'sche Hypothese und die Textgesclüchte. 319 



15, 2. 5: 15. 20, 29 (Schlußformel) 16, 37 (dvairtouc). — Nun ist aber auch 
a nicht die Grundform des Textes, sondern an vielen Orten nur der 
Versuch, aus dem Wust der Lesarten durch textkritische Arbeit einen 
annehmbaren Text herzustellen. Dieser Versuch ist dazu noch häufig 
mißlungen. Solche Stellen, wo der ß-Text unklar geworden und der 
a-Text nicht besser ist, sind: l, iff. Hilgenfeld hat gemeint, die Ver- 
wirrung sei hier schon im Urtext vorhanden gewesen, sei Schuld des 
Autors, der die Quellenschrift TtpdSeic toO TTaiiXou vorfand und deren 
Eingang zur Einleitung von irpdftic täv diiocröXujv umwandeln wollte. 
Diese Eridäning ist und bleibt zweifelhaft, zumal bei einem Autor, 
der so gut griechisch zu schreiben verstand wie der Autor ad Theo- 
philum (vgl. Lc i, i — 4). Wie ursprünglich hier gestanden hat und wie 
dieser Text später verdorben worden ist, läßt steh nicht sagen. Nur 
bleibt sicher, daß a mit der Ausscheidung von kqI dx^Xeucc und der 
Verstellung von dveXyimpen sich als Versuch kennzeichnet, einen ordent- 
lichen Text zu konstruieren. Ebenso ist es 20, 3. Dort hat der ß-Text 
gar kein Verbum finitum, wohl aber die Bemerkung zu p£XXovToc bk 
Ifidvat: M^Xpi TTJc 'Aclac, was wohl den Anlaß zu der Textverwinung ge- 
geben hat, indem sie vom Rande eindringend, das Hauptverbum, mit 
dem sie im Sinne nicht harmonierte, verdrängte, worauf in a wieder 
versucht wurde, Ordnung zu schaffen. — Also ist a aus ß d. h. aus dem 
Gewirr der Lesarten, die sich im Laufe der Zeit an verschiedenen Orten 
gebildet und miteinander vermischt hatten, durch Textrezension entstanden. 
Damit soll freilich nicht gesagt sein, daß ß immer schlecht und minder- 
wertig wäre. Nach unserer Auffassung, die in a nicht die authentische 
Uribrm anerkennt, läßt sich aus a kein absolut sicherer Maßstab ftir das 
gewinnen, was der Autor selbst geschrieben hat und was späterer 
Zusatz ist Gewiß ist jedenfalls, daß das Sondeigut von ß in sehr alter 
Zeit schon sich gebildet hat, wie einmal die frühe Bezeugung vieler 
Varianten, dann auch z. B. die Fassung von 15, 20, 29, die sicher vor- 
montanistiscb ist, beweist Stellen wie Act 5, 36; 12, lO; 20, 15; 21, u 
Lc I, 63. 64; 9> 55 ^^^- sind wahrscheinlich sogar authentisch. Auch 
mag uns ß außerdem noch andere wichtige gute Notizen aufbewahrt 
haben, die in der mündlichen Tradition lebten wie Lc 6, 5, die 
dann mit vieler Spreu von a wieder ausgemerzt worden sind. Nur bei 
solcher Beurteilung können wir den ß-Lesarten vorurteilsfrei gegenüber- 
stehen, ohne sie ä tout prix zu verwerfen. Es handelt sich vielmehr 
darum, aus den vielen Lesarten, die ß bietet, die wertvollen zu sondern. 
Dadurch kann die Textkritik nur gewinnen. Das gewährt uns femer 



320 W. Ernst, Die Blaß'sche Hypothese und die Text^eschiclite. 

wertvolle Einblicke in die Entwicklung der neutestamentlichen Texte, 
sowie in dogmatisch und kulturell wichtige Entwicklungsphasen des Ur- 
christentums, wie uns sowohl 15, 20. 29 als 18, i — 27 zeigt Das ist das 
unumstößliche, freilich unfreiwillige Verdienst von Blau um die Tart- 
geschichte, da& er uns dieses weite Gebiet eröffnet und den AnstoC zu 
seiner Fruchtbarmachung gegeben hat. 

Zum Schlüsse sei das textgeschichtliche Fazit des Vorhergehenden 
noch einmal kurz gezogen: i. der Verfasser von £vg Lucae und Apostel- 
geschichte schrieb seine Werke. Dieselben wurden in der damals üb- 
lichen Weise vervielfältigt. Schon dabei mögen gewisse Abweichungen 
vom Urtext vot^ekommen sein. 2. In späterer Zeit unterlagen die Texte 
dieser Weriie denselben Einflüssen und Schicksalen, denen alle neu- 
testamentlichen Texte vor der Kanonisiening ausgesetzt waren, wie das 
auch die übrigen in Cod. D etc. vereinigten Texte zeigeiu Schon zur 
Zeit des Origenes war die Verwirrung groß, die Herstellung des Urtextes 
schwer. 3. Mehrfach, zuletzt in dem uns voriiegenden o-Text ist der 
textkritische Versuch einer endgültigen Normierung des Textes gemacht 
worden. Nach welchen Maßstäben diese Rezension gemacht wurde, 
kann nicht sicher festgestellt werden. Doch ist wahrscheinlich, daß dabei 
eine im Orient erhaltene, einfachere Textgestalt zugrunde gelegt worden 
ist Die Textform ß ist also so, wie wir sie haben, trotz mancher guten 
Daten durchaus sekundär. Die Textform a ist gegenüber ß fonoeU, 
d. h. in heutiger Form sekundär, materiell dagegen unstreitig primär. 



[AbfocMouea wn 13. Nof. tfoyl 



A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrief des Clemens Romanus. 321 



Zum sog. a. Korintherbrief des Clemens Romanus. 

Von Andrea« Freihenm Di Pauli in Boten. 

Ein noch ungelöstes Problem der altchristlichen Literaturgeschichte 
bietet der 2. Korintherbrief des aemens Romanus. Die erstmalige Er- 
wähnung findet dieses Schriftstück bei Euseb* H. E. 3, 38, 4: 'Icrfeov 6'Äc 
xat bcuT^pa Ttc elvai X^tcto "^oO KXfj^EVTOc ^mcroXn'oö ^i'|v ^d'ÖMofuic 
t5 npoTiptf. Kai Taiiniv TvifjpiMov imci&ji^Bij, ön \tT\bi toOc dpxaiouc ainf\ 
KCXPTlM^vouc fc^EV. Hamack (Chronologie I, 439) bemerkt zu dieser 
Stelle : „Ob ihn (den 2. ClemensbrieO Eusebius überhaupt selbst gesehen 
hat (beachte das „Tic" und „X^TCTai") ist mindestens fraglich; jedenfalls 
hat er ihn bei den Alten nicht benutzt gefunden und nicht für echt ge- 
halten." Ich glaube Hamack hierin nicht beistimmen zu können, doch 
gehen wir näher auf Eusebs Bemerkung ein. Offenbar will Euseb nidit 
sagen, daß der fragliche Brief nicht existiere und demzufolge er ihn 
auch nicht kenne, sondern nur seinen Zweifel aussprechen, daß dieser 
Brief Clemens zum Verfasser habe; es beweist dies zur Genüge seine 
Ausdrucksweise: . . . koI fttuT^pa Ttc elvai X^TCTai toO KX^imcvtcc imcroX/j. 
Demnach ist zu übersetzen: „Wisse, daß auch ein gewisser Brief als 
zweiter des Qemens gelten soll" und nicht: „Wisse, daß es auch einen 
zweiten Brief des Clemens geben soll." Der Unterschied beider Versionen 
hegt auf der Hand ; mit ersterer wird nur gezweifelt, ob der betreffende 
Brief wirklich von Clemens verfaßt sei, mit letzterer hingegen wird die 
Existenz eines Briefes, der von Clemens verfaßt sein soll, einfachhin in 
Abrede gestellt. Daß erstere Übersetzung die richtige sein muß, beweist 
das „Tic"; denn sonst ist es nicht erklärlich, warum Euseb nicht gesagt 
hat: ... Kai beuT^pa tlvai ktX. 

Es heißt weiter: oü Mf)v iff öfiofujc xQ irpoT^pCf Kai Toörnv -fViIipiMOv 
imcrdfieOa, Öti nr|bfe toüc dpxaiouc aÖT^ KexpiM^vouc Tcncv. Hieronymus 



' Die Hotic des Maximiu Confeuor, Prolegg. in open F. Dionfiii (p. xxxvi): 6 
'Qpi-T^vnc oÖK o\ba e{ ndv-nw, \i£K\C b£ Tcccolpiuv (Clemensbr.) ^vi^dii ist föglicb nidtt 
enut in nebmen, weil gans nnbestimntt Max. Conf. kannte mebrcie Qemenibriefe; 
das „olx oUxt" wirft anf den zweiten Teil de> Satnes ein übles LicbL 
ZeitiEhf. L d nmleic WUi. Jüxtg. IV. 190J. 21 



323 A. Di Pzoli., Znni wg. X K a i iaäu a b äaf des Orinr a v R a mjnm . 

(de vir. HL c 15). der auch, bienn zweif^ofaae am' Eoseb fiilit, bemerict; 
^ertur' et secunda. ex das (3C. Clementzs) oocitiae epistola, quae 3 
TeCeribos reprobatur." Ifiexonyntns ha£ des Gedanken Euschs im eisten 
Tdl des Satzes scharfer gefaßt als der gletch noc^ za erwähnende Rn&n. 
wenn er sagt: „Auch ein nreiter Brief ooter des Clemens Namen ist 
rm Umlanf ;" ärcÜich hat er im zweiten Ted oor die Konsequenz ans 
Eii^ebw Angabe von dem Nicfatgebcanäie des Briefes bei den Alten 
gezogen; doch auch in dem ..a ve&enbts reprobatur' liegt ein Zeugnis 
von der Existenz eines anter dem Namen des Clemens gehoidea 
Briefes. — Rnfin hat Eoseb ganz £ilscfa yerstandcn, wenn er übersetEl: 
^Dicitnr tarnen esse et aÜa Qementis epistola, ctnus nos notitiaffl 
noa accepimos." Im ersten Teil des Satzes tritt Rufin in Gegensati 
zu Eoseb and Hteronj-mos. im zwe it en Teil lafit er sich einen schwem 
übecsetzungsfdiler zn Schulden kommen oder besser, er giebt seio 
eigenes Urteil betreös des 2. Oemensbriefes ab. Wie wir sdien ist in 
diesem Falle Rufins Übersetzung ein Gemisch vfxi nbe^rober. man möchte 
fast sagen pedantischer Genauigkeit und nicht geringer Leichtfertigkeit; 
seine Notiz hat für uns höchstens pathologisches Interesse. 

BczügBch des i. Clemensbriefes sagt Euseb H. K. 3, 16: toutou hi\ 
oOv KXfuicvTOc ÖfioXovfo^EVTi ^ia ^hictoU^ v^pciu, mctöXti tc Kod emiftado. 
ffv ix. icnb Tfic 'Puf^oiuiv ^ncXridoc t^ KopnMunr bieTvnÜKaTO, crdceuK 
TTjnK&bt urrd ttjv KöptvOov fTVO^^vrtc Euseb hat äch hier allen Zweit'd. 
ob es noch einen zweiten Qemenstmef geben könnte entschlagen; meik- 
würdig aber klingt sein apodiktisches Urteil im Vergleich zu H. E. 3, 3S. 4. 

Bei näherem Zusehen jedoch wird äch herausstellen, daJj er keines- 
wegs in Widerspruch steht mit dem über den 2. Qemensbrief Gesagten. 
Ausschlaggebend scheint fiir Euseb auch bezüglich des l. Briefes die 
Anerkennung (öfioXourop^vri) des christlichen Altertums zusein; sodann 
vermag er ihm das Zeugnis ^.firnJAn tc un OauModa" auszustellen; vom 
zweiten Brief aber kann er nur konstatieren, daß von ihm bisher <£e 
Alten keinen Gebrauch' gemacht; daß Euseb sich nicht weiter über 
seinen Inhalt verbreite^ wie er es beim i. Qemensbrief getan, hat seinen 
Grund darin, daß er nicht ,jiex^n tc Kai emjftada" wie der Letztert 
ist, was auch Euseb stillschweigend zum Ausdruck bringt. Es spricht 

I Dm „fertnr*' entspricht dem von Ensebtns so oft gefannchten „qi^petoi**; es iil 
Bbrigeni gar nicht Misguchloiscn, daß Hieronyintis dea Brief lelbst gesehen hat. 

* Ztba hat recht, wenn nsch ihm „KCXpiV^vouC nicht Tcnrendnng in der litnrgie, 
■ondem tn der Beweiif&hning bedentet; fibethaupt gibt es manche SchriAwerke, di« 
tum ersten Haie bei Enseb Erwihnnng finden, deren Echtheit aber nichtsdestowvnifer 
fest steht. 



A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrier des Clemens Romuius. 323 

also diese Stelle nicht gegen unsere Aufstellung, sondern in gewisser 
Beziehung dafür. 

Einen weiteren Beweis kann man nach meinem Dafürhalten in der 
Überlieferung der beiden Briefe finden. Nachdem nämlich Lightfoot mit 
großer Wahrscheinlichkeit den Nachweis erbracht, daß der Archetypus 
des codex Alexandrinus um das Jahr 200 entstanden sei und daß dieser 
schon die Verbindung der beiden Briefe, wenn auch nicht als Clemens- 
briefe kannte, dieses Briefpaar aber schon im cod. Alex, unter des 
Clemens Namen stand, so kann man doch mit Recht schließen, daß 
Euseb beide Briefe gelesen hat und er mit seiner Notiz über den 
2. Qemensbrief uns den Anfang der Entstehung einer Tradition, an der 
später niemand Anstoß nahm, zeichnet Nach diesen Ausführungen ist 
es nicht „mindestens fraglich", sondern sogar höchst wahrscheinlich, um 
nicht zu sagen gewiß, daß Euseb auch den 2. Clemensbrief in den 
Händen gehabt und gelesen hat. — Gegen Lightfoot, der den Brief in 
Korinth zwischen izo — 140 entstanden sein laßt, wandte sich Hamack 
(a. a. O. 438 — 450), der es plausibel zu machen versuchte, daß der Brief 
vom römischen Bischof Soter (165/7 — ^73/5) verfaßt sei und stützt sich 
bei seiner Beweisführung hauptsächlich auf Euseb H. E. 4, 23, 9 ss: in 
ToO Aiovuciou kqI TTpöc 'PtuMoEouc ^mcToXi^ (p^pcrai, ^Tnocöniu ti^ t6t£ 

ZujTfipi TTpoccpunroOca Xija -jovv ■ Tf|v c^\xt^v oSv Kupiaxi^v äficiv 

^M^pav &iiit<Stom£v, *v § äv^fViuMiv önÄv -rf|v imcroXi^v, f^v KoMtv Äef 
iroTc dvafifvtOcKovTtc vouecTeTcÖai, tJic Kcd -rilv TTporipav ^^liv fciÄ KXi^- 
^EVTOC Tpaq;>eTcav. 

Hieraus kann gefolgert werden: 

1. Lesen die Korinther am Sonntage zwei römische Briefe und 
„schicken sich bereits an", wie Harnack treffend bemerkt, „die beiden 
römischen Schreiben als erstes und zweites zu zählen." 

2. Ist aus dem nachgestellten „voudeTEicdai" zu schließen, daß unser 
Brief hauptsächlich paränetischen Zwecken diente; auch scheint das 
erste römische Schreiben gegenüber dem zweiten vorläufig ganz in den 
Hintergrund getreten zu sein, was man aus der nebensächlich hin- 
geworfenen Notiz über den 1. Clemensbrief schließen kann. Es hat den 
Anschein, als ob letzterer nur vorgelesen wurde und nicht ausschließlich 
die Aufgabe zu ermahnen hatte. 

3. Sind sie gewillt, auch fUrderhin unser Schreiben als Ermahnui^ 
vorzulesen. * 



I Et wird doch selbstTentändlich sein, daß ein Schreiben eines rdmiichen Bischofs 
an eine andere Gemeinde hanptsächlich, wenn nicht ansschlielUich , den Zweck der 

21« 



^24 ^ •'• f'^'i'-' Z'isR »ay. x JCarat^erbctf ixt Cgggg^ gaiiianm 



»;vf vyt« wcJj bezieht. Mas äej« »ä <ä.Vr Tcr .ae At g gnjrive »essi 
entw>'>r bjU S'^ter licn Bnef cn Xaiprr: öer ricrifirttm t lrmcm i fe :c^ 
fatit '/'Jer d^ bnef hat utcrha^ Iceaae cabes? A.ii?«äinic Tchact. 3Ci 
^koer Krief wird «neneits gesaigt. dai öer Bna "ininüi-n ibg^^nc: 
worden, andererieils dsX er keinen besäx3£ec AJaeuc er g-ffhabt. iesc 
Krf)«t wt es mcht erlcUriich, warjoi Dsocvsib. als der Bcie' vcn. Scic 
veiiabt itt, nicht einfachbin Jl'etn Bhef" sag;, zana^ er hü=im' 7>x 
„T^ fipOTlpov ftuk KX^fuvTOC Tpa^öasr' sprcis. Dann aber isc es säa 
vr/n Mlh«t gegeben, dal« nicht ein eigeotädicr Brief aa «Se Kming 
aV^esandt w/rden i<t, sonflem eine Predigt, eöc H-anöic =nd isc üc 
auf dteK Weiie die Verbindung beider Schiifuacke a£s 

fhtäi KX^vroc) iTpöc KoptvOiouc a 
iipöc KopnrOiouc ß* 
auf» ifC^Xc erklart. 

Nach dem vollständigen Bekanntwerden des Schri£rstück-s d7= 
hrycnmjB erkannte man dessen wahren Charakter; es war fcei= Brei 
«tr/ndcm eine Predigt, eine Homilie, was schon früher DodweC und Ccüx 
aus dem vun Junius edierten Bruchstück erschlossen. Es fragt seh c=. 
vf'i wurde die Homilie verfaflt? Bei Beantwortung dieser Frage konae 
vor allem c, 7 in Hctracht. Es wird hier das Leben der Christen ad: 
einem Wettkiimi<fe verglichen und sagt bei dieser Gelegenheit der Ver- 
faB«t';r: AcTt eü>H€V Ti'iv öfeöv tViv €Ö&€iav, dTiüvo TÖv dtpeaptuv, wä 
noXXol cic aOT^v KaranXiücujpev Kai drumctüfieBa, Iva Koi crcqxrviu- 
9üfMcv . . . Man hat nun aus dem Umstände, dafi bei ^KOTcniXcüauMEv^ 
kcinn weitere IJcstimmung wie „de TÖv 'lc0(iÖv" oder „cic KöpivOov" steht 
gciK:lilus<)cn, duÜ die Homilie zu Korinth verfallt sei und daß ..koto- 
nMcwfitv" in dem Sinne zu denken sei, daß der am Aleeresstrand 
■tchcndc die Schific herabfahren sieht — zweifelsohne ist diese Deutung 
unrtclitig. Ucnn 1. ist es nicht denkbar, dafi mit „KaTorrXcOcuificv" eine 
bentinitntc Angabe betreffs des Ortes, wo die Spiele abgehalten wurden, 
einerlei ob „istlimische" oder „olympische", gemacht werden sollte- es 
Int dn» Bild vom Wettkampfe ein so geläufiges und der griechisch 
gebildeten Welt so nahe liegendes, dab unmöglich bei dessen Gebrauch 

„Vuii9Kt(a" verfolgt; in Iliiuicht hiertiaf wird man jedenfallt gnt ton, du nVDuOcTcIcSat'' 
nicht tn »hr lu nrgieren; kri der Pftrftllele „f|v Sofxev det itore &vcrnTvtifCicovT«c vou- 
OtTllcOai" mit a Qen 17, 3 kann daher nichti Zwiaeendei enchlonen werden. 



A. Di Pauli, Zum sog, 2. Korintherb rief des Clemens Romanus. 325 

etwas Sicheres bezüglich des Ortes der Abfassung unserer Homilie 
erschlossen werden kann. 2. deutet „Kai noXXoi eic aÖTÖv xaTanXtüciufiev" 
so sicher auf einen Sprecher außerhalb Griechenlands hin — denn 
warum sollte ein Korinther, der, wenn er von Spielen sprach, sicher 
doch an die isthmischen dachte, zu denselben „herunterschiffen"? Ein. 
Römer aber wird, wenn er eine Reise nach Griechenland antreten will, 
unbedingt sagen müssen „KaxaTrXeöcuJutv". 3. ein weiterer Beweis ist 
in den Worten „xai dTiuvtciüneeo, iva koi cxetpaviueürntv" („und kämpfen 
wir, daß auch wir gekrönt werden") zu suchen; so kann doch nur einer 
sprechen, wenn er auch den Wettkampf nur bildlich gebraucht, der an 
den sonstigen Spielen von rechtswegen aktiv keinen Anteil hat; also ein 
Ausländer, in unserem Falle ein Römer. 

Auch aus c. 8, worin Gott, der den Menschen schuf, mit einem 
Töpfer verglichen wird, der den Lehm in seiner Hand kunstvoll formt, 
könnte auf den korinthischen Ursprung unserer Homilie geschlossen 
werden; man wird jedoch dies billig in Abrede stellen müssen im Hin- 
blick auf die Beliebtheit des Bildes, das schon aus der Genesis allgemein 
bekannt war, wonach Gott den ersten Menschen aus Lehm schuf. 

Auf Grund dieser Ausführungen kann daher der Ursprung der Ho- 
milie außerhalb Griechenlands mit Sicherheit angenommen werden. Ein 
anderes Beweismoment für die Behauptung, daß unsere Homilie außer- 
halb Griechenlands abgefaßt sei, eröffnet sich aus der Anrede, die der 
Verfasser der Homilie gebraucht: d^EXqK){ (i, t; 4,3; 4,1, 5; 7,1; 
8,4; 10, I; II, 5; 13, I; 14, 1,3; 16, i); c. 19, I und c. 20, 2 jedoch heißt 
die Anrede: d&eX<pol xal dbeXipai. 

Wie hat man sich diese Änderung in der Anrede zu erklären? Aus 
Justin weiß man, daß der Bischof, nachdem der Vorleser seine Lesung 
beendet, mündlich einige Ermahnungsworte sprach, die selbstverständlich 
an das vorher Gelesene anknüpfen (Apol l, 67: Eitq Tiauca^£vou toO 

dvOTlTVlÜCKOVTOC, Ö TTpOCCTlbc ölÄ XÖTOU T^V VOUBccioV Kai TTpÖlcXTJCIV Tflc 

TÜlv KaXtiüv toOtujv nijinceuic TroieiTOi. cf. Constit apost. 2, 39, 54). Zu 
beachten ist, daß er kurz vorher sagt: .... Kai rä dnopvnMOveiiijaTa tüiv 
dROCTÖXuiv f\ TÄ cuTTpÄHMora tiüv irpoiptiTÜiv dvorfifviOcKeTm m^XP>c ^T- 
XtupeT. Offenbar nimmt hierauf Justin Bezug, wenn er dann sagt: i> npOEcnüc 
.... npÖKXnciv TT^c Tulv KaXdiv TOÜrutv Mi^ficEujc iroieiTai. Also der 
Vorsteher der Gemeinde knüpft in seinen Ermahnungsworten an das 
vorher Gelesene an. Es ist dies auch bei unserem Schriftstück der Fall, 
nur mit dem Unterschiede, daß die Ermahnungsworte des Bischofs hier 
schriftlich fixiert sind, was um so leichter zu begreifen is^ da ja Dtonysius 



A. Dt Pauli, Zum sog. s. Koriath^rbrief iles Clemens Romanus. 



betreffs der Homilic bemerkt, „f\v Ko^£V de! noxe dvaxi-rvtucxovTtc vou- 
etT£7c6oi". Auf diese Weise ist auch der Wechsel in der Anrede er- 
Idärt. Ein Bischof, der zu einer Gemeinde spricht, wird mit Rück$icbt- 
nahme auf die Zuhörer die Anrede ,,ä2)eXq)oi kqj d^cX^ai" gebrauclieii 
musseo, während ein Bischof, der an da& andere Gemeinde schreibt. 
sich der gewöhnlichen Anrede „ctbEXtpoi" bedienen wird. ' Und da£ 
c, 19 und c, 20 von anderer Hand als cc. i — 18 verfaßt sind, soll hier 
nachgewiesen werden. Wir müssen aber hierbei inuner Justins Worte 
iin Auge belialten; gehen wir nun im Einzelnen die fraglichen Kapitel 
durch und suchen wir ihre Beziehungen mit cc. 1 — iS festzustellen. 

c, IS, 1; BÖK olowai W. JS-n Mitpiv n;(.- ^- ''. i' *=«■ ««*<P»1 ^a^ Abek^ai, WTtt 
ßouHav inoincdMnv irspl ^TtpaTeioc. i^v '"'*'' »^^ ^ 4Xr,9£lac dvayiTvtb««. i.uh 

cicovTa (-v ojiiv. 

Wie ersichtlich, ist c. 19, 1 nach 15, i gebildet; besondere Beachtung 
verdient der letzte Teil beider Sät2e. Wer ist unter „Kdnt töv cuji^ou- 
XeücavTa" und „t6v dvaTiTVLdcKOVTa iv upiv" gemeint? Es hat den An- 
schein und ist aueli tn. W, also verstanden worden, daß der „Ratgeber'' 
und der „Vorleser" ein und dieselbe Person seien. Doch geliea wir 
näher auf die Stelle ein. Als Hauptschwierigkeit für die Identifikation 
ergibt sich der Umstand, daii augenscheinlich kein Grund vorliegt, 
warum sich dieselbe Person einmal als ,, Ratgeber" und dano wieder als 
„Vorleser" bezeichnen soll; freilich kann auch der Vorleser in gewisser 
Beziehung Ratgeber sein, wenn er die Mahnworte des Letzteren vorÜest; 
davon aber kann hier ofTenbar nicht die Rede sein. Auch ist es aus- 
geschlossen, daß. in unserem Falle der „Ratgeber" auf den „Vorleser' 
hinweist und den Wunsch den Zuhörern gegenüber ausspricht, auch den 
Lektor z\i retten, weil es ja heißt „övaTiTViOcKlu t'M'iv ?vt6u£iV', das sein 
Farallelglicd an „MiKpdv cu)ißouXi<JLV inoincÜMn^" hat; dem .^Kal töv dvo- 
TTfviiJCKOvTa ^v üjiiv" entspricht wiederum „KÖfife töv cujjßouXeücavxa-. 
Auf Grund dieser Erwägungen darf es als ausgemacht gelten. daL , Rat- 
geber" und „Vorleser" verschiedene Personen sind, Stellen wir nun die 



' M- E- ist unsere Ilomiüe doch ein Ji-HcF, eine EöCytliCä; bei dieser Annalmie üt 
HOW«bt der ausgciprocben homikthchc Charokler dci Schrirrsifickes, als uicli die Ajt- 
rede „däcX.<)pal", die, falls die Predige nur an die rdmiiiehe Gemeinde gärJcLtct wäre, 
Dabcgrcirlich wäre, aufs besie etkläit. Übrigens ist es gar nicbt ausgcscblossei), dijj 
unsere Homilie cur «in Stück des römisclupii Scliteibens int, das a!s lur „vougeci«"" 
dienend Wouf^T^lijiit wudej d»» ex.ord)iiDi es nltruplQ sowie andere M<akiaale sc Keinen 
dies in bestÄligcn. 



A. Di Pauli, Zum sog. 2. Korintherbrief des Clemens Romanus. 327 

Parallelen, die c. 19 und c. 20 in den vorhergehenden Kapiteln hat, zu- 
sammen. 

c. 15, I: ^icMc T*^ otnc EcTiv ^iKp6c c. 19, i: ^ic66v T^P airr^ tiii&K: TÖ(i£Ta- 
nXaviu^^vnv Hiuxi^v xal änoUv^^vT^v dito- vof}cat ^E SXi^c Kapblac cuiiiipCav iauTotc 
crpivax cic t6 cw9f^vai kcI lurfiv bibövrac 

Der innere Zusammenhang beider Stellen liegt auf der Hand, 
c. IS, I wird der Lohn für Rettung einer verlorenen Seele „nicht klein" 
genannt und doch wird c. 19, i nichts anderes als „Reue aus ganzem 
Herzen" als Belohnung gefordert; beide Gedanken müssen einen ver- 
schiedenen Ursprung haben, da sie sich trotz allen inneren Zusammen- 
hangs widersprechen. Daß sie nicht einen gemeinsamen Ursprung haben 
können, geht aus dem Umstand hervor, daß die Herabsetzung des 
„nicht kleinen" Lohnes zur geringen Forderung der Reue sich unmittel- 
bar an die Inaussichtstellung des großen Lohnes hätte anschließen 
müssen, damit der Kontrast umsomehr hervortrete; dies ist aber in c. 15 
nicht der Fall, obwohl in demselben von der Reue und Buße gehandelt 
wird. Nicht zu übergehen ist auch das „tö ^£Tavoficai", das obwohl 
gleichbedeutend mit dem c. 8, 2 und c. 16, 4 „MCTävoia" hier unterschieden 
werden muß.' Mit „tö peravoricai" wird gleichsam auf ein länger er- 
örtertes Thema über die Reue (8, 1 — 3; 13, i; 15, i; 16, l — 7; 17, 1) 
zurückgebhckt. Mit „toOto TÖp TroirjcavTec — toO GeoO ipiXoiioveiv" wird der 
der Gottesfurcht beflissenen Tugend die praktische Anweisung gegeben, 
vor allem aus ganzem Herzen Reue zu erwecken. Weitere Parallelen sind: 

c. 17, 3: xal ftii MÖvov Opn bowli^ev — c 19, 3: KolM^^n&i&c Exu'M" — Avöti&v 
cuvTiT^voi iifiiv iid riyv Ziiui^v. ^mflupuDv tiDv fiainlunr. 

c. 17. ?! Kai ÄvovToi T^iv MEav — icat 
Ecovrat elc 6pactv itdcij copKi. 

ci7,ä— 7: •d\v fm^pav ^keIv^v — ^iric c 19,3— 4:iTpdEiUMEVoOvT^vftiicoiOCÜVT]v 
Tilii iebouXcuKö-n ötift Ü fiXt^c Kapbfac. — cic töv dXänriTav atiüva. 

c. 20 bringt in weiterer Ausführung c. 17, Ö — 7. 

Wie wir gezeigt zu haben glauben ist c. 19 und c. 20 wirklich eine 
„?vTtu£ic", wie Justin sie uns bezeugt; sie knüpft hauptsächlich an c. 17 
an, worin vom Weltende, von der Belohnung der Guten und Bestrafung 
der Bösen die Rede ist. Gerade dieses Thema eignete sich besonders 
gut lur die Zuhörer, da es für alle von Interesse sein mochte und allen 
Trost in den Miihsalen und Verfolgungen des Erdenlebens spendete. 
Einige Schwierigkeiten kann nun allerdings der Umstand bereiten, daß 



■ vgL im Deutseben t „du Renen" und „di« Reue". 



328 A. Di Pauli, Zum sog. a. Katintlierfarief des Clemens Rotnasus. 

demnach der Vorieser die Ennahnungsrede gehalten hatte, wäfaiaid 
doch nach Justin es Aufgabe des Bischofs war, an die Gläubigen nad 
der Voriesung Worte der Ermahnung zn richten, doch hebt sich diese 
Schwierigkeit sofort, wenn man bedenkt, daß die Homilie zur Ermahnung 
vorgelesen wurde und IHonystus versichert „f(v f£opev dei itote im- 
■nrvüicKOVTCC voueereicOai, die itod ti^v irpox^pav fmtv öiä KXrj^cvroc t(»- 
ipäcav." Es ist nun geradezu unmöglich, daß der Bischof nach jedes- 
maliger Vorlesung der HomiUe, die an allen Tagen des Herrn stattfinden 
sollte, roiindhch an die Homilie anknüpfend eine „^vreugic" hinzufügte 
es ist doch denkbar, dafi die Ermahnungsrede schriftlich fbdert wurde 
und zwar hier vom Vorleser selbst, der es für passend finden mochte, 
seine Zuhörer um das Gebet für seine Seele zu bitten ; und daß die 
Homilie oft vorgelesen wurde, kann man schon aus ihrem Inhalt er- 
schheßen: Ermahnungen zur Reue, Buße, Enthaltsamkeit waren immer 
am Platz. Und daß der Verfasser der Homilie vorzüglich den Zweck 
verfolgt , zur Enthaltsamkeit zu raten, sagt er selbst c. 15, i : oOk oto^m 
6i, 5x1 fiiKpov cufißouMov drroiTjcdtiiiv irepl ^TKpareiac (vgL c 4. 3; 
auch Pfaotius, Biblioth. cod. 126 ist der zur Enthaltsamkeit mahnende 
Ton der Homilie aufgefallen, werm er bezüglich derselben sagt: ... Km 
airrfi voudcdov luü napafvcav Kpcirrovoc cicdrci ßtou). 

Finden sich auch in c. 19 und c. 20 manche den vorhergehenden 
Kapiteln entnommene Ausdrucke, so kaim dennoch nichts gegen unsere 
Aufstellung eingewendet werden; diese Gleichheit des Ausdrucks ist 
eben aus der Gleichheit der Gedanken zu erklären. Daß aber dennoch 
ein Unterschied vorhanden ist, sollen einige Beispiele zeigen: z. B. wird 
c. 19 „TrpöcTOTMa" für „ivTo\f\" (3, 4; 4, 5; 6, 7 u. s. w.) gebraucht, 
während sonst ersterer Ausdruck sich in der Homilie nicht findet: „cd 
{meunlai KOCMiKaE" (c. 17, 3) wird c. 19, 3 mit „ai^öufitm ^draiai" wieder- 
gegeben. Gerade auf solche anscheinend geringe Unterschiede muß bei 
der Untersuchung über die Authentizität eines Schriftstückes großes 
Gewicht gelegt werden, weil gerade in solchen kleinen Stildifferenzen 
die Verschiedenheit des Autors zum Vorschein kommt. 

Es erübrigt noch einige kurze Bemerkungen hinzuzufügen. — c. j 5 2 
heißt CS: . . . iäv ö Xtfüiv Kai dicoömv ]ifjä iricrcmc xal dT<4tr]c Koi \ijn 
Kai dKOÖij. Aus „6 X^yujv Kai äKOÜujv" kann nicht auf den Charakter 
des Schriftstückes geschlossen werden, wie Funk (Patr. apost. I, p. 203 
zu c. 15, 2) es tut, der zu dieser Stelle bemerkt: „Homiliara agnoscis". 
Auch m einem Brief, der für die Öffentlichkeit bestimmt ist, wird der 
Briefschreiber sich also ausdrücken. Auch aus c. 17, 3 glaubte Funk 



A. Di Pauli, Zum sog. z. Konntberbrief des Qemens Romanus. 329 

einen Hinweis auf eine Homilie zu sehen, doch ergiebt sich ganz klar 
bei näherem Zusehen, daß hier nicht etwa auf den homiletischen Cha- 
rakter des Schriftstückes angespielt sein soll, sondern einfach die Rede 
ist von den Ermahnungen der Presbyter und dem Gehorsam der 
Gläubigen. 

Fassen wir die Resultate unserer Untersuchung kurz zusammen: der 
sog. 2. Korintherbrief des Qemens Romanus ist ein wahrscheinlich zu 
Rom von Soler verfaßtes encycUsches Schreiben, eine Homilie, eine 
Predigt zur Reue und Buße; die Homilie, wie sie uns jetzt erhalten ist, 
besteht aus zwei Teilen: der von Soter verfailten Predigt und der 
„{vTeu£ic", die aus c. 19 und c. 20 besteht. Freilich kann diesen Re- 
sultaten nicht unumstößliche Richtigkeit zugesichert werden: unbedingtes 
Zutrauen verdienen sie aber insofern, als sie mit den über den 2. Clemens- 
brief überlieferten Nachrichten nicht in Widerspruch stehen, es kann ja 
möglich sein, daß sich später manches, was als gesichert angesehen wurde, 
auf Grund neuer Texte und gründUcherer Forschungen hin verändern wird. 



[AbgetcblMieo un 18. Oktober 19«}.] 



330 F- C. CottTbeare. Tke antfaonlnp of the „Contra MarceDom". 



The anüwrshq) of Üie „Contra BAarcellum**. 

By F. C Caajbean, Oxford. 

The woric 'Against Marceüus of Aocyia' consists of five books, a 
which the fiist two were composed at an eatlier period than the 1^ 
three. These two books are entiüed at the end of book I: tiüv ^»c 
MdpKcXXov üi^uiv, tut fhe MSS prefbc to this first book the follown^; 
EAccßfou TOO na|i(p{Xou tuiv Kard jiapK^XXou toO d-pcupoc imocdTn» 
X6toc a'. 

The last three books are entitled in the MSS: tütv npöc MdpKcXXo« 
iXiTXuJV Eäccßiou Toö iroMqiiXou nepi -nie ^KKXnciacnKfic eeoXoTiac: and 
a brief prologue precedes them addressed to FlakUlus patiiarch of 
Antioch, thus: 

Ttfi '^^nuTdTl^* Kai dTarnixiIi cuXXeixoupTi?» 4>XaiciXXui 
Eäcfßioc ^v Kupfui XQipov- 

And at the end of book V is the following; 

Eöc£ß!ou Tüjv Korrä fiapx^XXou U^uiv tIXoc 

Thus it is only in the initial headings that the Eusebius who com- 
posed this work is identified with Eusebius Famphili; and tliese headings 
are less original than the other notices embedded in the text, wbicfa 
simply name Eusebius. The headings may be due to scribes who vrote 
under the influenae of Socrates the historian, who only knew of the 
last three books and ascribed them to Eusebius FamphUL No scl»Ur 
has raised a doubt about the attribution made by the historian Socrate 
of this work to his great predecessor. 

Tlie author insists in several passages on the fact that MarceOus 
had, onty written against Asterius one book e. g. p. la: 6 &vi\p £v tovtI 
^pdifKEC Kai fx6vov (üfc m^tot' iÜ9cXc) cuTTpOMfO- ^ p- 57b: A j^ fdp 
N Ti {nu)X(!iinov Kai iroXunXovic a^TTpa^^a cuvidSoc. toOto «pifä vt- 
TTOiriKivoi btd Tö fva rvu'piZ^iv dcöv. 

NcvHtiKtess he quotes an Epistle *EinCToXi^ wiitten fay MarceUusi 



F. C. Conybeare, The authorship of the „Contra Marcellum". 331 

and this Epistle we find given in its entirety by Epiphanius in his 
Haeresis LXXn. I confront the citations with the text of Epiphanius: 
At p. iSa we read this: Bl^cui bk irpiÜTa bi' tliv toTc öp9u>c xai 
^KKXriciacTiKiüc Tpatp^civ dvnX^T^tv Tteipdrai xtX. And p. 19b. 

'AJ^o^al Tolvuv dir* ai}T?\C ün* aÖToO ypa- From Epiphanias Haer. LXXII. 

qxtcric ^ntcToXf^c wpic Ekoctov tiBv jt#| 'AvTlTpatpov^wiCToXi^c MapKAXou . . . 
ApQtDc TP^V^vTiuv dvTiUt^v. rifpa<f€ 714) ^aKapluJT<iT^lctJXAetToupTl^'louX{^tM(fp- 
"^rlCTe<^t^v eic nar^pa 9£Öv wavTO- keUoc Jv Xpic-rt^ xa'p^iv. iiteibi^ -nvec tiDv 
!<pdTi}pa, KOl Etc Tov Yi6va{iToOTÖv KaTa-rvwc6ävTUivitpdTEpov f nl Ti^ ^^ Ap6iJ>c 
(iOVOT«**! Btöv, TÖv xApiov ^fiiflv mc-Kiiav . . . tax-f ifioO ypdyfai Tfi 6f.aQf:^€iq. 
'ftlcoOv XpiCTÖv, Kol €(c Tä nve0^a cou ^rdX^iicav, die äv ^oO ^V) öpQüic 
Tö dyiov", Ka{ ipnciv "^k tiDv ßeltuv iif\Te ^KKXT)ciacTiK(Iic (ppovoOvToc . , , 
Tpaqjiliv ^cpaBi^K^vai" toOtov tAv rfjc {fTPOipöv coi -n^iv ^^utoO iricnv iietd itd- 
deoccßdoc rpAiiov (alü -ripiiov). 'EtOJ bl, cijc &Xr)eE(ac Tf) ^^uroO X6>pl Tpdvoc im- 
flrav ^£v toOto X^YQr diiol>^X'>>><'i c<piU)pa boOvai, f\v EmceÖov ^k te ti&v SeIuiv 
Td XerÖMcva ■ Koivöc yip oBtoc dTidvnuv Tpa<P*v ^bibtixönv • - ■ ■ nic-teöuJoBveic 
^dlv Yf^c OEocEßdac 6 tpöicoc, tcicteOeiv Bedv navTOKpdTopa Kai eIc XpiCTdv 
eEc iraT^pa koi utöv xai driov MticoOv Tdv utdv a&roO t6v ^ovo- 
iTVE&Ma. T«*f^. Tdv xOpiov^^üiv . . . xal etc ti 

Atiov nvc0^a . . . irapd tHiv fiEdiiv 
)lE^a6^Ka^Cv Ypocpt^v ■ ■ • Ta{iTT|V Kai 
napd TÜv GEiiuv Tpa<pi&v etXi)(pilic T^tv 
iricTiv . . . irp6c ce vOv fifpa^a.' 

In the immediate sequel the author of the £XcTX(>* proceeds to 
distinguish this Epistle of Marcellus from his long Single work against 
Asterius. It is right he explains to believe in the Father, Son and Holy 
Spirit, but not to explain that the Father is Father and the Son is Son. 
Such Seujpia is dangerous. Yet that Marcellus is guilty of it he will 
shew Ik Tiüv aÖTOÜ X6tu)V, that is out of the ?v n cÖTTPa^HCL And he 
then citcs Marcellus' words: 'Ecpr) t^P töv yilv nor^pa liciv ÄX»i9tjuc Tca- 
tipa tlvai vo^Keiv • Kai töv ulöv, dXtiOuic uiövKai tö &y\ov TtveOjia 
dicaÖTwc TaOra Ö MdpKcXXoc irpöc 'Acr^piov. 

The above passage is from the First book of the EXgtxou In the 
first lines of the second book the Epistle is condeomed afresh for its 
deceitfulness. Marcellus we leam wished by means of it to cloak his 
heresy. Our author will Tf|v xp^voic (iaxpoTc ivbonuxncacav ti|i dvöpl 
xaKOboSfav ßpocxi) TrepieXdövTac ToO t^c imcroXric irpocxil^oTOc dnoruMviDcoi. 
We know from other sources that Julius was imposed upon by this 
Bpistle in which Marcellus paraded the Roman Symbol as his own in 
Order to obtain from the Pope a testamur of orthodoxy. It had such 
effect that about December 340 the Pope and a Synod of bishops 
assembted in Rome admitted Marcellus together with Athanasius to 



333 F. C CoBrbcaxe. Tbe aalwnhip of ibe „Coaitra MarccDiss'. 

comiDuiiiocL hx Rome tbey thoi^^ Öiat tlarcdtus had been oqusi^ 
coDdemncd m tbe Alias Synod of Aotiocii. and to tliis feeling refereoct 
ts made in tlic second hock of the CXcntoi p. 56a: b*ä TOÜc ^tÖnncOei 
TÖv dvbpa vcvOMiKÖTac To tbe cStect of Üie £ptstle on the nmi ü 
Pope Julius rcfcrence is made in two later passages of the second half 
of tbe treatise. namdv in tlie brst book of tbe De Ecclesiastica TIko- 
logia c 19^ p. 82d: Öirep ijffi\v fidJücm Tok t6v dvbpa timiüc» Mm- 
{ac6ai, and boc^ II c 25, p. 145 a: lüc fiv fidOoi nöc Tiüv töv dv&pa n- 
fiwvrm ktX. 

Thus the author of the Elenchi not only had in fais hands tbe 
E4)tstle of MarceOus to Fc^ Julius, but was aware of how the latla 
had been imposed upon by it. 

\Vhat was the date of tfais Epistie? MarceQus infonxis us in it that 
he had come to Rome to appeal to JuUus, and that he wrote it ai^ 
he had stayed tn Rome fifteen months. 

Now MarccDus fied to Rome tiuee months later than Athanasosv 
and Athanasius fled thitber sometiroe after Easter 339L Marcellus caimot 
tfaerefore have rcached Rome before July 339. Add fifteen months. aad 
WC reach November 34a The author of the Elenchi is also avare 
of the fact tfaat the Pope and westera bishops had 'honoured' Marcdhis. 
because they were deceived by the E[Hsde. This refers to bis being 
received into commtmion at Rome about December 340. Hence it 
follows tbat the books I and II of the Elenchi were written aiter Dec 
540, and probably in view of the Anbochene Synod of 341. The last 
three books addressed to Flakillus followcd after an interval, and seeni 
to have been composed in view of the councü of Saidika held ia 
autumn 343. 

But all authorities are agreed tbat Eusebius Patnpbili died not later 
than May 30, 33g; and a comparison of all the sources shews that he 
died at the very end of 338 or in the early days of 339, at least 
eighteen months before these Elenchi, books I and II, osuld have been 
penned; and a yet longer time before boote HI — V. These Elenchi 
therefore were not written by Eusebius Pamphüi, but by some other 
Eusebius. And the dedication of the last three books to Flakillus iadi- 
Gates Eusebius of Emesa as their author. 

In other ways the boote contra Marcellum reveal themselves to 
be no work of Eusebius Pamphüi. 

1. Their author repeatedly refers to Eus. P. in the third person. and is 
tbe same context to himselfin the firs^ e. g. inBkIp. 18 d as follows: 



F. C. Coaybeare, The authorship of the „Contra Marcellum". 333 

6r|cuj bk irpüiTo "Apn fifev t^P ftpbc 'Acrcpiov Tf\y dvTippnav 

noieiTai, dpn bi trpöc Eöc^ßiov töv m^Tov (sc. of Nicomedia). Kai Cirtita 
ini TÖV ToO 6€o0 dvOpiuirov . . . TTauXTvov ... Kai in toütou ^teraßdc 
'Qpif^vei tioXemeT . . . 'EwEiTa Napickcqj ^mapaTeücTai, xal töv ?T£pov 
E£pc£ßiov (sc. Pamphili) öiiOkci . . /ApEofjat Toivuv dir* aäTtjc . . . 'E^üj 
bk... 

This is only a Single one out of nine or ten similar contexts. It 
is a literary impossibility that the ETcpoc EOc^ßioc should be the Eusebius 
who wrote these Elenchi. 

2. The style of the Elenchi is in every way dtfferent from that 
of Eusebius Pamphili. It would be a literary miracle that the same 
man in the same year should write books so opposed in style as the 
Life of Constantine and the Elenchi. 

3. Eusebius Pamphili belongs dogmatically to the pre-Trinitarian 
age. He only once uses the word Tpidc of the godhead viz. in the 
Tricennalian oration, and that in a passage imitated from Philo. But 
in the Elenchi the tväcic Tf|c dtiac TpidÖoc is regarded as the essence 
of the Christian revelation, e. g. in book I, p. 3 c. and passim. 

4. In all his other works, not excepting the Life of Constantine com- 
posed in the last year of his life, Eusebius Pamphili cites Mat. 28 '^ in 
the shorter form : Ma6T)TE0caTe irdvTa Td lOvri ^v tu) övö^aTi fiou. But in 
the Elenchi the Textus Receptus of this text is cited thrice, and the 
dogma of the Trinity based upon it 

5. The controversial manner of the Elenchi is allen to Eusebius 
Pamphili, who nowhere eise displays such bittemess of spirit and want 
of charity towards theological opponents. 

Thus we lose a work of the historian Eusebius and gain instead 
a work of Eusebius of Emesa. We are also able to see that the episüe 
of Eusebius Pamphili written to his congregation at Caesarea afler the 
Council of Nice has been interpolated. Socrates preserves this letter 
in book I eh. 8, p. 22. For after the words mcrcöoMev Kai etc Iv Ttveöna ät'ov 
we have the following addition, in no way necessitated by the context: 

ToÜTUJV Ikoctov clvai kqJ {iTtdpxav mcrcOovTcc, nuTlpa dXi]8iXic naTlpa, 
Kai ulöv dXtiOüic uiöv, Kai irveuMa df^ov äXiiOwc Stiov nvcO|ja'Kadiüc Kai 
KÜpioc #miliv änocT^XXmv cEc tö KnpuTtia Toiic iauxoO naerjTdc clTre'TTOpeu- 
e^VTcc MoönTeücaTe irdvra td Jevn ßaTm'tovTec aÖTOÜc ctc tö övona toO 
iraTpöc Kai toC uloö Kai toü äyiou nveiJMaTOc. 

The above passage has been foisted into the text from the AXXt] 
{xOeac nicTEUic produced at the Council of Antioch in 341, in which it 



334 ^' ^- CoB^beare, Tbc uttbonhip of the „Contra MarccIlniD". 

is found veibatiin (Socrates n dt i(% p. 87). Perhaps the Epistle ij 
after all wrongly ascribed b>' Socrates to Eusebius Pamphili. It zgress 
more «nth the citation of Marcellus (compare above p. 331). 

LasÜy it need not surprise us that Socrates erred in his ascriptkn 
of the Elenchi to the historian. For he only had the last thiee bcob 
entitled in a later age nept £icKXTia''cnitric OcoXortac, and did not knov 
of the fiist two in wUch all the indicta of txue age and authorship occur. 
Had he read these first two books, he could never have ascribed the 
woric to the historian Eusebius, howe\'er anxious he might be to demon- 
strate that the latter was an orthodox wiiter. 



[AbfuchlaMBi wo 9. Not. igo^] 



Waitz, Eine Parallele zu den Seligpreisimgen etc. 335 



Eine Parallele zu den Seligpreisungen aus einem 
ausserkanonischen Evangelium. 

Von Hang Walts. 

Eine der wichtigsten Quellen der pseudoklementinischen Hooiilien 
und Rekognitionen sind die KtipOt^oto TT^Tpou (KTT), wie sie in dem 
vorausgeschickten Briefe des Petrus an Jakobus wiederholt genannt und 
in den Homilien (H i, 20) und Rekognitionen (R l, 17. 3, 75) bezeugt 
sind. Nach R 3, 75 hatten sie einen Umfang von 10 Büchern, die z. T. 
wenigstens inhaltlich aus den Rekognitionen und Homilien zu rekon- 
struieren sind. Liegen sie uns auch nur in einer antimarcionitischen Be- 
arbeitung vor, so kann doch ihr ursprünglicher ebionttisch-gnostischer 
Kern aus dieser Hülle verhältnismässig rein herausgeschält werden. 

Zu dem ältesten Bestandteil der KTT gehören nun nach der Inhalts- 
angabe des 8. Buches (R 3, 75 octavus de verbis domini, quae sibi 
videntur esse contraria, sed non sunt) die Ausfuhrungen in R 2, 28 ins- 
besondere folgende Stelle: Initio praedicationis suae utpote qui velit omnes 
invitare et adducere ad salutem: ac patientiam laborum tentationumque 
babendam suaderet; pauperes beatificcAat eosque pro penuriae tolerantia 
adepturos esse polÜcebatttr regna coelorum, ut sub tanta spe aequanimiter 
paupertatis pondus spreta cupiditate portarent Est enim unum et maxi- 
mum ex pemtciosissimis peccatis cupiditas. Sed et esurientes et sitientes, 
aetemis bonis justitiae saturandos esse promisü, ut egestatem tolera- 
biliter ferentes nihil pro hac injusti operis molirentur. tnundos quoque 
corde simiüter beatos dicebat et per hoc deum visuros, ut unusquisque 
adipisci tantum cupiens bonum semetipsum a pessimis et poUutis cogi- 
tationibus contineret. 

Dem Inhalt nach ist dieser Abschnitt eine glossierende Paraphrase 
einiger Herrenworte, die wir als Seligpreisungen bezeichnen. Ist es sicher 
und schon durch Credners Beiträge zur Einleitung u. s. f. Halle 1832, I, 
268 ff. und Hilgenfeld, Krit. Untersuchungen über die Evangelien Justins, 
Halle 1850, 30717. bewiesen, dass in den KTT ein ausserkanonisches 



336 



Wahl, Eine PmBde ni den Sdippreistmgvn 



Evangelium benutzt ist, das mit unserm Matthäusevangelium die nächste 
Vonvandtschaft hat, so wird dieses Ergebn^ durch die ob^e Steile ans 
R 2, 28 bestätigt Nach den einleitenden Worten (iiutio praedicationii 
suae) standen die angeführten Sdigpreisungen unter den ersten Rede- 
abschnitten des benutzten Evangeliums. An dieser Stelle finden wir äe 
bd Matthäus. Es sind im ganzen drei Seügprelsungen wiedergegeben, 
und zwar nach der üblichen Zählung nach Matthäus die erste, vierte und 
sechste, während kurz vorher R 3, 27 und s<^dch nachher R 2, 29 mit deo 
Worten Beati paäfici quoniam (bezw. qiüa) ipsi fäü dei vocaduntur äe 
siebente angeführt ist Von diesen Seligpreisungen finden wir aber bei 
Lucas nur die erste und vierte (Luc ^ 20. 21). Das Evangelium, aus 
dem die KTT in R 2, 37. 38 schöpften, muss demnach dem kanoniscbei 
Matthäus näher verwandt gewesen sön als dem Lucas. 

Um seinen Charakter näher zu bestimmen, vergleichen wir zunadut 
den Wortlaut der verwandten Texte. 



Mt5,3 
X^Ttuv fioKäpioi ol 
irnuxol Ti?t TTVCÖnan, ön 
aÖTüiv *cnv f| ßactXEfa 
Tütv oOpavuüv. 

Mt5,6 
fiaKdpioi 0! iieivüJvTCc 
Kai tiii|füivTec T^v biKoio- 
ojvriv, ÖTi aÜTol xopTO- 
cöi^covTai. 

Mts,8 
liaKdpioi ol Kadopoi Tf| 
Kapbto, ÖTi aÖToi töv 
0€Öv di^ovTai. 



Luc 6, 20 
CXcTCV- ^GaEdpuK oi 
TTTWxoi, ön ö^cTfpatair 
i\ ßaaXcia toO OcoG. 



Luc 6, 21 
Maxdptoi ol jravi&vrK 
vOv, ön xopTac0nccc6e. 



I) R 2, 28 

pauperes beatificabat 
eosque pro penuriae 
tolerantia adepturos esse 
poUicebatur regna coe- 
lorunL 

3) R 2, 28 

Et esurientes et siti- 
entes aetemis bonis ius- 
titiae saturandos esse 
promisit 

3) R 2, 28 
mundos quoque corde 

similiter beatos dicebat 
et per hoc deum visuros. 

4) R 2, 27 (2. 29) I Mt 5, 9 
Beati- pactfici, quon- 1 riaKÖpioi ol clpnvonoioC 

iam (quia) ipsi filii deiiÖn uloi 0£oO KXii9r|cov- 
vocabuntur. j tql 

Giebt uns auch R 2, 28 die Seligpreisungen nicht direkt als Zitate, sd 
lässt es uns doch ihren ursprünglichen Wortlaut leicht erkennen. V\'enii 
nämlich R 2, 27 und R 2, 29 dasselbe TÄXat bis aufs Wort überein- 
stimmend bringen, selbst das Mt 5, 9 in den meisten Codices fehlende 

»7. a. 190J- 



aus einem aufierkanonischen Evangelium. 33/ 



ipsi wiederholen — der Wechsel zwischen quoniam und qtua ist dem 
Übersetzer zur Last zu legen — , so können wir daraus folgern, da& auch 
die Zitate R 2, 28 ziemlich wortgetreu sind. Darauf führt uns noch eine 
weitere Beobachtung: 

Die sogenannte 6. Seligprdsung wird auch noch an anderen Stellen 
in R angeführt, bezw. frei wiedergegeben, wo ebenfalls KTT verarbeitet 
sind: R 2, 22. 28. 3, 29. 30, womit H 17, 7 zu vergleichen ist. Nun 
stimmen diese Anführungen ebenfalls wörtlich Uberein, abgesehen davon, 
daß, wie Cod. Carm. P. R. bei R 3, 27, so auch sämtliche Handschriften 
bei R 2, 22. 3, 30 mundo corde lesen, eine Variante, die nach den übrigen 
Stellen R 2, 28, R 3, 29 zu verbessern ist. So erkennen wir auch hieraus, 
daß sich der Verfasser der KTT auch bei den übrigen Seligpreisui^en 
möglichst genau an seine Vorlage gehalten hat. 

Scheiden wir nun von dieser Voraussetzung aus, was in R 2, 28 
nur Glosse ist, so erhalten wir folgenden Wortlaut: 



beati pauperes, quod adipiscentur 
regna coelorum. 

beati esurientes et sitientes, quod 
justitia saturabuntur. 

beati mundi corde, quoniam ipsi 
deum videbimt (so R 3, 30!). 



1) pauperes beatificabat eosque 
pro penuriae tolerantia adepturos 
esse poUicebatur regna coelorum. 

2) Et esurientes et sitientes aeter- 
nis bonis justitiae saturandos esse 
promtsit. 

3) mundos quoque corde similiter 
beatos dicebat et per hoc deum 
visuros. 

4) beati paci6ci, quoniam ipsi filii dei vocabuntur. 

Es leuchtet ein, in welchem Maße der so reducierte Text der Selig- 
preisungen mit dem des kanonischen Matthäusevangeliums übereinstimmt, 
zumal im Unterschied von Lucas. Hier wie dort steht das Prädikat in 
der 3. Person Pluralis, bei Lucas dagegen in der 2. Person Pluralis. Im 
einzelnen reden KTT wie Mt 5, 3 vom Himmelreich (regna coelorum 
bezw. ßactXcla tiüv oüpaviDv), während Lucas das Reich Gottes verheißt 
(ßaciXcia toO OeoO); KTT und Mt 5, 6 erwähnen Hungernde und Dürstende, 
Luc 6, 21 nur Hungernde. Die 6. und 7. Seligpreisung stimmen mit Matthäus 
fast wörtlich — den Zusatz ipsi ausgenommen — Überein, während sie 
bei Lucas fehlen. 

Andrerseits sind auch bedeutsame Abweichungen von Matthäus 
und charakteristische Übereinstimmungen mit Lucas unverkennbar. 
KTT und Luc 6, 20 wissen nichts von den „geistlich" Armen, son- 

Zeincbr. t d. nmiteM. Wiu. JrIuk. IV. igoj 22 



33« 



Waiti. 1£tne Parallele lu den Seltfrpreisinifeii 



dem vc^heil^en nur den „Armen" das Himmelreich bezw. das Reich 
Gottes. Die Glosse in KTT (R 2, 2S pro penutiae tolerantta und ut sub 
tanta spe aequanimiter paupertatis pondus sprcta cuptditate portalen)} 
schltcQt geradezu die Deutung aur geistlich Arme aus und notigt an 
leiblich Arme m denken, 

KTT und Luc 6, 21 reden in gleicher Weise nicht von solcbeo, die 
nach der Gerecliügkcil hungern (und dürsten). Denn die KFT könnco 
nur, wie in gleicher Weise der glossierende Züsatz: ut cgestatem tolera- 
bilitcr ferentes nihil pro hac injusti operis molirentur beweist, an solche 
gedacht haben, die leiblich hungern und dürsten. Bei Lucas aber 
deutet die nähere Bestimmung vöv darauf hin, daß auch hier nur, nie 
vorher hei den Armen, an ebensolche Menschen gedacht werden kann. 
Darauf weist auch die folgende, bei Matthäus fehlende SeligpRisuqE 
(Luc ö, 21) MttKÄpi&l ol K^ciiovuc vOv, &Ti yfkdctTe. Eigentümlich ist nur 
für KTT, daß hier der Bcgriti' der ^llcaiocuVTi zu dem Nachsatz gezogen 
wird, wahrend er bei Lucas fehlt, bei Matthaus aber zu dem Vordersati 
gehört. 

A!s eine auffällige Kongruenz mit der lucanischen Rezension ist «s 
auch zu bezeichnen, wenn die KTT, ebenso wie Lucas auf die erste Sciig- 
Ipreisung sofort die vierte folgen lassen. Wenn die KTT damit die 
zweite und dritte des Matthaus auslassen, so haben sie nicht etwa ab- 
sichtlich sie übergangen, da sie sehr wohl die dritte wenigstens (i^anäpici 
ot ffeveouvTCC, 5ti oötoi TrapQKXTiÖncovrai cf. Luc 6. 21 b> für ihren Ideen- 
gang hätten verwerten können, sondern sind damit 3irer Vorlage gefolgt, 
die ebenso wie Lucas diese beiden Seligpreisungen, bzw. die dritte, auch 
nicht in der lucanischen Rezension: naitdpioi ol icKaiovTtc vOv, ßn TtXdetrc, 
gekannt haben wird. Dies ist um so wahrscheinlicher, als ja auch bei 
Mt 5, 4. 5 eine gewiii nicht grundlose Unsicherheit in der handschtifl- 
liehen Überlieferung besteht, indem der Codex D, sowie die Itala, ia 
mehrere Handschriften, Vulgata, Syr. Cur. Siu., Clemens, Origcnes u.a. d<o 
Mt 5, 4 vor Mt 5, 5, dagegen Cod. W B C I, sowie die Itala in 3 Codices, 
die Pcschittho, und Syriaca Charklensis, die koptische, äthiopische Über- 
setzung. Tertullian u. a. Mt 5.4 nach Mt 5,5 setzen, also die Selig- 
prcisung der Leidtragenden vor die der Sanftmütigen steilen und an die 
der Armen anschliel^n. 

Es fragt sich, welcher Testgestalt, ob der der KTT oder der des 
kanonischen Terts, die Prioritkt gebührt. 

Man könnte geneigt sein, den Text der KU als eine wilikürliche 
Änderung des kanonischen Textes zu bezeichnen, indem man darauf 



aus einem aulkTkanonischeo Evangetium. 



339 



hinweist, daß ein Evangelium, das bei Ebioniten im Gebrauch war, selbst- 
verständlich die leiblich Armen, Hungernden und Dürstenden selig ge- 
priesen habe. Aber ist dies auch möglich, so ist es doch nicht wahr- 
scheinlich. Denn vergleichen wir die Gestalt, in der ein andres Herren- 
wort Mt 6, 33 in KTT vorliegt, so erkennen wir, welches Gewicht gerade 
in KTT auf das Streben nach der Gerechtigkeit gelegt wird. 

R 2, ao R 3, 23 R 3, 20 I R 3, 37 R 3, 41 Mt 6, 33 

primnm est Snadeo pri- Et ideo jus- dicebst ma- dicentem: Zi^teitc M 
omninin,jnsti- ino justiti&m lit nos qttae- gister noster, Qiuerite pri- irpfüTov Tf)v 
timm dei reg- ejm «le re- rere jutitiain st et jnititiam mo jostitiMn pooiXcIav k^ 
nnmqne ejni qnireDduin. boni dei reg- ejus quaere- eins et kaec ti\v biicaUK 
inquirere. numqtie ejus rent. omnia adpo- aOvnv aüjoü. 

et omnia, in- nentnr Tobii. 

qait, haec adi- 
I jicientnr vobit. 

Überall ist hier die Gerecht^keit in der Weise betont, da& sie ent- 
weder allein genannt oder vorangestellt wird, wie sie auch im Codex 
Vaticanus (B) vorangestellt ist; nur R 2, 46, eine Stelle, die dem Redaktor 
zur Last fallt, stimmt mit Mt 6, 33. Ziehen wir nun hierzu die 4. Selig- 
preisung heran, so werden wir nicht verkennen, dafi zu dem Sinn, 
den Mt 6, 33 — ausgenommen in Cod. B — in KTT hat, am besten 
diejenige Gestalt passen würde, die in Mt 5, 6 vorliegt, wo ja auch ge- 
rade das Streben (Hungern und Dürsten) nach Gerechtigkeit seäg ge- 
priesen wird. Ist aber dies zuzugeben, dann kann tucht angenommen 
werden, daß die KTT bezw. das darin benutzte Evangelium absichtlich 
an der 4. Seligpreisung geändert und das Object des Vordersatzes zum 
Object des Nachsatzes gemacht hätten. Vielmehr bleibt nur die An- 
nahme übrig, daß die KTT bezw. deren Evangelium sie in der eigen- 
artigen Gestalt vorgefunden haben, in der sie sie auch bringen. Eine 
absichtliche Änderung an der ersten Seligpreisung kann aber dann auch 
nicht mehr angenommen werden. 

Erwägen wir aber weiter, daß gerade diese beiden Seligpreisui^en 
— dazu in dieser unmittelbaren Aufeinanderfolge — bei Lucas in dem- 
selben Sinne wie in den KTT und ohne die ethische Näherbestimmung 
wie bei Matthäus angeführt sind, so werden wir die Textgestalt, welche 
die Seligpreisungen in den KTT bezw. ihrem Evangelium haben, als die 
originale, die des kanonischen Matthäusevangeliums dagegen als die 
secundäre, eben als eine Umdeutung der an leiblich Arme und Hungernde 
gerichteten Hermworte ins GeisÜiche ansehen müssen. Inwieweit dann 
noch die zweite, dritte und fUnfte Seligpreisung des Matthäusevangeliums 

als original betrachtet werden können, läßt sich auf Grund des Evan- 

22* 



340 Waitz, Eüne Parallele lu den SeligpreisungeD etc 

gelientextes in KTT und Lucas nicht sicher ausmachen. Keinesfalls aber 
können nach dem Sachverhalt, wie er hier zu constatieren is^ die 2. und 
3. Seligpreisung vor der 4. gestanden haben. 

Bei unsrer Untersuchung haben wir die Frage außer acht gelassen, 
in welcher Zeit die KTT entstanden sind, um von hier aus eine weitere 
Instanz für unsre Aufstellungen zu gewinnen. Denn diese Frage hängt 
aufs engste mit dem ganzen literarischen Problem zusamaien, das die 
klementinische Literatur bietet Indem wir an andrer Stelle näher 
darauf eingehen werden*, möchten wir hier nur als Elrgebnis unsrer 
diesbezüglichen Untersuchungen hinstellen, da& die KTT nicht viel später 
ab 135 n. Chr. und zwar in Palästina (Caesarea), in dem Bereich einer 
dem Elkesfütismus verwandten ebionitisch-gnostischen Sekte entstanden 
sind. Könnte dieses Resultat Zustimmung finden, so würden wir in den 
Staten der KTT einen dem kanonischen MattiiäusevangeUum nahe ver- 
wandten Evangelientext besitzen, der uns zeitlich und örtlich, um ein 
beträchüiches über Justin hinaus, näher an die älteste aiJostoUsche Über- 
lieferung heranführen würde. Zugldch hätten wir danüt ein gewichtiges 
At^;ument mehr gewonnen, das uns die Originalität der in den KTT und 
Lucas vorUegenden Tradition über die sogen. Seligpreisungen gegenüber 
der des kanonischen Matthäus bestätigen würde. 



< Vgl meine demnäclut ia Texte nnd Untersaclittiigen N. F. X,, 4 encheinende 
qaellenkritüclie Untenuchiuie über „die PsesdoklementiQen''. 



lAbEUchloUED UD 5. Norenber 1903.] 



P, Fiebig, Kappöres. 341 



Miscellen. 

EappAres. 

L 

Bemerkungen zuA. Deißmaon, IXacTi^ptoc und IXocT^piovinHeftj 
des 4. Jahrgangs dieser Zeitschrift, S. 193C des Jahrgangs 1905. 

Die Ausführungen DeiQmanns über Kappöres S. 204fr. veranlagten 
mich, Herrn L L Kahan in Leipzig um Auskunft zu bitten. Herr 1. 1. Kahan 
ist von Franz Delitzsch's Zeiten her Lehrer am Institutum iudaicum 
Delitzschianum in Leipzig. ' Er ist ein tüchtiger, philologisch geschulter 
jüdischer Gelehrter, dessen reiche Kenntnisse die Theologen benutzen 
sollten, um endlich das so lange arg vernachlässigte Gebiet der jüdischen 
Uteratur fruchtbar und umfassend anzubauen. 

S. 204 fuhrt Deißmann die Ansicht von Daniel Sanders an und 
bemerkt dazu, da& kappör, resp. kapporoh zwar synonym seien mit 
kappöres, aber, nach Weigand und Hildebrand, kappöres nur von kap- 
köreth herkommen könne, nicht von kappör, resp. kaporoh. 5. 205 wird 
dasselbe gesagt, die Synonymität beider nur noch dahin näher erläutert, 
daß kappöreth ^ kappöres keinen andern Sinn habe als kapporoh, nämlich 
den von „Sühnung". Speziell denkt Sanders und Weigand hierbei an 
die Sühnezeremonie am Versöhnungstage, d. h. das Schlachten und um 
den Kopf Schwingen eines Hahnes mit den Worten: TTUa nt. Die 
Begriffe „Sühnung" und „Tötung" rückten danach, meint Deißmann, sehr 
nahe zusammen, „Du bist kappöreth" konnte somit zu der Bedeutung: 
„Du bist der Vemichtimg geweiht" kommen und schließlich kappöres 
überhaupt — vernichtet üblich werden. 

Dem gegenüber gibt Herr 1. 1. Kahan folgendes an: 

I. Der Gedanke der Kapporoh, der Sühnung, haftet nicht nur an 
der Sühnezeremonie des Versöhnungstages, sondern nach jüdisch-theo- 
logischer Anschauung ist jedes Leid, jeder Schaden, jeder Verlust, den 



1 Siehe Genaueres darnber in meinem Vortrag: Talmud und Theologie, J. C, B. 
Mohr, Tfib., 1903. 



542 P. Fiebig^. KappAres. 



ein Mensch zu erdulden hat, eine Stiafe für seine Sünde and damit doc 
AbbUßung seiner Schuld und eine Sühne. Diese Gedanken sind sdir 
alt innetfaalb der Entwidmung der jüdischen Theologie. Kappöroh 
wird im Jargon, der jüdiscb-deutschea Umgangssprache der Juden, txs 
auf den beutigen Tag, ganz allgemein im Sinne von : Einbuße, Veriost, 
Verzicht auf etwas gebraucht. 

So redet man von „Q kappdre Gdd!" im Sinne von: ich büße gen 
tlas Geld ein, ich verzichte darauf, Der Ausdruck ist alltä^cfa für: das 
ist mir, gilt mir als kappöre Geld, das Geld gilt mir wie eine Kappöe 
d. h. eine Embu&e. ein Vertust, wozu noch hinzuzadenkea ist: und ich 
verschmelze das gem. Man hat es im wegwerfenden Tone gesprochoi 
vorzustellen. Wer die echt orientalische, phantasevoIl-elUptische Rede- 
weise der Juden kennt, viid sich über die nötigen Ergänzungen nicht 
wundem. Sonel über Kappöroh, resp, mit Abschleifung des o der 
Endong in der Aussprache zu 6, über: Kappör& 

2. Die Ableitung der Form kappdres von kappöreth bestreitet Herr 
L L Kahan. Er hält kappöres für einen Plural von kappdrC, gebildet mit 
dem ja vielfach in den modernen Sprachen übUchen s des Plurals. ,.F.s 
taugt uff kappöres" — es ist wert, dafi es zu Grunde geht, ,^ch brauch 
ihn uH kapp6res" — er kann mir gestohlen bleiben, ich wül m'cbts von 
ihm wissen, ich verachte gem auf ihn, sind z. B. gebräuchliche Rede- 
wendungen im Jai^on, die sich allerdings sehr leicht verstehen, wenn 
man kappöres als Plural von kappdr€ faßt, nämlich so: „es taugt off 
kappöres" würde heißen: es taugt soviel wie alle die Dinge, die kappöie 
sind und als kappöre gelten. Entsprechend wäre „ich brauch ihn uS 
kappöres" zu verstehen: ich brauch' ihn so, wie man die Dinge \'er- 
wendet, die zur kappöre dienen. Kappöres hat also mit kappöreth nichts 
zu tun. Kappör* — kappöroh hat den Sinn von: Verlust, der Ver- 
nichtung geweihter Gegenstand, kappöres sind Verluste, Gegenstände, 
die der Vernichtung geweiht sind. 

Danach läßt sich aus dem Gebrauch von' kappöres im Jargon fur 
die Bedeutung von kappöreth gar nichts schließen, weder daß ,^cb 
kappöreth bis in die neueste Zeit erhalten hat", noch „daß ihm der 
Begriff der Sühnung geblieben ist", obwohl dies „von denen nicht mehr 
empfunden wird, die die deutsche Vokabel kappöres gedankenlos ge- 
brauchen" (1. c. S. 2o6). Beides ^t vielmehr lediglich von kappöroh, 
resp. kappöre und seinem Plural. 

Mit dieser Erklärung von kappöres scheint mir Herr L I, Kahan 
recht zu haben. Wer jüdisches Sprachgefühl hat und die Art jüdischer 



P. Fiebig, Kappdres. — G. Klein, Kapp6res. 343 



Sprachbildung im Anschluß an das AT oder überhaupt im Zusammen- 
hang mit demselben nachempfindet, wird sich sagen: kappdreth, das im 
AT in so spezifischem Sinne, nämlich doch sicher von einem Teil der 
Bundeslade allein, vorkommt, konnte nicht derartig abgeschlißen in den 
allgemeinen Sprachgebrauch übei^ehen. Der Gedanke an die besondere 
Art der Sühnung im Zusammenhang mit der Bundeslade konnte dabei 
nicht so völlig verblassen. Und so führt denn auch Levy in seinem 
Wörterbuch, wie Deißmann S. 205, Anm 3, richtig bemerkt, keine einzige 
Stelle für kappdreth an, die nicht an die Bundeslade eiinnerte ! Etwnso 
ist durchaus unwahrscheinlich, daß ^niU m zu übersetzen ist: ,J!)ies 
ist mein kapporeth." Die Kappdreth war für den Kenner des AT ihrem 
Begriff nach etwas ganz Bestimmtes, den Gedanken an die Bundeslade 
und die mit ihr zusammenhängende Sühnung Wachrufendes, mag nun das 
Wort an sich bedeuten, was es will. An sich kann es sehr wohl, wie 
das arabische kaflarat. Sühnung bedeuten, resp. dann Sühn^egenstand 
fl. c. S. 203.) 

Lagardes Erklärung der Bedeutung von kappdres — vernichtet lehnt 
Deißmann mit Recht ab (L c. S. 205/06). 

Leipzig. Pau! Ficbig. 



II. 

In seiner Abhandlung — diese Zeitschrift 1903, Heft 3 — IXacT^pioc 
und fXacn'ipiov versucht Prof. Deißmann der jüdischen Redensart „kap- 
pdres gehen" eine Deutung zu geben, die sich wissenschaftlich nicht 
rechtfertigen läßt. Es kann nämlich dem Kenner jüdischer Kultgebräuche, 
von dem Prof. D. Aufklärung über diesen Funkt wünscht, gar keinem 
Zweifel unterliegen, daß kappdres nichts anderes ist, als die Plural- 
form von kappara. — Wie die Juden für Zarah „Not" „Zoroh" 
sprechen und im Plural „Zores", so sagen sie für kapparah — kappore 
und kappores. Welchen Begriff sie damit verbinden, auch darüber kann 
kern Zweifel herrschen. — Prof. D. zitiert J. Levy Neuhebr. u. Chald. 
Wörterbuch 11, S. 387. Aus den an dieser Stelle angefahrten Zitaten 
ist klar zu ersehen, daß kappdres nichts anderes als kapparoth sein kann. 

Wenn das bei Levy angeführte: mB3 'nn*D »nn bedeutet: Mein 
Tod möge eine kapparah, Sühne, sein, so muß auch das folgende DIU 
]mBD ^an Vtrw* übersetzt werden: Töchter Israels, ich möge ihre kap- 
parah — und nicht ihr kapporeth — sein. 

In diesem Sinne haben auch die Juden seit dem Mittelalter bei dem 



344 



G. Klein, Kappörts. — Eb. Nestle. Zum Zhat In Epfa 4, & 



Schwingen des Hahnes oder der Henne um den Kopf gesprochen: sdi 
(od. soth) kapparathi, dieser oder diese ist iccine kapparah und niclit 
meine kapporeth. 

Das bei Eisenmengcr Notierte: arme Juden, die keben Hahn, kaufen 
können, geben einem Christen drei oder \-ier Pfennig und fragen ibfl, 
ob er eine mB3 sein wolle, kann, soweit ich sehe, aus keiner jüdischea 
QucHe belegt werden. — Ebenso unrichtig ist das von Lagarde aus Boden- 
schätz Entnooimene, daß mss jetzt „das Türlein" ist, durch welches 
die GesetzroUc aus der Lade herausgeholt wird. Dieses „Türlcin" ist 
nichts anderes als das roiB der Vorhang, der über der L^de hängt. 

Stockholm. C. Klein. 



Zum Zitat in Epb 4, 8. 

Noch in der jüngst erschienenen 8. bezw. 7. Auflage des Meyer- 
sehen Kommentars der Gefangenschaftsbriefe schreibt Erich Haupt. 
daÜ „die chaldäische Paraphrase, das syrische AT und die Glosse des 
Isaak . , . beweisen, daü in der judischen Tradition die PsaJmstellc ebeiuo 
wie hier bei Paulus verstanden ist, sein Zitat ^so nicht auf einem Gc- 
dächtnisfehler, sondern auf der ihm geUutigen Rabbinischen Auffassung 
beruht" 

Hieni nur eine kurze Mitteilung über die Lesart der syrischen Bibel, 
weil dieselbe Angabe unbeanstandet allenthalben wiederkehrt, z, B. bei 
von Soden im Hand -Kommentar, in Huhn 's Bearbeitung der alt- 
testamcilÜichcn Zitate ('500). '"^ Berg's amerikanischer Monographie; 
The influence of the Septuagint upon the Pcsitta Psalter (1895). in 
Grills Monographie über den 68. Psalm (1883) S. 134 usw. 

Die früheren Druckausgaben der syrischen Bibel haben aüerding'? 
wie das Targum und wie Paulus „gegeben" statt „empfangen**; aber seit 
einem halben Jahrhundert liest man in der besten Ausgabe des syrischen 
ATs, in der von Urmia, umgekehrt „empfangen" und nicht „gegeben". 
Und dieselbe Lesart bietet auch das in Mossul tS77 erschienene Psal- 
terium Syriacum ad Rdem plurium optimorum codicum habita rabone 
potissimum hebraici textus nunc accurabssioic exactum a Josepho David 
chorepiscopo Syro Mausiliensi, ebenso der Liber Psalmorum, den 
Faul Bedjan ad usum schotarum 1S86 in Paris herausgab. In der atabi- 
schen Vorrede zur Mossuler Ausgabe wird die Stelle ausdrücklich be- 
sprochen und gesagt, da& zwar die Jakobitischen Exemplare „gegeben" 
hatten, daß aber die alten Handschriften und insbesondere die cbaJdäi- 



\ 




Eb. Nestle, Eine kleine Interpunktionsverschiedenheit etc. 345 

sehen d. h. nestorianischen „empfangen" als richtig bezeugten. Zwar 
erklärte Baethgen diese Lesart trotz der vom Herausgeber dafür an- 
geführten Zeugen fiir „Korrektur" (Jahrbücher fiir prot. Theol. 8, 447); 
aber W. E. Barnes in Cambridge bestätigt mir, daß seine (4) nestoriani- 
schen Handschriften „empfangen" haben und dazu eine Jakobitische 
(Laurent. Or. 58 in Florenz), die auch an einigen andern interessanten 
Stellen mit den nestorianischen stimme, daß dagegen 10 Jakobitische 
Handschriften (und eine nestorianische über Rasur) „gegeben" aufweisen. 
Es stehen sich also hier die beiden Zweige der syrischen Überiieferung 
so schroff als möglich gegenüber, und es muß erst noch untersucht 
werden, welcher das Ursprüngliche erhalten hat; jedenfalls darf nicht 
mehr wie es bisher geschah, rundweg behauptet werden, daü der Syrer 
mit Paulus gehe. In dem ganzen halben Jahrhundert, seit die Urmiabibel 
veröffentlicht wurde, habe ich ihre Lesart nur von Grill im Anhang zu 
der genannten Monographie angeführt gefunden, aber ohne eine Be- 
merkung über die Tragweite dieser Lesart. 

Maulbronn. £b. Nestle. 



Eine kleine Interpunktionsverschiedenfaeit im Martyrium des Polykarp. 

In c. 12, 2 des Martyriums des Polykarp haben bisher alle mir be- 
kannten Ausgaben geboten: Der Prokonsul schickte seinen Herold ^v 
Mkif) ToO cToötou KTipöSai Tpfc ' „TTo>ÖKapnoc i1jhoX6ttic€V Joutöv Xpicnavöv 
tivat". Der Apparat von Zahn merkt an rpic c. m EL: TpiTov b p v. 
Sein lateinischer Text lautet: tunc voce praeconis in arena media ter 
clamatum est: „Polycarpus Christianum se semper esse confessus est." 

Niemand wird daran Anstoß nehmen. Um so überraschender kommt 
es mir, daß Schwartz in der neuen Ausgabe der Kirchengeschichte des 
Euseb 4, ig, 25 (S. 346, 3f.) interpungiert: n^M^m Tt töv K*ipuKa Kol ^v 
M^c^i r^ ctabUi) Kr\pviax »Tplc TToXiiKaprioc ibpoXömcev teurftv Xpicnavöv 
Etvaic. Der Apparat belehrt, daß das mart. xm und Kodex R etvai 
auslasse; über die Interpunktion der Handschriften enthält er nichts. 
Der von Th. Mommsen fiir die Ausgabe bearbeitete lateinische Text 
Rufins lautet: misso igitur curione ad populum iubet voce maxima 
protestari Polycarpum tertio confessum Christianum se esse." Ificht 
angeführt ist von Schwartz, daß der von mir übersetzte SjTcr deutlich 
die Interpunktion hinter xpic hat. „Und er schickte den Herold, und 



34^ Eb. Neitle, Ein« kleine Intgp tmfciwwwrfyfiirrfmtwtr etc. — Zu Mt 28, tl 

er vericündete mitten im Stadion dreimal: Pdykarpas hat über sdi 
selbst gestanden, daß er ein Christ tsL"* 

Schwaitz hat au&er Rufins Übersetzung sicher noch andre Gtöxle 
zu dieser Änderung gehabt; mir sind solche uid>dcaiuit. Nach der ocja 
Interpunktion mlifite man schließen, daß die IVozeßordmizig- cm dreima&ges 
Geständnis des Angeklagten vorschrieb, nat^ der atten, daß «-in^ dra- 
malige Verkündigung des Geständnisses vorkam. In den von mir nadi- 
gesehenen Mäityrerakten finde ich Venirteihn^ auf eininaUges Gestaadni! 
hin (v^. die Märtyrer von Lyon) und omnalige Verlesung des Geständ- 
nisses und Urteils (z. B. im Mart>^um des I^onias). Ein Urtol w 
kundiger Seite wäre sicher erwünscht. 

Maulbronn. Eh. Nestle 



Zu Mt 28, 18. 

Wie nötig es ist, Tischendorfs Apparat nach der synscben KW 
zu ergänzen und zu berichtigen, kann Mt 28, 18 lehren. 

Bei Wettstein stand noch, daß der Syrer nach den Worten ,jnir 
ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden" aus Job zo, 21 biiun- 
füge „und wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch." Ba 
Bengel findet sich, daß diese Ergänzung auch beim Annenier und Feraa 
stehe. Bei Tischendorf findet sich von all dem keine Silbe. 

Die neue Ausgabe der syrischen Evangelien von Pusey-Gwilliam 
sagt dazu: Sectio n*i 425, quae a Codd. Gr. abest, in Syr. omnibus 
quos inspeximus continetur. Der Kanon 7 (»"Mt Joh), dem diese 
Sektion zugehört, der bei Tischendorf (in, 131) und Wordsworth- White 
nur 7 Nummern befaßt, hat bei Pusey-Gwilliam 16 (Mt 426 Sektionen 
itatt 355, Joh 271 statt 239). 

Ein Blick in den arabischen Tatian zeigt, — der Curetonsche und 
Sinai -Syrer fehlen leider, — daß dies auf das Diatessaron zurückgeht 
18S1 fehlte es noch bei Zahn (Forschungen I, 2i8f.). Für den griechi- 
schen Text hat der Zusatz keine Bedeutung, um so wichtiger ist er fiir 
die Beurteilung des Syrers. 

■ Die lyriurhen Worts miHÜ cnrionem et proteUtbmtur in medto stsdio kännta. 
beiläufig bemerkt, natürlich auch übersettt werden „er schickte den Herold and ver- 
kOndcte" (ohne Komma d. h. ohne Subjekts Wechsel); aber der Znsats „mitten in 
Stadium" lelgt, daß ein Subjekts Wechsel aniunchmen ist, bcKiehongsweise protestabator, 
knpOEat, wcDn auf den Trokonsn) betogen mit „liefi rerkOndeu" zu übersetacn ist. Die 
gleiche Ucileatung eines solchen Kommas ■. Joh 18, lä Oupujpi|i, KOi; vgL xneb 19, 13 
tAv 'Iricotiv, Kol iKdOictv. 



Eb, Nestle, Zu Mt 28, i3. — Marcos colobodacdlus. -~_- 

Ähnlich fehlt z. B. Act t8, 8 die Mitteilung, daß die Worte „Euer 
Blut sei auf eurem Kopf beim Syrer fehlen. Ähnlich an anderen Stellen. 
Maulbronn. Eb. Nestle. 



Marcus colobodactilus. 

Die Bezeichnung des Marcus als KoXoßobäxTuXoc ist in neuerer Zeit 
mehrfach besprochen worden; so beispielsweise von Hamack in dieser 
Zeitschrift 3, 164 — 166. Nach dem spanisch-arabischen Fragment, das 
Völlers und v. Dobschütz in Bd. 56 der ZdmG 640, 645 veroäfentUchten, 
war es der rechte Daumen, den er sich abhieb.' Was es mit dieser 
Selbstverstümmlung des früheren Leviten auf sich hat, weiß ich nicht; 
umsomehr möchte ich auf das Targum von Psalm 137, 4 verweisen, wo 
die Frage: „wie sollen wir des Herrn Lied singen im fremden Lande" 
durch die Bemerkung eingeleitet ist: TIDKl tVTD3n JirP^l'^K '«V^ lj»p T p 
„von der Hand bissen (hieben) die Leviten ihre Daumen ab 
mit ihren Zähnen und sagen: Wie sollten wir" usw. Der nächste 
Vers wird dort eingeleitet: „Es antwortet die Stimme des h. Geistes 
und spricht: Vergäße" usw. Die Wörterbücher (Levy, Jastrow) zitieren 
als Parallele Pesik. r. sect 31 : sie steckten die Daumen ihrer Hände in 
den Mund und bissen sie ab; Jalkut zur Stelle. 

Es ist schwer zu bezweifeln, daß ein Zusammenhang besteht zwischen 
dieser Legende von den Leviten, die nicht des Herrn Lied singen wollten 
im fremden Lande und sich deshalb die Daumen verstümmelten, und 
dem Leviten Markus, der nicht mit nach Kleinasien weiter ziehen wollte 
und sich den Daumen at^ehauen haben soll Ebenso schwer ist es 
aber diesen Zusammenhang zu erklären. Einfacher erklärt sich dagegen 
das Daumenabbeißen als Mittel gegen das Singen, wenn man sich der 
jüdischen Erzählung von jenem Leviten erinnert, die ich ii^endwo gelesen 
habe, der, wenn er seine Daumen in den Mund steckte und so mit den 
Händen einen Schallbecher bildete, im Tempel zu Jerusalem so laut 
schmetterte, daß man es bis nach Jericho hören konnte. Die Sache 
weiter zu verfo^en muß ich andern überlassen. 

Maulbronn. Eb. Nestle. 



I VoD älterer litcrmtnr notierte ich mir aqs Eliner p. 2n***: Qnod NemeitE in 
vemuenft Gedanken P. II p. 147 und Keysler itiner. p. 115 de Marco Mcer* 
dote pollicem sibi «bscindente adnoUnt, id in Hietonymi prologis, ni fftllor, omnibni 
legitur. 



348 £b. Nestle, Zum Namen der Essäer. 



Zum Namen der Essäer. 

Schürer sagt im Text des S lo seiner Geschichte des jüdischen 
Volkes (3 n, 559): „Wenn Philo behauptet, ihr Name sei identisch mit 
Sciot, so ist dies eben nur etymologische SpielereL In Wahrheit ist er 
jedenfalls semitischen Ursprungs." In der Anmerkung fiigt er nach 
Nennung der drei phUonischen Belegstellen (M II, 457, 459, 632) hinzu: 
,^ scheint mir sehr unwahrscheinlich, daU Philo bei diesen Erkläiungeti 
an das semitische chase gedacht hat (so Lucius 189). Vielmehr leitet 
er den Namen wiiklich von dem griechischen 6a6TT]c ab." Zu gunsten 
der Deutung von Lucius möchte ich auf Chrysostomus verweisen, der 
zur Erwähnung der Sicarier in Act 2r, (hom. 46 in Acta, Migne 60 
col. 324) sagt: die einen sagen, die Sicarier seien Räuber, die ihren 
Namen von ihren Schwertern hätten, cikiüv Xrron^viuv iiapä 'Pw^atoic 
oi bk Tfic MwSc aipfceujc xfic irap' "Eßpafcic. 

TpcTc T(ip tici TTop' aÜToic alpiccic al TCviKot, <I>apicaToi, ZabbouKnioi 
Kol 'Eccnvoi, ot Kai "Ocioi X^TOvrai (toOto -jAp ?cn tö 'Eccnvoi 6vo|ta), 
bxä TÖ ToO ßEou ceMv6v'oi qütoI bi xaX Ztxäpioi b\ä tö civai ZriXtuioL 

Da Chrysostomus nicht die bei Philo gebräuchliche Form tccflSbi, 
sondern die bei Josephus gewöhnlichere *Eccr|vol gebraucht, wird sdne 
Mitteilung nicht auf Philo zurückgehen; und da er des Semitischen wohl 
kundig ist, muß nach seinem Wortlaut um so mehr angenommen werden, 
da& er mit öcioi eine Übersetzung geben will, also an l^Q, KVn 
denkt; dann wird diese Annahme aber auch für Philo wahrscheinlicher. 
Ob diese Etymologie freilich die richtige ist, oder die bei Schürer nicht 
erwähnte, auf dem Hambutger OrientalistenkongreQ 1902 aufs neue auf- 
gestellte, „die Schweigenden" kann ich dahingestellt sein lassen. Die 
Sicarier mit ihnen in Verbindung zu bringen, ist natürlich ein unglück- 
licher Einfall, dessen Urheber ich nicht kenne. Eine etymologische Er- 
klärung soll das btä TÖ Eivat Zr)XuiTaE wohl nicht abgeben, wie XtKdpioi 
jicBuCTaf in den Onomastica vaticana bei Lagarde, OS. 198, 49 und bei 
Hieronymus: Sicariorum ebriosorum (ebenda 71,21). Wie Chrysostomus, 
auch Oecomenius (Migne n8, 268): oötoi töv ßiov cc^vÖTCpov dacoGa, 
(piXdXXiiXoi SvTEC Kai ^TKpaTEic' t>iö xai 'Ecciivoi TTpocOTOpcüovrai, fj-fouv 
öcioi * äXXot bk aÖToOc Zixapfouc ^KdXecav, fi-jouv trikvjr&c. Ebenso Theo- 
phylakt (Migne 125, 192). 

Maulbronn. £b. Nestle. 



Eb.Nestle, Zur Berechnung d. Geburtstags Jesu bei Clemens Alexamdrinus. 349 

Zur Berechnung des Geburtstags Jesu bei Clemens Alexandrmus. 

Zu der mannigfach erörterten Stelle Strom. 1,21, in der Clemens 
sagt, dali von der Geburt des Herrn bis zum Tod des Commodus im 
ganzen 194 Jahre l Monat 13 Tage verflossen seien, findet sich eine 
wertvolle Beobachtung an einem Ort, der leicht übersehen werden konnte, 
daher erlaube ich mir darauf hinzuweisen. In der zwaten der „Unter- 
suchungen über die Zeitrechnung der Germanen" von Gustav Büfinger, 
welche ,J)as germanische Julfest" behandelt (Programm des Eberhard- 
Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart, 1901, 132 S. 4**), handelt der erste 
Abschnitt von der Feier des 6. Januar, der zweite von der des 25. De- 
zember. Die Rechnung des Clemens fuhrt auf den 18. November. Bilfinger 
erinnert nun daran, daß von Epiphanius die Taufe Jesu auf den 12. Athyr 
d.h. den 8. November angesetzt werde, und sagt: „Man kann also fast 
mit Sicherheit schlie&en, daß statt 13 vielmehr 33 zu lesen ist, daß also 
zur Zeit des Qemens so gerechnet wurde, daß man die leibliche Geburt 
Christi seiner Taufe genau um 30 Jahre vorausgehen ließ und beide Er- 
eignisse auf denselben Kalendertag setzte." Es ist natürlich ebensogut 
möglich, daß bei Clemens ein Rechenfehler nicht ein nachträglicher 
Schreibfehler vorliegt; das aber, glaube ich, geht aus diesem nahen Zu- 
sammentreffen mit Bestimmtheit hervor, daß schon Qemens das von 
E{)iphanius erwähnte Datum des 12. Athyr im Auge hat 

Zugleich sei angeführt, daß in dieser Abhandlung der erste ein- 
gehende Versuch vorliegt, nachzuweisen, warum die Taufe Jesu auf den 
6. Januar = 11. Tybi (Qemens a. a. O., Epiphanius Haer. 51— Geburt 
Jesu) angesetzt wurde. Der 11. Tybi fällt genau 15, der 12. Athyr genau 
17 ägyptische Monate vor den 29, Phamenot — 25. Mäiz, den Todes- 
tag Jesu. 

Endlich ist zur Erörterung der Stelle in Lagarde's Mitteilungen 4, 
264fr. und zu Nilles Kalendarium 2, 696 zu bemerken, daß dort die 
ägyptischen und lateinischen Monatsdaten in ein anderes Verhältnis zu 
einander gebracht sind als bei Epiphanius und Bilfinger. 

Maulbronn. £b. Nestle. 

Zur Versuchung Jesu. 

„TTdXiv napaXaMßdivei uötöv ö öiäßoXoc etc 6poc £iipr]X6v Xiav xal 
belKvuciv aOrt^ ndcac Täc ßactXeiac toC köcmou koi tt)v Ö6£av aörüpv, 
Ktti efitcv aÖTiji ■ TaöTÖ coi TnSvra lnücu), läv ttecUpv ttpockuviiojc (ioi." Ev. 
Mt4,8f. vgl. Lc4, 5fr. 



350 H. Willrich. Zur Veranchnng Jesu. — Eb. XesMe, Za S. a6o (ds.Bd s.) 

Es scheint nicht bemerkt zu sein, dafi hier eine Variante eines 
älteren persischen L^^denmotivs vorUegt. Fol>'bios (ed Hultsch &gt 
90 ; ed. Dindorf frgt 49} erzählt, der Name Kappadolden werde auf einen 
Perser zurückgefilhrt, der auf der Jagd sdnen König vor einem Löwen 
rett e te, „oJWoc oOv 6 TTfpcnc ^irf ttvoc Apouc {nfrriXoTitrou dvaßäc vai 
mScov T^v fi\v mptCKOin'lcac Sa]V Ö<pOaX^öc dvdpümrvoc ttep^X^itci uni 
dvoToXäc Uli bucpdc dpioov te kqI Mccimßptev {xopcdv inzpd toü ßoo- 
X£uic irdcov EOiTiqiE.*' Als „äpxmv toO k6c)iou" ist der Teufel an die 
Ste&e des Perserfcönigs getreten. 

Göttingen. Hugo Willrich. 



Zu S. a6o (dieses Bandes). 

Herr Alfred Schmidtke bittet mich, die Anmerkung 1 S. 260 ni 
tilgen, in der ich es als einen groben Fehler sdner Ausgabe bezeichnete. 
daß ihr an zweifelhaften Stellen über titerpunktion und Accentuaticm 
nichts zu entnehmen seL Da er die der Pariser Hiandschrift zu Grunde 
liegende Unnale herzustellen gesucht habe, habe er von diesen Dingen 
abzusehen gehabt. Das erstere ist richtig, hätte aber eine Mitteilung 
wie ich sie wünschte, nicht ausschließen müssen. Übrigens verweise ich 
gerne auf die Selbstanzeige der Ausgabe, welche das Theologische 
Literaturblatt in No. 27 als Erzgänzung zu meiner Besprechung in 
No. XX gebracht hat. 

Maulbronn. Eb. Nestle. 



Bruchstäcke von zwei griechisch-koptischen Handschriften 
des Neuen Testaments. 

Unter den koptischen Pergamenten der Königlichen Museen zu 
Berlin befinden sich Bruchstücke von zwei griechisch-koptischen Bibel- 
handschriften, die für die Erforscher der neutestamentlichen Text- 
gescbichte nicht ohne Interesse sein werden. 

Das eine Fragment (P. 8771; zweispaltig; die Spalte hatte etwa 
30 Zeilen, die Zeile etwa 10 Buchstaben; frühestens neuntes Jahr- 



J. Leipoldt, Bruchstücke etc. 351 



hundert) * scheint aus einer Perikopensammlung zu stammen. Es enthält 
Bruchstücke des Abschnitts Luk 12, 4 — 12, zuerst griechisch, dann 
sa'idisch. Der Anfang des koptischen Textes ist durch eine rot gemalte 
Überschrift „Ebenso (6po(uic), seine Übersetzung", hervoi^ehoben, auOer- 
dem durch einen großen, in mehreren Farben ausgeführte« Initialbuch- 
staben. Beide Texte zeigen dieselbe UnzialschrifL Der griechische 
Abschnitt deckt sich, soweit er noch vorhanden ist, genau mit dem 
Wortlaute der Nesdeschen Ausgabe; der sa'idische stimmt mit dem von 
Woide, Appendix S. 51 f. veröfienüichten Texte fast bis auf den Buch- 
staben überein. 

Wertvoller ist ein Fetzen (P. 9108) aus einer ebenfalls zwei- 
spaltigen Handschrift (sechstes oder siebentes Jahrhundert; Zahl der 
Zeilen einer Spalte nicht mehr zu ermitteln; die Zeile hat etwa 
15 Buchstaben), deren linke Kolumne den Text in dem Dialekte des 
Faijüm bot, während die rechte den entsprechenden griechischen Text 
enthielt Leider ist das Bruchstück sehr klein: auf der Vorderseite steht 
Mt 13, 10 f. faiiümisch Änoxpiedc V. 11), auf der Rückseite Mt 13, 20 f. 
t[& Trerptü&ii bis TTp6c[Kaipoc griechisch Oaüröv V. 20), in derselben 
Unzialschrift wie der koptische Text. Die Bedeutung des Fragmentes 
beruht zunächst darauf, dail nur eine sehr geringe Anzahl faiiümischer 
Bibeltexte erhalten ist So ist jedes neue Stück von Wert, mag es 
noch 30 klein sein. Zweitens pbt uns unser faiiümisch-griechisches 
Bruchstück willkommenen Aufschluß über die gottesdienstliche Sprache 
im Faiiüm. Es ist sicher, daß in dieser Landschalt die nationalen 
Ägypter stark in der Minderheit waren. Es mußte selbst der Umstand 
auffallend erscheinen, daß hier überhaupt eine koptische Bibelübersetzung 
entstand. Unsere Handschrift berechtigt nun iti der Tat zu dem Schlüsse, 
daß mindestens in einem Teile der faiiümisch-koptischen Gemeinden, 
vielleicht sogar in fast allen*, koptisch und griechisch Gottesdienst ge- 
halten wurde. 

Berlin. J. Leipoldt. 



t Die Angaben Gber du Alter der HondccIiTiften verdanke ich Herrn Dr. Sclinbvt. 

■ Dieser SchlnA ist möglicli, da nur ganz wenige ausichlie&Ucli fiüidmitcbe Bibel* 
Handschriften bekannt sind. Dagegen darf man aus der Existens saldisch-griechischer 
Bibelhandschriften schwerlich ein ähnliches folgern; denn diesen steht eine erdrückende 
Masse ausschließlich saldischer Bibelhandschriften (und du Zeugnis koptischer Schrift- 
steller] entgegen. 



252 Preuschen, Eine Tridentiner Bibelhandschrift. 

Eine Tridentiner Bibelhandschrift. 
Durch die Freundlichkeit des Verfassers, des P. Bdichael Hetzenatier 
in Innsbruck, ist mir ein Aufsatz in der icatholischen Kircbenieitung, vor- 
mals Satzburger Kirchenblatt, 1903, Nr. 83, vom 23. Okt. zug^angeo, 
in dem auf die in der Tridentiner Stadtbibliothek als Codex Bassetti 
Nr. 2868 mss. befindliche Handschrift der Vulgata hingewiesen ist Die 
Handschrift stammt aus dem Jahre 1365, ist mit Miniaturen geschmückt 
und dadurch merkwürdig, daß sie wahrscheinlich den auf dem Triden- 
tiner Konzil citierten Btbelstellen zu Grunde gelegt ist. Ich benutze diese 
Gelegenheit, dem Verfasser des obengenannten Aufsatzes meinen Dank 
dadurch auszusprechen, dafi ich auf die Handschrift und ihre Beschreibung 
s. a. O. hinweise. £. P. 



Preisfragen der Haager „Gesellschaft zur Verteidigung der 
christlichen Religion". 

L tu beantworten vor dem 15. Desember 1904: „Ict konseqnenter Antisapnnitnrv 
liimni m&glich, ohne in Nfttnraliimai tu Tcrfallen?" 

IL 1« beantworten vor dem 15. Detember 1905, wieder die Fnge, mit Ändemic 
Im (weiten Teil: „Anf welche Gr&nde hin nimmt man an, daß wir in den Evangelini 
keine suverliiiige Beschreibung von Jeioa' Fredigt nnd Leben haben? Welchen EindnC 
maß die Aneiltennong haben auf die ReligioniverküDdigung nnd deren Unterricbt?^ 

Die Arbeiten mQsten in hoU&ndischer, lateiniicher, dentscher oder franiötiscbu 
Sprache, jedoch immer mit lateinischer Schrift nnd detttlich geschriebeo, nicht 
unterreicbnet, aber veraeben mit einem Motto (das auch ein beigefügtes veniegelt«) 
Billel tr&gt, worin Name und Wohnort des Verfuaen angegeben sind) vor dem fest- 
gesetsten Datum, portofrei eintrefTen bei dem Sekretär der Gesc^chaft Pfarrer Dr. theol 
11. P. Berlage, Amsterdam. 

Der Preis ist 400 Gulden. 



It. un- 




3 t_\D5_ 007 B7.2_4_M7. 



JUN t986 



Stanford University ULrary 

Stanford, California 



In Order thal «tbcrs mar "c tl^* Ixxil'i plp*#9 
rrtom il a« aoon a* pa**iblc, bal nol later Üun, 

tbe dato ducr